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Der kleine Erotiker

Sonntag, 20. Juni 2010

Fiction

Dennis DiClaudio
Der kleine Erotiker
DVA 2010, 208 S., zahlr. Sw-Abb.
ISBN 978 3 4210 4410 5

 Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 
 

Nach Der kleine Hypochonder folgte Der kleine Neurotiker. Mit einer Steigerung war eigentlich nicht mehr zu rechnen, bis der neue Geniestreich auch auf Deutsch vorgelegt wurde. Wer den Neurotiker und den Hypochonder gelesen hat, kommt an diesem lüsternen Brevier nicht vorbei. Die Pflichtlektüre für unbefangene SchmunzlerInnen lässt kein schrilles Verlangen aus und hat der Übersetzerin Anne Uhlmann einiges abverlangt.

Wer die ersten beiden Bände versäumt hat, sei gesagt, dass es sich auch hierbei nicht um ein medizinisches Nachlagewerk handelt, dafür wurden zu viele Fakten ausgelassen. Es ist auch keine Anleitung für Experimentierfreudige, dazu ist es ebenfalls zu unpräzise. Worin es wirklich präzise ist, ist die Absurdität der menschlichen - im größeren Ausmaß männlicher - Neigungen.

Mit den Titeln schöner Schmerz, Körperteile und ihre Funktionen, unbeseelte Gegenstände, im Land der Fantasie(n), Fauna und Flora, Kostüm und Rollenspiel unterteilt er feinsäuberlich den Lustgewinn in Kapitel. Wie oft dabei der sexuelle Mehrweit durch Ein- und - mehr oder weniger erfolgreich - Abgeführtes erreicht wird, davon können wohl nur Chirurgen berichten, die Sammlungen von allerlei kalziniertem Getier, floralen Resten oder unbeseelten Objekten wie - anscheinend aus gutem Grund torpedoförmigen - Marienstatuetten vorweisen können. Wer jemals gehört hat, dass Liebe durch den Magen geht, denkt an gutes Essen und hat nicht unbedingt mit Hüttenkäse gefüllte Badewannen im Sinn. Ja so sind manche Sinnsprüche von mehr Doppelbödigkeit als man annehmen möchte. Sollten Sie jemals den Spruch “wie die Nase des Mannes, so sein Johannes” gehört haben, sind sie eindeutig noch nie einer Nasophilien begegnet. Ihr ist nämlich der Johannes mit seinem Johannes völlig gleichgültig, wenn sie nur sein unwiderstehliches Riechorgan ohne den restlichen Johannes behalten könnte. Was den nasophilen ihn hingegen beflügelt, lesen Sie lieber selbst nach.

DiClaudio behauptet, dass er bestimmte Details ausgelassen habe, wenn man allerdings jene liest, die er zu publizieren willens war, verzichtet man gerne auf den Rest, aber nicht auf “Der kleine Erotiker”.  Dass er in vielen Belangen recht hat, bestätigt folgendes Zitat: “Jahrzehnte hindurch, in denen Fetischisten gezwungen waren, ihre Lebensweise geheim zu halten, galten Leder und Latexbekleidung als Marken- und Erkennungszeichen des Bondage. Heute gehen Zehn- bis Zwölfjährige so in die Schule. Die Zeit hat schon einen schrägen Sinn für Humor.” Und so beweist auch Dennis DiClaudio mit seinen Büchern immer wieder seinen schrägen Sinn für Humor, den seine Fans lieben!

© S. Strohschneider-Laue

Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 

siehe auch:
Der kleine Neurotiker 
Der kleine Hypochonder

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Nullerjahre

Donnerstag, 07. Januar 2010

Fiction

Judith-Maria Gillies 
Unsere Nullerjahre  
Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger
Eichborn 2009, 233 S.
ISBN 978 3 8218 6501 0

 Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

Biene Maia, Bircher-Müsli und Bubblegum sind Schnee von vorgestern, Relikte des letzten Jahrhunderts. Die Relikte von morgen sind die noch immer aktuellen modischen und/oder menschlichen Höhen und Tiefen der letzten 10 Jahre. Was haben Alcopops und Botox bzw. Prinzessin Lillifee und Paris Hilton gemeinsam? Ja, da können so manche Parallelen gezogen werden. Vor allem aber polarisierten sie und sie teilen sich daher die Buchseiten der Nuller(!)jahre mit Autofähnchen und Tattoos bzw. Bob dem Baumeister und Dieter Bohlen.

Allein die Stichworte zu lesen genügt, um den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Die Texte dazu sind jedenfalls ein Born des Genusses. Jene, die sich gegen irreversible Modesünden entschieden haben, werden sich über die Entsorgungsproblemen ArschgeweihlerInnen amüsieren. Es ist eben einfacher “Ugly-Boots” und tiefgelegte Beinkleider zu entsorgen als ins Fleisch geprägte Bekenntnisse. Ob man zukünftig anderem importierten Grauen wie Halloween entkommen mag, ist wohl leider zu bezweifeln.

Herrlich böse und wunderbar amüsant ist die lexikalische Abrechnung mit dem zur Schau getragenen Lebensgefühl im neuen Jahrtausend. Für die meisten ist das Buch ein romantisch-nostalgischer Blick retour, viele werden nachdenklich gestimmmt und für die Verweigerer aller Trends ist es ein hämischer Blick auf das zusammengefasste Verkaufsgespräch eines Jahrzehnts. Egal unter welchen Voraussetzungen man zu schmökern beginnt, am Ende wird man mit einem lachenden und weinenden Auge in Erinnerungen kramen. Grenzgeniale Pflichtlektüre für Trendjunkies und Verweigerer ist das Buch in jeden Fall - auch wenn man den Eindruck bekommt, dass Frauen die größten Torheiten begehen und männliche Volltoren allseits bejubelt Karriere machen.

Prosit 2010 und alles was bis Ende 2019 kommen mag!

© S. Strohschneider-Laue

Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

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In Wahrheit wird viel mehr gelogen

Mittwoch, 04. November 2009

Fiction

Kerstin Gier
In Wahrheit wird viel mehr gelogen
Lübbe 2009, 269 S.
ISBN 978 3 7857 6014 7

In Wahrheit wird viel mehr gelogen

Carolin ist 26 und das erste Mal in ihrem Leben Witwe. Das kann passieren, wenn man sich in einen viel älteren Mann verliebt. Blöd nur, wenn der Mann der Vater ihres Exfreundes ist, mit dem sie sich nun um das nicht unbeträchtliche Erbe streiten darf. Mit ihm und seinen beiden zänkischen Schwestern, die in etwa genauso blond sind wie deren Mutter. Aber nicht umsonst hat Carolin einen IQ von 158 und einen ganzen Haufen ausgefallener Ideen sowie eine “pflaumige” Schwester, einen ausgestopften Yorkshire Terrier mit Namen “Zweihundertdreiundvierzig” und eine feuchtigkeitscremebenutzenden Apotheker an ihrer Seite. Da macht notorisches Zählen auch schon nichts mehr aus…

“In Wahrheit wird viel mehr gelogen” ist eine erfrischende Abwechslung. Gut, es ist außen rosa, aber irgendwas ist ja immer. Ideenreich und selten sarkastisch bringt es so manches Schmunzeln mit sich - und meine erst durchlesene Nacht seit Langem!

Fazit: ein echter Lesetipp!

© K. Zotzmann

In Wahrheit wird viel mehr gelogen

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Provinzlexikon

Sonntag, 30. August 2009

Fiction

Henning Ahrens
Provinzlexikon
Knaus 2009, 304 S., sw. illustriert.
ISBN 978 3 8135 0324 1

Provinzlexikon Provinzlexikon

Frisches Grün lädt in die Provinz und frisches Grün lädt ein, das Provinzlexikon aufzuschlagen. Was mit einem harmlosen Blättern im Buch beginnt, erinnert an einen geplanten kurzen Spaziergang, der in eine großartige Wanderung ausartet.

Was ist eigentlich Provinz? Sicherlich auch das, was man selbst im Kopf hat. Was man aus seiner persönlichen Provinz macht, ist ein individuelles Problem - zumindest solange Provinzgedanken nicht anderen Menschen und schlimmer noch einer ganzen Nation aufgezwungen werden. Dem geistigen Provinzialismus so viele Breitseiten zu verpassen wie möglich, ist - hoffentlich nicht nur - ein Anliegen des Autors. Es ist daher die Individualität der geografischen Provinz, die das Provinzlexikon so herrlich abwechslungsreich vollkommen unvollkommen macht. Genauso wie es Henning Ahrens ankündigt, wird das Provinzlexikon nicht - und soll es auch nicht - der Vielfalt gerecht werden, sondern sich auf die Provinz Norddeutschlands beziehen.

In 274 scharfsichtig dacht gewählten Stichworte klärt Ahrens über die mehr oder weniger wahnsinnigen Provinztatsachen auf. Das frische Design und die minimalistischen Illustrationen von Jana Cerno unterstreichen den pointierten Inhalt zusätzlich. Lexikalisch, humorig, doppelbödig und noch viel mehr ist das provinzdurchtränkte Buch. Dem Ackerrain nähert man sich durch den Tagebucheintrag von Karl. Der Leserbrief des Studienrates Horst an die Allgemeine Provinzzeitung bezieht (eine) Stellung zu Fettleibigkeit. Heuboden wird durch den Brief von Lieselotte an ihre Jugendliebe Karl erschlossen und Trecker (Traktor) bekommt eine eigene und völlig ungeahnte Dimension im Radio-Interview mit Udo. Übrigens derselbe Udo, der nicht nur von 280 PS fasziniert ist, sondern auch über Viagra einiges im selben Medium verlautbart. Das Provinzlexikon ist nicht so norddeutsch wie Ahrens selbst glaubt, kenne ich doch Niedersachsen (Deutschland) seit meiner Kindheit ebenso gut wie das Burgenland (Österreich). Manches, Menschen und Gedanken, sind zuweilen bis zur Austauschbarkeit gleich.

Danke Henning Ahrens, jetzt gewinne ich der Provinz andere Aspekte ab, obwohl ich mich weiterhin einer abgewandelten Form des Woddy-Allan-Zitats auf der Buchrückseite anschließe: “Das Land macht mich nervös. Da sind Spinnen und in der Früh ist es laut, und man kann - vor allem montags - nirgendwo zum Essen hingehen.” Immerhin kann ich jetzt kann lachen, wo ich vorher schreien wollte. Kann die verdrehten Vorzeichen sehen, die die Stadt nur zu einer anderen Form der Provinz macht. Dem Menschelnden, das Wilhelm Busch einst bei seinen Familienbesuchen in Wolfenbüttel zeichnerisch festhielt, setzt Henning Ahrens in seinem Provinzlexikon ein literarisches Denkmal.

© S. Strohschneider-Laue

Provinzlexikon

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Philosoph & Wolf

Dienstag, 23. Juni 2009

Non-Fiction

Mark Rowlands
Der Philosoph und der Wolf
Was ein wildes Tier und lehrt
Rogner&Bernhard 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7

Der Philosoph und der Wolf  Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt

Brenin begleitete seinen Philosophen überall hin - sogar in die Vorlesungen. Am Beispiel dieses ungewöhnlichen Zusammenlebens mit einem Wolf voller Marotten offenbart sich für den Philosophen eine neue Weltsicht. Mark Rowlands gelingt es Philosophie am tierischen Beispiel so fesselnd zu schildern, dass man das Buch erst zur Seite legt, wenn die letzte Seite erreicht ist. Und selbst dann legt man das autobiografische Werk nur ungern aus der Hand.

Wolfswelpen 500 $ + Reparatur der Wohnung 500 $ = 0 $ Kontostand. Diese ganze Minusrechnung entstand innerhalb einer Stunde, aber Geld bedeutet nichts und ein dagegen Rudelmitglied alles. Diese Erkenntnis ist die erste, der sich Rowlands stellen muss als der Wolfswelpe Brenin das Zusammenleben mit ihm begann. Der Unterschied zeigt sich schon dadurch, dass man nicht “Wolfsbesitzer” - abgesehen vom rechtlichen Status den man hat, wenn man den Schaden zahlen muss - ist, sondern mit einem Wolf zusammenlebt.

Wölfe sind nicht gerne von ihrem Rudel getrennt. Sie langweilen sich überaus schnell und ihre Selbstbeschäftigungstherapie kostet rasch viel Geld. Die marginale Grundregel “lass’ mich nicht allein” führte dazu, dass Brenin Rowlands ständiger Begleiter wurde. Egal ob Vorlesungen, Reisen oder Übersiedelungen von Amerika nach Europa, Brenin war immer dabei. Die StudentInnen wird es gefreut haben, wenn Brenin im Hörsaal zu heulen begann. Vermutlich hätten sie gerne ab und an eingestimmt. Die Nachbarin in Irland verdankte Brenin, dass ihr Exmann durch Brenins Rudelmenschen in die Schranken gewiesen wurde. Ein guter Anlass für Rowlands sein Verhalten, wie des Öfteren in Zusammenhang mit Brenin, bei dieser “Nachbarschaftshilfe” einem Zivilisations-TÜV zu unterziehen. Das Zusammenleben mit Brenin prägte sicherlich auch den Wolf, aber in erster Linie beeinflusste es die Sichtweisen des Philosophen. Fundamentale Erkenntnisse rund um menschliche Wertesysteme, Zivilisation, Freundschaft, Liebe, Hoffnung und Tod werden anhand dieser Erfahrungen hinterfragt und neu bewertet. Elf anstrengende aber unvergleichliche Jahre enden mit dem Tod Brenins in Frankreich.

Schreiben ist mehr oder weniger für AutorInnen Therapie. Bei Rowlands war es nicht anders und er musste den Verlust seines Rudelmitglieds verarbeiten. Deshalb bleibt von Brenin mehr als dieses Buch, denn Rowlands teilt den gewonnenen Lebenssinn, Verantwortung und nicht zuletzt Liebe mit den LeserInnen. Nicht nur die Studenten hat es gefreut Brenin kennenzulernen, sondern auch mich - auf jeder einzelnen Seite des Buches.

© S. Strohschneider-Laue

Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt
The Philosopher and the Wolf
The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death, and Happiness

siehe auch
Oxford Center for Animal Ethics

Lemmings Zorn

Montag, 22. Juni 2009

Fiction

Stefan Slupetzky
Lemmings Zorn
Lemmings vierter Fall
Rowohlt 2009, 303 S.
ISBN 978 3 499 24889 4

Lemmings Zorn Stefan Slupetzky Lemmings Zorn: Lemmings vierter Fall

Wien ist anders und bei Slupetzky mal wieder ganz typisch Wien, schlimmer geht es einfach nicht.  Die Bücher rund um den Lemming sind viel mehr als nur Regionalkrimis. Sie sind in ein kriminelles Geschehen eingebettete, literarisch pointierte Sozialkritik. Die viel zitierte “Wiener Seele” wird außerhalb der Sissi-Stadt gründlich falsch als zuckerlsüße Romantik interpretiert. Alle, die des Wienerischen nicht mächtig sind, halten ja auch die übelsten Aussagen für den charmantesten Wiener Schmäh. Genau deshalb werden die skurrilen Figuren der Lemming-Reihe als überzogen skurril empfunden, obwohl jede einzelne davon bitter-real ist und unbehelligt mit ihrem angeborenen Devot-Buckel in Wien herumläuft.

Es ist Weihnachten, die beste Zeit des Jahres, um in Wien keine Stille zu finden. Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr: Der Lemming kommt nicht zur Ruhe. Nachwuchs Ben stellt sich äußerst übereilig und mit tatkräftiger Hilfe von Angela ein. Jene Angela, die am Heiligen Abend auf den Juniorlemming aufpasst - zumindest bis sie tot neben dem Kleinen liegt. In dieser unaufhörlich lärmenden, lebensfeindlichen Welt sind Klara, die starke Frau an Lemmings schwacher Seite, und der schutzbedürftige Benjamin die treibenden Kräfte. Für sie läuft der Lemming zur Höchstform auf. Wieder steht er nahezu allein gegen Ignoranz, Fremdenhass, Korruption, gedruckten und personifizierten Kleinformaten. Was ein echter Lemming (eigentlich Leopold Walisch und Ex-Krimineser) ist, lässt keinen Fettnapf aus. So trifft allgegenwärtige Faulheit und Inkompetenz gepaart mit Überheblichkeit, die nur noch von Unterwürfigkeit übertroffen wird, auf die Beharrlichkeit des lärmgestressten Lemmings. Und wenn dem Lemming schließlich das zielgerichtete Kotzen kommt, möchte man nur noch applaudieren.

Zuletzt bleibt nur noch eine Frage offen: Wann erscheint bitte das Nächste? Und ich fürchte die Antwort wird lauten: Erst, wenn Wien den Lemming wieder viel zu weit getrieben hat!

Nominiert für Friedrich-Glauser-Preis 2010 in der Sparte “Roman”!

© S. Strohschneider-Laue

Lemmings Zorn: Lemmings vierter Fall

Siehe auch die ersten drei:
Der Fall des Lemming
Lemmings Himmelfahrt: Lemmings zweiter Fall
Das Schweigen des Lemming: Lemmings dritter Fall
Lemmings Himmelfahrt. 8 CDs + 1 MP3-CD . Lemmings zweiter Fall

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Allergie: TV-Jogurt

Samstag, 13. Juni 2009

Notiz

Allergie auf TV-Jogurt ab 2007

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Ich liebe Reklame. Als Zeitzeichen spiegelt sie aktuelle Befindlichkeiten und zuweilen hat sie mit kürzesten Kurzgeschichten sogar Unterhaltungswert.

Schon als Kind Ende der 1960er habe ich Reklame gemocht - vor allem die TV-Werbung. Zu meinem Missvergnügen haben meine Eltern mehr oder minder erfolgreich danach getrachtet, mich um dieses Vergnügen zu bringen. Auch heute noch wechseln sie sofort den Sender, wenn die Werbepause beginnt.
Ihr unwiderlegbares Argument lautet: “Die wollen doch alle nur, dass man ihren Kram kauft!”
Eine durchaus gesunde Basis für ein selbstbestimmtes - soweit das überhaupt möglich ist - Kaufverhalten. Mir war das damals natürlich nicht einsichtig, weil sowieso meine Eltern den Einkauf bestimmten. Nachdem ich die Kaufentscheidungen meiner Eltern nicht manipulieren konnte, nahm ich mit kindlicher Unschuld und Vertrauen an, dass es auch kein anderer könnte.

Beschäftigte mich im Volksschulalter noch die Frage, ob meine Mutter wirklich von ihrem Gewissen geplagt wurde, weil sie nicht diesen ganz bestimmten bzw. gar keinen Weichspüler nahm, sind es heute ganz andere Aspekte vergleichbarer Spots. Übrigens hat meine Mutter kein schlechtes Gewissen wegen ihrer Weichspülerabstinenz. Sie meinte schon damals, dass man in gut ausgespülte Wäsche keine neue Chemikalie reinspülen sollte, die sich dann ungehindert auf der Haut verteilt. Ein sehr vernünftiger Gedanke, lange bevor sich jeder über allerlei Hautallergien oder Neurodermitis den Kopf zerbrochen hat. Mein Vater, ein mit sehr empfindlichem Geruchssinn ausgestatteter Liebhaber teurer Parfums, kann die “billigen” Weichspülerwolken nicht ausstehen. Ich erlebte dagegen während der Hochphase dieser Werbekampagne um das “gute Gewissen” einen gewissen sozialen Druck, den weniger kritisch aufgezogene Kinder ausübten. Sie fragten mich tatsächlich, ob meine Mutter denn kein “schlechtes Gewissen” hätte. So etwas nennt man dann wohl den Teufelskreis sekundärer Werbewirkung.

Mit Genuss habe ich aber ab und an vermerkt, dass auch meine Eltern nicht immer ganz werbungsungeschädigt geblieben sind. Der berüchtigte “Eumel” (Grauschleier verursachender Gardinenschädling) der frühen 1970er ist nahtlos von der Waschmittelwerbung in ihren Wortschatz übernommen worden, während sie das in meinen Ohren so genussvoll klingende “schokoschmackig” nicht goutierten.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Nachdem Eltern alles besser machen wollen als ihre eigenen Altvordeeren, galt dieses lästige “Werbeverbot” bei meinem Kind ab Mitte der 1990er nicht. Nicht ganz uneigennützig, denn sonst hätte ich meine TV-Spot(t)sucht nicht befriedigen können. Es war eine gute Entscheidung. Denn durch unseren Spaß Werbung ständig zu kommentieren und sie zu veralbern, ist aus unserer Tochter eine kritische Beobachterin geworden. Besonders stressabbauend ist es den Ton abzudrehen und eigene Spontantexte zu sprechen.

2007 erklärte meine Jungfeministin, dass sie es gründlich satt hätte, jedes vermeintliche Verdauungsproblem von der Werbung als Frauensache deklariert zu sehen. Sie hat gut beobachtet und schön, dass sie es gleich satt hatte! Egal, ob es sich um bakterieninfizierte Milch- oder rein chemische Pharmaprodukte handelt, immer - außer man bedient sich der Popularität eines Medienmannes - sind Frauen von unerwünschten Darm(in)aktivitäten befallen. Magengurgeln, verschlagene Winde, Stuhlprobleme und Übergewicht werden zur “Frauensache”, wenn es darum geht dem Publikum diverse - mehr oder minder natürliche -Jogurtvarianten aufzuschwatzen. Da drängt sich doch die Frage auf, ob man die Käuferinnen nicht eher auf diesem Umweg dazu bewegen will, die Produkte ihren Flatulenzmännern und ewig lesenden Klobesetzern aufzutischen. Junge, schlanke, hellhaarige und dynamische Powerfrauen, die ansatzweise auch mütterlich wirken dürfen, weihen ihre weniger jungen, dickeren, dunkelhaarigen und undynamischeren Freundinnen in ihr Milchproduktgeheimnis ein. Die Jogurtfläschchen-Party ersetzt die Plastikboxen-Party. Die bio- und gesundheitsbewussten Korkschlapfen-Fans unter den potentiellen Kundinnen werden mit fernöstlichem Yoga-Göttinen-Charme beworben. Das schlechte Gewissen wird Müttern vermittelt, die ihre Familien nicht mit vergammelter Milch gegen allerlei Krankheiten immunisieren. Was wären alle diese Marktschreier ohne Frauen?

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Genau da setzt unser liebstes Werbespiel ein: Geschlechterumkehr!
Was wäre, wenn nicht der Frau der Rock von den jogurtschlanken Hüften rutschen würde, sondern Mannes Knackpo in einem Stringtanga zu sehen wäre? Was wäre, wenn sich nicht eine Frau mit dem Seifenprodukt verschämt ihre Vorderseite abschäumen würde, sondern ein Mann lässig seine aufpolierte Kehrseite - wir wollen ja nicht übertreiben - präsentieren würde?

Knackige Männer wären uns beiden Frauen eindeutig lieber, aber das lässt die Zensur natürlich nicht zu. Vor nackten Frauen müssen die Zuschauer anscheinend nicht beschützt werden, vor nackten Männern hingegen schon. Oder ist die fragwürdige Fauendominanz eine wirtschaftliche Entscheidung: Es gibt mehr herzeigbare Auswahl und sie sind billiger zu haben?

Frauenautos müssen sicheren Platz für ihre Kinder und seine Bierkisten bieten und sie lassen ihre Besitzerinnen tüchtig erscheinen. Männerautos hingegen bewältigen jede Fahrsituation von der Mondlandschaft bis zur Rennstrecke und sie machen ihre Besitzer attraktiv. Eine nette Vorstellung zur Abwechslung einmal einen Mann im Kampf mit dem Wocheneinkauf und den sabbernden Nachwuchs rund um den roten Kleinsttranspoter zu beobachten oder eine Frau mit ihrem schnittigen Zweisitzer beim Aufriss zu zeigen.

Die Mehrheit der einkaufenden Frauen scheint wirklich zu glauben, dass sie von den diversen Produkten schlank, schön, begehrenswert wird und eventuell sogar gesund bleibt. Wenn es nicht so wäre, würden es die Werbefirmen ja wohl nicht ständig mit dieser Masche versuchen. Dabei funktioniert es aber auch anders. Das hat u. a. jene Körperpflegelinie bewiesen, die sich für ihre Spots und Plakate ganz normale, (über)füllige, schwangere, sommersprossige, narbige und tätowierte Frauen jedes Alters ausgesucht hat, die durchwegs realistische Identifikationsfiguren darstellen. Männer können auch interessante Werbeträger sein, es gibt keinen Grund sie zu unterdrücken, sie als Trottel oder Machos zu zeichnen oder es nur mit Superstars zu versuchen. Obwohl für uns Sport völlig uninteressant ist, gefallen uns jene Spots, in denen das berühmte boxende Brüderpaar zu sehen ist. Zwei unterschiedliche Produkte, keines davon verbindet man mit Boxchampions, sondern inhaltlich und somit werbetypisch mit Kindern sowie besorgten Müttern. Auch das österreichische Skiteam, deren Pistenerfolge uns völlig egal sind, macht sich beim unterhaltsamen Verzehr von Tiefkühlkost nicht schlecht.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Wir sind für die Emanzipation der Männer in TV-Spots!
Zeigt uns attraktive Männer! Wir wollen wohlproportionierte, gepflegte und schick gekleidete (Haus)Männer sehen, die realistisch kochen, putzen, waschen, bügeln und Kinder wickeln und trotzdem nicht das Hirn bei der Kasse abgegeben haben. Wir mögen keine ungepflegten und schlecht gekleideten Typen, die herablassend verkünden, sie wüssten es besser als Frauen nur weil sie Männer sind. Wer mag schon dummdreiste Überheblichkeit? Die Arroganten, die ihren zittrigen vorgestrigen Müttern die Gegenwart zeigen und ihnen den Unterschied zwischen Waschrumpel und Waschmaschine sowie den Gebrauch von Wasserenthärtern erklären, weil Frauen die letzten 50 Jahre Fortschritt verpasst haben, sind letztklassig. Und wer interessiert sich schon für Typen, die von ihren Übermüttern belehrt werden? Formbar ist ja ganz nett, aber abgenabelt von Mami sollten Werbemänner schon sein. Supermänner, Schlaumeier oder Waschlappen sind unerwünscht.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vor unseren inneren Augen schwebt der gestylte Mann, der seiner lässig-sportlichen Partnerin den Einkauf ihrer Monatshygiene abnimmt, während sie sich um die Kondome kümmert…
Und dann sind wir aufgewacht!

© S. Strohschneider-Laue

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Goethe im Baumarkt - Satre’s Sink

Sonntag, 07. Juni 2009

Fiction

Mark Crick
Goethe im Baumarkt
Blessing 2009, 142 S., Illust.
ISBN 978 3 89667 390 9

Goethe im Baumarkt Goethe im Baumarkt: Wenn Weltliteraten heimwerken müssten

Der Originaltitel “Sartre’s Sink” gefällt mir persönlich viel besser. In Deutschland kommt man leider nicht um Goethe herum. Aber spätestens wenn im Goethe-Stil versucht wird den Badewannenrand abzudichten, merkt man, dass sich Dichtung und Dichtung in ihrer Unterschiedlichkeit sich sehr wohl vereinen lassen. Obwohl es die eine nur im Baumarkt und die andere nur im Buchladen gibt. Und wenn Werther Dichtungskitt für die Badewanne benötigt, entschädigt das für die Zeit, die man schulkonform mit diesem hormongesteuerten, selbstmitleidigen Stalker in EU-Farben verbringen musste. Ähnlich wird es jenen gehen, die in ihrer Schulzeit mit dem Werk des gerne tötenden Wichtigtuers Hemingway angeödet wurden. Wenn der alte Mann mit der Blümchentapete ringt, weiß man endlich, dass der Stoff doch zu mehr als purer Langeweile taugt.

Vorangestellt jeder bautechnischen Neuerzählung literarischer Highlights findet sich - in orange gesetzt -wie in jeglicher Anleitung ”benötigtes Werkzeug” und “benötigtes Material”. Schwarz auf Weiß folgt die Story, die den diversen Heimwerker-Schicksalen vom “Auswechseln eines Lichtschalters” (Jelinek) oder dem “Aufstellen eines Gartenzauns” (Thompson) auf den Grund geht.

14 Parodien auf 14 literarische Ergüsse, die es in den Kanon geschafft haben. Und das volle Vergnügen geht auf Kosten der olympisch Großen im Literaturgeschehen. Mit ihren eigenen Worten werden sie literarisch auf das normalsterbliche Maß aller Heimwerkereien heruntergeholt. Zum Niederknien respektlos zeigt Mark Crick die Beliebigkeit der Inhalte gemessen an der typischen Sprache und Erzählweise von Samuel Beckett, Emily Brontë, Julius Cäsar, Dostojewski, Marguerite Duras, Johann Wolfgang von Goethe, Ernest Hemingway, Elfriede Jelinek, Milan Kundera, Haruki Murakami, Anäis Nin, Edgar Allan Poe Jean-Paul Satre und Hunter S. Thompson auf.

Dante wurde leider (noch) nicht von Mark Crick “durch den Baumarkt gezogen”, trotzdem ist es eine göttliche Komödie geworden. Und das köstlichste Literaturrecycling, das man sich nur wünschen kann. Dass das Buch zudem auch noch sehr ansprechend zeitgeistig gestaltete ist, perfektioniert das Werk auch für Hand und Augen.

Zuletzt bleibt nur noch eine Frage offen: Wann erscheint bitte das Nächste?

© S. Strohschneider-Laue

Goethe im Baumarkt: Wenn Weltliteraten heimwerken müssten
Die Suppe des Herrn K: Eine vollständige Geschichte der Weltliteratur in 15 Rezepten

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Tagebuch des Teufels

Montag, 18. Mai 2009

Fiction

Nicholas D. Satan
Das Tagebuch des Teufels
Eichborn 2008, 160 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8218 6066 4

Das Tagebuch des Teufels  Das Tagebuch des Teufels

Höllisch attraktiv und hoffnungslos hinterfotzig!

Seit Jahrtausenden Nichtverjährtes und Brandneues aus Satans Tagewerk verbirgt sich in diesem handlichen Brevier. Das auf uralt getrimmte Teufelswerk reicht vom Bluts(Muster-)vertrag, über angeschmorte Seiten bis zum Goldüberzug der Schnittkanten. Und natürlich sind auch die E-Mail Adressen derjenigen verzeichnet, die allweltlich ihre mehr oder minder schmutzigen Finger über den Schalthebeln der Macht schweben lassen: Beginnend mit Mr. D. Cheney (finger@amabzug.peng) über Pentagon (welt@krieg.bum) bis zum aktuellen Mr. Obama (obama@didit.uff).

Tatsächlich ist das Buch eine einzige teuflische Verlockung. Es sieht in seinem armani-schwarzen Umschlag und der rolex-goldenen Kante blendend aus. Es verströmt altersbedingte Authentizität, es punktet mit persönlichen Daten. Und nicht zuletzt ist es längst an der Zeit einmal die Geschichte der Welt aus einer anderen Perspektive als der Bibel zu erfahren.

Zu verdanken ist die einmalige Gelegenheit in Satans persönliche Aufzeichnungen Einblick nehmen zu können M. J. Weeks, Master der Philosophie und Professor für vergleichende theologische Anthropologie. Er wertet die Originalmanuskripte aus und legt die für die Weltgeschichte wichtigsten Einträge - beginnend mit der Vertreibung aus dem Paradies bis zu Celine Dion und der globalen Erwärmung - und mit vertiefenden Erläuterungen vor.

Unsagbar böse und zum Schreien komisch zu gleich werden die Knackpunkte des historischen und gegenwärtigen menschlichen Absurdistan aus satanischer Sicht vorgelegt. Selbstverständlich schließt das Buch mit einer Kontaktliste des Bösen, die beliebig erweiterbar ist. Auch wenn der Meister der Schandtaten kein geborener Grafiker ist - anscheinend landen Grafiker nicht in der Hölle, die haben sie vermutlich schon auf Erden - sind seine Illustrationen von treffsicherem Wiedererkennungswert.

Für alle Freunde des schwarzen Humors, die auch noch Lachen, wenn das Lachen eigentlich schon im Halse stecken bleibt, eine Pflichtlektüre. Kritische Geister, die ihr Heil in der Satire suchen, werden ihr bestens bedient. Und alle anderen - also völlig unkritischen und humorlosen - LeserInnen heißestens zur höllischen Horizonterweiterung empfohlen.

© S. Strohschneider-Laue

Das Tagebuch des Teufels

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Riesen

Samstag, 25. April 2009

ab acht

Ari Berk
Geheimnisvolle Welt der Riesen
arsEdition 2009, 44 S., reich illustriert
ISBN 978 3 7607 4134 5

Geheimnisvolle Welt der Riesen Geheimnisvolle Welt der Riesen

Obwohl sie groß sind, werden sie heute immer übersehen: RIESEN! Der Orden des goldenen Federkiels hat Riesen seit Jahrtausenden erforscht. Zu seinen Mitgliedern zählen namhafte ForscherInnen, darunter so klingende Namen wie Hesiod, Ovid, Merlin und nicht zuletzt Ari Berk, der diese geniale Zusammenfassung mit zahlreichen Bildern vorgelegt hat. 

Hier wird kräftig mit Vorurteilen über “dumme” Riesen aufgeräumt. Handfeste Fakten aus aller Welt und quer durch die Zeiten zeugen von eigener Kultur des Riesenvolkes, das so manchen großen Helden hervorgebracht hat. Auch wenn Obstbäume am Fensterbrett, eine Kuh im Vogelkäfig und schwere Lanzen-Zahnstocher uns seltsam vorkommen. Die Wächter der heiligen Haine haben angeblich sogar beim Aufbau von  Stonehenge - das wird allerdings von Archäologen vehement bestritten - mitgearbeitet. Eifrige Leser werden hier fast alles über Haus und Hof, Arbeit, Kleidung, Steinkunde, Sport und Spiel, berühmte Riesen aus der ganzen Welt und noch viel mehr erfahren.

Die fantastische Bebilderung lädt zusätzlich ein, dass Buch immer und immer wieder zur hand zu nehmen. Kisten zum Öffnen, Klappnotizen, eingeschlagenen Riesen-Doppelseiten und andere Überraschungen machen das Buch zu einer eigenen Entdeckungsreise. Der Forschungsbericht ist gleichsam sehens-, lesens- und liebenswert. Aber auch die Materialqualität und Haltbarkeit des Buches ist riesentypisch. man kann sicher sein, dass das robuste Buch den Dauergebrauch vieler Hände sehr gut aushält. Immerhin hat sogar schon eine alte Frau einen Riesenschuh bewohnt und die Götter Thor und Loki in einem Riesenhandschuh übernachtet.

Für Kinder und Junggebliebene eine vergnügliche Riesen-Fundgrube zu einem unglaublichen Zwergen-Preis. Eigentlich sollte man gleich zwei kaufen, damit man im Kinderzimmer nicht immer höflich anfragen muss, um auch einmal in Ruhe darin blättern zu dürfen.

© S. Strohschneider-Laue

Geheimnisvolle Welt der Riesen

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PrivatRevier

Montag, 15. Dezember 2008

© Chr. Ranseder

Privatleben? Ja, bitte!
Revierverhalten? Nein, danke!

Menschliches Revierverhalten zu beobachten, kann recht interessant sein, wenn man nur unbeteiligte Lauscherin sein darf und nicht selbst sein Revier markieren muss. Dasselbe gilt für das Privatleben, insbesondere MEIN Privatleben, das ich gerne privat, das bedeutet “nicht öffentlich”, lebe.

Letztlich war ich wieder bei einem von diesen “Wie blase ich mich zum Platzen besser und glänzender auf als alle anderen”-Festln.

“Bussi-Bussi wie geht’s! Du bist so blass, du Arme, bist du auch ganz gesund? Oder warst du dieses Jahr etwa noch nicht auf Urlaub?”

Eine Antwort auf diese Begrüßung erübrigt sich grundsätzlich. Das ist nur ein rhetorisches Mittel der Bussi-Bussi-Person, um ihre eigene Krankengeschichte gemeinsam mit dem Teuer-Urlaub im Luxusghetto für unselbständig Touristen im 5-Turban-Ressort in der Zivilisationsferne anzubringen.

“Also mit meinen Hautproblemen will ich dich ja gar nicht erst belasten. Furchtbar sage ich dir! Furchtbar! Also die müssen da in der Wüste echt noch dazu lernen. Stell dir vor, da scheint den ganzen Tag die Sonne und die tun nichts dagegen. Wir waren ja drei Wochen ganz tief drinnen. In der Wüste meine ich. Fantastisch sage ich dir! Fantastisch! Diese unerträgliche Weite, da bist du direkt froh, wenn du den ganzen Tag in der Anlage beim Swimmingpool bleiben kannst. Na, beim Essen müssen die dort noch viel lernen, was eine anspruchsvolle Österreicherin will. Man will es ja nicht schlechter haben als daheim. Außer Spaghetti Bolognese und Pommes kann man ja dort nichts essen. Lauter klebriger Süßkram, staubiger Brei und dünne Fladen, gekochte kleine Gurken, im Obstkorb war weit und breit kein Apfel zu finden und Bestecke muss man fast schon verlangen. Und dafür zahlt man soviel Geld und ist fast einen Tag mit dem Flugzeug unterwegs. Schlimm sage ich dir! Schlimm! Und die Affen! Die laufen da frei rum. So etwas gehört doch aus der Anlage vertrieben. Na, wenigstens halten die Mauern die Einheimischen draußen. Also im Urlaub brauche ich diese mageren Gestalten mit den Blähbäuchen wirklich nicht. Das verdirbt einem ja die ganze notwendige Erholung. Da spende ich ohnedies jedes Jahr für “Licht ins Dunkel” satte zehn Euro. Da können die dort mit ihrer Familie einen Monat davon leben. Aber zur Arbeit im Ressort kann man die Leute nicht gebrauchen. Die wissen ja nicht einmal was ein Stuhl ist. So gesehen, leben die doch glatt von meinem sauer verdienten Geld. Geführt wird die Anlage von einem Engländer. Die Angestellten sind ein internationales, ganz junges Team. Das ist schon gut so, dann muss man sich nicht mit diesem Kauderwelsch herumschlagen. Uns hat ja immer dieser deutsche Kellner bedient. Das war richtig angenehm. Naja, bis auf seinen Akzent…”

Genau in der Atempause ergriff ich die Flucht: “Sorry, dass ich deine überaus persönlich erhellenden Ausführungen so rüde unterbrechen muss, aber ich möchte schnell drüben auch ‘hallo’ sagen. Ich bin sicher, du vergisst nicht, was du mir noch erzählen wolltest.”

Ich hätte es lassen sollen! Bei meiner vorigen Gesprächspartnerin wusste ich ja schon vorher, dass sie eine Chauvinistin mit (zu)viel Geld und (zu)wenig Hirn ist. Aber alles lässt sich übertreffen, sogar der Unkulturschock.

“Bussi-Bussi, schön, dass du auch hier bist! Jetzt haben wir uns ja schon eine Weile nicht gesehen und die Kinder sind doch schon so groß geworden. Wir müssen unbedingt einmal so von Mutter zu Mutter sprechen. Hat deine auch schon einen Freund?”

Mir rutschte das Herz in die Hose. Da war die Frage, die ich so hasse, weil ich nie weiß, wie ich reagieren soll. Was geht die gesamte Weltbevölkerung das Privatleben meiner Tochter an? Das Wort “privat” bedeutet “nicht öffentlich”. Das ist genau die Art von Frage, die im Stellenwert gleich nach der Stubenreinheit der Kinder angesiedelt ist. Ich habe mich immer gefragt, ob ich mich im Gegenzug höflich nach der beginnenden Inkontinenz älterer Familienmitglieder erkundigen sollte. Frei nach dem Motto: “Ach, wenn wir schon beim Windelthema sind. Geht dein/e Vater/Mutter noch alleine oder musst du sie schon windeln? Ausgerechnet jetzt, wo dein Fünfjähriger endlich aus dem Gröbsten (bezogen auf die Windeln nicht auf die Manieren) raus ist?” Aber ich hasse speziell die Frage nach “dem Freund” und wenn ich einen Sohn hätte, würde mich die Frage nach “der Freundin” genauso ärgern. Wenn Männer fragen, drängt sich bei mir automatisch der Gedanke auf, ob sie sich damit nach ihren Chancen oder pikanten Details erkundigen wollen und bei Frauen, ob sie die Konkurrenz fürchten. Achja und möglicherweise wird ja auch gefragt, ob die Kinder auch die richtige Entscheidung (bzgl. Geschlecht, Herkunft oder was auch immer - für die Fragenden - relevant sein mag) getroffen haben. Letztlich nervte mich eine entfernte Bekannte mit genau dieser direkten Frage nach dem Stand der sexuellen Aktivität meiner Tochter. Im letzten Moment hatte ich meine Gegenfrage, die schon auf der Zungenspitze hing, wieder hinuntergeschluckt. “Schläfst du auch schon wieder mit jemanden oder hast du dem Sexleben abgeschworen?” Es wäre nicht nur unverschämt gewesen, die Frage hätte mich auch auf dasselbe impertinente Niveau gebracht. Stattdessen sagte ich: “Interessante Frage! Nun auch sie hat ein Privatleben.” Was vielleicht ein Fehler war, vielleicht wollte sie genau nach ihrem Sexleben gefragt werden und hatte nur einen “höflichen” Umweg gemacht…
Jedenfalls wurde bei dieser Party wie beim “How do you do” keine Antwort erwartet, ob “sie einen Freund hat”.

“Also meine hat einen, der studiert schon. Sie ist ja so beliebt. Sie legt soviel Wert darauf, dass ihr Freund etwas hermacht. Mit jedem würde sie sich ja nicht einlassen, der muss schon einen Haarschnitt haben und ordentlich angezogen sein. Und ich muss mir endlich keine Sorgen mehr machen, wo sie ist, wenn es abends spät wird. Meine ist ja so aktiv. Sie hat ja viele Freunde und ist immer so viel unterwegs. Du müsstest ihre Handyrechnungen sehen. Verheerend sage ich dir! Verheerend! Aber so ist dann nun mal bei aktiven jungen Frauen, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen und gefragt sind…”

Das war der Punkt, an dem wir zu Tisch gerufen wurden. In diesem unreflektierten Redeschwall hätte es sicher keine Atempause für meine Flucht gegeben. Und ab irgendeinem Punkt hätte ich sicher etwas Unpassendes gesagt. Irgendetwas wie: “Von mir aus kann er Haare haben wie ‘Cousin It’ von der Adams Family, Hauptsache er hat ein Gehirn - und benutzt es. Und sie verstehen sich prächtig, vor allem wenn sie gemeinsam Saurier in Wyoming ausgraben. Wofür sie beide mit Leiberln überaus korrekt bekleidet sind…”

Bei Tisch saß ich mit mir mehr oder minder bekannten Frauen zusammen, die mir bei der Vorspeise erklärten, wie sie durch die Schwangerschaften und Geburten gelitten hatten. Bei der Suppe wusste ich wessen Plazenta die schwerste, beste und schönste war. Ich beschränkte mich auf geringe Nahrungsaufnahme an der Grenze zur Höflichkeit, da mir die Themen mehr als genug zum Verdauen gaben. Meine Wortspende, die sich mir innerlich aufdrängte, schluckte ich ebenfalls runter. Dass ich bei der Geburt meiner Tochter durch optische Abwesenheit glänzte, weil ich keine Brille auf hatte - und dafür nach wie vor unendlich dankbar bin - und am liebsten in Cafeteria gesessen wäre und diesen Scheißjob meinen Mann überlassen hätte, wäre sicher auf totales Unverständnis gestoßen. Beim Hauptgang erfuhr ich Details über Myome, die ich lieber nicht gewusst hätte. Als ich die Gebärmuttergeschwulste mit den Größen der diversen Fleischstückchen auf meinem Teller zu vergleichen anfing, wurden plötzlich die besten Kosmetikinstitute und ihre Wirkung auf das aktuelle Aussehen diskutiert. Bevor das Dessert serviert wurde, wechselte ich vorsichtshalber zur Herrenrunde. Die waren gerade dabei diverse Potenzmittelchen durchzuhecheln. Als ich mich danach erkundigte, welches davon denn ihrer Erfahrung nach das Beste sei und wie sich ihre Leistung dadurch im Vergleich zu vorher verbessert hätte, wurde blitzartig Sport und ihre überragenden Leistungen in verschiedenen Disziplinen zum Hauptthema.

Am besten hat es mir an diesem Nachmittag bei den Jugendlichen gefallen. Übrigens würde man ihnen niemals diese Eltern zutrauen, aber vielleicht muss man ja nur noch einige Jährchen warten bis sich die Ähnlichkeiten ausprägen… Persönliches wurde mit der besten Freundin am Klo - auch nicht gerade der heimeligste Ort, aber immerhin relativ (relativ, wenn man zu zweit hineingeht) privat - besprochen. Ansonsten drehten sich die Gespräche um die letzten Konzerte, die besten Bands und Solisten,  Filme, die Oscarverleihung und “was soll ich bloß gegen die Pickel tun” oder nach der Schule anfangen. Da gab’s haufenweise Themen rund um zeitgenössische Kultur, Ängste, Hoffnungen und Zukunftsvisionen. Es war echt interessant, lustig und kein bisschen prätentiös.

Ganz anders bei den “Erwachsenen” - was immer das auch sein mag - deren Standortbestimmung zur Cocktailstunde beim beliebten Gesellschaftsspiel “Wertevergleich” angekommen war. “War euer Urlaub weiter weg als unserer”, “Kaufst Du auch beim ‘Teure-Etiketten-Laden”, “Diese Automarke kauft doch heute kein Mensch/Mann mehr” sind anscheinend die beliebtesten Messlatten. Natürlich wurde auch ich befragt. Es war unvermeidlich, aber ich hatte meine Tageslektion gelernt oder ein unweibliches Bier - ich hasse Prosecco - zuviel geschlürft, abgesehen davon begann mich mein böser Teufel zu reiten:

“Unser Urlaub war eine Individualreise. Ich will mich da nicht extra verbreitern, aber so etwas ist natürlich sehr planungsintensiv und benötigt eine eigene Betreuung. Über die Kosten möchte ich daher lieber auch nicht reden. Was meine Bekleidung betrifft, bevorzuge ich exklusiv für mich von meiner eigenen Designerin Entworfenes und von meiner Schneiderin Angefertigtes. Sie hat seit Jahren meine Maße und arbeitet ausschließlich für meine gesamte Familie. Man will ja schließlich nicht mit einem Blick abtaxiert werden. Oder noch schlimmer auf einer Party ertappt werden, dass man das gleiche Kleid wie eine andere trägt. Ja und was das Autofahren betrifft, bin ich sehr konservativ, was immer eine Frage des Geldes ist. Ich liebe meinen Oldtimer. Ja, ich weiß, die sind recht pflegeintensiv und teuer, aber irgendwie ist ja Mainstream nicht unbedingt alles, man möchte sich doch von der breiten Masse abheben.”

Schön, wenn man so viele Partygäste so für sich einnehmen und begeistern kann - und das ohne wirklich Wesentliches preiszugeben… Also tatsächlich waren wir in Bad Aussee. Es wäre weit gewesen, wenn wir eine Route rund um den Globus mitten durch die Touristenghettos gewählt hätten, aber auf Grund guter gemeinsamer Planung sind wir direkt hingefahren.
Tja, was die Bekleidung betrifft, mag ich Stangenware tatsächlich nicht besonders, vor allem wenn sie echter Etikettenschwindel ist.
Warum sollte ich Teuer-Irgendetwas links herum tragen, damit man das Teuer-Irgendetwas-Etikett sieht?
Warum sollte ich ein Teuer-Irgendetwas tragen, dessen Etikett man nicht rauschneiden sollte (die unnötigen Dinger kratzen so fürchterlich), weil es dann nur noch ein Billig-Irgendetwas wäre?
Was spicht für ein Teuer-Irgendetwas, das sich trotzdem nur irgendwie - Betonung auf irgendwie - um den Körper herumspannt oder sackartig an den entscheidenden Stellen herunterhängt?
Wozu ein Teuer-Irgendwas, dass sich durch nichts absolut nichts von Fakeware unterscheidet, weil es aus der selben Dritte-Industriewelt-Billig-Kinderarbeit-Fabrik abgezweigt wurde, die die Teuer-Irgendetwas herstellen?
Gott-sei-Dank hat meine Mutter ein Auge für Stoffe und Qualität. Sie kann wunderbar nähen und sie arbeitet exklusiv nur für uns. Was will ich mehr?
Und was das Auto betrifft, fahre ich seit sieben Jahren dasselbe. Es wird regelmäßig gewartet und unregelmäßig geputzt. Es hat mich noch nicht im Stich gelassen. Naja, in Frankreich ist es uns dieses Jahr fast an seinem vollen Katalysator erstickt, aber die Luxemburger Mechaniker haben einen neuen eingebaut und jetzt spult es wieder die Kilometer rauchfrei und wesentlich schneller als 40km/h runter. Warum sollte ich das treue Gefährt entsorgen, das inzwischen sogar geruchsmäßig zur Familie gehört und nicht mehr nach Plastik und Fabrik riecht?
Manchmal frage ich mich, ob mein erweiterter Bekanntenkreis mich für desinteressiert hält? Ob meine Zurückhaltung persönliche Fragen zu stellen, falsch eingeschätzt wird? Ich stelle tiefgehende persönliche Fragen nur deswegen nicht, weil ich selbst nicht gestellt bekommen möchte. Freunde, die etwas mitteilen möchten, sollen und dürfen das aus freien Stücken machen. Es wird immer mein Ohr erreichen und nicht über meine Zunge in den weiteren Umlauf gebracht werden. Genauso wie ich es haben möchte, wenn ich nur wenigen ausgewählten Menschen mein Vertrauen schenke, meine Sorgen und Nöte mitteile. Privates, das zur Superstory mit Beschleunigungsfaktor mutiert, ist nicht mehr privat, sondern öffentlich und ich bin definitiv keine “öffentliche Frau”. Das ist der essentielle Unterschied zwischen Freunden und Bekannten, der Unterschied zwischen Bussi-Bussi und Komm-lass-dich-drücken, der Unterschied zwischen Fundament und Fassade.
Bin ich froh, dass ich/wir kritikfähige, diskrete, unprätentiöse FreundInnen haben.
Bin ich froh, dass bei diesem Bussi-Bussi-Festl und meinem Party-Outing als Frau mit Designerkleidern, Oldtimer und geplanten Individualurlaub niemand aus diesem Kreis dabei gewesen ist. Sie wären vor Lachen gestorben und ich will definitiv, dass meine FreundInnen ewig leben.

© S. Strohschneider-Laue

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Platons Hundeleben

Samstag, 15. November 2008

Fiction

Birgit Primig
Platons Hundeleben: Episoden und mehr
BoD 2008, 72 S.
ISBN 978 3 8370 6775 0

Hundeepisoden Platons Hundeleben: Episoden und mehr

Für Weihnachten, Geburtstage, HundeliebhaberInnen und Katzenmenschen - das kleine Mitbringsel mit hohem Unterhaltungswert.
Platon ist einfach super. Klug, eigenwillig, alltagstauglich und lebensbereichernd. Platon ist aber auch Philosoph und Vordenker, denn Nachdenker gibt es bereits genug. Platon weiß, was Frauchen will und wo Herrchen Nachhilfe braucht. Keine larmoyante, zuckersüße Hundeschnulze. Eine tolle Biographie über einen tollen Hund. Das richtige kleine Book-on-Demand-Buch.
Ach ja: aufgeschrieben hat Birgit Primig wie Platon lebt und was er liebt. Wer die Autorin kennt, versteht sofort, dass Frau und Hund haargenau zueinander passen.
Hoffentlich wird es bald eine weitere Konzert-Lesung geben!

© B. Meinhard-Schiebel

Platons Hundeleben: Episoden und mehr

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Metzger sieht rot

Dienstag, 27. Mai 2008

Fiction

Thomas Raab
Der Metzger sieht rot
Leykam 2008, 319 S.
ISBN  978 3701 17619 9

Metzger sieht rot Der Metzger sieht rot: Kriminalroman

Nach dem erfolgreichen Roman “Der Metzger muss nachsitzen” sieht der ruhige Willibald Adrian Metzger in seinem zweiten Auftritt plötzlich rot. Wo die Liebe hinfällt macht sie Menschen zu Schattenspringern. Auch der zurückhaltende Restaurator Metzger springt über seinen Schatten und begleitet Danjela Djurkovic auf “eine dieser Massenveranstaltungen” ins Fußballstadion. Als der Tormann während des Spiels stirbt, glaubt Danjela nicht an einen tragischen Zufall. Ihr Misstrauen wird ihr am nächsten Tag vor dem Stadion zum Verhängnis. Sie wird vom aktiven - und zu neugierigen - Fußballfan zum komatösen Opfer geprügelt. Dies ist genau jener Moment in dem jegliche Gelassenheit von Metzger abfällt. Ee mausert sich wieder zum Ermittler und entdeckt viel mehr und abgründigeres als erwartetet.

Auf staatlichen 319 Seiten geben Humor, Gesellschaftkritik und kriminalsitischer Spürsinn einander die Hand. Wien ist offensichtlich ein guter Nährboden für skurrile (Roman)figuren und herzlich-verzweifeltes Lachen, das im Hals steckenbleibt. Abgesehen davon muss man nicht ausgemachter Krimifan sein, um den “Metzger” zu mögen, denn die vielschichtige und ausgereifte Erzählweise von Thomas Raab ist nicht umsonst 2008 zum Friedrich-Glauser-Preis nominiert worden.

© S. Strohschneider-Laue

Der Metzger sieht rot: Kriminalroman

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Neurotiker

Mittwoch, 23. April 2008

Fiction

Dennis DiClaudio
Der kleine Neurotiker
DVA 2008, 208 S., zahlr. Sw-Abb.
ISBN 978 3 421 04324 5

Neurotiker Der kleine Neurotiker

Vorab eine kleine Selbsterforschung:
Kennen Sie Ihre Ängste?
Glauben Sie gefestigt zu sein?
Haben Sie keine Störungen - nicht einmal Schlafstörungen?
Wetten, dass Sie sich irren?
Bei Lektüre dieses Buches bekommen Sie garantiert alle (un)erwünschten Zustände.

Autor DiClaudio Nach dem Der kleine Hypochonder. Lexikon der eingebildeten Krankheiten ist dies der zweite Geniestreich von Dennis DiClaudio. Wieder sind die grundsätzlichen Fakten des Buches durchaus stimmig, wenn auch ganz gezielt - zu Gunsten des frech-frischen Blicks auf gesellschaftlichen Verhältnisse und allgemein-menschliche Unvollkommenheit - unvollständig. Man wird zum “Adrian Monk” beim Lesen, obwohl das Buch meilenweit von medizinischen Lexikon entfernt ist und auch nicht als solches geschrieben wurde.

Angststörungen, Dissoziative und Artifzielle Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Psychotische, Sexuelle Störungen sowie Schlaf- und Somatoforme Störungen werden in diesem Band mit minutiös-boshaften Anleitungen zur “Selbsterforschung” vorgestellt.  Erstaunlich ist, dass man bei der Selbstanalyse auf jeden Fall fündig wird. Und noch erstaunlicher ist, wie oft Politiker, Beamte, Chefs und die LehrerInnen (natürlich nur die der eigenen Kinder) eindeutig schwerste Mehrfach-Neurotiker sind.

Von etlichen Störungen hört man immer wieder, auch wenn man eigentlich viel zu wenig darüber weiß. Mit dem Münchhausensyndrom - wer kennt heute noch Münchhausen - wird inzwischen wesentlich medientauglicher Eminems Mutter gleichgesetzt, während mancher Wahn richtiggehend massentauglich ist. Immerhin stürzten sich plötzlich die Deutschen mit “Wir sind Papst” unhabhängig von ihren jeweiligen Bekenntnissen in den religösen Wahn. Andererseits hat der Doppelgängerwahn nichts damit zu tun, dass Ihr Chef seine Reisenspesen zusätzlich auch noch über einen Verein abrechnet, während Konfabulation keine Politikerkrankheit ist, auch wenn diese erstklassig von ihrem selektiv-fabulösen Gedächtnis leben. Latah ist der Traum so manches Ausbildners und das Trauma von Azubis: die Disziplinierung zum absoluten Befehlsempfänger. Um es kurz zu machen, das Buch beschreibt auch die “gemeinsame psychotische Störung”, der man spielend selbst bei der Lektüre anheim fallen kann. Aber man kann auch versuchen all diesen Störungen den “Inneren Monolog” entgegenzusetzen, sich an der ”Diagnose” festhalten oder über ”Ursache” und “Behandlung” eine Lösung anstreben. Die gut gewählten Grafiken tragen jedenfalls zu Angst und Schrecken ebenso bei wie zum permanent (un)heimlichen Schmunzeln.

Der kleine Neurotiker ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass man wirklich ernste Themen mit jenem seriös unseriösen Augenzwinkern betrachten kann, die den Ernst des Lebens erst erträglich machen.

© S. Strohschneider-Laue

Der kleine Neurotiker
Der kleine Hypochonder

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Sookie Stackhouse

Freitag, 11. April 2008

Fiction

Charlaine Harris
Der Vampir, der mich liebte
dtv 2007, 337 S.
ISBN 978 3 423 20982 3
Der Vampir, der mich liebte

Der Vamir, der mich liebte

Ball der Vampire
dtv 2007, 381 S.
ISBN 978 3 423 20987 8
Ball der Vampire

Ball der Vampire

Diese Bücherreihe besticht aus ihrem genialen Genre-Mix aus Romantik und Erotik, Mystery, Fantasy, Humor und Action. Die liebens- und hassenswerten Nebencharaktere ziehen den Leser in den Südstaaten Flair durch ihre - übernatürlichen - Eigenheiten hinein. Darunter sind die misstrauischen Bellefleur-Geschwister, Bubba der zurückgebliebene Vampir, der eigentlich Elvis ist, Sam der Barbesitzer, ein harmloser Wercollie, und die örtliche Polzei und ansässigen Kirchendiener verschiedener Konfessionen. Dazu kommen eine Schar von Ex-Freunden und Verehren die von Buch zu Buch mehr zu werden scheinen. Es wird bis zum Ende spannend bleiben, für wen sich Sookie, die Gedankenleserin entscheiden wird. Ein leichtes Lesevergnügen, das schon allein aufgrund Sookies typischer Kommentare zu den Gedanken ihrer Mitmenschen hämische Freude bereitet. In Amerika sind die “Sookie Stackhouse Vampire Mysteries” von Charlaine Harris schon mit der Erscheinung des ersten Bandes 2001 in den Bestsellerlisten gelandet. Auch hierzulande gibt es eine stetig anwachsende Fangemeinde. Inzwischen ist sogar schon der achte Band der Erfolgsreihe in Arbeit.Für diejenigen, die mit der gedankenlesenden Barmaid Sookie Stackhouse noch nicht bekannt sind, nachfolgend eine kurze Einführung. Die Heldin der Buchreihe lebt in einen verschlafenen Nest namens Bon Temps in Louisiana. Zwei Jahre zuvor hatten sich die Vampire zu einem “Coming-out” entschieden, da in Japan synthetisiertes Blut erfunden wurde. Nichts Außergewöhnliches passiert in Sookies Leben (ausgenommen, dass sie seit frühester Jugend Gedankenlesen kann), bis sie den Vampir Bill kennen lernt und in die Welt der Vampire und des Übernatürlichen in allgemeinen hineingezogen wird.

Der Vampir, der mich liebte
“Der Vampir, der mich liebte” ist der vierte Band der Reihe und nimmt seinen Anfang als ihr inzwischen Ex-Freund Bill sich von ihr verabschiedet, da er im Auftrag der Vampirkönigin von Louisiana nach Peru geht. Als sie wieder einmal spät von der Arbeit nach Hause fährt, sammelt sie den auf der Straße umherirrenden Eric, der Chef aller Vampire in der Umgebung, auf. Sookie kennt den nicht gerade angenehmen Vampir aus geschäftlichen Treffen mit Bill, doch ist sie nicht gefasst darauf, dass dieser sich anscheinend an überhaupt nichts erinnern kann. Zu Hause angekommen ruft sie Pam, Erics rechte Hand, und informiert sie über den Zustand ihres Bosses. Noch in der gleichen Nacht taucht Pam mit Chow, einer seiner weiteren vampirischen Untergebenen, auf und unterbreitet ihr ein Angebot. Anscheinend wurde er von einer rachsüchtigen Hexe verflucht und sollte bis alles wieder in Ordnung ist, untertauchen. Pam bietet ihr 50.000 Dollar, was dem Kopfgeld auf Eric entspricht, für die “Aufbewahrung” an. Das Geld wird dringend von Sookie und ihrem Bruder Jason benötigt. So willigt sie ein, mit dem Hintergedanken, dass sie wahrscheinlich wieder in Schwierigkeiten kommen könnte. Bei ihr enden Schwierigkeiten nämlich immer im Krankenhaus. Natürlich hatte sie damit vollkommen Recht, doch nur mit Erics Verhalten hatte sie nicht gerechnet. Der ehemals schroffe gefährliche Draufgänger ist nun ein charmanter leicht hilfloser Vampir mit altmodischen Vorstellungen. Dabei hilft es nicht unbedingt, dass er über 1,90m groß, blond und gut aussehend ist. Bald lässt sie sich auf eine Affäre mit ihm ein, obwohl sie weiß, dass er nun mal nicht der “echte” Eric ist. Auch lässt die Vampirblut trinkende Hexe, die sich überdies noch in einen Werwolf verwandeln kann, samt nur etwas weniger gefährlichen Bruder und Anhängerschaft nicht lang auf sich warten. Um Alles Heil zu überstehen werden sie die Hilfe von Vampiren und den Shreveport Werwölfen, die nicht gerade scharf darauf sind mit Blutsaugern zusammenzuarbeiten, brauchen…

Ball der Vampire
Der 6. Band, “Ball der Vampire”, lässt sich noch viel turbulenter an. Sookie muss sich nicht nur mit den Pelts herumärgern, einer Gestaltwandlerfamilie dessen Adoptivtochter sie in Notwehr tötete, sondern auch noch feststellen, dass ihr umtriebiger Bruder seine Werpanther-Freundin heiraten will. Zudem wird sie auf ihrem ersten Date mit dem Wertiger Quinn von Werwölfen angefallen. Nachdem das nicht genug ist, muss sie eine Kindesentführung lösen und in dem Wäldchen vor ihrem Haus liegt eine in zwei Hälften geschnittene Halbdämonin. Diese hätte ihr einen Brief von der Vampirkönigin von Louisiana überbringen sollen, die ihre Anwesenheit bei einer Konferenz verlangt. Da ihr nicht viel übrig bleibt als hinzufahren, nimmt sie den Anlass gleich zur Auflösung des Nachlasses ihrer kürzlich verstorbenen Cousine Hadley war. Seit zwei Jahren hatten sei nicht mehr miteinander nach einem Streit gesprochen, trotzdem hinterließ Hadley ihr seinen gesamten Besitz. Doch in Hadleys Leben hat sich seitdem einiges geändert zumal sie eine Vampirin und die Geliebte der Vampirkönigin bis diese den Vampirkönig von Arkansas geheiratet hatte, war. Von da an wird es so richtig gefährlich und sie deckt mit der Hilfe von einem zum großen Teil aus Amateuren bestehenden Hexenzirkel, Quinn und der Elfe Claudine, die ihr Schutzengel ist, ein Komplott und so manche unangenehme Tatsache auf… Ein turbulentes Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Seite - so richtig zum Leersaugen…

V. I. Strohschneider

Der Vampir, der mich liebte & Ball der Vampire

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K(l)eine Geschenke

Freitag, 11. April 2008

© Chr. Ranseder

K(l)eine Geschenke erhalten die Freundschaft – oder auch nicht

In Zügen kommen oft völlig fremde Menschen mit einander ins Gespräch. Nichts verbindet sie außer der gemeinsamen Strecke. Ich für meinen Teil weiche solchen Gesprächen aus. Entweder schlafe ich tatsächlich oder ich stelle mich schlafend. Ab und an schnappe ich auf diese Weise Gespräche von Mitreisenden auf, die meine Aufmerksamkeit fesseln. Letzte Woche war ich wieder einmal Ohrenzeugin einer interessanten Unterhaltung. In meinem Abteil saßen zwei Herren, die nach und nach ins Gespräch gekommen waren. Leider sprach einer der beiden sehr leise, so dass ich nur eine Hälfte des Gesprächs, die mit Sicherheit die interessantere Hälfte war, verfolgen konnte.

Nein, Sie schenken nicht gerne? Wie seltsam! Vielleicht sollten Sie das Schenken einfach für sich selbst neu erfinden. Man kann es sowieso kaum jemanden wirklich recht machen. Die meisten kaufen sich die Dinge, die sie sich wünschen ohnedies selbst. Ganz egal, ob es ihre Geldbörse erlaubt oder nicht. Glauben Sie mir, Schenken macht mehr Freude als selbst beschenkt zu werden. Allerdings nur, wenn man es richtig macht. Als Kind glaubte ich diese Philosophie des Schenkens nicht, aber jetzt bin ich davon fest überzeugt. Schon die Auswahl des Geschenks ist für mich das größte Vergnügen.

Ach, Sie möchten wissen, weshalb das so ist? Aber gerne!

Eigentlich liegt es in meiner Erziehung begründet; denn meine Mutter sagte immer, „Bedenke stets, was dein Geschenk bedeuten könnte.” Und daran habe ich mich die letzten Jahre strikt gehalten.

So, das verstehen Sie nicht? Ja, aber das ist doch kein Problem, vor allem wenn Sie, wie Sie mir gerade erklärt haben, stets Personen verpflichtet sind, die Sie eigentlich gar nicht mögen. Gerade bei diesen ist es doch am leichtesten etwas Passendes zu finden. Kompliziert erweisen sich eher jene Menschen, denen man wirkliche nahe steht.

Sie müssen demnächst ihren Chef beschenken, obwohl Sie gar nicht wollen? Aus dem Stegreif kann ich Ihnen natürlich nicht raten, da müssen Sie mir schon einiges über Ihren Chef erzählen.

Wenn ich Ihre Aussagen zusammenfassen darf: Er ist inkompetent und Ihre Arbeit gibt er als die seine aus. Darüber hinaus ist er nicht nur korrupt, sondern rechnet seine Spesen zusätzlich ein zweites Mal über einen Verein ab. Und die Sekretärin ist seine Drehscheibe, die man sogar bestechen muss, wenn man einen Urlaubsschein benötigt. Eigentlich müsste es Ihnen eine Freude sein, Chef, Vorzimmerdame und alle Kollegen zu gleichen Teilen zu beschenken.

Gut, ich will Ihnen einen Tipp geben, denn solche Staatsdiener überrasche ich mit Vorliebe. Informieren Sie die Sekretärin, dass die Belegschaft ein Gemeinschaftsgeschenk geben will und sie die Organisation übernehmen soll. Wenn alle ihr Scherflein beigetragen haben, geben Sie sich ratlos, um letztlich eine Geschenksüberweisung vorzuschlagen. Vermutlich wird die Sekretärin alle Bankgeschäfte erledigen. Sie wird darauf die Überweisung des Betrages ganz sicher in ihrem eigenen Namen vornehmen. In Folge die geeigneten Maßnahmen in die Wege zu leiten, wird Ihnen doch wohl nicht schwer fallen. Muss ich noch mehr sagen, außer: Verdacht auf verbotene Geschenkannahme und Bestechungsversuch? Alle werden glücklich sein und das Jobkarussell kann sich vom neuem drehen.

Sie glauben, es käme nichts Besseres nach und zu kompliziert wäre es auch? Dann wählen Sie etwas Gängiges. Überreichen Sie ihr eine mit einem geschmacksneutralen Laxativ präparierte Pralinenschachtel. Ihre Gabe wird seine durchschlagende Wirkung garantiert nicht verfehlen. Für den Chef wird ein exklusiver Wein geeignet sein. Gönnen Sie sich den edlen Tropfen selbst und füllen sie die leere Flasche mit einem billigen Produkt im Tetrapack nach. Er wird den Unterschied entweder nicht merken oder nicht zugeben. Für Sie geht jedenfalls die Kosten-Nutzen-Rechnung auf.

Dachte ich mir, dass Ihnen das gefällt!

Nein, nein, ich will Ihnen keinesfalls das ganze Vergnügen des Schenkens rauben.

Sie gehen tatsächlich regelmäßig trainieren? Und was machen Sie dort? Laufen und Gewichte stemmen, faszinierend! Die Party für die Mitglieder ist wohl ein Anlass seinen Trainingspartnern eine Kleinigkeit zu überreichen. Nein, sagen Sie nichts weiter. Ich kann es mir vorstellen. Der Geruch von Schweiß und Füßen muss - sprichwörtlich - umwerfend sein! Am besten ist, Sie verteilen Fußsalben und Deos.

Das haben Sie im letzten Jahr schon getan? Das nenne ich bedarfsorientiertes Schenken. Sie sind ein wesentlich begabterer Schenker als Sie selbst annehmen. Sagen Sie, ist es seither für ihre Nase erträglicher geworden?

Nein, dann setzen Sie doch dieses Jahr mit kunststofffreien T-Shirts nach. Natürlich mit Ihrem Logoeindruck. Das können Sie zusätzlich als Werbemaßnahme von der Steuer absetzen.

Gern geschehen, Sie müssen sich nicht bedanken. Es war mir eine Freude. Wissen Sie, das Aussuchen von Aufmerksamkeiten ist für mich wie ein gutes Vorspiel. Und der Höhepunkt folgt, wenn meine Geschenke ihre Wirkung entfalten.

Beim nächsten Bahnhof muss ich aussteigen. Es war eine animierende Unterhaltung. Darf ich Ihnen, bevor ich aussteige, ein kleines Präsent zu Erinnerung überreichen?

Das war der Moment als ich vorgab abrupt aufzuwachen und nahezu fluchtartig das Abteil verließ. Ich wollte nicht wissen, was überreicht wurde. Auch wollte ich keinesfalls die Wirkung des Präsents miterleben. Es gibt einfach Geschenke auf die man besser verzichten sollte.

© S. Strohschneider-Laue

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