Artikel mit ‘Katalog’ getagged

Halali Esterházy

Donnerstag, 26. März 2009

Non-Fiction

Stefan Körner (Hg.)
Fürstliches Halali
Jagd am Hofe Esterházy
Prestel 2008, im Schuber, 345 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4153 8

Fürstliches Halali Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

Auf Burg Forchtenstein wird vom 10. Mai ‘08 bis 31. Oktober ‘10 die Jagdtradition im Fürstenhaus Esterházy präsentiert. Der Katalog bietet unabhängig von der Ausstellung einen exzellenten Überblick zur Jagdgeschichte zwischen adeligem Privileg, elitärem Zeitvertreib und modernem Waidwerk. Vier Jahrhunderte fürstlicher Jagd werden hier von ihren prächtigsten und selbstbewussten Seiten gezeigt.

Hält man den großformatigen Prachtband in Händen, fällt der Blick sofort auf die moderne Diana mit ihrem Gebirgsschweißhund, die den Schuber zieren. Das leinengebundene Werk hingegen lädt die Augen mit dem Bild eines Jägers aus Meißner Porzellan auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Und der thematisch einstimmende Augenschmaus setzt sich im Inneren ungebrochen mit historischen Stichen, Gemälden, Kunstobjekten, Trophäen, alten und modernen Fotografien - Manfred Horvath, Gerhard Wasserbauer -  fort.

Die AutorInnen des Bandes unterziehen die Jagd und die Jagd der Fürsten Esterhazy in ihren Beiträgen genaueren Betrachtungen.

Henrike Hülsbergen widmet sich unter dem Titel “Jagdlust: Von der höfischen Jagd zur Großwildjagd im 21. Jahrhundert” vor allem den gesellschaftlichen Wechselbeziehungen der männerdominierten Jagd. Dennoch spart sie verhaltenspsychologische Aspekte nicht aus und verleiht ihrem spannend geschriebenen Beitrag eine kritische Note, die man sonst nicht findet.

“Den “Formen und Mitteln der Hohen Jagd” widmet sich ausführlich Margit Knopp. Beizjagd, Hetzjagd und Parforcejagd sind nur drei der von ihr ausführlich beschriebenen Methoden Tiere zur Strecke zu bringen. Jagdformen denen auch die Esterházys und ihre Gäste gerne frönten. Die Kosten waren von Methode zu Methode unterschiedlich, aber bei der Umstellten Jagd nur noch als enorm zu bezeichnen. Die gewaltige Anzahl der erlegten Tiere wurden nicht nur an der höfischen Tafel aufgetischt, sondern wurden u. a. verkauft oder zu wohltätigen Zwecken verschenkt.

Identität, Stand, Würde und Zeitvertreib stellt Stefan Körner in “Die Fürsten Esterházy und die ungarische Jagdgeschichte” in den Mittelpunkt. Tiergärten, Jagdhunde und Ausstattung waren wichtige Besitztümer, die in Urkunden und Bildquellen festgehalten wurden. Der umfangreiche Beitrag schöpft zu dem aus einer Fülle von Originalzitaten und stellt auch durch aktuelle Fotos Querbezüge zwischen historischen Dokumenten und der Gegenwart her.
In einem knappen, wenig reflektierenden weiteren Beitrag widmet Körner sich noch “Wilderei als Diebstahl und Auflehnung gegen den Fürsten”.

Endre Balsay trägt mit “Esterházy-Jagden und -Jagdgebiete bei Eszterháza 1871-1945″ zum Verständnis der wirtschaftlichen Faktoren bei.

“Jagd heute - heute jagen? Die Bedeutung der Jagd bei den Esterházy Betrieben” von  Hans-Peter Weiss verfolgt die wirtschaftliche Bedeutung anhand der betrieblichen Situation bis in die Gegenwart.

Florian Thaddäus Bayer nimmt sich am Beispiel eines Mitglieds der Fürsten Familie der Großwildjagd an. “In beinahe 80 Tagen um die Welt: Prinz Louis Esterházy und die Großwildjagd” werden seine Leidenschaften für Reisen, Jagd und Militär begleitet von zahlreichen Fotografien und Trophäen aufgegriffen. Kuriositäten, darunter die Reisetoilette, die auf den Fahrten mitgeschleppt wurde, wie seltsame Mitbringsel und Präparate begleiten die Biographie. Janós Hasenbock - ein präparierter Hase, der am 31. Dezember 1898 sein Leben aushauchte - mutet unter all den unzähligen Überresten von toten Tieren auf verdrehte Weise geradezu menschlich  an. Auf den Hinterbeinen stehend, stützt er sich auf eine Krücke, um seine verbundene Hinterpfote zu schonen. Um sein Haupt ist ein Tüchlein gebunden und er hat einen geflickten Leinenbeutel umhängen. In der rechten Pfote hält er einen Brief, seinen “Amtlichen Erlaubnisschein” für lebenslange Almosen. Ein überaus spannender Artikel, spiegelt er doch am Beispiel von Prinz Louis Esterházy - oder auch durch Janós Hasenbock - das Selbstverständnis des Adelshauses.

Die richtige Ausrüstung betrifft nicht nur Waffen. “Die Jagdbekleidung am Hofe der Fürsten Esterházy” von Angelika Futschek zeigt deutlich wie Funktionalität mit Standesbewusstsein miteinander verwoben waren. Und dies betraf nicht nur die Fürsten selbst, sondern auch die Ausstattung, die sie ihren jagdlichen Angestellten maßschneidern ließen. Die Schriftquellen informieren genau über die Kosten, sie beschreiben, Stoffqualitäten, Farben und nennen die beauftragten Schneider. Und wenn man von einem Augenzeugen erfährt, dass die Uniform des Fürsten mit Perlen, Brillanten und Smaragden besetzt war, weiß man auch, dass man sich Kleidung für den Angestellten passend zu deren Funktion gut leisten konnte und aus Hofhaltungsgründen auch leisten wollte.

“Josef Haydn, die Jagd und die Musik” greift Gerhard J. Winkler analytisch an ausgewählten Instrumenten und musikalischen Beispielen auf. Josef Haydn war bis 1790 rund 30 Jahre als Musiker und Hofkappellmeister im Dienste der Fürsten Esterházy. Und Musiker dienten seit dem Altertum dazu den Auftraggeber nicht nur zu unterhalten, sondern ihn auch zu preisen und damit seine Hofhaltung zu unterstreichen. Somit widmete sich Haydn musikalisch auch der Jagd, die einen großen Raum der Fürsten einnahm.

Felix Tobler greift unter dem sperrigen Titel “Forstverwaltung und Jagdorganisation des Esterházy-Majorates vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts” ein wirtschaftsgeschichtliches Thema auf. Der Aufbau einer zentralen Jagd- und Forstverwaltung ermöglichte langfristig, zielgerichtet und vor allem wirtschaftlich zu planen.  Auch wenn in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts prunkvolle Hofjagden aus finanziellen Gründen eine Seltenheit wurden. Schade, dass man nichts Näheres über die dienstlichen Verfehlungen des Domänendirektionsrates Rampichel erfährt, das hätte das hochinteressante aber dennoch aus überwiegend buchhalterischen Quellen schöpfende  Jagd- und Forstgeschichtekapitel um geschmackige menschliche Details abseits der Verwaltung bereichert. 

Herbert Zechmeister und Stefan Körner werfen in ”Die Jagdmonturdepots der Fürsten Esterházy: Waffen, Netze und Kutschen für die Jagd” einen ausgiebigen Blick auf den Bestand.1806 enthielt z. B. die Gewehrkammer in Eisenstadt 630 Jagdwaffen. Viele kamen von namhaften Herstellern. Und leider hat sich hier ein Druckfehler eingeschlichen: Der berühmte Joseph Manton wurde fälschlich als Monton bezeichnet. Waffen, Netze, Kutschen und vieles mehr musste gelagert, gepflegt und veraltet werden. Dazu kommen noch die Trophäen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gefrönten Jagdlust angesammelt haben. Eine große Herausforderung an das Personal und an den Geldbeutel - damals wie heute.

Der Katalogteil hebt sich optisch und haptisch vom Textteil ab. Die rauere Papierqualität des Katalogs - der Textteil ist auf Hochglanzpapier gedruckt -  unterstreicht historische Dimension der Objekte zusätzlich. Die Objekte aus vier Jahrhunderten fürstlicher Jagdgeschichte werden gelistet, anschaulich beschrieben und abgebildet. Karten zu den Jagdgebieten und Bibliographie runden das gewichtige Werk, dessen grafische Gestaltung ebenfalls besticht, ab. Ein besseres Korrektorat (u. a. alte/neue Rechtschreibung) wäre allerdings wünschenswert gewesen.

© S. Strohschneider-Laue

Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

Ebensolch | AmazonStore

Ameisen Ameisen Ameisen

Sonntag, 22. März 2009

Notiz

Ameisen
Unbekannte Faszination vor der Haustüre
22. März ‘09 bis 7. Februar ‘10
Landesmuseum Niederösterreich

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue

Das Frühjahr kommt und die große Krabbelei beginnt erneut in freier Natur, im Haus und sogar im Landesmuseum Niederösterreich. Die heimischen Ameisen krabbeln tatsächlich für ein Jahr unter geschützten Bedingungen durch die Sonderausstellung “Ameisen - Unbekannte Faszination vor der Haustüre”. Das ansonsten - schon aus konservatorischen Gründen - ameisenfreie Landesmuseum zeigt die flinken (nicht immer) Fußgänger unter den Insekten von ihrer spannendsten und - so unglaublich es klingen mag - von ihren attraktivsten Seiten.

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue Nichts hätte mich dazu gebracht das Landesmuseum zu betreten, solange die achtbeinigen Monster vor zwei Jahren das Haus regierten. Spinnen sind mit meiner Psyche absolut inkompatibel. Mit Ameisen will ich zwar nicht die Dusche teilen - was seit einem Jahr leider nicht zu verhindern ist -, aber interessant finde ich Ameisen trotz oder auch aufgrund ihrer Hartnäckigkeit auf jeden Fall. Und in dieser Ausstellung bin ich vollkommen auf meine Kosten gekommen und das werden alle BesucherInnen. Egal, ob sie nun Ameisen mögen oder nicht und völlig gleichgültig welchen Alters sie sind.

Ameisen: Zahlen und andere Fakten ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Krabbelei aktiv und im Großformat ©  S. Strohschneider-Laue Damit man die richtige Perspektive gewinnt, wird man beim Betreten der Ausstellung ”geschrumpft”. Ameisenfakten und Zahlen sowie das erste Formicarium schaffen dafür die Basis. Großformatige Filmsequenzen aus dem Ameisenleben ermöglichen anschließend eine Begegnung in gleichwertiger Augenhöhe zwischen BesucherInnen und Ameisen.

Ameisen: Die Wiese ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Knackpunkt Charles Darwin? ©  S. Strohschneider-Laue Riesige Grashalme und saftiges Grün säumen den weiteren Weg zum in heimeliges Rot getauchten Bau am Ende der Wiese. Und der Weg dortin ist gespickt mit Information. Man erfährt z. B. viel über 130 Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte, das Geheimnis des Kastensystems, den Vorteil in der Kolonie zu leben, warum die Lebensweisen der Ameisen Charles Darwin nervös machten und warum Ameisen nicht beißen, sondern auch stechen. 

Ameisen: Waldameisen Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Waldameisen Formicarium Laufröhre ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Waldameisen Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen leben nicht alle in riesigen Ameisenhaufen, manche Völker finden auch in einer Eichel ausreichend Platz. Und die Ausstellung zeigt sie (fast) alle, die großen und die kleinen Unterkünfte, ihre riesigen oder winzigen Baumeister oder Untermieter. Beeindruckend daher der große Waldameisenhaufen, der sich über mehrere durch Laufröhren verbundene Quadratmeter erstreckt. Nicht weit davon entfernt, in einer eigenen grasgrünen Sockelvitrine untergebracht, eine unscheinbare aber bewohnte Eichel.

Ameisen: ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Porträtgalerie ©  S. Strohschneider-Laue Sind die BesucherInnen im warmen Rot getauchten Bau angelangt, können die kleinsten unter ihnen gerne auch Abkürzungen durch das Wegsystem nehmen. Die Entdeckerlust ist aber für Erwachsene auch ohne Schlupflöcher in Bodennähe genauso groß. Formicarien für verschiedene Ameisenvölker mit unterschiedlichen Bedürfnissen zeigen die Vielfalt und die Ansprüche dieser Insekten.

Ameisen: Nektarien ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Kreislauf Leberegel ©  S. Strohschneider-Laue Die Bedeutung von Ameisen für die Umwelt wurde schon recht früh erkannt und die meisten haben auch schon davon gehört. Dennoch überrascht es sicher viele BesucherInnen wie wichtig heimische Ameisen für die Verbreitung der Frühjahrsblüher sind und welche Pflanzen eine “süße” Wechselbeziehung mit Ameisen pflegen. Das es aber auch einen parasitischen Kreislauf gibt, an dem Ameisen (unfreiwillig) beteiligt sind, ist sicher den wenigsten geläufig.

 Ameisen: Skrupelose Herrscher ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Formicarium ©  S. Strohschneider-Laue  Ab und an menschelt es auch bei den Ameisen. Sie sind territorial und achten darauf, dass ihnen alles Unerwünschte fernbleibt. Friedlich geht es im Bau nicht zu. Skrupellose Herrscher, Intrigen, Meuchelmord, Untermieter (gebetene und ungebetene), Hochzeitsflug, Sklaverei, Bettelei, Raub und vieles mehr halten die wohl organisierten Staaten ständig auf Trab.

Ameisen: Volkskultur ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Ortstafel ©  S. Strohschneider-Laue Ameisen: Sparverein ©  S. Strohschneider-Laue Die Bedeutung der Ameise ist vielfältiger als man glaubt: Sparverein und Dorf sind nach ihr benannt, Ameisen zieren T-Shirt und Gesellenbrief. Sogar wirtschaftliche Bedeutung hatten Ameisen. Ameisler sammelten bis zu Beginn der 1970er Jahre die Puppen und verkauften sie als Vogel- und Fischfutter.

Ameisen ©  S. Strohschneider-Laue Dass dieser gewaltige Informations-Tsunami, den der Ausstellungskurator Christian Dietrich über Ameisen zusammengestellt hat, nicht so gewaltig wirkt wie er wirklich ist, ist der flockig-lockeren Umsetzung zu verdanken. Es gibt eine wahre Textflut, etliche Ameisenvölker mit unzähligen Individuen, viel Bild- und Filmmaterial und zahlreiche Objekte. Die abwechslungsreiche Gestaltung von Doris Prenn (prenn_punkt) führt stimmig durch die Themenbereiche der Ausstellung. Grüne Wiese, roter Bau, schwarz-weiße Menschenwelt machen die Ausstellung emotional über Farben und lebendige Arrangements fassbar. Spätestens, wenn man nach dem “Ameisen-Watching” auf die Uhr schaut oder man zu Hause im Katalog liest, bemerkt man erstaunt, wie viel kurzweilige Zeit man mit ameisenfleißiger Wissensvermehrung verbracht hat.

Non-Fiction

Die sogenannte Begleitbroschüre “Ameisen - Unbekannte Faszination vor der Haustüre” von Christian Dietrich und Erich Steiner ist zudem ein echter Pflichtkauf. Um den Sensationspreis von 3,50 € kann man das stattliche 80 Seiten umfassende Werk, das nur produktionstechnisch eine Broschüre ansonsten aber ein gewichtiger Katalog ist, erwerben. In sechs Kapiteln und acht Exkursen liegt damit die komplette Ameisenausstellung und zugleich Grundlagenwissen zu Ameisen vor. Wer da nicht zugreift, dem ist nicht zu helfen. 

Zur Ausstellung ist ebenfalls erschienen:
Johann Ambach, Christian Dietrich (Hgg.)
Geschätzt, verflucht, allgegenwärtig - Ameisen in Biologie und Volkskultur
Denisia 25 (Katalog OÖLM N.S. 85), 188 S.
ISBN 978 3 85474 203 6 

© S. Strohschneider-Laue

(a)biotisch | AmazonStore

Alfons Mucha

Sonntag, 15. März 2009

Non-Fiction

Agnes Husslein-Arco, Jean Louis Gaillemin, Michel Hilaire, Christiane Lange (Hgg.)
Alfons Mucha
Hirmer 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 7035 1

Alfons Mucha Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010

Das Buch “Alfons Mucha” und die gleichnamige Ausstellung kommen zum richtigen Zeitpunkt. Sie spiegeln in Konzept und Werkauswahl zwei seit einigen Jahren vorherrschende, sich zu Trends verdichtende, gegensätzliche Stimmungen. Zum Einen ist die Freude am Dekorativen wieder erlaubt. Diese Sehnsucht nach dem Ornament lässt sich mit dem Erstarken der Illustration auch in der zeitgenössischen Grafik ablesen. Zum Anderen besinnen sich viele Volksgruppen trotz des vielbeschworenen europäischen Gedankens wieder auf ihre Wurzeln. Alfons Muchas Gesamtwerk vermag mit seiner beeindruckenden Bandbreite beide Pole abzudecken. Als Gebrauchsgrafiker wurde er mit Plakaten, Entwürfen für Verpackungen und Buchillustrationen im Stil der Art Nouveau berühmt. Mit der monumentalen Historienmalerei, die in der Bildfolge des “Slawischen Epos” gipfelte, verwirklichte er ein Herzensanliegen.

Alfons Mucha (1860-1939) war ein Multitalent. Den Anforderungen eines Projektes entsprechend, wechselte er mühelos zwischen den Genres, Medien und Formen des emotionalen Ausdrucks. Auch mit dem Verlauf seiner Karriere stand der vielseitig begabte Künstler dem heutigen Bild des Stardesigners näher als den Malerfürsten des 19. Jahrhunderts. Herausragendes Können reicht oft nicht aus, um in der Kunstszene zu bestehen. Mucha verfügt darüber hinaus über die Fähigkeit Netzwerke aufzubauen, die Bereitschaft zur Mobilität und eine gehörige Portion Glück. Im südmährischen Ivančice geboren, zieht es Alfons Mucha nach seiner Ablehnung durch die Prager Akademie der bildenden Künste nach Wien, wo er als Theatermaler tätig ist. Es folgen Abstecher nach Mikulov und Schloss Gandegg in Tirol. Mucha hat das Glück in den Grafen Egon und Eduard Khuen Belassi finanzielle Förderer zu finden. Ihre Unterstützung ermöglicht ihm einen Studienaufenthalt in München und die Fortsetzung seiner Ausbildung in Paris. Prägender als die akademische Schulung sind in diesen Jahren jedoch die Treffen mit Künstlerfreunden, in deren Rahmen nicht nur Geselligkeit gepflegt, sondern - vor allem in München - Seite an Seite selbst gewählte Aufgabenstellungen gelöst werden. Gegen Ende des Jahres 1894 erhält Alfons Mucha durch eine glückliche Fügung die Chance ein Plakat für das Theaterstück “Gismonda” zu entwerfen. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt ist von seiner Schöpfung so begeistert, dass sie mit ihm einen Vertrag auf sechs Jahre abschließt. Von da an geht es mit Muchas Karriere steil bergauf. Es folgen zahlreiche kommerzielle grafische Arbeiten, Schmuckentwürfe sowie die fantastische Ausstattung des Juweliergeschäftes von Georges Fouquet. Seine Beschäftigung mit dem Kunstgegenstand erreicht mit den als Handbuch gedachten “Documents Décoratifs” einen Höhepunkt. Die Gebrauchsgrafik allein befriedigt den begnadeten Zeichner jedoch nicht. Neben seinen dekorativ-heiteren Arbeiten verwirklicht Mucha künstlerische Projekte zu religiösen und patriotischen Themen, darunter die bildliche Umsetzung des Vaterunsers. Ein weiteres Standbein ist seine Lehr- und Vortragstätigkeit. Letztere führt ihn 1904 in die USA, wo er mehrere Jahre lebt und arbeitet. Hier gelingt es ihm auch einen Mäzen für den “Slawischen Epos” zu finden. Doch Amerika kann Mucha nicht halten. Er übersiedelt nach Prag, um sich der Ausschmückung des Primatorensaals im Repräsentationshaus und den Monumentalgemälden des “Slawischen Epos” zu widmen.

Der Prachtband “Alfons Mucha” würdigt die Vielseitigkeit des weitgereisten Künstlers. Großformatige Abbildungen, die ein wahres Fest für die Augen sind, bieten einen Querschnitt durch sein Lebenswerk. Die zahlreichen Essays zeichnen sich durch originelle Zugänge zu Muchas Kunstschaffen und neue Schwerpunktsetzungen aus.

Jean Louis Gaillemin geht in “Linie und Figur - der ‘Mucha-Stil’” Muchas Interesse an spiritistischen Experimenten nach und untersucht, wie der Künstler seine Beobachtungen zu Kompositionsregeln verdichtete, um sie in verschiedenen Ausdrucksstilen zur Anwendung zu bringen.

Roger Diederen rekonstruiert in “‘Hier leuchtete die Flamme der Kunst’. Alfons Muchas Münchner Jahre (1885-1887)” Muchas Weg nach München, wo sich sein Geschick soziale Netzwerke zu knüpfen voll entfaltete.

Arnauld Pierre setzt in “Musikalische Ekstase und Fixierung des Blicks. Mucha und die Kultur der Hypnose” die in Muchas Atelier stattfindenden Experimente in einen historisch-medizinischen Kontext. Im Zuge dessen führt er vor Augen, wie Mucha die Betrachter seiner Plakate manipuliert und welche hypnotische Wirkung seiner Gebrauchsgrafik innewohnt.

Olivier Gabet stellt in “Der Kunstgegenstand bei Mucha” den Perfektionisten als fantasiebegabten Schöpfer kunstgewerblicher Gegenstände vor und spannt dabei den Bogen von der Gebrauchsgrafik über die “Documents Décoratifs” bis zu Schmuckentwürfen und Geschäftsausstattung für den Juwelier Georges Fouquet.

Dominique de Font-Réaulx schildert in “Die fotografische Inszenierung bei Alfons Mucha” die Freude des Künstlers an der Fotografie, mit deren Hilfe er nicht nur seine Freunde und Familie für die Ewigkeit festhielt, sondern auch seine historischen Gemälde vorbereitete.

Alfred Weidinger befasst sich in “Alfons Mucha und der Pavillon für die osmanischen Provinzen Bosnien-Herzegowina auf der Weltausstellung in Paris 1900″ mit Entstehungsgeschichte und Bildprogramm des repräsentativen Projektes.

Lenka Bydźovská und Karel Srp verfolgen in “Das ‘Slawische Epos’: Wort und Licht” die Genese des Monumentalwerkes. Im Zuge dessen analysieren sie Muchas Interpretation der slawischen Geschichte, seine Erzählweise und die gewählten Formen des visuellen Ausdruckes.

Tomoko Sato entdeckt in “Fotografie: Die andere Seite Muchas” Mucha als Fotokünstler.

Den Aufsätzen folgt ein umfassender, nach 11 Themen gegliederter Bildteil mit jeweils einem einleitenden Text zu jedem Abschnitt. Biographie, Werkverzeichnis und Auswahlbibliographie runden das stattliche Buch ab. Anlass für das Erscheinen der Publikation “Alfons Mucha” ist die gleichnamige Ausstellung, die von 12. Februar bis 1. Juni ‘09 im Belvedere, vom 20. Juni bis zum 20. September ‘09 im Musée Fabre und vom 9. Oktober ‘09 bis zum 24. Jänner ‘10 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, gastiert.

© Ch. Ranseder

Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010

Ebensolch | AmazonStore

Art Brut in Österreich

Freitag, 13. März 2009

Non-Fiction

Angelica Bäumer (Hg.)
Kunst von Innen. Art Brut in Austria
Holzhausen 2007, Dt, Engl., 480 S., zahlr. farbige Abb.
ISBN 978 3 85493 126 3

Kunst kommt von Innen Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Der 480 Seiten mächtige zweisprachige Katalog nimmt sich umfassend der Art Brut / Outsider Art in Österreich an.  Der Katlog steht einer internationalen Wanderausstellung  zur Seite die zur Zeit in Istanbul (26. März bis 27. April ‘09: Marmara Universität, Fakultät für Schöne Künste) zu sehen ist. Beiträge von 26 AutorInnen, Interviews, Porträts der Ateliers und Werkstätten und zahlreiche Abbildungen bieten einen tiefen Einblick in die Szene zwischen Therapie und Kunst, deren KünstlerInnen und ihre Werke einen festen Platz im Kunstschatz der Moderne erobert haben.

In fünf Kapiteln - Geschichte der Art Brut, Dialog zwischen Therapie und Kunst, Art Brut und die Moderne Kunst, Ateliers und Werkstätten | Ziele und Projekte, Museen und Sammler - entwickelt sich anhand der Beiträge ein umfassendes Bild des derzeitigen Forschungsstandes. Die AutorInnen: Daniel Baumann, Angelica Bäumer, Roder Cardinal, Rainer Danzinger, Claudia Dichter, Jean Dubuffet, Gerhard Ederndorfer, Karlheinz Essl, Johann Feilacher, Franzobel, Peter Gorsen, Christine und Irene Hohenbüchler, Alfred Hrdlicka, Max Kläger, Michael Landau, leo Navratil, Peter Pongratz, Arnulf Rainer, Hannah Rieger, Thomas Röske, Gerhard Roth, Elisabeth Telsnig, Michel Thévoz, Günther Weixlbaumer, Margit Zuckriegl.

“Art Brut in Austria” dokumentiert einerseits die Diskussion und Entstehungsgeschichte rund um Art Brut / Outsider Art, andererseits wird ein guter Einblick in die derzeitige Situation in Österreich geboten. Die Stärke des Sammelbandes liegt nicht zuletzt darin, dass unterschiedliche Ansätze gleichberechtigt nebeneinander vorgestellt werden. Die Diskussion, ob Art Brut als eigenständige Kunst - unabhängig von der begeleitenden Krankengeschichte - betrachtet werden soll oder nicht, wird von beiden Seiten minutiös analysiert und ausführlich auch im Rahmen des historischen Kontextes argumentiert. Insbesondere Psychiater und Künstler haben sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Art Brut befasst und sich mit der Intensivität des künstlerischen Schaffens abseits der tradierten und oft auch zeitgeistigen Normen auseinandergesetzt. So war Max Ernst der erste, der seine Werke und die Arbeiten von Geisteskranken gleichberechtigt nebeneinander ausstellte. Das Kunstverständnis der Nationalsozialisten griff hingegen auf die Sammlung Prinzhorn zurück, um genau das Gegenteil im Rahmen der Ausstellung “Entartete Kunst” zu dokumentieren.

Das bekannteste Atelier in Österreich ist das Art/Brut Center Gugging, das von Leo Navratil 1981 als “Zentrum für Kunstpsychotherapie” gegründet wurde. Aber “Gugging” ist nicht allein. Rund 30 weitere Einrichtungen arbeiten in ganz Österreich. Aufnahme in den Katalog fanden allerdings nur jene, die nicht nur temporär und mit Erwachsenen arbeiten.

Angelica Bäumler ist es als Herausgeberin von “Kunst von Innen, Art Brut in Austria” gelungen, renommierte ExpertInnen in diesem Band zu versammeln und trotzdem noch die Zeit zu finden selbst zu recherchieren und ihre Fachkenntnis einzubringen. Eine große Herausforderung, die dazu führte, dass die Bandbreite des Themas wirklich umfassend beleuchtet wurde. Nicht zuletzt tragen die von ihr geführten Gespräche auch  dazu bei, eine Innensicht der Museen und Sammleranliegen zu erhalten. Ein bisschen mühsam ist es allerdings, weiterführende Literatur den Fußnoten der einzelnen Beiträge zu entnehmen. Ein Literaturverzeichnis wäre benutzerfreundlich gewesen, hätte aber den Band vermutlich auf 500 Seiten anschwellen lassen. Mit und ohne Literaturverzeichnis ein unverzichtbares Grundlagenwerk, das seine Bedeutung behalten wird und für diesen Kaufpreis nachgerade ein Schnäppchen ist.

Die Frage, ob Art Brut Kunst ist, hat sich m. E. erübrigt; denn Kunst, wenn sie nicht reines ausführendes Kunsthandwerk ist, sondern entwerfend, rezipierend und erzählend, darstellend, gestaltend den soziokulturellen Kontext aufgreift sowie persönliche Emotionen widerspiegelt, nicht zuletzt immer Art Brut ist. Erst in der persönlichen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt sowie der anschließenden künstlerischen Umsetzung kommt Kunst von Innen und ist Kunst wirklich Kunst. Und sie kommt dann ganz unabhängig von pathologischen Bedingungen von innen, aber nur wenn sie von psychisch schwer gestörten Menschen stammt, wird sie unter Art Brut als eigene Stilrichtung geführt. Eine Gesellschaft, die Art Brut ablehnt, grenzt aus; denn sie lehnt nicht nur allein Kunst, sondern damit die Individualität und die Freiheit des Menschen an sich ab.

© S. Strohschneider-Laue

Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Ebensolch | AmazonStore

Albertina: Fotografie und das Unsichtbare

Donnerstag, 19. Februar 2009

Non-Fiction

Corey Keller (Hg.)
Fotografie und das Unsichtbare
Brandstätter 2009, Dt, Engl., 216 S., ca. 200 Abb.
ISBN 978 3 8503 3271 2

Albertina: Fotografie und das Unsichtbare Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900

Von 11. Februar bis 24. Mai ‘09 wird in der Albertina eine Ausstellung des SFMOMA gezeigt.

Die Zeit als sich Wissenschaft und Kunst in der Fotografie trafen, steht im Mittelpunkt von Ausstellung und Publikation. Unsichtbare, kleine, entfernte und bewegte Bildwelten taten sich damals vor dem staunenden Publikum auf. Trotz der heutigen Möglichkeiten und Erkenntnisse übendiese Fotos eine bis heute ungebrochene Faszination aus. Fotografie im Dienste der Wissenschaft verwandelt für das menschliche Auge Unsichtbares in Sichtbares. Die Ausstellung in der Albertina steht mit dem Katalog und fällt ohne ihn. Der Mehrwert für BesucherInnen liegt in Authentizität und Nähe zum Original(-abzug), während der Mehrwert für LeserInnen in der Aufbereitung des komplexen Inhalts sowie Bildmaterial liegt. 

Corey Keller - Kuratorin für Fotografie am SFMOMA -  betrachtet mit “Abbilder des Unsichtbaren” das an wissenschaftlichen Entdeckungen und industriellen Neuerungen reiche 19. Jahrhundert mit den Augen der Fotografen und des staunenden Publikums. Zugleich verweist sie auf die Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst. Der Artikel trägt maßgeblich zum Verständnis der Wissenschaftsfotografie in ihrer historischen Entwicklung bis zur Jahrhundertwende - und darüber hinaus - bei und regt zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema an.

“Die gesellschaftliche Prägung des fotografischen Blicks” stellt Jennifer Tucker in ihrem Essay vor. Amateure im Dienste der Wissenschaft und die damit voranschreitende Professionalisierung der beinahe schon massentauglichen Fotografie vor. Der gesellschaftliche Kontext in dem Wissenschaft und Fotografie sich damals bewegten, kann von Tucker natürlich nur angerissen werden, spannend ist es aber trotzdem. Es ist nteressant und spannend, wenn man bereit ist, auf der gebotenen Basis weitere Schlüsse zu ziehen. Es wird zwar nicht deutlich angesprochen, aber unterschwellig schwingt im Beitrag mit, dass Amateure nicht nur mehr, sondern sicher auch billiger waren als - wenn schon nicht gut, so dennoch bezahlte - Spezialisten. Und dass das Betätigungsfeld von reiner Wissenschaft auf den Spiritualismus (Geisterfotografie) ausgeweitet wurde, ist m. E. nicht verwunderlich. Mit der Dummheit der Menschen ist - abgesehen von der Pornographie - noch immer das meiste Geld zu machen. Von der Ehre der Forschung zu dienen, konnten auch im 19. Jahrhundert Fotograf nicht leben. Dasselbe gilt für die Suche nach der breiten Öffentlichkeit der Wissenschafter, deren Anliegen siche rnicht Volksbildung war. Klappern gehört zum Handwerk und ohne Öffentlichkeit gibt es bis heute keine Forschungsgelder.

Als die Fotografie die Natur entdeckte, wurden unsichtbare Welten mit sichtbaren Medien kombiniert. Tom Gunning widmet sich den Röntgenbildern, der Chronofotografie und den Geisterfotos. Die Albertina zitiert zu den Chronofotografien Josef Maria Eder (1886) Möglich auch, dass der Künstler in Zukunft manche gewagte Stellung einer Momentfotografie wiedergeben darf, welche man jetzt nicht goutieren will. Ein wahrhaft prophetischer Ausspruch in Anbetracht der ausgestellten “Bewegungsstudie” von Eadweard Muybridge vom “Verhauen eines Kindes”, deren wissenschaftlicher Anspruch vermutlich hinter den Verkaufsoptionen blieb. Während bei den Geisterbildern deutlich wird, dass man von der wissenschaftlichen Authentizität der Fotografie so überzeugt war, dass alles Abgebildete real sein musste. Der Widerstand von Wissenschaft und der Kirchenvertreter führte zur Verfolgung von Betrügern, die man heute eher als Verkaufstalente, Fakegenies und Künstler, denn Betrüger in ihrer Zunft ansehen sollte.

“Die wissenschaftliche Fotografie bei Josef Maria Eder” unterzieht Maren Gröning - Kuratorin der Fotosammlung  der Albertina - einer genauen Betrachtung. Wenn ihrem Beitrag auch die sprachliche Leichtigkeit fehlt, so ist der Inhalt um so spannender und ein Stück typisch österreichische (Wissenschafts-)Geschichte. Der Österreicher Josef Maria Eder (1855-1944) war Fotochemiker und Initiator der K.k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren. Seine persönlichen Netzwerke trugen maßgeblich zum Erfolg seines Instituts und dem Aufbau einer bedeutenden Sammlung bei, an die nach seiner Pensionierung niemand angeknüpft konnte. Der fotografische Teil - inklusive Apparate - wurde der Albertina 2000 als Dauerleihgabe übergeben und befindet sich seither in Aufarbeitung.

Der umfangreiche Tafelteil gliedert sich in: Das Mikroskop, das Teleskop, Bewegungsstudien, Elektrizität und Magnetismus, Röntgenstrahlen, Geisterfotografie, Farbfotografie. Die Einführungen in die einzelnen Themenbereiche stammen von Marie-Sophie Corcy, Maren Gröning, Corey Keller, Erin O’Toole und Carole Troufléau-Sandrin.

Technisches Glossar, Verzeichnis der Werke, Bildnachweis und ausgewählte Literatur runden einen ebenso attraktiven wie überaus spannenden Band zur Entwicklung der Wissenschaftsfotografie ab. Ein unverzichtbarer Katalog für alle, die sich für Fotografie interessieren. Dass der wissenschaftliche Kontext zentrales Anliegen ist, macht einen größeren Reiz aus als man zunächst annehmen möchte.

© S. Strohschneider-Laue

Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900

Siehe auch:
Facts - Tatsachen: Fotografien des 19. und 20. Jahrhundert aus der Sammlung Agfa Foto-Historama im Museum Ludwig Köln
Foto-Essays: Zur Geschichte und Theorie der Fotografie
Eder, Josef Maria (Hrsg.) und Eduard Kuchinka: Jahrbuch für Photographie, Kinematographie und Reproduktionsverfahren für die Jahre 1921-1927.

Ebensolch | AmazonStore

Albertina: Gerhard Richter

Sonntag, 15. Februar 2009

Non-Fiction

Klaus Albrecht Schröder, Barbara Steffen
Gerhard Richter. Aquarelle und Zeichnungen
Hatje-Cantz 2009, Dt, Engl., 176 S., 124 farbige Abb.
ISBN 978 3 7757 2347 3

Gerhard Richter Gerhard Richter: Aquarelle und Zeichnungen

Von 30. Januar bis 3. Mai ‘09 werden in der Albertina 150 Werke von Gerhard Richter gezeigt. Das vielschichtige Œuvre wird durch Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, die zwischen 1963 und 2007 entstanden, repräsentiert. Das breite Spektrum der angewandten Techniken, stehen die Motive gegenüber, die auch private Erinnerungsorte des Künstlers zeigen.

Gerhard Richter (*1932, Dresden) begann seinen künstlerischen Werdegang als Schriften-, Bühnen- und Werbemaler bevor er an der Kunstakademie Dresden Aufnahme fand. 1961 floh er nach Westdeutschland und setzte sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf fort. 1971 bis 1993 übernahm er dort die Professur für Malerei. Von Konrad Lueg und Gerhard Richter wurde der “Kapitalistische Realismus”, der den “Sozialistischen Realismus” ironisierte, begründet. Kennzeichnend für sein Werk ist es nicht festgelegt zu sein. Abrupte Stilwechsel, permanente Stilbrüche, frei von Anliegen und subjektiver Befindlichkeit kennzeichnen seine Vorstellung vom offenen Werkbegriff.

Der bei Hatje Cantz in überragender Qualität erschienene Katalog “Aquarelle und Zeichnungen” widmet sich den weniger bekannten Arbeiten auf Papier. Im breiten Schaffen Richters nehmen diese Werke einen vergleichsweise kleinen Raum ein. Seine ersten Papierarbeiten entstanden 1964, einen Höhepunkt kann in den 80ern verzeichnet werden. Die letzten Blätter stammen von 1999. Nicht nur um auf dem letzten “Gerhard Richter” Stand zu sein, kann man auf diesen Katalog nicht verzichten. Der Katalog ist ein Muss, um sich nichts aus dem breiten Spektrum von Gerhard Richter zu übersehen.

Barbara Steffen ist die tragende Autorin von “Gerhard Richter. Aquarelle und Zeichnungen”. Sie stellt in dem exzellent aufgebauten Essay einen knappen biografischen Abriss voran. Beginnend mit den Aquarellen folgt eine minutiöse Betrachtung Richters Arbeitsweise, die sich auch hier nicht an die engstreckten Vorgaben nur eines Mediums halten. Die Rolle des Zufalls und mögliche Querbeziehungen werden ebenso analysiert wie Ölarbeiten auf Papier. Im letzten Teil widmet sie sich Richters Zeichnungen, die sie in figurative Zeichnungen, Zeichnungen mit Tusche und die abstrakten Zeichnungen der 1990er Jahren trennt. Der umfassende Bild (1966 - 2006) und Katalogteil wird durch Biografie, Ausstellungen, Bibliografie und dem Fotonachweis abgerundet.

Die grafische Gestaltung des Bandes ist durch sein attraktives und zugleich zurückhaltendes Layout mit ausreichend Weißraum ein Lichtblick in der Katalogwelt und soll deshalb zuletzt auch erwähnt sein.

© S. Strohschneider-Laue

Gerhard Richter: Aquarelle und Zeichnungen
Gerhard Richter: Bilder aus privaten Sammlungen
Gerhard Richter: Übermalte Fotografien
Gerhard Richter: Abstrakte Bilder
Die Porträts von Gerhard Richter

Ebensolch | AmazonStore

Schuhtick.

Mittwoch, 07. Januar 2009

Non-Fiction

Hartmut Roder (Hg.)
Schuhtick.
Von kalten Füßen und heißten Sohlen
Phillipp von Zabern 2008, 212 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8053 3938 4

Schuhtick Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen

Auf den Spuren der Fußbekleidung von der Steinzeit bis in die Gegenwart begeben sich 22 AutorInnen. Und es ist unglaublich, was sie dabei - vom Fußschutz bis zum Statussymbol - an Erkenntnisgewinn aus einem einzigen Schuh - besser noch aus einem Paar - herausholen!

Von den biologischen Voraussetzungen der Fortbewegung und der Tatsache, dass die Evolution nicht mit der rasanten Ausbreitung des Menschen in “fußunfreundliche” Regionen Schritt halten konnte, über die wechselhaften Schuhmoden quer durch Zeiten und Regionen bis hin zum Schuhmachern spannt sich der inhaltliche Bogen. Steinzeitliches Schuhwerk und römische Sandalen, die mehr als nur ein beliebiges Kleidungsstück waren, mittelalterliche Absonderheiten und neuzeitliche Eleganz zeigen gesundheitliche Probleme und gesellschaftliche Ambitionen gleichermaßen auf. Der Schuh, ein notwendiges und oft unerschwingliches Verbrauchsgut, war nicht immer leicht zu bekommen, wie nicht nur die Schuhprobleme der Nachkriegszeit beweisen.

Unverwechselbarkeit der Modelle und/oder der Status ihrer Träger mach(t)en manche Schuhe zu Erfolgsmodellen, andere sind unverwüstliche Evergreens und überzeugen durch ihre hohe Funktionalität. Tatsache ist, dass Schuhe in vielen Kulturen nicht nur als Fußschutz dienen, sondern auch unverzichtbarer Ausdruck sozialer Stellung sind, mal ganz abgesehen von ihrem Wert als Fetisch. Das unerschöpfliche Thema “Männersandale” wird über Legionäre, Mönche, Hippies und Ökofreaks abgehandelt. Schade, dass nicht auch die Unart Socken darin zu tragen, näher beleuchtet wird. Andererseits genügt es ja schon zur kulturellen Unordnung beizutragen, wenn Sneakers unter der Anzugshose hervorlugen.

Der spannende Abriss zum Machen eines Schuhs, umfasst Beiträge über das Anfertigen von Maßschuhen, die Herstellung in der Fabrik und Schuhdesign der Upperclass und die Problematik der asiatischen Massenware. Abgerundet wird das Thema Herstellung mit einem interessanten und vergnünglichen Blick auf Schuhwerbung, der ruhig ein wenig länger hätte ausfallen dürfen. Abgeschlossen wird der Rundblick auf den “Schuhtick” mit einer Betrachtung wie sich Schuhe in Märchen und Erzählungen niedergeschlagen haben.

“Und die Schuhe bringen es an den Tag. denn im Märchensind sie kein “Accessoire”, sondern ein Teil der Person selber.”

Ein Katalog für alle, die von Schuhen nicht genug bekommen können und noch ein mehr über dieses für die meisten unverzichtbare - außer man möchte Buße tun oder lebt im warmen Regionen mit weichen Böden -Bekleidung wissen wollen.

© S. Strohschneider-Laue

Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen

Ebensolch | AmazonStore

Volles Risiko!

Dienstag, 09. Dezember 2008

Non-Fiction

Badisches Landesmuseum (Hg.)
Volles Risiko!
Glücksspiel von der Antike bis heute
Volkskundliche Veröffentlichungen Bd. 9

G. Braun 2008, 288 S., 359 Farbabb.
ISBN 978 3 7650 8387 7

Glücksspiel Volles Risiko!: Glücksspiel von der Antike bis heute

“Glückspiel von der Antike bis heute” ist wesentlich mehr als nur ein umfangreicher Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung (12. April bis 17. August 2008) des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe. Glückspiele in ihren vielfältigen Varianten - inklusive des Betrugs -, deren Nebenaspekte an realen und virtuellen Orten bis hin zu Sucht und Recht werden von 20 KulturwissenschafterInnen, Psychologen und einem Juristen überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. 

Gleich zum Auftakt werden die vier Spielekategorien vorgestellt: Games, Sports, Acting und Gambling. Während bei Brett-, Bewegungs- und Gestaltungsspielen Spaß aus dem aktiven Tun der TeilnehmerInnen bezogen wird, ist es für den inaktiven Wettspieler die immer wieder neue Möglichkeit des Gewinnens, die das Vergnügen beschert. Kein Wunder also, dass es so viele Darstellungen der Fortuna gibt, mindestens soviele wie Möglichkeiten sein Glück und Geld beim Würfeln zu verspielen.

Würfeln ist übrigens seit der Antike bekannt, beliebt und oft verfemt. Geschicklichkeits- oder Zahlenspiele mit natürlichen Astragali (Spunggelenkknochen) und hergestellten sechseitigen Würfeln waren weitverbreitet. Und wie überall, wo es etwas zu gewinnen gab und gibt, wurde und wird betrogen, wie auch schon archäologische Funde belegen. Wie oft auch bleibeschwerte Würfel zerschlagen worden sein mögen, das Würfeln ist nicht totzukriegen. Nichteinmal sprachlich: Der Hasardeur, der Spieler, der Draufgänger, ist eigentlich ein Würfler (Arabisch: “az-zahr”, Spielwürfel), der alles von einem Wurf abhängig macht. Spielkarten und Glücksspiel bilden zumindest ab dem 14. Jahrhundert ebenfalls eine untrennbare Einheit. Ihre Erfolgsgeschichte war trotz massiver - wenig erfolgreicher - Verbote in Mittelalter und Neuzeit nicht aufzuhalten und zieht sich quer durch alle Stände. Karten und ihr Zubehör  sowie Darstellungen der Spielenden sind Legion. Eine sprechende Auswahl wurde für diese Publikation getroffen.

Nicht vergessen wurde “Das große Los”, das man bei der Lotterie ziehen konnte. Zudem ein gutes Beispiel wie schnell Verbote gelockert und moralische Finger gesenkt werden, wenn die Obrigkeit/der Staat nur kräftig mitschneiden kann. Die Vorläufer von “6 aus 49″ (in Österreich aus 45) reichen bis ins Mittelalter zurück. Die Entwicklung des beliebten Glücksspiels nach 1945 ist nicht minder interessant. Also, dass es einen Lottotourismus von Baden-Württemberg, wo das Spiel 1957 noch nicht eingeführt war, Richtung Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz gab, ist schon amüsant. Andererseits sind Österreicher noch viel länger - bis 1986 -  Richtung Deutschland gefahren, wenn sie nicht das 1752 von Maria Theresia eingeführte heimische Zahlenlotto (1-90) spielen wollten…

Und wäre das Spiel ohne die Sportwette? Nichts, denn auf den Sieg im Sport haben schon Griechen und Römer ihren Spargroschen gesetzt. Wagenrennen unterscheiden sich kaum von den gesellschaftlichen Gepflogenheiten auf modernen Rennbahnen. Trophäen und Darstellungen von tierischen und menschlichen Siegern begleiten die Ereignisse. Und untrennbar damit ist übrigens Toto verbunden, das wir den Engländern, die damit in den Goldenen Zwanzigern angefangen haben, verdanken.

Spiele und Akteure brauchen einen Veranstaltungsort, der zu verschiedenen Zeiten mehr oder minder öffentlich sein kann, oder ein Fest. Die Darstellungen hierzu sind beim genaueren Betrachten ein steter Quell des Genusses, denn in keiner anderen Lebenslage werden Menschen ausdrucksvoller zwischen Glück und Elend  mit Stichel, Feder und Pinsel eingefangen.

Das Werden der Spielbank in Baden-Baden und mechanisches Glücksspiel werden gegen Ende des Bandes analysiert. Falschspiel, Zocken im Internet, Spielsucht und rechtliche Aspekte runden ein ungemein spannendes Buch zu einem Thema ab, das niemand kalt lässt.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis wertet die inhaltlich gelungene und auch produktionstechnisch hochwertige Publikation, die weit über die Ausstellung hinaus Bestand haben wird, ab. 

Eindeutig nicht mit Tolstoi vergleichbar, der “Volles Risiko!” 1857 in Baden-Baden in sein Tagebuch schrieb und beim Spiel - zumindest an diesem Tag - alles verlor. Die an diesem Buch Beteiligten haben nicht nur auf eine Karte gesetzt und daher das große Los gezogen, denn sie haben eine herrliche kulturgeschichtliche Zusammenschau des Glücksspiels vorgelegt. Wunderbar geschrieben, anschaulich mit Bildern belegt und sie haben quer durch die Zeiten Spieler und ihre Spiele verfolgt. So müssen Kataloge sein, um Fachpublikum und interessierte Laien gleichermaßen zu erfreuen.

© S. Strohschneider-Laue

Volles Risiko!: Glücksspiel von der Antike bis heute

Ebensolch | AmazonStore

Adrian Frutiger Schriften

Montag, 08. Dezember 2008

Non-Fiction

Heidrun Osterer/Philipp Stamm/Schweizerische Stiftung Schrift und Typographie, Bern (Hgg.) 
Adrian Frutiger - Schriften
Das Gesamtwerk
Birkhäuser 2008, 462 S., 439 Farb- und 620 Sw-Abb.
ISBN 978 3 7643 8576 7

Adrian Frutiger - Schriften Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

Der in der Schweiz geborene Adrian Frutiger hat im Lauf seines Lebens über 50 Schriften entworfen. Internationale Bekanntheit erlangte er mit dem in den 50er-Jahren entstandenen Schriftkonzept Univers. Doch auch andere schöne und nützliche Schriften stammen von seiner Hand. Adrian Frutiger hat Standards gesetzt und am technischen Puls der Zeit mehr als einmal eine Vorreiterrolle gespielt. Seine Schriften zeichnen sich durch Klarheit, gute Lesbarkeit, Ausgewogenheit und den gleichmäßigen Rhythmus des Gesamtbildes aus. Funktionalität, nicht künstlerische Selbstverwirklichung steht im Mittelpunkt seines Schaffens. So sind Schriften von Adrian Frutiger auch dort zu finden, wo man sie nicht erwarten würde: Auf Einzahlungsscheinen oder Identitätskarten zum Beispiel. Mit der von Maschinen lesbaren OCR-B schuf er Mitte der 60er-Jahre eine Schrift, die trotz stringenter technischer Vorgaben mit einer ästhetischen Anmutung punktet. Neben den beliebten Schriften für den Satz von Büchern finden sich in Adrian Frutigers Werk Signalisationsbeschriftungen für Flughäfen und die Pariser Mètro ebenso wie für den visuellen Auftritt von Firmen entworfene Schriften und zahlreiche Logos.

Als Lehrender, Autor und Berater hat der namhafte Schriftgestalter von Beginn an sein Wissen weitergegeben. Auch das vorliegende Buch basiert zum Teil auf Interviews mit Adrian Frutiger. Die aus der Transkription der Gespräche entstandenen, in der Ich-Form geschriebenen Texte bilden den erzählerischen Rahmen der beeindruckenden Publikation. In der Tradition der “oral history” erinnert sich Adrian Frutiger an sein Berufsleben und erlaubt den LeserInnen einen Einblick in den Entstehungsprozess seiner Schriften - vom Auftrag über die technischen Anforderungen bis zum Marketing. Dabei nimmt er sich in chronologischer Reihenfolge jede Schrift einzeln vor, analysiert sie und nennt dabei zuweilen persönliche Vorlieben oder Abneigungen.

Dieser “Innensicht” von Adrian Frutiger ist die “Außensicht” der Herausgeber zur Seite gestellt. Sie bieten in ihren Texten vertiefende Informationen zu den Schriften, setzen diese in Beziehung zu historischem und technischem Umfeld und knüpfen Verbindungen zur Schriftgeschichte. Mustertext, Schriftvermaßung, Schriftenvergleich, Höhenvergleich und Alphabetvergleich der ursprünglichen Schriftform mit dem digitalen Font runden die einzelnen Schriftkapitel ab.

In die Abfolge der Schriftkapitel werden an chronologisch passender Stelle Seiten zu den Satztechniken eingeschoben. So werden technische Entwicklungen und die unterschiedlichen Anforderungen, die sie an die Schriftentwerfer stellten, für LeserInnen nachvollziehbar. Diese anschaulich illustrierten Abrisse zur Technikgeschichte umfassen Handsatz, Fotosatz Photon-Lumitype, Maschinensatz Einzelbuchstabenguss, Fotosatz Monophoto, Maschinensatz Zeilenguss, Optical Character Recognition OCR, Schreibsatz, Anreibesatz, Fotosatz Linofilm, Lichtsatz CRT, Lasersatz, Digitalsatz.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” ist ein übersichtlich gegliedertes Buch, das eine atemberaubende Informationsfülle benutzerfreundlich im Gewand feinster Buchgestaltung präsentiert. Viele Menschen waren an seiner Entstehung beteiligt. Der in der Einleitung der Publikation beschriebene, sich über mehr als 10 Jahre erstreckende Werdegang des Projektes legt davon beredtes Zeugnis ab. Heidrun Osterer, Philipp Stamm und ihrem Team ist mit “Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” durch ihr ausgefeiltes Buchkonzept, ihre akribische Recherche gepaart mit der Fähigkeit Fachwissen in leicht verständlichen Texten zu vermitteln und der Kunstfertigkeit, in den auf Diskussionen mit Adrian Frutiger basierenden Texten die Lebendigkeit eines Gespräches zu bewahren, ein bedeutender Beitrag zur typografischen Literatur gelungen.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” setzt dem großen Schriftgestalter ein Denkmal mit einzigartigem kultur- und technikgeschichtlichen Tiefgang. Es ist ein Nachschlagewerk das Fachpublikum und interessierte Laien gleichermaßen begeistern wird.

© Ch. Ranseder

Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

Ebensolch | AmazonStore

Georges Braque

Sonntag, 23. November 2008

Non-Fiction

Hgg. Ingried Brugger, Heike Eipeldauer, Caroline Messensee
Georges Braque
Hatje Cantz 2008, 248 S., 150 Abb.
ISBN 978 3 7757 2202 5

Georges Braque Georges Braque: Lyrik der Geometrie. Eine Retrospektive

Der Kubismus ist untrennbar mit Georges Braque und seinem Freund und Weggefährten Pablo Picasso verbunden. Zur Ausstellung “Gorges Braque” (14. November ‘08 bis 1. März ‘09) im BA-Kunstforum ist ein Katalog erschienen. Er ist die einzige lieferbare Monografie zu Leben und Werk des Franzosen Georges Braque, des Erneuerers der Kunst des 20. Jahrhunderts auf dem deutschen Buchmarkt.

In sieben Beiträgen und einem umfangreichen exzellent bebilderten Katalog setzen sich renommierte WissenschafterInnen mit Braques Werk auseinander.
Neil Cox nimmt sich der verpönten (Nicht-)Farbe Schwarz in seinem Beitrag “Dunkle Materie - Barques Schwarz” an.
Heike Eipeldauer spürt dem Sinnlich-haptischen unter dem Titel “Georges Braque und das Stillleben als Modell taktiler Nähe” nach.
Edith Futscher, deren Beitrag sich mit “Barque baroque: Die Stilleben der 1920er Jahre” beschäftigt, zeigt dessen Abkehr vom Kubismus auf.
Christopher Green beleuchtet in seinem Beitrag “Eine ‘entnationalisierte’ Landschaft?” Braques frühe kubistische Landschaften und die “nationalistische” Geografie
Caroline Messensee unterzieht Georges Braque unter dem Titel “Lyriker der Geometrie oder ein französischer Maler” einer genaueren Betrachtung.
Nicolas Surlapierre setzt unter dem Titel “‘Lyre sans borne des poussières’ oder eine literarische Biografie Georges Braques” verschiedene Texte in Beziehung zum Künstler.
Juliane Vogel geht mit “Zeitungsausschnitte - Wege kubistischer Fakten” dem nicht zufällig gewählten Material auf den Grund.

Ein spannender Abriss, der in einer gut sortierten Kunstbibliothek nicht fehlen sollte und KunstliebhaberInnen neue Facetten im Werk von Georges Braque - und das bei exzellenter Qualität zu moderatem Preis - aufzeigen wird.

© S. Strohschneider-Laue

Georges Braque: Lyrik der Geometrie. Eine Retrospektive

Ebensolch | AmazonStore

Unbekannter Hundertwasser

Sonntag, 23. November 2008

Notiz

Der unbekannte Hundertwasser
KunstHausWien

20. November ‘08 bis 15. März ‘09

FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, APA 373 Flugzeugdesign für BOEING B 757, CONDOR 1995, Modell 1:25 © 2008 Hundertwasser Archiv, Wien Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) war der Farbenmagier unter den Malern. Als Künstler beschränkte er sich nicht nur auf die Malerei, sondern war allumfassend künstlerisch tätig. Sein steter Kampf gegen die unnatürliche, gerade Linie und für natürliche, geschwungene Formen, kennzeichnet seine Arbeiten. Künstlerische Spuren von Friedensreich Hundertwasser finden sich von der Malerei über die Architektur über Gestaltung von großen Flugzeugen und kleine Briefmarken bis hin zum österreichischen Umweltzeichen. Die Ausstellung im Kunsthaus widmet sich all diesen Aspekten Hundertwassers.
Am 15. Dezember 2008 wäre Hundertwasser 80 Jahre alt geworden. Joram Harel, langjähriger Freund Hundertwassers und Leiter des KunstHausWien, nimmt diesen runden Geburtstag zum Anlass und zeigt nicht nur die Schaffensfülle des Künstlers, sondern auch die Anliegen des Künstlers als Ökologe und Kosmopolit. Dabei gelingt es ihm eine Ausstellung zu präsentieren, die mit einem Augenzwinkern alle BesucherInnen und nicht nur Hundertwasser-Fans in den Bann schlägt. Endlich zahlt es sich wieder einmal aus Bildbeschriftung genau zu lesen, denn in dieser Ausstellung beschränken sie sich nicht nur auf die obligaten Informationen wie Titel, Jahr und Inventarnummer. Abwechslungsreich und oft humorvoll werden Zusatzinformationen geboten, die man normalerweise in Ausstellungen nicht findet.
FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, 238 PEPSI, DER SOHN VON DOKTOR FREUND, St. Kanzian, 1955, Aquarell • 35 x 20 cm, © 2008 Hundertwasser Archiv, Wien Gelungen! Unbedingt anschauen, was auch dann - inklusive Hund - täglich ab 10:00 Uhr möglich ist, wenn andere Museen dem Feiertagsschlaf oder ihrem wöchentlichen Ruhetag frönen.

Non-Fiction

Joram Harel
Der unbekannte Hundertwasser
Prestel 2008, Dt./Engl. 296 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4129 0

Der unbekannte Hundertwasser Der unbekannte Hundertwasser 

Wer keine Chance hat, die Ausstellung zu besuchen oder sich von der Ausstellung nicht trennen möchte, kann sich mit dem in allen Bereichen hochqualitativen zweisprachigen Begleitkatalog trösten. Das Vorwort stellt Franz Patay, Leiter des KunstHausWien, bei. Robert Fleck widmet sich in seinem Beitrag der malerischen Aktualität Hundertwassers. Joram Harel greift den 80. Geburtstag des verstorbenen Freundes und Künstlers auf, beleuchtet den Maler als Architekt und schließt seinen Beitragsreigen mit “Hundertwasser lebt”. Ansonsten kommt ausschließlich Hundertwasser selbst zu Wort und vor allem zu Werk. Eine Augenpracht und ein Leseschmaus, zu gleichen Teilen den man nicht nur als Kunstfan nicht verpassen sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe zu Friedensreich Hundertwasser:
Der unbekannte Hundertwasser
Träume ernten - Hundertwasser für Kinder

Notiz

Symposium Hundertwasser im NHM 11. bis 13. Dezember ‘08, Eintritt frei, Anmeldung erforderlich!

Ebensolch | AmazonStore

Geschmacksache

Dienstag, 21. Oktober 2008

Notiz

Geschmacksache ist Geschmacksache
Was Essen zum Genuss macht - Technisches Museum Wien
22. Oktober ‘08 - 21. Juni ‘09

Kaffeemaschine Copyright TMW “Essen hält Leib und Seele zusammen” ist in überfütterten Industrienationen schon lange kein Thema mehr. Hier gehört sowohl Essen als auch essen zum Lifestyle. Kochen ist längst salonfähig geworden. Und das Einkochen - pardon - Bekochen von Konsumenten zieht sich erfolgreich durch alle Medien. Also, wenn es keine Kochshows gäbe, wären einige TV-Sender aufgrund mangelnder Einschaltquoten und daher fehlender Werbeschaltungen vermutlich schon pleite. Mit anderen Worten: E/essen ist weit mehr als die Befriedigung des Grundbedürfnisses nach Sättigung durch Nahrungsaufnahme. Diese Grundidee griff auch das Team des TMW auf und ging der Frage nach, was das Haus zum Thema “Geschmacksache” und Nahrungsmittelproduktion zu bieten hat.

Ausschnitt Molkereimodell Copyright TMW Gleich fünf Rohstoffe - Getreide, Milch, Fleisch, Kaffee, und Kakao - werden aufgegriffen. Anhand von Geräten und Verarbeitungstechniken wird aufgezeigt wie aus diesen Rohstoffen Endprodukte mit typischen Eigenschaften und Geschmacksrichtungen werden. Das TMW konnte hierzu erstaunliche Objekte aus dem Depotschlaf wecken und frisch aufpoliert ausstellen. Darunter erweist sich das Modell der Wiener Molkerei (1906/07), das die ganze Betriebsanlage zeigt, als besonders eindrucksvoll. Natürlich gibt es auch unzählige unbekannte, weniger bekannte oder längst wieder in Vergessenheit geratene Spezialgeräte zu bestaunen. Die mehr oder minder vertrauten Haushaltsobjekte belegen, welche technische Vielfalt bei der Zubereitung von Essen zum Einsatz kam und immer noch kommt.

Kaffeeschale 1837 Copyright TMW Trotzdem täuschen die stimmigen Inszenierungen der einzelnen Themenkreise, die Menge, die Vielfalt und die Qualität der Objekte leider nicht darüber hinweg, dass dem Ausstellungskonzept Grundlegendes zum Haubenmenü fehlt. Und wenn das unglaublich engagierte Vermittlungsprogramm nicht wäre, nicht einmal ein schaler Nachgeschmack von der “Geschmacksache” bliebe. Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen. Ein einziges der fünf Rohprodukt in seiner Gesamtheit zu präsentieren, in seinem naturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Kontext zu betrachten und die technische Aspekte der Auf- und Zubereitung zu zeigen bzw. begreifbar zu machen, hätte einen echten Mehrwert bedeutet. Auch eine Trennung zwischen heimischen Grundnahrungsmitteln und importierten Genussmitteln wäre denkbar gewesen. So zieht der Individualbesucher aus einer Fülle von Objekten nur minimalistische Information.  Und nur jene, die das umfangreiche Veranstaltungsprogramm nutzen werden, werden sehr viel nachhaltigen Geschmack an der “Geschmacksache” finden.

Den gleichnamigen Begleitkatalog (Geschmacksache. Was Essen zum Genuss macht. 200 S. ISBN 978 3 902183 16 3) sollte man sich unbedingt gönnen. Er erweist sich zusätzlich zur und auch unabhängig von der Ausstellung als reichhaltiges Buffet mit großer Auswahl an interessanten und schmackhaft zubereiteten Häppchen. Die Beiträge greifen das Thema auf, vertiefen es breit gefächert. Im Katalogteil werden Kostproben aus der Ausstellung mit Kurzabrissen zu den Nahrungsmitteln und ausgewählten Objekten geboten. Grafisch mit ausreichend Weißraum gestaltet, erweist der Katalog sich auch als optischer Genuss und ist mit € 29,80 - natürlich auch gemessen am gebotenen Inhalt - eine ebenso erschwingliche wie attraktive Anschaffung mit Nachhaltigkeitseffekt.

© S. Strohschneider-Laue

Veranstaltungsprogramm

SCHMECK’S! Ein musikalisch-kulinarischer Abend, 22. Oktober. ‘08, 19:00 Uhr, Eintritt: € 18,- Ermäßigte Karten in jeder Bank Austria, unter www.clubticket.at oder Tel. 01/249 24 und für Ö1 Club, Kurier Club, Euro<26 an der Abendkassa, Kartenreservierungen: Tel. 01/ 416 23 66, weanhean@wvlw.at

Von Kakaokühen und Rülpsbakterien 19. November ‘08, 10:00 bis 12:00 Uhr, Nur für Schulgruppen (8 bis 12 Jahre, max. 30 TeilnehmerInnen). Anmeldung unter www.lesefestwoche.at

Die faszinierende Aromawelt der Schokolade 20. November ‘08; 15. Dezember ‘08; 22. Januar ‘09; 26. März ‘09. Anmeldung erforderlich: www.chocolateloversclub.at  oder office@chocolateloversclub.at

Novelli’s Kochwerkstatt 2. Dezember ‘08; 12. Februar ‘09; 19. März ‘09; 29. April 09; 19. Mai ‘09. Kosten € 140,- pro Person (inkl. Eintritt, Führung, 1 Glas Champagner, Kochkurs, dreigängiges Menü und Novelli-Kochschürze) Mindestteilnehmerzahl 10 Personen, maximal 15 Personen pro Kurs. Anmeldung erforderlich: novelli@haslauer.at

Rosa Fasching Von 11:00 bis 17:00 Uhr finden im Museum süße Aktionen rund um Schokolade und ihre Verarbeitung statt. Der Eintritt ist an diesem Tag für alle, die rosa verkleidet ins Museum kommen, frei! 21. Februar ‘09

Die wunderbare Welt der sinnlichen Wahrnehmung von Lebensmitteln Vortrag von Klaus Dürrschmid, Universität für Bodenkultur, 20. Januar ‘08, 19:00 Uhr

Gute Keime für wohlschmeckende und sichere Produkte Vortrag von Wolfgang Kneifel und Konrad Domig, Universität für Bodenkultur, 24. März ‘08, 19:00 Uhr

Neue Verfahren und Techniken in der Lebensmittelproduktion Vortrag von Emmerich Berghofer, Universität für Bodenkultur, 12. Mai’ 08, 19:00 Uhr

Ebensolch | AmazonStore
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

Impressionistinnen

Mittwoch, 11. Juni 2008

eb_000_011.gif

Ingrid Pfeiffer, Max Hollein (Hg.) 
Impressionistinnen
Hatje Cantz 2008, 320 S. 305 Abb., davon 274 farbig
ISBN 978 3 7757 2078 6

Impressionistinnen Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond

Eine pausbäckige junge Frau blickt auf ihr Schoßhündchen und krault ihm den Hals. Die Darstellung des Hundes ist beinahe eine Karikatur. Zwei Knopfaugen lugen aus dem zotteligen mit kräftigen, langen Pinselstrichen wiedergegebenen Fell hervor. Die knubbelige Nase ist leicht gerötet und das Maul wird nur mit einem kurzen braunen Strich angedeutet. Der Körper des Hundes bleibt konturlos. Sein Hinterteil verblasst ins Nichts. Und dennoch möchte man lachen, so gut hat die Malerin den Charakter des kleinen Köters eingefangen.

Berthe Morisot gelingt es in dem 1887 entstandenen Gemälde “Mädchen mit Hund” bravourös die Essenz der Dargestellten und den Zauber des Augenblicks mit wenigen dynamischen Pinselstrichen einzufangen. Berthe Morisot (1841-1895) zählt gemeinsam mit ihren Zeitgenossinnen Mary Cassatt (1845-1926), Eva Gonzalés (1847-1883) und Marie Bracquemond (1840-1916) zu jenen Frauen, denen es im 19. Jahrhundert gelang, sich in der von Männern dominierten Kunstszene als Malerinnen einen Namen zu machen. Als angesehene Vertreterinnen des Impressionismus waren sie zu Lebzeiten durchaus erfolgreich. Doch Kunstgeschichte wurde jahrzehntelang von Männern geschrieben, die wenig von den Leistungen der Frauen hielten. Sie marginalisierten Künstlerinnen und gaben ihre Werke dem Vergessen preis. Zum Umschwung kam es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt Dank der feministischen Forschung. Dennoch ist der Prozess Künstlerinnen wieder sichtbar zu machen und ihnen den gebührenden Platz sowohl in der Kunstgeschichtsschreibung als auch in der öffentlichern Wahrnehmung einzuräumen, noch lange nicht abgeschlossen. Ausstellungen wie die kürzlich in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu Ende gegangene Schau “Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalés, Marie Bracquemond” erfreuen daher ganz besonders. Viele wichtige Beiträge zur Kunstgeschichte sind Ausstellungsprojekten zu verdanken. Die aus der Präsentation der vier Künstlerinnen des Impressionismus in der Schirn Kunsthalle hervorgegangene Begleitpublikation “Impressionistinnen” ist einer von ihnen.

Dass Ausstellungskataloge mit reichhaltigem, technisch hervorragend wiedergegebenem Bildmaterial aufwarten und die Exponate möglichst umfassend präsentieren, ist mittlerweile nichts Neues. Was das Buch “Impressionistinnen” in das Spitzenfeld der Kunstbuchproduktion katapultiert, ist die außergewöhnliche Qualität der Textbeiträge. Die Autorinnen und Autoren haben eine ganzheitliche Herangehensweise an Leben und Werk der vier Künstlerinnen gewählt. Sie verweben Biographie, Werkanalyse, Kunst- und Sozialgeschichte zu facettenreichen, wissenschaftlich fundierten Essays, die inhaltliche Tiefe mit exzellenter Lesbarkeit vereinen.

Ingrid Pfeiffer macht in “Der Impressionismus ist weiblich - Zur Rezeptionsgeschichte von Morisot, Cassatt, Gonzalés und Bracquemond” mit den vier Künstlerinnen bekannt. Sie analysiert wie die Arbeiten der vier Frauen im Rahmen des Impressionismus von zeitgenössischen Kritikern wahrgenommen wurden und welche Bewertungen sie durch nachfolgende Generationen von Kunsthistorikern erfuhren.

Linda Nochlin nimmt sich in “Morisots Amme - Arbeit und Freizeit in der impressionistischen Malerei” der Motivwahl der Malerinnen und ihrer männlichen Kollegen an.
Sylvie Patry widmet sich in “‘Etwas festhalten von dem, was vorüberzieht’ - Berthe Morisot und der Impressionismus” Morisots Arbeitsweise, ihrer Themenwahl sowie Kompositions- und Maltechnik.
Hugues Wilhelm leitet mit “Sieben unveröffentlich Briefe von Mary Cassatt an Berthe Morisot und deren Tochter Julie Manet” zu dem Mary Cassatt gewidmeten Themenblock über.
Griselda Pollock analysiert in “Mary Cassatt - Berührung und Blick oder Impressionismus für denkende Menschen” die Bildsprache der amerikanischen Malerin, die eine Meisterin der Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen war.
Pamela A. Ivinsky zeigt in “‘Mit einer festen und kräftigen Hand’ - Mary Cassatts Techniken und Fragen des Geschlechts” wie sich Cassett im Lauf ihrer künstlerischen Entwicklung die unterschiedlichsten Techniken zu Eigen machte und welche Reaktionen sie dabei bei den Betrachtern ihrer Arbeiten erzielte.
Marie-Caroline Sainsaulieu vergleicht in “Eva Gonzalés und Henri Toulouse-Lautrec - Das expressive Rot” wie Gonzalés und Toulouse-Lautrec die Farbe Rot in ihren Bildern einsetzten.
Jean-Paul Bouillon verfolgt in “Marie Bracquemond - Die Dame mit dem Sonnenschirm” den Verlauf der kurzen Karriere der vielseitigen Künstlerin, die im Salon und bei den Impressionistenausstellungen reüssierte und dennoch ihre Tätigkeit auf Drängen ihres Ehemanns aufgab.
Anna Havemann führt in “Vorwärts marsch - Der Kampf der Künstlerinnen um berufliche Anerkennung in der Kunstwelt des 19. Jahrhunderts” vor Augen mit welchen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sich Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts konfrontiert sahen. Von historischen Fotografien begleitete Lebensläufe der Künstlerinnen runden das gelungene Buch ab.

Die Arbeiten von Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalés, Marie Bracquemond können von 21. Juni bis 21. September 2008 noch im Fine Arts Museum of San Francisco bewundert werden.

© Ch. Ranseder

Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond

Ebensolch | AmazonStore

Bertha Buch | Amazon(e)

Stilllebenmalerei

Donnerstag, 17. April 2008

eb_000_011.gif

Jochen Sander (Hg.)
Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500-1800
Texte von Julie Berger Hochstrasser, Gerhard Bott, Ursula Härting, Stephan Kemperdick, Magdalena Kraemer-Noble, Heidrun Ludwig, Fred G. Meijer, Jochen Sander, Sam Segal
Hatje Cantz 2008, 368 S. 246 Farbabb.
ISBN 978 3 7757 2206 3

Stilllebenmalerei Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500 - 1800

Die Mahlzeit ist vorbei. Ein weißes Tuch liegt zerknüllt über der verrutschten Tischdecke. Die silberne Konfektschale ist leer und umgestürzt. Von einer Speise sind zwei Garnelen übrig geblieben. An der prächtigen Pastete jedoch wurde nur ein wenig genascht, der Löffel liegt noch daneben. Die kostbaren Gläser sind halbvoll und die Schale einer gerade geschälten Zitrone kringelt sich dynamisch auf der Tischplatte. Makellos und prall verlocken Kirschen, Trauben und eine Orange zu baldigem Konsum. Das von Jan Davidsz. de Heem 1651 gemalte Prunkstillleben vereint mit größter Eleganz die Lebensmitteln innewohnende Sinnlichkeit mit zur Schau gestelltem Reichtum und demonstrativem Konsum. Obwohl die menschlichen Darsteller fehlen, erzählt das Bild eine Geschichte. Man muss sie nur (er)finden. Die Raffinesse der malerischen Wiedergabe unterschiedlicher Oberflächentexturen und die dramatische Überhöhung des Arrangements durch das Spiel von Licht und Schatten faszinieren ohnedies und laden zum Verweilen ein. Es ist - wie es der trefflich formulierte Titel von Buch und gleichnamiger Ausstellung so schön auf den Punkt bringt - die “Magie der Dinge”, die das Auge fesselt und den Geist verführt.

Mit dem Betrachten von Stillleben geht eine Entschleunigung einher, die im heutigen Alltag gut tut. Nehmen Sie sich Zeit für die Lektüre von “Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500-1800″. Es gibt auf den rund 100 Gemälden aus den Beständen von Städel Museum (Frankfurt am Main), Kunstmuseum Basel und Hessischem Landesmuseum Darmstadt viel zu entdecken. Anspielungen auf die Bedeutungslosigkeit irdischer Dinge und die Vergänglichkeit des Lebens wollen ebenso entschlüsselt werden wie Huldigungen an die Freuden der Sinne und des Fleisches. Selbst dem Stolz und der Prahlerei reicher Auftraggeber, die ihr kostbares Tischgeschirr oder ihr Jagdprivileg im Bild dokumentieren wollten, wird in den Stillleben Stil und Charme verliehen. Krabbeltiere eilen durch die Bilder, Schmetterlinge flattern fröhlich und Schnecken beäugen begehrlich frisches Obst und Gemüse. Alles wird in Stillleben möglich: Mit Früchten beladene Zweige trotzen der Schwerkraft, Frühlings- und Herbstblumen formen Seite an Seite unglaubliche Sträuße und sogar die schlaffen Körper toter Hasen und Fische wirken noch irgendwie attraktiv. Bei gleichbleibender Virtuosität reicht das Spektrum der Darstellungsweisen von beinahe minimalistisch bis zu atemberaubend opulent, von edel monochrom bis zu fröhlich bunt und von deskriptiver Feinmalerei bis zu illusionistisch-lockerer Pinselführung.

Natürlich bleibt es bei der “Magie der Dinge” nicht beim Augenschmaus allein. Die Autoren des Buches führen in zehn Kapiteln im Zeitraffer durch die ersten 300 Jahre der Geschichte des Stilllebens. Von seinen bescheidenen Anfängen als Arrangement in Tafelbildern mit religiösem Inhalt über die Emanzipation als eigene Gattung der Malerei um 1600 bis zu den neuen Wegen, welche die Stilllebenmaler des 18. Jahrhunderts einschlugen, spannt sich der thematische Bogen.

Vanitas- und Bankettstillleben, Prunkstillleben, Fischstillleben, Jagdstillleben, Kartuschen- und Nischenbilder, Waldbodenstücke - die Wiedergabe der unbeweglichen Sachen fand viele Ausprägungen. Den beiden wunderbaren Künstlern Jan Davidsz. de Heem und Willem van Aelst sowie ihrem jeweiligen Kreis sind eigene Kapitel gewidmet. Zu zahlreich sind die in dem berückend schönem Buch vertretenen MalerInnen, um sie alle zu nennen. Stellvertretend seien deshalb nur Georg Flegel, Sebastian Stoskopff, Peter Binoit, Jacob Marrel, Abraham Mignon und Jean Siméon Chardin erwähnt. Ausführliche Katalogtexte erläutern jedes der großformatig wiedergegebenen Gemälde. Aus vielen der Stillleben werden zusätzlich besonders attraktive Detailausschnitte herausgegriffen und in größerem Maßstab seiten- bzw. doppelseitenfüllend zur näheren Betrachtung präsentiert.

Wer nach dem Genuss des - grafisch sehr ansprechend gestalteten - Buches die Gemälde nun auch im Original sehen möchte, hat dazu vom 20. März bis 17. August ‘08 im Städel Museum, und von 5. September ‘08 bis 4. Januar ‘09 im Kunstmuseum Basel, die Gelegenheit.

© Ch. Ranseder

Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500 - 1800

Ebensolch | AmazonStore

Oskar Kokoschka

Donnerstag, 17. April 2008

eb_000_011.gif

Kokoschka - Spätwerk

Oskar Kokoschka (1886-1980) steht im Mittelpunkt von drei Ausstellungen in Wien und Linz. Während die Ausstellung “Oskar Kokoschka. Träumender Knabe - Enfant terrible” (24. Januar bis 12. Mai ‘08) im Unteren Belvedere sich des Frühwerks annimmt, widmet sich die Albertina unter dem Titel “Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980” vom 11. April bis 13. Juli ‘08 dem Spätwerk des Künstlers. “Oskar Kokoschka - Ein Vagabund in Linz. Wild, verfemt, gefeiert” wird von 31. Mai bis 5. Oktober ‘08 den Reigen um den Künstler im Lentos abrunden.

Oskar Kokoschka, © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008 Oskar Kokoschka, Helft den baskischen Kindern!, 1937, Farblithografie. Kunstgewerbemuseum, Prag
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008, © Foto: Ondrej Kocourek, Prag

Während das Frühwerk Kokoschkas sich unter anderem durch Selbstbetrachtung auszeichnet, richtet sich Kokoschkas kritischer Blick ab 1934 - auch im Zuge seiner Emigration nach Prag - nach außen und somit auch auf die politischen Entwicklungen seiner Zeit. Deutlich werden daher in der Spätwerk-Ausstellung der Albertina diese inhaltlich essentiellen Unterschiede zu Arbeiten des jungen Künstlers aufgezeigt.

Oskar Kokoschka, © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008 Oskar Kokoschka, Prag, Karlsbrücke, 1934, Öl auf Leinwand. Národní Galerie, Prag
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008

Die bewegte und unstete Lebensweise des Künstlers zieht sich als roter Faden durch die übersichtlich geliederte Präsentation. Prag, (1934-1938), Londoner Exil (1938-1945), der poltische Kokoschka, Reisen von England aus (1945-1953), Kokoschka und Österreich, Salzburg und die “Schule des Sehens”, Villeneuve (1953), Städtebilder (1953-1967), Theater und Literatur: Mythen der Menschheit, die letzten Bilder (1970-1980) geben dem vielschichtigen Spätwerk chronologische und inhaltliche Struktur.

Oskar Kokoschka, © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008 Oskar Kokoschka, Time, Gentlemen please, 1970/1972, Öl auf Leinwand, Tate, London
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008

Der perfekt von der Albertina inszenierte Überblick zum zweiten Lebensabschnitt und Alterstil Oskar Kokoschkas endet bezugnehmend auf seine eigene Zukunftsperspektive passend und nachdenklich stimmend mit dem Werk “Time, Gentlemen please”.

Non-Fiction

Antonia Hörschelmann (Hg.)
Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980
Hatja Cantz 2008, 328 S. 320 Sw- und Farbbb.
ISBN 978 3 7757 2155 4

Kokoschka Exil Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980 

Zur Ausstellung erscheint der ebenso umfangreicher wie detailliert ausgarbeiteter Katalog. Das über 300 starke Begeleitwerk zur Ausstellung in der Albertina  (11. April bis 13. Juli ‘08) bietet einen detaillierten Überblick über das Spätwerk mit Essays namhafter Kokoschka-SpezialistInnen.
Artur Rosenauer setzt sich mit dem Alterstil auseinander, während  Werner Hofman die politische Kunst einer näheren Betrachtung unterzieht. Edwin Lachnit analysiert die Städtebilder ab 1934.  Katharina Ehrling nimmt sich der Figurenbilder des letzten Jahrzehnts an. Gunhild Bauer stellt die Skizzenbücher in den Mittelpunkt und legt die Biografie vor. Heinz Spielmann und Antonia Hörschelmann liefern einen minutiös kommentierten Katalogteil begleitet von überragender Bildqualität.
Definitiv bieten Ausstellung und Katalog eine Werkschau und -analyse vom Feinsten.

© S. Strohschneider-Laue

Ebensolch | AmazonStore

Kunsthistorisches Museum Wien

Sonntag, 13. April 2008

eb_000_011.gif

Das Kunsthistorische Museum in Wien
Prestel 2007, 239 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7913 3603 9

Kunsthistorisches Museum Wien Das Kunsthistorische Museum Wien

Wien-Touristen werden kaum auf den Besuch des Kunsthistorischen Museum verzichten; denn der imposante Museumsbau beherbergt die kaiserliche Sammlung. Das 1891 eröffnete Museum präsentiert dem Publikum die Ägyptisch-Orientalische Sammlung, Antikensammlung, Gemäldegalerie und das Münzkabinett. Die Kunstkammer ist seit 2002 leider nicht öffentlich zugänglich, wird aber mit wichtigen Stücken in dieser Publikation berücksichtigt.
Die Vielfalt der Sammlungen sowie die große Fülle an Ausstellungstücken bedarf einer guten Vorbereitung. Und genau dafür ist dieser Museumsführer hervorragend geeignet. Der Band beginnt mit der Baugeschichte des Hauses, die im Zusammenhang mit dem gegenüberliegenden Zwillingsbau des Naturhistorischen Museums zu betrachten ist. So interessant die Exponate sind, der Bau selbst verdient auch einige Aufmerksamkeit; denn er weist etliche Besonderheiten auf. Ein genauer Blick auf Haus und Räumlichkeiten lohnt sich und wird gleich im ersten Kapitel spannend vorgestellt. Das Architekturkonzept reicht von allegorischen Darstellungen auf der Fassade über Fresken von Makart und Klimt bis zum Einbau von antiken ägyptischen Orignalsäulen (in tragender Funktion!) im Bereich der heutigen Ägyptisch-Orientalischen Sammlung.
Nicht immer glücklich formuliert so doch fachlich korrekt, wird jede Sammlung des Hauses mit seinem Aufbau, Bestand und wichtigen Stücken von namhaften WissenschafterInnen des Kunsthistorischen Museums vorgestellt. Ein genial-präziser Überblick in bestechender Optik, der trotz seiner stattlichen Informationsülle ein handliches und strapazfähiges Format bewahrt hat. Ein unverzichtbares Buch für Kulturreisende die Wien ansteuern und Einheimische die bisher dachten, dass sie alles über das Kunsthistorische Museum wüssten.
© S. Strohschneider-Laue

Arcimboldo. 1526-1593
Die Entdeckung der Natur: Naturalien in den Kunstkammern des 16. und 17. Jahrhunderts
Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums Wien: Bd 8/9

Ebensolch | AmazonStore

Lichtdesign

Freitag, 11. April 2008

eb_000_011.gif

Andreas Schulz (Hg.)
Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur
avedition 2007, Dt./Engl, Broschur mit Klappen im Schuber, 176 S., 332 farbige Abb. und Pläne
ISBN 978 3 89986 057 3

Lichtdesign Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architekten

Welch wunderbare, perfekt funktionierende Ergebnisse der Einsatz professioneller Lichtgestalter zeitigen kann, zeigt die neueste Publikation des Büros Licht Kunst Licht. Um keine falschen Erwartungen zu wecken: Es geht in diesem Buch weder um eventgebundene Lichtspektakel noch um selbstverliebte (Licht)Kunst am Bau. Die Ingenieure, Designer und Architekten von Licht Kunst Licht entwickeln für die ihnen anvertrauten Bauwerke maßgeschneiderte, dauerhafte Lichtlösungen auf höchstem Niveau. Ihre Entwürfe gewährleisten einerseits die optimale Lichtversorgung der in den Gebäuden arbeitenden Menschen, andererseits kleiden sie die Architektur in ein attraktives nächtliches Lichtgewand fernab jeder Effekthascherei. Soviel wird schon beim ersten Durchblättern des Buches “Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur” klar. Die hervorragenden, großformatigen Fotografien vermitteln den Eindruck eines diskreten, sich sensibel mit dem jeweiligen Ort auseinandersetzenden Lichtdesigns, das ganz im Dienst der Sache steht. Acht, zwischen 2001 und 2006 fertig gestellte, Projekte werden in dem gleichermaßen prächtigen wie wohldurchdachten Bildband präsentiert. Aus der staatlichen Sphäre sind es der Plenarsaal des Bayerischen Landtags (München) sowie zwei Parlamentsbauten im Berliner Regierungsviertel, das Paul-Löbe-Haus und das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Aus dem kulturellen Umfeld sind das RuhrMuseum in der ehemaligen Kohlenwäsche Zollverein (Essen) und die Helmut Newton Foundation (Berlin) vertreten. Der Welt der Wirtschaft zuzurechnen sind ein Bürogebäude am Novartis Campus (Basel), der Uniqua Tower (Wien) und die Galeria Kaufhof Alexanderplatz (Berlin). Unterschiedlicher könnte die Architektur nicht sein. Jedes Gebäude und jede Nutzung desselben stellte die Lichtplaner vor neue Herausforderungen. So gut die fotografische Bilddokumentation auch ist, erst der begleitenden Text hilft das Ausmaß der jeweiligen technischen und gestalterischen Leistung zu verstehen. Übersichtlich gegliedert werden in deutscher und englischer Sprache historische Vorgeschichte von Gebäude und Umfeld, bauliche Rahmenbedingungen, Aufgabenstellung, Entwurf und angestrebte Lichtwirkung sowie Grundzüge der technischen Umsetzung dargelegt. Ergänzend führen Grund- und Aufrisse, Längs- und Querschnitte Dimension und Komplexität der zu beleuchtenden Architektur vor Augen. Konstruktionszeichnungen einzelner Leuchten vermitteln technische Details.

Als Abschluss des Buches sind ein Verzeichnis der Projekte des Planungsbüros Licht Kunst Licht sowie eine Liste der erhaltenen Auszeichnungen zu finden.

Ebenso maßgeschneidert wie das Lichtdesign des Planungsbüros Licht Kunst Licht ist die grafische Gestaltung des Buches “Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur”. Aus dessen Cover wurden 144 kleine Quadrate ausgestanzt, sodass das verbleibende Gitter unterschiedliche, von Lichteinfall und Papierkrümmung bestimmte Schatten auf die eingeschlagene Klappe des Umschlags wirft. So wird schon als Auftakt der Beschäftigung mit dem Buch subtil auf die Wirkung von Licht hingewiesen. Ganz abgesehen von diesem didaktischen Erfolg, macht es einfach verdammt viel Spaß mit dem Einband zu spielen! Doch noch auf einer anderen Ebene wirkt die edle Publikation bewusstseinsbildend. Tätigkeits- und Aufgabenfeld von Lichtplanern werden so anschaulich dargestellt, dass nicht nur potentielle Auftraggeber sondern auch junge Menschen, die sich auf der Suche nach einem Beruf befinden, von der Lektüre profitieren werden. “Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architektur” ist somit eine Werkdokumentation mit Mehrwert - wie erfrischend!

© Ch. Ranseder 23. Oktober 2007

Licht Kunst Licht 2. Lichtdesign für Architekten

Ebensolch | AmazonStore

Eiszeit

Freitag, 11. April 2008

Notiz

Die Eiszeit ist heiß
Mammut, Mensch & Co.
9. März 2008 bis 15. Februar 2009

Eiszeitjäger ©  S. Strohschneider-Laue

Es ist das Venusjahr. Vor 100 Jahren, am 8.8.1908 wurde die Altsteinzeitlerin “Venus von Willendorf” in der Wachau entdeckt. Erst 80 Jahre später bekam die dralle Niederösterreicherin weitere menschengestaltige Gesellschaft. Im September 1988 wurde bedeutend schlankere “Fanny vom Galgenberg” ausgegraben. Ihren Spitznamen erhielt sie aufgrund ihrer tänzerisch anmutenden Körperhaltung und in Erinnerung an die österreichische Tänzerin Fanny Elßler (1810-1884). Beide werden in der Eiszeit-Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich gezeigt. Allerdings nicht gleichzeitig.

Tanzende Fanny ©  S. Strohschneider-Laue Fanny, mit ihren rund 32.000 Jahren die ältere von beiden, hat ihren Auftritt von 8. März bis 17. Mai. Die Willendorferin, bekannter aber mit “nur” rund 25.000 Jahren die jüngere, ist von 17. Mai bis 8. August in St. Pölten zu Gast.

Die Ausstellung bietet viel mehr als die beiden “alten Damen”. Thematisiert wird die Steinzeit in der Eiszeit. gemeint ist die letzte große Eiszeit (Würm), die zwischen 120.000 und 10.000 Jahren das Klima bestimmte. Die Landschaft erhielt ihren letzten Gletscherschliff. Täler entstanden, Flüsse lagerten Schotter ab und Unmengen von Lösstaub wurde von den Winden verweht. Langsam aber stetig bekam die Landschaft ihr heutiges Aussehen auch wenn damals weite Teile Europas unter einer bis zu 3000 m mächtigen Eisschicht begraben lagen. Obwohl schon lange vorn der unglaublichen Eislast befreit ist Skandinavien noch immer damit beschäftigt, sich wieder “aufzurichten” und hebt sich im Jahr immerhin noch um rund 10 mm. Klingt wenig, aber Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist und so sind es seither doch schon beachtliche 800 m, die die Landmasse aufgestiegen ist.

In den eisfreien Gebieten blühte während unwirtlich klingenden Klimaperiode das Leben. Allerdings schaute die Tier- und Pflanzenwelt ein wenig anderes als heute in unseren Breiten aus. Etliche Tiere sind mit Ende der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren ausgestorben (Mammut, Wollhaarnashorn, Säbelkatzen, Höhlenbären und -hyänen) andere leben noch heute in klimatisch vergleichbaren Rückzugsgebieten. Für unseren Raum seien stellvertretend Steinbock oder Murmel im alpinen Gebieten genannt oder Rentiere und Lemminge für den hohen Norden. Für die Menschheit vollzog sich während dieser Epoche der Menschheitsgeschichte ein weiterer wichtiger Schritt.Der Neandertaler verlässt die Bühne und der moderen Mensch betritt sie.

Mammut ©  S. Strohschneider-Laue Und wo betreten die modernen Ausstellungsbesucher die Bühne? Sie werden am Eingang zur Sonderausstellung von einem lebensgroßen Mammut begrüßt, dem man gerne verzeiht, dass es nur aus einer vorderen Hälfte besteht. Es ist deswegen nicht weniger beeindruckend.

Mammut ©  S. Strohschneider-LaueUnd seine Rückseite wird stimmig auf den heutigen skelettierten Fundzustand gebracht.Von dort wird man entlang einer Zeitleiste, die mit wichtigen Funden und erläuternden Texten kombiniert ist, in die Ausstellung begleitet.

Przewalski Pferd ©  S. Strohschneider-Laue Wichtige tierische Vertreter dieser Klimaperiode werden als Konturschnitte mit eingepassten Originalfunden vor stimmigen Landschaftshängern gezeigt.

Der gesamte Sonderausstellungsraum wird einerseits als eiszeitliches Lager und anderseits als archäologischer Fund und Befund präsentiert. Eiszeitliche Jäger und Sammler gehen ihren Beschäftigungen beim Feuer, vor dem Zelt oder bei Jagd und Lederverarbeitung nach. Anschaulich und kein bisschen trivial fügen sich die auf Acryl lebensgroß aufgebrachten Reanactment-Fotos ein. Übrigens durchwegs an der Ausstellung beteiligte Personen, u. a. sind die drei Kuratoren stilecht zu Eiszeitlern mutiert. Erfreulich ist, dass die für Laien bei herkömmlicher Präsentation etwas unspektakulär anmutenden Funde, harmonisch in die Inszenierungen eingebracht werden und somit in einem leicht nachvollziehbaren Sinnzusammenhang gebracht werden.

Bergwiese ©  S. Strohschneider-Laue Und über alles menschliche Treiben schweift von der “Bergwiese” der kritische Blick tierischer Eiszeitler.

Grabungssimulation ©  S. Strohschneider-Laue Die zahlreichen jungen Besucher erhalten tolles Zusatzangebot. Ein großer Raum steht für die Vermittlung zur Verfügung und zusätzlich ein eigener Raum für Grabungssimulationen. Ein großes Profil zeigt leicht fassbar die Schichtabfolgen bis zur Gegenwart. Manches wirkt alelrdings inhaltlich befremdlich.Insbesondere das Venusvoting, bei dem anscheinend Geldstücke eingeworfen werden können, wirkt in jeder Hinsicht ziemlich fragwürdig. Interpretation ist schließlich kein Mehrheitsentscheid und fraglich bleibt auch, ob die Kinder gar eigenes ihr Geld dafür hergeben sollen. Aber vielleicht bzw. hoffentlich ist die personale Vermittlung besser als der inhaltlich Eindruck, der beim Betrachten erweckt wird.

Den Kuratoren der Ausstellung - Thomas Einwögerer, Erich Steiner und Christian Dietrich - ist es in einem gelungenen Ausstellungskonzept Umweltfaktoren und frühe menschliche Kultur miteinander zu verbinden. Für die geniale Ausstellungsarchitektur zeichnet Doris Prenn mit prenn_punkt - buero fuer kommunikation und gestaltung verantwortlich. Ihr ist es glaubwürdig und mit großerer erzählerischer Kraft gelungen die wärmeren Abschnitte der Eiszeit in satten Grüntönen zum Leben zu erwecken.

Diese Ausstellung ist definitiv ein Muss im Laufe des Jahres und wesentlich besser als die überbeworbene Tutanchamun-Ausstellung. Mal ganz abgesehen davon, dass hier das Preis-Leistungs-Verhältnis wirklich fantastisch ist und ein Kombiticket (Landesmuseum, Schallaburg, Kunsthalle Krems) sowieso eine kluge Entscheidung.

Non Fiction

Katalog Mammut, Mensch & Co Zuletzt noch ein Hinweis auf den großartigen Katalog Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit, der über die Ausstellung hinaus Bestand haben wird. In fünfzehn fundierten Beiträgen werden Aspekte der Eiszeit behandelt. Tierwelt, Menschheitsentwicklung und die Rolle Niederösterreichs so wie wichtige Funde (u. a. die Doppelbestattung vom Wachtberg und die Venusplastiken) werden genauerer Betrachtungen von jenen WissenschaftlerInnen unterzogen, die den Puls der Forschung derzeit bestimmen. Ein Ausblick auf die aktuelle vom Menschen ausgelöste Klimaentwicklung schließt - überaus passend - den Band.

© S. Strohschneider-Laue

Ebensolch | AmazonStore

Tutanchamun Katalog

Freitag, 11. April 2008

Non-Fiction

Zahi Hawass, Sandro Vannini (Fotos)
Tutanchamun
Frederking und Thaler 2008, 296 S., ca. 320 Farbfotos und 26 Ausklapptafeln.
ISBN 978 3 8940 5711 4

katalog_tutanchamun.jpg Tutanchamun

Tutankhamun. The Golden King and the Great Pharaos” ist das Begleitbuch der gleichnamigen Ausstellung, die von 9. März bis 28. September 2008 im Wiener Museum für Völkerkunde gastiert und danach in den USA zu sehen sein wird. Der Kontrast zwischen der Ausstellung, deren hervorstechendstes Attribut eine ebenso extensive wie aggressive Marketingstrategie ist, und ihrem qualitativ hochwertigen Begleitbuch ist in jeder Hinsicht bemerkenswert.

Das sorgfältig produzierte Buch präsentiert die rund 150 archäologischen Funde auf eine Weise, die deren einzigartiger Schönheit gerecht wird. Gleichzeitig vermitteln leicht verständliche Texte fundiertes Hintergrundwissen zu Politik, Religion und Alltagsleben im Ägypten der Pharaonen. Es ist - salopp formuliert - eine informative Augenweide.

Sandro Vanninis hervorragende, ganzseitig wiedergegebene Fotos der kunstvollen Objekte fesseln den Blick. In einem Buch ist die auratische Inszenierung von Skulpturen, Kleinplastiken und Goldschmuck mittels dramatischer Lichtführung vor schwarzem Hintergrund eine feine Sache. In Museen werden zu Dunkelkammern mutierte Ausstellungsräume zu Stolperfallen. Dass perfekt ausgeleuchtete Artefakte vor weißem Hintergrund ebenfalls gut aussehen - auch dies lässt sich anhand von Fotos im Begleitbuch nachvollziehen.

Tutankhamun steht übrigends weit weniger im Mittelpunkt als es sein in großen goldenen Lettern am Cover prangender Name vermuten lässt. Was das Buch wirklich bietet, ist eine Reise durch die Geschichte des alten Ägyptens und einen Einblick in das Leben der Menschen an Pharaos Hof. Die Informationsfülle wird durch die inhaltliche Gliederung der Publikation in einen allgemeinen und einen ausstellungsbezogenen Teil, der gleichzeitig als Katalog fungiert, gebändigt.

Im allgemeinen Teil führen Zahi Hawass und sein AutorInnen-Team durch die Geschichte Ägyptens von der prädynastischen Periode bis zu den Ptolomäen. Eingebettet in den politisch-religiösen Kontext wird in sechs Kapiteln auf gesellschaftliche Entwicklungen ebenso eingegangen wie auf Veränderungen in Architektur und Kunst. Stimmungsvolle Fotos der archäologischen Stätten vermitteln Lokalkolorit und machen neugierig auf das Land Ägypten.

Der Katalogteil folgt offensichtlich der für die Amerikatour der Ausstellung festgelegten Raumfolge. Ein kurzer themenbezogener Text leitet jeden der sieben Abschnitte (Gallery I-VII) ein. Danach wird, auf ein bis zwei Buchseiten, jedes Artefakt mit Foto und ausführlichem Objekttext vorgestellt. Anstatt langatmiger Beschreibungen bieten diese Texte erfreulich reichhaltige Informationen zu kulturhistorischem Hintergrund und Fundgeschichte der ausgewählten Gegenstände.

Zum Abschluss werden im Nachwort wichtige Ausgrabungsstätten und dort getätigte Ergebnisse der aktuellen Feldforschung vorgestellt. Ganz am Ende des Buches ist auch noch eine Zeitleiste versteckt. Der Aufbau der Publikation entspricht also im Großen und Ganzen der klassischen dreistufigen Informationshierarchie, die sich im Ausstellungswesen bewährt hat. Die gut durchdachte, attraktive grafische Gestaltung ermöglicht es den Lesern sich mithilfe unterschiedlicher Schrifttypen und farbiger Texthinterlegungen schnell im Buch zurecht zu finden.

Das der Rezensentin in der englischen Ausgabe (Washington 2008, National Geographic Society, ISBN 978 1 4262 0264 3) vorliegende Buch, ist auch in deutscher Sprache erhältlich.

© Ch. Ranseder

Tutanchamun

Ebensolch | AmazonStore

Raoul Korty

Freitag, 11. April 2008

eb_000_011.gif

Österreichische Nationalbibliothek
Zur Erinnerung an schönere Zeiten…

29. Februar bis 13. April 2008

Raoul Korty in der Uniform des Husarenregiments Nr.5, 1919 © Österreichische Nationalbibliothek Der Ausstellungstitel greift die Widmung auf, die Raoul Korty unter sein Porträt in Husarenuniform schrieb. Entstanden ist die Aufnahme 1919 als der Krieg vorbei, die Monarchie abgelöst und die kaiserliche Uniform bereits Geschichte war. Er blieb Offizier und Lebemann. Seine Einstellung Ich habe den Rock des Kaisers getragen, da werde ich Hitler nicht fürchten wurde ihm 1944 schließlich zum Verhängnis. Auch Raoul Korty überlebte Auschwitz nicht.

Carte de Visite: Beidseitig betrachtbar 1865 © Österreichische NationalbibliothekCarte de Visite: Beidseitig betrachtbar 1865 © Österreichische Nationalbibliothek Der Stammhalter des wohlhabende Kaufmanns Siegfried Hermann Kohn, der 1896 den Namen Korty(i) annahm, wurde am 4. Februar 1889 in Wien geboren. Die Erziehung des jungen Raoul dürfte wohl der Zeit entsprochen haben, dennoch blieb die vom Vater gewünschte Entwicklung aus. Raoul entpuppte sich bereits in früher Jugend als besessener Fotosammler. Ein Ratenkauf, um an eine bedeutende Fotosammlung zu gelangen, endete beim Anwalt. Briefe der Mutter an den 12jährigen sind wohl nicht umsonst mit Sammler oder Ansichtskartenkrampfinhaber betitelt und mahnen brav und fleißig zu sein. Die 50.000 Damenporträts aus einem Nachlass, den er mit dem väterlichen Geld erwarb, werden ebenfalls nicht zur Bewahrung des häuslichen Friedens - angeblich hat aufgrund des Chaos das Stubenmädchen gekündigt - beigetragen haben.

Schauspielerin Mizzi Palme, um 1900 © Österreichische Nationalbibliothek Der junge Sammler beendete die Realschule und trat in die Wiener Kunstakademie ein, die er aber durch Eintritt in den Präsenzdienst und Ausbruch des Ersten Weltkrieg nicht beendete. Korty kehrte als Oberstleutnant heim, er war während des Krieges mit einer silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klasse ausgezeichnet worden. Ohne Ausbildung aber mit einer begüterten Familie war die Rückkehr ins bürgerliche Leben für Raoul Korty sicher leichter als für viele andere Heimkehrer. Seine Leidenschaft für Fotografie legte die Gründung des Fotoateliers Gorgette nahe. Keine kluge Entscheidung. Exzessive Sammler sind Süchtige. Ein Jahr später stand das Studio bereits vor dem Ruin. Foto(sammel)leidenschaft und organisiertes wirtschaftliches Denken scheinen sich bei Raoul Korty ausgeschlossen zu haben, obwohl das Atelier nicht unproduktiv gewesen war. Um 20.000 Kronen war Vaters Geldbeutel schmaler geworden als die Firma 1929 aufgelöst wurde. Nach seiner Heirat mit einer Nichtjüdin blieb ihm Vaters Geldbeutel verschlossen. Andererseits war die Sammlung auf rund 250.000 Fotos angewachsen. Das erste große Fotoarchiv auf das Printmedien zugreifen konnten, begann Geld einzubringen. Allerdings nicht genug. In den 30er Jahren begannen Korty aus Geldnot Teile seiner Sammlung zu verpfänden und zu verkaufen. Mit dem Anschluss Österreichs brach die Welt um ihn zusammen. Zu spät dachte er an Emigration. Am 28. Oktober 1944 wurde der Sammler und Chronist einer versunkenen Zeit Raoul Korty nach Auschwitz deportiert.

Sammlung Raoul Korty ab 1939 in der ÖNB © Österreichische NationalbibliothekUnter den nahezu 500.000 Objekte, die durch die Beschlagnahmungen während des Nationalsozialismus in die Österreichische Nationalbibliothek gelangten, befanden sich auch die letzten 30.000 Fotos, die Raoul Korty noch geblieben waren. Seit 1939 harrten sie in Transportkisten verpackt ihrer Wiederentdeckung. Es ist gut bekannt und wenig diskutiert, dass Österreich besonders vergesslich mit der Zeit des Nationalsozialismus umgeht. Die Gedächtnislücken sind besonders ausgeprägt, wenn es um die Rückgabe von Raubgut geht. Die Österreichische Nationalbibliothek hat sich auch nicht beeilt. Bereits 1946 nahmen die Hinterbliebenen von Raoul Korty mit den Verantwortlichen für die Rückstellung auf, aber erst 66 Jahre nach der Beschlagnahmung wurde die Fotosammlung der Tochter Kortys rechtmäßig abgekauft. Erfreulich ist, dass die Österreichische Nationalbibliothek sich ihrer unrühmlichen Erwerbsstrategien in aller Offenheit stellt und gemäß des Kunstrückgabegesetzes von 1998 endlich agiert.

Bearbeitung: 30.000 Bilder, 2007 © Österreichische Nationalbibliothek Seit 2007 wird die Sammlung Korty aufgearbeitet. Ein Katalog, auf den zurückgegriffen werden könnte, exitiert nicht; denn Raoul Korty hatte wie jeder besessene Sammler seine Objekte, deren Erwerb und die zugehörigen Hintergründe im Kopf. Der “spärliche” - gemessen an einst 250.000 Fotos - Bestand stellt somit eine große Herausforderung dar. Der Monarchist und Lebemann Korty spiegelt sich deutlich in seiner Sammlung. Der Schwerpunkt liegt auf Porträts von Adeligen und KünstlerInnen.

Non-Fiction

Michaela Pfundner, Margot Werner (Hg.)
Zur Erinnerung an schönere Zeiten
Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty
ÖNB 2008, 103 S. zahlr. Abb.
ISBN 978-3-01-000037-6

Katalog: Raoul Korty Die von 29. Februar bis 13. April 2008 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek gezeigte Ausstellung Zur Erinnerung an schönere Zeiten. Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty wird der komplexen Thematik mehr als nur gerecht. Ausgehend von der Persönlichkeit Kortys spannt sich der Bogen über Adel, Gesellschaft, Bühne und Kurioses bis zum Sammlungsschicksal selbst. Übersichtlich struktruiert und äußerst ansprechend präsentiert, ist es eine Freude von Vitrine zu Vitrine zugehen und sich mit dem gut aufbereiteten Inhalt zu beschäftigen. Flüssige Texte, stimmig gewähltes Fotomaterial sowie einige Schmuck- und Bekleidungsstücke verdeutlichen die Lebenswelt Kortys und zeigen die informative Breite des Bestandes auf.

Die Ausstellungen im Prunksaal sind immer interessant, viele sind gelungen und immer zeigen sie Besonderes. Diese Ausstellung ist außergewöhnlich. Die exzellenten Texte und die frische Grafik stellen die rund 300 Fotos, deren Fülle man kaum bemerkt, nicht nur in einen informativen Zusammenhang, sondern sparen auch die Forschungsgeschichte nicht aus.
Definitiv eine Ausstellung bei der man keinesfalls auf den Katalog verzichten sollte. Die Persönlichkeit Kortys, das Sammlungsschicksal und die Bildauswahl werden so spannend vorgestellt, dass man den auch grafisch attraktiven Band erst aus der Hand legt, wenn man die rund 100 Seiten gelesen hat.

© S. Strohschneider-Laue

Raoul Korty
Franz Joseph I. in 100 Bildern
Kaiserin Elisabeth von Österreich in zweihundert Bildern

Ebensolch | AmazonStore

Kuss der Sphinx

Freitag, 11. April 2008

eb_000_011.gif

BA-CA Kunstforum (Hg.)
Der Kuss der Sphinx. Symbolismus in Belgien
Hatje Cantz
2007, 280 S., 194 meist farbige Abb.
ISBN 978 3 7757 2067 0

Der Kuss der Sphinx Der Kuss der Sphinx

Mit an die Lippen gelegtem Finger, den Blick unfokussiert in die Weite schweifend, gebietet eine junge Frau Schweigen. Ihre bewegungslos verharrende, in starker Untersicht monumental überhöht wiedergegebene Gestalt zwingt den Betrachter, der die Augen zu ihrem Gesicht erheben muss, in die Position des Supplikanten. Fernand Khnopff stellt in seinem 1890 entstandenen Pastell “Stille” die Frau zugleich als Wächterfigur und anbetungswürdiges mystisches Wesen dar. Es ist nicht das einzige Werk des Künstlers, in dem äußere Ruhe und meditative Besinnung eine zentrale Rolle spielen, eine Figur der inneren Stimme zu lauschen scheint. Auch die Besucher seines als Heiligtum inszenierten Ateliers wurden zum Schweigen angehalten. Sowohl in seinem Heim als auch in seinen Bildern erschuf sich Khnopff eine eigene Welt fernab der Realität.

Damit sind bereits einige zentrale Themen des belgischen Symbolismus angesprochen, dessen Vertreter weit mehr durch ihre Geisteshaltung als durch stilistische Ähnlichkeiten geeint werden.

Am Ende des 19. Jahrhunderts werden die wissenschaftlichen und industriellen Errungenschaften, welche tief greifende gesellschaftliche Umwälzungen mit sich bringen, von einer großen Zahl der Künstler als Bedrohung empfunden. Eine spirituelle Krise gepaart mit der Trauer um vergangene Zeiten und deren Wertvorstellungen verstärken das Bedürfnis aus der feindlich empfundenen Umwelt in ein selbst geschaffenes Gedankenreich zu entfliehen. Die Esoterik blüht in der Kunst des Symbolismus, die eine enge Verbindung mit der Literatur eingeht, ebenso wie das Spiel mit Dekadenz und Verfall. In bewährter Tradition werden Frauen - vom reinen Ideal bis zur Femme fatal - zur Projektionsfläche für die Ängste und Sehnsüchte der die Grenzen ihrer Träume und erotischen Fantasien auslotenden männlichen Künstler. Ganzheitlich betrachtet lebt der Symbolismus von der Spannung zwischen dem Reich der Schatten und dem Reich des Lichts, dem Expliziten und dem Angedeuteten.

Brüssel, die Heimstatt von zahlreichen Künstlerzirkeln und Zeitschriften, fungierte für die belgischen Vertreter des Symbolismus zugleich als Zentrum des Diskurses und Schmelztiegel andernorts geborener Ideen beziehungsweise Formen des Ausdrucks.

Mit der Publikation “Der Kuss der Sphinx” ist es gelungen, einen Meilenstein in der Erforschung des belgischen Symbolismus zu setzen. Gleichzeitig bringt das grafisch ansprechend gestaltete Buch diese von Doppeldeutigkeit geprägte Kunstrichtung auch einem breiteren Publikum näher. Dies ist in erster Linie den hervorragenden Texten zu verdanken, deren Autoren es nicht nur verstehen, den belgischen Symbolismus und seine Verbindungen zu den Kunstmetropolen Europas in seiner Essenz zu erfassen, sondern auch ihre Forschungsergebnisse sprachlich leicht verständlich darzulegen.

Michel Draguet macht in seinem Essay “Brüssel - Drehscheibe des Symbolismus in Europa” mit den Grundzügen des belgischen Symbolismus bekannt und verortet ihn im kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Kontext.

Dominique Marechal untersucht in “’Verging nicht diese Stadt?’. Brügge als Treffpunkt europäischer Symbolisten” die Rolle dieser sehr ambivalent wahrgenommenen Stadt im Werk zahlreicher Künstler, wobei sie Fernand Khnopff besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lässt.

Sabine Plakolm-Forsthuber zeigt in “Spiegelbilder der Seele. Der belgische Symbolismus und der Wiener Jugendstil”, welche Impulse die Wiener Kunstszene um 1900 von den belgischen Symbolisten, insbesondere von Fernand Khnopff und dem Bildhauer George Minne, erhielt.

Den Tafelteil des Katalogs gliedernde, ausführliche Kapiteltexte von Michel Draguet bieten vertiefende Informationen zu einzelnen Künstlern und Themen des Symbolismus. Auf detaillierte Beschreibungen der ausgewählten Werke wird zugunsten der Abbildungsgrößen jedoch verzichtet. Abgerundet wird das stattliche Buch “Der Kuss der Sphinx. Symbolismus in Belgien” von Kurzbiografien der Künstler, einer Literaturliste und einem Verzeichnis der in der gleichnamigen Ausstellung präsentierten Werke. Wer die rund 150 Arbeiten von 36 Künstlern im Original sehen möchte, hatte dazu bis 3. Februar 2008 im BA-CA Kunstforum in Wien die Gelegenheit.

© Ch. Ranseder 21.10.2007

Der Kuss der Sphinx

Ebensolch | AmazonStore

Lucien Clergue

Freitag, 11. April 2008

eb_000_011.gif

Lucien Clergue
Magie und Mythos

KunstHausWien 2007, Dt./Engl, 224 S. mit zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978-3-901247-17-0

Lucien Clergue, Magie und Mythos Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog

Lucien Clergues Fotografien ist eine poetische Stille eigen, die zur Kontemplation über das prekäre Verhältnis von Mensch und Natur, Vergänglichkeit und Permanenz, einlädt. Zwischen den Polen Tod und Leben angesiedelt, gehören der Stierkampf und der weibliche Akt, das Wasser und der Sand zu den Leitthemen seines Lebenswerkes. Ein Querschnitt durch das Schaffen des 1934 in Arles geborenen Künstlers ist derzeit in einer rund 200 Arbeiten umfassenden Ausstellung des KunstHausWien sowie dem als Begleitbuch erschienenen Katalog “Lucien Clergue - Magie und Mythos” zu bewundern. Die reich bebilderte Publikation zeichnet in chronologischer Abfolge den künstlerischen Werdegang Lucien Clergues nach. Ein den Bildteil vorangestellter Essay von Karen Sinsheimer schildert die wichtigsten Stationen in der Biografie des vielfach ausgezeichneten Fotografen, der sich auch erfolgreich mit dem Medium Film beschäftigt.

In den Nachkriegsjahren erkundet Lucien Clergue mit seiner Kamera das zerbombte Arles und sein Umland. In den Ruinen der Stadt inszeniert er “tableaux vivantes” mit als Zirkusartisten verkleideten Kindern, deren starre Posen und Anordnung im Bildraum aus heutiger Sicht Assoziationen mit der Modefotografie wachrufen. In starkem Kontrast zu dieser, in ihrer Grundstimmung seltsam melancholisch wirkenden, Bildserie stehen die reportageartigen Fotografien der Zigeuner, die Lucien Clergue eine Zeit lang begleitet. Doch nicht nur der Mensch, auch die Natur fesselt den Fotografen. Seine Aufnahmen von sich im Wasser einer Überschwemmung spiegelnden Weinstöcken, von Maisstauden und der kargen Vegetation der Küste besitzen durch Nahsicht und die betonte Licht-Schatten-Wirkung eine abstrakte Qualität, die sie der modernen Malerei nahe bringt. Begegnungen mit Picasso und Jean Cocteau eröffnen dem jungen Fotografen neue Wege. Lucien Clergue entdeckt das künstlerische Potential des weiblichen Körpers. Der Frauentorso - von Wasser umspült, als Projektionsfläche für Zebramuster aus Licht und Schatten oder in Doppelbelichtungen mit historischen Gemälden kombiniert - wird für ihn zum bildlichen Symbol des Lebens.

Mit der “Sprache des Sandes”, einer Sammlung von Aufnahmen der von natürlichen und künstlichen Spuren gezeichneten Übergangszone zwischen Wasser und Land, erwirb der Meister der Schwarz-Weiss-Fotografie 1979 den Doktorgrad an der Universität von Marseille-Provence. Die behutsame Annäherung an die Farbfotografie erfolgt erst spät. 1981 beginnt Lucien Clergue mit einer Polaroid-Kamera zu experimentieren - mit überraschenden Resultaten. Zu Sequenzen aneinandergereiht, erhalten die kleinformatigen Farbbilder eine zusätzliche rhythmisch-grafische Dimension. Schließlich entstehen auch großformatige Arbeiten, die durch das Spiel mit Doppelbelichtungen eine geheimnisvolle Tiefe erhalten. Das Buch “Lucien Clergue - Magie und Mythos” stellt eine exzellente Einführung in das Werk des großen Fotografen dar. Wer es in Händen hält, sollte übrigens auf keinen Fall verabsäumen die Umschlagklappen aufzuschlagen. Hier sind insgesamt 108 weitere Fotos versteckt, die erahnen lassen, welche Schätze das Archiv des Künstlers noch birgt.

Die Ausstellung “Lucien Clergue - Der Dichter mit der Kamera”, seine erste Retrospektive in Österreich, ist bis 17.02.2008 im KunstHausWien zu sehen. Danach gastiert sie vom 07.03. bis 18.05.2008 im Graphikmuseum Pablo Picasso Münster und vom14.06. bis 20.07.2008 in der Städtischen Galerie Erlangen.

© Ch. Ranseder

Lucien Clergue: Magie und Mythos. Ausstellungskatalog

Ebensolch | AmazonStore