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Freitag, 14. Oktober 2011

Britta Jürgs - Bücherfrau 2011
Aviva Verlag 
Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse (12. bis 16. Oktober ‘11) luden die Bücherfrauen zur Ehrung der Bücherfrau des Jahres 2011. Gastgeberin war Karina Schmidt, Vorsitzende der Bücherfrauen - das Netzwerk von Frauen für Frauen aus allen Bereichen der Buchbranch. Sie konnte ein erfreulich großes Publikum begrüßen, unter das sich tatsächlich auch unfällig einige wenige Männer verirrt hatten. Die Buchbranche ist weiblich und kaum wird es deutlicher als bei diesem Ereignis. Dennoch sind eindeutig zu wenige Frauen in Führungspositionen und selbst dann sind sie zu wenig sichtbar, zu wenig laut und zu wenig gefeiert. Umso wichtiger sind Auszeichnungen wie diese, die 2011 an Britta Jürgs für ihre verlegerische Tätigkeit und ihr frauenspezifisches Engagement verliehen wurde.
Die Laudatio hielt Esther Dischereit. Eloquent spannte sie den Bogen von Autorinnenwunsch über Verlergerinnennotwendigkeit zum frauenspezifischen Stand der Dinge, der im besonderen Maße mehr als nur wirtschaftlichen Zwängen unterworfen ist.
Der Avia Verlag in Ebensolch Rez-E-zine: Schwarze Hunde. Bunte Hunde: Künstlerinnen und Schriftstellerinnen und ihre Hunde
- Rezension
© S. Strohschneider-Laue
Siehe auch die Studie zu Frauen in der Buchbranche:
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
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Montag, 27. Juni 2011

Doris Hansmann
Künstlerkolonie Worpswede
Prestel 2011, 142 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4523 9
Künstlerkolonie Worpswede
“Ich fand ein höchst originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck machte; der hügelige, sandige Boden im Dorfe selbst, die großen bemoosten Strohdächer und nach allen Seiten (so weit man sehen konnte), alles so weit und groß, wie am Meer.”
Dies vertraut Otto Moderson am 3. Juli 1889 kurz nach der Ankunft in Worpswede seinem Tagebuch an. Er war dem Ruf seines Freundes Fritz Mackensen gefolgt, der als erster die Schönheit der Landschaft um den abgelegenen kleinen Ort im Teufelsmoor entdeckt hatte. Wenig später reist auch Hans am Ende an und damit ist das Trio der Gründerväter der Künstlerkolonie Worpswede komplett. Ihren Vorbildern - den Malern der Schule von Barbizon - nacheifernd, zieht es die jungen Künstler ins Freie. Enthusiastisch malen sie Moorkaten, Wolkenstimmungen, Birkenalleen, Wasserläufe und den weiten Horizont des flachen Landes. Bald gesellen sich der Landschaftsmaler Fritz Overbeck und der dem Jugendstil zugeneigte Heinrich Vogeler zu ihnen. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, schon 1895 gelingt den Malern mit ihrer Ausstellung im Münchner Glaspalast der künstlerische Durchbruch. Das verwundert wenig, denn die Bilder der in ihrem Habitus standesgemäß bürgerlichen Künstler geben sich modern, ohne radikal zu sein. Avantgardistische Positionen halten erst mit den Frauen, allen voran Paula Becker, Einzug in Worpswede.
Doris Hansmann erzählt in ihrem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” gekonnt von Entstehung und Schicksal der kleinen Gemeinschaft aus Künstlern und Künstlerinnen, deren Werk noch heute zu bezaubern vermag. Dabei menschelt es ganz gewaltig - Paare finden zueinander und trennen sich wieder, illustre Gäste kommen zu Besuch, Freundschaften zerbrechen und Karrieren erblühen. Die Geschichte der Künstlerkolonie ist geprägt von Freundschaft und Liebe, Eheglück und Beziehungskrisen, gemeinsamen Unternehmungen und heller Lebensfreude, künstlerischen Erfolgserlebnissen und Experimenten, Konkurrenzdenken und beleidigten männlichen Egos, weiblicher Resignation und persönlichen Tragödien. Zahlreiche Zitate vermitteln im Originalton die Aufbruchsstimmung und Befindlichkeiten der KünstlerInnen, die darüber hinaus durch eine Auswahl historischer Fotografien präsent sind. Ihre wichtigsten Lebensdaten sind in tabellarischen Kurzbiografien am Ende des Buches zusammengefasst.
Die umfassende, hervorragend mit Beispielen illustrierte Werkanalyse wirft Licht auf die stilistische Vielfalt in der Künstlerkolonie und stellt das erstaunlich reichhaltige Motivspektrum vor. Dessen Bandbreite reicht von Darstellungen der von den Narben des Torfstichs geprägten Landschaft mit ihren Moorkaten, Torfkähnen und atmosphärischen Farbspielen über Ansichten des Dorfes und der Wohnstätten der KünstlerInnen bis zu Porträts und Akten. Als Modelle dienten den MalerInnen unter anderem Angehörige der bäuerlichen Familien und Alte aus dem Armenhaus, deren Lebenswelten von der Autorin einfühlsam geschildert werden. Darüber hinaus griffen die Worpsweder Kreativen, allen voran Vogeler und Moderson, vereinzelt auch Themen aus der Märchenwelt auf.
Mit dem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” ist ein exzellenter Überblick zu Leben und Arbeiten in der berühmtesten Künstlerkolonie Deutschlands gelungen. Sein flott geschriebener Text steht in einem ausgewogenen Verhältnis zu der abwechslungsreichen Bebilderung und die ausgewählten Arbeiten von Otto Moderson, Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler, Hans am Ende, Fritz Overbeck, Carl Vinnen, Paula Moderson-Becker, Ottilie Reylaender, Clara Rilke-Westhoff, Marie Bock und Hermine Overbeck-Rohte sind ein überraschend opulenter Augenschmaus.
© Ch. Ranseder
Künstlerkolonie Worpswede
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Montag, 20. Juni 2011

Amazonen
Das Brustkrebs-Projekt von Uta Melle
Kehrer 2011, 128 S., zahlr. Fotos.
ISBN 978 3 8682 8209 2
Amazonen - Das Brustkrebsprojekt von Uta Melle
Brustkrebs ist weiblich - das Risiko für Männer liegt “nur” bei 1:100. Brustkrebs ist mit fast 30% die häufigste Krebserkrankung. Brustkrebs tötet mehr Frauen als jede andere Krebsart und bei Brustkrebs kommt mehr als der Kampf ums nackte Überleben hinzu.
Die Diagnose Brustkrebs ist niederschmetternd und sie war viel zu lange ein Tabu. Ein Tabu, das erst in den letzen Jahren durch Gesundheitskampagnen an Bedeutung verliert. Es ist für betroffene Frauen wichtig zu sagen: Wir kämpfen, wir leben, wir sind schön, wir sind verletzlich - obwohl wir stark sind - und wir sehen dem Tod ins Gesicht. Es darf nicht sein, dass das Umfeld erst am Fehlen der Haare merkt, dass Frauen um ihre Würde ringen und ihr Leben kämpfen.
Als Uta Melle an Brustkrebs erkrankte, nahm sie 2009 mit einem aufsehenerregenden Fotoshooting von Jackie Hardt Abschied von ihren Brüsten. Mit weiteren Frauen, die ebenfalls durch die Brustkrebshölle gingen, tritt sie im Frühjahr 2010 auch vor die Kamera von Esther Haase. Vorliegender Band versammelt die einzigartigen Fotos dieser Shootings. Die Texte von Sophie Albers und Beate Wedekind fangen dazu den O-Ton der Protagonistinnen und persönliche Eindrücke ein. Nadine Barth (Herausgeberin) und Julia Wagner (Art Direktorin) schufen aus der harten Realität einen ebenso harmonischen wie fantastischen Band.
Die Fotos von Jackie Hardt und Esther Haase zeigen starke, schöne, fröhliche, verletzliche und beispielgebende Frauen: facettenreiche Amazonen in Farbe und kontraststarke Aktivistinnen in Schwarz-Weiß.
Eine der Amazonen ist Mareike. Sie bringt es auf den Punkt: “Bilder sagen mehr als 1.000 Worte.”
Insbesondere das Foto von Ursula, jene Amazone, die den Kampf gegen den Krebs im Dezember 2010 mit ihrem Leben bezahlte.
© S. Strohschneider-Laue
Amazonen - Das Brustkrebsprojekt von Uta Melle
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Donnerstag, 09. Juni 2011

Anton Holzer, Frauke Kreutler (Hgg.)
Trude Fleischmann
Der selbstbewusste Blick | A Self-Assured Eye
Hatje Cantz 2011, Dt./Engl., 199 S., zahlr. Sw-Fotos.
ISBN 978 3 7757 2780 8
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick
Trude Fleischmann (1895-1990) hatte ein Atelier in Wien, das von 1920 bis zu Ihrer Flucht 1938 ein kultureller Treffpunkt war. Porträts, Tanz, Mode und Werbung, aber auch Reisemotive standen im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Die rasche Umwegrentabilität von Promifotos und Skandalbildern, die Bekanntheitsgrad steigern und Business ankurbeln, ist heute hinlänglich bekannt. Damals wurde ähnlich gearbeitet, aber zumeist nicht mit ganz so schnellem Effekt. Die Aktfotografien der Tänzerin Claire Bauroff, die erst durch die polizeiliche Beschlagnahmung in Berlin sprunghaft an Bekanntheitsgrad gewannen, verhalfen jedenfalls beiden Frauen zu nachhaltigem Erfolg. Das Wien Museum kaufte bereits 1936 Fotografien aus ihrer Atelier für die Sammlung an.
Nach dem Anschluss Österreichs beantragte Trude Fleischmann ein Ausreisevisum. Sie wurde enteignet und verließ mit nur wenig persönlicher Habe 1938 Wien. Sie emigrierte in die USA, wo es Ihr gelang eine neue Existenz in New York aufzubauen. Trude Fleischmann hatte Glück im Unglück - nicht allen Wiener Fotografinnen jüdischer Herkunft war dasselbe Schicksal beschieden.
Die Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum hat über diese hinaus Bestand. Zweisprachig abgefasst, zeigt es überwiegend im Bestand des Museums befindliche Fotografien. Es gab sie auch schon zu dieser Zeit: Frauen hinter der Kamera und mit eigenem Studio. Schön, dass einer dieser - überraschend zahlreichen - Atelierfotografin eine Ausstellung und ein Katalog gewidmet wurde. Fotografinnen aus der Zwischenkriegszeit, deren Werke im Katalog abgebildet sind - Edith Barakovich, Marianne Bergler, Stephanie Brandl, Papa Feldscharek, Trude Geiringer, Edith Glogau, Kitty Hoffmann, Dora Horowitz, Dora Philippine Kallmus, Hella Katz und Grete Kolliner -, werden ebenfalls mit biografischen Notizen gewürdigt. Beiträge von Astrid Mahler, Frauke Kreutler, Anton Holzer, Marion Krammer, Heike Herrberg informieren über Leben und Werk von Trude Fleischmann sowie fotografisches und kulturelles Umfeld jener Zeit.
Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet den exzellenten Katalog ab. Eine gelungene, da ebenso gut gegliederte wie flüssig abgefasste, Pflichtlektüre zur Fotografie, Zeitgeschichte und Frauenforschung. Dass das Gesamtlayout die Fotografien stimmig begleitet und ein harmonischen Gesamteindruck erzeugt, ist ein zusätzlicher Bonus.
© S. Strohschneider-Laue
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick
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Montag, 16. Mai 2011

Weltreisende
Ida Pfeiffer

Auf dem Wiener Zentralfriedhof befindet sich das Ehrengrab von Ida Pfeiffer. Sie wurde 1797 in Wien geboren und durch ihren Vater mehr intellektuell gefördert, als es der Mutter lieb war. Nach dem Tod des Vaters bereitete die realistisch denkende Mutter die kleine Ida auf das typische Frauenschicksal jener Zeit vor: ordentliche Hausfrau, treue Gattin, fürsorgliche Mutter. Aber Idas Ehe scheiterte, die zwei Söhne zog sie alleine auf. Mit 45 Jahren war sie endlich frei, frei ihre erste lang ersehnte Reise anzutreten. Es folgten 16 ebenso entbehrungsreiche wie abenteuerliche - aber sicher auch geistig erfüllte - Jahre für Ida Pfeiffer. Sie reiste, forschte, sammelte, schrieb Bücher und pflegte Kontakte zu führenden Wissenschaftern. 1858 starb sie völlig geschwächt, nachdem sie von Madagaskar zurück nach Wien gekommen war.
Ida Pfeiffer vollbrachte zu einer Zeit als Frauen gar nichts zugebilligt wurde mehr als ihre Zeitgenossen. Sie reiste und sammelte ethnografische und naturkundliche Objekte ohne jene generösen Förderungen - selbst Konservierungsmaterialien wurden abgelehnt -, die Männern mit geringeren Potenzial und großem Eigenkapital oft unbeantragt zuteil wurden. Viele Museen, darunter das Naturhistorische Museum und das Museum für Völkerkunde in Wien, verdanken ihr tausende Objekte.

Und ich frage mich:
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten genutzt, dass es heute veschiedene Arten - Palaemon idae (Garnele), Myronides pfeifferae (Stabheuschrecke), Vaginula idae (Schnecke), Rana idae (Frosch) - nach ihr benannt sind?
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten gebracht, dass ihr Leichnam auf massives Drängen des “Vereins für erweiterte Frauenbildung” vom Friedhof St. Marx in eines der Ehrengräber, die nur dazu dienten Wienern den entlegenen Friedhof schmackhaft zu machen, umgebettet wurde?
Gibt es Hoffnung, dass jemals angemessen nach tatsächlicher Leistung, aber nicht nach politischen und persönlichen Kriterien gefördert wird?
© S. Strohschneider-Laue
siehe dazu auch:
Eine Wiener Biedermeierdame erobert die Welt: Die Lebensgeschichte der Ida Pfeiffer (1797 - 1858)
Eine Frau fährt um die Welt: Die Reise 1846 nach Südamerika, China, Ostindien, Persien und Kleinasien
Verschwörung im Regenwald: Die Reise nach Madagaskar
Abenteuer Inselwelt - Die Reise 1851 durch Borneo, Sumatra und Java
Nordlandfahrt: Eine Reise nach Skandinavien und Island im Jahre 1845
Ida Pfeiffer: “Wir leben nach Matrosenweise”: Briefe einer Weltreisenden des 19. Jahrhunderts
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Donnerstag, 28. April 2011

Beate Neubauer
Schönheit, Grazie und Geist
Die Frauen der Familie Humboldt
edition ebersbach 2010², 144 S., 6 Sw-Abb.
ISBN 978 3 9387 4039 2
Schönheit, Grazie und Geist
Lebensgeschichten von Frauen werden gerne im Kombipack angeboten. In Sammelbänden über Literatinnen, Entdeckerinnen, Gärtnerinnen oder Malerinnen geben sich die, vorzugsweise Kreativen, Pionierinnen ein Stelldichein. In dem hübschen Buch “Schönheit, Grazie und Geist. Die Frauen der Familie Humboldt” sind es adelige Damen mit berühmten Namen, die ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt werden. Beate Neubauer folgt den Lebensläufen von fünf Frauen der kinderreichen Familie Humboldt, die über vier Generationen das Schicksal der Dynastie mitbestimmten.
Die Erfolgsgeschichte beginnt mit Marie Elisabeth (1741-1796), der Strategin. Die reiche Bürgerstochter heiratet 18-jährig in den Adel ein. Nach dem Tod des ersten Mannes ehelicht die gutsituierte Witwe 1766 den, noch sehr jungem Adel entstammenden, Alexander Georg von Humboldt, der gute Verbindungen zum Hof in die Beziehung einbringt. Durch die Vereinigung beider Vermögen finanziell unabhängig geworden, lassen die Eltern ihren Söhnen, den später berühmten Alexander und Wilhelm, eine umfassende Bildung angedeihen, um sie für den Staats- und Hofdienst Preußens vorzubereiten.
Caroline (1766-1829), die Lebenslustige, lernt Wilhelm kennen und lieben. Sie ist der Star des Buches. Lebte sie heute, würde sie als Vertreterin des Jetsets der Yellow Press vermutlich viel Freude bereiten. Im Geist der Aufklärung erzogen und für die Literatur des Sturm und Drang entbrannt, begegnet sie ihrem späteren Ehemann auf gleicher Augenhöhe. Durch Wilhelms Erbe finanziell abgesichert, widmen sich die Eltern von acht Kindern der Persönlichkeitsbildung. Die junge Familie und ihre Dienerschaft ist viel unterwegs und lebt lange im Ausland. Aus beruflichen Gründen ist Wilhelm oft jahrelang von seiner Frau getrennt und bleibt ihr dennoch innig verbunden. Die emotionale, extrovertierte Caroline führt in Rom, Paris und Wien einen Salon und glänzt als Gastgeberin. Auch als Kunstkennerin vermag sie sich zu etablieren.
Ihre Tochter Adelheid (1800-1859), die Managerin, erbt Carolines Organisationstalent. Resolut und praktisch veranlagt, zeigt sie früh Interesse an Haushaltsführung. Das ist ein Glück, denn sie wird bereits mit 14 Jahren verheiratet. Ihr Leben verläuft in konventionellen Bahnen. Sie managt nicht nur das Personal ihres eigenen Haushalts, sondern auch das der Mutter auf Schloss Tegel, wenn diese abwesend ist. Selbst kinderlos, kümmert sie sich zeitweise sogar um das Wohlergehen der Sprösslinge ihrer Schwester Gabriele.
Gabriele (1802-1887), die Diplomatengattin, konzentriert sich als Ehefrau Heinrich von Bülows, den sie mit 19 Jahren heiratet, auf ihre Repräsentationspflichten. Die Mutter von sieben Kindern erweist sich als versierte Gastgeberin und ist, dank hervorragender Kenntnisse der Etikette und ihrer Nähe zum Hof, als Beraterin in gesellschaftlichen Belangen gefragt.
Deren Tochter Constance (1832-1920), die anpassungsfähige Introvertierte, gilt als Schönheit. Sie wirkt kühl, gefühlsbeherrscht und ist überaus lernfähig. Als brave Ehefrau und Mutter von drei Kindern führt sie ein konventionelles, auf die Familie und ihre hofnahen Freundschaften ausgerichtetes Leben. Mit 35 ist Constance Witwe, finanziell unabhängig, und nach dem Tod ihrer Mutter auch Herrin auf Schloss Tegel. Die letzte der Geschwister Bülow und Bewahrerin des Humboldt´schen Erbes stirbt 1920, am Ende einer Ära.
Das Buch “Schönheit, Grazie und Geist”, dessen zeitlicher Rahmen sich von der Aufklärung bis zum Ende der Vorherrschaft des Adels nach dem Ersten Weltkrieg spannt, zeigt den Stellenwert von Töchtern in der Familienpolitik. Durch Heiraten werden nicht nur Vermögen und Besitz vermehrt, sondern auch Netzwerke aufgebaut, die dem gesellschaftlichen Aufstieg dienlich sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Was das Buch interessant macht, ist der lange Beobachtungszeitraum weiblichen Schaltens und Waltens. Denn die unterschiedlichen Lebensentwürfe der fünf Frauen spiegeln die gesellschaftlichen Werte einer privilegierten Klasse im Wandel der Zeiten. Schwerpunkte und Interessen verschieben sich von Generation zu Generation - weg vom Bildungshunger, hin zur Beschäftigung mit sich selbst und dem gesellschaftlichen Leben im Umkreis des preußischen Hofes.
Mit flinker Feder beschreibt Beate Neubauer beschauliche Phasen sowie Höhe- und Tiefpunkte im Leben der porträtierten Frauen, die durch Zitate aus ihrem umfangreichen Briefwechsel auch selbst zu Wort kommen. Ein Stammbaum rundet das, mittlerweile in seiner zweiten Auflage vorliegende, Buch über die Frauen der Familie Humboldt ab.
© Ch. Ranseder
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Montag, 25. Oktober 2010

BücherFrauen e.V. (Hg.)
MehrWert.
Arbeiten in der Buchbranche heute
Ulrike Helmer 2010, 125 S., Sw-Fotos, zahlr. Tab.
ISBN 978 3 8974 1310 8
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
Frauen halten die Buchbranche am Leben. Gingen alle Frauen, die mit der Buchproduktion und dem -vertrieb zu tun haben, in unbefristeten Streik, wären vorerst das letzte Buch produziert und Buchhandlungen geschlossen.
Das große deutsche Netzwerk Bücherfrauen hat anlässlich ihres 20jährigen Bestehens eine Studie bei Romy Fröhlich (Universität München) in Auftrag geben. Der Anteil der Frauen rundum das Produkt “Buch” und deren Arbeitssituation standen bei dieser Studie im Mittelpunkt. Die Präsentation der Studie und der Publikation erfolgten mit ausgewählten Beispielen und daraus gezogenen, beklemmenden Erkenntnissen während der Frankfurter Buchmesse 2010.
Neun Autorinnen zeichnen inhaltlich verantwortlich: Irmela Erckenbrecht, Romy Fröhlich, Judith Grubel, Doris Hermanns, Hannelore Jouly, Karen Nölle, Tamara Weise, Silke Weniger und Edda Ziegler. Wenn man sich anschließend die Namen der Projektgruppe, Schlusskorrektur und Herstellung durchliest, weiß man, dass, wenn es die Fotografen nicht gegeben hätte, Männer für vorliegende Publikation vermutlich nur in den “mechanischen Bereichen thätig” waren.
Den Auftakt des Bandes bietet einen historischen Rückblick auf die Buchbranche und ihr Verhältnis zu Frauen. Die unglaubliche Verachtung, denen Frauen abseits ihrer Gebärfunktionen ausgesetzt waren, wird auch im Buchwesen deutlich. Über Jahrhunderte wurde Frauen der Zutritt zur Bildung verwehrt. Lesende, gebildete Frauen könnten zu einer Bedrohung der Männer und ihrer Domänen werden. Im Nachhinein betrachtet stimmt es. Denn auch im Buchwesen überflügelten Frauen ihre männlichen Zeitgenossen, wenn man(n) sie ungehindert ließe. Um das Ver- und Behindern von selbstständigen Frauen ist es seit jeher und mit allen Mitteln gegangen.
Wie es um die Geschlechterverteilung der Büchermenschen und deren Situation in Deutschland bestellt ist, zeigt die aktuelle Studie. Nicht einmal die bis heute klaffenden Lohn- und Karrierescheren zwischen männlichen und weiblichen Angestellten, hindert Frauen daran den Medienbereich als Traumberuf zu erobern. Mit bis zu 83% ist die Buchbranche heutzutage hoch feminisiert. Dass es dabei trotz akademischer Ausbildung und Kinderlosigkeit - Doppelbelastung und Karrierebrüche sind widerlegte Argumente - für Frauen schlechter als für ihre oft geringer ausgebildeten männlichen Kollegen aussieht, ist eine heftige Erkenntnis. Frauen müssen unabhängig von allen Faktoren mit einem Minus von bis zu 36% am Gehaltszettel rechnen. Das verstört ebenso nachhaltig wie die Erkenntnis, dass höherwertige Ausbildungen und Elternschaft nur Männern einen finanziellen Vorteil bringen können. Frauen schneiden dafür bei Gehaltsverhandlungen besser ab als Männer. Meines Erachtens ist das kein Wunder. Der große Spielraum den Arbeitgeber haben, einer Arbeitnehmerin nach ihrer erfolgreichen Gehaltsverhandlung noch immer weniger zu zahlen als einem männlichen Arbeitnehmer, entlarvt jede Verhandlung als Posse.
Die Situationsanlysen zu Urheberinnen, Übersetzerinnen und Illustratorinnen zeigen, dass diese oft ein gemeinsames Schicksal teilen: Sie können von einem Gehalt - nämlich ihrem - nicht leben. Entweder springt der Partner ein oder sie arbeiten mehrgleisig. Auch Literaturagentinnen müssen sich durch enorme Leistungen auf dem männlichen Markt behaupten. Antiquarinnen sind “am Ende” des Buchmarktes tätig. Die allgemeine Situation ist hier für beide Geschlechter nicht rosig. Dennoch ist auffällig, dass Sammlen - was vielleicht auch auf das höhere Einkommen von Männern zurückzuführen ist - ein männliches Phänomen ist, während Frauen eher an aktuellen Inhalten, denn an einer Raritätensammlung interessiert sind. Bibliothekarinnen übernehmen stetig auch diese einstige Männerdomäne. Durch die Gleichstellung im öffentlichen Dienst werden zumindest in den öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken Frauen und Männer gleich entlohnt.
Der Reibungsverlust, der in nicht nur in der Buchbranche durch die Rahmenbedingungen für die Mehrheit, nämlich die weiblichen Angestellten, entsteht, ist enorm. Warum nach wie vor im gesamten öffentlichen Leben Einfalt über Vielfalt gestellt wird und durch geschlechtsspezifische Sozialisation grenzenlose Möglichkeiten verhindert werden, bleibt mir persönlich ein Rätsel. Zumal Einfalt auch den politischen Rechtsruck fördert, der Frauen ausschließlich mit Mutterschaft, Heim und Herd verbindet. Die Ellenbogen auszupacken und ebenfalls den hohlen Marktschreier zu mimen, darf und kann für Frauen nicht die einzige Möglichkeit sein, Karriere zu machen.
Die seit Jahrzehnten andauernde Stagnation der Gleichberechtigung tritt in dieser Studie in ganz besonders erschreckender Weise zu Tage und bietet perfekten Anlass, die Diskussion neu zu eröffnen, statt den Feminismus permanent totzusagen.
© S. Strohschneider-Laue
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
siehe auch:
Die Freundinnen der Bücher, Bd. 1. Buchhändlerinnen
Die Freundinnen der Bücher, Bd. 2. Buchhändlerinnen - Antiquarinnen - Bibliothekarinnen
Frauen machen Bücher
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Donnerstag, 07. Oktober 2010

Vom MehrWert der Bücherfrauen
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
Frankfurter Buchmesse 6. bis 10. Oktober ‘10

Auf der Frankfurter Buchmesse luden die Bücherfrauen zur Präsentation der aktuellen Studie “MehrWert. Arbeiten in der Buchbranche heute”. Am Podium (v.l.n.r.) saßen Bücherfrau Karina Schmidt, Ausführende der Studie Prof. Dr. Romy Fröhlich sowie die Verlegerin und “BücherFrau des Jahres 2009″ Ulrike Helmer. Im Publikum 50 interessierte Frauen sowie zwei von meiner Sitzposition in der letzten Reihe sichtbare Männer.

Die Bücherfrauen sind ein Netzwerk von Frauen für Frauen aus allen Bereichen der Buchbranche. Umso verständlicher, dass das engagierte Netzwerk wissen wollte, wie es tatsächlich um die Arbeitssituation für Frauen in der Bücherwelt bestellt ist.
Die vermeintlich gute Nachricht lautete: Die Buchbranche ist weiblich.
Bei einer erstaunlich hohen Beteiligung konnten umso fundiertere, wenn auch umso tristere, Ergebnisse erzielt werden. Egal wie es Frauen anstellen, ob sie Karrierebrüche - z. B. durch Kinder - haben oder nicht, und egal wie hoch ihre Qualifikationen sind, am Ende werden sie um 25% schlechter bezahlt als ihre männlichen Arbeitskollegen. Ein Gustostück am Rande: Männer schaffen es im Gegensatz zu Frauen, Familienzuwachs mit einer Lohnerhöhung zu verbinden, während werdende und frischgebackene Mütter ggf. mit einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen - inkl. Lohnkürzungen - rechnen müssen.
Aller Schönrederei zum Trotz tritt die Gleichberechtigung und Gleichbezahlung auf der Stelle, wie auch mit dieser Studie deutlich aufgezeigt wird. Nachdem es noch keine vergleichbare Untersuchung für die Buchbranche gab, kann man nur vermuten, dass es sich um einen Abwärtstrend handelt, der mit dem Rückzug der Männer aus dem Berufsfeld begann. Wie schlimm es wirklich war, ist und sein wird, wird erst die nächste Studie in einigen Jahren zeigen. Buchmesseaktuell lässt sich bereits ein Vergleich herstellen. Die Buchbranche mag zwar weiblich sein, aber die breitenwirksame Plattform des Blauen Sofa gehört in diesem Jahr eindeutig den Männern.
© S. Strohschneider-Laue
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Sonntag, 20. Juni 2010

Annemarie Schwarzenbach
Orientreisen
Herausgegeben von Walter Fähnders
edition ebersbach 2010, 192 S.
ISBN 978 3 8691 5019 2
Orientreisen: Reportagen aus der Fremde
Annemarie Schwarzenbach war Historikerin. Ihre Zugehörigkeit zu eine reichen, angesehen Schweizer Familie ermöglichte ihr zumindest wirtschaftliche Unabhängigkeit, wenn auch die inhaltliche Unterstützung ausblieb. Die intelligente Beobachterin fährt mit offenen Augen durch Europa, den Orient und Amerika und sie behält ihre dabei gewonnenen Eindrücke sowie bedrückenden Erkenntnisse nicht für sich. Sie ist unverhohlen lesbisch, antifaschistisch und definitiv ihrer Zeit und zuweilen ihrer Familie zu weit voraus. Als Autorin, Fotografin und Reporterin wird sie bekannt. Viel zu jung stirbt sie bereits mit 34 Jahren nicht an den Folgen ihres Drogenmissbrauchs, sondern durch eine Fehldiagnose ihrer Kopfverletzungen nach einem Fahrradunfall.
Zwischen 1933 und 1940 bereiste Annemarie Schwarzenbach währen vier Reisen den Orient. Die Reisereportagen der außergewöhnlichen Schweizerin bestechen durch ihre vielfältige Mischung aus historischen, zeitgeschichtlichen und persönlichen Eindrücken. Sie sind zugleich präzise auf den Punkt gebrachte Sozial- und Befindlichkeitsstudien. Denn Austauschbarkeit scheint nicht nur die logistischen Strukturen römische Legionslager zu betreffen, sondern auch weltweite Hotelketten und ihre NutzerInnen. Annemarie Schwarzenbach hält diese Beliebigkeiten fest und spießt sie auf, wie eine Insektensammlerin ihre Trophäen. Sie beobachtet die Reisenden - die heute genauso sind, aber massenhafter auftreten - wie sie genau das tun, was daheim von ihnen erwartet wird. Sie besuchen die richtigen Länder, sehen dort die richtigen Sehenswürdigkeiten, essen und trinken das Richtige - also das was man von daheim kennt -, schlafen in der richtigen Hotelkette, sprechen mit Ihresgleichen über die Banalitäten ihrer eigenen Wichtigkeit und hätten den Einheimischen einen großen Gefallen getan, wenn sie daheim geblieben wären. Es liest sich, als ob der Kolonialismus nahtlos durch Tourismus ersetzt wurde, getragen von der gleichen Gesinnung.
Wie moderne, inhaltsstarke Videoclips sind die bewusst nicht chronologisch gereihten Texte zu lesen. Schwarzenbachs Stil und Themenwahl hat ihre Aktualität in den letzten über 65 Jahren nicht verloren. Die Lektüre bleibt Seite für Seite ein fesselnder, inhaltsstarker Genuss.
Im Anhang setzt sich der Herausgeber mit dem Werk von Annemarie Schwarzenbach auseinander. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stehen die vorgelegten Reportagen aus der Fremde und leider nur äußerst randlich die Autorin selbst.
© S. Strohschneider-Laue
Orientreisen: Reportagen aus der Fremde
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Dienstag, 04. Mai 2010

Isabella Belting
Mode sprengt Mieder
Silhouettenwechsel
Hirmer 2010, 144 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 2491 0
Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel
Das männliche Begehren bestimmt das Erscheinungsbild und die Chancen von Frauen. Deren Komplizenschaft ist den Männern sicher. Seit Jahrhunderten wird die Form des weiblichen Körpers gnadenlos manipuliert, um dem gerade herrschenden Schönheitsideal zu entsprechen.
In der Vergangenheit wurden Frauenleiber hemmungslos eingeschnürt, aufgepolstert und in Drahtkäfige gesteckt. Die Phasen der Befreiung von Korsett und Reifrock waren kurz und umstritten. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde das Mieder zum optionalen Extra. Das Buch “Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” folgt dem Schrumpfen und Expandieren der Konturen von Busen, Taille und Po. Ausgangsbasis für die Zeitreise durch die Geschichte der formenden Unterwäsche sind Kleider aus den Sammlungen des Münchner Stadtmuseums. Illustrationen aus Modejournalen und medizinischen Abhandlungen, Karikaturen, Anzeigen und Modefotos dienen als Beispiele für die Vermarktung der vorgestellten Modetrends und ihrer Rezeption in der Öffentlichkeit.
Die Entwicklung der Damenmode vom 18. bis zum 20. Jahrhundert wird in Form einer Erzählung präsentiert. Durch diesen ebenso originellen wie gewöhnungsbedürftigen Zugang ist es Isabella Belting möglich, kostüm- und sozialgeschichtliches Wissen spielerisch zu verweben. Die, bedauerlicherweise stereotype Geschlechterrollen tradierende, Rahmenhandlung ist schnell wiedergegeben. Ein - natürlich - männlicher Professor schickt eine zwar fachlich versierte, aber naive und fügsame Studentin mittels einer als Korsett getarnten Zeitmaschine in die Vergangenheit, um Daten für sein Forschungsprojekt zu sammeln. Samanta, so heißt das Versuchskaninchen, darf am eigenen Leib erfahren, wie sich die Mode der Epochen, die sie als Zeitreisende besucht, trägt.
Als Dienstmädchen muss sie im Jahr 1780 mitansehen, wie bereits kleine Mädchen brutal geschnürt werden, damit sie später am Heiratsmarkt Erfolg haben. Tiefer Ausschnitt, schlanke Taille und mit Drahtgestellen oder Polsterungen verbreiterte Hüften gelten als erotisch. Wenige Jahrzehnte später darf Samanta ohne Korsett als Bürgerstochter im hauchdünnen Chemisenkleid frieren. Besonders Mutige lassen sogar die Unterwäsche weg und zeigen, im neuen Körpergefühl schwelgend, alles. Die Freiheit währt nicht lange. Ab 1815 wird wieder geschnürt, dass das Fischbein kracht und den Frauen die Luft wegbleibt. In die Jahre um 1900 versetzt, sammelt Samanta Erfahrungen mit einem s-förmig geschwungenem Korsett der Sans-ventre-Linie und den billigen Mieder einer Dienstbotin. Zu dieser Zeit sind die durch das Schnüren verursachten gesundheitlichen Schäden bereits gut dokumentiert. Dennoch findet das lose Reformkleid bei den Frauen, die noch immer darauf angewiesen sind eine gute Partie zu machen, wenig Anklang - es ist einfach nicht sexy. Erst in den Zwanzigerjahren gewinnen die Frauen an Unabhängigkeit. Ihre neue Stellung in der Gesellschaft spiegelt sich in der modernen Silhouette der Kleidung, die ohne Korsett auskommt. Doch diese Epoche überspringt Samanta, um sich an den femininen Kleidchen und der zugehörenden modellierenden Unterwäsche der 50er Jahre zu erfreuen. Erst bei ihrem letzten Zeitsprung in die 60er-Jahre verabschiedet sie sich endgültig vom Schnürmieder. Im letzten Kapitel kehrt Samanta wieder in die Gegenwart und deren modische Vielfalt zurück. Das Schlusswort hat - wie könnte es anderes sein - der Professor.
“Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” bietet einen launig geschriebenen Überblick über das Wechselspiel der historischen Modetrends. Die Erzählform eignet sich bestens dazu auch die Leiden jener, deren Körper nicht mit dem modischen Ideal harmoniert, zu schildern. Letztendlich ist es ein Buch, das nachdenklich machen sollte. Des Zwangs zum Korsett hat sich Frau entledigt. Werden ihn Diät und Schönheitsoperation ersetzen?
© Ch. Ranseder
Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel
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Freitag, 01. Januar 2010

Michael Spang
Wenn sie ein Mann wäre
Leben und Werk der Anna Maria van Schurman
WBG 2009, 240 S.
ISBN 978 3 534 21630 7
Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)
Anna Maria van Schurman (1607-1678) war hochbegabt, daran besteht kein Zweifel. Ihr künstlerisches Schaffen bewegte sich auf professionellem Niveau. Sie erlernte über 12 Sprachen, beherrschte die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses und machte sich einen Namen als in der Theologie versierte Gelehrte, die sich auch mit dem Zugang von Frauen zu Bildung beschäftigte. Ihr selbst wurde das Privileg zuteil, Vorlesungen an der Universität besuchen zu dürfen - versteckt in einem aus Holz gezimmerten und mit Stoff bespannten Verschlag sitzend.
Wer war diese zu ihren Lebzeiten berühmte Frau? Was trieb sie an? Antworten auf diese Fragen sind in der Biographie “Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” zu finden. Michael Spang schildert in diesem hervorragenden Buch wortgewaltig und wissenschaftlich fundiert den Lebensweg der wissensdurstigen Tochter aus höherem Haus vor dem Hintergrund des politischen und religiösen Zeitgeschehens. Das gelingt ihm so vortrefflich, dass er mich als Rezensentin ein wenig in die Zwickmühle bringt. Ein guter Text lässt, ganz wie ein großartiges Kunstwerk, Spielraum für eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten. Die Lektüre von “Wenn sie ein Mann wäre” rief in mir Assoziationen und Interpretationen wach, die in meinem Geist eine (Re-)Konstruktion der Persönlichkeit Anna Maria van Schurmans mit dunkleren Untertönen entstehen ließen, als sie im Buch präsentiert wird.
Für mich ist Anna Maria van Schurman eine Zerrissene, an deren Biographie sich sehr gut ablesen lässt, welchen Belastungen ein wacher Geist in einem restriktiven, religiös dominierten Umfeld unterworfen ist. Ihre Transformation vom gelehrten Wunderkind zum religiösen Groupie ist letztlich die Geschichte eines Scheiterns, auch wenn sie selbst dies im Rückblick auf ihr Leben nicht so gesehen hat. Die frühe Indoktrination durch van Schurmans strenggläubigen Vater, der dem Mädchen neben der religiösen Unterweisung einen von ihm kontrollierten Zugang zu Bildung ermöglicht, führt dazu, dass für sie lebenslang jeder Erwerb von Wissen oder Fertigkeiten auf die Religion hin ausgerichtet ist. In ihren Jugendjahren wirkt sie wie eine Getriebene: Dichtung, Malerei, Plastik, Kupferstich, Sprachen, Theologie, ihr Wissensdurst scheint keine Grenzen zu kennen. Studium als Selbstgeißelung? Als Ablenkung von den Verlockungen der Welt und der Freude an den eigenen Leistungen? Anna Maria van Schurman glänzt in jedem Fach, wird bekannt und zeigt ja doch einen Hauch von Extrovertiertheit. Schon als 15-Jährige klinkt sie sich in den Briefwechsel der Gelehrtenrepublik ein. Briefe bleiben ihr bevorzugtes Medium - sie sind einer Frau angemessen, werden aber dennoch von den (männlichen) Empfängern weitergereicht, in einigen Fällen auch publiziert. Eine geschickte Taktik für jemanden, der immer wieder beteuert, nicht gerne in der Öffentlichkeit zu stehen. Zumal so auch vermieden wird, durch eine eigenständige Publikationstätigkeit in offene Konkurrenz zu den Gelehrten zu treten. Auffallend ist auch, dass Anna Maria van Schurman nach dem unerwarteten Tod des Vaters, 1623, nach Vaterfiguren und väterlicher Autorität zu suchen scheint. Die im Buch “Wenn sie ein Mann wäre” zitierten Beispiele aus ihren Briefwechseln zeigen eine emotionale Schaukelbewegung aus Demutsbekundung - eigene Meinung vertreten - Demutsbekundung, bei der sich die Frage aufdrängt: Ist das jetzt Unsicherheit oder Kalkül?
Ein Thema, das van Schurman lange Zeit beschäftigt, ist die Frauenbildung. 1641 veröffentlicht sie ihre “Dissertatio”, ihr einziges eigenständig publiziertes Werk. Weitergebracht hat diese Schrift den Emanzipationsdiskurs nicht. Van Schurmann ist keine Wegbereiterin. Im Gegensatz zu anderen Frauen, die sich für Frauenbildung und Frauenrechte einsetzen, ist ihr Blick rückwärts gewandt, ihre Haltung traditionsgebunden. Aus heutiger Sicht lesen sich Anna Marias Argumente für die Frauenbildung wie die Rechtfertigung ihres eigenen Tuns, gepaart mit einer gehörigen Portion Standesdünkel. Nur christlichen, begabten Frauen mit Vermögen, die dazu die Muße hätten, solle Bildung durch privaten Unterricht zuteil werden. Van Schurmann war reich, unverheiratet und hatte jede Menge Zeit - zumindest bis zum Tod ihrer Mutter, 1637. Ist vielleicht die von ihr in einem -quasi als Test für die “Dissertatio” dienendem - Brief aus demselben Jahr vertretene Ansicht, für Ehefrauen und andere mit Haushalts- und familiären Angelegenheiten betraute Frauen sei Bildung keineswegs notwendig, auf einen Groll angesichts der von der Mutter auf sie übergegangenen zeitraubenden Pflicht der Haushaltsführung zurückzuführen?
Mit fortschreitendem Alter geht jedenfalls Anna Marias Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen zurück. Stattdessen gewinnt ihre Religiosität, die selbst für damalige Verhältnisse zum Extrem tendiert, die Oberhand. Die Abneigung der gebildeten Frau gegen alles Weltliche wächst ebenso wie ihre Ansicht, dass es mit der Kirche bergab gehe. In letzter Konsequenz gibt die vielseitig Begabte ihr Leben in Utrecht auf, um sich der Sekte von Jean de Labadie anzuschließen. Ihm folgt sie in ihren letzten Jahre von Amsterdam nach Herford, Altona und schließlich auf Schloss Walta. In diesen Jahren verfasst sie ihre Autobiographie “Eukleria oder die Wahl des besseren Teils”. Anna Maria van Schurman - eine gequälte Seele, die im Alter innere Ruhe gefunden hat?
“Jede Biographie ist eine Hypothese, ist eine Wirklichkeit von vielen und notwendig subjektiv.” schreibt Michael Spang in der Einleitung des Buches. Das Verarbeiten der in einem Text dargebotenen Information ist nicht minder subjektiv. LeserInnen mögen sich also eine eigene Meinung bilden.
“Wenn sie ein Mann wäre. Leben und Werk der Anna Maria van Schurman” ist ein lesenswertes Buch über eine Frau, die in einem inneren Kampf zwischen Begabung und Bestimmung gefangen, gerade durch ihre Ambivalenz fasziniert.
© Ch. Ranseder
Wenn sie ein Mann wäre: Leben und Werk der Anna Maria van Schurmann (1607-1678)
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Montag, 09. November 2009

Katharina Schmidt-Loske (Hg.)
Maria Sibylla Merian - Insects of Surinam
Taschen 2009, En./Dt./Fr., 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 9783 8228 5278 1
Merian - Insects of Surinam
Das 1705 erschienene Werk “Metamorphosis Insectorum Surinamensium” ist der brilliante Höhepunkt im Schaffen einer Frau, die mit eisernem Willen ihren eigenen Weg ging. Maria Sibylla Merian (1647-1717) gelang der Spagat zwischen Familie und Berufung, zu einer Zeit als weibliche Selbstverwirklichung die Ausnahme darstellte und Frauen in der Wissenschaft nahezu undenkbar waren. Ihre herausragende Leistung muss daher im Kontext mit der Lebensgeschichte betrachtet werden, da das Werk über die Insekten Surinams eine im Grunde logische Folge der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit Faltern darstellt.
Aufgewachsen in einem intellektuell geprägtem Künstlermilieu - ihr Vater war der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian d.Ä., ihr Stiefvater der Blumen- und Stilllebenmaler Jacob Marrel, entwickelt Maria Sybilla Merian bereits als 13-jährige ein Interesse für Raupen. Sie verfolgt den Lebenszyklus des Seidenspinners und schreibt ihre erste Abhandlung, “Verwandlung und Veränderung der Seidenwürm”. Glücklicherweise lässt die Familie das begabte Mädchen, das unter anderem Zeichnen, Malen und Kupferstechen erlernt hat, gewähren. Auch der Erwerb des obligatorischen Ehemanns, die Geburt zweier Töchter und der Umzug von Frankfurt nach Nürnberg können Maria Sybilla nicht von ihren naturkundlichen Studien abhalten, die sie um die Suche nach Farbrezepturen erweitert. Ihre erste Veröffentlichung ist jedoch ein Blumenbuch. Wenig später, 1679, erscheint “Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumen=Nahrung”. In diesem Buch gibt die Naturforscherin erstmals die Entwicklungsstadien zum Schmetterling, angeordnet auf einer einzelnen (Futter-)Pflanze, wieder. Diese ganzheitliche Darstellung ist etwas völlig Neues. Wo auch immer sich Maria Sybilla Merian aufhält, sammelt sie Raupen - zwei Fortsetzungen des Raupenbuches (1683, 1717) sind die Folge. 1685 verlässt die Künstlerin ihren Mann und zieht mit Töchtern und Mutter bei den Labadisten auf Schloss Waltha ein. In den folgenden Jahren ordnet Merian ihre Zeichnungen und Notizen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Surinam rückt näher, denn Schloss Waltha wird der Sekte vom Gouverneur der holländischen Kolonie zur Verfügung gestellt. Doch zuerst geht es 1691 nach Amsterdam, wo Maria Sybilla den Lebensunterhalt für sich und die Töchter durch den Handel mit Farben und Naturalien sowie der Ausführung von Auftragsarbeiten bestreitet. In der geschäftigen Handelsstadt kann die forschende Künstlerin Sammlungen besuchen, zu deren Exponaten auch Insekten aus Surinam zählen. Ihre Neugier ist geweckt, sie will selbst in dieses Land fahren, um eigene Beobachtungen zu machen. 1699 ist es endlich so weit: Maria Sybilla Merian, mittlerweile 52 Jahre alt, und ihre Tochter Dorothea Maria stechen in See. Zwei Jahre verbringen die beiden Frauen sammelnd, zeichnend und forschend in Surinam, bevor sie gesundheitliche Gründe zur Rückkehr zwingen. Zurück in Amsterdam und wieder genesen macht sich Maria Sybilla voller Tatendrang an die Herausgabe ihres Werkes über die Insekten Surinams.
“Metamorphosis Insectorum Surinamensium” erscheint 1705 und umfasst insgesamt 60 Kupferstiche. Das Geld für die Herstellung des Buches brachte Merian selbst auf, indem sie Subskribenten warb und Auftragsarbeiten annahm. Käufer konnten zwischen einer schwarz-weißen oder einer handkolorierten Fassung des Werkes wählen. Der exquisite Prachtband “Insects of Surinam” des TASCHEN Verlages basiert auf den besonders schön kolorierten Tafeln des in der öffentlichen Bibliothek der Universität Basel befindlichen Exemplars der “Metamorphosis Insectorum Surinamensium”.
Im 18. Jahrhundert präsentierten die 60 Tafeln Ergebnisse der Grundlagenforschung, auf die sogar der Naturwissenschaftler Carl von Linné für sein wegbereitendes Ordnungssystem der Natur zurückgriff. Heute bezaubern Merians Darstellungen durch ihre dekorative Eleganz. Wer in den Medien des 21. Jahrhunderts schon alle Hässlichkeit dieser Erde gesehen hat, ist durch die hübschen Abbilder der “unachtbaren Thierlein” nicht zu erschüttern. Im Gegenteil. Was Merians Zeitgenossen vielleicht als garstig abstoßende Schädlinge angesehen haben, wirkt geradezu niedlich. Auf und um anmutigen, fast ornamental angeordneten Pflanzen tummelt sich eine bunte Insektenschar. Fette Raupen knabbern an saftigen Blättern. Plumpe Kokons und Puppen ruhen auf Ästen und Stängeln. Prächtige Schmetterlinge flattern herum. Käfer krabbeln im Laubwerk oder erheben sich behäbig in die Lüfte. Heuschrecken, Zikaden, Wespen und Ameisen lassen sich gelegentlich blicken. Auf einigen Tafeln hat Maria Sybilla Merian sogar Fösche, Kröten, Eidechsen, Schlangen und Vogelspinnen festgehalten. Auffällig ist das Spiel mit Größenverhältnissen. Merian ist bemüht, die Insekten in Originalgröße wiederzugeben. Die Pflanzen hingegen zeigt sie verkleinert, wohl auch, um möglichst viel von Wuchs und anderen Charakteristika auf dem beschränkten Platz der Tafeln zeigen zu können. Es ist bekannt, dass die Forscherin für ihre Studien auch ein Mikroskop benutzte. Die Künstlerin genießt sichtlich die an den Insekten zu beobachtbaren Farben, Muster und Texturen, die sie nicht nur zeichnet sondern auch beschreibt. Trotz des Bestrebens nach Wahrhaftigkeit der Wiedergabe, verliert die dual Begabte nie den ästhetischen Wert ihrer Bildkompositionen aus den Augen.
Wer mehr über die abgebildeten Insekten und Pflanzen erfahren will, kann allerlei Wissenswertes in den Bilderläuterungen aus der Feder von Katharina Schmidt-Loske erfahren, die Merians Originaltext ersetzen. Die Leiterin des Biohistoricums, Bonn, hat auch den Essay “Maria Sybilla Merians ‘kostbare’ Reise in die Schatzkammer der Natur” zu Leben und Werk der forschenden Künstlerin verfasst. Ergänzendes Bildmaterial, darunter Arbeiten einer der Töchter der Künstlerin, begleitet diesen Text.
“Insects of Surinam” ist ein verführerisch schönes Buch. Maria Sybilla Merians unvergleichliche Darstellungen der Insekten- und Pflanzenwelt Surinams sind eine Augenweide, die niemals an Frische verliert. Auch die Designer des prächtigen Bandes scheinen sich an den dekorativen Krabbeltieren und Räupchen erfreut zu haben. Seitenfüllende Vergrößerungen von Details aus den Tafeln beleben die ohnehin schon attraktive grafische Gestaltung.
Folgen Sie nicht dem in Wohnzeitschriften immer wieder zu bemerkenden Trend, sich aufgespießte Schmetterlingsleichen in Kästchen an die Wand zu hängen. Schaffen Sie sich stattdessen das wunderschöne Buch “Insects of Surinam” an - das schont die Umwelt und stimuliert den Geist.
© Ch. Ranseder
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Freitag, 23. Oktober 2009

Luise Berg-Ehlers
Das Glück des Schreibens. Englische Schriftstellerinnen und ihre Lebensorte
Nicolai 2009, 184 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 89479 292 3
Das Glück des Schreibens
Wie ärmlich wäre die Weltliteratur ohne den Beitrag der vielen schreibenden Frauen! Vor allem den Engländerinnen gelang es mit ihren herrlichen Geschichten die westliche Kultur zu prägen. Ihnen verdanken wir Charaktere wie Mr. Darcy und Elisabeth Bennet, Jane Eyre, Heathcliff, Hercule Poirot, Miss Marple, Harry Potter und Peter Rabbit. Ein Buch wie “Das Glück des Schreibens. Englische Schriftstellerinnen und ihre Lebensorte” kann also aus dem Vollen schöpfen. Schließlich ersannen die britischen Literatinnen nicht nur starke Romanfiguren, sondern revolutionierten das Genre gleich mehrmals. Im 18. Jahrhundert passten sie die Struktur des Romans den ihnen offen stehenden Themen an. Dabei verdichteten und verkürzten sie - im Gegensatz zu den männlichen Kollegen - ihre Geschichten. Seitdem wird munter weiterentwickelt und experimentiert.
Luise Berg-Ehlers trägt mit der für “Das Glück des Schreibens” getroffenen Auswahl schreibender Frauen dieser Kontinuität und Ausdrucksvielfalt Rechnung. Noch lebende und sehr erfolgreiche Schriftstellerinnen sind ebenso vertreten wie ihre im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert schreibenden Schwestern im Geiste. Vorgestellt werden: Jane Austen, Charlotte, Emily und Anne Brontë, George Eliot, Virginia Woolf, Vita Sackville-West, Nancy Mitford, Radclyffe Hall, Jeanette Winterson, Iris Murdoch, Muriel Spark, Barbara Cartland, Rosamunde Pilcher, Daphne du Maurier, Agatha Christie, Dorothy Sayers, P. D. James, Beatrix Potter, Enid Blyton und J. K. Rowling. Zu den Werken dieser Meisterinnen des Wortes zählen Gesellschaftssatiren, Liebesromane und Krimis ebenso wie Reiseerzählungen und Kinderbücher.
Was trieb diese Frauen an? Wie lebten sie? Wie sah ihr Weg zum Erfolg aus? Die in “Das Glück des Schreibens” präsentierten Kurzbiografien der 21 englischen Autorinnen geben Antwort auf diese Fragen. Wortgewandt und humorvoll erzählt Luise Berg-Ehlers aus den Lebensgeschichten dieser gleichermaßen mit Begeisterung und Disziplin schreibenden Frauen. Deren Bücher sind nicht selten als Meilensteine auf dem Weg zu literarischer Größe, einer Millionen starken begeisterten Leserschaft oder gar beidem anzusehen und werden im Text dementsprechend gewürdigt. Als roter Faden ziehen sich die englische Landschaft und die in sie eingebetteten Häuser durch “Das Glück des Schreibens”, dessen Seiten zahlreiche stimmungsvollen Fotos zieren. Englische Schriftstellerinnen verewig(t)en in ihren Romanen die eleganten Straßenzüge von Bath und London, die Heiden und Moore in Englands Norden, die Strände Cornwalls, stattliche Herrenhäuser, einfache Cottages und üppige Gärten. Ihre Schilderungen haben das Englandbild von Generationen von LeserInnen geprägt. Das Glück des Schreibens ist die eine Seite der Medaille, das Glück des Lesens die andere.
© Ch. Ranseder
Das Glück des Schreibens
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Tags:Biografie, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 56/09, England, Gender, Literatur
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Montag, 21. September 2009

Almut Adler
Das weibliche Auge
Anders sehen, anders fotografieren
Addison-Wesley 2008, 287 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8273 2632 4
Das weibliche Auge: anders sehen, anders fotografieren - Fotokurs für Frauen
Almut Adler ist Fotografin, Grafikdesignerin und Weltenbummlerin mit offenem Blick für den richtigen Moment große Details und kleine Großartigkeiten einzufangen. Mit vorliegendem Buch entschädigt sie all jene, die keinen Kurs bei ihr besuchen können. Zugleich bietet sie jenen eine Gedächtnisstütze, die einen Kurs in München oder Spanien besuchten.
Was unterscheidet Almut Adlers vorliegendes Fotobuch von den oft austauschbaren Fotobüchern ihrer männlichen Kollegen?
Es ist die fotografische Improvisationskunst, die im Mittelpunkt steht, und das wohltuende Fehlen von angeberischen Firlefanz. Hier werden Festbrennweiten vorgestellt und nicht Objektivgrößen verglichen. Außerdem wird nichts vorausgesetzt, alles wird knapp und präzise erklärt und das ohne eine Fachbezeichnung durch eine andere zu ersetzen.
Und was dürfen EinsteigerInnen erwarten?
Zwölf Kapitel die vom geschichtlichen Überblick, Aufnahmetechnik, Bildaufbau, Perspektive, Licht, Actionfotografie, Fotomotiv, Filterkunde, Nachtaufnahmen, Spezialthemen, Aufnahmefehler bis zu Activseiten reichen. Im Anhang des strapazfähigen Buches befinden sich ein benutzerfreundliches Glossar sowie ein Stichwortverzeichnis.
Und was hat mir besonders gefallen?
Adler stellt im Überblick die technische Seite und die Funktion einer Spiegelreflexkamera vor ohne Spitzenreiter oder Marken in das Rampenlicht zu rücken. Damit gewährt sie finanziellen Spielraum, den Frauen häufiger beachten (müssen) als Männer. Das ein Foto ein komplexes Produkte ist, das aus dem Zusammenspiel von FotografIn, Spielgelreflex, Motiv und zahlreichen Faktoren wie Licht und Blickwinkel entsteht, wird von ihr von ihr aufgezeigt ohne angehende Fotokünstlerinnen zu entmutigen. Der Fotokurs lebt daher auch von seinen zahlreichen Beispielen. Jede Aussage, jedes Beispiel wird mit passenden Fotos anschaulich belegt. Die Autorin geizt nicht mit Tipps und Tricks, die häufig ganz nebenbei einfließen und dadurch niemals den Charakter eines belehrend geschwungenen Zeigefingers haben. Diese Tipps betreffen ebenso die Körperhaltung der Person hinter der Kamera als auch ganz selbstverständlich scheinende Hinweise auf die behagliche Raumtemperatur für Aktmodelle zu achten. Und besonders schön ist, dass für Almut Adler misslungene Aufnahmen nur dann ein Drama sind, wenn man nicht daraus lernt oder nicht weiß, wie man das Foto retten kann. Bei ihr steht eindeutig der Spaß am Fotografieren im Mittelpunkt ohne die professionellen, technischen Aspekt zu vernachlässigen.
Das großartige Fotobuch für Frauen, muss auch Männer ans Herz gelegt werden; und ganz unabhängig vom Geschlecht gibt es zu viele Menschen, die nur “draufhalten und abdrücken”. Sie haben ihr Gespür für Farben, Formen, Blickwinkel und vieles mehr verloren. Das muss nicht sein. Fotografieren kann man lernen und Kreativität kann man schulen, wie die Fotos von zwei Personen, denen ich das “Das weibliche Auge” bereits geschenkt habe, beweisen.
© S. Strohschneider-Laue
Das weibliche Auge: anders sehen, anders fotografieren - Fotokurs für Frauen
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Tags:Design, Ebensolch Rez-E-zine 55/09, Fotografie, Gender, Handbuch, Kunst, Sistlau, Technik
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Samstag, 11. Juli 2009

Petra Unger
Mut zur Freiheit
Faszinierende Frauen - bewegte Leben
Metroverlag 2009, 157 S., Sw-Abb.
ISBN 978 3 9025 1781 4
Mut zur Freiheit: Faszinierende Frauen, bewegte Leben
Vierzehn Österreicherinnen, die trotz gesellschaftlicher Zwänge ihre Lebensziele abseits traditioneller Rollenbilder verwirklichten: Tina Blau 1845-1916, Tilla Durieux 1880-1917, Margarete Schütte-Lihotzky 1897-2000, Mimi Grossberg 1905-1997, Marie Jahoda 1907-2001, Lotte Lenya 1898-1981, Irene Harand 1900-1975, Ida Maly 1894-1941, Helene von Druskowitz 1856-1918, Friedl Dicker-Brandeis 1898-1944, Cilli Wang 1909-2005, Auguste Fickert 1845-1910, Alma Rosé 1906-1944, Berta Pappenheim 1859-1935.
Strahlendes Sonnengold flutet beim Aufschlagen aus dem Buch. So gülden-verlockend muss die Freiheit für die von Petra Unger vorgestellten Frauen ausgesehen haben, endlich selbstbestimmt agieren zu können. Das männliche “Gatekeepertum” macht Frauen bis heute erfinderisch im Umgehen und/oder kämpferisch im Vorgehen. Wie muss sich Tina Blau, die “Waldmüller-Enkelin” - wurde sie doch von dessen Schüler unterrichtet -, immer wieder gefühlt haben, wenn sie trotz ihres Könnens durch männliches Einschreiten nicht zugelassen, abgedrängt oder ausgebootet wurde. Frauen wurden abgewertet und unterbewertet. Sie hatten bis zum Umfallen zu funktionieren und von göttlicher Männlichkeit Vorgegebenes vorbehaltlos zu akzeptieren. Nicht zu vergessen, dass viele - darunter Tilla Durieux - auch die Hüterinnen der Norm gegen sich hatten. Es war ein steter Kampf um jedes noch so kleine Stückchen Freiheit und berufliche Anerkennung. Auch die gut bekannte Architektin Schütte-Lihotzky wurde vor allem als Einrichterin/Innenarchitektin eingesetzt und wird bis heute auf ihre “Frankfurter Küche” reduziert. Bis auf Lotte Lenya, die arm war und aus dem Gegenteil eines “gutbürgerlichen Hause” stammte, haben sie alle Geld und Bildung gemeinsam. Was sie inhaltlich aber eint, war der unbändige Wille ihre Leben nach ihren eigenen Bedingungen und gegen jeden Widerstand zu leben. Bei Ida Maly (ermordet in Hartheim) und Helene von Druskowitz führte es in die geschlossene Anstalt. Für Bertha Pappenheim (Anna O.) war der Beginn ihrer Selbstbestimmtheit zugleich ihr Weg aus Behandlung und Sanatorium.
Die umrissenen Leben werden von Petra Unger auf ihre Essenz reduziert. Wer mehr wissen möchte, findet in der Bibliographie vertiefende Literaturhinweise. Die Lektüre ist bewegend, aufrüttelnd und, angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise, von zunehmender Aktualität. Alle Versammlungen und Repräsentationen von Stadt und Land haben ein entsprechendes Quantum von Frauen aufzuweisen war 1905 eine der zukunftsweisenden Forderungen der Philosophin Helene von Druskowitz. Schade, dass man das Buch nicht zur Pflichtlektüre für Männer machen, sondern nur empfehlen kann, aber “frau” sollte es allen Mädchen auf das Kopfkissen legen.
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Tags:Österreich, Biografie, Ebensolch Rez-E-zine 53/09, Gender, Sistlau, Sozial
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Freitag, 12. Juni 2009

Ulrike Müller
Ingrid Radewaldt, Sandra Kemker
Bauhaus-Frauen
Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7
Bauhaus-Frauen - Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design
Das 1919 gegründete Bauhaus nahm auch weibliche Studenten auf. Und die Frauen kamen in Scharen, um die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch rare Chance auf eine fundierte Ausbildung zu nutzen. Im ersten Semester seines Bestehens inskribierten am Bauhaus vierundachtzig Frauen und neunundsiebzig Männer - sehr zur Besorgnis seines Gründers, Walter Gropius, der nicht mit diesem weiblichen Ansturm gerechnet hatte. In seiner Antrittsrede propagierte Gropius noch “… absolute Gleichberechtigung, aber auch absolute gleiche Pflichten …”, doch schon bald begannen Lippenbekenntnis und Realität auseinander zu driften.
Ulrike Müller und ihre Gastautorinnen Ingrid Radewaldt und Sandra Kemker schildern in “Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design” wie es den Frauen am Bauhaus erging. In brillant geschriebenen Texten erzählen sie von Studienbedingungen, Lehrplänen und den herausragenden Leistungen, welche die Frauen - trotz der Schwierigkeiten und Diskriminierungen mit denen sie sich konfrontiert sahen - erbrachten.
Wie so oft, wenn es Frauen gelingt in männliche Domänen vorzudringen, stand das weibliche Geschlecht auch am Bauhaus bald vor neuen Barrieren. Es hatte nicht lange gedauert bis Maßnahmen ergriffen wurden, um die Zahl der am Bauhaus studierenden Frauen zu beschränken und die Studentinnen auf den ihnen von den Männern zugedachten Platz zu verweisen. Die Mehrzahl der Frauen wurde in die Handweberei abgedrängt, da die Herstellung von Textilien als eine ihnen angemessene Tätigkeit galt. Es muss ein Schock für die männlichen Führungs- und Lehrkräfte gewesen sein, dass sich ausgerechnet die Weberei durch Innovation und Produktivität profilierte und zu einer der erfolgreichsten der Werkstätten entwickelte. Apropos Leitungspositionen: Kaum eine der zahlreichen Frauen am Bauhaus wurde in eine solche berufen, selbst Lehraufträge waren spärlich gesät und, wie Ulrike Müller anmerkt, schlechter bezahlt.
Dennoch ließen sich die außerordentlich begabten Frauen nicht entmutigen. Sie zeigten Durchhaltevermögen und eroberten sich den Zugang zu den anderen Werkstätten, wie Metall, Keramik, Holz, Wandmalerei und Grafik. Doch die Disziplin, in der die zweitgrößte Anzahl an Frauen tätig wurde, war die Fotografie. Damit wird auch am Bauhaus die weibliche Strategie des Ausweichens in relatives Neuland, also in Bereiche deren Hierarchien noch nicht von Männern festgelegt und besetzt sind, sichtbar.
In dem bemerkenswerten Buch “Bauhaus-Frauen” werden 20 Künstlerinnen vorgestellt, die am Bauhaus lehrten, studierten oder als Ehefrauen Bauhausmeister unterstützten. Ihre Lebensgeschichten sind eine spannende, oft berührende Lektüre, im Zuge derer der bedeutende Beitrag sichtbar wird, den Frauen zum Gedeihen des Bauhauses leisteten. Den Auftakt des Biografien-Reigens bestreiten zwei Lehrkräfte aus den Anfängen des Bauhauses, Gertrud Grunow und Helene Börner, sowie eine der ersten Schülerinnen, Ida Kerkovius. Die Reihung der folgenden Porträts erfolgt lose nach den am Bauhaus eingerichteten Werkstätten. Die Weberei repräsentieren Benita Otte, Gunta Stölzl, Anni Albers, Gertrud Arndt und Otti Berger. Aus der Töpferei, die nur in den Weimarer Jahren des Bauhauses bestand, sind Margarete Heymann-Loebenstein-Marks und Marguerite Friedlaender-Wildenhain vertreten. Mehrfachbegabungen, denen die Aufnahme in die Werkstätten für Druckgrafik, Wandmalerei oder Bildhauerei und Bühnenarbeit gelang, waren Ilse Fehling, Friedl Dicker und Lou Scheper-Berkenkamp. Mit den Werkstoffen Holz beschäftigte sich Alma Siedhoff-Buscher. Marianne Brandt leistete Hervorragendes in der Metallwerkstatt. Die Innenarchitektin Lilly Reich wurde 1932 als Leiterin von Ausbauabteilung und Weberei berufen. Das abschließende Kapitel schließlich ist den Fotografinnen und Chronistinnen des Bauhauses, Florence Henri, Grete Stern, Ise Gropius und Lucia Moholy, gewidmet.
Reichhaltiges Bildmaterial, darunter Fotos des Arbeitsumfelds und Abbildungen ihrer Werke, begleitet die Kurzbiografien. Dank zeitgenössischer Fotografien bleiben auch die Frauen selbst nicht “gesichtslos”. Lächelnd oder mit forschen Blick, in die Arbeit versunken oder ihre Werke präsentierend begegnen sie den Augen der Leserinnen und Leser. Originalzitate lassen ihre Persönlichkeit aufblitzen. Wer, neugierig geworden, mehr über eine der Frauen erfahren will, muss nach weiterführender Literatur nicht lange suchen. Sie ist gleich im Anschluss jedes biografischen Textes angeführt. Zeitgeschichtlicher Kontext und die am Bauhaus vorzufindenden Rahmenbedingungen werden in der Einleitung des Buches sowie in den sechs Kapiteln vorangestellten Texten vermittelt.
Den Autorinnen Ulrike Müller, Ingrid Radewaldt und Sandra Kemker ist mit dem Buch “Bauhaus-Frauen” ein wunderbares und zugleich wichtiges Buch gelungen. Nicht nur werden erstmals die Leistungen der am Bauhaus wirkenden Frauen gewürdigt, es bietet sich dadurch auch eine längst überfällige, neue Sichtweise auf die Geschichte einer avantgardistischen, stilprägenden Institution aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
© Ch. Ranseder
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Montag, 18. Mai 2009

Gudrun Fischer (Hg.)
Darwins Schwestern
Orlanda 2009, 220 S., 15 Sw-Abb.
ISBN 978 3 936937 67 1


Darwins Schwestern: Porträts von Naturforscherinnen und Biologinnen
Von der Pionierin Maria Sybilla Merian (1647-1717) bis zu den Naturwissenschaftlerinnen der Gegenwart spannt sich der zeitliche Bogen. Fünfzehn Biologinnen, die Situation der Frau in der Biologie und die feministische Kritik an der Evolutionstheorie werden in acht Kapiteln einer fesselnden Analyse unterzogen. Den Pionierinnen Merian und Dietrich folgen die erste Hochschulprofessorin von Wrangell und die nazikritische Zoologin von Linden. Die Genetikerinnen Schiemann, Ubisch und Hertwig spiegeln Karrieren bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Mann Borgese war zwar nicht Gründungsmitglied aber 1970 die einzige Frau im Club of Rome (CoR) und sie gründete 1972 das International Ocean Institut (IOI). Die zeitgenössischen Biologinnen werden durch die beiden Nobelpreisträgerinnen McClintock, Nüsslein-Volhard sowie Lochte, die Direktorin des AWI, repräsentiert. Die Naturwissenschaftlerinnen Boetius, Sattler, Becker und Karatas stehen für die jungen Aktiven. Der aktuelle Stand der Dinge zur Situation der Frauen in der Biologie sowie die feministische Kritik an der Evolutionstheorie werden im Schlusskapitel “Hintergrund” einer übersichtlichen Betrachtung unterzogen. Weiterführende Literatur zu den einzelnen Wissenschafterinnen sowie Kurzbiografien der Autorinnen runden “Darwins Schwestern” ab.
Gudrun Fischer - selbst Biologin - hat es sich nicht leicht gemacht die Auswahl unter den Biologinnen und deren Biografinnen zu treffen. Und so ist das Buch auch geworden: Vielfältig wie das Leben, voller Entdeckungen und abwechslungsreich geschrieben. Der große Verdienst des Buches besteht daher nicht in exzellenten Biografien oder dem - unmöglichen - Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist vor allem die Präsentation der Verhältnisse zwischen aufgetürmten Hürden, erbrachten Leistungen und durchlebten Karrieren der Wissenschaftlerinnen, die besticht. Die Biologie ist nämlich nicht nur in sprachlicher Hinsicht weiblich. Unter den Naturwissenschaften ist Biologie jenes Studium, das mit etwa den größten Frauenanteil von der Erstsemestrigen bis zur Absolventin verzeichnen kann. In die Führungsebenen und den Olymp der Forschung schaffen es trotzdem mehr Männer als Frauen.
“Darwins Schwestern” macht naturwissenschaftliche Frauenkarrieren sichtbar, aber auch jene gesellschaftlichen Widerstände und beruflichen Barrieren, die etliche Parallelen quer durch die Zeiten aufweisen. Bei “typischen Frauenkarrieren” kommen die Doppelbelastung als Forscherin und Ehefrau, freie oder erzwungene Entscheidungen zwischen Forschung und Privatleben und weiterer Reibungsverlust, dem Männer niemals ausgesetzt waren oder sein werden, zum Tragen. Es trotzdem zu schaffen, bedeutet anscheined für viele Wissenschafterinnen 150 % anzustreben, 100% zu erreichen und zum Ausgleich zu 50% unzufrieden mit dem Erreichten zu sein. Ein bisschen mehr männliches Streben nach dem “egal, nächstes mal wird’s besser”, ist möglicherweise dem Selbstwertgefühl abträglich, aber der Karriere zuträglicher als jede Perfektion.
Darwins Schwestern waren keine Biologinnen. Ob Darwin die Porträtierten als Kolleginnen wirklich akzeptiert hätte, wage ich zu bezweifeln. So gesehen, finde ich den Titel zwar unpassend, aber verkaufsförderlich und das ist gut so, denn die Botschaft soll bei möglichst vielen LeserInnen ankommen. Ein geniales Buch, das eindeutig nicht nur für Naturwissenschafterinnen geschrieben wurde.
© S. Strohschneider-Laue

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Samstag, 09. Mai 2009

Irma Hildebrandt
Frauen setzen Akzente
Prägende Gestalten der Bundesrepublik
Diederichs 2009, 256 S., 12 Sw-Fotos.
ISBN 978 3 424 35003 6
Frauen setzen Akzente: Prägende Gestalten der Bundesrepublik
Irma Hildebrandt ist Frauenbiografin und das mit einem unglaublichen erzählerischem Talent. In ihrem neusten Werk widmet sie sich zwölf Frauen, die die ersten 60 Jahre der Bundesrepublik Deutschland entscheidend mitgeprägt haben. Die Auswahl zu treffen, ist ihr vermutlich nicht leicht gefallen; denn es gibt wesentlich mehr als nur zwölf Frauen, die zum Werden der Bundesrepublik entscheidend beigetragen haben. Umso erfreulicher ist es, dass Irma Hildebrand sich gerade für diese zwölf Persönlichkeiten entschieden hat. Die Frauen repräsentieren verschiedene Fachbereiche und Weltanschauungen, gebrochene und ungebrochene Lebensläufe, aber vor allem polarisieren sie in sehr differenzierter Weise.
Frauen wurde und wird es nicht leicht gemacht. Und einige sind - auch aus diesem Grund - einen kompromisslosen Weg gegangen, der blutig und unblutig zum persönlichen Scheitern verurteilt war. Trotzdem oder gerade deshalb prägten sie Zeitabschnitte des 60-jährigen Deutschlands durch ihre Aktionen und ihr Streben entscheidend. Es sind also nicht die inhaltsleeren Reichen und Schönen vertreten, die heute für die Medien so wichtig scheinen, sondern inhaltsorientierte Powerfrauen: Hannah Arendt, Hilde Domin, Hildegard Hamm-Brücher, Petra Kelly, Lore Lorentz, Ulrike Meinhof, Angela Merkel, Christine Nüsslein-Volhard, Gesine Schwan, Alice Schwarzer, Dorothee Sölle und Rita Süssmuth. Die ganze Bandbreite der intellektuellen Frauen, die Wissenschaft, Literatur, Philosophie, Theologie, Feminismus, Politik und zuweilen auch blanke Gewalt zu ihren Inhalten erklärten. Sie alle haben gemeinsam, in Deutschland entscheidende Akzente gesetzt zu haben.
Zitate und Schwarzweiß-Fotografien und zentrale Lebensaspekte leiten die jeweils rund 20-seitigen Essays ein. Und was folgt, ist Spannung pur. Zurückhaltend kommentiert, aber niemals unkritisch betrachtet, erzählt Irma Hildebrandt Lebensläufe, die Emigration und Rückkehr ebenso in sich vereinen wie Kritikfähigkeit und Toleranz oder ungebrochenen Kämpfergeist und Forscherdrang. Flexibilität wurde diesen Frauen im hohen Maße abverlangt, aber kaum eine der Unbeugsamen zeichnet sich wirklich durch diese - männlich eingeforderte - sogenannte weibliche Tugend aus. Nur im Porträt der Naturwissenschaftlerin Angela Merkel, die ab 2005 erste Bundeskanzlerin Deutschlands ist, wird sie betont. Aber die Bundeskanzlerin bezeichnete sich ja auch selbst als angepasst und nicht als Heldin.
Literatur- und Bildhinweise beschließen das überaus lesenswerte Buch über Frauen, die wahrhaft in Deutschland Akzente setzten und jene, die es weiterhin tun werden. Fantastisch, ich werde wohl einige Exemplare verschenken und eines davon auf jeden Fall meiner Mutter (*1931) .
© S. Strohschneider-Laue
Frauen setzen Akzente: Prägende Gestalten der Bundesrepublik
siehe auch:
Große Frauen (Diederichs): Porträts aus fünf Jahrhunderten
Bin halt ein zähes Luder: 15 Münchner Frauenporträts
Berühmte Münchnerinnen: 18 Frauenporträts
Provokationen zum Tee. Leipziger Frauenporträts.
Tun wir den nächsten Schritt. 18 Frankfurter Frauenporträts.
Zwischen Suppenküche und Salon. 22 Berlinerinnen.
Mutige Schweizerinnen. 18 Frauenporträts.
Immer gegen den Wind. 18 Hamburger Frauenporträts.
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Montag, 04. Mai 2009

Cordula Bachmann
Warum reiten Hexen auf dem Besen?
Die Kinder-Uni erklärt die Geheimnisse der Hexerei
DVA 2009, 223 S., reich illustriert von Bernd Wiedemann.
ISBN 978 3 4210 4301 6
Warum reiten Hexen auf dem Besen?: Die Kinder-Uni erklärt die Geheimnisse der Hexerei
Es gibt keine dummen Fragen, es gibt nur dumme Antworten. Und bei der Kinder-Uni gibt es grundsätzlich nur kluge Antworten: Viel “Hexen-Warum” wird in diesem Band hinterfragt. Vom wann und wo bis zur Hexenjagd. Warum Frauen und was machen moderne Hexen? Und vor allem warum man so viel über Hexen weiß, wird hier genial erklärt.
Eine kleine Geschichte vorweg und sieben Kapitel gliedern das Hexenthema in gut fassbare Schwerpunkte. Insbesondere “die kleine Geschichte vorweg” macht deutlich wie schnell etwas “einfach so Dahingesagtes” sich im Kopf unlösbar verankern kann. Eine wunderbarerer Einstieg ins Thema und eine perfekte, weil kindgerechte, Diskussionsgrundlage zu allen - nicht nur magischen - Hexenjagden, Verteufelungen und Sündenböcken.
Systematisch werden anschließend Hexen wissenschaftlich “verfolgt”. So wird genau erklärt warum, wo und seit wann es Hexen gibt. Hexen aus aller Welt, wie die Toghebi aus Südkorea oder Mananggal von den Philippinen, werden ebenfalls vorgestellt. Und so mancher Hexenglaube begann mit einer gut erzählten Schauergeschichte, die sich mit den Wünschen und Sehnsüchten der Zuhörer vermischte. Quer durch die Zeiten sind befremdlich wirkende Personen besonders hexenverdächtig. Wesentlich ist, dass sie anders sind als der unauffällige Durchschnittsbürger. Die ganze Lebensweise von Hexen unterscheidet sich jedenfalls deutlich von Nicht-Hexen. Und alle, die von der Norm abweichen, werden noch heute misstrauisch beobachtet oder leider auch mehr als nur beobachtet. Kein Wunder, dass die Inquisition, obwohl sie von allen gefürchtet wurde, mit ihrer Hexenjagd über so lange Zeit so einen großen Erfolg hatte. Und warum vor allem Frauen der Hexerei beschuldigt wurden, wird ebenfalls ausführlich erklärt. Aber die Zeiten haben sich - hoffentlich - geändert und deshalb wird zuletzt noch erzählt, was für moderne Hexen wichtig ist. Schön, dass am Ende des Buches noch eine Auswahl weiterführende Literatur angegeben wird, denn man kann schließlich nie genug wissen.
Superspannend erzählt, gut erklärt und definitiv auch etwas für Erwachsene, die mit (ihren) Kindern diskutieren wollen. “Warum reiten Hexen auf dem Besen” lädt nämlich zum kritischen Denken und zum Diskutieren mit anderen ein. Kritikfähigkeit ist ein wichtiger Lernschritt, um im späteren Leben Bauernfänger zu erkennen, Reales von Irrealem oder Gerechtes von Ungerechtem unterscheiden zu können. Wünschen wir das nicht alle für unsere Kinder? Herdentiere und Lemminge gibt es schon viel zu viele.
© S. Strohschneider-Laue
Warum reiten Hexen auf dem Besen?: Die Kinder-Uni erklärt die Geheimnisse der Hexerei
Und es gibt noch mehr:
Die große Kinder-Uni Wissens-Box
Die Kinder-Uni. Erstes Semester: Forscher erklären die Rätsel der Welt
Die Kinder-Uni. Zweites Semester: Forscher erklären die Rätsel der Welt
Die Kinder-Uni. Drittes Semester: Forscher erklären die Rätsel der Welt
Warum Schabbat schon am Freitag beginnt: Die Kinder-Uni reist in die Welt des Judentums
Die Kinder-Uni. Hat der Weltraum eine Tür?
Ritter durften noch rülpsen: Die Kinder-Uni fragt, woher die Manieren kommen
Tohuwabohu: Die Kinder-Uni erklärt Ordnung und Chaos
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Donnerstag, 09. April 2009

Katja Behling, Anke Manigold
Die Malweiber
Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 37 4
Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Im 19. Jahrhundert gab es zahllose Frauen, die als Künstlerinnen tätig waren. Sie nutzten die wenigen ihnen offen stehenden Ausbildungsmöglichkeiten, stellten aus, gewannen Preise, schlossen sich in Vereinen zusammen und verkauften ihre Werke. Nur in die offizielle Kunstgeschichte haben sie, bis auf wenige Ausnahmen, ihren Weg nicht gefunden. Je radikaler, fortschrittlicher und innovativer die von den Künstlerinnen entwickelte eigene Bildsprache war, desto größer die Ablehnung der zeitgenössischen männlichen Kunstkritiker. Der mutige Bruch mit den bestehenden Geschlechterrollen, die Überwindung äußerer und innerer Barrieren kostete die kunstschaffenden Frauen enorme Kraft. Nicht selten waren Anfeindung und Spott der einzige Lohn. Besser fuhren Künstlerinnen, deren Werke mit Attributen wie charmant, reizend etc. bedacht werden konnten. Solange ihre Lebensführung und ihr künstlerischer Ausdruck einigermaßen den gesellschaftlich zementierten Vorstellungen des Weiblichen entsprachen, wurde ihnen zumindest zu Lebzeiten die Anerkennung nicht verwehrt. Die Zeit überdauert haben auch viele ihrer Werke nicht.
Wahre Wertschätzung zeigt sich im Sammeln, Bewahren und lebendig halten der Erinnerung. Das Ausmaß dessen, was verloren ging oder vernichtet wurde, macht erst die Lektüre eines Buches wie “Die Malweiber” bewusst. So fragwürdig es auch scheinen mag, 45 Künstlerinnen auf mageren 127 Seiten zu präsentieren, ermöglicht es doch einen einzigartigen Vergleich der Biografien und Überlebensstrategien dieser Frauen. Malen konnte jede von ihnen ebenso gut wie ihre männlichen Kollegen. Der Preis, den sie für die Ausübung ihrer Profession zu zahlen hatten, war ungleich höher. Der Balanceakt zwischen ersehnter Freiheit zur künstlerischen Verwirklichung und der Erfüllung weiblicher Pflichten gelang nur wenigen. Ehemänner oder Lebensgefährten, die sich willig zeigten, ihr Ego hintanzustellen und ihre Frauen zu unterstützen waren die Ausnahme. Von jenen Künstlerinnen, die nicht allein oder mit einer anderen Frau zusammenlebten, gaben viele wegen der Familie ihre künstlerischen Ambitionen frühzeitig auf oder pausierten. Andere stellten sich in den Schatten ihrer berühmteren Männer und verschrieben sich der Pflege deren Nachlasses anstatt jener des eigenen Werkes. Ohne Menschen, die ihre Arbeiten schätzen, ohne Fürsprecher, Förderer und Nachlassverwalter liefen und laufen Künstlerinnen Gefahr, vergessen zu werden. Wer liebender Verwandter entbehrt und von den Torwächtern des Kunstbetriebes, den Kritikern, Wissenschaftlern, Kuratoren und Galeristen, totgeschwiegen wird, der verschwindet in der Versenkung. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist keine Erscheinung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nur wessen Name in aller Munde ist, geradezu gebetsmühlenartig wiederholt wird, findet Aufnahme ins kulturelle Gedächtnis.
“Die Malweiber” leistet einen Beitrag, die Namen von Künstlerinnen in die Welt hinauszutragen und das Interesse für sie zu schüren. 45 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden von Katja Behling und Anke Manigold für ihr Buch ausgewählt: Paula Moderson-Becker, Marie Bock, Clara Rilke-Westhoff, Louise Moderson-Breling, Katharina Bamberg, Elisabeth Büchsel, Antonie Biel, Clara Arnheim, Henni Lehmann, Anna Gerresheim, Elisabeth von Eiken, Anna Natalie Sinnhuber, Margarethe Sinnhuber, Helene Neumann, Alma del Banco, Anita Rée, Käte Lassen, Julie Wolfthorn, Augusta von Zitzewitz, Clara Siewert, Charlotte Berend-Corinth, Dora Hitz, Käthe Kollwitz, Ida Braubach, Mathilde Knoop-Spielhagen, Mathilde Battenberg, Viktoria von Preussen, Anna Klein, Maria Langer-Schöller, Emmi Walther, Paula Wimmer, Johanna Oppenheimer, Marianne Werefkin, Lolo von Hornstein, Waltraut Niepmann, Gabriele Münter, Sophie Taeuber-Arp, Clara von Rappard, Louise Breslau, Aloïse Corbaz, Bronica Koller, Tina Blau, Helene Funke, Marie-Louise von Motesiczky und Else Lasker-Schüler. Ihren knappen Biografien ist eine Einleitung, die sich mit den Ausbildungsbedingungen von Frauen im Kunstbetrieb und der Bedeutung von Künstlerkolonien auseinandersetzt, vorangestellt. Bestimmend für die Gliederung des Buches sind die Arbeitsorte der Künstlerinnen - sei es ländliche Künstlerkolonie oder Großstadt. Jeder wird kurz vorgestellt, doch leider beleben diese Texte nur Zitate von Männern, die sich überschwänglich zur Schönheit der Orte und ihren Besonderheiten äußern. Wäre es in einem Buch über Künstlerinnen nicht interessanter zu erfahren, wie es ihnen dort gefiel? Und so las ich “Die Malweiber” mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend weil jede Publikation über Künstlerinnen zählt, weinend weil hier den einzelnen Persönlichkeiten so wenig Platz eingeräumt wird. Zwischen einer und vier Seiten sind die - Text, Foto der Künstlerin und Werkbeispiele umfassenden - Biografien lang. Oder sollte ich sagen: kurz? Die Möglichkeit zusätzliches Bildmaterial in der Einleitung und auf Schmuckseiten unterzubringen, wurde bedauerlicherweise nicht ausgeschöpft. Stattdessen finden Bilder zweimal Verwendung, Katharina Bambergs “Schafstall auf Hiddensee” ist sogar dreimal abgebildet.
Das Buch “Die Malweiber” ist Zusammenfassung und potentieller Ausgangspunkt zugleich. Paula Moderson-Becker und Käthe Kollwitz haben bereits Aufnahme in den “Kanon” der Kunstgeschichte gefunden. An ihnen kommt man nicht mehr so leicht vorbei. Einige der in dem Buch vorgestellten Malerinnen wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt und mit Ausstellungen gewürdigt. All jenen, die bislang nur in Sammelbänden aufscheinen, wünsche ich eine Monografie, reich an Abbildungen und Originalzitaten. Damit auch ihre Stimme gehört wird.
© Ch. Ranseder
Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
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Tags:Österreich, Biografie, CRans, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 50/09, Gender, Kunst, Moderne, Schweiz
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Freitag, 20. März 2009

Bärbel Danneberg
Alter Vogel, flieg!
Promedia 2008, 206 S.
ISBN 978 3 85371 286 3
Alter Vogel, flieg!: Tagebuch einer pflegenden Tochter
Der Schmerz sitzt beim Lesen im Herz. Mit jeder Seite nimmt er zu. Bärbel und Julius haben Else zu sich genommen. Else ist über 90, ihr langes Leben neigt sich dem Ende zu. Mit jedem Monat, jeder Woche und zuletzt fast jedem Tag wird ihr Körper schwächer, ihr Gedächtnis brüchiger und die Demenz wächst unabwendbar. Die gemeinsame Gefangenschaft in Wohnung und Haus lässt Bärbel verzweifeln und die wenigen Möglichkeiten, dem Gefängnis der Pflege und Betreuung zu entfliehen, sind die kargen Tankstellen. Zugleich aber entdecken Julius und sie einander immer wieder in neuen Rollen und neuer Nähe. Und Else lebt zwischen ihnen in ihren eigenen Welten, zu denen niemand mehr Zutritt hat.
Ein Buch, in dem zwischen dem ganz normalen Alltag der Pflege und Betreuung einer alten, dementen Mutter immer deutlicher wird, wo gesellschaftliches und politisches Totalversagen pflegende Angehörige einem gnadenlosen Schicksal überlässt. Erst der Tod bringt die Erlösung für alle Beteiligten und ist zugleich schmerzlicher Verlust.
Wie in diesen Jahren aber Beziehung gelingt zwischen Bärbel, Julius und Else, wie in diesen Jahren Lernen durch Krise gelingt, hilft jenen, die noch vor dieser Situation der Pflege und Betreuung dementer alter Menschen stehen oder mitten in ihr, Kraft zu schöpfen und sich nicht allein und verlassen zu fühlen. Ein bewegendes, dichtes und starkes Buch einer starken Frau.
© B. Meinhard-Schiebel
Alter Vogel, flieg!: Tagebuch einer pflegenden Tochter
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Donnerstag, 05. März 2009

Feminismus ist nicht neu

Begrüßung und Eröffnung
Der Women’s World Congress (4. bis 5. März ‘09) im Wiener Rathaus muss sich gefallen lassen, schlecht beworben worden zu sein. Er hat nämlich seine Zielgruppe nicht erreicht. Wie von etlichen Frauen, die auch nur durch diverse Zufälle vom Kongress erfahren hatten, bemerkt wurde. Zumindest wurden Frauen nicht am ersten Tag herbeigelockt - und übrigens auch nicht am zweiten. Und da nutzte auch die enorme Zeitverzögerung zu Beginn nichts, die ging nur zu Lasten des ersten Themenblockes. Der Festsaal blieb zu leer und er wurde noch wesentlich leerer als die Journalisten nach der Eröffnung ebenso verschwanden wie die Stadträtin für Frauenfragen und nach der Pause die hinteren Stuhlreihen.

Feminismus im Wandel:
Brauchen wir einen “neuen” Feminismus?
Schön ist, dass sich der Feminismus trotzdem nicht umbringen lässt - auch wenn das natürlich nicht Ziel der ansonsten sehr engagierten Veranstaltung ist, sondern das genaue Gegenteil. Feminismus lässt sich auch nicht umbenennen. Auch wenn die Politik es gerne sähe, wenn das Wörtchen “neu” davor stünde. Etwa so wie beim ÖGB “neu” von allerlei ablenken soll. “Neu” macht es zum Beispiel nämlich nicht besser, dass Österreich beim Einkommen der Frauen fast das Letzte ist. Also um genau zu sein: Österreich rangiert an unter den EU-Ländern an 26. Stelle, was zahlenmäßig fast deckungsgleich mit 25,5% weniger Lohn für Frauen ist. Die feurige Eröffnungsrede von Stadträtin Sandra Frauenberger in der “neu” eine tragende Rolle spielte, stieß deshalb nicht auf ungeteilte Zustimmung im Laufe der Veranstaltung. Wie besonders eloquent von Sibylle Hamann zusammengefasst wurde, dass für feministische Anliegen “neu” nicht kennzeichnend sei. Mal ganz abgesehen davon, was war denn am “alten” Feminismus so schlecht, wenn er uns Frauen doch soviel gebracht hat, dass wir “neu”erdings wieder verlieren? Mal abgesehen davon, dass der alte Feminismus noch so viele offene Forderungen hat.

Multikulturalität und Feminismus:
Wo bleiben die Migrantinnen?
Der Unterschied zu den “alten” Zeiten, die noch gar nicht lange her sind, ist, dass sich in der Forschung viel getan hat; Gender Mainstreaming macht den Inhalt verwaltbar, ändert aber nichts an der Realität. Und nichts scheint ein erfreuliches Ergebnis zu bieten. “Männer sind noch immer nicht kinderlos” wie Alexandra Weiss treffend zu hierarchischer Heterosexualität und dem konservativem Bild als Rettungsanker bemerkte. Dass es Männer mit Feminismus wirklich schwer haben, legte Erich Lehner dar. Die Privilegierten, haben eine interne Hackordnung, die den Nährboden für die geringe Präsenz in der Familie, geringe Lernintention, Konkurrenzstress und Gewaltneigung bietet. Da kann man ganz schnell vom Alpha zum Omega werden, wenn man bei der Familienarbeit in die Pflicht genommen wird.
Dass der moderne Feminismus nicht mehr auf die Straße geht wurde bei der Vorstellung des Missy Magazine durch Stefanie Lohaus deutlich. Missy dient nicht der Selbstverbesserung, sondern unter anderem Vielfalt sichtbar zu machen. Sehr gut, denn die Anliegen des Feminismus sind ebenso vielfältig, wie die Frauen selbst. Ich werde mir die neue Ausgabe zu legen, denn allein der Spruch “Missy ist gut, nicht ‘obwohl’, sondern ‘weil’ es von Feminismus handelt” so genial. Junges - nicht “neues” - feministisches Engagement findet über Publikationen, im Internet statt und es geht frische, engagierte, selbstbestimmte Wege wie Amanda Ruf aufzeigte, denn kein Mädchen ist wie Barbie.

Barbie weint nicht
Das Motto unter dem die 10 “Barbie”-Kuben der Ausstellung anlässlich der 10 Jahre ”Amazone” stehen. Die Bemerkung, dass es eine Angela-Merkel-Barbie gäbe, löste allerdings bei mir folgende feministische Assoziation aus: Wird Barbies Ken zu Helmut Kohl?
Eine Forderung des “neuen” Feminismus ist es, die Migrantinnen zu berücksichtigen. Als ob Feminismus Frauen klassifizieren würde. Migrantinnen sind kein monolithischer Block. Es geht nicht um feministische Missionierung. Es geht um pluralistische Betrachtung. Wobei eine Selbstreflexion der weißen Frauenbewegung nie schaden kann, wenn es um Farbe bekennen geht, wie Belinda Kazeem formulierte.

Gewalt, Geschlecht, Kultur:
Wege aus der Sackgasse
Menschenhandel und Sklaverei sind ein massives Problem. Kinder, Frauen und Männer sind davon betroffen. Und es fand gestern, findet gerade jetzt und morgen statt, überall, jederzeit, immer wieder und unvorstellbar grausam in seiner Menschenmassen (12 Millionen!) traumatisierenden Vielfalt. Und wieder sind die meisten Opfer Frauen. Opfer, Überlebende und überraschend häufig Täterinnen. Häufiger als in allen anderen Formen der Gewalt. Joana Adesuwa Reiterer beleuchtete die (Un)Perspektive der Opfer:
Glaubt mir jemand?
Wird mir geholfen?
Wem kann ich trauen?
Schadet es meiner Familie?
Männer sind Konsumenten und dadurch Förderer der sexuellen Ausbeutung. Und Vergewaltigung ist das größte Kriegsverbrechen. Edith Schlaffer weist daher deutlich darauf hin, dass Sicherheit ein abstrakter Begriff ist und dass Angriff die beste Verteidigung ist. Und der stete Angriff hat mit Worten zu erfolgen und nicht mit Waffen oder Schweigen. Deshalb sollten alle Menschen sich die Worte von Betty Williams zu Herzen zu nehmen: Nicht schweigen, aufzeigen, reden, Verständnis für einander erwirken, aufklären und vor allem sofort aktiv werden. Ihr Wunsch ist es, dass Frauen nach diesem Kongress dazu motiviert sind.
Das ist auch mein Wunsch und hoffentlich werden am zweiten Tag mehr Frauen erreicht.
Und um noch einmal die treffsichere Sybille Hamann zu zitieren:
Feminismus macht das Leben schöner.
Feminismus tut nicht nur Frauen gut.
Feminismus bringt handfeste ökonomische Vorteile.
Ohne Feminismus verschwenden wir Ressourcen.
© S. Strohschneider-Laue
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Dienstag, 03. Februar 2009

Dido Nitz
M. I. Hummel
M. I. Hummel Ich will Freude machen!
Eine schicksalhafte Frauenkarriere
arsEdition 2009, Dt/Engl., 224 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7607 2964 0
Ich will Freude machen: Eine schicksalhafte Frauenkarriere
Sechs Kinder hatten die Kaufleute Adolf und Viktoria Hummel aus Massing an der Rott in Niederbayern. Eines davon, Berta (* 21. Mai 1909), wurde weltberühmt. Bertl war ein lebhaftes Kind, das nicht gerne stillsaß, aber die Welt trotzdem verträumt betrachten konnte. Und sie zeichnet nicht nur gerne, sondern auch sehr gut. Auf dem Internet Marienhöhe darf sie später sogar den Zeichensaal außerhalb der Schulstunden nutzen. Mit einem guten Zeugnis bewirbt sie sich 1927 auf der Staatliche Kunstgewerbe Schule in München, die sie ebenfalls mit ausgezeichneten Zeugnissen 1931 verlässt. Bereits ein Jahr zuvor hat sie um die Aufnahme bei den Franziskanerinnen in Sießen angesucht. Und so wird schließlich aus ihr Maria Innocentia Hummel und bereits 1932 begann die unglaubliche Hummel-Erfolgsgeschichte mit Kinderzeichnungen und Fleißbildchen. 1934 fallen die niedlichen Kinderbilder schließlich dem Vertreter der Porzellanmanufaktur W. Goebel auf. 1935 werden die ersten Hummel-Figuren präsentiert und beginnen ihren Siegeszug - bis zu ihrem Produktionsende 2008 - um die Welt. Und dabei war Hummels Werk vielfältiger. Trotzdem kennen die meisten “nur” Hummels pummelige Kleinkinder, die die Nazis übrigens als entartete Kunst mit “Darstellungen von klumpfüßigen Dreckspatzen” bezeichneten. Die Reichskammer der bildenden Künste nahm die Franziskanerin dennoch auf. Eine Ablehnung wäre einem Berufverbot gleichgekommen und das Deutsche Reich wäre um sehr viele Reichsmark ärmer gewesen, die als Steuergelder, Dank des enormen und weltweiten Hummel-Erfolges, in die Staatskasse flossen.
Anlässlich ihres 100. Geburtstages wird das kurze Leben, Wirken und Sterben der Franziskanerin Maria Innocentia “Bertl” Hummel von Dido Nitz akribisch und liebevoll zugleich eingefangen. Begleitet wird der übersichtlich gegliederte Band von unzähligen Familienbildern, Zeitzeugnissen und natürlich den Werken der Ausnahmekünstlerin selbst. Abgerundet wird die gut recherchierte Biografie im Anhang durch Fußnoten, Bildnachweise und Adressen. Zweisprachig auf Deutsch und Englisch abgefasst, wird die Publikation auch die zahllosen Fans in Amerika ansprechen. Das grafisch exzellente Layout wird für Bibliophile noch mit rotem Lesebändchen und einem Schuber abgerundet. Ein herrlicher Prachtband, der der talentierten Künstlerin und frommen Ordensfrau ein würdiges Denkmal setzt.
© S. Strohschneider-Laue
Ich will Freude machen: Eine schicksalhafte Frauenkarriere
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Freitag, 14. November 2008

Eindeutig zweideutig zum Quadrat

Es geht um Sechs, Sixpack oder doch um Sex?
Obiges grüne Äpfelchen kam im Sixpack und verkündete trotzdem einmalig stolz ”Sechs mit Sexappeal”!
Mit diesem Äpfelchen ist es eindeutig bewiesen: Es ging damals im Paradies - als unsere Ur-zum-Quadrat-Großeltern noch nicht aus Kostengründen nackt herumliefen und auch deshalb ganz verschieden aussahen - um nichts anderes als 6! Und weil drei eine heilige Zahl ist, ist es nicht verwunderlich, dass drei 6-Äpfel mathematische tierische Probleme von satanischen Ausmaßen verursachen, an dem vor allem pubertierende Schüler besonders zu beißen haben.
Und weil Eva Adam zu jener 6-Apfel-Erkenntnis verhalf, zu der er von alleine gar nicht gekommen wäre, sind die heutigen ungesunden Potenzmittelchen klein, rauten-(nein, nicht alraunen)förmig und blau statt gesund, rund und apfelfarben.
© S. Strohschneider-Laue
Siehe auch: Apfeliges Copyright
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Dienstag, 28. Oktober 2008

Alexandra Lapierre, Christel Mouchard
Frauen erobern die Welt
Abenteuer - Reisen - Expeditionen. Unterwegs auf fernen Kontinenten
Aus dem Französischen von Franziska Weyer
Flammarion (im Vertrieb von Prestel) 2008, 240 S., zahlreiche Abb.
ISBN 978 2 08 020067 9
Frauen erobern die Welt
Die von Alexandra Lapierre und Christel Mouchard für ihr Buch “Frauen erobern die Welt” ausgewählten weiblichen Reisenden bewiesen Neugier, Mut, Durchhaltevermögen, Organisationstalent, Improvisationsgeschick, Durchsetzungskraft, diplomatisches Fingerspitzengefühl und Führungsqualitäten. Forscherinnen erprobten ihr Fachwissen im Feld und zeigten ihre Fähigkeit wissenschaftlich zu arbeiten. Müßiggängerinnen genossen es, neue Erfahrungen zu sammeln. Literarisch Ambitionierte erwiesen sich als begnadete Reiseschriftstellerinnen. Netzwerkerinnen bemühten sich um internationale Beziehungen.
Jede der 31 porträtierten Frauen ist einzigartig. Familiäre Hintergründe, Vermögensverhältnisse und Lebensläufe weisen kaum Übereinstimmungen auf. Und doch eint diese Frauen der eiserne Wille zu einem selbstbestimmten Leben.
Die aktive Reisetätigkeit der, von den Autorinnen für das attraktiv gestaltete Buch ausgewählten, fernwehgeplagten Damen fällt - bis auf drei Ausnahmen - in die Jahre von 1850 bis 1950. Es ist eine Zeitspanne des gesellschaftlichen Umbruchs, in der es Frauen gelingt, sich im bewussten oder unbewussten Aufbegehren gegen herrschende Rollenbilder Freiräume zu schaffen. Die Protagonistinnen des Buches “Frauen erobern die Welt” waren Pionierinnen, auch wenn sie sich meist nicht als solche empfunden haben.
Vorgestellt werden: Catalina de Erauso, Aphra Behn, Isabel Godin des Odonais, Ida Pfeiffer, Alexine Tinne, Mary Seacole, Florence Baker, Isabella Bird, May French Sheldon, Marianne North, Jane Dieulafoy, Fanny Stevenson, Mary Kingsley, Fanny Bullock Workman, Gertrude Bell, Margaret Fountaine, Daisy Bates, Nellie Bly, Isabelle Eberhardt, Charmian Kittredge, Alexandra David-Néel, Freya Stark, Karen Blixen, Evelyn Cheesman, Rosita Forbes, Margaret Mead, Ella Maillart, Osa Johnson, Odette du Puigaudeau, Anita Conti, Emily Hahn.
Dass auf den 240 Seiten eines reich bebilderten Buches die Lebensgeschichten von 31 Frauen nur oberflächlich abgehandelt werden können, liegt auf der Hand. Ein echtes Ärgernis ist jedoch die stellenweise bemüht lockere Wortwahl, die wenig dazu beiträgt Klischees zu entkräften. Als kleine Kostprobe mag ein Kommentar zur Reisetätigkeit englischer Frauen genügen: “… , da das viktorianische Zeitalter zahlreiche Damen hervorbringt, die wie sie mit steifem Kragen, Hutschleier und Sonnenschirm, manchmal auch mit Staffelei oder Schmetterlingsnetz, aber immer mit einer ansehnlichen Rente und Empfehlungsschreiben, die Kontinente abgrasen. Sie alle sind ältliche Jungfern, ehrenhaft und einsam, ungestüm und doch so sittsam.” Die Frau, deren Porträt diese Worte einleiten, ist Marianne North (1830-1890), die als 40-Jährige aufbricht, um Pflanzen ferner Länder auf Leinwand festzuhalten. 832 ihrer Gemälde können noch heute in der Marianne North Gallery, Royal Botanic Gardens, Kew bewundert werden. Um zu malen, bereiste Marianne North, unter anderem, Amerika, Kanada, Jamaica, Brasilien, Chile, Japan, Borneo, Indien, Ceylon, Südafrika, Australien und Neuseeland. Selbst in Zeiten des Langstreckenflugs ist das eine beeindruckende Leistung. Vor allen, wenn es sich nicht um sinnentleertes Jetsetten, sondern um die Erfüllung einer selbst gewählten Aufgabe, also um Arbeit, handelt.
“Frauen erobern die Welt” ist ein Buch, das so manches “Aha-Erlebnis” bereithält. Die unerschrockenen Fernreisenden durchquerten Wüsten, unwirtliche Berglandschaften und den Dschungel, engagierten sich für Eingeborene oder in Kriegen verwundete Landsmänner, sammelten Informationen oder Insekten und fanden Wege ihre Erlebnisse einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Die 31 - aus Kurzbiografie, historischem Bildmaterial und einem Zitat bestehenden - Steckbriefe machen mit faszinierenden Persönlichkeiten bekannt. Schlussfolgerungen und Entwicklungstendenzen werden in Texten präsentiert, die das Buch in zeitliche Abschnitte gliedern. “Frauen erobern die Welt” ist ein Coffee Table Book dem es gelingt, die Lust zu wecken, sich mittels anderer Quellen eingehender mit den vorgestellten Frauen und ihrem Werk zu beschäftigen.
© Ch. Ranseder
Frauen erobern die Welt
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Freitag, 24. Oktober 2008

Endlich 1968 - Film
die 68er sind in die Jahre gekommen
Ein Film von Herbert Link 2008, 55′
1968 wurde ich sieben Jahre und kam in die Grundschule. Wenn man mich zu 1968 befragt, fallen mir trotzdem spontan Dinge, wichtige Ereignisse dieser Zeit ein. Wahrscheinlich, weil die Ereignisse in meiner Familie diskutiert wurden oder wir direkt betroffen waren: Studentenunruhen, Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei, Martin Luther King und Robert Kennedy erschossen, Brandanschlag auf Kaufhaus in Frankfurt und Demonstrationen gegen den Springer Verlag. Und es fällt mir ein Urlaub in Österreich ein, bei dem Betrunkene im Wirtshaus in Deutschland verbotenes Liedgut anstimmten und einem jungem Wiener die langen Haare von der grölenden Dorfjugend abgeschnitten wurden. Erinnerungen, die sich mir erst nach und nach inhaltlich erschlossen haben. Erschlossen, weil ich von der 68er Bewegung ausgelösten Bildungsreform des Deutschen Schulsystems profitierte. Den 68ern habe ich zu verdanken, dass ich in einem meinungsbildenden, kritischen Umfeld aufgewachsen bin und auch in der Schule zum kritischen Hinterfragen und freien Meinungsaustausch ausgebildet wurde. Und den 68ern habe ich es zu verdanken, dass ich als heranwachsende Frau am sich neu formierenden Feminismus und dessen Erfolge teil hatte. Mit Österreich verband ich bezogen auf 1968 höchstens den Wiener Aktionismus, Sigi Maron und sonst nichts und niemanden. Und Sigi Maron war mir auch nur bekannt, weil meine Jugendfreundin, die in ihrer Schule in den 70er Jahren in den Pausen noch im Kreis gehen musste, seine Kritik so schätzte.
1968 war doch in dem kleinen und bescheidenen Österreich spürbar. Es gab Empörung, es gab junge Menschen, die das eine oder andere, mehr oder minder laut in Frage stellten. Es gab StudentInnen, die feststellten, das weite Bevölkerungsteile von partieller politischer Amnesie befallen waren, die ihnen ein Leben in selig unbehelligter Verantwortungslosigkeit ermöglichte. Zumindest lässt das der Film von Herbert Link, der im “Endlich 1968. Die 68er sind in die Jahre gekommen” vermuten.
Herbert Link lässt Menschen, die 1968 erwachsen waren, zu Wort kommen. Gibt ihnen Plattform über die Ereignisse und ihr Leben zu dieser Zeit und danach zu sprechen. Nicht alle Interviewten sind Österreicher, nicht alle waren zu dieser Zeit hier und nicht jeder konnte sich mit den rebellischen Zeitgeist junger Menschen im Aufbruch zu neuen geistigen Ufern identifizieren. Sie sind ZeitzeugInnen von Entwicklungen geworden, die auch die “Geschöpfe der Agonie” - wie Thomas Bernhard die Österreicher 1968 bezeichnete - erfasste.
Zu Wort kommen:
Bruno Aigner - Pressesprecher des Bundespräsidenten
Gertrude Fröhlich-Sandner - Vizebürgermeisterin i. R.
Dirk Jarré - Soziologe
Wolfgang Kos - Historiker und Museumsdirektor
Julia Logothetis - Bildende Künstlerin
Said Manafi, Filmemacher
Birgit Meinhard-Schiebel - Vorsitzende der Grünen Senioren Wien
Sigi Maron - Liedermacher
Joop Roeland - Priester
Andreas Unterberger - Chefredakteur
Werner Vogt - Arzt und Publizist
Emmy Werner - Theatermacherin
Vierzig Jahre schaffen Distanz. Manche Aktion wird heute als Abenteuer oder - gescheitertes - Experiment bewertet. Etliches wurde als spannendes Neuland entdeckt, an dem man andere teilhaben lassen wollte. Und es gab jene, die plötzlich mit offenen Augen hässliche Wirklichkeiten erblickten, die sie nie für Wahrheiten gehalten hätten und die es durch sie zu bekämpfen galt. Es kommen in dem Film die ewigen Rebellen genauso zu Wort wie jene, die sich erst nach und nach zu RebellInnen entwickelt haben und solche, die sich konformistisch etabliert haben oder nie einen Grund zum Aufbegehren wahrgenommen haben. Sieben Männer und vier Frauen sprechen sehr persönlich über 1968 und die Folgen.
Eine Dokumentation, die viel Anlass zur Diskussion bietet. Eine angeregte kritische Diskussion von der man nur hoffen kann, dass sie folgen wird; denn 1968 ist vorbei und wir haben stattdessen 1984 in einem untragbaren Ausmaß zugelassen. Junge Wilde werden in Zeiten wirtschaftlicher Katastrophen, totaler Überwachung und in Zeiten in dem sich Armut zum Frauenprivileg entwickelt, systematisch am Denken gehindert.
Brave new world!
© S. Strohschneider-Laue
Siehe und höre Mediathek: 1968 Zeitzeugen
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Mittwoch, 11. Juni 2008

Christiane Schmerl
Und sie bewegen sich doch…
dgvt Verlag 2006, 370 S.
ISBN 978 3 87159 062 7
Und sie bewegen sich doch …: Aus der Begegnung von Frauenbewegung und Wissenschaft
Dass Christiane Schmerl etwas auszusagen hat, hat sie immer wieder aufs Neue bewiesen und dies benötigte eigentlich keine besondere Betonung mehr. Aber man kann nicht genug hervorheben, dass ihre inhaltlich pointierte wie sprachlich geniale Herangehensweise wesentlich dazu beigetragen hat, Ansprüche der Frauenbewegung lesenswert zu machen; denn das ist in der Frauenbewegung und Genderforschung, in der die Schwere der Erkenntnisse die Leichtigkeit der Feder belastet, nicht selbstverständlich. Ein Viertel Jahrhundert ihrer Forschungen liegen in diesem Band als komprimierter Überblick vor und tragen noch immer maßgeblich dazu bei Sichtweisen zu wandeln.
An keiner anderen Stelle können in sechs Kapiteln Stationen der Frauenbewegung(en) nachvollzogen und zugleich die Höhen und Tiefen im gegensätzlichen Diskurs und zur Selbstreflexion anregend ausgelotet werden. Erkenntnisse, Kritikpunkte und Leistungen der Frauenbewegung werden vorgestellt und im betreffenden Kontext ausgewertet. Ausgehend von einer kulturhistorischen Betrachtung, werden infolge Eroberung und Wandlung der etablierten Wissenschaft durch Frauen analysiert. Ein Prozess, der auch anhand von konkreten Beispielen einer kritischen und immer wieder aktuellen Betrachtung unterzogen wird. Der so genannte „Exkurs” zeigt, dass das öffentliche (Medien-)bild der Frau konträr zum Fortschritt der kulturellen, rechtlichen wie ökonomischen - mal abgesehen davon, dass Frauen noch immer rund 30% weniger verdienen als Männer in gleichen Positionen - steht. Zuletzt werden im Kapitel anhand sechs ausgewählte Biografien kreativer Paare - Lillian Hellman/Dashiell Hammet, Margaret Mead/Gregory Bateson, Marie Sklodowska/Curie Pierre Curie, Simone Schwarz-Bart/André Schwarz-Bart - aufgezeigt ob, wo und wie Gechlechtergrenzen für- und miteinander und unter welchen Voraussetzungen verschoben wurden.
Pointiert, spannend von der ersten bis zur letzten Seite und mit einem umfangreichen Literaturanhang ausgestattet liegt mit dieser Publikation ein unverzichtbarer Sammelband im Spannungsfeld von Frauenbewegung und Wissenschaft vor.
© S. Strohschneider-Laue
Und sie bewegen sich doch …: Aus der Begegnung von Frauenbewegung und Wissenschaft
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Mittwoch, 11. Juni 2008

Ingrid Pfeiffer, Max Hollein (Hg.)
Impressionistinnen
Hatje Cantz 2008, 320 S. 305 Abb., davon 274 farbig
ISBN 978 3 7757 2078 6
Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond
Eine pausbäckige junge Frau blickt auf ihr Schoßhündchen und krault ihm den Hals. Die Darstellung des Hundes ist beinahe eine Karikatur. Zwei Knopfaugen lugen aus dem zotteligen mit kräftigen, langen Pinselstrichen wiedergegebenen Fell hervor. Die knubbelige Nase ist leicht gerötet und das Maul wird nur mit einem kurzen braunen Strich angedeutet. Der Körper des Hundes bleibt konturlos. Sein Hinterteil verblasst ins Nichts. Und dennoch möchte man lachen, so gut hat die Malerin den Charakter des kleinen Köters eingefangen.
Berthe Morisot gelingt es in dem 1887 entstandenen Gemälde “Mädchen mit Hund” bravourös die Essenz der Dargestellten und den Zauber des Augenblicks mit wenigen dynamischen Pinselstrichen einzufangen. Berthe Morisot (1841-1895) zählt gemeinsam mit ihren Zeitgenossinnen Mary Cassatt (1845-1926), Eva Gonzalés (1847-1883) und Marie Bracquemond (1840-1916) zu jenen Frauen, denen es im 19. Jahrhundert gelang, sich in der von Männern dominierten Kunstszene als Malerinnen einen Namen zu machen. Als angesehene Vertreterinnen des Impressionismus waren sie zu Lebzeiten durchaus erfolgreich. Doch Kunstgeschichte wurde jahrzehntelang von Männern geschrieben, die wenig von den Leistungen der Frauen hielten. Sie marginalisierten Künstlerinnen und gaben ihre Werke dem Vergessen preis. Zum Umschwung kam es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt Dank der feministischen Forschung. Dennoch ist der Prozess Künstlerinnen wieder sichtbar zu machen und ihnen den gebührenden Platz sowohl in der Kunstgeschichtsschreibung als auch in der öffentlichern Wahrnehmung einzuräumen, noch lange nicht abgeschlossen. Ausstellungen wie die kürzlich in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu Ende gegangene Schau “Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalés, Marie Bracquemond” erfreuen daher ganz besonders. Viele wichtige Beiträge zur Kunstgeschichte sind Ausstellungsprojekten zu verdanken. Die aus der Präsentation der vier Künstlerinnen des Impressionismus in der Schirn Kunsthalle hervorgegangene Begleitpublikation “Impressionistinnen” ist einer von ihnen.
Dass Ausstellungskataloge mit reichhaltigem, technisch hervorragend wiedergegebenem Bildmaterial aufwarten und die Exponate möglichst umfassend präsentieren, ist mittlerweile nichts Neues. Was das Buch “Impressionistinnen” in das Spitzenfeld der Kunstbuchproduktion katapultiert, ist die außergewöhnliche Qualität der Textbeiträge. Die Autorinnen und Autoren haben eine ganzheitliche Herangehensweise an Leben und Werk der vier Künstlerinnen gewählt. Sie verweben Biographie, Werkanalyse, Kunst- und Sozialgeschichte zu facettenreichen, wissenschaftlich fundierten Essays, die inhaltliche Tiefe mit exzellenter Lesbarkeit vereinen.
Ingrid Pfeiffer macht in “Der Impressionismus ist weiblich - Zur Rezeptionsgeschichte von Morisot, Cassatt, Gonzalés und Bracquemond” mit den vier Künstlerinnen bekannt. Sie analysiert wie die Arbeiten der vier Frauen im Rahmen des Impressionismus von zeitgenössischen Kritikern wahrgenommen wurden und welche Bewertungen sie durch nachfolgende Generationen von Kunsthistorikern erfuhren.
Linda Nochlin nimmt sich in “Morisots Amme - Arbeit und Freizeit in der impressionistischen Malerei” der Motivwahl der Malerinnen und ihrer männlichen Kollegen an.
Sylvie Patry widmet sich in “‘Etwas festhalten von dem, was vorüberzieht’ - Berthe Morisot und der Impressionismus” Morisots Arbeitsweise, ihrer Themenwahl sowie Kompositions- und Maltechnik.
Hugues Wilhelm leitet mit “Sieben unveröffentlich Briefe von Mary Cassatt an Berthe Morisot und deren Tochter Julie Manet” zu dem Mary Cassatt gewidmeten Themenblock über.
Griselda Pollock analysiert in “Mary Cassatt - Berührung und Blick oder Impressionismus für denkende Menschen” die Bildsprache der amerikanischen Malerin, die eine Meisterin der Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen war.
Pamela A. Ivinsky zeigt in “‘Mit einer festen und kräftigen Hand’ - Mary Cassatts Techniken und Fragen des Geschlechts” wie sich Cassett im Lauf ihrer künstlerischen Entwicklung die unterschiedlichsten Techniken zu Eigen machte und welche Reaktionen sie dabei bei den Betrachtern ihrer Arbeiten erzielte.
Marie-Caroline Sainsaulieu vergleicht in “Eva Gonzalés und Henri Toulouse-Lautrec - Das expressive Rot” wie Gonzalés und Toulouse-Lautrec die Farbe Rot in ihren Bildern einsetzten.
Jean-Paul Bouillon verfolgt in “Marie Bracquemond - Die Dame mit dem Sonnenschirm” den Verlauf der kurzen Karriere der vielseitigen Künstlerin, die im Salon und bei den Impressionistenausstellungen reüssierte und dennoch ihre Tätigkeit auf Drängen ihres Ehemanns aufgab.
Anna Havemann führt in “Vorwärts marsch - Der Kampf der Künstlerinnen um berufliche Anerkennung in der Kunstwelt des 19. Jahrhunderts” vor Augen mit welchen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sich Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts konfrontiert sahen. Von historischen Fotografien begleitete Lebensläufe der Künstlerinnen runden das gelungene Buch ab.
Die Arbeiten von Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalés, Marie Bracquemond können von 21. Juni bis 21. September 2008 noch im Fine Arts Museum of San Francisco bewundert werden.
© Ch. Ranseder
Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond
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