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Schönheit und Tod: Tierstillleben

Montag, 02. Januar 2012

Non-Fiction

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Hg.)
Von Schönheit und Tod

Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne
Kehrer 2011, 416 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978-3-86828-275-1

Tierstillleben Tierstillleben: Von Schönheit und Tod

Willem van Aelst treibt in seinem Stillleben mit Jagdgeräten und toten Vögeln (1668) die Ästhetisierung eines blutigen Sports auf die Spitze. Nichts weist auf den gewaltsamen Tod des anmutig mit ausgebreiteten Flügeln an einer Schnur hängendem Rebhuhns hin, dessen Kopf auf dem blauen Samt einer Jagdtasche ruht, als würde es sich in einem Nickerchen von den Strapazen des Gejagtwerdens erholen. Gefieder, Samt und die materielle Beschaffenheit der kostbaren Geräte, die auf die Ausübung von Fang-, Hetz- und Beizjagd verweisen, sind mit atemberaubender Kunstfertigkeit wiedergegeben. Es ist ein Gemälde, das den Blick einfängt und einen geradezu sinnlichen visuellen Genuss beschert. Allzu leicht lässt sich darüber vergessen, dass diese elegante Zusammenstellung von Statussymbolen eigentlich der standesgemäßen Selbstdarstellung des Adels diente, der subtil auf sein Jagdprivileg hinwies.

Jagdstillleben können als Paradebeispiel für Bilder, deren Hauptmotiv tote Tiere sind, herangezogen werden. Ein Monopol auf die Darstellung des Lebens beraubter Fauna haben sie jedoch nicht. Das führt der Prachtband “Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” eindrucksvoll vor Augen.

Im Tierstillleben verwischen die Grenzen zur Landschafts-, Porträt-, Genre- und Historienmalerei. Das macht es spannend und abwechslungsreich. Erlegtes Wild, geschlachtete Haustiere, Fische und Schalentiere türmen sich im Vordergrund zahlreicher Markt- und Küchendarstellungen, während im Hintergrund Episoden aus mythologischen oder christlichen Geschichten erzählt werden. Auf anderen Bildern verweisen Fisch- und Geflügelverkäufer mit beredtem Blick und anzüglicher Geste nicht nur auf die Vorzüge ihrer Ware, sondern auch auf sexuelle Handlungen, wenn nicht gar Dienstleistungen. Imposante Landschaften oder protzige Gartenanlagen dienen als Kulisse für unter freiem Himmel platzierte Arrangements aus den Leibern toter Tiere, Früchten und Blumen. Fein gekleidete Herren posieren mit Jagdbeute und -hund am Waldesrand, um ihre soziale Stellung zu kommunizieren. Graf Carl Gustaf Tessin fand sogar seinen geliebten Dackel Pehr eines eigenen Bildnisses würdig und ließ den treuen Begleiter - wenig heroisch, doch dafür umso lebensnaher - 1740 von Jean-Baptiste Oudry auf Leinwand verewigen.

Bei aller Ambivalenz zur Darstellung des Todes, lässt sich an den Gemälden aus Beginn und Blütezeit des Tierstilllebens noch heute die Freude der Künstler an der Pracht von Gefieder und Fell, Schuppen und Panzern ablesen. Anders als ihre Kollegen, die sich der wissenschaftlichen Illustrationen zur Bestandsaufnahme der Welt verschrieben hatten, konnten sich die Maler von Tierstillleben künstlerische Freiheiten - ja sogar Scherze - erlauben. So setzte Abraham Mignon in seinem Stillleben mit totem Geflügel (1663/64) einen gewöhnlichen Hahn in Szene als wäre er kostbare Jagdbeute. Das prachtvolle Gefieder des kopfüber hängenden Vogels explodiert gleichsam in alle Richtungen, sodass jede einzelne Feder - selbst die sonst verborgenen - bewundert werden können. Indem er die Dynamik des Augenblicks mit malerischen Mitteln festhielt, nahm Abraham Mignon die fotografische Momentaufnahme vorweg.

Nicht minder virtuos, doch voller schalkhafter Vorfreude auf kulinarische Genüsse, ist François Desportes Stillleben mit bratfertigem Wild (1716) in dem ein lebender Papagei über gespicktes oder in Speck gewickeltes Geflügel, einen Hasen, mächtige Fleischstücke und eine Schüssel mit Zitrusfrüchten wacht. Das für Herzog Philippe II. d´Orleans, der gelegentlich selbst den Kochlöffel schwang, geschaffene Gemälde repräsentiert eine weitere Form des Tierstilllebens.

Von solchem Augenschmaus sind die Arbeiten des 19. und 20. Jahrhunderts weit entfernt. Im Mittelpunkt des Interesses der Künstler dieser Zeit standen die malerischen Ausdrucksmittel, nicht die Schönheit und Opulenz der Natur. Das Medium und die eigene Befindlichkeit wurden wichtiger als das Motiv. Das Tier mutierte zum Ding. Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten und in einem breit angelegten Überblickswerk darf die moderne Kunst natürlich nicht fehlen.

“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” ist die erste Monografie zum Thema Tierstillleben und als solche unverzichtbar. Die für das Buch getroffene Auswahl der Bilder ist brillant. Der Katalog allein umfasst 124 ganzseitig abgebildete, mit ausführlichen Kommentaren versehene Werke. Er beginnt mit dem Aquarell “Tote Ente” von Albrecht Dürer, dem Wegbereiter der realistischen Wiedergabe der Natur und endet mit der auf die Tierstillleben des 17. Jahrhunderts Bezug nehmenden Fotografie “Fasan” von Robert Mapplethorpe. Zwischen diesen beiden Polen gibt es so viel zu bestaunen, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Auf dem Streifzug durch die 500-jährige Geschichte des Tierstilllebens begegnen nicht nur Abbilder toter, sondern auch lebender Tiere - vom treuen Jagdhund, der mit ins Bild musste, über Papagei und Äffchen bis zum gerade noch dem Jäger entkommenen Eichhörnchen.

Zusätzliches Bildmaterial begleitet die sieben fundierten Essays des Buches. Sie bieten neben einem Abriss zu Geschichte und Besonderheiten des Tierstilllebens eine hervorragende Übersicht über die bedeutendsten Maler dieses Genres, darunter Stars wie Jean Siméon Chardin, Jan Weenix und Jean-Baptiste Oudry. Exkurse zu den gegenseitigen Beeinflussungen und Arbeitsweisen der Künstler sowie dem kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund, dessen Kenntnis ein tieferes Verständnis der Gemälde ermöglicht, vervollständigen das vermittelte Grundlagenwissen. Das perfekte Zusammenspiel von Bildauswahl und leicht lesbaren Texten macht das Buch zum Lesevergnügen, seine inhaltliche Tiefe prädestiniert es als Nachschlagwerk.

“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” schließt eine Lücke in der Auseinandersetzung mit der Gattung Stillleben. Die Ausstellung, aus derem Anlass die stattliche Publikation erschien, ist in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vom 19. November ‘11 bis 19. Februar ‘12 zu sehen.

© Ch. Ranseder

Tierstillleben Tierstillleben: Von Schönheit und Tod

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Von Fischen, Vögeln und Reptilien

Mittwoch, 23. November 2011

Von Fischen, Vögeln und Reptilien
Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

ÖNB Prunksaal
24. November ‘11 bis 29. Januar ‘12

Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

Nilkrokodil

1492 vergrößerte sich die Welt ins Unermessliche. Nach der Entdeckung Amerikas gab es kein Halten mehr. Jeder, der etwas auf sich hielt und es sich verschaffen konnte, wollte ein Stück von der Welt haben. In der Renaissance ging daher in einigen Reichen die Sonne nicht mehr unter, während so manchem Reichen endlich ein Licht aufging. Es begann die Blüte der Kuriositätenkabinette, der Wunderkammern und ersten wissenschaftlichen Sammlungen.

Gelbhaubenkakadu Unter diesen Sammlern war auch Kaiser Rudolf II. (1552-1612). Politisch unfähig und psychisch labil betätigte er sich bevorzugt als Kunst- und Wissenschaftsmäzen. Gut so, denn das Licht der Monarchie verlosch, während sein künstlerisches und wissenschaftliches Erbe bis heute Bestand hat. Bestand u. a. dadurch, dass die Österreichische Nationalbibliothek die Restaurierung des “Bestiaire” von Rudolf II. durchführte. Das zweibändige Werk mit 181 Ölbildern, das zwischen 1570 und 1611 von mehreren Künstlern - darunter Daniel Fröschel (1563-1613), Hans Hans Hoffmann (1530-1591/92) und Guiseppe Arcimboldo (1526-1593) - mitgestaltet wurde, ist eine in jeder wissenschaftlichen und künstlerischen Hinsicht reiche Fundgrube.

Drachenskelett Einzigartige Bilder belegen einerseits die Kunstfertigkeit der Ausführenden, andererseits das Bestreben nach wissenschaftlicher - unter den gegebenen Umständen - und exakter Dokumentation. Zugleich spiegeln die Abbildungen ebenso das persönliche Interesse Rudolfs als auch sein Repräsentationsbedürfnis sowie die damals lebend gehaltenen Tiere bzw. das gesammelte tote Material wider.

Gepard und Leopard Manche dieser Tiere fristeten offensichtlich mehr schlecht als recht ein Dasein inmitten der staunenden Gesellschaft. So zeigt die atemberaubend schöne und zugleich minutiöse Darstellung eines Molukkenkakadus, ein überfüttertes Tier. Der Schnabel schreit förmlich nach einer Korrektur bei einem Tierarzt, der zusätzlich einen artgerechten, reduzierten Diätplan - harte Sämereien statt weichen Gebäcks - verordnet hätte. Spannend, was aus den Bilddokumenten - zusätzlich zur genussvollen Betrachtung der Kunstwerke - abzulesen ist.

Flughahn und andere Fische Das Album von Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) wurde ebenfalls restauriert. Selbstverständlich sieht man auch den Fischen an, ob sie fangfrisch oder konserviert bis mumifiziert den Künstlern als Zeichenvorlage dienten. So zeigen sie sich farbenprächtig oder trist gebräunt je nach dem jeweiligen Erhaltungszustand. Frische Fische hatte jedenfalls Giorgio Liberale (1527-vor 1580) zur Verfügung. Über 1100 Bilder der adriatischen Meeresfauna - oft in Originalgröße - verbinden ästhetischen Anspruch mit wissenschaftlicher Dokumentationsqualität. Ein besonderes Highlight seine deckungsgleichen Darstellungen der Ober- und Unterseite z. B. eines Krebses auf Pergamentvorder- und -rückseite. Wendet man das Blatt, wendet man quasi den Krebs.

Gepard und Leopard Zuweilen wurden große Herausforderungen an die ausführenden Künstler gestellt. Vage und bruchstückhafte Informationen, die wie beim Spiel “Stille Post” durch mehrere Münder und Ohren weitererzählt waren, sollten in einer überzeugenden Visualisierung münden. Das dreifarbige Zebra, heute von hohem Unterhaltungswert, sorgte sicher auch damals, obwohl aus anderen Gründen, für Erstaunen.

Fazit: Im beeindruckenden Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ist eine ebenso tierische wie gute Auswahl der frisch restaurierten Blätter aus zwei Bilderzyklen - Bestiaire von Rudolfs II. und Fauna der Adria von Ferdinand II. - zu bestaunen. Abgerundet wird die Ausstellung mit Illustrationen von Carolus Clusius (1526-1609), Ulisse Aldrovandi (1522-1605) sowie Jacopo Ligozzi (1547-1627). Ein Besuch der sich für Groß und Klein, Laien und Fachpublikum - durchaus mehrmals - lohnt. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte bieten einen ersten Überblick. Wer mehr wissen möchte, als eine einschlägige Themenführung bieten kann, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen.

on Fischen, Vögeln und Reptilien Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

Die Kuratorin der Ausstellung Christina Weiler ist auch Herausgeberin des Katalogs. Beiträge von Christa Hofmann, Ksenija Tschetschik und Daniel Siderits sowie zahlreiche Abbildungen machen den stattlichen 255-seitigen Band zu einer angenehmen (!) Pflichtlektüre.

Die Kapitel gliedern sich in “die Tierwelt der Adria”, “das Reich der Tiere”, “die Konservierung von Tierbildern auf Pergament”, “Kunstwerk und Naturobjekt” sowie “Tierillustration der frühen Neuzeit”. Der benutzerfreundliche Anhang mit Literatur, Abbildungsverzeichnis und Tierregister rundet den qualitätvollen Band ab.

Dass der Katalog eine Augenweide ist, ist nicht nur den herrlichen Bildquellen und der Druckqualität zu verdanken, sondern auch dem übersichtlichen sowie attraktiven Layout von Ekke Wolf.

Übrigens: Der Preis ist bestechend moderat!

© S. Strohschneider-Laue

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Schädelkult

Mittwoch, 09. November 2011

Non-Fiction

Alfried Wieczorek, Wilfried Rosendahl (Hgg.)
Schädelkult

Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen 41
Schnell + Steiner 2011, 388 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 7954 2454 1

Schädelkult Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen

Der gewichtige Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum ist beispielgebend. Die herausragende inhaltliche Qualität ist optisch und haptisch in einer attraktiven Publikation umgesetzt worden. Über 50 AutorInnen aus verschiedenen Forschungsbereichen unterziehen menschliche Schädel minutiösen Betrachtungen und interpretieren deren kulturgeschichtliche Bedeutung.

Das Thema wird in fünf Kapiteln gegliedert, die Sinnvoll und Geistreich - der Schädel, Vom Neandertaler bis zur Völkerwanderung - Ein Gang durch die Vor- und Frühgeschichte, Von Schrumpfköpfen, Schädelbechern und Schillerschädeln - Ein Gang durch die Weltkulturen, Schädelfaszination heute und Schädelgalerie betitelt sind. Den einzelnen Beiträgen sind umfassende Literaturzitate angeschlossen.

Im ersten Kapitel stehen Seele-Herz-Hirn - damit Sinn und Verstand - in antiker Vorstellung (Elisabeth Ahner), Schädel als Knochenstruktur (Helmut Wicht) sowie operative Eingriffe am Schädel (Kurt W. Alt) quer durch die Zeiten im Mittelpunkt. Wahrlich spannend, was aus dem Unikat des Schädels “herausgeholt” werden kann. Einerseits wurden schon früh medizinische und philosophische Betrachtungen mit dem Kopf verbunden, andererseits wurden bereits in prähistorischer Zeit mehr (!) oder minder erfolgreiche Eingriffe im Schädelbereich vorgenommen.

Eine spannende Zeitreise durch die Vor- und Frühgeschichte wird im zweiten Kapitel unternommen. Beiträge führen von der Alt- und Mittelsteinzeit (Joachim Wahl) über das Neolithikum (Jörg Orschiedt, Andrea Zeeb-Lanz), Bronzezeit (Christiane Ana Buhl) und Eisenzeit (Axel von Berg, Béatrice Vigié) mit einem Abstecher ins Alte Ägypten (Tanja Pommering und Stan Hendricx) und zu den Skythen (Claudia Braun). Betrachtungen zur Antike (C.B.) und Spätantike (Gerhard Hotz) schließen den genialen Überblick. Schädelkult, Kannibalismus, der Ritualplatz von Herxheim, Masken und Schädeldeformationen sind nur einige Aspekte, die berücksichtigt werden.

Der Blick auf die Weltkulturen im dritten Kapitel wirft Schlaglichter aus Afrika (Andrea Schlothauer), Asien (Katja Müller, Paolo Maiullari, Richard Kunz, A.S.), Ozeanien (Bernd Leicht, Alexandra Wessel, Antje Kelm, Wilfried Rosendahl, Christian Fink, Heaether Gill-Frerking, Thomas Henzler, Markus Monreal, Stefan Schlager, Ursula Wittwer-Backofen), Nord und Mesoamerika (Martin Schultz, Nikolaus Stolle, Ursula Thiemer Sachse, W.R., Sinas Steglich) Südamerika (A.S., Anna-Maria Begerock, Virgina und Michael Tellenbach, Sabine Bernschneider-Reif, Timo Gruber, Reiner Sörries, Dario Piombino-Mascali, Alber Zink, Ulrike Neurath-Sippel, Eva-Maria Günther, Elisabeth Ahner, Rudolf Maurer, U.W.-B., Daniel Möller, Uwe Hoßfeld, W.R., Gisela Gruppe, Marina Vohberger). Kopfjagd, Schädelschmuck, Skalps, Kristallschädel und Schrumpfköpfe zeigen u. a. vielfältige Rituale rund um Triumph und Trauer in außereuropäischen Kulturen auf. Während Heilmittel, religiöse und weltliche Reliquien sowie Rassenkunde Beispiele für europäischen Schädelkult sind.

Der ungebrochenen Schädelfaszination in der Gegenwart wird im vorletzten Kapitel Rechnung getragen. Die schwarze Szene (C.A.B.), das Totengedenken in Mexiko (Ulrike Umstätter), Kriminalistik (U.W.-B.), Hirnforschung (Hans Günter Gassen) und Totenkopfsymbolik (Magdalena Pfeifenroth) sind hier die zentralen Themen. Tristesse und Zuckerwerk, Kriminalistik und Forschung sowie Symbolkraft stehen für die breitgefächerte, moderne Schädelfaszination.

Mit der Schädelgalerie schließt das fünfte Kapitel. Als Highlights zur Ausstellung (Doris Döppes, A.-M.B., D.M., W.R., A.S., A.W.) werden herausragende Beispiele wie z. B. Trophäenköpfe und künstlich deformierte Schädel aus Peru oder für die Aufbewahrung im Beinhaus bemalte Schädel aus Hallstatt in Österreich in hochwertiger Fotoqualität inklusive Kurzinformationen gezeigt.

Autorenregister und Bildnachweis beschließen den - auch durch seine übersichtliche und attraktive Gestaltung - hochwertigen Band. Ein Pflichtkauf in Fachkreisen und für kulturgeschichtlich Interessierte ebenso.

© S. Strohschneider-Laue

Schädelkult Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen

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220 Jahre Moorarchäologie

Donnerstag, 03. November 2011

Non-Fiction

“O, schaurig ist’s übers Moor zu gehn …”
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 79
Philipp von Zabern 2011, 260 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 8053 4361 9

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

175 Jahre Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch ist Anlass die Bedeutung der Moorarchäologie seit 220 Jahren aufzuzeigen. Die Begleitschrift zur Ausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg 2011 widmet sich dem Thema Moorarchäologie.

In acht gut strukturierten Kapiteln mit jeweils beigefügtem Literaturverzeichnis werden archäologische Forschungen rund ums Moor vorgelegt. Die spektakulärsten - aber nicht unbedingt immer aufschlussreichsten - Funde sind Moorleichen, sie  werden in diesem Band ausgespart. Der Faszination Moorleichen ist nämlich ein eigener Band gewidmet worden.

Carsten Ritzau und Lena Strauch setzen sich einleitend mir dem Hochmoor als einmaligen Lebensraum und “nassen Geschichtsbuch” auseinander. Von der Moorentstehung über den Lebensraum bis hin zur Bedeutung von Mooren als einzigartige archäologische Tresore spannt sich der inhaltliche Bogen. Ein komprimierter Überblick über die einzigartige (Fund-)Landschaft.

Mystische Moorlandschaften stehen zusätzlich noch bei Lena Strauch im Mittelpunkt. Zwischen wirtschaftlicher Nutzung und künstlerischer Inspiration bieten Moore eine weite Spanne für Realität und Fantasie.

Frank Both und Mamoun Fansa, die auch für den Band “Faszination Moorleichen” verantwortlich zeichnen, bieten in zwei Kapitel Überblicke über Moorwege und ihre Forschungsgeschichte im Weser-Ems-Kreis. Moore sicher und schnell zu durchqueren, war zu allen Zeiten ein Anliegen. Die dazu angelegten Bohlenwege sind der Forschung schon lange bekannt. Ihre Bauweise und ihr feuchtbodenbedingter exzellenter Erhaltungszustand bieten der Forschung mehr Erkenntnisse als so manch anderer zur Sensation aufgeblasener Einzelfund.

Vier hölzerne Übungsschwerter stellt Philipp Roskoschinski vor. Die durch sie gewonnen Einblicke in die militärische Ausbildung im Babaricum der älteren Römischen Kaiserzeit, spricht für ein regelmäßiges Waffentraining.

Frank Both unterzieht Rad und Wagenentwicklung einer genaueren Betrachtung. Aus Wagenresten, die  quer durch die Urgeschichte bis in das Mittelalter nachgewiesen wurden, sind Rückschlüsse auf Transport und Verkehr möglich. Eine Reihung dieses Beitrags im Anschluss an die Ausführungen über Bohlenwege wäre m. E. thematisch sinnvoller gewesen.

Erhard Cosack stellt Überlegungen zu einem Brotopfer beim Bohlenweg XII (Ip) im Ipweger Moor an. Vom am Schreibtisch interpretiertem Brotopfer bis zum im Experiment verwendeten Achsfett”brot” reichen die interessanten Ausführungen.

Zuletzt wird noch das “Erfolgsmodell Einbaum” von Christina Wawrzinek näher beleuchtet. Denn auch diese sind aus Feuchtgebieten des Oldenburgerraumes bekannt und werden hier katalogsystematisch vorgestellt.

Der Band bietet einen guten Überblick über die Feuchtbodenfunde und den Forschungsstand in Nordwestdeutschland. Deutlich wird dabei, wie wesentlich organische Reste zum Klären offener chronologischer, wirtschaftlicher und ganz allgemein lebenspraktischer Fragen beitragen. Spannend aufbereitet und somit für Fach- und Laienpublikum gleichermaßen wertvoll.

© S. Strohschneider-Laue

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

Siehe auch:

Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

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Faszination Moorleichen

Donnerstag, 03. November 2011

Non-Fiction

Frank Both und Mamoun Fansa
Faszination Moorleichen
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseum Natur und Mensch 80.
Philipp von Zabern 2011, 119 S, zahlr. Sw- und Farbfotografien.
ISBN 978 3 8053 4360 2

Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

Im Rahmen der Ausstellung 220 Jahre Moorarchäologie im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg sind zwei Begleitschriften erschienen. Vorliegende stellt die Moorleichen aus dem Weser-Ems-Raum in den Mittelpunkt.

Moorleichen sind ein steter Quell überraschender Erkenntnisse, die weit über das Erscheinungsbild des Menschen zwischen Eisenzeit und Mittelalter hinausgehen. Zugleich werfen sie leider oft mehr Fragen auf, als sie Antworten liefern. Was auch daran liegt, dass sie zumeist Zufallsfunde ohne ideale wissenschaftliche Bergungsbedingungen sind. Für die Ausstellung konnten jedenfalls neue Untersuchungen vorgenommen werden, deren Ergebnisse in diesem Band - inklusive einer Überschau aller bisherigen Funde - vorgelegt werden.

Komplette Moorleichen, ein Zopf, ein Hautstück sowie ein Knochen in einem Schuh bieten ganz unterschiedliche Aspekte zum Tod der einzelnen Individuen. Auch die Beifunde, der Beitrag von Julia Gräf widmet sich minutiös dem Fellumhang der Kayhauser Moorleiche, lassen nicht automatisch durch ihre exzellente Erhaltung einen allgemeingültigen “modischen” Rückschluss auf den gesamten Zeithorizont zu. Fundumstände, Erhaltungsbedingungen und Interpretationen, die sich im Laufe der Zeit - nicht nur aufgrund labortechnischer Möglichkeiten - verändern, zeigen, wie schwierig es ist, mit diesen spektakulären Funden zu verfahren. Andererseits ist der im Moor beerdigte 1828 verstorbene Hausierer Jan Spieker für die Archäologie ein wunderbares Beispiel dafür, wie Erhaltungs- und Verfallsprozesse im Moor in einem exakt überschaubaren Zeitrahmen ablaufen. Dennoch sorgen von der Analyse über Interpretation bis hin zur Präsentation im musealen Rahmen Leichen(teile) aus Mooren immer wieder für neuen Diskussionsstoff.

Der Verdienst des Bandes ist es, die historischen Fakten von Fund und Befund inklusive reichen Bildmaterials, durch ein Literaturverzeichnis abgerundet, vorzulegen und diese durch aktuelle Untersuchungen zu ergänzen. Der wichtige Beitrag zur Moorarchäologie ist zugleich auch breitenwirksam vorgelegt und kann daher dem interessierten Laienkreis ebenfalls empfohlen werden.

© S. Strohschneider-Laue

Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

Siehe auch:

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

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Guts and Glory

Donnerstag, 03. November 2011

Non-Fiction

Neil Leifer
Guts and Glory
The Golden Age of American Football 1958-1978
Taschen 2011, Dt, Engl., Fr., 296 S, zahlr. Fotografien.
ISBN 978 3 8365 2786 6

Leifer: Guts and Glory Guts & Glory

“Amerikanischer Fußball” hat seine Wurzeln im Rugby und Fußball und seine Tradition reicht bis ins 19. Jh. zurück. Seit 1912 existiert die National Football League (NFL), über die immer wieder - vor allem ab den späten 80er-Jahren und  als 1991 die World League of American Football veranstaltet wurde - in deutschsprachigen Sportkanälen berichtet wird. Raumgewinn lautet das Motto des American Football. Raumgewinn nach sehr vielen ausgefeilten Regeln, denn die Verletzungsgefahr ist trotz der schützenden Ausrüstung hoch.

Wie bei den meisten Sportarten ist es ein enormer Unterschied ein Spiel im Stadion oder bei einer Übertragung zu verfolgen. Taktik, Schnelligkeit und Körpereinsatz machen American Football im Stadion zu einem unvergesslichen Erlebnis. Dieses Erlebnis auf Fotos zu bannen, ist 1958-1978  - in den aufgehenden Sternstunden des American Football - keinem besser gelungen als Neil Leifer.

Der bei Taschen erschienene hochqualitative Fotoband zeigt American Football von seinen spektakulärsten Seiten. Dreisprachig stellen der Fotograf Neil Leifer und der Journalist Jim Murray den Sport und seine Bedeutung für diese Zeit vor. Den Hauptpart nehmen dennoch die Fotografien ein, die großartige Spielszenen, aber auch Spieler, Trainer, Security, Cheer Leader und Publikum in ganz persönlichen Momenten einfangen. In Regen und Sonnenschein, Eis und Schnee, Matsch und Staub wird um jedes Yard hart gekämpft.

Der Band wird ein umso größerer Bedeutungsträger je mehr sich die Betrachter für den Sport begeistern. Hardcorefans werden ihn für unverzichtbar erachten, sind doch bedeutende Mannschaften, Spieler und ihre wichtigsten Spiele dokumentiert. Fotografen werden sich für die eingefangenen Situationen, Perspektiven und Ausschnitte wie auch für Qualität der Bilder über den Rahmen von Dokumentation und Berichterstattung hinaus begeistern. Antisportler wie ich, die sich am American-Football-Fieber bei den Vienna Vikings angesteckt haben, werden Band nicht ins Regal schieben können, ohne ernsthaft über die Anschaffung einer neuen Kamera vor dem nächsten Spiel nachzudenken.

© S. Strohschneider-Laue

Leifer: Guts and Glory Guts & Glory

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Gustav Klimt | Josef Hoffmann

Dienstag, 25. Oktober 2011

Gustav Klimt | Josef Hoffmann
Pioniere der Moderne
Belvedere
25. Oktober ‘11 bis 4. März ‘12

Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne

Mit dieser Ausstellung wird bereits jetzt das Klimt-Jahr 2012 im Unteren Belvedere eingeläutet. Im Mittelpunkt der Schau steht die Kooperation von Gustav Klimt (1862-1918) und Josef Hoffmann (1870-1956) im Sinne eines ganzheitlichen Kunstschaffens, das in alle Lebensbereiche hineinwirkt.

Tatsächlich gelingt es der Ausstellung den Themenkreis rund um die beiden Künstler und ihrer Weggefährten anschaulich und äußerst lebendig zu präsentieren. Den  gegenseitigen - auch internationalen - Impulsen unter den Künstlern Raum zu geben und u. a. Werke von George Minne, Ferdinand Khnopff oder Jan Toorops zu zeigen, trägt zusätzlich zu einer inhaltlich ausgewogenen Präsentation bei.

Dem dekorativ-geschwungenen Jugendstil und den geometrischen Gestaltungsprinzipien der Wiener Moderne werden zahlreiche neue Facetten abgewonnen. Was auch darin begründet liegt, sich nicht auf die Malerei zu beschränken, sondern den künstlerisch-gestalterischen Gesamteindruck zu vermitteln. Diese Gestaltungsprinzipien können sich BesucherInnen quasi als “Katalog zum Abreißen” direkt von der Wand mitnehmen.

Nicht minder berücksichtigt wird daher auch der Aspekt des Kunsthandwerks, das nicht nur als Impulsgeber eine wesentlichen Anteil an der Stilrichtung und somit an der Umsetzung in der Malerei hatte. BesucherInnen können sich davon überzeugen, wie viele Objekte ihre Attraktivität bis in die Gegenwart beihalten haben. Allein die Bibliotheksleiter von Josef Hoffmann setzt ein bis heute gültigen Maßstab für funktionales Design.

Vor 100 Jahren entstand das als Gesamtkunstwerk zu betrachtende Palais Stoclet in Brüssel. Das bis ins kleinste Detail minutiös durchgestaltete Gebäude, zu dessen Ausstattung zahlreiche Künstler beigetragen haben, ist ein Meisterwerk und zugleich architektonisches Hauptwerk von Josef Hoffmann. Das noch immer in Familienbesitz befindliche Anwesen ist nicht öffentlich zugänglich. Immerhin kann man nun im Rahmen dieser Ausstellung nicht nur ein maßstäbliches Modell des Palais, sondern gleich einen annähernd originalgroßen Nachbau der Eingangshalle bewundern.

Beethoven-Ausstellung 1902, kuvolinearer Stil, geometrischer Stil, Wien-Brüssel Beziehungen, Moderne Raumkunst, Gustav Klimt und Emilie Flöge - Kostbarkeiten, Hermine Gallia - Klimt im Boudoir sowie Barbara Flöge und die Sonnenblume - der Mensch und die Natur sind zentrale Ausstellungsthemen. Die wichtigsten Basisinformationen können publikumswirksam per “Katalogseiten-Abriss” - man muss allerdings genau hinschauen, damit man die sich harmonisch in die Wandgestaltung einfügenden Seiten bemerkt - mitgenommen werden.

Der bei Prestel erschiene Katalog Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne erweist sich als ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter. Darüber hinaus ist der gewichtige, aber erschwingliche Band eine Bibliotheksbereicherung für alle, die sich dem Zauber der Wiener Moderne nicht entziehen können.

Fazit: Der Mehrwert des Ausstellungsbesuchs liegt auch darin begründet, viel mehr zu sehen als “nur” Bilder von Gustav Klimt. Die Erlebnistour durch die Räume lässt in exzellent gewählten Ausschnitten das Raumgefühl der Zeit anklingen.

© S. Strohschneider-Laue

Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne

Aktuelle Ausstellungskataloge
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Fotografie: Trude Fleischmann

Donnerstag, 09. Juni 2011

Non-Fiction

Anton Holzer, Frauke Kreutler (Hgg.) 
Trude Fleischmann
Der selbstbewusste Blick | A Self-Assured Eye   

Hatje Cantz 2011, Dt./Engl., 199 S., zahlr. Sw-Fotos.
ISBN 978 3 7757 2780 8

Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick

Trude Fleischmann (1895-1990) hatte ein Atelier in Wien, das von 1920 bis zu Ihrer Flucht 1938 ein kultureller Treffpunkt war. Porträts, Tanz, Mode und Werbung, aber auch Reisemotive standen im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Die rasche Umwegrentabilität von Promifotos und Skandalbildern, die Bekanntheitsgrad steigern und Business ankurbeln, ist heute hinlänglich bekannt. Damals wurde ähnlich gearbeitet, aber zumeist nicht mit ganz so schnellem Effekt. Die Aktfotografien der Tänzerin Claire Bauroff, die erst durch die polizeiliche Beschlagnahmung in Berlin sprunghaft an Bekanntheitsgrad gewannen, verhalfen jedenfalls beiden Frauen zu nachhaltigem Erfolg. Das Wien Museum kaufte bereits 1936 Fotografien aus ihrer Atelier für die Sammlung an.

Nach dem Anschluss Österreichs beantragte Trude Fleischmann ein Ausreisevisum. Sie wurde enteignet und verließ mit nur wenig persönlicher Habe 1938 Wien. Sie emigrierte in die USA, wo es Ihr gelang eine neue Existenz in New York aufzubauen. Trude Fleischmann hatte Glück im Unglück - nicht allen Wiener Fotografinnen jüdischer Herkunft war dasselbe Schicksal beschieden.

Die Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum hat über diese hinaus Bestand. Zweisprachig abgefasst, zeigt es überwiegend im Bestand des Museums befindliche Fotografien. Es gab sie auch schon zu dieser Zeit: Frauen hinter der Kamera und mit eigenem Studio. Schön, dass einer dieser - überraschend zahlreichen - Atelierfotografin eine Ausstellung und ein Katalog gewidmet wurde. Fotografinnen aus der Zwischenkriegszeit, deren Werke im Katalog abgebildet sind - Edith Barakovich, Marianne Bergler, Stephanie Brandl, Papa Feldscharek, Trude Geiringer, Edith Glogau, Kitty Hoffmann, Dora Horowitz, Dora Philippine Kallmus, Hella Katz und Grete Kolliner -, werden ebenfalls mit biografischen Notizen gewürdigt. Beiträge von Astrid Mahler, Frauke Kreutler, Anton Holzer, Marion Krammer, Heike Herrberg informieren über Leben und Werk von Trude Fleischmann sowie fotografisches und kulturelles Umfeld jener Zeit.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet den exzellenten Katalog ab. Eine gelungene, da ebenso gut gegliederte wie flüssig abgefasste, Pflichtlektüre zur Fotografie, Zeitgeschichte und Frauenforschung. Dass das Gesamtlayout die Fotografien stimmig begleitet und ein harmonischen Gesamteindruck erzeugt, ist ein zusätzlicher Bonus.

© S. Strohschneider-Laue

Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick

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Welten in der Schachtel

Donnerstag, 12. Mai 2011

Non-Fiction

Welten in der Schachtel
Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre
Kerber 2010, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8667 8449 9

Welten in der Schachtel: Mary Bauermeister

Im Mittelpunkt des Buches “Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre ” stehen die sog. Linsenkästen, die eine Schlüsselstellung im Œuvre der Künstlerin einnehmen. Der Konzeptkunst zuzuordnen, ist diese Werkgruppe gekennzeichnet durch das Spiel von Transparenz und Dichte, Nahsicht und Distanzierung, räumlicher Beschränkung und Sprengung derselben durch die Einbeziehung von Betrachter, Rahmen oder angrenzender Wandfläche.

Mary Bauermeister machte sich in den 1960er Jahren die Schachtel als künstlerisches Medium zu eigen. Durch ihre unverwechselbare visuelle Sprache, die den Zeitgeist der Epoche einfängt, und eine humorvolle Absurdität setzen sich die Arbeiten Bauermeisters klar von den Werken ihrer männlichen Kollegen, die sich ebenfalls der Box bedienten, ab. Es war ein glücklicher Zufall, der die Künstlerin 1961 in einem Antiquitätengeschäft den Nachlass eines Uhren- oder Brillenmachers entdecken ließ. Inspiriert durch diesen Fund begann Mary Bauermeister Uhrgläser, Lupen und Linsen in ihre Arbeiten zu integrieren. Das Ergebnis waren geheimnisvolle, mit Tuschezeichnungen und Texten überzogene Kästen, in deren dreidimensionalem Innenraum Kugeln zu schweben schienen. Durch eine gläserne Barriere dem Zugriff der Betrachter entzogen, konnte dennoch mittels auf der Glasplatte aufliegender Linsen jedes Detail der tragbaren Installation gemustert werden.

Mit diesen sog. Linsenkästen gelang Mary Bauermeister, die 1962 nach New York ging, ausgehend von Amerika der künstlerische Durchbruch. In dem reich illustrierten Buch “Welten in der Schachtel”, das anlässlich einer gleichnamigen Ausstellung erschien, wird diese Werkgruppe erstmals umfassend präsentiert und in den Kontext der im Rahmen der Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre bespielten mobilen Kleinräume gestellt.

Die Idee des Mikrokosmos in der Schachtel hat eine lange Tradition. Alexander Eiling gibt in seinem Essay “Welten in der Schachtel. Vom Reliquienkasten zur Boîte-en-Valise” einen Überblick über die mannigfaltigen Ausprägungen der Kunst im Kästchen.

Kerstin Skrobanek verfolgt in “Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre” Genese und Entwicklung der sog. Linsenkästen und untersucht deren Stellung im Rahmen der experimentierfreudigen, konzeptorientierten Kunst dieser Zeit.

Mary Bauermeister reüssierte nicht nur als Künstlerin, sondern spielte auch als Gastgeberin für die Kölner Kunstszene eine bedeutende Rolle. Wulf Herzogenrath spürt in “Die Geburt der Kunstmetropole Köln im Atelier von Mary Bauermeister 1960″ den Performances, Ausstellungen, Konzerten und geselligen Treffen des Kreises um Mary Bauermeister und ihrem späteren Ehemann Karlheinz Stockhausen nach.

Als Ergänzung der Essays widmen sich sechs als “Boxen” betitelte Kurztexte Aspekten der künstlerischen Auseinandersetzung mit Schachteln, Kisten und Boxen aller Art, die in den 1960er Jahren eine Blütezeit erlebte. Eine ausführliche von zahlreichen Fotos begleitete Biografie Mary Bauermeisters bildet den Schlusspunkt des in deutscher und englischer Sprache verfassten Buches.

“Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre” ist die späte Würdigung der einzigartigen Arbeiten einer eigenwilligen Künstlerin.  

© Ch. Ranseder

Welten in der Schachtel: Mary Bauermeister

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Aiwasowski - Maler des Meeres

Mittwoch, 16. März 2011

Aiwasowski - Maler des Meeres
Bank Austria Kunstforum
17. März bis 10. Juli ‘11

Aiwasowski: Maler des Meeres

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817-1900) wurde in Feodossija auf der Krim geboren. Ein Stipendium ermöglicht es ihm ab 1833 an der Akademie in St. Petersburg zu studieren und erste Fernreisen zu unternehmen. Zahlreiche Stadt- und Landschaftsbilder geben eindrucksvolles Zeugnis seiner Reistätigkeit. Der viel beschäftigte Künstler blieb er seiner Heimatstadt verbunden. Atelier und Wohnhaus des Malers des Meeres in Feodossija ist heute ein ihm gewidmetes Museum und Leihgeber für diese außergewöhnliche Ausstellung.

 

Bereits 1844 wurde der aufstrebende und bereits ausgezeichnete Künstler zum offiziellen Maler des Marinestabs ernannt. Durch seine somit gesicherten Auftragsarbeiten war er finanziell gut situiert. Aus einer armenischen Kaufmannsfamilie stammend, war ihm durchaus bewusst, dass man Geld anlegen und sich gesellschaftlich integrieren muss. Sein Engagement für Wirtschaft und Kultur - er setzte sich für die Eisenbahnlinie und die Gründung eines archäologischen Museums in Feodossija ein - waren somit auch privates Kalkül.

Marinemalerei ist ein Genre, das nicht unbedingt jeden auf Anhieb anspricht. Ein Vorurteil, das durch Monumentalbilder von Seeschlachten, die für Repräsentationsräume, Hafenszenen für Amtsstuben und Schiffsbilder, die für Veteranen gemalt wurden durchaus gerechtfertigt erscheint.

 

Unter den sprichwörtlichen grauen Wellenfluten der ungezählten - vor allem holländischer Seestücke -, die sich einmal links, einmal in der Bildmitte und zur Abwechslung rechts des voll aufgetakelten oder bereits halb gesunkenen Schiffes zeigen, sticht die außergewöhnliche Sichtweise und Darstellung von Aiwasowski hervor. Man muss sich nicht der Marine verbunden fühlen, um die erzählerische Qualität der Szenen zu erfassen. Man muss nicht dem Ertrinken nahe gewesen sein, um die Angst der Schiffsbrüchigen zu spüren. Aiwasowskis Bilder sind Berichterstattung und Kunst zu gleichen Teilen und das macht ihre zeitlose Qualität aus.

 

Wer das Wasser nur vom Strandurlaub kennt, aber dessen Gewalt nur aus Katastrophenberichten, wird nach dem Besuch der Ausstellung einen geschulten Blick haben. Wellenkämme und Gischt betrachten, das Farbspiel, das Licht und die Transparenz bewundern. Spürbarer und beeindruckender als Aiwasowski Gemälde ist nur das Meer selbst.

Der bei Hatje Cantz erschiene Katalog Aiwasowski: Maler des Meeres zeichnet sich durch vielschichtige Beiträge aus. Die gewohnt ausgezeichnete Druckqualität erfreut, kann aber trotzdem - auch aufgrund der monumentalen Originale -, die optische Wucht und Farbpracht nicht völlig gerecht werden. Dennoch ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter, der es Normalsterblichen möglich macht, Aiwasowski mitzunehmen.

Fazit: Ein beeindruckender Bilderreigen, der in dieser Fülle und vor allem nach Aiwasowskis Tod außerhalb Russlands nicht zu sehen war. Die Präsentation erhebt sich erfrischend, faszinierend und gewaltig wie das Meer vom Ausstellungseintopf Österreichs mit seinen Impressionisten-Schiele-Picasso-Mainstream ab.

© S. Strohschneider-Laue

Aiwasowski: Maler des Meeres

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Frida Kahlo Retrospektive

Sonntag, 19. September 2010

Martin-Gropius-Bau, Bank Austria Kunstforum (Hgg.)
Frida Kahlo
Retrospektive
Prestel 2010, 256 S., zahlr. Farb- und Sw.-Abb. 
ISBN 978 3 7913 5009 7

 Frida Kahlo. Retrospektive

Nach der erfolgreichen Ausstellung in Berlin sind noch bis 5. Dezember ‘10 Werke von Frida Kahlo im Kunstforum in Wien zu bewundern. Tatsächlich können die BesucherInnen der Künstlerin aus Mexiko durch ihre Werke und in Fotos näher kommen - näher als es kaum ein anderer Kunstschaffender zulässt. Auch durch Fremdbetrachtungen, denn nichts anderes sind die gezeigten Fotos, ist es möglich, die Einfluss nehmende Persönlichkeit Frida Kahlos zu spüren.

Über Frida Kahlo ist viel publiziert worden. Zahlreiche Bände über ihr Werk, ihr Leben liegen bereits vor. Umso überraschender ist es, dass es den AutorInnen dieses haptisch und optisch hochwertigen Ausstellungskatalogs gelingt, neue Aspekte in den Vordergrund ihrer Betrachtungen zu rücken.

Ingried Brugger, Direktorin des Bank Austria Kunstforums, widmet sich in “Eine kleine Welt, die so groß geworden ist …” einer Frau, die sich im männlich dominierten Kunstbetrieb nicht aufdrängte, es vielleicht auch nicht wollte. Und sie verweist auf die Künstlerin, deren Leben und Werk eine Einheit voller Widersprüche zu sein scheint, die letztlich erst ihre wirkliche Persönlichkeit ausmachten.

“Die himmlische Liebesgeschichte und chiffrierte Geheimschriften im Werk von Frida Kahlo” unterzieht Helga Prignitz-Poda einer näheren Betrachtung und räumt bereits zu Beginn mit zahlreichen Falschmeldungen auf. Den Katalog bereichert sie überdies noch durch ihren Beitrag “Die Zeichnungen”, während “Fotografien. Das Bild als Zeugnis: Frida Kahlo und die Fotografie” von Cristina Kahlo vorgestellt werden.

Unter der doppelten Betrachtung “Fridas Freunde sind auch meine Freunde. Oder: Wer sammelt Kunst von Frida Kahlo?” analysiert Salomon Grimberg Künstlerin und ihre SammlerInnen zu gleichen Teilen. Denn alle, die ein Werk von Frida Kahlo kauften, reklamierten sich zugleich in ihr Leben, standen ihr nahe oder wünschten es zumindest.

Die literarischen Aspekte der Künstlerin werden in “Frida Kahlo, die Poetin. Zu den Briefen, Gedichten und Aufzeichnungen einer literarischen Künstlerin” vorgestellt. Peter von Becker lässt Frida Kahlo für sich selbst sprechen. Zugleich stellt er überaus spannend die betreffenden Stationen ihres Lebens ihren Texten sowie ihre Werke den betreffenden literarischen Querbezügen gegenüber.

Florian Steininger, der ebenso wie Heike Eipeldauer und Helga Prignitz-Poda Textbeiträge zum Katalog beistellt, legt mit “‘Frida Icon’. Das autoritäre Auge bei Frida Kahlo” einen Beitrag zur Rezeption christlicher Heiligendarstellungen im Werk der Künstlerin vor.

Mit “Frida Kahlo. Das Leben, ein Schmerz” bringt Arnoldo Kraus die körperliche Krankengeschichte der Künstlerin in ein Spannungsverhältnis zu ihrem seelischen Schmerz und deren Verarbeitung durch ihr Kunstschaffen.

Die politische Dimension der Künstlerin und ihrer Weggefährten wird von Francisco Reyes Palma in “Frida Kahlo: Eine antistalinistische Bombe, als Geschenk verpackt” über die Metapher hinaus gewürdigt.

Im abschließenden Essay unterzieht Jeanette Zwingenberger “Frida Kahlos Körperräume” Vergleiche mit etlichen KünstlerInnen, darunter auch Dalí und O’Keefe. Deren surrealistischer Blick ist voller symbolhaften Doppeldeutigkeiten sowie zeitlich-räumlichen Widersprüchen. Sichtweisen, die auch Frida Kahlo kennzeichnen.

Der Katalogteil wird durch Bildessays ergänzt, während die Zeichnungen und Fotografien gesondert vorgestellt werden. Eine übersichtliche Biografie, das Verzeichnis der ausgestellten Werke, ausgewählte Literatur sowie eine Übersicht über die AutorInnen beschließen den prächtigen Band.

© S. Strohschneider-Laue

Frida Kahlo. Retrospektive 
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
Frida Kahlo - Die Malerin und ihr Werk
Frida Kahlo - Ihre Photographien
Jetzt, wo Du mich verläßt, liebe ich dich mehr denn je

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Mittelalter: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Freitag, 07. Mai 2010

Andreas Fingrnagel (Hg.) 
Juden, Christen und Muslime 
Interkultureller Dialog in alten Schriften 

Kremayr & Scheriau 2010, 256 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2180 0809 9 

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der interkulturelle Dialog sollte sich ein Beispiel an dieser Publikation nehmen: strukturiert, sachlich, verständlich und weltoffen. Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek bietet einen erfrischend modernen Rahmen für die Jahrhunderte gekommenen Kostbarkeiten.

Vier große Schriftkulturen - griechisch, lateinisch, arabisch und hebräisch - dominierten das mittelalterliche Europa. Der wissenschaftliche Austausch basierte daher einst wie heute auf Fremdsprachenkenntnisse und Übersetzungen. Dazu kommt, dass Wissenschafter bis heute geniale Überleser des politischen und religiösen Kotau sind. Jene Unterwerfung, die bis heute in Geleit- und Vorworten oder politisch korrekten Formulierungen seinen Ausdruck findet. Damit war der Mindesttribut an die staatliche und kirchliche Förderung und Anerkennung abgeleistet. Übersetzungen sparen ggf. solche Formulierungen aus oder passen sie an den entsprechenden kulturellen Kontext an. Wissenschafter legen eben mehr Wert auf den Inhalt.

Die gleiche wissenschaftliche Sorgfalt zeichnen Struktur und Inhalt der Beiträge diese Katalogs aus. Andreas Fingernagel, Ernst Gamillscheg, Christian Gastgeber, Solveigh Rumpf-Dorner und Friedrich Simader nehmen sich den Grundlagen sowie des interkulturellen Dialogs in Medizin, Astronomie und Astrologie an.

Grundlagen für das Verständnis der schriftlichen Kommunikation bietet das lapidar bezeichnete Kapitel “Einleitung”, das wesentlich mehr bietet als man es bei thematischen Einleitung gewohnt ist. Hier werden die griechischen, arabischen, hebräischen und abendländischen Handschriften nicht nur hinsichtlich der jeweiligen Sprache, sondern auch in Bezug auf die Produktionstechniken minutiösen und überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. Rolle oder Codex, Papyrus oder Pergament, Majuskel oder Minuskel waren die Entscheidungen, die sich kaum vom heutigen Herstellungsprozess unterscheiden. Die Alternativen ob und wie illustriert wird oder nicht, waren stets mehr als nur die Entscheidungen über schön und praktisch. Zuletzt musste noch über einen passenden mehr oder minder schönen aber jedenfalls strapazfähigen Einband entschieden werden. Das gesamte Layout der Produkte spiegelt durch diese Entscheidungen den jeweiligen kulturellen Kontext sowie die Ansprüche des Zielpublikums wider. Viel verändert hat sich an diesen Faktoren wenig. Seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern sind Schriften zu Massenmedien geworden, die den Zauber individuell gestaltete Werke im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr eingebüßt haben. Trotzdem muss und soll an dieser Stelle - auch weil es viel zu selten erwähnt wird - eine Lanze für den modernen Herstellungsprozess gebrochen werden. Ein ansprechendes Layout ist fast ebenso wichtig wie ein exzellenter Inhalt. Gestaltung ist deshalb nur “fast” so wichtig, weil die Zielgruppe “Wissenschaftler” weniger  design- und qualitätskritisch und ggf. weniger am unwissenschaftlichen Puls der Zeit interessiert ist. Erfreulich - aber auch logisch -, dass in der Nationalbibliothek hohe Produktqualität nicht nur den Inhalt betrifft. Das perfekte grafische Konzept von “Juden Christen und Muslime” ist Ekke Wolf zu verdanken, der auch Geografische Kostbarkeiten gestaltete. Die an sich schon übersichtliche Textstruktur wird durch das stimmige Layout hervorragend unterstützt. In Kombination mit den ausgezeichneten Abbildungen in hochwertiger Qualität ist es ein bibliophiler Genuss auch unabhängig vom Inhalt in dem Band zu blättern. Bücher sind schließlich mehr als abrufbarer Content.

Den Auftakt des zweiteiligen Wissenschafts- und Publikationsvergleichs macht die Medizin. Medizin im Mittelalter ist ohne Hippokrates und Galen undenkbar. Die Bestseller unter den medizinischen Schriften wurden in alle Sprachen übersetzt und von dort weiter- und wieder rückübersetzt. Von den Veränderungen und Erweiterungen aber auch Übersetzungsverlusten die diesen Prozess begleiteten ganz zu schweigen. Frei nach dem Motto: “Wer nur einen Autor abschreibt ist ein Plagiator, wer viele zitiert ist Wissenschafter”, entstanden zahlreiche aufeinander aufbauende oder spezialisierte medizinische Werke, die sich auch mit Themen wie Schlangenbissen oder chirurgischen Instrumenten befassten. Von den antiken Originalquellen sind nur wenige erhalten. Der spätantike “Wiener Dioskurides” (vor 512), ein pharmakologischer-zoologischer Sammelband, ist so ein faszinierendes Beispiel. Er war Vorlage für zahlreiche ähnlich angelegte Herbarien.

Der Vergleich der Schriften vor dem historischen Hintergrund lässt einen regen wissenschaftlichen Informationsaustausch erkennen, der umso deutlicher bei der Astronomie in Erscheinung tritt. Die wissenschaftliche Entwicklung vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild zeigt wie wichtig für erfolgreiche Foschung internationale Kooperationen sind. Kooperationen, die am Übergang zur Neuzeit die Leistungen von Kopernikus und Keppler erst möglich gemacht haben. Obwohl daran deutlich zu erkennen ist, wie schwierig das wissenschaftliche Streben nach Erkenntnis mit religiöse Positionen - und somit staatspolitischen Interessen - zu vereinbaren ist. Wer weiß wie das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Astronomie und Religion ausgegangen wäre, wenn nicht die Berechnungen des Osterfestes, Gebetszeiten- und -richtungen sowie Fastenzeiten wichtig gewesen wären. Erstaunliche Werke entstanden daher zu Astronomie und Astrologie. Manche davon waren neben ihren exakten Berechnungstabellen zusätzlich kleine technische Wunderwerke, die didaktische Modelle für Astrolabien mit beweglichen Teilen boten.

Ganz unabhängig vom Ausstellungsbesuch ist dieser Katalog eine Pflichtlektüre. Die leicht fassbaren Texte und exzellenten Abbildungen sind mehr als ein historischer Überblick zu wissenschaftlichen Publikationen des Mittelalters. Sie sind ein Plädoyer für den interkulturellen Dialog, der keinesfalls durch Vorurteile, Intoleranz und vor allem durch Gewinnsucht religiöser und politischer Demagogen, die die Dummheit ungebildeter Massen für ihre Zwecke nutzen, ausgebremst werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

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Barock: Jakob Prandtauer

Donnerstag, 06. Mai 2010

350 Jahre Jakob Prandtauer
Einem barockem Lebensgefühl auf der Spur
Landemuseum Niederösterreich 9. Mai ‘10 bis 26. April ‘11
Stadmuseum St. Pölten 7. Mai bis 31. Oktober ‘10
Diözesanmuseum St. Pölten 8. Mai bis 30. Oktober ‘10
Stift Melk 9. Mai bis 7. November _10

Das 350. Geburtsjahr des genialen Barockarchitekten Jakob Prandtauer ist Anlass seine Persönlichkeit, seinwerk und seine Zeit einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Vier Museen in St. Pölten und Melk zeigen zu Leben und Werk des Barockarchitekten inhaltlich gut auf einander abgestimmte Ausstellungen. Ausstellungsbegleitend erscheinen drei Kataloge und im Landesarchiv wird vom 23.-25. September ‘10 ein Symposium stattfinden.

Jakob Prandtauer (1660-1726) war einer der bedeutendsten Barockbaumeister. Der aus Tirol stammende Maurerlehrling wurde vor 1692, das Jahr seiner Heirat mit der gräflichen Kammerzofe Maria Elisabeth Rennberger, in St. Pölten (Klostergasse 15) heimisch. Zunächst als Bildhauer beschäftigt, erhielt er bald die ersten Bauaufträge. Im Laufe seines schaffensreichen Lebens war er Architekt von kleinen und gewaltigen Projekten. Obwohl der Baumeister Jakob Prandtauer und Stift Melk untrennbar sind, sind auch seine Brückenentwürfe, Keller, Pfarrhöfe oder Schlösser bedeutende Zeugnisse barocker Architektur. Als Prandtauer 1726 starb, hatte er die Landschaft zwischen St. Pölten und St. Florian durch seine Bauwerke entscheidend und bis heute geprägt.

Leben im Barock
Das Landesmuseum Niederösterreich präsentiert das Leben im Barock aus der Sicht des Baumeisters Jakob Prandtauers und seiner Gattin Maria Elisabeth. Als Einstimmung auf die weiteren Ausstellungen, die sich schwerpunktmäßig Prandtauers Werk widmen, ist sie ideal geeignet. Die Präsentation widmet sich den kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren, die Prandtauers Leben maßgeblich bestimmten.

In vielen Bereichen war das Leben um 1700 streng reguliert. Von der Kleiderordnung über das Recht auf Kutschfahrten bis hin zu Gewerbeverordnungen oder zum Bürgerstatus reichten die gesellschaftlichen Bestimmungen. Um angenehm und abgesichert über die Runden zu kommen, bedurfte es nicht nur ein regelmäßiges Einkommen, sondern auch einer bestens organiserten Haushaltsführung. Mit den Einkünften des viel beschäftigen Baumeisters und der hauswirtschaftlichen Fähigkeiten seiner Frau war der fünfköpfigen Familie Prandtauer ein wohlsituiertes, bürgerliches Leben möglich.

Mit einer klaren Leitlinie und erzählerischer Kraft gelingt es der Ausstellungskuratorin Dr. Elisabeth Vavra (Direktorin des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit) den Barockalltag im Privatleben und im öffentlichen Raum lebendig werden zu lassen. Die zum Teil stark zurückgenommene Gestaltung der Ausstellung nimmt der frischen Erzählweise und der sprechenden Objektauswahl nicht den Elan.

Der Profanbaumeister
Die weltlichen Aufträge des Baumeisters stehen im Mittelpunkt der Ausstellung des Stadtmuseums. Der erste Stock bietet, Raum für Raum übersichtlich durch die Kuratorin und Barockspezialistin Dr. Huberta Weigl gegliedert, einen Überblick über das Gesamtwerk Prandtauers.

Die von Text und Bildern dominierte Ausstellung bindet, wo es denn möglich ist, Originalobjekte, zeitgenössische Ansichten und Modelle ein. Die übersichtliche Struktur sowie der geschickte Einsatz von optischen Reizen macht die Informationsfülle leicht aufnehmbar. Besucherfreundlich formuliert, ist den Begleittexten zu den Bauwerken u.a. vorangestellt, ob es sich um gesicherte oder des Œuvre des Meisters zugeordnete Objekte handelt.

Die Umsetzung des attraktiven Entwurfs hätte etwas sorgfältiger ausfallen können, doch der exzellent aufbereitet Inhalt wird spielend die Aufmerksamkeit bündeln.

Planen und Bauen im Dienste der Kirche
Im Diözesanmuseum wird der Kirchenbaumeister Prandtauer u. a. in den beeindruckenden Räumen der Bibliotheken und im Gartenpavillon, gewürdigt.  Vor allem seine “Großbaustellen” wie Stift Melk, Herzogenburg oder St. Florian werden den meisten BesucherInnen geläufig sein. Überraschen werden hingegen die zahlreichen kirchlichen Wirtschaftsbauten.

Die Entstehungsgeschichte dieser Bauten, die Wechselwirkung zwischen Architekt und Auftraggebern sowie die Kooperation des Baumeisters mit den Handwerksbetrieben zeigen die enorme Dimension der Großbaustellen auf. BesucherInnen, die selbst einmal ein Gebäude errichten ließen, umgebaut oder renoviert haben, werden entdecken, dass sich seit der Barockzeit nicht alles - egal ob zum Besseren oder Schlechteren - gewandelt hat.

Die Kuratorin Dr. Weigl setzt die im Stadtmuseum die vorgegebene Struktur - angepasst an die Räumlichkeiten - konsequent fort. BesucherInnen werden auch dadurch beide Ausstellungen inhaltlich gut miteinander verbinden können.

Dem Meister auf der Spur
Stift Melk, das beeindruckende und mächtige Hauptwerk Prandtauers, ist unabhängig vom Gedenkjahr immer einen Besuch wert. Das UNESCO-Weltkulturerbe Stift Melk widmet seinem Architekten im sog. Prandtauerkeller einen Werkschau, die als Überblick und Verweis auf die Sonderausstellungen in St. Pölten zu verstehen ist.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber auch genug Zeit für die vier Standorte einplanen. Mit dem großen oder kleinen Prandtauerticket lässt sich dies übrigens kostengünstig und zeitunabhängig managen. Zu den Ausstellungen in St. Pölten sind drei, einander ergänzende Kataloge erschienen. Einerseits spiegeln sie den aktuellen Forschungsstand, andererseits sind sie spannende sowie publikumsgerechte Lektüre über das Leben im Barock sowie Jakob Prandtauer. Zugleich lädt das übersichtliche Werkverzeichnis ein, dieses als kompetenten Reiseführer für Entdeckungsfahrten in Nieder- und Oberösterreich zu verwenden.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Jakob Prandtauer: Die Klosterbauten
Der Barockbaumeister Jakob Prandtauer

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Silhouettenwechsel

Dienstag, 04. Mai 2010

Isabella Belting
Mode sprengt Mieder
Silhouettenwechsel

Hirmer 2010, 144 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 2491 0 

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel

Das männliche Begehren bestimmt das Erscheinungsbild und die Chancen von Frauen. Deren Komplizenschaft ist den Männern sicher. Seit Jahrhunderten wird die Form des weiblichen Körpers gnadenlos manipuliert, um dem gerade herrschenden Schönheitsideal zu entsprechen.

In der Vergangenheit wurden Frauenleiber hemmungslos eingeschnürt, aufgepolstert und in Drahtkäfige gesteckt. Die Phasen der Befreiung von Korsett und Reifrock waren kurz und umstritten. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde das Mieder zum optionalen Extra. Das Buch “Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” folgt dem Schrumpfen und Expandieren der Konturen von Busen, Taille und Po. Ausgangsbasis für die Zeitreise durch die Geschichte der formenden Unterwäsche sind Kleider aus den Sammlungen des Münchner Stadtmuseums. Illustrationen aus Modejournalen und medizinischen Abhandlungen, Karikaturen, Anzeigen und Modefotos dienen als Beispiele für die Vermarktung der vorgestellten Modetrends und ihrer Rezeption in der Öffentlichkeit.

Die Entwicklung der Damenmode vom 18. bis zum 20. Jahrhundert wird in Form einer Erzählung präsentiert. Durch diesen ebenso originellen wie gewöhnungsbedürftigen Zugang ist es Isabella Belting möglich, kostüm- und sozialgeschichtliches Wissen spielerisch zu verweben. Die, bedauerlicherweise stereotype Geschlechterrollen tradierende, Rahmenhandlung ist schnell wiedergegeben. Ein - natürlich - männlicher Professor schickt eine zwar fachlich versierte, aber naive und fügsame Studentin mittels einer als Korsett getarnten Zeitmaschine in die Vergangenheit, um Daten für sein Forschungsprojekt zu sammeln. Samanta, so heißt das Versuchskaninchen, darf am eigenen Leib erfahren, wie sich die Mode der Epochen, die sie als Zeitreisende besucht, trägt.

Als Dienstmädchen muss sie im Jahr 1780 mitansehen, wie bereits kleine Mädchen brutal geschnürt werden, damit sie später am Heiratsmarkt Erfolg haben. Tiefer Ausschnitt, schlanke Taille und mit Drahtgestellen oder Polsterungen verbreiterte Hüften gelten als erotisch. Wenige Jahrzehnte später darf Samanta ohne Korsett als Bürgerstochter im hauchdünnen Chemisenkleid frieren. Besonders Mutige lassen sogar die Unterwäsche weg und zeigen, im neuen Körpergefühl schwelgend, alles. Die Freiheit währt nicht lange. Ab 1815 wird wieder geschnürt, dass das Fischbein kracht und den Frauen die Luft wegbleibt. In die Jahre um 1900 versetzt, sammelt Samanta Erfahrungen mit einem s-förmig geschwungenem Korsett der Sans-ventre-Linie und den billigen Mieder einer Dienstbotin. Zu dieser Zeit sind die durch das Schnüren verursachten gesundheitlichen Schäden bereits gut dokumentiert. Dennoch findet das lose Reformkleid bei den Frauen, die noch immer darauf angewiesen sind eine gute Partie zu machen, wenig Anklang - es ist einfach nicht sexy. Erst in den Zwanzigerjahren gewinnen die Frauen an Unabhängigkeit. Ihre neue Stellung in der Gesellschaft spiegelt sich in der modernen Silhouette der Kleidung, die ohne Korsett auskommt. Doch diese Epoche überspringt Samanta, um sich an den femininen Kleidchen und der zugehörenden modellierenden Unterwäsche der 50er Jahre zu erfreuen. Erst bei ihrem letzten Zeitsprung in die 60er-Jahre verabschiedet sie sich endgültig vom Schnürmieder. Im letzten Kapitel kehrt Samanta wieder in die Gegenwart und deren modische Vielfalt zurück. Das Schlusswort hat - wie könnte es anderes sein - der Professor.

“Mode sprengt Mieder. Silhouettenwechsel” bietet einen launig geschriebenen Überblick über das Wechselspiel der historischen Modetrends. Die Erzählform eignet sich bestens dazu auch die Leiden jener, deren Körper nicht mit dem modischen Ideal harmoniert, zu schildern. Letztendlich ist es ein Buch, das nachdenklich machen sollte. Des Zwangs zum Korsett hat sich Frau entledigt. Werden ihn Diät und Schönheitsoperation ersetzen?

© Ch. Ranseder

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel

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Rahmenkunst

Dienstag, 04. Mai 2010

Bayerische Staatsgemäldesammlungen München (Hg.)
Rahmenkunst
Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

Hatje Cantz 2010, 264 S., zahlre. Farbabb.
ISBN 978 3 7757 2606 1

Rahmenkunst: Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

Was wäre ein Gemälde ohne einem passenden Rahmen! Er gibt der Leinwand Halt, definiert die Grenze des Dargestellten und erleichtert die Integration des Bildes in ein übergreifendes Raumkonzept. Meist nicht minder kunstvoll gefertigt als das Werk, das er schützend umschließt, sollte er dieses dennoch nicht überstrahlen.

Wie vielfältig die Designaufgabe, einen Bilderrahmen zu entwerfen, gelöst werden kann, zeigen 91 erlesene Exemplare, die für das schmucke Buch “Rahmenkunst” aus dem Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ausgewählt wurden. Vom schlichten schwarz-goldenen Leistenrahmen bis zum nahezu vollplastisch geschnitzten und üppig vergoldeten Prunkrahmen reicht deren stilistisches Spektrum.

Fünf reich illustrierte Essays werfen Licht auf die Herstellung von Bilderrahmen und die Einrichtung von Galerien im 18. Jahrhundert, das Wechselspiel zwischen der Art der Hängung und der für passend erachteten Rahmenleisten sowie die Geschichte der Rahmensammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Besonderes Augenmerk wird auf die Ausstattung der Residenz Würzburg mit Gemälderahmen gelegt.

Eine Abbildung im Textteil des Buches, die vier Hofdamenporträts von Hans Schöpfer d. J. zeigt, erweist sich als besonders aufschlussreich. Jedes der Frauenbildnisse aus dem 16. Jahrhundert ist anders gerahmt. Die Variationen reichen von der schlichten grauen Leiste des Originalrahmens bis zu einer Neurahmung im Stil des Rokoko. Die Gegenüberstellung zeigt einerseits deutlich, wie subtil eine Rahmung die Wirkung eines Gemäldes beeinflusst. Andererseits ist sie auch ein Hinweis darauf, dass Bild und Rahmen von ihren Besitzern nur selten als untrennbare Einheit gesehen wurden. Mit jedem Rahmenwechsel erhielten die Gemälde einer Sammlung ein neues, dem Geschmack der Zeit entsprechendes Kleid, um mit der Innenraumgestaltung zu harmonieren.

An der Herstellung eines Rahmens waren zahlreiche Handwerker beteiligt, darunter Kistler, Bildhauer und Vergolder. Nicht nur Holz wurde verarbeitet und mit Blattgold oder -silber veredelt. Unter den Bilderrahmen, die in dem Buch “Rahmenkunst” bestaunt werden können, sind auch jeweils ein Exemplar mit einer aufgelegten Platte aus Jaspachat, mit Strohintarsien und mit einem Muschel- und Ledermosaik zu finden.

Im großzügig gestalteten Katalog wird jeder Rahmen seitenfüllend abgebildet. Einer detaillierten Beschreibung können Informationen zu Besonderheiten, Herstellung, Provenienzgeschichte und zugehörigem Gemälde entnommen werden. In einigen Fällen wird auch die Rahmenrückseite wiedergegeben, um eine Schlagmarke, Aufkleber oder Beschriftungen zu zeigen.

Am Beginn des chronologisch geordneten ersten Katalogteils, der einen Überblick über die Rahmenkunst gewährt, steht ein um 1560 geschaffener runder Kapselrahmen. Den zeitlichen Abschluss des Streifzugs durch die Rahmenkunst macht ein um 1830 datierender Empirerahmen.

Viele der im Buch vorgestellten Galerie- und Kabinettrahmen entstanden im Zusammenhang mit Raumausstattungen bayerischer Schlösser, Residenzen und fürstlicher Gemäldegalerien. Im zweiten Teil des Katalogs sind die Rahmen daher nach den Orten, für die sie angefertigt wurden, gereiht.

“Rahmenkunst” ist ein Buch voller Überraschungen, das dazu animiert beim nächsten Museumsbesuch nicht nur den gemalten Kunstwerken, sondern auch ihren wunderbaren Rahmen Aufmerksamkeit zu schenken

© Ch. Ranseder

Rahmenkunst: Auf Spurensuche in der Alten Pinakothek

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Anton Romako

Mittwoch, 28. April 2010

Meisterwerke im Fokus
Anton Romako - Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa
Belvedere 29. April bis 25. Juli 2010

In der Ausstellungsreihe “Meisterwerke im Fokus” des Belvedere steht mit dem außergewöhnlichen Werk des Künstlers Anton Romako (1832-1889) zugleich ein wichtiger militärhistorischer Aspekt im Mittelpunkt.

   

Im Zuge des dritten italienischen Unabhängigkeitskriegs 1866, der durch die Verluste an der zweiten Front im Krieg zwischen Österreich und Preußen zu Gunsten Italiens verlief, war die österreichische Seite in einigen Schlachten gegen Italien siegreich. Eine davon ist die Seeschlacht bei Lissa (kroatische Insel Vis) bei der die größere und modern ausgerüstete Flotte Italiens trotz des erstmaligen Einsatzes von Panzerschiffen den in jeder Hinsicht veralteten österreichischen Holzschiffen unterlag. Der österreichische Konteradmiral Wilhelm von Tegetthoff erzielte den Seesieg bei Lissa aufgrund seiner Rammmanöver, die durch die mangelnde Vorbereitung und Desorganisation der italienischen Admiralität zusätzlich begünstigt wurden.

Der Fokus liegt auf Anton Romakos Interpretation der Seeschlacht bei Lissa. Begleitend werden Objekte, Fotografien und Kunstwerke, die in Zusammenhang mit Tegetthoff und der Schlacht bei Lissa stehen - darunter auch ein Modell des k.u.k. Flaggschiffs Erzherzog Ferdinand Max - gezeigt. Die raren Fotografien von Gustav Jägermayer (1834-1901) dokumentieren den industriellen Aspekt, der hinter dem Kriegsgeschehen stand.

Die Interpretation Anton Romakos sticht unter den damals üblichen Darstellungen von Kampfhandlungen aus verschiedenen Gründen heraus. Seine unkonventionelle Sichtweise auf das Geschehen, über die emotionale Dramatik im Ausdruck der Beteiligten wich grundlegend von der herkömmlichen distanziert-heroischen und zugleich emotionslos beobachtenden Dokumentation der Gesamtsituation ab. Nicht die Gewalt der der enormen Materialschlacht, sondern der Einsatz des Einzelnen und deren Emotionalität im Zuge der Kampfhandlungen werden gezeigt. Das Bild wurde in Wien abgelehnt, obwohl durch Kaiser Franz Josef I. eine zweite Fassung privat angekauft wurde.

  

Anton Romako hatte mehrere Talente. Sein größtes Talent war nicht sein künstlerisches Können oder seine stilistischen Eigenheiten, sondern hinter die Fassade zu blicken und die dramatischen und emotionalen Aspekte in seinen Werken zum Ausdruck zu bringen. Seine künstlerische Exzentrizität sowie die Tatsache seiner Zeit stilistisch weit voraus zu sein, verhinderten seine allgemeine Anerkennung. Verbunden damit häuften sich gegen Ende seines Lebens wirtschaftliche Rückschläge, die von privaten Niederlagen und Tragödien gefolgt waren.

Von den über 880 Werken Anton Romakos befinden sich 50 in der Sammlung des Belvedere. Die kleine aber feine für die Ausstellung getroffene Bildauswahl repräsentiert das Oeuvre des Künstlers ohne vom inhaltlichen Schwerpunkt der Ausstellung abzulenken. Darunter beeindruckende Porträts, u. a. Kaiserin Elisabeth bar des verklärenden Sisi-Mythos, und Landschaften.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis des historischen Zusammenhangs sind Führung und Ausstellungskatalog (Hirmer Verlag) sowie für den Überblick zu Leben und Werk Anton Romakos ist das Werkverzeichnis (Verlag Bibliothek der Provinz) nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Anton Romako. 24 Aquarelle
Katalog der Gedächtnisausstellung Anton Romako, Akademie der Bildenden Künste, Wien, 25. März - 14. Mai 1950
Der Maler Anton Romako 1832-1889

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Augenschmaus

Sonntag, 07. März 2010

Non-Fiction

Ingried Brugger, Heike Eipeldauer (Hgg.)
Augenschmaus
Vom Essen im Stillleben

Prestel 2010, 248 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 7913 5016 5

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

Das schmucke Buch “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” hält was sein Titel verspricht. Ob staunenswerter Riesenrettich, prunkvolles Tischgeschirr oder die Reste einer kargen Mahlzeit - die ausgewählten Kunstwerke sind ein sinnlicher Genuss, der die Fantasie beflügelt. Die Vorstellung von Geschmack und Geruch der dargestellten Nahrungsmittel, das Erfinden von passenden Rezepten und das Spekulieren über illustre Tischgesellschaften spornen zu vergnüglicher geistiger Tätigkeit an. Heute setzen Food-Stylisten Leckereien und Geschirr für Lifestyle-Magazine und edle Kochbücher in Szene, früher griffen virtuose MalerInnen zum Pinsel.

Die kunstfertig komponierten Stillleben berichten nicht über heroische Taten, der Mensch ist in ihnen nur indirekt präsent. Dennoch kann, wer sehen will, in ihnen Geschichten von den kleinen Freuden und Ritualen des häuslichen Alltags entdecken. Stillleben erzählen von Hingabe und Askese, Sinnesfreuden und deren Beherrschung, dem Stolz an Besitz von Statussymbolen, Prunksucht und Bescheidenheit, Lebenslust und dem Bewusstsein der Sterblichkeit. In Zeiten periodisch wiederkehrender Hungersnöte mag ein stattlicher Schinken den ultimativen - und daher bildwürdigen - Luxus verkörpert haben. Kostbare Pokale aus Edelmetall, chinesisches Porzellan und andere Preziosen waren in der frühen Neuzeit alles andere als gewöhnlich.

Die Geburt des autonomen Stilllebens im Lauf des 16. Jahrhunderts belebte den Kunstmarkt. Sammler und Genießer schätzten die Werke von KünstlerInnen, die Nahrungsmittel, Hausrat und exotische Kuriositäten einsetzten, um Aussagekräftiges und Schönes zu schaffen. Von den Mitgliedern der akademischen Kreise, in denen Historiengemälde als die Krönung der malerischen Schöpfung galten, wurde das Stillleben jedoch lange Zeit als niedrig geschmäht. Diese Beurteilung erwies sich als kurzsichtig, denn das geringe Ansehen des Stilllebens wurde von KünstlerInnen als Chance begriffen: In diesem Genre konnten sie sich ganz der Lust am Malen hingeben und so neue Wege beschreiten. Diese Flexibilität des Stilllebens als vielseitiger Bedeutungs- und Ausdrucksträger lässt sich an den mehr als 90, in “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” präsentierten, Kunstwerken ablesen. Zeitlich spannt sich der Bogen von den Anfängen des Stilllebens, als die in den Vordergrund gerückten Lebensmittel noch von szenischen Darstellungen begleitet waren, über das goldene Zeitalter des autonomen Stilllebens im 17. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videokunst. Damit bietet sich BetrachterInnen die einzigartige Möglichkeit des mühelosen Vergleiches.

Der Wandel der Sachkultur lässt sich an den Stillleben ebenso ablesen wie die Verschiebung der Interessen ihrer Schöpfer. Die MalerInnen des 16. und 17. Jahrhunderts brillierten in der Darstellung der sinnlichen Qualitäten von Nahrungsmitteln und Gegenständen. Sie waren Meister der Wiedergabe unterschiedlicher Texturen, Oberflächen und Spiegelungen. Den KünstlerInnen des 19. und 20. Jahrhunderts hingegen waren die Überwindung der Form, das Experiment mit malerischen Ausdrucksmitteln und schließlich die technischen Möglichkeiten der Neuen Medien ein Anliegen.

Die zahlreichen in “Augenschmaus” versammelten Essays und Katalogbeiträge beleuchten das Phänomen des kulinarischen Stilllebens von allen Seiten. Wie ein gutes Büffet bietet das Buch von allem etwas: Kunsthistorische Analysen des Genres, Betrachtungen zu Esskultur und Tischsitten, tiefsinnige philosophische Überlegungen zur Konsumkultur, Gender-Aspekte der Stilllebenmalerei und vieles mehr. Nur die Realienkunde wird - wie so oft - außer acht gelassen. Das ist schade, denn Stillleben stellen gemeinsam mit Archäologie und musealen Sammlungen eine hervorragende Quelle für die Erforschung der Sachkultur dar. Hungrige Hobbyköche werden sich über die in den Katalogteil eingestreuten Rezepte von Starköchen freuen. Die Zeichen der Zeit gehen auch an Begleitpublikationen von Ausstellungen nicht vorbei.

Die Ausstellung “Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben” ist noch bis zum 30. Mai ‘10 im Bank Austria Kunstforum in Wien, zu sehen.

© Ch. Ranseder

Augenschmaus: Vom Essen im Stillleben

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Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund

Dienstag, 23. Februar 2010

Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund
Belvedere 11. Februar bis 6. Juni ‘10

Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros.

Prinz Eugen Franz von Savoyen-Soissons (1663-1736) ist in seiner Sommerresidenz, Belvedere Wien, eine Sonderausstellung gewidmet. In sechs Abschnitten wird der Versuch unternommen, ausgewählte Aspekte seiner Persönlichkeit zu beleuchten und seine Leistungen zu würdigen. Der Franzose mit italienischen Wurzeln machte als Türkenbezwinger in Österreich Militärkarriere. Vor dem Hintergrund einer bewegten Zeit, deren höfische Intrigen die politisch angespannte Lage zusätzlich anheizten, wird das öffentliche Leben von Prinz Eugen vorgestellt.

Vor allem wird dabei Prinz Eugens Bautätigkeit und seine Sammelleidenschaft hinsichtlich Büchern, Gemälden, Pflanzen und Tieren besondere Beachtung gezollt. Das Belvedere steht dabei nicht nur als Präsentationsfläche zur Verfügung, sondern bildet zu gleich den passenden Mittelpunkt. Die Residenz des Prinzen war und ist bis heute eines der schönsten und geschmackvollsten Schlösser Österreichs. In vielen Bereichen noch im Originalzustand, fehlt dennoch Wesentliches, um den Geist des ehemaligen Bewohners spürbar werden zu lassen: Die unermessliche Sammlung.

Für kurze Zeit gelingt es, diese vergangene Pracht - trotz der Fülle exzeptioneller Exponate nur in kleinen Ansätzen - sichtbar zu machen. Selbst im Kriegslager beschäftigte sich Prinz Eugen mit Bauplänen und Ankäufen für seine Sammlung.

Er kaufte niemals unbedacht, auch wenn er hin und wieder überhöhte Preise zahlte, denn es standen ihm ausgezeichnete Berater zur Seite. Und seine Planungen waren niemals oberflächlich. Sie betrafen nicht nur den Ankauf, sondern auch die Verpackung und den geeigneten Transport.

Naturwissenschaftlich interessiert, war es ihm daher auch wichtig exotische Wildtiere artgerecht über Unterbringung bis hin zum geeigneten Futter zu halten.

Ungewöhnlich für eine Zeit in der Tiere zur Hatz und Belustigung dienten. Ein Schicksal, dass den Tieren nach dem Tod des Prinzen nicht erspart blieb. Sie wurden an Schausteller verkauft.

Die Bibliothek des Prinzen Eugen war und ist bis heute legendär. Seine Bücher bilden den Grundstock der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek. Etliche Werke sind so einzigartig, dass sie in dieser Ausstellung aus konservatorischen Gründen nicht im Original gezeigt werden und man mit vielen Faksimiles vorlieb nehmen muss. Unverständlich ist zuweilen für die Schau getroffene Auswahl der Bücher. Etliches lässt sich weder durch Präsentationsform, inhaltlichen Zusammenhang noch durch Beschriftung erschließt. So hätte man u. a. erwarten dürfen, dass man von der berühmten Tabula Peutingeriana (mittelalterliche Abschrift aus dem 13. Jh. einer römischen Straßenkarte des 4. Jh. n. Chr.) jenes Blatt auswählt auf dem Wien zu sehen ist. Dass es sich ehemals um eine Pergamentrolle und nicht um Einzelblätter gehandelt hat, wird dem Laienpublikum in dieser Präsentationsform ebenfalls verborgen bleiben. Was bleibt, ist jedenfalls der Eindruck von vielen, schönen und wertvollen Büchern.

Die Ausstellung spart weitgehend Persönliches aus. Das anscheinend als heikel empfundene Thema “Homosexualität” gehört auch dazu und man versäumt dadurch die Gelegenheit den tatsächlichen Menschen hinter dem Kriegshelden, Kunst- und Büchersammler darzustellen. Dafür beschäftigt sich der letzte Ausstellungsraum um so großzügiger mit dem Verbleib des Erbes. Der politische Entscheid, der sich leicht als juristisch korrekter Entscheid darlegen lässt, zu Gunsten der Nichte Prinz Eugens, führte zu einer massiven Ausverkauf des enormen Erbes. Ankäufe, die das Kaiserhaus nicht hätte tätigen können, wenn statt Prinzessin Anna Maria Viktoria von Savoyen Kardinal Colonna geerbt hätte. Ohne die prekäre Ausgangssituation der Erbin, ein typisches Frauenschicksal dieser Zeit, dem interessierten Publikum hinreichend darzulegen, entsteht ein völlig anderer Eindruck. Was bleibt, ist die Büste einer älteren, übergewichtigen Frau, die in ihrer Lebensechtheit das Bild einer gierigen, hässlichen Banausin in den Köpfen der BesucherInnen verankern hilft.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis sind Führung und Katalog nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros. Katalogbuch zur Ausstellung im Wien, Belvedere, 11.02.2010-06.06.2010

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Botanischer Garten Bern

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Fred Zaugg, Adrian Moser
Botanischer Garten Bern 
Haupt 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 258 07540

 Botanischer Garten Bern

In einem Außenbezirk von Wien, dort wo Stadtrandverbauung und Wienerwald aufeinander treffen, steht ein Apfelbaum. Ich kenne und liebe ihn seit meiner Kindheit. Jeden Frühling verleihen ihm tausende Blüten das Aussehen einer fröhlichen Wolke. Jeden Herbst biegen sich seine Äste unter der Last der vielen, dicht an dicht hängenden roten Äpfelchen. Jetzt steht das Grundstück zum Verkauf und ich fürchte den Tag an dem das Geräusch der Motorsäge erschallt und das Leben dieses wunderbaren alten Baums jäh beendet wird.

In Bern, Schweiz, befindet sich ein herrlicher botanischer Garten. Auch er ist bedroht.

150 Jahre ist es her, dass der Botanische Garten Bern seinen Standort in Rabbental gefunden hat. Zum Jubiläum ist ihm ein ungewöhnliches Buch mit dem schlichten Titel “Botanischer Garten Bern” gewidmet. Es ist so schön und vielfältig wie die Anlage, von der es berichtet. Schon der Bucheinband verheißt, ganz wie der Garten selbst, stille Freuden: Wie von Mondlicht beschienen, zeichnen sich die cremeweiß schimmernden Schattenrisse von Pflanzen auf dem, in einem geheimnisvollen Grünton gehaltenen, Leinen ab. Im Buchinneren offenbart sich in den Fotografien von Adrian Moser die ganze Pracht des Botanischen Gartens Bern. Ob der Blick nun über Alpinum, Jahreszeiten-Wildgarten, Teichufer, Waldgarten, Grotte, Bauerngarten, Schmetterlingsgarten oder Heilpflanzengarten schweift: Ein Areal ist schöner als das andere. Stattliche Bäume, üppiges Grün und buntes Blütenmeer verlocken zum Erkunden. Namenschildchen verraten, was man vor sich hat. In den Glashäusern sind die Exoten und Empfindlichen untergebracht. Aus ungewöhnlichen Blickwinkeln aufgenommene Pflanzenporträts machen mit dem botanischen Bestand im Freiland und unter Dach bekannt. Ob die Schnecke am Wegesrand, der Farbenrausch der herbstlich verfärbten Blätter oder das Glitzern des alles bedeckenden Schnees - gekonnt fängt der Fotograf die zauberhafte Stimmung des Gartens ein. Auf einigen Bildern betreten Menschen die Bühne der Natur. Wer sie sind und warum sie einen Platz in dem Buch über den Botanischen Garten Bern gefunden haben, ist aus den Texten von Fred Zaugg zu erfahren. Und mit dem Wort kommt auch der Schock der Ernüchterung, werden BetrachterInnen der idyllischen Bilder schnell wieder in die brutale, von der Jagd nach Rendite bestimmte, Realität zurückgeholt.

Dreimal drohte dem Botanischen Garten Bern seit 1999 die Schließung. Fred Zauggs Texte sind ein Plädoyer für dessen Erhalt. Mit seinen vielschichtigen, sehr persönlich gefärbten Essays, Porträts und Erzählungen hat er eine elegante Lösung gefunden, um darzulegen wie wichtig der Botanische Garten Bern ist: Als Ort des Forschens und Bewahrens, Lernens und Entdeckens, der Inspiration und Erholung.

Was der Botanische Garten für die Menschen bedeutet, wird in den auf Interviews basierenden Porträts von Männern und Frauen deutlich, die für den Fortbestand dieses einzigartigen Ortes kämpfen oder als BesucherInnen hier Kraft und Inspiration schöpfen. Es sind diese zwanzig, für die Kapitel “Die Menschen und ihr Garten” Befragten, die LeserInnen auf den Fotos aus der üppigen Vegetation entgegenblicken. Wie sie zum Botanischen Garten gefunden haben, ist so verschieden wie die von ihnen genannten Lieblingsblumen.

In den “Gartenräume”-Kapiteln hingegen, wird die Aufmerksamkeit auf einzelne Bereiche dieser Oase mitten in der Stadt und zu bewundernde botanische und zoologische Schätze gerichtet. Von Alpinum und Heilpflanzengarten über die ältesten Bäume und die in Palmenhaus und Wildgarten flatternden Schmetterlinge bis zum Herbarium und den Angeboten der Gartenpädagogik spannt sich der Bogen. Nicht nur einheimischen Pflanzen und Tieren begegnet man auf Freiflächen und in Glashäusern, sondern Schönheiten aus der ganzen Welt. Schritt für Schritt offenbart sich der Artenreichtum der Natur. Studenten des Instituts der Pflanzenwissenschaften der Universität Bern können hier ihr Wissen vertiefen, während andere Besucher sich ganz dem Genuss des schönen Anblicks hingeben.

Die Geschichte des Botanischen Gartens schlängelt sich als roter Faden durch das Buch. Zu ihr gesellen sich in den als “Geschichten” ausgewiesenen Kapiteln Erzählungen, die den Garten und seine Pflanzen mit Erinnerungen des Autors, historischen Begebenheiten, Literatur, Kunst und Philosophie vernetzten. Geschickt verpackt wird wortgewandt Stoff zum Nachdenken geboten: über Kleinigkeiten, welche das Leben lebenswert machen; über die Auswüchse des modernen Kulturbetriebs; oder über die Symbolkraft eines Baumes. Mehrmals bezieht Fred Zaugg im Buch auch expliziter Stellung und findet deutliche Worte zum Überlebenskampf des Botanischen Gartens Bern und der Kurzsichtigkeit der Politik. Hut ab, vor diesem Mut!

Botanische Gärten gehören zu den großen kulturellen Errungenschaften der Menschheit. In einer Zeit, in der Pflanzen und Tiere mit beängstigender Geschwindigkeit von unserem Planeten verschwinden und sich die Menschen Zusehens ihrer Umwelt entfremden, lässt sich der Wert eines öffentlichen Raums, der ein stilles Genießen der reichen Gaben der Natur ebenso ermöglicht wie selbstbestimmtes Lernen, nicht in Geld bemessen. Es sollte in unser aller Interesse sein, diese lebenden Archive zu schützen und für ihren Fortbestand zu sorgen. So bleibt zu guter Letzt nur zu hoffen, dass dieses wunderbare Buch über den Botanischen Garten Bern nicht zum Schwanengesang vor dessen Untergang wird. Für die nächsten vier Jahre ist der Betrieb wenigstens gesichert. Mehr über den Botanischen Garten Bern und seine botanischen Kostbarkeiten ist im Internet auf den vorzüglichen Seiten zu erfahren.

© Ch. Ranseder

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James Cook

Mittwoch, 09. Dezember 2009

Non-Fiction

Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Museum für Völkerkunde Wien, Historisches Museum Bern (Hgg.)
James Cook und die Entdeckung der Südsee
Hirmer 2009, 276 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7774 2121 6

James Cook und die Entdeckung der Südsee

Nichts vermag den Ruhm so zu beflügeln wie ein unerwarteter Tod unter ungeklärten Umständen. Das gewaltsame Ableben von James Cook auf Hawaii ist keine Ausnahme. Dem Seefahrer wurden posthum Gedichte, Theaterstücke, Gemälde, Münzen und Medaillons gewidmet. Sein Name wurde zum Synonym der Erforschung der Südsee.

Auch in dem Buch “James Cook und die Entdeckung der Südsee”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, dient Cook als Leitfigur. Die drei Reisen unter seinem Kommando führen als roter Faden durch die Weiten des Themenspektrums einer stattlichen Anzahl von Aufsätzen, die als Inseln des Wissens von den im Geiste mitreisenden LeserInnen angelaufen werden können. Entlang des Weges ist die Person James Cooks (1728-1779) der Ausgangs- und Referenzpunkt für die Erzählung über die Geschehnisse und Leistungen, die in Verbindung mit den Weltumsegelungen stehen: Von den Errungenschaften der an den Expeditionen teilnehmenden Wissenschaftler und Künstler über den zu dieser Zeit herrschenden Forschungsstand bis zu den Begegnungen mit den Bewohnern des Pazifiks spannt sich der Bogen der 26 Essays. Erfreulich ist der in den Texten dargebotene Facettenreichtum der Sichtweisen. Cooks Tod durch die Hand eines hawaianischen Kriegers ist dafür ein gutes Beispiel. Sowohl die eurozentrische Schilderung und Interpretation der Bluttat als auch die hawaianische Sicht des historischen Ereignisses und seines Kontexts werden ausführlich dargelegt. Dass nicht nur die Perspektive der Entdecker, sondern auch jene der Entdeckten berücksichtigt wird, ist eine Bereicherung des Wissens über eine Epoche die prägend für das europäische Selbstverständnis war.

Die Abenteuer des unerschrockenen Kapitäns, der vor allem als Kartograph und Navigator große Leistungen vollbrachte, stehen in engem Zusammenhang mit der Aufklärung und dem Bestreben die Welt zu erforschen. So hatte Cook nicht nur den Auftrag Land für England in Besitz zu nehmen und den großen Südkontinent zu suchen, er sollte auf seiner ersten Reise auch Tahiti anlaufen, um dort gemeinsam mit dem Astronom Charles Greene den Venusdurchgang zu beobachten. Weitere Stationen dieser von 1768 bis 1771 dauernden Entdeckungsfahrt waren Neuseeland, Australien und Batavia. Dass sich gerade Cooks erste Reise als Meilenstein für die Wissenschaft erwies, war jedoch weder ihm noch der Weitsicht der Admiralität, sondern dem Privatgelehrten Joseph Banks zu verdanken, der sich auf eigene Kosten mit seinem Forschungsteam an der Reise beteiligte. Die von ihnen gesammelten Pflanzen und Tiere, ethnografischen Objekte, Zeichnungen und Gemälde gingen in die Tausende. Kaum zurück in England war Mr. Banks Reise in aller Munde. An der nächsten Expedition in die Südsee nahm Joseph Banks wegen seines Zerwürfnisses mit der Admiralität nicht teil. Als Cook 1772 neuerlich in See stach, befanden sich als Naturforscher Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg an Bord. Die Fahrt ging nach Neuseeland, Tahiti, Tonga, Vanuatu, Neukaledonien sowie zu den Oster- und Marquesas-Inseln. Diesmal gehörte nach der Rückkehr 1775 die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ganz James Cook - der es sich nicht nehmen ließ, den Abschlussbericht selbst zu schreiben.

Für die dritte Reise, die 1776 begann und nach Tonga, Tahiti, der nordamerikanischen Pazifikküste und Hawaii führte, verzichtete Cook auf die Mitnahme von offiziellen Wissenschaftlern. Die Bedeutung der bildlichen Dokumentation wurde allerdings erkannt und in die Hände des Malers John Webber gelegt.

Den von zahlreichen Abbildungen aufgelockerten Essays des Buches “James Cook und die Entdeckung der Südsee” steht ein vortrefflich bebilderter Katalog zur Seite, der 599 Einträge umfasst. Nahezu jedes der Objekte ist mit einer ausführlichen Erklärung versehen. Es zahlt sich aus, in diesen zumindest zu schmökern, denn sie geben - zum Teil belebt durch Zitate aus den Aufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer - faszinierende Details preis. Von den zwischenmenschlichen Beziehungen der Expeditionsteilnehmer ist im Kleingedruckten ebenso zu lesen wie über Beobachtungen von Ritualen und die Verwendung von Navigationsinstrumenten oder ethnografischen Artefakten.

Wer Auszüge aus den Reisedokumentationen und repräsentative Objekte im Original bestaunen möchte, hat bis Februar 2011 noch an folgenden Orten die Gelegenheit zu einem Besuch der Ausstellung “James Cook und die Entdeckung der Südsee”:
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 28. August 2009 bis 28. Februar 2010, Museum für Völkerkunde Wien 10 Mai bis 13. September 2010, Historisches Museum Bern 7. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011

© Ch. Ranseder

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Rock ‘n’ Old

Dienstag, 03. November 2009

Non-Fiction

Esther Haase
Rock ‘n’ Old
Kehrer 2009, 128 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8682 8109 5

  Rock ‘n’ Old

Lebensfreude ist keine Frage des Alters sondern des Anlasses. Die in dem Fotoband “Rock ‘n’ Old” zu bewundernden hochbetagten Frauen und Männer, hatten sichtlich Spass daran, in eine Rolle zu schlüpfen und sich als Model fantasievoll in Szene setzen zu lassen. Große Roben und schöner Schmuck stehen ihnen gut. Wagemutig werfen sich die Senioren in Pose, albern herum oder lassen arrogant den Blick schweifen. Hohes Alter hindert nicht daran gute Figur zu machen.

Seit vielen Jahren fotografiert Esther Haase Patienten der Ambulanten Pflegestation Jahnke für den Kalender der privaten Einrichtung. Angesichts der steigenden Lebenserwartung der Menschen in der westlichen Welt, ist das dahinterstehende Konzept wegweisend. Auch im Alter wirken Begegnungen mit neuen Situationen, welche der Fantasie Freiräume gewähren, belebend. Eine Auswahl der schönsten Kalenderbilder ist nun mit dem treffenden Titel “Rock ‘n’ Old” als Buch erschienen. Betrachter bleiben emotional nicht unberührt.

Dass die Fotografin unter anderem für die provozierende Kontraste liebende Modebranche arbeitet, ist vielen der Arbeiten anzusehen. Themen und Bildsprache der erzählten Geschichten rufen immer wieder Assoziationen zu Werbekampagnen und Fotostrecken in Modemagazinen wach. Doch im Unterschied zu diesen, ist beim ersten Blättern im Buch “Rock ‘n’ Old” die Grenze zwischen Fiktion und Realität nicht sofort erkennbar. Handelt es sich bei den faszinierenden Persönlichkeiten um lebenshungrige Exzentriker, die ihr Selbstbild vermitteln? Dienen Ausstattung oder Pose als Hinweis auf eigene Vorlieben, Statussymbol, Referenz an ein Ereignis in ihrem Leben? Oder übernehmen die alten Damen und Herren eine Rolle in einer von jemand Anderem erfundenen Geschichte? Schlüpfen sie dafür mutig für die Dauer eines Shootings in eine andere Haut, um einen Traum zu leben? Diese Ambivalenz weckt Neugier. Wer sind diese Personen, welche Lebensgeschichte haben sie, möchte man als Betrachter der Bilder wissen. Doch das Buch bleibt diese Antworten schuldig, der Normbruch ist nur ein Spiel mit unserer Vorstellung vom Alter. Esther Haases Fotos sind ein Beweis, wie befreiend das Abrücken von Konventionen sein kann.

Das Buch “Rock ‘n’ Old” ist ein berührender Fotoband, der lehrt das Alter mit anderen Augen zu sehen.

© Ch. Ranseder

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Herrenhäuser Gärten jr.

Dienstag, 11. August 2009

ab acht

Kirsten John 
Tobi in den Gärten 
Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Nicolai 2009, 65 S., zahlr. Farbfotos und Illustration
ISBN 978 3 8947 9484 2

Tobi in den Gärten, Herrnhäuser Gärten Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Großer Garten, Berggarten, Georgengarten und Welfengarten bilden zusammen die Herrenhäuser Gärten. Die ehemalige Sommerresidenz der Herzöge, Kurfürsten und Könige von Hannover und England ist voller Überraschungen und mehr als nur einen Besuch wert. Verschiedene historische Gartenstile, Bau- und Kunstwerke locken vor allem Erwachsene in die Anlage. Es gibt aber für Kinder viel mehr zu entdecken als nur das Sealife im Berggarten, man muss nur wissen wo und genau hinschauen.

Natürlich bedarf es ein wenig Hintergrundinformation, um die offensichtlichen und versteckten Besonderheiten zu erkennen. Genau hier setzt “Tobi in den Gärten” an. Kirsten John verbindet geschickt die Geschichte eines Gärtnerjungen aus der Barockzeit mit dem modernen Erscheinungsbild des großen Gartenareals. Einerseits stellt die Autorin das historische dem modernen Erscheinungsbild der Anlage vor und andererseits zeigt sie die sozialen Bedingungen sowie die Situation eines arbeitenden Kindes auf.

Auf den Umschlaginnenseiten sind die Gartenpläne zu finden. Vorne ist der Große Garten, hinten ist der der Berggarten abgebildet. Schwarze, rote und blaue Passagen gliedern den Text in übersichtliche Lesehäppchen. Der schwarze Text, erzählt Tobis Geschichte und folgt seinen Weg durch den Park. Blau hervorgehoben sind in Tobis Story jene Gebäude und Objekte, die auf den Plänen eingezeichnet sind. Rote Textteile bieten Hintergrundinformationen zu Persönlichkeiten und Sehenswürdigkeiten. Auf diese Weise können Kinder nach Lust und Laune leicht die - ohnedies informative - Geschichte verfolgen oder auch nur die Zusatzinformationen lesen. Schade, dass diese geschickte Textgliederung den jungen LeserInnen vorab nicht erklärt wird. Optisch ergänzt wird der Text von ausgezeichneten Fotos, historischen Stichen und zeitgenössischen Illustrationen von Henriette von Bodecker.

Flockig-locker geschrieben und auf das Wesentlichste reduziert, wird das Buch GrundschülerInnen vor als auch nach dem Besuch in den Herrenhäuser Gärten fesseln. Ein Pflichtkauf, wenn man die historische Gartenanlage mit Kindern nicht nur besuchen, sondern kennenlernen möchte.

© S. Strohschneider-Laue

Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten

Und für Erwachsene::
Die Herrenhäuser Gärten
Hannover: Die Stadt an der Leine entdecken und erleben. Ein illustriertes Reisehandbuch

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Rowena Dring

Montag, 20. Juli 2009

Non-Fiction

Oliver Zybok (Hg.)
Rowena Dring Falls the Shadow
Kerber 2009, 79 S., zahlr. farb. Abb. 
ISBN 978 3 86678 222 8

Falls the Shadow Rowena Dring: Falls the Shadow

Rowena Drings Arbeiten wirken auf den ersten Blick wie mit einem Zeichenprogramm am Computer erstellte Vektorgrafiken. Dass die Bilder aus winzigen Stoffteilen genäht sind, entginge den Leserinnen und Lesern von “Rowena Dring - Falls the Shadow”, wären nicht zu Beginn und am Ende des Buches je eine Detailaufnahme abgebildet. Das Erlebnis der Textur der unkonventionellen Werke bleibt den Ausstellungsbesuchern und glücklichen Besitzern von Originalen vorbehalten. Alle anderen seien getröstet: Schon zwischen zwei Buchdeckel gepresst, bezaubern die Darstellungen von geheimnisvollen Landschaften und menschenleeren Orten.

Rowena Dring spielt mit Dekonstruktion und Konstruktion, Nah- und Fernsicht. Ihre Motive findet sie auf Reisen und hält sie mit der Kamera fest. Am Computer werden die Fotos so lange bearbeitet, bis der gewünschte Grad an Abstraktion für das Nähmuster erreicht ist. Was übrig bleibt, ist die Essenz einer Landschaft, eine Konzentration des genius loci. Trotz dieser scheinbaren Vereinfachung bleibt die Komplexität des Motivs ebenso gewahrt wie die Tiefenwirkung des Bildaufbaus. Die grafische Dekonstruktion beraubt die Natur nicht um ihre räumliche Dimension, löst ihr Abbild nicht in der Fläche auf, wie es oft bei Jugendstil-Grafiken der Fall ist. In Nahsicht zerfallen die aus monochromen Stoffapplikationen mit der Nähmaschine konstruierten Bildkompositionen in Farbflecke, deren Zusammenspiel an Tarnmuster denken lässt. In der Fernsicht entfalten sie, zwei im Buch abgebildete Ausstellungsansichten liefern den Beweis, einen erstaunlichen Realismus - nicht zuletzt durch das dramatische Spiel von Licht und stark akzentuierten Schatten.

Die großformatigen Landschaften fordern die Mitarbeit der BetrachterInnen. Auslassungen regen dazu an, Laub und Zweige optisch zu ergänzen. In manchen Arbeiten verselbstständigen sich auch die Randlinien der Applikationen, um die Umrisse von schroffen Küsten und Hügeln anzudeuten. In der Auseinandersetzung mit Rowena Drings Bildern wird der Akt des Sehens bewusst. Sie sind eine innovative Einladung zur Interaktion, zur Suche nach dem perfekten Betrachtungsstandpunkt. Ist dieser einmal gefunden lässt es sich, kalmiert von der subtilen Farbpalette aus Grün-, Braun-, Blau- und Violett-Tönen, gut träumen. Eine ganz eigene, fast melancholische Magie geht von den Bildern aus. Es ist, als würde der porträtierte Landschaftsausschnitt den Atem anhalten und einen Moment lang in absoluter Ruhe verharren. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die grandiose karge Schönheit und Weite der Landschaft des europäischen Nordwestens, Waldstücke mit Bachläufen oder die komplexen, üppigen Laubstrukturen der Oase von Mara, USA, handelt. Vielleicht wirken die Naturszenen so entspannend, weil sie ohne Staffagefiguren auskommen. Der Mensch hat den Ausschnitt der Realität, auf den sich Rowena Dring konzentriert, verlassen. Seine Präsenz wird nur gelegentlich durch Versatzstücke der Zivilisation, wie Hochspannungsleitungen, Häuser, Gartenornamente oder Straßen mit und ohne Fahrzeuge angedeutet. Ein anderer, schon in der Romantik beliebter Kunstgriff, ist der aus dem Fenster in die Ferne schweifende Blick - in Drings Fall natürlich ungestört von der Rückenansicht einer menschlichen Gestalt.

Rowena Dring fängt den Zauber des Augenblicks ein. In ihren Fotografien der Geisterstadt Ruby, Arizona, die ebenfalls in dem reich bebilderten Buch vorgestellt werden, treibt sie das Spiel mit der Wahrnehmung von Zeit auf die Spitze. Die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts entstandenen, vermeintlich historischen Aufnahmen der wüst fallenden Stadt wurden mittels High-Tech-Equippment auf alt getrimmt. Optisch an die Pioniere der amerikanischen Fotografie anknüpfend, führt Rowena Dring mit diesen Arbeiten eine Tradition fort, während sie diese mit ihren originellen cross-medialen Bildern aus Stoff hinter sich lässt und etwas völlig Neues erschafft.

© Ch. Ranseder

Rowena Dring: Falls the Shadow

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John Heartfield: ZEITausSCHNITTE

Freitag, 17. Juli 2009

Non-Fiction

Freya Mülhaupt (Hg.)
John Heartfield: Zeitausschnitte
Fotomontagen 1918-1938

Hatje Cantz 2009, 176 S., 230 Abb. davon 144 farbig
ISBN 978 3 7757 2432 6

John Heartfield: Zeitausschnitte John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938

John Heartfield arbeitete in einem geschlossenen System. Der Mann mit der spitzen Schere bediente sich der gedruckten Massenmedien, um seine Fotomontagen und deren Botschaften zu verbreiten. Sein Arbeitsmaterial wiederum schöpfte er überwiegend aus der illustrierten Presse, die er mit Argusaugen beobachtete. Unvergesslich sind die für die “Arbeiter Illustrierte Zeitung” entstandenen Montagen, in denen sich Heartfield gegen Adolf Hitler und die nationalsozialistische Bewegung, Krieg und Kapitalismus wandte. Seine originelle, auf alles Überflüssige verzichtende Bildsprache, hat bis heute nichts an Verständlichkeit eingebüßt. Die Fotomontagen haben Biss, obwohl die den Schaffensakt provozierenden politischen Ereignisse und revolutionären Haltungen längst Geschichte sind.

Das opulent bebilderte Buch “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verfolgt den Werdegang und die Blütezeit des Künstlers, der eigentlich Helmut Herzfeld hieß. Der 1891 in Berlin geborene Pionier der Montage fand seinen Stil als Layouter für die dadaistische Publikation “Neue Jugend”, die in dem von ihm und seinem Bruder Wieland 1917 gegründeten Malik-Verlag erschien. In den von der Zusammenarbeit und Freundschaft mit George Grosz geprägten Jahren, wurde Heartfield zum Berliner Botschafter des Dada. “DADA ist GROSS und John Heartfield ist sein Prophet” trompetet er auf einem Plakat, das sein Selbstbildnis mit zum Schalltrichter geformten Händen zeigt.

Als der Malik-Verlag 1921 begann Romane zu verlegen, wurden Buchumschläge mit einer einfacheren Bildsprache benötigt. Nicht mehr Provokation und Verwirrung wie im Dada waren das Ziel, sondern die klare Kommunikation mit den Kunden. Auch bei der Lösung dieser Aufgabe erwies sich Heartfield, der auf seine Kenntnisse als Werbegrafiker zurückgriff, als innovativer Gestalter. Seine aus wenigen Elementen zusammengesetzten Buchcover sind schlüssige Kompositionen mit erzählerischer Qualität. Das fesselt den Blick. Scheinbar harmlos gefällig, erregen die Einbände Aufmerksamkeit ohne zu schockieren und büßen dennoch nichts an Schlagkraft ein. Doch dem Künstler mit Mission war die Buchhülle nicht genug. In einer Gemeinschaftsarbeit mit Kurt Tucholsky, der die Texte beisteuerte, entstand 1929 das Buch “Deutschland, Deutschland über alles”, ein Rundumschlag gegen Kapitalismus, Militär, Demokratie und rechten Nationalismus.

Bereits 1919 war John Heartfield der KPD beigetreten, in deren Dienst er seine Schaffenskraft stellte. Den Höhepunkt seiner Monteurkunst erreichte er in den politischen Fotomontagen, die er von 1930 bis 1938 für die AIZ anfertigte. Bildidee und begleitender Text der schrägen satirischen Collagen entstanden oft in Zusammenarbeit mit seinem Bruder, Wieland Herzfelde. Danach kam die Schere zum Einsatz. War in Heartfields Sammlung von Pressefotos der richtige Schnappschuss für die Umsetzung des visuellen Konzeptes nicht vorhanden, beauftragte er einen Fotografen, der nach seinen Anweisungen das passende Tableau inszenierte.

Der glühende Pazifist und Kommunist John Heartfield kombinierte Kunst mit kommerziellen Printmedien, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Das dies nicht ungefährlich ist, musste er am eigenen Leib erfahren. Zur Emigration gezwungen, verlegte er seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt zuerst nach Prag, dann nach London. Erst 1950 kehrte er nach Deutschland, in die DDR, zurück.

Die Autoren des Buches “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verschränken in ihren tiefgreifenden, akribisch recherchierten Essays Werkanalyse, Biografie und Zeitgeschichte. Das Ergebnis ist weniger ein chronologischer Erzählstrang als ein dichtes Informationsgewebe. Thomas Friedrich, Sabine Kriebel, Roland März, Freya Mülhaupt, An Paenhuysen, Rosa von der Schulenburg, Andrés Mario Zervigón und Peter Zimmermann nähern sich dem politisch engagierten Künstler John Heartfield von vielen Seiten. Lebensweg und künstlerische Entwicklung, Bildanalysen exemplarisch herausgegriffener Fotomontagen, die enge Zusammenarbeit mit dem Bruder, Freundschaften und ihre Auswirkungen auf das Werk, Selbstporträt und Selbstsicht, Arbeitweise, politische und zeitgeschichtliche Hintergründe - all das und vieles mehr ist in der beeindruckenden Publikation zu finden. Auch mit Abbildungen wurde nicht gegeizt. Fotografisches Rohmaterial und fertige Fotomontage, Abbildungen von Buchumschlägen und für diverse Printmedien gestaltete Seiten, Schnappschüsse aus dem Privatleben John Heartfields und dokumentarische Aufnahmen seiner Ausstellungen begleiten die Texte. Zu verdanken ist die Bilderflut dem in der Kunstsammlung der Akademie der Künste, Berlin, erhaltenen Nachlass, aus dem es möglich war für Buch und Ausstellung nach Herzenslust zu schöpfen. Denn natürlich ist “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ eine Begleitpublikation. Die gleichnamige Ausstellung ist vom 29. Mai bis zum 31. August 2009 in der Berlinischen Galerie zu sehen. Zeitgeschichte einmal anders.

© Ch. Ranseder

John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938

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Fotografie als Bühne

Donnerstag, 09. Juli 2009

Non-Fiction

Gerald Matt, Peter Weiermair (Hgg.)
Das Porträt Fotografie als Bühne
Verlag für moderene Kunst Nürnberg 2009, 232 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 941185 60 9

Das Porträt Fotografie als Bühne Das Porträt: Fotografie als Bühne

Katalog und Ausstellung in der Kunsthalle Wien widmet sich den Porträtfotografie ab 1980 mit Werken von Roger Ballen, Tina Barney, Valérie Belin, Dirk Braeckman, Clegg & Guttmann, Andrea Cometta, Anton Corbijn, Rineke Dijkstra, Amy Elkins, JH Engström, Bernhard Fuchs, Albert García-Alix, Luigi Gariglio, Anthony Gayton, Nan Goldin, Greg Gorman, Kathy Grannan, Jitka Hanzlová, Peter Hujar, Jean-Baptiste Huynh, Leo Kandl, Barbara Klemm, Gerhard Klocker, Andreas Mader, Sally Mann, Robert Mapplethorpe, Hellen van Meene, Judith Joy Ross, Thomas Ruff, Stefano Scheda, Beat Streuli und Wolfgang Tillmans.

Der zweisprachige Katalog gliedert sich in das Vorwort von Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, die kuratorischen Leitgedanken von Peter Weiermair und einen Exkurs zu Porträts in Zeiten der digitalen Wirklichkeit von Ulrich Pohlmann. Rund 180 Seiten sind der Werkschau der FotokünstlerInnen gewidmet. Biografien und Werk in der Ausstellung/Abbildungsverzeichnis schließen den von Dieter Auracher grafisch nicht nur benutzerfreundlich, sondern auch ansprechend aufbereiteten Katalog. Ein unverzichtbarer Katalog zur Ausstellung und ganz besonders für die Porträtfotografie.

Die für diesen Katalog und die Ausstellung eingeladenen FotografInnen und deren Werke sind der Versuch einen möglichst breiten Querschnitt durch die Entwicklung der Porträtfotografie ab den 1980ern zu legen. In den ausgewählten Porträts ist die Spannung, die sich zwischen Voyeur und Exhibitionist während des fotografischen Akts aufgebaut hat spürbar. Egal ob formalistische Studiofotografie, fotografische Dokumentation oder unverfälschte, schnappschussartige Tagebücher, sie haben den gelenkten Blick gemeinsam. Gemeinsam ist Ihnen auch, dass sie nicht alle Menschen gleichsam faszinieren können. Es wird gezeigt, was die Porträtfotografie zu bieten vermag. Das nicht jedes Porträt gefällt, hat unterschiedliche Gründe, aber das ist die Essenz der Blickwinkel die Vielfalt von Einfalt unterscheidet.

Meine FavoritInnen sind jedenfalls jene - Roger Ballen, Barbara Klemm und Wolfgang Tillmans (Kulturpreis 2009) gehören dazu -, die nicht oder unsichtbar arrangieren. Porträts deren erzählerisches Moment im Vordergrund steht. Tapetenfreie Sujets, die mein Interesse wecken und gleichzeitig zum Nachdenken anregen. Und ich kann mich der Spannung hingeben, die die Lichtmaler unter den Fotografen wie Anton Corbijn oder Robert Mapplethorpe in menschlichen Stillleben erzeugen.

Dokumentationen des Lebensumfeldes, die in ihrer fotografischen Beliebigkeit austauschbar sind oder Menschen vor oder in ihrem Biotop darstellen, sind zugleich Porträts des Zeitgeistes als auch der FotografInnen selbst. Geschminkt oder ungeschminkt, das ausdruckslose, nackte Schulterstück in Passfoto- oder Kalenderbildoptik, entkleidet von Attribut und Aussage erschließt sich nur durch Zusammenspiel von Foto und künstlerischem Gesamtkonzept der FotografInnen. Auf diese Konzepte muss sich man sich im Vorfeld einlassen oder auf einen Großteil des Zusammenhangs verzichten.  

Porträtfotografie ist nicht nur das festgehaltene äußere Abbild - selten der persönlichen, charakterlichen Befindlichkeit -  der abgebildeten Person, es ist zugleich Selbstreflexion der Fotografinnen. Entstanden sind sie alle in dem Spannungsfeld der Exhibitionistinnen und VoyeurInnen. Und auch deshalb steht nicht der Abgebildete als komplette Persönlichkeit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern nur Aspekte seiner oder ihrer Sexualität. Selten sind es die im Vorbeigehen eingefangenen Abbilder von Menschen, die erst durch das Fotografieren aus der Menge herausgehoben und wieder zu massenfernen Individuen werden, wie es in der Fotografie von Beat Streuli der Fall vermögen.

Spannend von Porträt zu Porträt, von Fotografin zu Fotografen und keinesfalls nur als zeitgenössischer Kunstband zu betrachten. Obwohl mich inhaltlich wenig anspricht und vieles technisch nicht gefällt, möchte ich auf diesen Katalog nicht verzichten. Er ist eine Bereicherung für jede Bibliothek in dem Fotografie und/oder Porträts einen Schwerpunkt einnehmen. Zugleich ist der Katalog eine wundervolle Möglichkeit für Fotobegeisterte eine Begegnung mit der Fotokunst herbeizuführen.

Die Porträtauswahl ist noch bis zum 18. Oktober 2009 im Großformat in der gleichnamigen Ausstellung der Kunsthalle Wien zu bewundern.

© S. Strohschneider-Laue

Das Porträt: Fotografie als Bühne

siehe auch Ausstellungsrezension

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Katalog: Ferdinand Georg Waldmüller

Freitag, 19. Juni 2009

Non-Fiction

Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.)
Ferdinand Georg Waldmüller
Brandstätter 2009, 240 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85033 296 5

Ferdinand Georg Waldmüller Ferdinand Georg Waldmüller

Was würde Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865) malen, wenn man ihn in unsere Zeit versetzen könnte? Porträts von Politikern, Beamten, Unternehmern und der Wiener “Bussi-Bussi” Gesellschaft, Statussymbole inklusive? Tagelöhner des 21. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit (vulgo Arbeiterstrich), einsame MindestrentnerInnen, alleinerziehende Mütter an der Armutsgrenze, kinderreiche Einwandererfamilien, Groß und Klein vor dem Fernseher, Weihnachten in der Notschlafstelle, Wiener in Feierstimmung anlässlich einer der vielen Volksbelustigungen oder wandernde Touristen in den Alpen? Stillleben aus Designer-Stücken? Er hätte sicher jede dieser Gestaltungsaufgaben mit akribischer Pinselführung meisterhaft gelöst.

Waldmüller war ein vielseitiger und produktiver Künstler. Sein malerisches Lebenswerk umfasst Porträts, Genreszenen, Landschaften und Stillleben. Er verfügte über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und verschloss seine Augen weder vor physiognomischen Tatsachen noch vor der harten Realität, der sich die Mehrheit der Bevölkerung täglich stellen musste. Im 19. Jahrhundert beschäftigten sich bildende Künstler zunehmend in belehrenden oder moralisierenden Gemälden mit sozialen Fragen. Waldmüllers Genrebilder, mit denen heute sein Name vor allem assoziiert wird, stellten also keine Ausnahme dar. Doch in seinem Spätwerk löste er sich weitgehend vom Sentiment und wurde zum aufmerksamen Chronisten der unterprivilegierten Schichten. Die Tendenz, schonungslos die Wirklichkeit abzubilden, hatte sich in Waldmüllers Porträts ja bereits zu Beginn seiner Karriere abgezeichnet. Er malte genau, was er sah – auch wenn er gelegentlich in den Auftragsarbeiten die Schärfe seines Blickes milderte und z. B. auf die Wiedergabe von Pockennarben verzichtete. Schließlich muss man gute Kunden bei der Stange halten.

Das reich bebilderte Buch “Ferdinand Georg Waldmüller” lädt dazu ein, sich erneut mit einem Maler auseinanderzusetzen, der heute gerne zum bedeutendsten österreichischen Künstler des 19. Jahrhunderts stilisiert wird. Die Mühe, Waldmüllers Gemälde einer eingehenden Bildbetrachtung zu unterziehen, lohnt sich. Denn was bei der ersten oberflächlichen Begegnung konservativ, fast altbacken und fallweise süßlich-sentimental wirkt, ist alles andere als das. Ferdinand Georg Waldmüller war in vieler Hinsicht ein Vorreiter. Die Natur, deren Studium er vehement vertrat, stellte für ihn das Maß aller Dinge dar. Diese Überzeugung widersprach den Ansichten der akademischen Kollegen, die Waldmüller als “Naturalisten” schmähten. Vor allem mit seinen Versuchen das Sonnenlicht wiederzugeben, traf der Künstler bei einigen Zeitgenossen auf Unverständnis. Den Erfolg als einer der angesehensten Maler Wiens zu gelten, musste sich Waldmüller hart erarbeiten. Sein gegen den Willen von Mutter und Vormund aufgenommenes Studium finanzierte er sich mit dem Bemalen von Bonbonpapieren und Kupferstichen. Auch als Zeichenlehrer und Dekorationsmaler verdingt er sich. Unermüdlich feilte der Künstler an seiner Maltechnik. Er kopierte alte Meister und beobachtete die Menschen, deren Darstellung er über alles andere setzte. 1829 wurde Waldmüller zum Ersten Kustos der Gemäldesammlung der Akademie der bildenden Künste in Wien ernannt, 1835 zum ordentlichen akademischen Rat. Im Jahr darauf begann er Privatunterricht zu erteilen. So weit, so gut. Eine typisch österreichische Karriere, möchte man denken. Doch dann passierte etwas Unerhörtes: die Erfolge der Schüler Waldmüllers sprachen für die Effizienz seiner Lehrmethoden. Darüber hinaus wagte er es, seine Gedanken zur künstlerischen Ausbildung niederzuschreiben und dieses Dokument 1845 der Akademie vorzulegen! Mit seinem hartnäckig vertretenen Ansinnen, den Kunstunterricht an der Akademie zu reformieren, setzte Waldmüller alles aufs Spiel – und verlor. Nach einem Eklat in einer Ratssitzung und mehreren weiteren Streitschriften wurde Waldmüller 1857 vom Dienst suspendiert und sein nun als Pension ausbezahltes Gehalt auf die Hälfte gekürzt. Unterkriegen ließ sich der große Lichtmaler dadurch nicht. In den folgenden Jahren stellte Waldmüller in Paris, London und Köln aus, wo ihm die verdiente Anerkennung zuteil wurde.

“Ferdinand Georg Waldmüller” ist ein stattliches Buch, dessen Autoren sich ganz auf das Werk und seine Rezeption konzentrieren – und zwar ausschließlich aus kunsthistorischer Sicht. Aus der Reihe tanzt lediglich das Kapitel über Waldmüllers Streit mit der Akademie. Danach reihen sich die Analysen, akribisch recherchiert und auf dem neuesten Stand der Forschung, Perlen gleich aneinander: dem “fotografischen Blick” folgen die Porträt- und Landschaftsmalerei, die Lokalisierung der in den Gemälden festgehaltenen Wiener Schauplätze sowie die Genremalerei, nach der es geografisch – England, Deutschland, Frankreich, Österreich auf der Weltausstellung 1855 in Paris – weiter geht. Zweifellos ist das alles sehr interessant. Es ist aber auch furchtbar brav. Schmerzlich vermisste ich den Wagemut der Interdisziplinarität, des wissenschaftlichen Crossover. Welch Bereicherung wäre ein Essay zur Realienkunde gewesen! Auch ein Beitrag über die in den Genreszenen dargestellten Handlungen und Bräuche aus dem Blickwinkel der europäischen Ethnologie hätte eine spannende Lektüre abgegeben! Historiker könnten sicher so Manches über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im 19. Jahrhundert, die Waldmüller so gekonnt wiedergab, erzählen! Doch Schwerpunktsetzungen sind Geschmacksache. Eines ist sicher “Ferdinand Georg Waldmüller” gelingt es trefflich, dem Künstler ein Denkmal zu setzten.

Die Publikation “Ferdinand Georg Waldmüller” erschien anlässlich der gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 11. Oktober ‘09 im Belvedere (siehe Rezension) zu sehen ist.

© Ch. Ranseder

Ferdinand Georg Waldmüller

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HOMER

Sonntag, 24. Mai 2009

Notiz

Das Phänomen Homer
In Papyri, Handschriften und Drucken

ÖNB, Papyrusmuseum
20. Mai ‘09 bis 15. Januar ‘10

Das Phänomen Homer in der Österreichischen Nationalbibliothek

Kolorierter Kupferstich des Bühnenbildes zu 'Il pomo  d’oro' von Antonio Cesti 1668 ÖNB, Musiksammlung © Österreichische Nationalbibliothek

Mit einem Apfel hat die ganze Geschichte begonnen.
Gemeint ist nicht der langweilige Zwischenfall mit Adam und Eva, sondern die Zankapfel bedingte Schönheitskonkurrenz zwischen den Göttinnen Hera, Pallas Athene und Aphrodite. Nachdem Paris, gemeint ist natürlich der Prinz von Troja, sich für Aphrodite entschied, bekam er statt Macht (Hera) oder Verstand (Pallas Athene) eine hübsche Frau. Dass die schöne Helena einem anderen, dem mächtigen Menelaos von Sparta, angetraut war, spielte für Paris weder politisch noch moralisch eine Rolle. Nach dieser echt männlichen Entscheidung, die nicht im Kopf, sondern in tieferen Regionen getroffen wurde, gab es noch größeren Streit. Hera und Pallas Athena waren beleidigt, Menelaos stand als mächtiger Verlierer und somit vor seiner Welt als echter Machtverlierer da.  

Detail – Benoît de Sainte-Maure, Roman de Troie (franz.) Padua, 3. Jahrzehnt des 14. Jhs. ÖNB, Sammlung von Handschriften und alten Drucken © Österreichische Nationalbibliothek Die Folge waren 10 Jahre Krieg um Troja mit aktiver GöttInnenbeteiligung, Unmengen von Blut und gefallenen Helden sowie - je nach Sichtweise - mehr oder minder heroischen und findigen Taten.

Alexandra von Hellberg (*1968 Bozen): 'Odysseus' Exlibris für Norbert Hillerbrandt, 1999 ÖNB, Flugblätter-, Plakate- und Exlibris-Sammlung © Österreichische Nationalbibliothek Und da es mit dem Krieg nicht getan ist, mussten jene, die ohne dies nicht mitmachen wollten auch wieder nach Hause segeln und rudern. Noch einmal 10 Jahre strapaziöse Heimreise für Kriegsveteran Odysseus, bieten bis heute nicht nur unterhaltsames Seemannsgarn, sondern eine mächtige Fundgrube für Wissenschafter aller Sparten.

Kupferstich zur Odyssee von Jürgen Czaschka 1998, Privatbesitz Die traumatisierenden familiären und machtpolitischen Probleme nach zehnjähriger Absenz des Odysseus als Ehemann, Vater und König von Ithaka, erfreuen letztlich sogar die Psychologen.

Münze der Stadt Amastris Kunsthistorisches Museum Wien, Münzkabinett © KHM Und weil es so eine unglaublich zeitlose Story ist, ist es Homer gelungen den ersten europäischen Best- und ungeschlagenen Longseller zu verfassen.

Eine der ältesten Buchrollen der Ilias, Buch 22 (X 125–138) 3. Jh. v. Chr. Universität Heidelberg, PapyrussammlungAm Anfang wurden die homerischen Verse mündlich überliefert. Und je nach Forschungsmeinung - Archäologen erfreuen sich z. B. an den Beschreibungen von Objekten - hat es etliche Jahrzehnte der ”stillen Post” gedauert, bis sich jemand die Mühe des Aufschreibens gemacht hat. Erst um 700 v. Chr. wurde die erste Schriftfassung erstellt. Und ganz im Stile von “copy & paste” hat sich beim Abschreiben, das eine oder andere sprachlich, inhaltlich oder manches sogar vom Umfang verändert. Seit der Antike wird daher die “homerische Frage” nach der Urheberschaft gestellt, nach der Urfassung geforscht und immer wieder heftig darüber gestritten. Homers Verse sind den Wissenschaftern ein steter Quell der Faszination und dem Publikum bis heute schweißtreibender Prüfungsgegenstand oder spannende Unterhaltung.

Kritzeleien auf einem Buchdeckel: 'Endlich ist Buch 22 der Ilias fertig' 3./4. Jh. n. Chr. Universität Köln, PapyrussammlungVon der Antike bis heute befassen sich SchülerInnen mit dem Text. Nicht nur die Geduld von LehrerInnen wird dabei überstrapaziert, wie die Kritzeleien auf einem antiken Buchdeckel beweisen. Schön ist auch, dass sich an den jungen “Narrenhänden” bis heute nichts geändert hat. Um ganz ehrlich zu sein, meine Schulausgabe hat genauso ausgesehen. Bis heute bin ich außerdem dankbar, dass Homers Werk existiert. Ebenso dankbar bin ich meinem Lehrer*, dass er den  Kurzweiler Homer und nicht den Langweiler Platon zum Abiturthema machte. 

Wörterbuch zum 1. Buch der Ilias (A, 325–416; 512–610) 2. Jh. n. Chr. Universität Köln, Papyrussammlung Sogar die Wörterbücher zu Homers Texten haben sich seit der Antike nicht wesentlich verändert: Funktionales Kultur- und Sprachkompetenzdesign zum altsprachlichen Longseller.

Alles das gibt es Papyrusmuseum zu sehen.
Die Ausstellung legt Papyri und Pergamente der Ilias und Odyssee sowie der ägyptischen erzählenden Literatur vor, archäologische Objekte runden den antiken Teil ab.
Lateinische Übersetzung der Ilias (Marginalien) Laurentius Valla, Venedig 1502 ÖNB, Sammlung von Handschriften und alten Drucken Handschriften der Renaissance, Homer im lateinischen Mittelalter, frühe Drucke, Marginalien in frühen Homerdrucken, Homer in berühmten Bibliotheken, Homer in Sprachen der Neuzeit, Homers Büste aus der Sammlung Lavater, Exlibris und freie Grafik mit “homerischen” Themen folgen der Rezeption Homers bis in die Gegenwart.
Das feine Minimuseum in Wien zaubert aus seiner großen Sammlung - oft in Kooperation mit anderen Instutionen - immer wieder Erstaunliches hervor. Die für BesucherInnen oft unscheinbaren beschrifteten “Fetzerln” sind pures Wissensgold. 
Die Papyri, Pergamente und Drucke und vor allem die BesucherInnen würden es allerdings verdienen, dass mehr Geld - falls für diese Ausstellung überhaupt Geld zur Verfügung stand - in die Präsentation gesteckt würde. Es geht dabei nicht einmal um “Behübschungen”, sondern um das publikumsgerechte inhaltliche Erschließen des Gezeigten. Dafür gibt es einfache - leider unbeachtete - Regeln. Dazu gehören: Leitsystem, grafische Aufbereitung und publikumsgerechte Texte (Wortwahl, Satzlänge, Textlänge, Gliederung) . Schade daher, dass die großartigen Exponate und der interessante Inhalt durch die staubtrockene und hochwissenschaftliche Aufbereitung völlig verblassen. Ausstellungen sollen keine begehbaren Bücher von Fachleuten für Fachleute sein, sondern für das breite Publikum von einem Spezialistenteam (KuratorIn, GestalterIn, GrafikerIn, TexterIn) gemacht werden. Nur so bekommen die Ausstellungen auch jene Aufmerksamkeit, die sie inhaltlich wirklich verdienen.
Trotzdem unbedingt anschauen, denn Homer ist in dieser Ausstellung fast zum An- und Begreifen nahe. Den exzellenten Katalog Das Phänomen Homer in Papyri, Handschriften und Drucken zu kaufen, versteht sich von selbst.

Non Fiction
Cornelia Römer (Hg.)  
Das Phänomen Homer  
In Papyri, Handschriften und Drucken
Nilus 16, Studien zur Kultur Ägyptens und des Vorderen Orients
Phoibos 2009, 128 S., Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 85161 014 7

Das Phänomen Homer Das Phänomen Homer in Papyri, Handschriften und Drucken

Zur Ausstellung ist ein unentbehrlicher Katalog erschienen. Unentbehrlich, weil man alle jene Details erfährt, die die kleine Ausstellung schon platzbedingt nicht bieten kann. Unentbehrlich, weil man einen winzigen Teil der Papyrussammlung und damit etwas Essentielles zu und über Homer greifbar hat. Abgesehen davon präsentiert der Katalog das ”Phänomen Homer” aktuell, abwechslungsreich und spannend.

Cornelia Eva Römer, Direktorin des Papyrusmuseums, schreibt unter dem täuschend schlichten Titel “Einleitung” ein herrliches Essay über das “Phänomen Homer” und die Ausstellung selbst. Von der Betrachtung der präsentierten Papyri und Pergamente aus Ägypten, Bildliche Zeugnisse, Handschriften und Drucke spannt sie den lebendigen Bogen Homers bis in die Gegenwart.

In “Homer lebt!” spürt Georg Danek Homer selbst bzw. der Personifikation der episch-heroischen Erzähltradition nach. Er zeigt auf wie Homer angezweifelt und diskutiert wurde, in Vergessenheit versank, erneut entdeckt wurde und, dass Homer zeitlos von Vortrag bis Film für jedes Medium geeignet ist.

Der Brand der königlichen Bibliothek von Alexandria, noch verheerender als die Kölner Archiv-Katastrophe vom 3. März ‘09, erweist sich einmal mehr als Knackpunkt der Forschung. Herwig Maehler zeigt in “Ilias und Odyssee als Objekte der Forschung in der Antike” auf, welche Probleme in Archivierung, Verwaltung und Textforschung die damalige Gelehrtenwelt zu bewältigen hatte und was davon Homer betreffend bis in Gegenwart überliefert wurde.

Ian Rutherford widmet sich in “Homer and Egypt” nicht nur dem Verhältnis von Homer zu Ägypten als Schauplatz, sondern auch der Spuren Homers in der ägyptischen Literatur. Die ägyptische Variante des Amazonenkampfes hat jedenfalls einen besonderen Reiz.

Dem Dichterfürsten Homer ein Gesicht zu geben, wurde schon in der Antike versucht. Der Beitrag “Das Homerporträt in der Antike” von Monika Laubenberger zeigt minutiös diese Bemühungen auf.

Eindrucksvoll beschreibt Karoline Zhuber-Okrog in “Odysseus in Lykien: Die Darstellung des Freiermordes am Heroon von Trysa” die an der Grabanlage dargestellten homerischen Szenen. Für wen das Grab errichtet wurde, ist unbekannt. Ebenso unbekannt ist, warum der Freiermord so einen zentralen Platz einnahm. Dennoch spiegelt der Bau die Bedeutung der homerischen Verse für die Zeit letztlich für die Erbauer wider.

Und wieder einmal steht das Mittelalter den Errungenschaften und dem Kulturgut der Antike zwiespältig gegenüber. Frei nach dem Motto: Mögen wir Homer oder dürfen wir nicht mögen. “Homer im lateinischen Mittelalter” von Andreas Fingernagel spürt dieser Ambivalenz nach.

Werner Rotter verfolgt in “Vom Pennälerschreck zur Kulturquelle. Wandlung des Homerbildes bei Egon Friedell (1878-1938)” die Entwicklung Friedells Sichtweisen auf und dessen Verhältnis zu Homer.

Der elaborierte Katalog zur Ausstellung legt Papyri und Pergamente der Ilias und Odyssee sowie der ägyptischen erzählenden Literatur vor. Die in der Ausstellung gezeigten archäologischen Zeugnisse runden den antiken Teil ab. Handschriften der Renaissance, Homer im lateinischen Mittelalter, Drucke, Marginalien in frühen Homerdrucken, Homer in berühmten Bibliotheken, Homer in Sprachen der Neuzeit, Homers Büste aus der Sammlung Lavater, Exlibris und freie Grafik mit “homerischen” Themen folgen der Rezeption Homers bis in die Gegenwart.

Erfreulich wie kontinuierlich brillant die Nilus Reihe ist!

© S. Strohschneider-Laue

* Rainer Glückert, in bester Erinnerung!

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Intimer Blick

Montag, 04. Mai 2009

Non-Fiction

Toulouse-Lautrec. Der intime Blick
Text von Danièle Devynck, Johannes Ramharter, Anne Röver-Kann, Alain Tapié
Hatje Cantz 2009, 160 S., davon 77 in Farbe
ISBN 978 3 7757 2346 6

Henri de Toulouse-Lautrec Toulouse-Lautrec: Der intime Blick

Die vier Pfoten in der Luft, das Schwänzchen hoch erhoben, jagt ein Hündchen neben Pferd und Reiter her, dem Horizont entgegen. Die Tiere und ihr begleitender Mensch auf dem Gemälde “Reiter mit kleinem Hund” sind humorvoll überzeichnet, die Landschaft bleibt undifferenziert. 1879, dem Entstehungsjahr des Bildes, ist der Malstil von Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) noch der Tradition verpflichtet. Doch bereits in diesem frühen Werk sind seine scharfe Beobachtungsgabe und die Neigung zur Karikatur offensichtlich. Wie schnell es dem Künstler gelang, auch stilistisch zu einem sehr individuellen, modernen Ausdruck zu finden, kann in “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” nachvollzogen werden. Das reich bebilderte Buch bietet einen Querschnitt durch das Werk des französischen Malers und Grafikers. Von den frühen Gemälden mit Szenen der Fortbewegung per Pferdekraft über Porträts von Familie und Freunden bis zu den bekannten, in Unterhaltungslokalen und Bordellen entstandenen Grafiken spannt sich der Bogen. Und natürlich ist auch eine Auswahl von Plakaten zu bewundern.

Das Buch “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” erscheint anlässlich einer Ausstellung im Linz, Österreich. Es verwundert daher nicht, dass sich unter den fünf Essays, die dem Katalog vorangestellt sind, auch ein Vergleich der Arbeiten des französischen Künstlers mit jenen von Egon Schiele befindet. 1909, also vor exakt 100 Jahren, waren bereits Arbeiten von Toulouse-Lautrec in der Wiener Galerie Miethke ausgestellt, die Schiele gesehen haben könnte. Sowohl Toulouse-Lautrec als auch Schiele waren Meister der Linie, doch ihr Verhältnis zu den Modellen, ihre Annäherung an den Menschen war grundverschieden. Die ersten beiden Abbildungen des Buches, die leider nicht auf gegenüberliegenden Seiten platziert wurden, sind dafür ein gutes Beispiel. Sowohl das Ölbild von Toulouse-Lautrec als auch die Bleistiftskizze Schieles zeigen eine Frau, die in einem Sessel sitzend das Kinn auf die Hand stützt. Der Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Modell und Maler liegt im Gesichtsausdruck. Toulouse-Lautrecs Madame Berthe Bady ist sichtlich amüsiert und scheint sich gut zu unterhalten. Ein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, der Blick ist wach und fokussiert. Der Frau in Schieles Bild hingegen ist die Langeweile und das Desinteresse an ihrem Gegenüber ins Gesicht geschrieben. Einzig der Gedanke “Hoffentlich ist er bald fertig, damit ich gehen kann” scheint sie zu beschäftigen. Eine Interaktion findet nicht statt. Schiele ist nicht an der Person interessiert, sondern an dem in einer Pose verharrenden Körper, der zum Bedeutungsträger wird.

Die Arbeiten von Toulouse-Lautrec zeugen von seinem Interesse an den dargestellten Menschen, an ihren Eigenheiten und Seelenzuständen. Als Porträtmaler verstand er es, die Persönlichkeit der Dargestellten zu erfassen und zu Papier zu bringen. Als Beobachter in Bordellen und Vergnügungslokalen bedurfte er keiner Modelle. Ungeschönt und frei von Voyeurismus hielt er Szenen aus dem Alltag fest. Seine unaufdringliche Präsenz erlaubte ihm die harte Lebenswelt der in der Unterhaltungsbranche Beschäftigten aus nächster Nähe zu dokumentieren. Grafiken wie “Frau mit Tablett - Frühstück” und “Liegende Frau - Erwachen”, beide aus der Serie Elles, lassen darauf schließen, dass die Frauen Toulouse-Lautrec ein gewisses Maß an Vertrauen entgegenbrachten. Sonst hätten sie sich wohl kaum so entspannt gezeigt.

Letztendlich kann über die Befindlichkeit von an der Entstehung der einzigartigen Werke beteiligten Personen nur gemutmaßt werden. Das Betrachten von Kunst ist über den optischen Genuss hinaus auch ein interpretativer Vorgang und damit ein intellektuelles Vergnügen. Wer sich selbst eine Meinung bilden möchte, dem bietet die Publikation “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” reichhaltiges Anschauungsmaterial.

Im Original ist die Werkauswahl noch bis zum 7. Juni 2009 in der gleichnamigen Ausstellung der Landesgalerie Linz zu bewundern.

© Ch. Ranseder

Toulouse-Lautrec: Der intime Blick

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Der Mond

Montag, 13. April 2009

Non-Fiction

Andreas Blühm (Hg.)
Der Mond
Hatje Cantz 2009, 304 S., 160 Farb- und 20 SW-Abb.
ISBN 978 3 7757 2403 6

Der Mond Der Mond

Für “Der Mond” wurde nicht mit Papier gespart. Der Mond darf im Vorspann des Buches von der Sichel zum Vollmond schwellen und im Nachspann wieder zur Sichel schrumpfen. Grundlage für das lehrreiche Daumenkino sind die 40 Mondkarten des Johannes Hevelius, die dieser 1647 in seiner “Selenographia sive lunae descriptio” veröffentlichte. Erstmals vollständig wiedergegeben, sind diese Mondansichten trotz ihrer Wissenschaftlichkeit kunstvoll ausgeführt und schön anzusehen. Damit ist das Thema der ansehnlichen Publikation “Der Mond” bereits umrissen. Es geht um die Darstellung des Himmelskörpers in Wissenschaft und Kunst. Denn der wissenschaftliche Fortschritt, der solche Meilensteine wie die Erfindung des Fernrohres und die Mondlandung mit sich brachte, schlug sich auch in dem Bemühen um die korrekte Wiedergabe des Mondes nieder. Schließlich bedurfte die Forschung schon immer der Bilder, um ihre Ergebnisse zu kommunizieren. Doch der Mond und sein Abbild fesselten nicht nur Astronomen, wissenschaftliche Illustratoren und später Fotografen, sondern auch Vertreter der bildenden Kunst. Ihr Interesse am Erdtrabanten war stärker von kulturhistorisch bedingten Trends geprägt, gänzlich frei von wissenschaftlicher Neugier waren jedoch auch viele Maler nicht.

Andreas Blühm verfolgt in seinem unterhaltsamen Essay “Monde” das Wechselspiel der Disziplinen, die von Wissbegier und technischen Erfindungen ausgelösten Wandlungen der Weltanschauung und ihren Niederschlag in der Kunst. Künstler reagierten nicht nur auf den Wissensstand der Zeit, sondern entwickelten eigene Vorlieben. So verschob sich zum Beispiel im Verlauf des 18. Jahrhunderts ihr Interesse von der Darstellung der physischen Gestalt des Mondes auf jene des Mondlichts. Sinister wird es im 20. Jahrhundert, wenn als Dritter im Bunde PR-Fachleute Fotos des Mondes zu Propagandazwecken einsetzen.

Ob sich Künstler bei der Darstellung des Mondes an der Stellung des Originals am Firmament orientierten, erkundet Hermann-Michael Hahn in seinem Beitrag “Wie Künstler den Mond sahen. Künstlerische Freiheit und astronomische Wirklichkeit” an ausgewählten Gemälden - und kommt dabei zu überraschenden Ergebnissen.

Der Wettlauf in der Wissenschaft ist nichts Neues. Er machte schon Galileo Galilei zu schaffen. Horst Bredekamp legt in “Galileio Galileis ‘Sternenbote’ von 1610: Der Beginn der neueren Mondbetrachtung” dar, wie sich der große Astronom eilte, der Erste zu sein.

Der ausführliche Katalogteil des Buches “der Mond”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, gliedert sich in sechs Kapitel - treffend als Mondphasen bezeichnet. Das Spektrum der vorgestellten Objekte umfasst wissenschaftliche Kartenwerke und Instrumente, Gemälde vom 15. Jahrhundert bis zur modernen Kunst, Fotografien des Mondes, Sattelitenaufnahmen und vieles mehr. Sogar Standbilder aus Filmen - Kubricks “2001″ und Langs “Die Frau im Mond”- fanden Aufnahme. Die begleitenden Texte sind großzügig bemessen, reich an Informationen und eine überraschend spannende Lektüre. Freunde des Erzählerischen seien jedoch gewarnt! Wer hofft, in “Der Mond” Illustrationen von Märchen, Nursery Rhymes, Science-Fiction-Romanen oder ähnlich Populärem zu finden, wird enttäuscht werden.

Die Ausstellung “Der Mond” ist noch bis 16. August 2009 im  Wallraf-Richartz Museum & Fondation Corboud, Köln, zu sehen.

© Ch. Ranseder

Der Mond

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Hermann Obrist

Donnerstag, 09. April 2009

Non-Fiction

Eva Afuhs, Andreas Strobl (Hgg.)
Hermann Obrist Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

Museum Bellerive, Staatliche Graphische Sammlung München
Scheidegger & Spiess 2009, Dt./Engl., 248 S., zahlr. Abb.
ISBN
ISBN 978 3 85881 239 1

Hermann Obrist Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

Hermann Obrist (1862-1926) war ein Suchender. Vielseitig begabt und leicht zu langweilen, kam er über den Umweg der Naturwissenschaften zur Kunst. Vier “Visionen” brauchte es, bis der junge Hermann seine Berufung erkannte und sich ganz dem Kunstgewerbe verschrieb. Wie sein Werdegang verlief, erzählt der Künstler, der einst in München den deutschen Jugendstil maßgeblich formte, in der Autobiografie “Ein glückliches Leben”. Seine Erinnerungen bilden - durch Papier, Farbe und mittige Platzierung von den wissenschaftlichen Beiträgen abgehoben - das Herzstück des Buches “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″.

Das künstlerische Schaffen von Hermann Obrist ist nur noch lückenhaft erhalten. Vieles kam nie über das Entwurfsstadium hinaus, ging verloren oder wurde im zweiten Weltkrieg zerstört. Nahezu das gesamte bildhauerische Werk sowie eine fotografische Dokumentation der Grabmäler und Brunnen befinden sich heute im Museum für Gestaltung, Zürich. Ein weiterer bedeutender Teil seines Nachlasses hat sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung, München, erhalten. Das als gemeinsames Projekt der beiden Institutionen entstandene Buch “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ und die begleitende Ausstellung führen erstmals diese Teile des Nachlasses zusammen.

Unter welchen dramatischen Bedingungen Teile des Werkes von Hermann Obrist gerettet werden konnten, schildert der erste Beitrag des reich bebilderten Buches. Eva Afuhs und Andreas Strobl stellen in “Erste Grundlagen zu einem fragmentierten Werk” den Nachlass vor. Im Zuge dessen untersuchen sie sowohl die künstlerische Entwicklung des Bildhauers als auch die Rezeption und Bedeutung seines Werkes im Kontext des damaligen Kunstverständnisses. Hermann Obrist wollte neue Wege beschreiten. Er fand neue, originelle Ausdrucksformen und experimentierte als einer der Ersten mit den Materialien Plastilin und Zement. Als Inspirationsquelle für seine Plastiken, Textilien und Zeichnungen sammelte er Abbildungen aus Zeitschriften. Damit nahm er die “mood-boards” heutiger Designer vorweg. Wäre Hermann Obrist noch am Leben, könnte er vermutlich als Ausstatter von Fantasy-Filmen Erfolge feiern. Seine bildhauerischen Arbeiten wirken fantastisch-fremdartig, bisweilen sogar bedrohlich. Eva Afuhs und Andreas Strobl benutzen den treffenden Ausdruck “biomorph”. Obrist orientierte sich an der Natur, jedoch ohne sie zu kopieren. Er fing Bewegung und Wachstum als Ausdruck der inneren Kraft eines Organismus ein und verkörperlichte sie als Spirale oder Peitschenschlaglinie. Für ihn sollte Kunst das Gefühl des Lebens in übersteigerter Form erfahrbar machen.
Annika Waenerberg legt in “Lebenskraft als Leitfaden” dar, welche Faktoren sowohl Obrists Ringen nach einem einzigartigen persönlichen Stil als auch seine kunsttheoretischen Ideen beeinflusst haben. Die Erforschung der Wahrnehmung und der abstrakten Form beschäftigten den Künstler auch in seinen Zeichungen.
Stacy Hand geht in ihrem Beitrag “Feuer in Schwarzweiss” der Frage nach, welche Bedeutung Wahrnehmungspsychologie und naturwissenschaftliche Illustration für das Werk von Hermann Obrist hatten. Dieser widmete sich ja nicht nur der Praxis sondern auch der Theorie und Lehre. Als Mitbegründer der “Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk” dürfte er gut mit anderen Künstlern vernetzt gewesen sein.
Ingo Starz wirft in “Ornamental-Plastik” Licht auf den Dialog und die, anlässlich der Werkbundausstellung in Köln 1914 erfolgte, Zusammenarbeit mit Henry van de Velde.
Dass Hermann Obrist sich der Bedeutung seiner Grabmäler und Brunnen bewusst war, darf aus der qualitativ hervorragenden fotografischen Dokumentation der Werke geschlossen werden. Viola Weigel analysiert in “Hermann Obrist und die Fotografie” das im Nachlass erhaltene Konvolut von 49 Aufnahmen. Im Zuge dessen legt sie dar, wie der Blick durch das Objektiv die Wahrnehmung der Arbeiten und ihrer Platzierung im Raum beeinflusst.
Warum Obrist ausgerechnet der Gestaltung von Grabmälern besondere Aufmerksamkeit schenkte und welche Erfolge er mit seinen Werken verbuchen konnte, beschäftigt schließlich Hubertus Adam in “Symbolische Erinnerungen an die Natur”.

“Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ ist die erste Monografie über den eigenwilligen Bildhauer, Textildesigner, Zeichner, Theoretiker und Lehrer. Die in deutscher und englischer Sprache wiedergegebenen Essays leisten einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Gesamtwerkes von Hermann Obrist. Zu den hervorragenden Texten und der großzügigen Bebilderung gesellt sich für designbewusste LeserInnen ein zusätzlicher Bonus. Das Buch besticht mit einer edlen Gestaltung, die es wohltuend von der Masse der verfügbaren Kunstpublikationen abhebt. Mehr sei hier nicht verraten. 

© Ch. Ranseder

Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

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