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Von Fischen, Vögeln und Reptilien

Mittwoch, 23. November 2011

Von Fischen, Vögeln und Reptilien
Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

ÖNB Prunksaal
24. November ‘11 bis 29. Januar ‘12

Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

Nilkrokodil

1492 vergrößerte sich die Welt ins Unermessliche. Nach der Entdeckung Amerikas gab es kein Halten mehr. Jeder, der etwas auf sich hielt und es sich verschaffen konnte, wollte ein Stück von der Welt haben. In der Renaissance ging daher in einigen Reichen die Sonne nicht mehr unter, während so manchem Reichen endlich ein Licht aufging. Es begann die Blüte der Kuriositätenkabinette, der Wunderkammern und ersten wissenschaftlichen Sammlungen.

Gelbhaubenkakadu Unter diesen Sammlern war auch Kaiser Rudolf II. (1552-1612). Politisch unfähig und psychisch labil betätigte er sich bevorzugt als Kunst- und Wissenschaftsmäzen. Gut so, denn das Licht der Monarchie verlosch, während sein künstlerisches und wissenschaftliches Erbe bis heute Bestand hat. Bestand u. a. dadurch, dass die Österreichische Nationalbibliothek die Restaurierung des “Bestiaire” von Rudolf II. durchführte. Das zweibändige Werk mit 181 Ölbildern, das zwischen 1570 und 1611 von mehreren Künstlern - darunter Daniel Fröschel (1563-1613), Hans Hans Hoffmann (1530-1591/92) und Guiseppe Arcimboldo (1526-1593) - mitgestaltet wurde, ist eine in jeder wissenschaftlichen und künstlerischen Hinsicht reiche Fundgrube.

Drachenskelett Einzigartige Bilder belegen einerseits die Kunstfertigkeit der Ausführenden, andererseits das Bestreben nach wissenschaftlicher - unter den gegebenen Umständen - und exakter Dokumentation. Zugleich spiegeln die Abbildungen ebenso das persönliche Interesse Rudolfs als auch sein Repräsentationsbedürfnis sowie die damals lebend gehaltenen Tiere bzw. das gesammelte tote Material wider.

Gepard und Leopard Manche dieser Tiere fristeten offensichtlich mehr schlecht als recht ein Dasein inmitten der staunenden Gesellschaft. So zeigt die atemberaubend schöne und zugleich minutiöse Darstellung eines Molukkenkakadus, ein überfüttertes Tier. Der Schnabel schreit förmlich nach einer Korrektur bei einem Tierarzt, der zusätzlich einen artgerechten, reduzierten Diätplan - harte Sämereien statt weichen Gebäcks - verordnet hätte. Spannend, was aus den Bilddokumenten - zusätzlich zur genussvollen Betrachtung der Kunstwerke - abzulesen ist.

Flughahn und andere Fische Das Album von Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) wurde ebenfalls restauriert. Selbstverständlich sieht man auch den Fischen an, ob sie fangfrisch oder konserviert bis mumifiziert den Künstlern als Zeichenvorlage dienten. So zeigen sie sich farbenprächtig oder trist gebräunt je nach dem jeweiligen Erhaltungszustand. Frische Fische hatte jedenfalls Giorgio Liberale (1527-vor 1580) zur Verfügung. Über 1100 Bilder der adriatischen Meeresfauna - oft in Originalgröße - verbinden ästhetischen Anspruch mit wissenschaftlicher Dokumentationsqualität. Ein besonderes Highlight seine deckungsgleichen Darstellungen der Ober- und Unterseite z. B. eines Krebses auf Pergamentvorder- und -rückseite. Wendet man das Blatt, wendet man quasi den Krebs.

Gepard und Leopard Zuweilen wurden große Herausforderungen an die ausführenden Künstler gestellt. Vage und bruchstückhafte Informationen, die wie beim Spiel “Stille Post” durch mehrere Münder und Ohren weitererzählt waren, sollten in einer überzeugenden Visualisierung münden. Das dreifarbige Zebra, heute von hohem Unterhaltungswert, sorgte sicher auch damals, obwohl aus anderen Gründen, für Erstaunen.

Fazit: Im beeindruckenden Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ist eine ebenso tierische wie gute Auswahl der frisch restaurierten Blätter aus zwei Bilderzyklen - Bestiaire von Rudolfs II. und Fauna der Adria von Ferdinand II. - zu bestaunen. Abgerundet wird die Ausstellung mit Illustrationen von Carolus Clusius (1526-1609), Ulisse Aldrovandi (1522-1605) sowie Jacopo Ligozzi (1547-1627). Ein Besuch der sich für Groß und Klein, Laien und Fachpublikum - durchaus mehrmals - lohnt. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte bieten einen ersten Überblick. Wer mehr wissen möchte, als eine einschlägige Themenführung bieten kann, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen.

on Fischen, Vögeln und Reptilien Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

Die Kuratorin der Ausstellung Christina Weiler ist auch Herausgeberin des Katalogs. Beiträge von Christa Hofmann, Ksenija Tschetschik und Daniel Siderits sowie zahlreiche Abbildungen machen den stattlichen 255-seitigen Band zu einer angenehmen (!) Pflichtlektüre.

Die Kapitel gliedern sich in “die Tierwelt der Adria”, “das Reich der Tiere”, “die Konservierung von Tierbildern auf Pergament”, “Kunstwerk und Naturobjekt” sowie “Tierillustration der frühen Neuzeit”. Der benutzerfreundliche Anhang mit Literatur, Abbildungsverzeichnis und Tierregister rundet den qualitätvollen Band ab.

Dass der Katalog eine Augenweide ist, ist nicht nur den herrlichen Bildquellen und der Druckqualität zu verdanken, sondern auch dem übersichtlichen sowie attraktiven Layout von Ekke Wolf.

Übrigens: Der Preis ist bestechend moderat!

© S. Strohschneider-Laue

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Kommunikation: ADC Deutschland 2010

Sonntag, 19. Dezember 2010

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ADC Deutschland Jahrbuch 2010  
ADC Germany Annual 2010 
 
 
avedition 2010, Dt./En., 536 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 8998 6135 8 

ADC Deutschland Jahrbuch 2010

Für die Besten der Besten ist das Beste gerade gut genug. Dementsprechend edel ist die diesjährige Ausgabe des ADC Deutschland Jahrbuchs geraten. Durch den von einer Vielzahl ausgestanzter Punkte durchlöcherten Schutzumschlag blitzen vier unterschiedlich breite Streifen. Ihr farbiger Vierklang nimmt die Rangordnung der Auszeichnungen auf: Gold, Silber und Bronze sprechen für sich selbst, Pink steht für die Nominierungen. Gleich vier Lesebändchen führen die Farbharmonie im Buchinneren fort, dessen zurückhaltende Typografie die Bühne ganz den präsentierten Arbeiten überlässt. Von der Seite betrachtet, zeigt sich das Jahrbuch in feierlichem Glanz - dafür sorgt der makellose Goldschnitt. Doch das ist noch längst nicht alles. Als wäre das haptische Erlebnis ein paar Kilo Buch in Händen zu halten nicht genug, werden auch die feinen Sinneszellen in den Fingerspitzen stimuliert. Das Logo des Art Directors Club für Deutschland ist am Schutzumschlag zusätzlich mit einer Prägung versehen. Das weckt den Geist von Gütesiegeln und Reviermarkierungen. Die Buchgestaltung des erstmals im international renommierten Verlag avedition erscheinenden Jahrbuchs ist ebenso aufwändig wie gut durchdacht. Inhaltliche Struktur und Aussage werden auf den Punkt genau umgesetzt.

Das ADC Deutschland Jahrbuch besticht mit seiner Hülle und gibt sich darüber hinaus auch inhaltlich als Publikation der Superlative. Die Dokumentation von Höchstleistungen der Werbebranche wurde zur Plattform für Kreative aus vielen Sparten. Grundlage für den stattlichen Band des Jahres 2010 bildet in bewährter Weise der ADC Wettbewerb. Kommerzielle Auftragsarbeiten konnten in einem der folgenden Bereiche eingereicht werden: Klassische Medien, Digitale Medien, Dialogmarketing/Promotion/Media, Design, Editorial, Räumliche Inszenierung, Ganzheitliche Kommunikation und Generic Craft. In 25 Kategorien galt es, Entscheidungen zu treffen. 23 Fachjurys, selbstverständlich aus ADC-Mitgliedern zusammengesetzt, wählten aus und kürten. 429 Einsendungen zum ADC Wettbewerb schafften es. Davon haben 187 einen goldenen, silbernen oder bronzenen Nagel erhalten. Im Inhaltsverzeichnis des ADC Deutschland Jahrbuch 2010 werden 286 Projekte gelistet und in der Folge vorgestellt. Um Ordnung zu schaffen und Doppelungen zu vermeiden, wurde ein Punktesystem ersonnen, das die Gliederung des Buches bestimmt. So wird die Erfassung der Projekte in ihrem vollen Umfang ermöglicht, anstatt sie in einzelne Fachbereiche zu zersplittern.

Doch genug der Zahlen und Fakten. Was hält der Löwenanteil der Seiten, die für manche die Welt bedeuten, für LeserInnen bereit? Wer sind die Gewinner und Nominierten? Das sei hier nicht verraten. Nur so viel: Neben Global Players und Luxusmarken finden sich auch Lokalmatadoren und Kulturinstitutionen. Klassisches reiht sich an Originelles, das nicht selten mit dem Unterhaltsamen wetteifert. Auch das Abstoßende gehört wie die Provokation schon lange zum Repertoire in Gerangel um die Aufmerksamkeit. Stilistisch gilt ganz zeitgemäß “anything goes!” und Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Dass unter dem Dargebotenen fallweise eine - mehr oder weniger unterschwellige - abwertende Haltung gegenüber weiblich konnotierten Gegenständen, Handlungen, Interessen und Einstellungen auszumachen ist, vermag in Zeiten des Verteilungswettkampfes mittlerweile nicht mehr zu erstaunen.

In seiner Gesamtheit bietet das ADC Deutschland Jahrbuch einen spannenden repräsentativen Querschnitt durch ein Segment der angewandten Kreativwirtschaft. Geleitworte, Ehrungen und Nachrufe sowie diverse Verzeichnisse von Preisträgern, Sponsoren, Mitgliedern, Jurys, Agenturen und Verlagen, Firmen und Machern runden das Jahrbuch ab.

© Ch. Ranseder

ADC Deutschland Jahrbuch 2010

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Design Thinking

Donnerstag, 30. September 2010

Non-Fiction

Gavin Ambrose, Paul Harris
Design Thinking 
Stiebner 2010, 200 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1381 4

 Design Thinking: Fragestellung, Recherche, Ideenfindung, Prototyping, Auswahl, Ausführung, Feedback

Was müssen DesignerInnen im Arbeitsalltag alles können? Welche Schritte durchläuft ein Projekt vom Auftrag und der ersten Idee bis zum fertigen Produkt und dem Feedback der KundInnen? Woher nehmen Kreative ihre Ideen? Band acht der Reihe Basics Design - “Design Thinking” - steht ganz im Zeichen des kreativen Denksports der DesignerInnen und der Methoden, die den Weg zu Höchstleistungen weisen. Die Gliederung des Buches folgt den Phasen, die im Rahmen des Designprozesses durchlaufen werden. Der häppchenweise präsentierte Text bringt Prinzipien, Lösungsmöglichkeiten, Techniken und Tipps gekonnt auf den Punkt. Zahlreiche Fallbeispiele führen vor Augen, wie kreative Einfälle mit kommerziellen Zielen meisterhaft vereint werden, damit das Endprodukt seinen Zweck erfüllt.

Das einführende Kapitel “Designphasen und Design Thinking” steckt mit der Vorstellung der sieben Phasen des Designprozesses den inhaltlichen Rahmen des Buches ab.

Zu Beginn eines Projektes heißt es Informationen sammeln! Das Kapitel “Recherche” zeigt, worüber sich GestalterInnen Hintergrundwissen aneignen. Überschneidungen mit den Interessen der Marktforschung sind kein Zufall. Kenntnisse über Zusammensetzung und Lebensstil der Nutzergruppe, aka des Zielmarkts, sind bei der Erarbeitung von Designlösungen wichtig.

In “Ideenfindung” geht es um die Erarbeitung von Konzepten und die Suche nach der optimalen Lösung der Gestaltungsaufgabe. In diesem Kapitel werden mögliche Denkansätze, Kreativtechniken und Inspirationsquellen vorgestellt, die Helfen das Thema eines Auftrages zu ergründen und Entwurfsideen zu generieren.

“Verfeinerung” zeigt, wie DesignerInnen an einer Idee feilen. In dieser Phase geht es um das Spiel mit Bildern, Zeichen, Formen, Proportionen, Schriftarten, Farben, Worten, Assoziationen und einer Prise Humor.

“Prototyping” stellt die Idee auf den Prüfstand, schließlich soll die zu kommunizierende Botschaft auch ankommen. Das Kapitel macht mit den Knackpunkten bei der Entwicklung eines konsequenten Gestaltungs- und Kommunikationskonzeptes inklusive der Festlegung des Designvokabulars sowie den Arten von Prototypen vertraut.

Haben KundInnen ein Design genehmigt, geht es an die “Umsetzung”. Das abschließende Kapitel stellt nicht das Zusammenspiel mit den ausführenden Produzenten, z. B. Druckereien, in den Mittelpunkt, sondern weist auf die Potenziale von Materialen, Veredelungstechniken, Formaten, Maßstäben und Medien hin.

Ein Glossar, in diesem Band gepaart mit elf Design-Thinking-Tipps, rundet das Buch in bewährter Weise ab.

Gavin Ambrose und Paul Harris stehen in “Design Thinking” Studenten und Berufseinsteigern abermals mit gutem Rat hilfreich zur Seite. Dieser Band der Serie Basics Design sollte allerdings auch für AuftraggeberInnen Pflichtlektüre sein. Selten wurde so klar vor Augen geführt, dass Design ein Prozess ist, der viele Arbeitsschritte umfasst, großes Wissen voraussetzt sowie Zeit und gewisse Spielräume benötigt. Der Gedankensprung von diesen hohen Anforderungen zu grundlegenden Themen wie faire Honorare und Vertragsbedingungen sowie des Umgangs mit Nutzungs- und Urheberrechten liegt nahe, wird jedoch von den Autoren auf den rund 200 Seiten des Buches nicht vollzogen. Das ist erstaunlich und lässt auf einen Folgeband hoffen.

© Ch. Ranseder

Design Thinking: Fragestellung, Recherche, Ideenfindung, Prototyping, Auswahl, Ausführung, Feedback

siehe auch:
Designraster: Struktur oder Muster aus Linien
Layout: Entwurf, Planung und Anordnung
Druck & Veredelung: Bild, Textreproduktion, Aufwertung von Printprodukten
Bild & Grafik: Visuelle Information
Typografie: Schriftgestaltung, Satzgestaltung, Textgestaltung
Format: Größe, Form, Ausstattung
Farbe: Sinneseindruck
Grundlagen des Grafikdesigns
This End Up: Verpackungsdesign

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Picasso - Frieden und Freiheit

Dienstag, 21. September 2010

Picasso
Frieden und Freiheit
Albertina
22. September ‘10 bis 16. Januar ‘11 

In langjähriger Zusammenarbeit zwischen Albertina und Tate Liverpool entstand eine exzellente Ausstellung zum politischen Aspekt im Kunstschaffen Picassos. Der gleichnamige Katalog Picasso. Frieden und Freiheit kann zwar nicht die gelungene Ausstellungsgestaltung vermitteln, ist aber inhaltlich und qualitativ ebenso hochwertig.

 

Auch wenn man es bereits überdrüssig ist, schon wieder eine Personale von Picasso zu sehen, sollte man den Besuch nicht versäumen. In dieser Ausstellung geht es um mehr als nackte Tatsachen oder zeitgeistige Wandbehübschungen aus dem unerschöpflichen Atelier des spanischen Playboys. In dieser Ausstellung geht es um eines Menschen Zeit. Um das, was Menschen einander zufügen, Kriege verursachen, wie sich ihre kalten Varianten auswirken und wie ein einzelner Mensch sichtbar Stellung bezieht. So leistete der Kommunist Picasso mit seinen Arbeiten einen inhaltlichen und durch seine parteipolitischen Spenden einen allgemeinen Beitrag sowie auch persönliche, finanzielle Hilfe.

 

Betrachtet vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, des Spanischen Bürgerkriegs, des Algerienkriegs und des Kalten Kriegs erlangen viele seiner Arbeiten eine völlig neue Bedeutung, die sich beim unbefangenen ersten Betrachten sicher vielen entzogen haben. Die Ausstellungsobjekte repräsentieren daher einerseits Picassos Aufarbeitung gesellschaftlicher Katastrophen bzw. sind bildgewordener Kommentar des Künstlers auf politische Ereignisse seiner Zeit.

Getragen wird die Ausstellung sowohl von den ausgewählten rund 200 Werken als auch von der Inszenierung in der sie gezeigt werden. Zeitgenössische Fotografien, die großflächig auf die Ausstellungswände aufgebracht wurden, schlagen optische Brücken zum zeitgeschichtlichen Kontext. Sie präsentieren das Raumthema, in dem sie die BesucherInnen zur schweigenden anonymen Mehrheit inmitten des Geschehens werden lassen.

Fazit: Die beste Picasso-Ausstellung darf man einfach nicht versäumen. Erwähnt werden muss noch das engagierte Programm für Kinder und Jugendliche, das den Fokus vor allem auf den Frieden richtet. Die aktiv ausgerichteten Familientage finden an jedem ersten Sonntag im Monat statt. Wer allerdings immer unter den ersten Besuchern sein oder mehr sehen möchte als andere, sollte Mitglied der “Freunde der Albertina” werden.

© S. Strohschneider-Laue

Picasso. Frieden und Freiheit

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Tropische Fische Ostindiens

Donnerstag, 16. September 2010

Non-Fiction

Samuel Fallours
Theodore W. Pietsch 

Tropische Fische Ostindiens
Taschen 2010, Faksimile 104 S., En./Fr./Dt Booklet 100 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8365 2531 2 

Samuel Fallours: Tropische Fische Ostindiens

Bücher mit Abbildungen bunter Fische sind heute keine Seltenheit. Aber es wäre nicht Taschen, wenn dieses Buch nicht doch eine Seltenheit wäre. Der vorliegende Prachtband verbindet die Qualitäten eines historischen Grundlagenwerks mit denen eines hochqualitativen Faksimiles und eines Coffee Table Books.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die farbenprächtige Publikation über tropische Fische eine Novität. Kuriositätenkabinette waren vornehme Pflicht, die Beschäftigung mit Naturalien ein beliebtes und teures Hobby des Adels und der reichen Bürgerschaft. Doch was als Präparat in Europa ankam, entsprach selten der prachtvollen lebenden Realität. Umso überraschter, wenn auch skeptischer, reagierten Sammler und Forscher auf die Farbenpracht, die die Tafeln offenbarten. Fische zeigten sich bunter als Papageien, Schmetterlinge und Blumen.

Die Auftragsarbeit des Generalgouverneurs Adriaen van der Stel in Ostindien entstand im Laufe von rund 17 Jahren. 460 Kupferstiche zeigen 415 Fische, 41 Krebse, zwei Stabheuschrecken, einen Dugong sowie eine Meerjungfrau. Nur 10% der Abbildungen sind Fantasiegebilde, alle anderen lassen sich tatsächlich lebenden Spezies, Gattungen und Familien zuordnen. Verschiedene Künstler trugen zur Entstehung bei, Samuel Fallours ist allerdings jener über den am meisten bekannt ist. Er fertigte zahlreiche Kopien seiner Zeichnungen für Sammler an. Oft auch - ganz kundenorientiert - reichlich bizarre Neuinterpretationen, die aus tatsächlichen Vorlagen und Augenzeugenberichten hervorgingen.

Als frühestes Farbwerk zu tropischen Fischen gehört es zugleich auch zu den seltensten. Fasziniert heute vor allem der hübsche Anblick, so sollte nicht vergessen werden, dass das Buch an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert ein bedeutendes naturwissenschaftliches Werk war und einen tiefen Einblick in die Wissenschaftsgeschichte bietet. Die spannende Hintergrundgeschichte zu “tropische Fische Ostindiens” wird von Theodore W. Pietsch minutiös und dennoch fesselnd anhand zahlreicher Quellen in einem beigefügten dreisprachigen Booklet nachvollzogen. Herausnehmbar erweist sich das Booklet beim Betrachten der Tafeln als hilfreich. Jede Tafel ist im Briefmarkenformat abgebildet und bestimmt die gezeigten Tiere. 

Wer nicht das Glück hat, das Original in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen ansehen zu dürfen, wird mit dem Faksimile von Taschen ein ebenso großes Vergnügen haben.

© S. Strohschneider-Laue

Samuel Fallours: Tropische Fische Ostindiens

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Albertina: Heinrich Kühn & Walton Ford

Samstag, 19. Juni 2010

Heinrich Kühn und Walton Ford
Vollkommene Fotografie und Bestiarium
Albertina 
Heinrich Kühn 11. Juni bis 29. August ‘10
Walton Ford 18. Juni bis 10. Oktober ‘10

Zwei großartige Künstler erhalten in der Albertina eine würdige Plattform. Ihre Gemeinsamkeiten sind stilistisch unkonventionell, in ganz eigener Weise retro und zugleich narrativ zu sein. Es ist ein Glück für das kunstinteressierte Publikum, dass beide Ausstellung fast zeitgleich in der Albertina gezeigt werden.

Heinrich Kühn (1866 Dreden - 1944 Innsbruck)
Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie 

Der technisch fortschrittlich orientierte Heinrich Kühn  vervollkommnete stets aufs Neue seine fotografischen Möglichkeiten, um künstlerisch harmonische, impressionistische Bilder zu fertigen. Den Schnappschusscharakter vieler seiner Fotos erzielte er durch minutiöse Planung und oft langwierige Sitzungen.

 

Im Mittelpunkt seiner Fotografie standen zu meist seine vier Kinder. Der festgehaltene Blick des Fotografen auf die eigene Familie und die umgebende Landschaft lässt seine großbürgerlichen im 19. Jahrhundert verhafteten Ansichten deutlicher hervortreten als es die künstlerische Unschärfe im ersten Moment der Betrachtung vermuten lässt. Seine patriarchalische Gesinnung gegenüber Frauen und Kindern ist trotz der idyllischen Sujets unverhohlen. Bedauerlicherweise wird dieser persönliche Aspekt Kühns ungeachtet des großen Blocks privater Fotografien nicht herausgearbeitet. Seine technischen Verdienste sowie seine Stellung innerhalb der internationalen Fotografie werden hingegen gelungen präsentiert. Ein exzellenter Kurzfilm verschafft zuletzt noch jenen Fotos, die nicht für Abzüge gedacht waren, einen passenden Auftritt.

  

Walton Ford (1960)
Walton Ford: Pancha Tantra

 

Altmeisterlich, perfekt und zugleich boshaft-humorig sind Walton Fords gewaltige Werke. Kein Wunder, dass sich ihre Besitzer nur ungern von ihnen für Ausstellungsprojekte wie dieses trennen. Mit Walton Fords Bildern lebt man, den Picasso hat man halt auch. Beliebigkeit kann man den Bildern jedenfalls nicht vorwerfen, stehen sie doch in einen kulturhistorischen Kontext und fordern eine Stellungnahme ein.

 

Zudem ist jedes Einzelne eine Augenweide. Lebensgroß, dramatisch und technisch ausgereift, zeigen sich die an alte Naturstudien erinnernden Bilder. Bei Verharren und Betrachten wird man entweder in das Geschehen hineingesogen oder spürt die bedrohliche Situation auf sich zukommen. Kalt lässt jedenfalls keines der gezeigten Themen. Man gönnt dem Toten, dass der Gorilla sein Gewehr verbiegt, besonders, da der Originalbericht, der dem Bild zugrunde liegt, eine andere Situation schildert. Abgeschlachtete und aufgestapelte Beutelwölfe, ein Monsterstar, der von anderen nach Amerika eingeschleppte “Shakespeare-Vögel” gefüttert wird oder wie das sinnlose Kanonenfutter von Borodino zu sinnvollem Futter für die Wildtiere wird. Es ist erfreulich zu sehen, wie meisterhaft Inhalt und Form qualitätvoll in einer Zeit zueinanderfinden in der seit Jahrzehnten schnell gequirlte Scheiße als aussagekräftige Kunst gilt. Und noch erfreulicher ist, dass dies in der Albertina gewürdigt wird, wo es gewisse Techniken, Materialien und Formate seit geraumer Zeit sehr schwer haben die Absolution zu erhalten.

Fazit: Beide Ausstellungen gemeinsam betrachtet, sind genussvoll wie ein mehrgängiges Haubenmenu. Man benötigt ausreichend Zeit, muss genau beobachten und anschließend zwischen den Zeilen lesen. Ein Genuss für Menschen, die Inhalt zu schätzen wissen.

© S. Strohschneider-Laue

Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie 
Walton Ford: Pancha Tantra

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Landschaftsarchitektur visualisieren

Montag, 07. Juni 2010

Elke Mertens
Landschaftsarchitektur visualisieren
Funktionen, Konzepte, Strategien
Birkhäuser 2010, 192 S., zahlr. Farbabb., 1 DVD
ISBN 978 3 7643 8788 4

 Landschaftsarchitektur visualisieren: Funktionen, Konzepte, Strategien

In der Welt des Designs ist es üblich, mit Bildern und Modellen zu kommunizieren. Auch Landschaftsarchitekten vermitteln ihre Ideen und Gestaltungsvorschläge für Freiräume mit Hilfe von Visualisierungen aller Art, deren Anfertigung ein integraler Bestandteil des Arbeitsprozesses ist. Die Wahl der Ausdrucksmittel und -modi richtet sich dabei nach der Planungsaufgabe und der Zielgruppe, mit der es gilt in Dialog zu treten. Im Lauf der Auseinandersetzung mit einem Projekt entstehen zahlreiche bildliche Darstellungen, die nicht für die Augen der Auftraggeber bestimmt sind, sondern nur der bürointernen Kommunikation im Rahmen der Ideenfindung sowie der Optimierung von Entwürfen dienen. Sie sind im allgemeinen von einer größeren Spontanität und Unmittelbarkeit geprägt als die ausgefeilten Reinzeichnungen, welche für die Weitergabe an Externe angefertigt werden.

In dem Buch “Landschaftsarchitektur visualisieren” sind alle Typen der visuellen Kommunikation planerischer Inhalte, die im Rahmen der Freiraumgestaltung zum Einsatz kommen können, vertreten. Das Spektrum reicht vom Scribble bis zum Film, vom nüchternen Bestandsplan bis zur Collage, die emotional ansprechen soll. Obwohl auch flüchtige Handskizzen Aufnahme in den Reigen der Abbildungen gefunden haben, wurde bei der Auswahl des reichhaltigen Bildmaterials der Schwerpunkt auf Darstellungen, die einen hohen Grad der optischen Perfektionierung aufweisen, gelegt.

Das grafisch übersichtlich gestaltete Buch ist in drei farbcodierte Teile gegliedert, denen einführende Worte zu Ideen- und Gestaltfindung sowie einige Beispiele historischer Darstellungsweisen vorangestellt sind.

Teil 1 - Funktionen - befasst sich mit der Darstellung von Fläche, Raum und Zeit. Zweidimensionale Ansichten, also Grundrisse und Schnitte, sind die Grundlage der visuellen Kommunikation in der Landschaftsarchitektur. Auf sie beruhen die zur Analyse eines Areals unabdingbaren Bestandspläne ebenso wie Vorentwurfs- und Entwurfspläne, Struktur- und Flächennutzungspläne, Pflanzpläne sowie Geländequerschnitte mit Terrain- und Vegetationshöhen. Dreidimensionale Darstellungsmodi umfassen Perspektiven, Axonometrien und Modelle. Mit ihrer Hilfe können Raumeindrücke wiedergegeben werden. Ansichten aus der Vogelschau erleichtern sowohl die Vorstellung des Zusammenspiels von Gelände, Entwurfsstruktur und Vegetation, als auch der Eingliederung einer Neuplanung in den bestehendem städtischen oder ländlichen Kontext. Durch die Wahl eines ungefähr der Augenhöhe späterer Nutzer entsprechenden Blickwinkels kann das intendierte Raumerlebnis angedeutet werden. In ihrer Extremform wird die dreidimensionale Darstellung - künstlerisch aufgewertet durch gewagte Perspektiven oder mit positiv besetzten Elementen (wie Schmetterlingen, Vögeln, bunten Blüten etc.) versehen - zum reinen Stimmungsträger. Der Faktor Zeit schließlich spielt vor allem für Beleuchtungskonzepte und die Zusammensetzung der Bepflanzung eine Rolle. Zuweilen ist die Einbeziehung der besonderen Geschichte eines Ortes opportun oder wird vom Auftraggeber explizit gewünscht.

Teil 2 - Konzepte - legt anhand von Fallbeispielen dar, wie Visualisierungen im tatsächlichen Planungsprozess und im Rahmen von Wettbewerben zum Einsatz kommen. Erst die überzeugende Komposition individueller Pläne und Zeichnungen, deren aussagekräftiges Ineinandergreifen in Bildfolgen, ermöglicht die erfolgreiche ganzheitliche Vermittlung einer komplexen Planung.

Teil 3 - Strategien - setzt sich mit der Herausforderung großräumiger Planungen im gesellschafts- und umweltpolitischen Kontext auseinander. Das Wachstum der Städte, die Zersiedlung der Landschaft und der Klimawandel wird in der nicht allzu fernen Zukunft auch die Fähigkeiten der Landschaftsarchitekten auf die Probe stellen.

“Landschaftsarchitektur visualisieren” gibt einen Querschnitt durch die Bandbreite der Kommunikationsmittel und Stile, derer sich Landschaftsarchitekten für die Präsentation vielschichtiger Inhalte bedienen. Unabhängig davon, ob sie lieber mit dem Bleistift oder mit dem Computer zeichnen, ist ihre Bildsprache international. Das belegt die Auswahl der Beispiele aus der Praxis von Büros aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, der Schweiz, den Niederlanden, Israel, Kanada, den USA, Kolumbien, Japan, China und Australien. Es ist nicht zu leugnen, dass sich unsere Sehgewohnheiten durch den zur Selbstverständlichkeit gewordenen Einsatz von Computern und die globale Ausweitung der Märkte verändert und vereinheitlicht hat. Die Freiheit als Landschaftsarchitekt eine individuelle Handschrift des grafischen Ausdrucks zu entwickeln, ist dennoch beträchtlich. Schließlich geht es in der Berufspraxis auch um die Entfaltung von Überzeugungskraft. Ansprechende Präsentationsunterlagen mit ästhetischem Mehrwert helfen, Entscheidungsträger und Geldgeber, Wettbewerbsjuroren und befragte künftige Nutzer für sich und ein Projekt zu gewinnen. Durch seinen weit gefassten Überblick der heutigen Darstellungsmöglichkeiten ist das Buch eine hervorragende Inspirationsquelle für die Erarbeitung eines eigenen Stils. Welche technischen Daten (z. B. Bemaßung, Nivellements, Maßstab, Nordpfeil) auf Plänen für ein tiefgreifenderes Verständnis jenseits des visuellen Oberflächenreizes hilfreich sind, wie sich Legenden sinnvoll zusammensetzen oder wie die Positionen von Schnitten auf Grundrissen markiert werden können, sodass der Zusammenhang auch Laien auf den ersten Blick klar wird, erschließt sich durch das Betrachten und den Vergleich des Anschauungsmaterials. Leider sind durch die beträchtliche Größenreduktion der Bilder deren Originalbeschriftungen fallweise so klein geraten, dass der Griff zur Lupe fast unausweichlich ist. Mit der Vorstellung der Darstellungsformen und -techniken nimmt bei der Lektüre von “Landschaftsarchitektur visualisieren” auch der berufliche Alltag von Landschaftsarchitekten schemenhaft Gestalt an.

“Landschaftsarchitektur visualisieren” ist ein fachlich fundiertes Buch, dessen unbeschwerter Text und grosses Spektrum sorgfältig kommentierter visueller Erscheinungsbilder zahlreichen Studienanfängern die Tore zur Erkenntnis öffnen werden.

© Ch. Ranseder

Landschaftsarchitektur visualisieren: Funktionen, Konzepte, Strategien

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Interior Design 1 + 2

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Non-Fiction

Graeme Brookner, Sally Stone
form + struktur
Interior Design Basics 01

Stiebner 2009,176 Seiten, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1372 2

 Interior Design Basics 01. Form und Struktur

Graeme Brookner, Sally Stone 
kontext + raum
Interior Design Basics 02

Stiebner 2009, 176 Seiten, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1373 9

 Interior Design Basics 02. Kontext und Raum

Der moderne Mensch verbringt einen Großteil seiner Zeit vor einem Bildschirm. Computermonitore, Infoscreens und Fernseher begleiten uns durch den Tag. Kein Wunder also, dass die positive Erfahrung des dreidimensionalen Raumes für viele befreiend wirkt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die emotionale Reaktion bewusst wahrgenommen wird oder nicht. Concept Stores, gestylte Restaurants oder Museumsneubauten werden nicht nur wegen des gelungenen Marketing-Hypes aufgesucht, sondern weil sie uns - unter anderem - einzigartige Raumerlebnisse ermöglichen. Doch bis das vollendete Werk des (Innen-)Architekten von Auftraggebern und Publikum genossen werden kann, ist es ein weiter Weg.

Die neue Reihe Interior Design Basics macht mit den Grundzügen der Innenarchitektur vertraut. Gleich vorweg sei angemerkt, dass es in den beiden vorliegenden Bänden nicht um die Behübschung von Wohnungen geht. Wie in jeder hoch entwickelten Disziplin gibt es auch in der Innenarchitektur feine Abstufungen der Tätigkeitsfelder. Graeme Brooker und Sally Stone beginnen daher den ersten Band der Serie, form + struktur, mit der Definitionen von Innenarchitektur, Interior Design und Inneneinrichtung. Dabei geht es weniger um die Differenzierung beruflicher Aufgabengebiete als um Kategorien des Umganges mit dreidimensionalen Baukörpern beziehungsweise den von ihnen umschlossenen Raumvolumina.

In “form und struktur” erläutert das Autorenteam Aufgaben und Grundlagen der Innenarchitektur, die sich mit bereits bestehenden Gebäuden und Innenräumen befasst. Schritt für Schritt werden in sechs Kapiteln die für einen gelungenen Entwurf notwendigen Vorarbeiten sowie die wichtigsten Prinzipien der Organisation und Gestaltung von Innenräumen vorgestellt. Dabei steht der Designprozess im Mittelpunkt. Dieser beginnt mit der Analyse von Konstruktion und Geschichte eines Bauwerkes sowie dessen Umgebung und endet mit der Auswahl jener Komponenten, die maßgeblich zur Schaffung einer bestimmten Atmosphäre beitragen. Um das Erscheinungsbild eines Raumes der gestellten Bauaufgabe sowie den Bedürfnissen der Auftraggeber und Benutzer anzupassen, kann aus einer Vielzahl von Möglichkeiten gewählt werden. Kompakt, übersichtlich und von exzellenten Grafiken begleitet, werden die einzelnen Verfahren - Intervention, Insertion, Installation, Verblendung und Einbau - erklärt.

“kontext + raum” greift einen im ersten Band der Reihe nur angerissenen Einzelaspekt heraus und ergründet ihn tiefer. In diesem Buch dreht sich alles um die Wechselwirkung zwischen Innenraum, Gebäude und Umwelt. Große Bedeutung wird dabei den Themen Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein beigemessen. Im Rahmen der Kontextanalyse werden die Eigenschaften und Geschichte des Gebäudes, dessen Lage und Interaktion mit benachbarten Bauwerken ebenso untersucht wie die Eingangssituation, die Bewegung innerhalb der architektonisch vorgegebenen Raumhülle sowie visuelle Verbindungen von Innen nach Außen. All dies wirkt sich letztlich auf die Wahrnehmung des Innenraumes und dessen Gestaltung aus. Auch Umweltfaktoren, also Licht, Temperatur oder Feuchtigkeit, können eine entscheidende Rolle darin spielen, ob ein Raum als angenehm empfunden wird. Sie müssen im Rahmen des Designprozesses berücksichtigt und gegebenenfalls technisch reguliert werden. Nicht zuletzt gewinnen in Zeiten des Klimawandels der sorgsame Umgang mit Ressourcen, Recycling sowie der Einsatz von Fund- und historischen Versatzstücken an Bedeutung.

In beiden Büchern verdeutlichen Fallbeispiele aus der Praxis die Grundsätze der Innenarchitektur. Die geschilderten Prinzipien können mittels prägnanter Texte und reichhaltigem Bildmaterial an tatsächlich realisierten Projekten nachvollzogen werden. Dies fördert das Verständnis der Anwendungsmöglichkeiten, regt die kritische Auseinandersetzung an und schult den Geschmack. Auffallend sind allerdings der hohe Anteil von Gebäuden mit kultureller Nutzung sowie das Fehlen von Projekten, die sich mit der Raumgestaltung von Spitälern, Kindergärten, Altenheimen, Flug- und Bahnhöfen etc. auseinandersetzen. Spiegelt sich hier etwa das nicht selten triste innere Erscheinungsbild eines notwendigen, wenngleich wenig glamourösen Sektors der Nutzbauten?

Der Aufbau und die Gestaltung der neuen Reihe Interior Design Basics folgen einem Konzept, das sich bereits für die Vermittlung von Basiswissen der Grafik und Mode bewährt hat. Als Einführung in die Welt der Innenarchitektur sind sowohl “form und struktur” als auch “kontext + raum” bestens geeignet und daher jedem zu empfehlen, der sich mit dem Gedanken trägt, ein Innenarchitektur- oder Architekturstudium zu beginnen. Fachstudenten, Einsteigern in die Berufspraxis und Menschen, die sich neigungsbedingt mit ihrer gebauten Umwelt auseinandersetzten, werden die beiden Bücher als Nachschlagwerke oder Analysehilfen gute Dienste leisten.

© Ch. Ranseder

Interior Design Basics 01. Form und Struktur

Interior Design Basics 02. Kontext und Raum

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extra.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Non-Fiction

Franziska Morlok, Till Beckmann
Mit Texten von Markus Zehentbauer, Uwe Jäger Birkhäuser
extra.
Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung
Birkhäuser 2009, 144 S., 33 Beispielseiten Druckveredelungen
ISBN 978 3 0346 0083 5

EXTRA: Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung

Edel, hilfreich und gut können nicht nur Menschen sein, sondern auch Bücher. “Extra” ist ein leuchtendes - oder unter Berücksichtigung der Einbandgestaltung vielmehr glitzerndes - Beispiel dafür.

Erlesen sind die Buchgestaltung und die 33 Beispielseiten zu möglichen Druckveredelungen, auf denen sich fast ebenso viele internationale Gestalter austoben durften. Vorbildhaft ist die Einbeziehung der LeserInnen, die betatschen, rubbeln, schnuppern und sanft streicheln dürfen, dazu angehalten werden das Buch zu drehen und zu kippen, unters Licht zu halten (um sich danach an der Nachleuchtfarbe zu erfreuen) oder an einem Farbauftrag ein Streichholz anzureiben. Sogar mit einer der Schnittkanten des Buchblocks darf gespielt werden. “extra” ist ein haptisch stimulierendes Buch, das viel Freude beschert, weil die Wirkung der Techniken real erlebt werden kann. Daher Vorsicht! Es besteht die Gefahr mit “aha”s, “oh”s und anderen Lautäußerungen Bürokollegen zu nerven.

Ist die Neugierde fürs Erste einmal befriedigt, liegt der Griff zum hilfreichen Teil nahe. Auf 144 Seiten erfahren Wissbegierige, was es mit den Veredelungen so auf sich hat. In den fünf Kapiteln Drucken und Lackieren, Kaschieren, Prägen, Stanzen und Schnittveredelung finden sich Antworten auf eine Flut von Fragen. Woraus besteht das den edlen Touch verleihende Material? Wie wird es verarbeitet? Wofür eignet es sich? Was ist bei Entwürfen zu beachten, damit die Veredelung optimale Wirkung entfaltet? Wie müssen Daten aufbereitet werden, damit der Druck fehlerfrei klappt? Welche Bedruckstoffe eignen sich? Worauf muss bei der Weiterverarbeitung geachtet werden? Dezente Sternchen deuten die Kosten des Spaßes an - als Notwendigkeit können Druckveredelungen ja nun wirklich nicht bezeichnet werden. Obwohl natürlich ihr sensorischer und emotionaler Mehrwert nicht zu unterschätzen ist. Veredelte Produkte sind schon kleine Verführer. Folgerichtig wird von Lust und Tücke des Umgangs mit Druckveredelungen im Entwurfs- und Fertigungsprozess sowohl in Interviews mit Gestaltern als auch in Miniessays erzählt. In Letzteren werden weiters Themen wie Planung, Umweltverträglichkeit und Wahrnehmungspsychologie angerissen.

Ein ausführliches Glossar sowie ein Anhang mit Kurzinformationen (inklusive Kontaktadresse) über die beteiligten Gestalter und Firmen, welche die Veredelungsverfahren produktionstechnisch meistern, runden das Buch ab.

“extra. Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung” wird mit seinem klaren Konzept, der Informationsfülle und einer hervorragenden Gliederung, die sich beim Nachschlagen bestens bewährt, seinem Anspruch eine Enzyklopädie zu sein, gerecht. Der konventionelle Textteil und die Sammlung veredelter Musterseiten sind in einem schmucken Gewand benutzerfreundlich geeint, sodass die beiden sich ergänzenden Blöcke parallel genossen werden können. Das Buch kommt ohne lose Seiten aus! Als Spielzeug, Nachschlagwerk und Ratgeber in einem, wird es daher in schönster Vollständigkeit überleben. Vorbei die Zeiten, die man auf der Suche nach alten novum-Heften verbracht hat. Ein Griff ins Bücherregal reicht von nun an.

Für Grafiker ist “extra” schlicht unentbehrlich.

© Ch. Ranseder

EXTRA: Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung

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John Heartfield: ZEITausSCHNITTE

Freitag, 17. Juli 2009

Non-Fiction

Freya Mülhaupt (Hg.)
John Heartfield: Zeitausschnitte
Fotomontagen 1918-1938

Hatje Cantz 2009, 176 S., 230 Abb. davon 144 farbig
ISBN 978 3 7757 2432 6

John Heartfield: Zeitausschnitte John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938

John Heartfield arbeitete in einem geschlossenen System. Der Mann mit der spitzen Schere bediente sich der gedruckten Massenmedien, um seine Fotomontagen und deren Botschaften zu verbreiten. Sein Arbeitsmaterial wiederum schöpfte er überwiegend aus der illustrierten Presse, die er mit Argusaugen beobachtete. Unvergesslich sind die für die “Arbeiter Illustrierte Zeitung” entstandenen Montagen, in denen sich Heartfield gegen Adolf Hitler und die nationalsozialistische Bewegung, Krieg und Kapitalismus wandte. Seine originelle, auf alles Überflüssige verzichtende Bildsprache, hat bis heute nichts an Verständlichkeit eingebüßt. Die Fotomontagen haben Biss, obwohl die den Schaffensakt provozierenden politischen Ereignisse und revolutionären Haltungen längst Geschichte sind.

Das opulent bebilderte Buch “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verfolgt den Werdegang und die Blütezeit des Künstlers, der eigentlich Helmut Herzfeld hieß. Der 1891 in Berlin geborene Pionier der Montage fand seinen Stil als Layouter für die dadaistische Publikation “Neue Jugend”, die in dem von ihm und seinem Bruder Wieland 1917 gegründeten Malik-Verlag erschien. In den von der Zusammenarbeit und Freundschaft mit George Grosz geprägten Jahren, wurde Heartfield zum Berliner Botschafter des Dada. “DADA ist GROSS und John Heartfield ist sein Prophet” trompetet er auf einem Plakat, das sein Selbstbildnis mit zum Schalltrichter geformten Händen zeigt.

Als der Malik-Verlag 1921 begann Romane zu verlegen, wurden Buchumschläge mit einer einfacheren Bildsprache benötigt. Nicht mehr Provokation und Verwirrung wie im Dada waren das Ziel, sondern die klare Kommunikation mit den Kunden. Auch bei der Lösung dieser Aufgabe erwies sich Heartfield, der auf seine Kenntnisse als Werbegrafiker zurückgriff, als innovativer Gestalter. Seine aus wenigen Elementen zusammengesetzten Buchcover sind schlüssige Kompositionen mit erzählerischer Qualität. Das fesselt den Blick. Scheinbar harmlos gefällig, erregen die Einbände Aufmerksamkeit ohne zu schockieren und büßen dennoch nichts an Schlagkraft ein. Doch dem Künstler mit Mission war die Buchhülle nicht genug. In einer Gemeinschaftsarbeit mit Kurt Tucholsky, der die Texte beisteuerte, entstand 1929 das Buch “Deutschland, Deutschland über alles”, ein Rundumschlag gegen Kapitalismus, Militär, Demokratie und rechten Nationalismus.

Bereits 1919 war John Heartfield der KPD beigetreten, in deren Dienst er seine Schaffenskraft stellte. Den Höhepunkt seiner Monteurkunst erreichte er in den politischen Fotomontagen, die er von 1930 bis 1938 für die AIZ anfertigte. Bildidee und begleitender Text der schrägen satirischen Collagen entstanden oft in Zusammenarbeit mit seinem Bruder, Wieland Herzfelde. Danach kam die Schere zum Einsatz. War in Heartfields Sammlung von Pressefotos der richtige Schnappschuss für die Umsetzung des visuellen Konzeptes nicht vorhanden, beauftragte er einen Fotografen, der nach seinen Anweisungen das passende Tableau inszenierte.

Der glühende Pazifist und Kommunist John Heartfield kombinierte Kunst mit kommerziellen Printmedien, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Das dies nicht ungefährlich ist, musste er am eigenen Leib erfahren. Zur Emigration gezwungen, verlegte er seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt zuerst nach Prag, dann nach London. Erst 1950 kehrte er nach Deutschland, in die DDR, zurück.

Die Autoren des Buches “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verschränken in ihren tiefgreifenden, akribisch recherchierten Essays Werkanalyse, Biografie und Zeitgeschichte. Das Ergebnis ist weniger ein chronologischer Erzählstrang als ein dichtes Informationsgewebe. Thomas Friedrich, Sabine Kriebel, Roland März, Freya Mülhaupt, An Paenhuysen, Rosa von der Schulenburg, Andrés Mario Zervigón und Peter Zimmermann nähern sich dem politisch engagierten Künstler John Heartfield von vielen Seiten. Lebensweg und künstlerische Entwicklung, Bildanalysen exemplarisch herausgegriffener Fotomontagen, die enge Zusammenarbeit mit dem Bruder, Freundschaften und ihre Auswirkungen auf das Werk, Selbstporträt und Selbstsicht, Arbeitweise, politische und zeitgeschichtliche Hintergründe - all das und vieles mehr ist in der beeindruckenden Publikation zu finden. Auch mit Abbildungen wurde nicht gegeizt. Fotografisches Rohmaterial und fertige Fotomontage, Abbildungen von Buchumschlägen und für diverse Printmedien gestaltete Seiten, Schnappschüsse aus dem Privatleben John Heartfields und dokumentarische Aufnahmen seiner Ausstellungen begleiten die Texte. Zu verdanken ist die Bilderflut dem in der Kunstsammlung der Akademie der Künste, Berlin, erhaltenen Nachlass, aus dem es möglich war für Buch und Ausstellung nach Herzenslust zu schöpfen. Denn natürlich ist “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ eine Begleitpublikation. Die gleichnamige Ausstellung ist vom 29. Mai bis zum 31. August 2009 in der Berlinischen Galerie zu sehen. Zeitgeschichte einmal anders.

© Ch. Ranseder

John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938

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Grafik Design

Dienstag, 24. März 2009

Non-Fiction

Timothy Samara
Grafik Design
Theorie, Konzept, Realisierung

Stiebner 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8307 1361 6

Grafik Design Theorie, Konzepte, Realisierung Grafik Design: Theorie, Konzept, Realisierung

Timothy Samara hat ein Buch geschrieben, dem ich wünschen würde, dass es möglichst vielen jungen Menschen in die Hände fiele, bevor sie sich zum Grafik-Design-Studium entschließen. Eigentlich müsste “Grafik Design. Theorie, Konzept, Realisierung” in jeder Berufsberatungsstelle aufliegen. Neben vielen anderen Dingen zeigt die Publikation nämlich sehr anschaulich, dass Kommunikationsdesign Knochenarbeit ist und so mancher Kunde dem Designer das Leben schwer machen kann - auch wenn das natürlich niemals explizit ausgesprochen wird. Abgesehen davon hat der Beruf durchaus seinen Reiz. Schließlich bietet fast jedes Projekt neue Herausforderungen. Von Kreativen wird verlangt, dass sie Ideen am laufenden Band produzieren, deren Weiterentwicklung sich selten als linearer Prozess gestaltet. Ganz im Gegenteil, der Weg vom ersten Skribble zum fertigen Produkt ist oft gewunden und manchmal steinig. Nie wird er allein begangen, sondern gemeinsam mit dem Kunden, dessen Wünsche berücksichtigt werden müssen, und Kollegen aus verwandten Disziplinen, die ihren Beitrag zum Gelingen eines Projektes beisteuern. Selbstverwirklichung ist nur wenigen Designern vergönnt. Das bringt Timothy Samara in einer seiner 20 Regeln, die helfen sollen Entwürfe zu optimieren, deutlich zum Ausdruck. Regel Nummer 11 des in New York arbeitenden Grafikdesigners lautet: “Universalität ist gefragt; es geht nicht um Sie.” Sein Vorschlag, wenn man sich ausleben möchte, möge man doch Maler werden, das sei lukrativer, hat mich allerdings zum Schmunzeln gebracht. Hierzulande (Österreich) verhungern Maler noch schneller als Grafikdesigner.

Im Anschluss an seine 20 Gebote stellt der Autor im Blitzdurchgang die visuellen Elemente des Grafikdesigns (oder wie es so passend heißt, den “visuellen Werkzeugkasten”) vor: Form und Raum, Farbe, Typografie, Bilder und Layout.

Den Löwenanteil des reich bebilderten Buches bestreiten 40 Fallstudien. Sie führen vor Augen, wie aufwändig und komplex Designprozesse von der ersten Ideenskizze bis zum fertigen Produkt sein können. Ein lehrreicher Leckerbissen sind die zahlreichen Abbildungen von Handskizzen und Entwurfsvarianten, die Außenstehende gewöhnlich nicht zu Gesicht bekommen. Vieles verschwindet im Verlauf eines Projektes ja in der Schublade. Zusammen mit kurzen Texten, die Aufgabenstellung und Verlauf des Projektes beschreiben, illustrieren sie die Vielzahl möglicher Arbeitsweisen. Die für das Buch getroffene Auswahl der Projekte ist aber auch noch aus anderen Gründen gelungen. Timothy Samara ist sichtlich bestrebt, eine möglichst große Bandbreite des Grafik Designs zu zeigen - sowohl in seinen Anwendungsmöglichkeiten als auch in den zur Verfügung stehenden Ausdrucksformen. Das Spektrum der Arbeiten umfasst die Entwicklung von Markenidentitäten für Weine, die Gestaltung von Büchern, Foldern, Postern und anderen Printprodukten ebenso wie Web-, Messestand- und Textildesign. Um die jeweiligen Botschaften zu vermitteln, bedienen sich die Gestalter der unterschiedlichsten Techniken. Sogar Linolschnitte kommen für einen Auftrag, mit wirklich zauberhaftem Ergebnis, zum Einsatz. Auffallend ist auch die Internationalität der Mitwirkenden. Das Verzeichnis der 38 Designer und Designstudios, die Einblick in ihre Projekte gewähren, liest sich wie das Programm einer Reise um die Welt.

“Grafik Design. Theorie, Konzept, Realisierung” zeigt, wie die Theorie des Grafik Designs in der Praxis umgesetzt wird. Nichts befriedigt die Wissbegier spannender und nachhaltiger, als als ein Blick hinter die Kulissen. Das Konzept geht auch in Buchform auf.

© Ch. Ranseder

Grafik Design: Theorie, Konzept, Realisierung

Adrian Frutiger Schriften

Montag, 08. Dezember 2008

Non-Fiction

Heidrun Osterer/Philipp Stamm/Schweizerische Stiftung Schrift und Typographie, Bern (Hgg.) 
Adrian Frutiger - Schriften
Das Gesamtwerk
Birkhäuser 2008, 462 S., 439 Farb- und 620 Sw-Abb.
ISBN 978 3 7643 8576 7

Adrian Frutiger - Schriften Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

Der in der Schweiz geborene Adrian Frutiger hat im Lauf seines Lebens über 50 Schriften entworfen. Internationale Bekanntheit erlangte er mit dem in den 50er-Jahren entstandenen Schriftkonzept Univers. Doch auch andere schöne und nützliche Schriften stammen von seiner Hand. Adrian Frutiger hat Standards gesetzt und am technischen Puls der Zeit mehr als einmal eine Vorreiterrolle gespielt. Seine Schriften zeichnen sich durch Klarheit, gute Lesbarkeit, Ausgewogenheit und den gleichmäßigen Rhythmus des Gesamtbildes aus. Funktionalität, nicht künstlerische Selbstverwirklichung steht im Mittelpunkt seines Schaffens. So sind Schriften von Adrian Frutiger auch dort zu finden, wo man sie nicht erwarten würde: Auf Einzahlungsscheinen oder Identitätskarten zum Beispiel. Mit der von Maschinen lesbaren OCR-B schuf er Mitte der 60er-Jahre eine Schrift, die trotz stringenter technischer Vorgaben mit einer ästhetischen Anmutung punktet. Neben den beliebten Schriften für den Satz von Büchern finden sich in Adrian Frutigers Werk Signalisationsbeschriftungen für Flughäfen und die Pariser Mètro ebenso wie für den visuellen Auftritt von Firmen entworfene Schriften und zahlreiche Logos.

Als Lehrender, Autor und Berater hat der namhafte Schriftgestalter von Beginn an sein Wissen weitergegeben. Auch das vorliegende Buch basiert zum Teil auf Interviews mit Adrian Frutiger. Die aus der Transkription der Gespräche entstandenen, in der Ich-Form geschriebenen Texte bilden den erzählerischen Rahmen der beeindruckenden Publikation. In der Tradition der “oral history” erinnert sich Adrian Frutiger an sein Berufsleben und erlaubt den LeserInnen einen Einblick in den Entstehungsprozess seiner Schriften - vom Auftrag über die technischen Anforderungen bis zum Marketing. Dabei nimmt er sich in chronologischer Reihenfolge jede Schrift einzeln vor, analysiert sie und nennt dabei zuweilen persönliche Vorlieben oder Abneigungen.

Dieser “Innensicht” von Adrian Frutiger ist die “Außensicht” der Herausgeber zur Seite gestellt. Sie bieten in ihren Texten vertiefende Informationen zu den Schriften, setzen diese in Beziehung zu historischem und technischem Umfeld und knüpfen Verbindungen zur Schriftgeschichte. Mustertext, Schriftvermaßung, Schriftenvergleich, Höhenvergleich und Alphabetvergleich der ursprünglichen Schriftform mit dem digitalen Font runden die einzelnen Schriftkapitel ab.

In die Abfolge der Schriftkapitel werden an chronologisch passender Stelle Seiten zu den Satztechniken eingeschoben. So werden technische Entwicklungen und die unterschiedlichen Anforderungen, die sie an die Schriftentwerfer stellten, für LeserInnen nachvollziehbar. Diese anschaulich illustrierten Abrisse zur Technikgeschichte umfassen Handsatz, Fotosatz Photon-Lumitype, Maschinensatz Einzelbuchstabenguss, Fotosatz Monophoto, Maschinensatz Zeilenguss, Optical Character Recognition OCR, Schreibsatz, Anreibesatz, Fotosatz Linofilm, Lichtsatz CRT, Lasersatz, Digitalsatz.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” ist ein übersichtlich gegliedertes Buch, das eine atemberaubende Informationsfülle benutzerfreundlich im Gewand feinster Buchgestaltung präsentiert. Viele Menschen waren an seiner Entstehung beteiligt. Der in der Einleitung der Publikation beschriebene, sich über mehr als 10 Jahre erstreckende Werdegang des Projektes legt davon beredtes Zeugnis ab. Heidrun Osterer, Philipp Stamm und ihrem Team ist mit “Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” durch ihr ausgefeiltes Buchkonzept, ihre akribische Recherche gepaart mit der Fähigkeit Fachwissen in leicht verständlichen Texten zu vermitteln und der Kunstfertigkeit, in den auf Diskussionen mit Adrian Frutiger basierenden Texten die Lebendigkeit eines Gespräches zu bewahren, ein bedeutender Beitrag zur typografischen Literatur gelungen.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” setzt dem großen Schriftgestalter ein Denkmal mit einzigartigem kultur- und technikgeschichtlichen Tiefgang. Es ist ein Nachschlagewerk das Fachpublikum und interessierte Laien gleichermaßen begeistern wird.

© Ch. Ranseder

Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

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Designmuster

Dienstag, 22. April 2008

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Drusilla Cole
Designmuster
Haupt Verlag 2008, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07267 8

Deignmuster Designmuster. Zeitgenössische Oberflächengestaltung

Kreative Menschen lassen sich von vielen Quellen inspirieren. Oft mit erstaunlichen Ergebnissen. Filme, literarische Texte, Musik, Gegenstände des Alltags, Blumen oder Erinnerungen - fast alles kann als Auslöser für eine Entwurfsidee dienen. Das spiegelt sich auch in den Mustern, die Drusilla Cole für das opulente Buch “Designmuster” gesammelt hat. 102 Künstlerinnen und Künstler sind mit ihren Kreationen vertreten. Ihre in den Jahren von 2000 bis 2005 entstandenen Entwürfe sind am Puls der Zeit und zieren die unterschiedlichsten Trägermaterialien. Das Spektrum der angewandten Techniken reicht von klassischem Siebdruck über Stickereien und Applikationen zu modernsten High-Tech-Verfahren. Es wird fröhlich gemalt, gezeichnet und digital am Computer komponiert. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die dekorative Musterflut wird in fünf Kapiteln gebändigt und in geordnete Kanäle geleitet. Säuberlich in thematische, abstrakte, geometrische und organische Muster sowie Retromuster gegliedert, entfalten die wunderschönen Schöpfungen ihre ganze Pracht. In den begleitenden Texten sind die leider allzu knappen Kommentare der Designer zu Ursprungsidee, Intention und gewählter technischen Umsetzung ein besonderer Leckerbissen.

Das Buch “Designmuster” ist zugleich dokumentarische Momentaufnahme, Inspirationsquelle und - dank eines Verzeichnisses mit Kontaktadressen der Designerinnen und Designer - Einkaufswegweiser. Die gelungene Auswahl der Arbeiten fügt sich zu einer faszinierenden Zusammenstellung zeitgenössischer Ornamentik und macht das Buch zu einem visuellen Genuss von der ersten bis zur letzten Seite.

© Ch. Ranseder

Designmuster. Zeitgenössische Oberflächengestaltung

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