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Sex sells - Buch nicht immer

Donnerstag, 10. November 2011

Notiz

Leseprobe gefällig?

Rogenfänger vom Spreu ungetrennt © Sistlau

Wie den Lesehunger befriedigen, wenn man (noch) keinen eigenen Lesegeschmack entwickelt hat und (noch) nicht weiß, wie - sprichwörtlich - vielseitig die Literatur tatsächlich ist?
Wer buchmäßige Fremdbestimmung ohne Probleme akzeptiert, dem blüht vielleicht folgendes Schicksal:

  • Themenkaufwütiger werden, sobald (z. B.) “Sex” im Titel versprochen wird.
  • Passend zur Selbstdarstellung (z. B.) Markenfüllfeder, Maßanzug und Nobelschlitten die Lektüre auf den goldgeprägten Schweinsledereinband zum Laufmeterpreis reduzieren.
  • Mainstreambuchkonsum anheimfallen, um mitreden zu können.
  • Mitleser im Freundeskreis werden, dabei kann sich überaus Erstaunliches auftun.
  • Als Nervtöter BuchhändelerInnen zur Verzweiflung treiben, wäre ebenfalls eine Option der Unselbstständigkeit und Fremdbestimmungssucht.

Um diesen Einseitigkeiten zu entgehen, einige Tipps für die Annäherung an das Fremdobjekt “Buch”.

ErstleserInnen und LeseeinsteigerInnen
Seien Sie abenteuerlich, betreten Sie eine Bibliothek oder Buchhandlung. Seien Sie offen für Alles und kaprizieren Sie sich nicht gleich auf ein einziges Genre. Öffnen Sie viele Bücher, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Greifen Sie nicht nach der schulischen Pflichtlektüre, es gibt mehr als eine Galaxie im Universum.

Äußere Äußerlichkeiten
Beurteilen Sie Menschen nach Äußerlichkeiten? Nein? Dann tun Sie es auch nicht bei Büchern.
Bild, Autor, Titel, Empfehlungen und Awards sind nur die halbe Miete. Ein hässlicher Bucheinband ist sowieso Geschmackssache, ein in Riesenlettern gesetzter Autorenname ist kein Qualitätsgarant, ein kruder Titel ist meist nicht mehr oder weniger als eben “krude” und eine Bestsellerliste ist letztlich nur ein Verkaufsliste. Entscheiden Sie auch nicht nach männlichen und weiblichen Autorennamen. Vielleicht ist es ein Pseudonym und hinter diesem kann jede/r stecken. James Tiptree Jr. schrieb erstklassige SF-Kurzgeschichten und hieß eigentlich Alice B. Sheldon.

Frisch aufgeschlagen
Beurteilen Sie Menschen nach deren Lebenslauf? Nein? Dann tun Sie es auch nicht bei Büchern.
Klappentexte sind Werbetexte, die (zu) oft von Externen geschrieben werden. Die Ärmsten hatten u. U. keine Ahnung vom tatsächlichen Inhalt. Sie fassten in aller Eile und in wohlgesetzten Worten zusammen, was per “Stille Post”, ggf. aus ebenso diversen wie widersprüchlichen Quellen, bei ihnen inhaltlich angekommen ist.
Der Autorensteckbrief kann, aber muss nicht hilfreich sein. Er ist eine Miniimagekampagne für den Autor und nicht notwendigerweise für das betreffende Buch. Ein Medizinstudium ist jedenfalls keine Entschuldigung für den 13th Warrior.

Reingeblättert
Seien Sie forsch, seien Sie neugierig. Lesen Sie hinein: am Anfang, in der Mitte und niemals auf den letzten Seiten. Eine Leseprobe ist wichtig. Autos, Weine, Käse und andere Luxuswaren kauft man ja auch nicht ohne vorher überzeugt worden zu sein. Interessiert Sie der Inhalt und fesselt er Sie? Passt Ihnen auch noch die Schriftgröße? Der Umfang ist auch akzeptabel? Na, dann seien Sie doch Individualist und kaufen Sie das Buch aus freier Entscheidung.

Zuletzt
Lesen Sie ihren Kindern vor und akzeptieren sie ein “noch mehr” ebenso wie ein “das ist langweilig”. Kinder müssen nicht die gleichen Bücher wie Sie großartig finden. Der Lehrplan wird Ihrem Kind außerdem noch genug Pflichtbuch zumuten. Geben Sie Ihren Kindern die Chance zu blättern, zu schmökern und Bücher auszuwählen. Bücher und Hunde sind nämlich die einzigen wahren Freunde, die man kaufen kann.

© S. Strohschneider-Laue

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Rezension (un)erwünscht?

Dienstag, 08. November 2011

Notiz

Dann eben nicht!

Verteilerknoten © Sistlau

Manche von Steuergeldern getragenen öffentlichen Institutionen sind sich selbst genug. Finanziert und nicht angewiesen auf BesucherInnen und Verkauf. Der Eintritt ist inzwischen derart exorbitant, dass sich der Normalverdiener mit Familie den regelmäßigen Besuch in Kulturinstitutionen ohnedies gut überlegt, bevor er - abseits der bereits entrichteten Steuer - tief in die Geldbörse greift. Kein Wunder, dass sich die Besucherzahlen zumeist aus zwangsverpflichteten Schulklassen und Touristen ergeben, während der Steuerzahler lieber sein Restgeld für andere Genüsse ausgibt.

Zugleich häufen sich z. B. Ausstellungen, die um Leihgaben herumdrapiert werden, damit diese durch das präsentierende Haus zertifiziert werden, eine Wertsteigerung erfahren. Der Auktionstermin für die betreffenden Leihgaben steht bereits vor Ausstellungseröffnung fest und findet vor Ende der Laufzeit statt. Kein Wunder, dass sich so mancher im Selbstverlag produzierter Katalog wie ein Werbefolder liest. An dieser Stelle wird keinerlei Vermutung nachgegangen, die sich auf Gebahrungen rund um Leihende, Verleihende, Berater etc. beziehen könnten.

Beim Pressetermin wird jedenfalls zeitintensiv geredet und ebenso zeitintensiv gegenseitig belobhudelt. Natürlich findet auch eine abendliche Eröffnung mit der gleichen Belobhudelung statt. Vor allem Politikern wird dabei die Gelegenheit eines Gratisbesuchs - ggf. inkl. Bankett im historischen Ambiente - in Kombination mit Eigenwerbung vor den Adabeiblicken gegeben.

Allerdings wurmt eines schon: Honorarfreie Pressefotos werden nur an Zeitungsvertragspartner weitergereicht - also tagesaktuelle Medien, deren Halbwertszeit sich in etwa auf zwölf Stunden beläuft. Na dann, dann berichten wir hier eben nicht über die aktuelle, chronologisch gehängte Bilderbeschau mit dem moralinsauren Vorhang.

© S. Strohschneider-Laue

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Kritik und KritikerInnen

Sonntag, 18. September 2011

Notiz

Kritik oder Nichtkritik, ist hier die Frage …

Buchstapel © Sistlau

Es ist wie beim Essen: Wenn Masse für gut gehalten wird, liegt es zumeist daran, dass Beliebigkeit vergleichbar ist.
Wenn Klasse nicht erkannt wird, liegt es an der fehlenden Bewertungsfähigkeit.
Wer nur Würsteln kennt, kann nur Würsteln vergleichen. Eine solide Grundlage für einen objektiven Vergleich.
Wer Klasse hat, urteilt nicht über Würsteln, wenn er Würsteln hasst. Mit subjektiver Ablehnung wird ein objektiver Vergleich nur sehr schwer möglich sein.

So scheint es mir auch mit der Rezensionskultur zu stehen, zu der Henrike Heiland einen verreißend guten Beitrag geschrieben hat.

Personalkritik - hier Rezensentenbeurteilung - bedeutet, sich zu überlegen, warum jemand einen Verriss schreibt. Es macht Mühe, es kostet Zeit und man kann sich gewaltig in die Nesseln setzen.
Wenn ein Buch tatsächlich so grottenschlecht ist, liest man es nicht (zu Ende) und schickt das Rezensionsexemplar zum Wohle des Verlages, der haushalten muss, und des Autors, der zufrieden bleibt, retour. Man isst ja schließlich weder ein faules Ei auf noch müllt man seine Bibliothek zu.

Was bleiben also für Gründe übrig? Selbstdarstellung, Groupie(un)wesen, Wichtigtuerei und Auch-mitreden-wollen sind sicher einige davon - wenn (so oder so) lancierte Besprechungen ausgeschlossen werden dürfen.
Schlechte Kritiken können Bücher zum Bestseller machen oder einstampfen, bevor die Druckerschwärze trocken ist. Und manchmal kann man nicht einmal mehr ausmachen, wie das Eine zum Anderen führte. Es stellt sich wohl eher die Frage: Kann man die Wirkung einzelner Kritiken abschätzen- abgesehen von der verheerenden Wirkung auf die AutorInnen?

Textlich diskreditieren sich ja manche “schreibende LeserInnen” ins Unermessliche und relativieren inhaltlich auf: Eigentlich wollte ich von meinem spannenden Leben, das viel interessanter ist, erzählen, aber dann habe ich über den Tellerrand des grauen Buchs geschaut und mein Mann ist deswegen verhungert, obwohl die Pornografie unerträglich war, habe ich es trotz seiner langweiligen 594 Seiten schnell zu Ende gelesen und bin jetzt noch mehr gegen Drogen.

Halten solche Meinungsäußerungen tatsächlich alle/viele potenzielle KäuferInnen ab oder nur den niveaugleichen Freundeskreis der Schreibenden?

Sicher ist, dass der im Wildwuchs gepflückte Rezensionsstilblütenstrauß aus … hilfreiche Kritik der Endverbraucher gerne vergrößert werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

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Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden?

Samstag, 17. September 2011

Non-Fiction

Axel Brennicke
Wollen sie wirklich Wissenschaftler werden?
… dann los!
Spektrum 2011, 214 S.
ISBN 978 3 8274 2755 7

Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden? …dann los!

Wissenschaft ist eine Berufung und von der Berufung lässt sich selten die Miete zahlen. Neugier statt Rampenlicht, systematisches Entschlüsseln statt Geld zählen, lautet die Warnung, die von diesem Buch an Studierende ausgeht. Das Buch ist dazu da, Anstoß zu geben und zu nehmen sowie darauf anzustoßen, wenn sich wieder jemand trotz aller Warnungen für die Wissenschaft entschieden hat. Amüsant ist es obendrein - besonders bei der bitteren Wahrheit, denn Mäßigung ist nicht der zweite Vorname des Autors.

Vorwörter und Vorgeplänkel leiten das Buch ein. Ein kurzes Anlesen genügt, um süchtig zu werden und zu vergessen, dass man nach 50 flotten Seiten nicht einmal einen Blick ins Inhaltsverzeichnis geworfen hat. Ja, es gibt ein Inhaltsverzeichnis. Am Ende des Buches kann man durchaus auch feststellen, dass es sieben systematisch aufgebaute Kapitel gibt, die mit Entscheidung, Auf dem Weg, Wissenschaftler - heimatlos in der Welt, Freischwimmer, Später, Typologie des Profs und Danach betitelt sind.

Ungeschminkt erzählt Axel Brennicke, der es als Wissenschaftler am besten wissen muss, über die gestellten Fragen, die beantwortet werden, damit man vor dem Ergebnis warnen kann. Eine Tatsache, die jeder Forscher tief ins Auge sehen muss, ist, dass seine Antworten zwar überall gehört werden, seine Warnungen aber ungehört verhallen. Eine weitere Tatsache ist: Grundlagenforschung wird nicht das Einzige sein, das man Laien kaum verständlich machen kann.

Obwohl aus der Erfahrungsecke des Professors für Molekulare Botanik geschrieben, kann sich das ganze Spektrum der Wissenschaftler wiederfinden - vielleicht mit Ausnahme der Juristen. Das unvermeidliche Frauenkapitel glänzt durch brillante Formulierungen aus der Kategorie Eiertanz. Nach einer Umfrage unter meinen Wissenschaftskolleginnen hat sich in diesem Buchabschnitt außer Amüsement bei der Stellenbesetzungspolitik, keine Identifikation breitgemacht. Hofieren scheint eine männliche Formulierung für normales Interagieren zu sein, wenn es darum geht, dass ein Mann der Frau den Kaffee eingießt und nicht umgekehrt. Das brillante Buch schmälert das keinesfalls.

Was es noch darüber gesagt werden muss:
Es sollte Pflichtlektüre im Abitur-/Maturajahr sein - auch für die Eltern.
Es sollte Pflichtlektüre für jene politisch Verantwortlichen sein, die Studenten, Institute, Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und das zugehörige Personal aushungern.
Ich habe es bereits dreimal verschenkt und ich verschenke nur, was ich erstklassig finde.

© S. Strohschneider-Laue

Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden? …dann los!

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Spaghetti Bolognese in Kenia?

Sonntag, 26. Juni 2011

Notiz

Essen oder speisen?

Lebensmittel © Sistlau

Beliebigkeit dominiert die Speisekarten:

Würfelbouillion mit exakt einem grünen Fettauge als Vorspeise. 
Frisch zubereitetes Tiefkühlschnitzel - formgleich - als Hauptgang.
Zur Auswahl plastikpinke oder fugengipsbraune Maschinentorte als Nachspeise. 

Wenn die Fabriksnorm dominiert, wird sie zur Masse. Wenn Masse für gut gehalten wird, liegt es zumeist daran, dass Beliebigkeit vergleichbar ist. Alles, was nicht vergleichbar ist, wird unbeliebt, weil unbeliebig. Wer also zur Mehrheit gehören und von dieser akzeptiert werden will, bevorzugt Fabriksprodukte, die massengesellschaftskonform sind.

Fertiggerichte werden möglichst billig erzeugt. Durch Fooddesign (Form, Farbe, Konsistenz, Bissgeräusch, Aromen etc.), Verpackung und Namensgebung werden sie aufgewertet. Werbung und Massentouristenhaltung sorgen für den Gewöhnungsvorgang. So kann auch daheim die Illusion vom “Speisen wie im Urlaub” vermittelt werden.

Uniformes Essen ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein gelungenes Verkaufsgespräch.

Kein Vergleich also zur Rindfleischsuppe mit Gartengemüse, dem Zwiebelfleisch mit Zucchini und den Nussecken, die meine Mutter zubereitet. Solch unglaublicher Genuss bleibt jenen vorbehalten, die Individualität bevorzugen. Andererseits fahren wir nicht nach Kenia, um Spaghetti Bolognese zu essen.

© S. Strohschneider-Laue

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Ehrengrab: Ida Pfeiffer

Montag, 16. Mai 2011

Notiz

Weltreisende
Ida Pfeiffer

Ida Pfeiffer © Sistlau 2007

Auf dem Wiener Zentralfriedhof befindet sich das Ehrengrab von Ida Pfeiffer. Sie wurde 1797 in Wien geboren und durch ihren Vater mehr intellektuell gefördert, als es der Mutter lieb war. Nach dem Tod des Vaters bereitete die realistisch denkende Mutter die kleine Ida auf das typische Frauenschicksal jener Zeit vor: ordentliche Hausfrau, treue Gattin, fürsorgliche Mutter. Aber Idas Ehe scheiterte, die  zwei Söhne zog sie alleine auf. Mit 45 Jahren war sie endlich frei, frei ihre erste lang ersehnte Reise anzutreten. Es folgten 16 ebenso entbehrungsreiche wie abenteuerliche - aber sicher auch geistig erfüllte - Jahre für Ida Pfeiffer. Sie reiste, forschte, sammelte, schrieb Bücher und pflegte Kontakte zu führenden Wissenschaftern. 1858 starb sie völlig geschwächt, nachdem sie von Madagaskar zurück nach Wien gekommen war.

Ida Pfeiffer vollbrachte zu einer Zeit als Frauen gar nichts zugebilligt wurde mehr als ihre Zeitgenossen. Sie reiste und sammelte ethnografische und naturkundliche Objekte ohne jene generösen Förderungen - selbst Konservierungsmaterialien wurden abgelehnt -, die Männern mit geringeren Potenzial und großem Eigenkapital oft unbeantragt zuteil wurden. Viele Museen, darunter das Naturhistorische Museum und das Museum für Völkerkunde in Wien, verdanken ihr tausende Objekte.

Ida Pfeiffer Ehrengrab Zentralfriedhof wien, Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 12 © Sistlau 2007

Und ich frage mich:
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten genutzt, dass es heute veschiedene Arten -  Palaemon idae (Garnele), Myronides pfeifferae (Stabheuschrecke), Vaginula idae (Schnecke), Rana idae (Frosch) - nach ihr benannt sind?
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten gebracht, dass ihr Leichnam auf massives Drängen des “Vereins für erweiterte Frauenbildung” vom Friedhof St. Marx in eines der Ehrengräber, die nur dazu dienten Wienern den entlegenen Friedhof schmackhaft zu machen, umgebettet wurde?
Gibt es Hoffnung, dass jemals angemessen nach tatsächlicher Leistung, aber nicht nach politischen und persönlichen Kriterien gefördert wird?

© S. Strohschneider-Laue

siehe dazu auch:
Eine Wiener Biedermeierdame erobert die Welt: Die Lebensgeschichte der Ida Pfeiffer (1797 - 1858)
Eine Frau fährt um die Welt: Die Reise 1846 nach Südamerika, China, Ostindien, Persien und Kleinasien
Verschwörung im Regenwald: Die Reise nach Madagaskar
Abenteuer Inselwelt - Die Reise 1851 durch Borneo, Sumatra und Java
Nordlandfahrt: Eine Reise nach Skandinavien und Island im Jahre 1845
Ida Pfeiffer: “Wir leben nach Matrosenweise”: Briefe einer Weltreisenden des 19. Jahrhunderts

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Hass zwischen Fotos

Montag, 21. Februar 2011

Notiz

Die Fotos der Rosi Z.

Bilder aus der Vergangenheit sind spannend. Sie sind stumme Zeitzeugen. Ich liebe es, sie zu betrachten, zu hinterfragen und zu enträtseln. 

Zwei Schuhschachteln, vollgestopft mit Fotos und Postkarten völlig fremder Menschen, kamen heute in meinen Besitz. Stundenlang packte ich aus und sortierte vergnügt vor mich hin. Jahrhundertwendefrauen mit riesigen Hüten und Batistkleidern mit Lochstickereien, Bubiköpfe aus den 20er-Jahren, Gruppenfotos von Wirtshausangestellten und Wohnungsinterieur aus den 30er-Jahren sowie beschriftete und unbeschriftete Postkarten von allen wichtigen Ausflugszielen der damaligen Zeit. 

Es war eine Bilderflut unbekannter Momente, Geschichten und Menschen aus der langsam ein wiederkehrendes Gesicht und ein Name an die Oberfläche gespült wurde: Rosi/Rosie/Rosy Z. Ihre Streckenkarte aus dem 3. Wr. Gemeindebezirk von 1933 um 18,00 S., das Hochzeitsbild vor dem Krieg und ein Kindergrab nach dem Krieg. Bis zu 120 Jahre alte Familienbilder hatten plötzlich durch sie einen Namen bekommen.

Ein unbeschwerter Nachmittag, bis mir eine Postkarte auffiel: Die Ausstellung “Der ewige Jude”. Die antisemitische Schau wurde vom 2. August bis 23. Oktober 1938 in der Nordwestbahnhalle in Wien (Eröffnungsrede im Archiv der Österreichischen Mediathek abrufbar) gezeigt. Sie schürte Hass und bereitete die Novemberprogrome mit vor.

Der ewige Jude, Wien 1938

Anscheinend war auch Rosi unter den fast 420.000 BesucherInnen der Wanderausstellung. Sie kaufte die Karte und hob sie über 70 Jahre auf.

Und ich frage mich:
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie 1938 die Ausstellung betrat?
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie die Ausstellung wieder verließ?
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie die ersten Bilder aus den befreiten KZs sah?
Was hat Rosi Z. gedacht, wenn ihr die Karte beim Kramen unterkam?
Hat Rosi Z. gedacht?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Kriegsbriefe

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Eitelkeitstest für AutorInnen

Donnerstag, 18. November 2010

Notiz

Ich schreibe, wie ich schreibe

Psychotests sind nichts für mich. Mich interessiert nicht, was meine Handtasche über mich verrät - solange sie nicht selbstständig mit meinem Handy telefoniert. Ob ich ein Kugelschreibertyp bin oder nicht, kann ich entscheiden, wenn ich wieder einen Kuli mit einem Bettelbrief zugeschickt bekomme. Zu meinem Selbstwertgefühl und meiner Persönlichkeit tragen jedenfalls Tests nicht bei - ganz abgesehen davon, dass ich das Ausfüllen langweilig finde.

Grade bekam ich von mindestens 150 Seiten einen Eitelkeitstest für AutorInnen - vor allem für solche, die es noch werden wollen - aufgedrängt. Ich erlag dem Druck der Menge. Aber nicht um mich mit durch Namen anderer Autoren quasi selbst “fremd zu beweihräuchern”, sondern um einen Tauglichkeitstest anhand meiner Publikationen durchzuführen. Das Ergebnis wird wohl nicht so schnell an Unterhaltungswert zu überbieten sein.

Wissenschaftsartikel habe ich natürlich in Unmengen verfasst. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich jetzt einen Komplex bekommen soll oder nicht, wenn diese durchwegs mit Sigmund Freud verglichen werden.
Bei meiner Fabel musste aus unerfindlichen Gründen Josef Roth herhalten.
Ausgerechnet meine feministischen und sozialkritischen Berichte, bei denen ich mich so richtig in Saft geschrieben habe, werden Franziska zu Reventlow untergeschoben.
Sobald ich mehr als ein “ich” mit einigen “Austriazismen” textlich verpaare, wird meine Schreibe zu der Peter Handkes.
Dass Günter Grass für meine einfachsten Kleinkindergeschichten herhalten musste, zaubert permanent ein höhnisches Lächeln in meinen linken Mundwinkel.
Für Ironisches muss Uwe Johnson und für Nachdenkliches darf Ingo Schulze Vorbild sein.
Wenn ich im Text eine im Antiquariat erworbene Kleistausgabe in einem vollständigen Zitat vorstelle, wird Heinrich Kleist höchst persönlich zum Patenonkel.

Ich bleibe von den Ergebnissen bis auf den Spaß unberührt. Aber für Werbung könnte es wirksam sein: Ghostwriterin Sistlau schreibt - laut des unbestechlichen Tests in der FAZ - verschroben wie Freud, schlicht wie Grass, österreichisch wie Handke, ironisch wie Johnson, altbacken wie Kleist, feministisch wie Reventlow, nachdenklich wie Schulze und exakt wie Strohschneider-Laue.

© S. Strohschneider-Laue

Eitelkeitstest für AutorInnen

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Pipi(ng)

Donnerstag, 07. Oktober 2010

Notiz

Toilettendesaster

Die Buchbranche ist feine und sinnige Frauensache.

Die Architektur ist großk(l)otzige Männersache.

Paritätisch geht es hingegen bei der Toilettenfrage zu. Männer planen sie und Frauen benutzen (putzen) sie am häufigsten. Mit anderen Worten: Es gibt immer und überall zu wenige Damentoiletten. Außerdem sind die Etablissements immer zu klein. Dass sie jetzt auch ungebetene Einblicke gewähren, ist neu. Hingegen ist eine altbekannte Tatsache, dass Frauen sich zu helfen wissen. Dass Frauen sich in einer der raren und winzigen Zelle zuerst mit einer Klopapier-Verstopfungsaktion beschäftigen müssen, bleibt hoffentlich einmalig!

Erlebt, mitverstopft und fotografiert auf einem großen Messegelände in Deutschland.

© S. Strohschneider-Laue

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Deutschproblem II

Freitag, 01. Oktober 2010

Notiz

Verträglichkeiten

Vertragen muss der Mensch in seinem Leben vieles. Manches ist der Verträglichkeit abkömmlich. Wie unverträglich müssen erst Sessel sein, die man nicht vertragen darf?

Eine schwer verträgliche Beschriftung - besonders unverträglich in einer LehrerInnenausbildungsanstalt.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch: Deutschproblem I

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Mediencamp Wien

Montag, 20. September 2010

Notiz

Gehaltvoll: Mediencamp Wien
18. September ‘10

Wer am Mediencamp war, wird auf das nächste warten. Wer nicht dort war, kann zumindest einige Sessions im Video nacherleben ohne das Nachsehen zu haben und via Twitter den #mcvie TeilnehmerInnen folgen. Was man nicht instant geliefert bekommt, sind die Pausengespräche und die gelungene Organisation von Susanne Liechtenecker, Veronika Mauerhofer und ihrem Team.

Für viele war es das erste aber sicher nicht das letzte Mediencamp - auch nicht für mich. Wer so wie ich häufig das zweifelhafte Vergnügen hat Tagungen zu organisieren, daran als Vortragende oder Zuhörerin teilzunehmen, weiß, dass Pausengespräche oft mehr bringen als alle Sessions zusammengenommen. Erfrischend zu erleben, dass es gleichwertig sein kann. Das mag u. a. daran liegen, dass die TeilnehmerInnen sich nicht durch gruppentypische Konventionen genötigt fühlen mehr Wert auf äußere Form, denn treffsicheren Inhalt zu legen und aus karrierespezifischen Erwägungen zwanghaft den Mund halten. Zugleich war es den Anwesenden klar, dass ohne Sponsoren es kein derartiges Mediencamp gäbe. Es war daher gar nicht nötig von jedem Sponsor Grußworte zu hören. Grußworte, die bei anderen Veranstaltungen den halben Vormittag mit Firmen- und Wahlwerbung verbrauchen und dazu führen, dass der Zeitplan zusammenbricht. Hier kamen alle mit allen Beteiligten mit ihren zwar vorbereiteten aber dennoch ad hoc angebotenen Sessions und durch sie zur Sache. Erfrischend auch, dass der Wechsel zwischen den Sessions, die parallel in drei Räumen abgehalten wurden, ohne Zickenkrieg der RednerInnen und Timetable-Terror der OrganisitorInnen funktionierte.

Es überrascht daher nicht, dass es keine Konfrontation zwischen Bloggern und Journalisten gab. Sind doch die Grenzen schon längst fließend. Die etablierten Medien haben ihre Blogs, die Journalisten sind Blogger und die Blogger müssen sich immer häufiger fragen, ob sie sich statt der früheren Anfeindung plötzlich einer Vereinnahmung stellen müssen. Schließlich geht es immer auch ums leidige Geld. Die einen fürchten den Verlust zahlender LeserInnen und Anzeigenkunden, die anderen fragen sich, wie finanziere ich meine Serverkosten, ohne meine inhaltlichen Ziele aus den Augen sowie meine LeserInnen zu verlieren. Ein Thema, das - u. a. in “Monetarisierung meines Blogs” oder “Eigenverlag” - ebenso vielseitig diskutiert wurde wie der Nutzen der Social Media. Selbst die skurrile Session zu einem bereits bestehenden Portal war aufschlussreich. Aufschlussreich, weil jetzt jeder weiß, dass es “trollisch” ist, wenn man Kreditkarten- und Tourismuswerbung im Namen eines Medienmolochs macht, statt tatsächlich “Work in progress” oder “Best practice” zur Diskussion zu stellen.

Ich habe mich kaum so wohl auf einer Tagung gefühlt und am Ende ganz enspannt so viel inhaltlich mitgenommen. Andereseits habe ich mich zuvor nie gefragt, ob ich denn genug für andere TeilnehmerInnen beigesteuert habe.

© S. Strohschneider-Laue

Mehr Reviews sind zurzeit auf Nur ein Blog, Wirtschaftsblatt und Der Standard.

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Schule schaut Kunst

Montag, 01. März 2010

Österreichweiter Aktionstag
2. März ’10
Albertina, Kunsthaus Bregenz, Kunsthistorisches Museum Wien, Landesmuseum Kärnten, Landesmuseum Niederösterreich, Leopoldmuseum, MAK, Museum Moderner Kunst Kärnten, Oberösterreichisches Landesmuseum, Österreichische Galerie Belvedere, Salzburg Museum, Tiroler Landesmuseen, Volkskundemuseum Wien, Wien Museum.

Am 2. März findet der österreichweite Aktionstag “Schule schaut Kunst” statt. Initiiert wurde der Aktionstag vom Universalmuseum Joanneum. Als Kooperationspartner wurden - mit Ausnahme des Burgenlandes - österreichweit Museen und Vertreter der kreativen Fächer gewonnen. Ziel ist es, Schulen zum Museumsbesuch zu animieren und zugleich allgemein auf den Lernort “Museum” aufmerksam zu machen. Obwohl dabei die kreativen Fächer in den Mittelpunkt gerückt werden, ist offensichtlich, dass Lernen im Museum trotz des Schwerpunkts “Kunst” auch alle anderen Unterrichtsfächer betreffen kann.

Werbung braucht die Veranstaltung nicht mehr, die Vermittlungsangebote sind ausgebucht. Der Aktionstag benötigt hingegen Öffentlichkeit - und nicht nur der Aktionstag. Es ist die Bildung, die über “Ausbildung” hinausreichen muss, um Allgemeinbildung zu sein, die dringend Öffentlichkeit finden muss.

“Bildung ist, was bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist”, zitiert Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, dazu ganz passend den aus einer verarmten Familie stammenden Mark Twain. PolitikerInnen hingegen zitieren gerne die Kreativwirtschaft als den kulturellen Motor des Landes. Wenn die Kreativität ein Wirtschaftsfaktor ist, dann sollte damit nicht gemeint sein, kreative Möglichkeiten der Geldbeschaffung zu entwickeln. Bedauerlich daher, dass alles was dazu nötigt ist, um gehaltvoll kreativ tätig sein können, den Lehrplanveränderungen und der desaströsen Lehrpersonalpolitik zum Opfer fällt. Inhaltlich betrifft das mehr als “nur” die Fächer Musik-, Kunst- und Werkerziehung. Humanistische Grundlagen tragen wesentlich zum historischen sowie kulturellen Verständnis bei. Kulturkompetenz kommt schließlich nicht von ungefähr. Wer nicht das Glück hat aus einem bildungsaffinen und finanziell abgesicherten Umfeld zu stammen, wird es weniger leicht gemacht sich diese Fähigkeiten anzueignen, vor allem wenn der Pflichtunterricht sich ausschließlich auf das Erlangen von Kernkompetenzen und Sport beschränkt.

In den Bundesmuseen zahlen Kinder und Jugendliche - auch außerhalb des Klassenverbandes - keinen Eintritt. Dennoch werden sich bei den derzeitigen Eintrittspreisen viele Eltern schon aus wirtschaftlichen Gründen überlegen müssen, ob sie ihre Sprösslinge in die Museen begleiten können. Der Anreiz für Kinder und Jugendliche alleine ins Museum zu gehen, wird wohl schon aus Schwellenängsten eher gegen Null tendieren - falls unbeaufsichtigten Minderjährigen überhaupt der Zutritt gestattet wird. Was für die Mehrheit bleibt, ist der Museumsbesuch im Klassenverband. Für die meisten Kinder die einzige Gelegenheit ein Museum von innen zu sehen.

Museen haben den Auftrag zu sammeln, zu bewahren, zu forschen und auszustellen. Dass es mit dem Ausstellen nicht getan ist, sondern jede Ausstellung von ihrer publikumsgerechten Aufbereitung und Vermittlung lebt, ist inzwischen hinreichend bekannt. So liegt es zuletzt an den KulturvermittlerInnen, meist das schwächste Glied in der hierarchischen Struktur der Museen, jungen Menschen positive und gehaltvolle Erinnerungen an das Erlebnis “Museumsbesuch” zu verschaffen. Vielleicht sind nach dem Besuch einige unter ihnen, die wieder kommen und der Institution auch als Erwachsene positiv gegenüberstehen. Nicht zuletzt benötigen selbst die großen Museen in Österreich hohe Besucherzahlen, die nicht von zwangsverpflichteten SchülerInnen dominiert werden, sondern auch erwachsene BesucherInnen aufweisen sollten.

Dem ambitionierten Ansatz des Aktionstages “Schule schaut Kunst” ist hoffentlich über den 2. März 2010 hinaus Erfolg beschieden.

© S. Strohschneider-Laue

Aktuelle Ausstellungskataloge
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Apfeliges Copyright

Montag, 04. Januar 2010

Notiz

Wem gehört das Paradies oder ist da der Wurm drin?

Copyright kann seltsame Blüten treiben. 

2009 wurden Pfotenspuren auf Selbstgestricktem zu klagbaren Plagiaten erklärt - zumindest solange bis der betreffende Konzern mit massiven Imageverlusten zu kämpfen hatte.

2010 ist der Apfel erstmals seit Willhelm Tell wieder zur Zielscheibe der Rechtsverbindlichkeit geworden. Und wie man weiß, ist nicht nur Schneewittchen ein angebissener Apfel zum Verhängnis geworden.

Denn als der Apfel aus dem Paradies geschmuggelt wurde, bekamen Adam und Eva mehr Ärger mit dem illegalen Obstbau als der ganze Most durch den Apfel-Erstbiss wert war. Sogar einer ihrer Söhne züchtete in Folge lieber vierbeinige Vegetarier als das gesunde Zeug selber zu konsumieren. Der nachfolgende Familienzwist ist übrigens bis heute nicht geschlichtet.

Daher stellt sich folgende besorgte und berechtigte Frage:
Welcher der beiden biblischen Großkonzerne mit Monopolansprüchen, die bereits zu Beginn der Apfelmisere - die zum paradiesischen Menschenkonkurs führte - beteiligt waren, hat das Copyright-C auf den Apfel gestempelt?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch: Eindeutig zweideutig

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Kundinnen II

Samstag, 03. Oktober 2009

Notiz

Alltagsdrama: Ausstellungsmacherin trifft auf Autohändler

Warum sollte es einer Freundin in Sachen Männerkommunikation besser gehen als mir (siehe dazu Kundinnen I)?

Besagte Freundin ist eine typische Bleifuß-Frau, die sich so fortbewegt wie es Gott für den Menschen offenbar vorgesehen hat: Mit dem Auto. Immer auf großen Strecken zwischen Wien - Linz - Salzburg - Graz sowie dem zugehörigen Umland pendelnd, fährt sie zwischendurch noch einige Touren quer durch Europa. USA, Mali und China hat sie dieses Jahr notgedrungen - Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel - mit dem Flugzeug angesteuert. Diese Megastrecken hält das beste Auto auf Dauer nicht aus und irgendwann verlassen uns auch die robustesten unter ihnen. Nur um es vorweg zu nehmen, sie ist zwar viel unterwegs aber trotzdem keine Drogendealerin, sondern als Austellungsarchitektin eine echte Spezialistin für Kommunikation und Gestaltung. Das bedeutet, dass ihre Brieftasche nicht prall gefüllt ist und sie ein finanzierbares Auto mit großen Transportflächen aber nicht mit Versteckmöglichkeiten braucht. Jedenfalls war sie auf der Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz.

Ihre Odyssee durch die Autohäuser ihrer Heimatprovinz sei in nachfolgendem Dialog zusammengefasst.

Er: Guten Tag. Auf der Suche nach einem roten Frauenauto?

Sie: Eigentlich habe ich an etwas Flottes, Strapazfähiges für lange Autobahnfahrten gedacht. Ein Cello sollte auch noch Platz finden.

Er: Na, Internetanschluss in Kleinwagen gibt’s noch nicht! HAHAHA. Aber wir haben hier einige rote Modelle.

Sie: Ich meine “Cello” nicht “Chello”. Das eine ist ein Musikinstrument, das andere ein Provider.

Er: Der ist auch gut. HAHAHA Wie gefällt Ihnen dieser schicke rote Kleinwagen? Sehr kompakt und wendig, gut geeignet für den Stadtverkehr.

Sie: Langstrecken, schnell und groß sind meine Anforderungen. Stadtverkehr ist das geringste Problem.

Er (unbeirrt): Schaun’s, in den Roten passen gleich drei Bierkisten für den Mann rein und der Kindersitz für den Spross seiner Lenden hat trotzdem genug Platz.

Sie (schon ausgereizt): Ich trink das Bier nicht aus Kisten und der Spross meiner Eierstöcke braucht keinen Kindersitz, sondern Platz für ihr Cello. Na, dieser große Geländewagen da wäre schon passender.

Er: Na, das ist aber kein guter Stadtwagen zum Einkaufen. Sie werden nur Schwierigkeiten beim Einparken haben und in rot gibt es dieses Modell auch nicht. Das ist eher ein richtiges Männerauto.

Sie: Ich habe nie Schwierigkeiten beim Einparken. Mein Problem sind Autoverkäufer, die nicht zuhören.

Er: Na welches Glück, dass ich jetzt für Sie da bin. Ich habe den idealen Wagen für Sie. Sehr klassisches Modell, seit Jahren unverändert und ausschließlich in rot erhältlich. Kein technischer Schnickschnack. Wird fast ausschließlich von Frauen gekauft. Damen legen ja doch mehr Wert auf Sicherheit als auf Geschwindigkeit.

Sie ist sehr friedfertig, sie hat ihn und die vielen andern Autoverkäufer nicht erschlagen, sogar der nette Herr vom Automobilclub, der - zur modellspezifischen Unfallstatistik befragt - meinte “Frauen kaufen sich meist ein rotes Auto”  lebt noch. Aber wie meine Freundin schließlich zu ihrem Auto - natürlich ist es nicht rot - gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hat sie irgendwo eine Autoverkäuferin gefunden, die zugehört hat.

© S. Strohschneider-Laue

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Kundinnen I

Donnerstag, 24. September 2009

Notiz

Alltagsdrama: Sprachfrau trifft auf Baumarktmann

Neulich wollten wir unsere Wohnung wieder etwas auffrischen. Eine neue Brausetasse sollte es unter anderem sein. Bei solchen Gelegenheiten möchte man nicht die gleichen Fehler - egal ob geschmäcklerischen oder bautechnischen - wiederholen und nochmals zehn Jahre den Anblick der letzten Fehlentscheidung ertragen müssen. Wir einigten uns auf ein technisch-futuristisch anmutendes Badezimmerdesign. Möglichst viel Chrom und Glas sowie möglichst kein weißes Porzellan oder Plastik sollte es sein.

Dass Männer und Frauen nicht die dieselbe Sprache sprechen - auch wenn sie die gleiche nutzen -, dürfte wohl allgemein bekannt sein. Dass das Zuhören und Verstehen aber auch wesentliche Aspekte sind, wird immer unter den Tisch gekehrt. Wie gravierend sich dies beim Einkaufen auswirken kann, wenn es nicht um Grundnahrungsmittel, Hygieneprodukte und Bekleidung geht, sei hier am ersten Beispiel dargestellt. Es war ein Ding der Unmöglichkeit den diversen Angestellten in den zahlreichen Baumärkten und Heimwerkerzentren diese Wünsche darzulegen. Die Dialoge zwischen den durchwegs männlichen Angestellten und mir - definitiv Frau - entspannten sich zusammenfassend etwa so:

Ich: Guten Tag, ich bräuchte ein Brausetasse - möglichst 90 x 90 - im Nirosta-Design.

Er: So was gibt’s nicht.

Ich: Was gibt’s nicht, die Größe oder das Nirosta?

Er: Die Größe gibt’s schon.

Ich: Haben Sie wirklich keine Metalltassen?

Er: Doch, aber das baut man heute nicht mehr ein. Die Restbestände stehen dahinten in der Ecke.

Ich: Nein, die meine ich nicht. Das sind Emailwannen.

Er: Was? Bei E-Mail haben’s wohl was verwechselt. HAHAHA

Ich: Sehr witzig, selten so gelacht. Das ist Gusseisen mit Emailschicht - was nichts mit E-Mail zu tun hat. Ich will ein Hochglanz-Edelstahl-Produkt. Sehr hygienisch, wenn Sie das verstehen.

Er: So was gibt’s gar nicht. Putzen muss man sowieso alles.

Ich: Es geht nicht ums Putzen, sondern um Material und Oberflächenqualität. Brausetassen aus Nirosta gibt’s sehr wohl. Nirosta wird oft in Fabriken oder auf Raststationen eingebaut.

Er: Wenn’s so schlau san, dann schau’n mir mal in den Katalog, da ist alles drin was’ gibt.
Gelangweiltes Blättern folgt, wobei sämtliche Plastik- und Emailwannen von ihm triumphierend durch Fingerklopfer hergezeigt werden.  Da schaun’s her, so schau’n Brausetassen aus.

Ich (bereits ausgereizt): Guter Mann, ich bin sogar mit der Benutzung vertraut. Ich will aber eine aus Metall ohne Email. So ein Ding, das aus schaut wie eine Küchenspüle, bloß die flache und quadratische Variante, zum Reinstellen von Menschen.

Er: Warum sagen’s das nicht gleich? Das haben wir hier gleich hier.

Er stapfte zwei Regalreihen weiter. Zufrieden zeigte er auf ein rechteckiges Metallobjekt, das meinen Wünschen nur mit äußerster Fantasie ähnlich war. In den mediterranen Ländern nennt man so etwas eine Stehtoilette.

“Baumarktberatung” ist ein Oxymoron und ich war einem “Ox-Moron” ausgeliefert.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch Kundinnen II

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Eierbowle mit Weihnachtsmann

Sonntag, 13. September 2009

Notiz

Frohes Fest in Wien

Der Realitätsschock Juli bis August ‘09:

Weihnachtskalender Ende Juli im Papiergeschäft.
Lebkuchen Anfang August im Supermarkt.
Taschen mit Aufdruck “Frohes Fest” im passenden Design beim türkischen Bäcker Ende August.

Die Zukunftsvisionen für September ‘09 bis August ‘10:

Schoko-Weihnachtsmänner im September.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Raketen im Oktober.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Hasenohren im November.
Ostereier unterm Weihnachtsbaum im Dezember.
Ostereier für den Recycling-Ganzjahresbaum im Januar.
Ostereier im Weihnachtsmänner-Faschingsoutfit im Februar.
Weihnachtsmann bringt Ostereier im März.
Weihnachtsmänner mit Zuckereiern oder Ostereier gefüllt mit Weihnachtsmännern am 1. April.
Eierbowle mit Weihnachtsmanngeschmack im Mai.
1000jährige Eiermänner im Juni.
Fondue aus Beständen der unverkäuflichen 1000jährigen Männereiern im Juli.
Schultüten mit Weihnachtseiern und Ostermännern im August.

© S. Strohschneider-Laue

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Provinzlexikon

Sonntag, 30. August 2009

Fiction

Henning Ahrens
Provinzlexikon
Knaus 2009, 304 S., sw. illustriert.
ISBN 978 3 8135 0324 1

Provinzlexikon Provinzlexikon

Frisches Grün lädt in die Provinz und frisches Grün lädt ein, das Provinzlexikon aufzuschlagen. Was mit einem harmlosen Blättern im Buch beginnt, erinnert an einen geplanten kurzen Spaziergang, der in eine großartige Wanderung ausartet.

Was ist eigentlich Provinz? Sicherlich auch das, was man selbst im Kopf hat. Was man aus seiner persönlichen Provinz macht, ist ein individuelles Problem - zumindest solange Provinzgedanken nicht anderen Menschen und schlimmer noch einer ganzen Nation aufgezwungen werden. Dem geistigen Provinzialismus so viele Breitseiten zu verpassen wie möglich, ist - hoffentlich nicht nur - ein Anliegen des Autors. Es ist daher die Individualität der geografischen Provinz, die das Provinzlexikon so herrlich abwechslungsreich vollkommen unvollkommen macht. Genauso wie es Henning Ahrens ankündigt, wird das Provinzlexikon nicht - und soll es auch nicht - der Vielfalt gerecht werden, sondern sich auf die Provinz Norddeutschlands beziehen.

In 274 scharfsichtig dacht gewählten Stichworte klärt Ahrens über die mehr oder weniger wahnsinnigen Provinztatsachen auf. Das frische Design und die minimalistischen Illustrationen von Jana Cerno unterstreichen den pointierten Inhalt zusätzlich. Lexikalisch, humorig, doppelbödig und noch viel mehr ist das provinzdurchtränkte Buch. Dem Ackerrain nähert man sich durch den Tagebucheintrag von Karl. Der Leserbrief des Studienrates Horst an die Allgemeine Provinzzeitung bezieht (eine) Stellung zu Fettleibigkeit. Heuboden wird durch den Brief von Lieselotte an ihre Jugendliebe Karl erschlossen und Trecker (Traktor) bekommt eine eigene und völlig ungeahnte Dimension im Radio-Interview mit Udo. Übrigens derselbe Udo, der nicht nur von 280 PS fasziniert ist, sondern auch über Viagra einiges im selben Medium verlautbart. Das Provinzlexikon ist nicht so norddeutsch wie Ahrens selbst glaubt, kenne ich doch Niedersachsen (Deutschland) seit meiner Kindheit ebenso gut wie das Burgenland (Österreich). Manches, Menschen und Gedanken, sind zuweilen bis zur Austauschbarkeit gleich.

Danke Henning Ahrens, jetzt gewinne ich der Provinz andere Aspekte ab, obwohl ich mich weiterhin einer abgewandelten Form des Woddy-Allan-Zitats auf der Buchrückseite anschließe: “Das Land macht mich nervös. Da sind Spinnen und in der Früh ist es laut, und man kann - vor allem montags - nirgendwo zum Essen hingehen.” Immerhin kann ich jetzt kann lachen, wo ich vorher schreien wollte. Kann die verdrehten Vorzeichen sehen, die die Stadt nur zu einer anderen Form der Provinz macht. Dem Menschelnden, das Wilhelm Busch einst bei seinen Familienbesuchen in Wolfenbüttel zeichnerisch festhielt, setzt Henning Ahrens in seinem Provinzlexikon ein literarisches Denkmal.

© S. Strohschneider-Laue

Provinzlexikon

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Liebe zwischen den Seiten - Loving Memory

Samstag, 01. August 2009

Notiz

Albert Francis Rosa hat diese Welt verlassen

Albert Francis Rosa *1915 †2006

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein.

Langsam aber sicher wird unsere Wohnung immer kleiner. Egal, es gibt keine schöneren Tapeten und Wandisolationen als überquellende Bücherregale. Nicht immer kommen neue Bücher dazu. Manchmal sind die Titel schon vorhanden: Allerdings übersetzt und das ist nicht genug. Nein, sie müssen auch im Original zur Wohnraumverkleinerung beitragen. 2008 wurde unsere Tochter auf dem Neubaugassen-Flohmarkt fündig. Englische Taschenbücher, gebraucht, billig, in Mengen und das am Taschengeldtag! Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammengefasst, ist nichts dagegen. Im Stapel befand sich schließlich wieder eines dieser mit Überraschung gefüllten Pralinenschachtel-Bücher:

Paula Volsky
The Luck of Relian Kru
Ace Fantasy 1987

Gleich beim ersten Durchblättern fiel ein Sterbebildchen heraus. Eines jener mit Heiligen bedruckten Zettelchen, die bei Begräbnissen an die Trauergemeinde verteilt werden. Es ist eine Darstellung der Vogelpredigt des Franz von Assisi. Auf der Rückseite wird an Albert Francis Rosa (June 25, 1915 - August 23, 2006)  begleitet von einem Zitat aus “The Littel Prince” von Antoine de Saint-Exupéry gedacht.

Ich weiß nicht, wer der 91jährige Herr war. Die liebevolle Auswahl des Gedenkbildes spricht aber für einen Menschen, der gemocht wurde. Es ist eine schöne Vorstellung, dass er nicht alleine seine letzte Reise angetreten hat, sondern begleitet wurde. Und es gab zu mindest einen Menschen, der das “Loving Memory” Zettelchen nicht gleich entsorgt hat. Es nicht nur behalten hat, sondern auch mit dem Buch immer wieder zur Hand nahm und erinnert werden wollte. Es war wohl ein Versehen, dass Albert Francis Rosa schließlich in dem Buch blieb. Dass er nach seinem Tod zum Mysterium werden würde, hätte ihn vielleicht sogar amüsiert. In einem kanadischen Buch in Wien in Begleitung eines italienischen Gedenkbildchen und eines ins Englische übersetzten Zitats eines französischen Autors angetroffen zu werden, wäre selbst für Sherlock Holmes eine Herausforderung und für James Bond verdächtig gewesen.

Für seine Freunde und Verwandten lebt Albert Francis Rosa im Herzen und in den Sternen, wenn sie in klaren Nächten aufblicken. Bei uns ruht die Erinnerung an ihn in The Luck of Relian Kru.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. 
Kriegsbriefe 
Die Fotos der Rosi Z.

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Wiener Prater

Samstag, 04. Juli 2009

Notiz

Tradition: Wiener Prater

Prater 1996 © S. Strohschneider-Laue

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Manchmal sind Traditionen gar nicht so schlecht; denn nicht alle sind vorgestrig und/oder moralinsauer. Eine schöne Wiener Tradition ist es, während der Kindheit zu bestimmten Anlässen (Einschulung, Erstkommunion) in den Prater gehen zu dürfen. Es ist quasi ein vorgezogener Tapferkeitsbonus, ein Haftaufschub, ein Freigang bevor es so richtig ernst mit der realen (Schule) und der spirituellen Hölle (Kirche) wird.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Ich kam in den Genuss dieser Tradition, weil ich zur richtigen Zeit statt in Frankfurt in Wien war. Als Minitouristin mit den Eltern genau rechtzeitig vor meiner Einschulung. Natürlich wurden Fotos gemacht: Kind am Pferd, Kind im Karussell, Kind im Miniauto. Meist ist das Kind - also meine Person - kaum erkennbar und oft lugte nicht einmal mein Kopf über die Lenkstange hinaus. Diese Fotos sind vermutlich familienunabhängig austauschbar. Es gibt sie sicher zu Millionen in den Schubladen von Eltern, Großeltern, Paten und unzähligen anderen mehr oder minder Anverwandten.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Rund dreißig Jahre nach meinem Praterspaß, ereilte unsere Tochter - eine typische Wienerin mit Wurzeln in ganz Europa - der Praterbesuch zum Schuleinstieg. Es war wie erwartet. Bei den meisten Fahrbetrieben musste man den Besuch aufgrund elterlicher Verantwortung ablehnen. Teuer war es auch, aber an einem solchen Tag haben Eltern und vor allem Großeltern Spendierhosen an. Schön ist es trotzdem, wenn man feststellt, dass sich das eigene Kind trotz des Überangebotes als bescheiden erweist. Riesenrad, Achterbahn, Autoscooter, Geisterbahn und sämtliche supermodernen Speed- und Höhenvarianten auf “Kotz mehr” und “Schneller Hirntod”, wurden bestaunt aber nicht gewünscht. Am Ende waren es eine Zuckerwatte, einige Lose bei der blonden Plastikpuppen- und rose Plüschtier-Tombola, eine Runde Ponyreiten und unbedingt die Autorennbahn. Das Rennbahnrelikt aus den 1960ern oder noch früher, existierte tatsächlich noch. Mindestalter war schon damals “12 Jahre” als ich Schulanfängerin war und unbedingt Rennen fahren wollte. Und ganz genau wie damals klettere mein Vater - nun mit der Enkeltochter - in das Vehikel. Und er sagte ganz genau dieselben Dinge zu ihr wie dreißig Jahre vorher zu mir: “Den schnappen wir, den kriegen wir, mehr Gas und schnell vorbei”. Natürlich blieb es nicht bei einer Runde.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Und ganz genau wie damals stand meine Mutter am Rand der Bahn und war zutiefst besorgt, dass der scheppernde Höllenritt - wie man dem Foto entnehmen kann - Opas kriegsversehrten Rücken schaden würde. Nun war auch ich Mutter, aber ich war nicht besorgt. Ich war eifersüchtig und noch dazu auf das eigene Töchterchen. Pech, dass es “meinen” blauen Wagen von damals nicht mehr gab. Ich hätte es den beiden gezeigt, schließlich hatte ich den gleichen Fahrlehrer.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Bei diversen Gelegenheiten waren wir in nachfolgenden Jahren mit Freunden und ihren Kindern im Prater. Die Bahn war geschlossen. Es war als ob ich ein Stück Kindheit verloren hätte. In Wirklichkeit gehen doch alle mit den Kindern in den Prater, um noch einmal das zu tun, was sie selbst als Kind so genossen haben - ich bin keine Ausnahme. Quasi ein glückliches Ausleben des verborgenen Peter-Pan-Komplexes. Was passiert aber, wenn es diese Kindheitserinnerungen plötzlich nicht mehr gibt? Nein, man muss trotzdem nicht erwachsen werden. Nein, denn wir haben doch alle die unzähligen Fotos. Wenn unsere alten Fotos nicht die Farbe verloren hätten, könnten wir unsere Fotos glatt verwechseln. Bis auf eines: Es ist einzigartig, zumindest für mich und sicher für unsere Tochter.

© S. Strohschneider-Laue

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Prioritäten setzen

Freitag, 19. Juni 2009

Notiz

Ausstellungsmacher

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Dozent G., der alteingesessene Chef des Museums, blickte wohlwollend auf seine Untergebenen. Nach einer gut berechneten Pause räusperte er sich und hob mahnend den Zeigefinger: “Liebe Mitarbeiter und -innen. Demnächst müssen wir einen neuen Publikumsmagneten in unsere Ausstellungshallen bringen. Die leider noch lebende Künstlerin war nicht etabliert genug, so dass nur 6.000 Besucher bei uns verzeichnet wurden. Das ist halt das Problem mit Frauen in der Kunst. Gut, dass wir vom Frauenministerium, dem Genderverein und den Gewerkschafterinnen ausfinanziert wurden. Aber jetzt, jetzt brauchen wieder einen richtigen Erfolg, also einen Mann. Gute Kritiken in den Zeitungen sind nicht genug. Meine Damen und mein Herr, ich erwarte ihre Vorschläge.”

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er über den Brillenrand erwartungsvoll in die betroffenen Gesichter der drei Anwesenden. Eine Weile hörte man nur das eifrige Kratzen des Bleistifts der Sekretärin, die immer minutiös jedes Wort protokollierte. Es herrschte tiefes Schweigen, das durch das nervöse Herumwetzen und Fußscharren der Angesprochenen abgelöst wurde.

Magister W. ergriff beflissen das Wort: “Nun da drängt sich doch Picasso gerade zu auf, obwohl Monet auch immer gut geht. Wobei von Picasso gibt’s mehr Bilder und Chagall zeigt leider gerade die Konkurrenz.”

Nun mischte sich auch Doktorin R. ein: “Sie vergessen, dass Monet und Picasso in den letzten Jahren bereits zweimal in der Stadt - ebenfalls von der Konkurrenz - präsentiert wurden. Wir sollten doch ein wenig innovativer vorgehen. Wie wäre es mit einer Themenausstellung ohne sich auf einen einzigen Künstler zu kaprizieren? Ich denke dabei an das beliebte Thema ‘Impressionismus’. Die Bilder will doch jeder auf der Wand hängen haben.”

Dozent G. schnitt den gerade zur Rede ansetzenden Magister W. das Wort ab und meinte begeistert: “Ja, so machen wir das. Perfekt! Ich finde doch immer wieder unsere Teamsitzungen mit dem regen Brainstorming meinerseits erfrischend. Sie haben ein halbes Jahr Zeit, um die Ausstellung vorzubereiten. Ich möchte am Montag ihre Vorschläge zur Bildauswahl vorgelegt bekommen! Ich bitte Sie mich jetzt zu entschuldigen, ich habe jetzt noch einen wichtigen Termin im Kaffeehaus.”

Seine Mitarbeiter erhoben sich und verließen gemeinsam den Raum. “Prima, hat das geklappt”, meinte Magister W. grinsend, “damit sollten wir überhaupt keine Arbeit haben!”

 ”Na, na”, beschwichtigte Doktorin R., die Köpfe müssen wir schon noch zusammenstecken, aber aus dem Vollen schöpfen können wir noch immer.”

 TeeTextTasse © Ch. Ranseder Am nächsten Montag legten sie den Konzeptentwurf vor:

  • Die bedeutendsten Künstler des Impressionismus sollten an Hand ihrer wichtigsten Werke präsentiert werden.
  • Statt die Bilder wie üblich zeitlich geordnet auf den Wänden zu verteilen, sollte thematisch vorgegangen werden, um den Besuchern Vergleiche zu erleichtern.
  • Zudem sollten alle Künstler durch ein Portrait vertreten sein, um auch die Maler persönlich und nicht nur ihre Werke vorzustellen.
  • Wenn möglich, sollte ein passendes Bild die Wohnsituation und das Atelier des Künstlers dokumentieren. Ein aktuelles Foto sollte den heutigen Zustand des Hauses oder der Umgebung zeigen.
  • Der Katalog sollte den Umfang eines Taschenbuches nicht überschreiten. Klein, übersichtlich erschwinglich und vor allem sprachlich zugeschnitten auf ein interessiertes Laienpublikum.
  • Die Kunstvermittler sollten während der gesamten Vorbereitung eingebunden werden, um das Publikum später optimal an die Ausstellung heranführen zu können.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder ”Also”, begann Dozent G.”, das ist ja mal wieder typisch für Sie beide. Sie sind doch betriebsblinde Ignoranten. Selbstverständlich kommen die wichtigsten französischen Impressionisten nicht in Frage. Wir haben mit den entsprechenden Häusern keine Leihverträge. Das ist außerdem viel zu kompliziert, zumal die dort nur auf französisch verhandeln, seitdem wir das eine ausgeliehene Bild aus dem Rahmen genommen haben und es zu Transportzwecken aufrollten wie eine Tapete. Wie hätten wir es denn sonst durch unsere Museumstür bringen sollen, wenn es doch glatt um fünf Zentimeter zu groß ist? Wer rechnet denn schon m solchen Dimensionen? Aber die müssen sich ja immer gleich so haben. Na, wie auch immer!”

Er schüttelte wieder den Kopf und schaute strafend über den Brillenrand: “Kommen Sie mir nicht mit diesem didaktischen Quatsch. Wozu soll es denn gut sein die Bilder thematisch zu hängen. Bilder hängt man ausschließlich nach ästhetischen Aspekten und ästhetisch heißt, nach Größe sortiert!”

Wieder kehrt kurzes Schweigen ein, während Dozent G. weiter las: “Die Portraits sind völlig sinnlos. Kein Mensch interessiert sich für den ungepflegten Monet oder den versoffenen van Gogh, nur ihre Werke zählen. Genauso egal sind mir deren Absteigen. Wir sollten auf jeden Fall den Platz darauf nicht vergeuden, sondern ein einziges - besonders großes - Bild als zentralen Blickfang auswählen. Damit halten wir die Leihgebühren und Versicherungsbeiträge niedrig und mit zwei weiteren haben wir die erste Halle voll.”

Mit gerunzelter Stirn blätterte Dozent G. weiter und schlug plötzlich heftig mit Hand auf den Tisch. Empört riss er sich die Brille von der Nase. “Also, dass ist doch der Gipfel der Borniertheit! Taschenbuch? Erschwinglich? Leicht verständlich? Was glauben Sie eigentlich, wo Sie sitzen? In der Schulbuchkommission? Ich weiß ja nicht, was Sie von sich halten, aber ich bin renommierter Wissenschafter. Meine Publikationsliste als Herausgeber ist lang. Kein Vorwort der letzten Jahre, das nicht von mir wäre! Die Kollegen, von denen wir die Bilder leihen, sehen das sicher genauso. Sie müssen mit ihren Beiträgen im Katalog als Autoren vertreten sein. Und wenn nicht jeder Hinz und Kunz mit meinem wissenschaftlichen Anspruch etwas anfangen kann, ist das mir nur recht. Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder glaubt schreiben zu können? Es kann ja schließlich auch nicht jeder malen! Nur mit einem tiefsinnigen Verständnis des kulturhistorischen Gesamtkontextes und einem metaphysischen Zugang, bezogen auf das psychologische Substrat ist man befähigt den Weg des Künstlers vom Gegenständlichen zum schwarzen Quadrat auf weißer Leinwand - aufgehängt im Herrgottswinkel - verfolgen zu können. Das heißt aber noch lange nicht, dass jedes hingepinselte schwarze Quadrat auf weißer Leinwand von irgendwem gleich bedeutend ist. Nein, denn nur aus dem fundamentalakademischen Zusammenhang und der unverrückbaren Philosophie des Kanons erwächst die Kunst!”

Eine Ader begann an der Stirn von Dozent G. zu pochen. “Und ich gehe sicher richtig in der Annahme, dass Sie in ihren Kalkulationen nicht die entsprechenden Autorenhonorare für die jeweiligen Institutionsleiter berücksichtigt haben”, dabei strich er sich unbewusst über die Brieftasche. “Mit 80.000 Euro für den Katalog - ohne Druckkosten versteht sich - ist mindestens zu rechnen. Die Qualität sind wir unserem Publikum schuldig. Ich will ihnen beiden keine Bereicherung vorwerfen, obwohl ich annehme, dass wohl irgendwer aus Ihrem Freundeskreis schnell etwas um die 5.000 Euro, die Sie da veranschlagt haben, zusammengeschreibselt hätte. Es muss sogar Ihnen klar sein, dass etwas derartig Billiges auch nur billig sein kann.”

Es folgte Kopfschütteln. “Und was wollen Sie eigentlich dauernd mit ihrer Vermittlung? Diese Bilder sprechen für sich selbst. Ich wünsche keine Platzverschwendung an auffällig groß geschriebene Raumtexte. Für die dezente Beschriftung der Werke genügt der Name des Künstlers, das Entstehungsjahr und selbstverständlich gut lesbar der Name des Leihgebers. Audioguides reichen völlig. Der unerträgliche Lärm, der durch Führungen entsteht, wird vermieden und jeder Besucher kann in erhabener Andacht die Stimmungen der Bilder aufnehmen.”

Langsam lehnte Dozent G. sich zurück und blickte eine Weile strafend auf seine zusammenschrumpfenden und inzwischen um ihre Jobs bangenden Mitarbeiter. “Da ich schon geahnt habe, was ich von ihnen erwarten kann, erkläre ich ihnen wie wir das machen werden. Die Ausstellung wird heißen: 
Das unbekannte Werk der Impressionisten - Gemälde aus Privatsammlungen
Der Hochglanz-Katalog wird mindestens A4-formatig und auf jeden Fall 800 Seiten umfassen. Ich denke dabei an einen Verkaufspreis von rund 95,00 Euro bei einer Auflage von 1000 Exemplaren zum freien Verkauf und weiteren 500 zu Geschenkzwecken an Autoren, Sammler und meine wichtigsten politischen Kontakte.”

Selbstgefällig blickte er in die Runde: “Was die Zusammenstellung der Werke betrifft, rufe ich einige meiner Freunde an, die Impressionisten sammeln. Sie geben uns ihre Bilder ohne hohe Leihgebühren. Schließlich haben sie ihre Sammlungen nur meiner finanzgünstigen Beratung zu verdanken und jetzt können sie durch die Präsentation in unserem Haus zusätzlich eine Wertsteigerung ihrer Stücke erzielen. Leider zählen keine amerikanischen und japanischen Sammler zu meinen Kontakten. Ich werde wohl wieder in den sauren Apfel beißen müssen und die Beziehungen vor Ort knüpfen. Das bedeutet, dass ich die nächsten Monate kaum im Haus sein werde.”

Er begann seine Ausführungen mit seinem rechten Zeigefinger zu unterstreichen: “Frau Doktor, Sie übernehmen während meiner Absenzen die Verhandlungen mit der Druckerei.
Das Lektorat der Texte wird meine Frau als externe Fachberaterin zu entsprechenden Konditionen übernehmen.
Selbstverständlich fungiere ich wieder selbst als Herausgeber. Schließlich sollte man so etwas Essentielles wie das Vorwort keinesfalls delegieren.
Herr Magister, Sie kümmern sich um den Transport der Exponate, für die Ausstellungsgestaltung stelle ich Ihnen meine Tochter zur Seite. Sie ist versiert im Umgang mit dem Computer. Mit ihren verschiedenen Sim-Programmen hat sie schon als Teenager ganze Häuser dekoriert.”

Er wedelte enthusiastisch mit seinen Notizen vor der Nase der Sekretärin, die durch ihr stetiges Nicken oder von den vielen fremden Worten bereits etwas desorientiert wirkte. “Besorgen Sie mir zunächst ein Flugticket nach Tokio für März, im April sollte ich die Verhandlungen in New York aufnehmen und ab Mai werde ich dann Sydney angehen, dann bleibt noch genug Zeit für Paris im Juni. Buchen Sie bitte adäquate Hotels in den Stadtzentren. Juli und August reserviere ich für meinen wohl verdienten Urlaub mit meiner Familie. Im September habe ich dann sicher wieder genug Kraft für die letzten Gespräche in Toronto. Achja, stellen Sie mir die wichtigsten Fakten für das Vorwort zusammen. Nicht mehr als zehn Seiten, damit ich das ganze auf etwa eine Seite komprimieren kann. Wenn ich nicht so ein Arbeitstier wäre, würde hier alles stagnieren. Ja, von mir können Sie alle hier noch jede Menge lernen.”

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vergeuden Sie nicht Ihre Energie an Inhalte, arbeiten Sie endlich für Ihre Karrieren!

© S. Strohschneider-Laue

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Allergie: TV-Jogurt

Samstag, 13. Juni 2009

Notiz

Allergie auf TV-Jogurt ab 2007

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Ich liebe Reklame. Als Zeitzeichen spiegelt sie aktuelle Befindlichkeiten und zuweilen hat sie mit kürzesten Kurzgeschichten sogar Unterhaltungswert.

Schon als Kind Ende der 1960er habe ich Reklame gemocht - vor allem die TV-Werbung. Zu meinem Missvergnügen haben meine Eltern mehr oder minder erfolgreich danach getrachtet, mich um dieses Vergnügen zu bringen. Auch heute noch wechseln sie sofort den Sender, wenn die Werbepause beginnt.
Ihr unwiderlegbares Argument lautet: “Die wollen doch alle nur, dass man ihren Kram kauft!”
Eine durchaus gesunde Basis für ein selbstbestimmtes - soweit das überhaupt möglich ist - Kaufverhalten. Mir war das damals natürlich nicht einsichtig, weil sowieso meine Eltern den Einkauf bestimmten. Nachdem ich die Kaufentscheidungen meiner Eltern nicht manipulieren konnte, nahm ich mit kindlicher Unschuld und Vertrauen an, dass es auch kein anderer könnte.

Beschäftigte mich im Volksschulalter noch die Frage, ob meine Mutter wirklich von ihrem Gewissen geplagt wurde, weil sie nicht diesen ganz bestimmten bzw. gar keinen Weichspüler nahm, sind es heute ganz andere Aspekte vergleichbarer Spots. Übrigens hat meine Mutter kein schlechtes Gewissen wegen ihrer Weichspülerabstinenz. Sie meinte schon damals, dass man in gut ausgespülte Wäsche keine neue Chemikalie reinspülen sollte, die sich dann ungehindert auf der Haut verteilt. Ein sehr vernünftiger Gedanke, lange bevor sich jeder über allerlei Hautallergien oder Neurodermitis den Kopf zerbrochen hat. Mein Vater, ein mit sehr empfindlichem Geruchssinn ausgestatteter Liebhaber teurer Parfums, kann die “billigen” Weichspülerwolken nicht ausstehen. Ich erlebte dagegen während der Hochphase dieser Werbekampagne um das “gute Gewissen” einen gewissen sozialen Druck, den weniger kritisch aufgezogene Kinder ausübten. Sie fragten mich tatsächlich, ob meine Mutter denn kein “schlechtes Gewissen” hätte. So etwas nennt man dann wohl den Teufelskreis sekundärer Werbewirkung.

Mit Genuss habe ich aber ab und an vermerkt, dass auch meine Eltern nicht immer ganz werbungsungeschädigt geblieben sind. Der berüchtigte “Eumel” (Grauschleier verursachender Gardinenschädling) der frühen 1970er ist nahtlos von der Waschmittelwerbung in ihren Wortschatz übernommen worden, während sie das in meinen Ohren so genussvoll klingende “schokoschmackig” nicht goutierten.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Nachdem Eltern alles besser machen wollen als ihre eigenen Altvordeeren, galt dieses lästige “Werbeverbot” bei meinem Kind ab Mitte der 1990er nicht. Nicht ganz uneigennützig, denn sonst hätte ich meine TV-Spot(t)sucht nicht befriedigen können. Es war eine gute Entscheidung. Denn durch unseren Spaß Werbung ständig zu kommentieren und sie zu veralbern, ist aus unserer Tochter eine kritische Beobachterin geworden. Besonders stressabbauend ist es den Ton abzudrehen und eigene Spontantexte zu sprechen.

2007 erklärte meine Jungfeministin, dass sie es gründlich satt hätte, jedes vermeintliche Verdauungsproblem von der Werbung als Frauensache deklariert zu sehen. Sie hat gut beobachtet und schön, dass sie es gleich satt hatte! Egal, ob es sich um bakterieninfizierte Milch- oder rein chemische Pharmaprodukte handelt, immer - außer man bedient sich der Popularität eines Medienmannes - sind Frauen von unerwünschten Darm(in)aktivitäten befallen. Magengurgeln, verschlagene Winde, Stuhlprobleme und Übergewicht werden zur “Frauensache”, wenn es darum geht dem Publikum diverse - mehr oder minder natürliche -Jogurtvarianten aufzuschwatzen. Da drängt sich doch die Frage auf, ob man die Käuferinnen nicht eher auf diesem Umweg dazu bewegen will, die Produkte ihren Flatulenzmännern und ewig lesenden Klobesetzern aufzutischen. Junge, schlanke, hellhaarige und dynamische Powerfrauen, die ansatzweise auch mütterlich wirken dürfen, weihen ihre weniger jungen, dickeren, dunkelhaarigen und undynamischeren Freundinnen in ihr Milchproduktgeheimnis ein. Die Jogurtfläschchen-Party ersetzt die Plastikboxen-Party. Die bio- und gesundheitsbewussten Korkschlapfen-Fans unter den potentiellen Kundinnen werden mit fernöstlichem Yoga-Göttinen-Charme beworben. Das schlechte Gewissen wird Müttern vermittelt, die ihre Familien nicht mit vergammelter Milch gegen allerlei Krankheiten immunisieren. Was wären alle diese Marktschreier ohne Frauen?

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Genau da setzt unser liebstes Werbespiel ein: Geschlechterumkehr!
Was wäre, wenn nicht der Frau der Rock von den jogurtschlanken Hüften rutschen würde, sondern Mannes Knackpo in einem Stringtanga zu sehen wäre? Was wäre, wenn sich nicht eine Frau mit dem Seifenprodukt verschämt ihre Vorderseite abschäumen würde, sondern ein Mann lässig seine aufpolierte Kehrseite - wir wollen ja nicht übertreiben - präsentieren würde?

Knackige Männer wären uns beiden Frauen eindeutig lieber, aber das lässt die Zensur natürlich nicht zu. Vor nackten Frauen müssen die Zuschauer anscheinend nicht beschützt werden, vor nackten Männern hingegen schon. Oder ist die fragwürdige Fauendominanz eine wirtschaftliche Entscheidung: Es gibt mehr herzeigbare Auswahl und sie sind billiger zu haben?

Frauenautos müssen sicheren Platz für ihre Kinder und seine Bierkisten bieten und sie lassen ihre Besitzerinnen tüchtig erscheinen. Männerautos hingegen bewältigen jede Fahrsituation von der Mondlandschaft bis zur Rennstrecke und sie machen ihre Besitzer attraktiv. Eine nette Vorstellung zur Abwechslung einmal einen Mann im Kampf mit dem Wocheneinkauf und den sabbernden Nachwuchs rund um den roten Kleinsttranspoter zu beobachten oder eine Frau mit ihrem schnittigen Zweisitzer beim Aufriss zu zeigen.

Die Mehrheit der einkaufenden Frauen scheint wirklich zu glauben, dass sie von den diversen Produkten schlank, schön, begehrenswert wird und eventuell sogar gesund bleibt. Wenn es nicht so wäre, würden es die Werbefirmen ja wohl nicht ständig mit dieser Masche versuchen. Dabei funktioniert es aber auch anders. Das hat u. a. jene Körperpflegelinie bewiesen, die sich für ihre Spots und Plakate ganz normale, (über)füllige, schwangere, sommersprossige, narbige und tätowierte Frauen jedes Alters ausgesucht hat, die durchwegs realistische Identifikationsfiguren darstellen. Männer können auch interessante Werbeträger sein, es gibt keinen Grund sie zu unterdrücken, sie als Trottel oder Machos zu zeichnen oder es nur mit Superstars zu versuchen. Obwohl für uns Sport völlig uninteressant ist, gefallen uns jene Spots, in denen das berühmte boxende Brüderpaar zu sehen ist. Zwei unterschiedliche Produkte, keines davon verbindet man mit Boxchampions, sondern inhaltlich und somit werbetypisch mit Kindern sowie besorgten Müttern. Auch das österreichische Skiteam, deren Pistenerfolge uns völlig egal sind, macht sich beim unterhaltsamen Verzehr von Tiefkühlkost nicht schlecht.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Wir sind für die Emanzipation der Männer in TV-Spots!
Zeigt uns attraktive Männer! Wir wollen wohlproportionierte, gepflegte und schick gekleidete (Haus)Männer sehen, die realistisch kochen, putzen, waschen, bügeln und Kinder wickeln und trotzdem nicht das Hirn bei der Kasse abgegeben haben. Wir mögen keine ungepflegten und schlecht gekleideten Typen, die herablassend verkünden, sie wüssten es besser als Frauen nur weil sie Männer sind. Wer mag schon dummdreiste Überheblichkeit? Die Arroganten, die ihren zittrigen vorgestrigen Müttern die Gegenwart zeigen und ihnen den Unterschied zwischen Waschrumpel und Waschmaschine sowie den Gebrauch von Wasserenthärtern erklären, weil Frauen die letzten 50 Jahre Fortschritt verpasst haben, sind letztklassig. Und wer interessiert sich schon für Typen, die von ihren Übermüttern belehrt werden? Formbar ist ja ganz nett, aber abgenabelt von Mami sollten Werbemänner schon sein. Supermänner, Schlaumeier oder Waschlappen sind unerwünscht.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vor unseren inneren Augen schwebt der gestylte Mann, der seiner lässig-sportlichen Partnerin den Einkauf ihrer Monatshygiene abnimmt, während sie sich um die Kondome kümmert…
Und dann sind wir aufgewacht!

© S. Strohschneider-Laue

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Liebe zwischen den Seiten - Ramirez Jr.

Sonntag, 07. Juni 2009

Notiz

Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. kam nach Kleist

Micheal Yerry/Terry Ramirez jr.

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig zwischen den Buchseiten von Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Seine Story habe ich in Kleist kam zu erst erzählt.

Vor einem oder zwei Jahren zog wieder ein Flohmarktbuch mit darin verstecktem Bewohner bei uns ein. Meine Tochter kaufte das Buch gemeinsam mit einem ganzen Stapel anderer englischer Taschenbücher auf dem Naschmarkt-Flohmarkt in Wien. Sie fand schon immer, dass man Geld grundsätzlich in Bücher, möglichst in englischsprachiger Horror- und Fantasyliteratur, angelegen sollte. Und eigentlich kann ich ihr nur beipflichten und zugleich sämtlichen religiösen und magischen Ritualen huldigen, die verhindern sollen, dass wir mit unseren Bücherbergen vom vierten in den dritten Stock durchbrechen. Antiquarisch kam also auch folgendes - bis dahin schmerzlich vermisste - Horror-Werk in unserer Wohnung:

 Anne Rice
The Mummy
Ballantine Books 1991

An der spannendsten - hoffentlich nicht der blutigsten - Stelle fand sich der kleine Michael. Ein ruhiges Kind, das eine ganze Weile unbemerkt zwischen den Seiten schlummerte. Auf der Seite stand “Tschaikowski 4. Symphonie”. Vielleicht war der kleine Michael deshalb so friedlich; denn er hörte die ganze Zeit gute Musik und erwartete sein weiteres Schicksal.

Auf der Rückseite des Babyfotos waren Name, Gewicht und Geburtsdatum vermerkt. Ein Glück, denn wenn es nicht so gewesen wäre, wäre es ihm wie Kleist ergangen, der seinen Namen dem “Fundbuch” zu verdanken hat. Irgendwie wäre gemäß deutscher Ausprache ”Mummy” für das Baby noch möglich, aber korrekt ”The Mummy” wäre inhaltlich doch etwas mehr als nur befremdlich für so ein kleines Geschöpf gewesen.

Wir verdanken dem kleinen Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. (*15. August 1993) jedenfalls ungezählte Diskussionsstunden allein um des Buben Mittelname: Jerry, Yerry oder Terry? Und in Anbetracht der allgemeinen Globalisierung war es erfrischend, dass zwar weltweit Einheits-Papp zum Essen angeboten wird, aber die Maßeinheiten (lbs/oz/in) noch nicht erfolgreich überall vereinheitlicht wurden. Also über seine Idealmaße konnten wir uns vor lauter Schrägstrichen und/oder Einsen ohne Aufstrich* natürlich auch nicht einigen.

Somit gehört Michael der Minirätsel-Bub zur Familie. Er ist brav und verträgt sich auch mit Kleist gut. Seine eigentliche Familie hat ihn zwar aus dem Fotoalbum verloren, aber das unersetzbare Original behalten dürfen. Schön, wir wünschen ihm, dem Original und seiner Familie jedenfalls das Beste. Und falls Michael Yerry/Terry Ramirez jr. das hier liest, soll er immer daran denken, Er war jemanden so wichtig, dass er sogar beim Lesen - einer echten Solistentätigkeit - immer dabei sein durfte.

© S. Strohschneider-Laue

*Nicht der streichfähige Brotbelag, sondern der halbe Anlauf, den man hierzulande der Zahl “eins” auf der linken Seite als kurzes Stricherl von halb-links unten nach ganz-rechts oben vergönnt.

Siehe auch
Kleist kam zu erst
Loving Memory
Kriegsbriefe
Die Fotos der Rosi Z.

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Hasen, Angsthasen, Hasenhirne

Dienstag, 19. Mai 2009

Notiz

Von Hasen, Angsthasen und Hasenhirnen

Es war einmal ein sehr ängstliches und sehr dummes Häschen, ein richtiger ungebildeter Hasenfuß, ein echter einfältiger Angsthase. Das Häschen glaubte tatsächlich, dass jeder, wirklich jeder, es auffressen wollte. Da sagte es zu sich: „Wenn ich groß und stark wäre, müsste ich mich nicht fürchten, dann müssten sich alle anderen vor mir fürchten. Ich muss etwas tun, denn ausgewachsen bin ich schon und kräftiger werde ich sicher auch nicht mehr. Jetzt gehe ich mir ordentlich Mut antrinken, finde andere Hasen und ändere die Welt.” Zunächst begann das zittrige Häschen sich mit einem Glas frisch gebrauten Möhrli von der beliebten Möhrenbar an der Ecke zu stärken. Und dann stärkte es sich mit noch einem Möhrli und mit noch einigen weiteren frisch gezapften Möhrlis, bis sein Zittern vorbei und seine Zunge locker genug war, um seine Angst laut genug herauszuschreien. Als es daher so an der Theke der Möhrenbar stand und sich endlich möhrenstarken Mut angetrunken hatte, fragte es schließlich das Kaninchen neben sich: „Haben Hasen Angst gefressen zu werden?”

Und der andere Möhrlitrinker trommelte begeistert mit der Pfote auf die Theke und antwortet lautstark: „Ja, alle Hasen haben Angst!”

Erstaunt über die laute Zustimmung, schrie das Häschen möhrenmutig in die Runde, so dass alle anwesenden Kaninchen, Hasen und Meerschweine es hören konnten: „Wollen Hasen Angst haben gefressen zu werden?”

NEIN!”, brüllte die angeheiterte Möhrligesellschaft sehr laut und unkritisch zurück.

„Was wollt ihr Hasenherze dann?”, brüllte das von Möhrli und Zustimmung berauschte Angsthäschen von Neuem.

„Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”, grölten sie alle trunken im Chor.

Hasen, Kaninchen und Meerschweine stießen mit vielen Gläsern Möhrli gemeinsam auf die angstfreie Zukunft der Hasen an. Dazwischen sangen und sprangen sie durcheinander: „Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”! Das ängstliche Häschen thronte inzwischen wagemutig auf den Schultern von zwei Meerschweinen und dirigierte die Sprechchöre mit seiner welken Karotte.

Als plötzlich ein schon sehr unsicher auf seinem Barhocker schwankendes Kaninchen vernehmlich fiepte: „Nie mehr Angst und Freiheit für die Kaninchen!” Da wurde es blitzartig still und einige Kaninchen begannen zustimmend zu nicken.

Das ehemals ängstliche Häschen, genau der dumme Hasenfuß mit dem alles angefangen hatte, zeigte gebieterisch mit seinem Karottenszepter auf das vorlaute Kaninchen und befahl: „Nieder mit den Verrätern, nieder mit den Hasenfeinden!”

Im Nu fielen alle Hasen und Meerschweine gemeinsam über die Kaninchen her und zerrissen sie in tausend Stücke. Beglückt über ihren Sieg, stimmten sie wieder ihren Chor an: „Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”.

Als plötzlich ein schwer mit Möhrli angetrunkenes Meerschwein zu weinen anfing. Denn es gab auf einmal viel mehr Platz in der Möhrenbar, aber ohne die Kaninchen war es gar nicht mehr so kuschelig wie zuvor. Da wurde es wieder ganz still und die Meerschweine blickten sich betroffen um.

Das Anführerhäschen, ja wieder genau das ehemals so zittrige Angsthäschen mit dem alles angefangen hatte und das sich inzwischen ganz selbstbewusst von den Hasen herumgetragen ließ, zeigte nun gebieterisch mit seinem Karottenszepter auf das weinerliche Meerschwein und befahl streng: „Nieder mit den Verrätern, nieder mit diesen Kaninchenfreunden!”

Im Nu fielen nun die Hasen über die Meerschweine her und zerrissen sie in tausend Stücke. Aber nach diesem letzten Massaker waren nur noch die Hasen übrig und statt eines Sprechchors gegen Angst gab es nur noch Schweigen aus Angst, denn nun hätten sich die wenigen verbleibenden Hasen nur noch gegenseitig in Stücke reißen können.

Und die vielfältige Moral aus der Geschichte des einfältigen Angsthasen?

Fingerzeig © S. Strohschneider-LaueReden ist viel, Zuhören ist mehr und Verstehen ist alles! Denn hätten die Kaninchen, Hasen und Meerschweinchen weniger frisch gezapftes Möhrli getrunken und besser zugehört, hätten sie vielleicht verstanden, dass Angst Gewalt schafft und Gewalt keine Lösung ist! Und die Angsthasen wären stattdessen gemeinsam mit den Kaninchen und Meerschweinen eine vielfältige und kritikfähige Gemeinschaft gewesen, die jederzeit gemeinsam gegen Angst und Gewalt aufgetreten wäre.

© S. Strohschneider-Laue

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Wienerwald NEU(lich)

Samstag, 18. April 2009

Notiz

Wienerwald NEU(lich)

Wienerwald 2009 © S. Strohschneider-Laue

Vieles wird neu in Österreich.
Noch mehr wird umgefärbt in Österreich.
Und alles ist ganz anders in Wien.

Wenn das Eine allgemein auffällig Mist gebaut hat, bekommt es einfach “NEU” voran gestellt und/oder wird frisch eingefärbt. Das wurde bei Vereinigungen der Politik, Verbänden der Interessen und Verwaltungen des Geldes bereits im Sinne des “Gleich-Anders” praktiziert.

Das Frühjahr ist endlich gekommen und die WienerInnen strömen in ihren Hauswald. Und damit sie dort wieder herauskommen und weiter brav Steuern zahlen, um die TEuro-Finanzierung von Vereinigungen, Verbänden und Verwaltungen zu gewährleisten, wurden die Wanderwege frisch markiert bzw. neu eingefärbt.

Ob es die richtigen Wege zum Ziel sind, wird sich erst in langfristigen Feldversuchen am lebenden Subjekt bzw. toten Objekt zeigen. Verantwortungsbewusste, überlebende BügerInnen verhindern in diesem Wienerwaldachterl schon jetzt die Verschwendung von Steuergeldern für regelmäßige Suchtrupps durch die warnende Zusatzinfo “IRRWEG”. Schade, dass das bei Gleich-Anderem kaum möglich ist.

Ungeklärt ist, ob die alte Einritzung unterhalb der Bemalung und oberhalb des linksgerichteten Pfeils “Vu” oder “Vv” bedeutet. Möglich sind (je nach PISA-Stand):
Voll unterirdisch
Veg unbrauchbar
Viel Unbill
Voll valsch
Veg verfehlt
Viel Vorsicht

© S. Strohschneider-Laue

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60 Jahre Germany: Mahlzeit!

Donnerstag, 02. April 2009

Non-Fiction

Ingke Brodersen, Rüdiger Dammann
Mahlzeit!
60 Jahre Deutschland - Eine kulinarische Zeitreise
Dumont 2009, 255 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8321 9503 8

Mahlzeit! 60 Jahre Deutschland - Eine kulinarische Zeitreise Mahlzeit: 60 Jahre Deutschland - Eine kulinarische Zeitreise

Unter dem Motto “Gerichte schreiben Geschichte” enthüllen sehr g’schmackige Essays das Werden der beiden getrennten und wieder vereinten Nachkriegsdeutschlands. Anhand wichtiger gesellschaftspolitischer Stationen wird superspannend und superlässig das beste zeitgeschichtliche Antispeisenbuch, das je geschrieben, vorgelegt. Und spätestens nach der Lektüre beginnt man sich zu fragen: War Berlin oder etwa ganz Deutschland jemals das Gelbe vom Ei?

1949 (Kaugummi und Luftbrücke) bis 2008 (Arme Ritter oder Wir Steuersünder) wird Jahr für Jahr als eigenes Kapitel zwischen Kochtopf und Tatsachen serviert. Und zuweilen bleibt der Geschmack der Republik im Halse stecken - manchmal vor Lachen, manchmal ob des bitteren Beigeschmacks und manchmal auch weil es einfach noch immer zum Kotzen ist. Was auf den Tisch kommt, ist ein gesellschaftlicher (Hanswurst-)Spiegel. Was nicht auf den Tisch kommt  - und die Folgen davon - ebenso.

Und viele Gerichte polarisieren tatsächlich bis heute ganze Nationen bis hin zur familiären Keimzelle des Staates: Döner contra Currywurst, Müsli contra Bauernfrühstück und nicht zuletzt in meiner eigenen deutsch-österreichischen Mischfamilie Wienerschnitzel (Variante Deutschland mit saftiger Sauce) contra Wienerschnitzel (Variante Österreich mit trockener knuspriger Panier) oder Königsberger Klopse contra “alles außer Königsberger Klopse”. Und natürlich habe ich meine Lebensstationen nachgeschlagen! Danke Ingke Brodersen und Rüdiger Dammann für den Nudelsalat. Ich denke mit Schaudern an jene Parties, wo jeder eine andere schale Variation zum (Miss-)Erfolg beigesteuert hat. Aber leider ist die Feststellung, dass Nudelsalat kein 80er Revival miterleben würde, nicht zutreffend. Denn bei meinem 20jährigen Abitreffen war das keine Erinnerung an alte Zeiten, sondern nackte gegenwärtige Tatsache. Manches stirbt eben nie aus. Und warum manche an dem Zauberwürfel verzweifelt sind, war mir schon damals ein Rätsel. Kräftig auseinandernehmen und leichthändig neu zusammenstecken lautet bis heute meine Devise. Aber vielleicht serviere ich als geborene Auseinandernehmerin schon deshalb keinen Nudelsalat, weil man das Zeug drehen und wenden kann ohne je “zu Potte zu kommen”.

Wer wissen will, was die ehrliche Blutwurst und Bildzeitung, unverdauliche zähe Senfeier mit Franz Josef Strauß, Ravioli aus der Dose und Emanzipation, dreitägige Brötchen und Rosmarie Nitribitt oder Wiener Schnitzel (siehe oben) und EU gemeinsam haben oder warum ausgerechnet die Banane zur Frucht der Einheit wurde, muss dieses deutsche *****Menü bis zur letzten Seite genießen. Die beste deutsch-deutsche politische Meisterküche, die je auf dem Büchertisch gestellt wurde, vor allem weil es ja nicht immer Kaviar sein muss.

“Mahlzeit!” serviert die erlesenste polit-literarische Deutschlandbetrachtung, die in den letzten Jahren geschrieben wurde. Mit viel Augenzwinkern und noch mehr Verstand wird auf den Punkt gebracht, was im Westen heiß gekocht oder im Osten eiskalt serviert wurde. Ein Prosit nach der gewaltigen “Mahlzeit!” noch auf den “Sous Chef de Cuisine” Peter Mathews und das appetitliche Arrangement von Kurt Blank-Markard.

Leider muss ich jetzt mit dem Schreiben aufhören, obwohl ich über das Buch stundenlang - was mir leider viel zu selten passiert - schriftlich auslassen könnte. Ich muss nämlich unbedingt mein zerfleddertes Exemplar noch einmal von vorne bis hinten und von der Mitte seitlich genießen. Zwei neue “Mahlzeit(en)!” für meine Eltern muss ich auch noch kaufen. Für jeden eine, damit es keinen familiären Osterunfrieden gibt und plötzlich eine Mauer durch das Haus gezogen wird. Und diese “Mahlzeit!” passt doch gar so schön für das bunte Eier- und Hasenfest mit dem Deutschen Spiegelei am Cover, Senfeiern in der Mitte und dem letzten alten Brotkanten für den Armen Ritter am Ende.

Eine echte Pflichtlektüre für Deutsche und solche, die die Deutschen besser verstehen wollen!

© S. Strohschneider-Laue

Mahlzeit: 60 Jahre Deutschland - Eine kulinarische Zeitreise

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Film: Mobiles Caritas Hospiz

Mittwoch, 01. April 2009

Notiz

Die fallenden Blätter geben dem Wind die Gestalt - Film
20 Jahre Mobiles Caritas Hospiz
Ein Film von Herbert Link 2008, Dt., Engl., Gehörlosen Fassung, ca. 40′, Booklet 20 S.

Die Hospizbewegung existiert seit über vierzig Jahren. Vor zwanzig Jahren hat man die Idee des “Leben bis zuletzt” außerhalb von Heil- und Pflegeanstalten auch in Österreich aufgegriffen. Der unheilbare, sterbende Mensch und seine Angehörigen bilden den Mittelpunkt. Ihnen zur Seite steht ein interdisziplinäres Team von Angestellten und Freiwilligen, das sich durch gute Kenntnisse der Symptomkontrolle und kontinuierliche Verfügbarkeit auszeichnet.

Zwanzig Jahre Mobiles Caritas Hospiz sind der Anlass für den Film “Die fallenden Blätter geben dem Wind die Gestalt”. Der Hauptfilm gliedert sich in zwei Kapitel, die sich der “Zeit des Aufbruchs” und der Frage nach dem “Wie es geworden ist” annehmen. Wer einen Betroffenheitsfilm erwartet, irrt. Es geht um eine Bestandaufnahme, um Tatsachen. Es geht nicht um abstrakte Möglichkeiten, sondern konkrete Situationen und Menschen, die sie gemeinsam tragen. Krankheit, Leid und langsames Sterben betreffen Viele und vielleicht gehört man selbst eines Tages dazu. In Zeiten aufbrechender sozialer Netze, sind es nicht “nur” die verwaisten Alten. Und der soziale Tod tritt für die meisten früher ein als der physische, weil man unbequem für die Spaßgesellschaft und uninteressant für die Erwerbswelt wird.

Mit viel Gespür - also auch so mit ausreichend Zeit und Respekt  - für persönliche Belange werden die Statements von Betreuenden, Angehörigen und Patienten von Herbert Link eingeholt. Eingeblendete Fotos, unterstreichen durch ihre Schwarzweiß-Optik die Distanz zwischen Leben und Tod. Rasche Wechsel zwischen den Stellungnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven geben dem Film über das würdevolle Sterben jene lebendige Note, die dem Hospiz-Motto “Ja zum Leben ist kein Nein zum Lebensende” entspricht. Die Goldberg-Variationen von Bach, die von Gerda Zens interpretiert wurden, begleiten den Film. Sie gaben Manfred Dvorak, der seine Frau bis zu ihrem Tod zuhause betreute, Kraft. Ein Zitat aus seinem Tagebuch wurde zum Filmtitel. Das mit dem Mund gemalte Bild eines Baumes Walter Sikula ziert die DVD.

Zu Wort kommen in diesem Pflichtfilm Hildegard Teuschl (Hospiz-Expertin, Krebspatientin, 1937-2009), Walter (ALS-Patient) und Elfriede Sikula, Petra (Krebspatientin, 1970-2005) und Manfred Dworak, Franz Zdrahal (Ärztl. Leiter Caritas Wien), Rudi Babits (Caritas-Hospizarzt), Kurt Alker (Caritas-Hospizarzt), Klaus Schweiggl (Hospiz-Seelsorger), Agnes Glaser-Hekman (Caritas-Hospizschwester), Franz Eder (ehrenamtlicher Hospizbegleiter), Claudia Chizzali-Bonfadin (Ärztin, Mobiles Caritas Hospiz), Tilli Egger (Strahlen- und Psychotherapeutin, Hospiz-Förderin) , Christian Metz (Theologe, Ausbildungsleiter Kardinal-König-Haus).

Der fünfminütige Zusatzfilm ist SR Mag.a Hildegard Teuschl CS (1937-2009) gewidmet. Ihr Name ist untrennbar mit der Hospizbewegung in Österreich verbunden. Die Vorkämpferin wurde 2007 selbst zur unheilbaren Patientin. Ihre Insider-Kenntnis als Hospizinitiatorin ist in Kombination mit ihrem Erfahrungsbericht als betroffene Patientin ein unermessliches Erbe an Offenheit und Ehrlichkeit an Jene, die die Hospizbewegung in Österreich ohne sie weitertragen. Ihre Hoffnung und Stärke, aber auch ihre Angst und Sorge werden durch die Totentanz-Grafiken von Herwig Zens, die das Interview optisch gliedern, zur Passion.

Besser hätte man 20 Jahre Mobiles Caritas Hospiz nicht zeigen können.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe dazu auch:
Ein “…ganz langsamer Walzer”, Film (30′) über das Wirken der Hospiz-Pionierin Sr. Hildegard Teuschl CS. Der Film ist absofort bei avp Link erhältlich.
Würdig leben bis zum letzten Augenblick: Idee und Praxis der Hospiz-Bewegung
Hospizpraxis: Ein Leitfaden für Menschen, die Sterbenden helfen wollen
Leitfaden Palliativmedizin - Palliative Care
Palliative Care: Handbuch für Pflege und Begleitung
Erfülltes Leben - würdiges Sterben
Sterbende begleiten lernen. Mit CD-ROM: Das Celler Modell zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Sterbebegleitung
Sterbebegleitung: Hilfen zur Pflege Sterbender
Sterben, Tod und Trauer: Handbuch für Begleitende

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Wiener Aktion 2009

Montag, 23. März 2009

Notiz

Hundstrümmerlkunst (A)/Hundehaufenkunst (D) in der zweiten Runde

Wiener Aktion 2009 © S. Strohschneider-Laue

Nach dem Aufflammen des Wiener Aktionismus 2008 wurde neulich eine weiteres Statement fotografisch dokumentiert. Nun ist Hundstrümmerlkunst keine Singularität mehr. Die Straßenszene hat die bürgerliche Empörung endgültig aufgespießt. Mit für Wiener Verhältnisse vehementer Eigendynamik (immerhin liegt erst ein Jahr zwischen dieser und der ersten Beobachtung) kam es daher zur bezirksübergreifender Spontansolidarität. Vom 16. auf den 7. übertragen, ist es nur noch eine Frage der Zeit bis die Wiener Innenstadt um eine flexible Attraktion reicher wird.

Eine neuerliche Stellungnahme des künstlerischen Leiters der Halle zu dieser Kunstform fiel nach einem Jahr tiefer Gedankenkrise überraschend aus, denn ”…seine Vorstellung von Kunst hat das virtuell Unfassbare hinter sich gelassen und bedient sich jetzt aus dem reichen Fundus ungeschützter freier Ideen junger Ungenierter…”

Eine Stellungnahme seitens kommunal Engagierter konnte wieder nicht eingeholt werden. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass Bürgernähe in Zeiten der Krise nicht notwendig sei, da wir ohnedies alle im selben Rinnstein lägen. Die Kommission, die bereits die letzte Aktion aufgriff, hat jetzt den undotierten “Rinnstein”-Wettbewerb ausgeschrieben. Die nicht unbeträchtliche Teilnahmegebühr soll - nach Abgeltung der Sitzungstantiemen für Funktionsträger aus Politik und Wirtschaft - an jene KünstlerInnen refundiert werden, die für die Kommission bisher gratis Ideen und Entwürfe geliefert haben.

Übrigens: Die minderjährigen Schaschlikspießschnitzer in Südostasien bleiben von etwaigen Nutzungsrechten ausgeschlossen und das Spießchen ist ab sofort unter Denkmalschutz gestellt.

© S. Strohschneider-Laue

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Galerie Gulliver

Dienstag, 10. März 2009

Notiz

Von der großen Kunst im kleinen Raum

Galerie Gulliver © Inge Link

So manches Großes in der Welt der Kunst ist einfach nur aufgeblasen. Und wenn man genauer schaut, ist ganz schnell die Luft raus.

Andererseits hat so manches Kleine in der Welt der Kunst die Kunst für sich entdeckt wirklich größer zu sein als der umgebende Raum. Und wenn man genauer schaut, ist man immer noch draußen und trotzdem schon mittendrin.

Der Ausstellungsraum (B80 x T34 x H20 cm) der Galerie Gulliver ist hiermit für den RDG-Award “Größte unter den kleinsten Galerien” nominiert. Sponsoren für den soeben geschaffenen RDG-Award werden noch gesucht. Von der RDG (=Relativität der Größe) des Sponsorings hängt die Umbenennung des Awards nach Wünschen des Hauptsponors und unter Rücksichtnahme auf bereits rechtlich geschützte Namen wie BASTA, Pasta oder Oscar ab.

© S. Strohschneider-Laue

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Women’s World Congress

Donnerstag, 05. März 2009

Notiz

Feminismus ist nicht neu


 
Begrüßung und Eröffnung

Der Women’s World Congress (4. bis 5. März ‘09) im Wiener Rathaus muss sich gefallen lassen, schlecht beworben worden zu sein. Er hat nämlich seine Zielgruppe nicht erreicht. Wie von etlichen Frauen, die auch nur durch diverse Zufälle vom Kongress erfahren hatten, bemerkt wurde. Zumindest wurden Frauen nicht am ersten Tag herbeigelockt - und übrigens auch nicht am zweiten. Und da nutzte auch die enorme Zeitverzögerung zu Beginn nichts, die ging nur zu Lasten des ersten Themenblockes. Der Festsaal blieb zu leer und er wurde noch wesentlich leerer als die Journalisten nach der Eröffnung ebenso verschwanden wie die Stadträtin für Frauenfragen und nach der Pause die hinteren Stuhlreihen.


  
Feminismus im Wandel:
Brauchen wir einen “neuen” Feminismus?

Schön ist, dass sich der Feminismus trotzdem nicht umbringen lässt - auch wenn das natürlich nicht Ziel der ansonsten sehr engagierten Veranstaltung ist, sondern das genaue Gegenteil. Feminismus lässt sich auch nicht umbenennen. Auch wenn die Politik es gerne sähe, wenn das Wörtchen “neu” davor stünde. Etwa so wie beim ÖGB “neu” von allerlei ablenken soll. “Neu” macht es zum Beispiel nämlich nicht besser, dass Österreich beim Einkommen der Frauen fast das Letzte ist. Also um genau zu sein: Österreich rangiert an unter den EU-Ländern an 26. Stelle, was zahlenmäßig fast deckungsgleich mit 25,5% weniger Lohn für Frauen ist. Die feurige Eröffnungsrede von Stadträtin Sandra Frauenberger in der “neu” eine tragende Rolle spielte, stieß deshalb nicht auf ungeteilte Zustimmung im Laufe der Veranstaltung. Wie besonders eloquent von Sibylle Hamann zusammengefasst wurde, dass für feministische Anliegen “neu” nicht kennzeichnend sei. Mal ganz abgesehen davon, was war denn am “alten” Feminismus so schlecht, wenn er uns Frauen doch soviel gebracht hat, dass wir “neu”erdings wieder verlieren? Mal abgesehen davon, dass der alte Feminismus noch so viele offene Forderungen hat.


 
Multikulturalität und Feminismus:
Wo bleiben die Migrantinnen?

Der Unterschied zu den “alten” Zeiten, die noch gar nicht lange her sind, ist, dass sich in der Forschung viel getan hat; Gender Mainstreaming macht den Inhalt verwaltbar, ändert aber nichts an der Realität. Und nichts scheint ein erfreuliches Ergebnis zu bieten. “Männer sind noch immer nicht kinderlos” wie Alexandra Weiss treffend zu hierarchischer Heterosexualität und dem konservativem Bild als Rettungsanker bemerkte. Dass es Männer mit Feminismus wirklich schwer haben, legte Erich Lehner dar. Die Privilegierten, haben eine interne Hackordnung, die den Nährboden für die geringe Präsenz in der Familie, geringe Lernintention, Konkurrenzstress und Gewaltneigung bietet. Da kann man ganz schnell vom Alpha zum Omega werden, wenn man bei der Familienarbeit in die Pflicht genommen wird.

Dass der moderne Feminismus nicht mehr auf die Straße geht wurde bei der Vorstellung des Missy Magazine durch Stefanie Lohaus deutlich. Missy dient nicht der Selbstverbesserung, sondern unter anderem Vielfalt sichtbar zu machen. Sehr gut, denn die Anliegen des Feminismus sind ebenso vielfältig, wie die Frauen selbst. Ich werde mir die neue Ausgabe zu legen, denn allein der Spruch “Missy ist gut, nicht ‘obwohl’, sondern ‘weil’ es von Feminismus handelt” so genial. Junges - nicht “neues” - feministisches Engagement findet über Publikationen, im Internet statt und es geht frische, engagierte, selbstbestimmte Wege wie Amanda Ruf aufzeigte, denn kein Mädchen ist wie Barbie.


Barbie weint nicht

Das Motto unter dem die 10 “Barbie”-Kuben der Ausstellung anlässlich der 10 Jahre  ”Amazone” stehen. Die Bemerkung, dass es eine Angela-Merkel-Barbie gäbe, löste allerdings bei mir folgende feministische Assoziation aus: Wird Barbies Ken zu Helmut Kohl?

Eine Forderung des “neuen” Feminismus ist es, die Migrantinnen zu berücksichtigen. Als ob Feminismus Frauen klassifizieren würde. Migrantinnen sind kein monolithischer Block. Es geht nicht um feministische Missionierung. Es geht um pluralistische Betrachtung. Wobei eine Selbstreflexion der weißen Frauenbewegung nie schaden kann, wenn es um Farbe bekennen geht, wie Belinda Kazeem formulierte.


 
Gewalt, Geschlecht, Kultur:
Wege aus der Sackgasse

Menschenhandel und Sklaverei sind ein massives Problem. Kinder, Frauen und Männer sind davon betroffen. Und es fand gestern, findet gerade jetzt und morgen statt, überall, jederzeit, immer wieder und unvorstellbar grausam in seiner Menschenmassen (12 Millionen!)  traumatisierenden Vielfalt. Und wieder sind die meisten Opfer Frauen. Opfer, Überlebende und überraschend häufig Täterinnen. Häufiger als in allen anderen Formen der Gewalt. Joana Adesuwa Reiterer beleuchtete die (Un)Perspektive der Opfer:
Glaubt mir jemand?
Wird mir geholfen?
Wem kann ich trauen?
Schadet es meiner Familie?

Männer sind Konsumenten und dadurch Förderer der sexuellen Ausbeutung. Und Vergewaltigung ist das größte Kriegsverbrechen. Edith Schlaffer weist daher deutlich darauf hin, dass Sicherheit ein abstrakter Begriff ist und dass Angriff die beste Verteidigung ist. Und der stete Angriff hat mit Worten zu erfolgen und nicht mit Waffen oder Schweigen. Deshalb sollten alle Menschen sich die Worte von Betty Williams zu Herzen zu nehmen: Nicht schweigen, aufzeigen, reden, Verständnis für einander erwirken, aufklären und vor allem sofort aktiv werden. Ihr Wunsch ist es, dass Frauen nach diesem Kongress dazu motiviert sind.

Das ist auch mein Wunsch und hoffentlich werden am zweiten Tag mehr Frauen erreicht.

Und um noch einmal die treffsichere Sybille Hamann zu zitieren:
Feminismus macht das Leben schöner.
Feminismus tut nicht nur Frauen gut.
Feminismus bringt handfeste ökonomische Vorteile.
Ohne Feminismus verschwenden wir Ressourcen.

© S. Strohschneider-Laue

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Liebe zwischen den Seiten - Kleist

Donnerstag, 26. Februar 2009

Notiz

Kleist kam zu erst

Kleist der Hund © S. Strohschneider-Laue

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In meine Familie kam in den späten 70ern des letzten Jahrhunderts folgendes in lindgrünes Leinen gebundenes Buch:

Heinrich von Kleist’s
sämtliche Werke
in zwei Bänden

Herausgegeben
von
Eduard Grisebach
Erster Band
Mit einem Bildnis Kleist’s
——————–
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
(Das Vorwort des Herausgebers wurde  im Oktober1883 in St. Petersburg verfasst.)

Ich kaufte das Buch gemeinsam mit einer tollen, uralten Ausgabe von Schillers Werken in einem Berliner Antiquariat, irgendwo auf dem Weg zwischen Jugendherberge und Ku’damm. Von meinem Taschengeld investierte ich damals 5 D-Mark und fand sie besser angelegt als alles andere, das ich mir während der Klassenfahrt nach Berlin hätte gönnen können.

Tatsächlich enthält das Buch dem Titel gegenübergesetzt ein Bildnis “Kleist’s”. Des Literaten Kleist, der die Werke, die darin abgedruckt sind, verfasst hat. Aber der wahre Kleist dieses Buches ist er trotzdem nicht. Den wahren Kleist fand ich auf den letzten Seiten, was übrigens ein echter Beweis ist, dass ich alle 459 Seiten tatsächlich gelesen habe, weil der wahre Kleist nämlich dort feststeckte. Kleist hat alle diese Jahre in diesem Buch verbracht und ist nie herausgefallen. Kleist wartete geduldig bis ich ihn abholte und ihn vor mehr als 30 Jahren in die Familie aufnahm.

Kleist ist das Foto eines goldigen Hundes. Er sitzt auf einem Stuhl. An seiner linken Seite befindet sich ein Tisch und darauf eine Kaffeetasse. Im Hintergrund ist die Lehne einer hölzernen Sitzbank (?) zu sehen. An der Wand hängen eine Uhr (?) und ein mit Blumenranken und Spruch besticktes Tuch. Kleist ist aufmerksam. Seine Aufmerksamkeit gilt aber nicht dem Fotografen, der rechts vor ihm hockt. Kleist starrt nach oben, wo vermutlich ein Leckerli irgendwo außerhalb des Bildausschnittes auf ihn wartet. Kleist ist ein Spida bzw. Daspi, die lebendig gewordene Liebe zwischen einem Dackel und einem Spitz.

Kleist wurde geliebt. Er wurde gebürstet, war stolzer Träger einer Hundemarke und Kleist durfte auf die Möbel springen. Man hat also Geduld, Zeit, Geld (Halsband, Hundemarke und Fotografie beweisen das) und Zuneigung in ihn investiert. Und jetzt, nachdem Kleist schon lange verblichen ist, darf er noch immer auf dem Stuhl sitzen, sich auf das Leckerli freuen. Regelmäßig wird er von mir aus seiner Kleistausgabe an die frische Luft und jetzt sogar in seiner ganzen virtuellen Realität in das Web entlassen. Dann freut sich Kleist, weil ich keine Ahnung von ihm habe. Ich kann sein hohes Kläffen förmlich hören, ich kann sehen wie er wedelnd um mich herumspringt und dann ein ganz braves Männchen macht, um das Leckerli von mir zu bekommen.

Und ich frage mich, hat er Else gehört, die das Buch 1928 gewidmet bekam?

Unserer lieben Else,
zur freundlichen
Erinnerung.
Ernst u. Erna Hertzberg
Wilmersdorf im August 1928

Und ich frage mich, wer waren Else, Ernst und Erna?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch 
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. 
Loving Memory 
Kriegsbriefe 
Die Fotos der Rosi Z.

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