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Möbel als Medien

Montag, 19. September 2011

Non-Fiction

Sebastian Hackenschmidt, Klaus Engelhorn (Hg.)
Möbel als Medien
Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Transcript 2011, 312 S.
ISBN 978 3 8376 1477 0

Möbel als MedienMöbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge

Alte Möbel mit Farben und Mustern aufzupeppen, im Englischen als upcycling bezeichnet, liegt seit einigen Jahren voll im Trend. Auch das Buch “Möbel als Medien” steht ganz im Zeichen der Wiederverwertung, besteht es doch aus einer Sammlung von - für diese Publikation eigens überarbeiteten - Aufsätzen, die vor einiger Zeit bereits andernorts veröffentlicht wurden. Das Ergebnis dieses Akts des intellektuellen Recyclings ist ein Lesebuch das sich in 18 Essays den unterschiedlichen Möbeln und Raumausstattungen aus kunst- und kulturhistorischer, philosophischer und literarischer Sicht nähert.

Jenseits ihrer Funktionalität dienen Möbel als Kommunikationsmittel und Bedeutungsträger. Die Dinge mit denen wir uns umgeben, spiegeln unsere Selbstsicht und Wünsche, verraten unsere Gruppenzugehörigkeit und sozialen Status. Möbel können Werte, Normen und Lebensgefühl vermitteln - ganz unabhängig davon, ob es sich, wie im Buch, um Hochzeitstruhen des 15. oder Ikonen des Stuhldesigns des 20. Jahrhunderts handelt. An Kabinettschränken lässt sich sogar ablesen, wie sich das Verständnis der Ordnung der Welt wandelte. Nicht nur die Gestalt eines Möbels, sondern auch das Material aus dem es angefertigt wurde, kann Zeichenfunktion annehmen und gerade in der Moderne, die uns Stahlrohr und Resopal schenkte, bei BenutzerInnen zwiespältige Gefühle auslösen.

In der politischen und wirtschaftlichen Sphäre spielt der mit Mobiliar inszenierte Innenraum eine weitaus bedeutendere Rolle als das Einzelmöbel. Das Ritual seiner Nutzung als Instrument der Machtausübung lässt sich von den Raumfluchten der absolutistischen Herrscher bis in die heutigen Chefetagen verfolgen. Die Umwidmung öffentlicher in private Räume kann wiederum an der Wahl und Aufstellung von Möbeln abgelesen werden. Bis zur bürgerlichen Wohnkultur des 19. Jahrhunderts lassen sich die geschlechtsspezifischen Konnotationen von Wohnräumen zurückverfolgen. Das Attribut der heilenden Wirkung schließlich wird manchen Werken der Innenarchitektur nicht erst seit dem Wellness-Boom zugeschrieben.

Medientheoretische Überlegungen, philosophische Betrachtungen und literarische Kostproben runden den Band ab und halten für jene LeserInnen, die mit einer bildhaften Fantasie gesegnet sind, so manche Perle unfreiwilliger Komik bereit.

Das oben angerissene Spektrum, der um die Trias Einzelmöbel-Raumausstattung-Material kreisenden Themen, lässt es bereits erahnen: Das Buch “Möbel als Medien” ähnelt Dank seiner bunten Mischung an Aufsätzen einer Wundertüte. Manches entpuppt sich als freudige Überraschung, anderes als herbe Enttäuschung. Aber so wie man heute seinen Teller nicht mehr leer essen muss, besteht auch keine moralische Verpflichtung ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.

© Ch. Ranseder

Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge

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Kritik und KritikerInnen

Sonntag, 18. September 2011

Notiz

Kritik oder Nichtkritik, ist hier die Frage …

Buchstapel © Sistlau

Es ist wie beim Essen: Wenn Masse für gut gehalten wird, liegt es zumeist daran, dass Beliebigkeit vergleichbar ist.
Wenn Klasse nicht erkannt wird, liegt es an der fehlenden Bewertungsfähigkeit.
Wer nur Würsteln kennt, kann nur Würsteln vergleichen. Eine solide Grundlage für einen objektiven Vergleich.
Wer Klasse hat, urteilt nicht über Würsteln, wenn er Würsteln hasst. Mit subjektiver Ablehnung wird ein objektiver Vergleich nur sehr schwer möglich sein.

So scheint es mir auch mit der Rezensionskultur zu stehen, zu der Henrike Heiland einen verreißend guten Beitrag geschrieben hat.

Personalkritik - hier Rezensentenbeurteilung - bedeutet, sich zu überlegen, warum jemand einen Verriss schreibt. Es macht Mühe, es kostet Zeit und man kann sich gewaltig in die Nesseln setzen.
Wenn ein Buch tatsächlich so grottenschlecht ist, liest man es nicht (zu Ende) und schickt das Rezensionsexemplar zum Wohle des Verlages, der haushalten muss, und des Autors, der zufrieden bleibt, retour. Man isst ja schließlich weder ein faules Ei auf noch müllt man seine Bibliothek zu.

Was bleiben also für Gründe übrig? Selbstdarstellung, Groupie(un)wesen, Wichtigtuerei und Auch-mitreden-wollen sind sicher einige davon - wenn (so oder so) lancierte Besprechungen ausgeschlossen werden dürfen.
Schlechte Kritiken können Bücher zum Bestseller machen oder einstampfen, bevor die Druckerschwärze trocken ist. Und manchmal kann man nicht einmal mehr ausmachen, wie das Eine zum Anderen führte. Es stellt sich wohl eher die Frage: Kann man die Wirkung einzelner Kritiken abschätzen- abgesehen von der verheerenden Wirkung auf die AutorInnen?

Textlich diskreditieren sich ja manche “schreibende LeserInnen” ins Unermessliche und relativieren inhaltlich auf: Eigentlich wollte ich von meinem spannenden Leben, das viel interessanter ist, erzählen, aber dann habe ich über den Tellerrand des grauen Buchs geschaut und mein Mann ist deswegen verhungert, obwohl die Pornografie unerträglich war, habe ich es trotz seiner langweiligen 594 Seiten schnell zu Ende gelesen und bin jetzt noch mehr gegen Drogen.

Halten solche Meinungsäußerungen tatsächlich alle/viele potenzielle KäuferInnen ab oder nur den niveaugleichen Freundeskreis der Schreibenden?

Sicher ist, dass der im Wildwuchs gepflückte Rezensionsstilblütenstrauß aus … hilfreiche Kritik der Endverbraucher gerne vergrößert werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

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Sehstern

Dienstag, 16. August 2011

Non-Fiction

Annette Philp
Sehstern 
Wie Kinder von der Kunst lernen 

Kerber 2011, 95 S., zahlr. Fotos
ISBN 978 3 8667 8508 3

Sehstern

Kunstvermittlung wird nicht nur in den Münchner Pinakotheken gerne angenommen. Begegnungen von Kindern mit Kunst an der Schnittstelle von Kreativität und Ökonomie werden hingegen viel zu selten einer genaueren Analyse unterzogen. Umso wichtiger, dass die Ergebnisse des Projekts “Sehstern”, das zwischen 2007 und 2010 an den Münchner Pinakotheken angeboten wurde, mit dieser Publikation vorgestellt werden.

Ausgehend von einer historischen Übersicht zu Kreativität und Begabtenförderung wird an die während des Projektes gewonnen Erkenntnisse herangeführt. Im Zuge dessen werden elf Grundsätze, die sich auf die Arbeit im Museum beziehen, aufgestellt. Systematische Präsentation der Praxis - Kindergarten, Kinderworkshop, Exkursionen, Jugendprojekt - lassen die Herangehensweisen deutlich werden. Textbeiträge von Ingmar Ahl, Kristine Oßwald und Martina Scherf runden die Analyse ab.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse sollte allen zu denken geben: Unkonventionelles Vermitteln öffnet der kindlichen Neugier und Kreativität jenen Spielraum, den Heranwachsende benötigen, um die Kunstobjekte selbst - im Sinne eines Lehrers - anzunehmen. Neugier und Kreativität bieten daher die Basis, um den Weg zur Erkenntnis beschreiten zu können, um dadurch Wissen tatsächlich auch lebenslang zu erwerben.

Fotos aus dem Projektverlauf begleiten den Inhalt anschaulich. Schade ist, dass die Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis nicht immer stimmig sind, was dem Inhalt selbst natürlich keinen Abbruch tut.

Eine Basispublikation für alle mit Kulturvermittlung innerhalb und außerhalb von Museen Befasste.

© S. Strohschneider-Laue

Sehstern: Mit begabten Kindern die Pinakotheken durchforschen


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Wissenschaftliches Schreiben

Donnerstag, 03. März 2011

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Helmut Gruber, Birgit Huemer, Markus Rheindorf
Wissenschaftliches Schreiben
Ein Praxisbuch für Studierende 
Böhlau /utb 2009, 240 S.
ISBN 978 3 8252 3286 3 (utb)
ISBN 978 3 2057 8432 4  (Böhlau)

 Wissenschaftliches Schreiben

Das Handbuch wendet sich vor allem an angehende Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen. Vom Großen ins Kleine aufgebaut, finden sich im Buch mit Symbolen gekennzeichnete sowie typografisch hervorgehobene oder unterlegte Denkanstöße, Arbeitsaufgaben, Tipps und weiterführende Literatur. Der fachspezifische Aufbau einer Arbeit sowie die formale Manuskriptgestaltung sind nicht Thema dieser Publikation und finden daher nur im geringen Maß Berücksichtigung. Zu verschieden sind die Anforderungen in den Fachbereichen und die Fachmedien. Diese Fragen muss der Studierende mit dem Betreuer der Arbeit und der Redaktion des Publikationsmediums, in dem die Arbeit erscheinen soll, in einem möglichst frühen Stadium der Arbeit klären, um später mühsame Anpassungen zu vermeiden. 

Themenfindung, Strukturen schaffen, Einbinden der Literaturrecherchen und Formulierung des Forschungsergebnisses sind Hauptkomponenten einer wissenschaftlichen Arbeit und thematisches Ziel dieser Publikation. Den wenigsten Studierenden sind diese Faktoren von Beginn an geläufig. Für Studierende ist es wichtig, gleich am Anfang ihrer Recherchen ohne unnötigen Arbeitsaufwand oder Umwege das inhaltliche Ziel abzustecken, umzusetzen und keine “copy & paste” Sünden zu begehen. Daher ist es umso wichtiger, auf eine Arbeitshilfe wie diese zurückgreifen zu können, die solche Fehler vorab aufzeigt und zu vermeiden hilft.

Neun Kapitel geben Einblick in das wissenschaftliche Arbeiten. Etliche Bereiche können dabei nur allgemein umrissen werden, da von Fach zu Fach große Variationsbreiten bestehen. Die Anregung im Kapitel zwei sich selbst zunächst über das eigene Fach näher zu informieren und sich der eigenen Motivation dieses zu studieren, bewusst zu werden, sollte deshalb ernst genommen werden.

Mit Kapitel drei beginnt die Einführung in das wissenschaftliche Schreiben. Für Organisation der Recherche und die Aufarbeitung des Materials wird ein guter, allgemein gültiger Strukturplan vorgeschlagen, der vor allem Studienbeginnern, wenn nicht schon von Oberstufenschülern, beherzigt werden sollte. Sich mit dem Zielpublikum der Arbeit auseinanderzusetzen mag ein gut gemeinter, zukunftsweisender und von der Grundidee lobenswerter Vorschlag sein, dennoch hat sich m. E. noch immer bewährt für die Zielperson zu schreiben, die letztlich die Noten und Scheine verteilt - auch wenn darunter die Qualität der Arbeit u. U. leidet. Praxisnahe Beschreibungen und Beispiele helfen, Struktur in die zunächst unauffindbar scheinende Information und anschließend unübersichtliche Flut zu bekommen. Da niemand blinder für den Text ist als der Autor selbst, sind Tipps wie den Text einige Tage vor dem Korrekturlesen “abliegen zu lassen” ebenso wertvoll wie die Hinweise zur guten, ggf. aufgelockerten Präsentationsform.

Kapitel vier ist der Wissenschaftssprache gewidmet, der im deutschsprachigen Raum eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Mit den sprachlichen Konventionen des Faches muss sich der Studierende ebenso vertraut machen, wie mit den allgemeinen Gepflogenheiten eines sachlichen, fundierten und exakten sowie nachvollziehbaren Austauschs wissenschaftlicher Inhalte. Das im deutschsprachigen Raum übliche Phänomen des Passiven und Unpersönlichen wird - leider zu Recht - besonders betont. Nicht berücksichtigt wird dabei allerdings, dass dies grade im internationalen Bereich - aber auch an der Schnittstelle zur breiten Öffentlichkeit -  häufig zu massiven Verständigungsproblemen führt. Das deutschsprachige Relikt des Zurücknehmens der eigenen Person, übermäßige Nutzung von Nominal- und Passivkonstruktionen führt außerhalb des wissenschaftlichen Elfenbeinturms sowie bei Kommunikation- und Publikationsversuchen im englischsprachigen Raum zu massiven Problemen, die meist erst dann deutlich werden, wenn ein fremdsprachiges Abstract geschrieben werden muss oder eine internationale Jury durchaus fundierte Texte ablehnt. Wer glaubt, dass überdurchschnittliche Satzlänge, seltene Verwendung des Pronomens “ich”, häufige Verwendung von Nomina, Nominalkomposita sowie Passivkonstruktionen den wissenschaftlichen Anspruch eines Textes unterstreichen, beurteilt auch die inhaltliche Qualität eines Menschen nach dem Markenaufdruck seiner Bekleidung. Diese Schlussfolgerung ist richtiger als sie angenehm ist.

Mit einer guten Gliederung steht und fällt der Arbeitsprozess und damit die Arbeit selbst. Kapitel fünf setzt sich daher minutiös - auch mit formalen Aspekten - mit Struktur vom Großen ins Kleine auseinander. In Anbetracht der jüngsten Ereignisse in Deutschland erhält Kapitel sechs eine noch größere Bedeutung. Wie man mit der Leistung anderer umgeht, d. h., wie man Literatur auswertet, verwendet und nicht zuletzt korrekt zitiert, wird hier deutlich vorgelegt. Beschreiben, Erklären und Argumentieren sowie das Verfolgen des roten Fadens in der eigenen Arbeit beschließen ein überaus nützliches Buch, das den gelungenen Spagat “fachspezifischer Allgemeingültigkeit” bewältigt.

© S. Strohschneider-Laue

 Wissenschaftliches Schreiben

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Szenografie - Narrative Räume

Montag, 14. Februar 2011

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Atelier Brückner (Hg.)
Szenography / Szenografie
Making spaces talk / Narrative Räume
Projects / Projekte 2002-2010 Atelier Brückner
avedition 2010, Dt./En.,368 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6136 5

Scenography. Atelier Brückner 2002-2010: Make spaces talk

“Szenografie” ist ein Buch mit vielen Eigenschaften. Auf der inhaltlichen Ebene vereint es die Merkmale eines Handbuches mit den Charakteristika einer Jubiläumsschrift. Seine Texte verbinden die Vermittlung von Grundlagen einer noch jungen Disziplin mit der Vorstellung von Philosophie und Projekten eines der führenden Unternehmen der Branche - des Atelier Brückner.

Seit 1997, dem Jahr seiner Gründung durch den Architekten und Bühnenbildner Uwe R. Brückner und der Architektin Shirin Frangoul-Brückner, hat sich das Atelier Brückner mit Szenografien von herausragender Qualität und Einfallskraft international einen Namen gemacht. Die aus der intensiven Auseinandersetzung mit dem Inhalt entstandenen erzählerischen Raumbilder des mittlerweile auf über 70 Mitarbeiter angewachsenen Ateliers hinterlassen einen bleibenden Eindruck - sowohl als physisches Raumerlebnis als auch in der Form einer fotografischen Dokumentation. Davon können sich LeserInnen in jenem Teil des Buches “Szenografie” überzeugen, welcher der Präsentation von 43 ausgewählten Projekten der letzten 10 Jahre gewidmet ist. Das Spektrum der einfallsreichen Raumkonzeptionen reicht von Dauer- und Sonderausstellungen über Expo-Pavillons bis zu raumfüllenden Messeständen. Fotos älterer, ebenso wegbereitender Projekte sind Bestandteil der opulenten Bebilderung des theoretischen Teils des Buches, der sich den Arbeitsweisen widmet.

Die zunehmende Komplexität der von Szenografen zu lösenden Aufgaben und die Vielfalt der Instrumente, die heute für die Schaffung unvergesslicher Inszenierungen zur Verfügung stehen, erfordern interdisziplinäres Arbeiten sowie eine hohe Kommunikationsfähigkeit. Die Bedeutung des ganzheitlichen Diskurses, des Reflektierens und Hinterfragens konzeptioneller Möglichkeiten zieht sich - ebenso wie die Notwendigkeit des Strukturierens und Lenkens des Designprozesses - wie ein roter Faden durch das Buch. Dieses ist, wie jede Ausstellung, eine Gemeinschaftsarbeit. Als Auftakt des stattlichen Bandes in deutscher und englischer Sprache stellt Frank den Oudsten das Atelier Brückner und dessen von Uwe R. Brückner geprägten Leitsatz “form follows content” vor. Michaela Ganter und Claudia Luxbacher verfassten die Projektbeschreibungen. Die Texte von Prolog, den vier Kapiteln und Epilog stammen aus der Feder von Christian Barthelmes. Geschickt verflicht er die fundierte Darstellung theoretischer und praktischer Grundlagen mit der Schilderung von Arbeitsweisen und Designphilosophie des Atelier Brückner.

Im “Prolog” spannt sich der thematische Bogen von der Erklärung des Begriffs Szenografie und der Genese dieser Disziplin über die Ursprünge des Ausstellens sowie der Entwicklung von den Wunderkammern zu den ersten wissenschaftlichen Sammlungen bis zum heutigen Ausstellungswesen.

Das Kapitel “Inhalt” verfolgt, wie aus der Interpretation eines Themas die Inszenierung von Exponaten und des sie umfangenden Raumes erwächst, sodass eine dreidimensional erfahrbare, emotional berührende Erzählung entsteht, die zugleich Ideen und Fakten vermittelt.

Das Kapitel “Methode” stellt die Arbeitsweise des Ateliers, die auf der von Uwe R. Brückner entwickelten “creativ(e) structur(e)” basiert, vor und begleitet in Zuge dessen den Designprozess Schritt für Schritt.

Das Kapitel “Instrumente” zeigt, womit Szenografen ihre Visionen verwirklichen: Raum, Licht, digitale Medien, Klang und Grafik.

Das Kapitel “Umsetzung” entführt in die Welt der Pläne, Modelle, Testaufbauten und Probeläufe, die notwendig sind, um Gestaltungsideen zu kommunizieren und Entwürfe auf ihre Wirkung und Benutzerfreundlichkeit zu testen.

Der “Epilog” wirft schließlich einen Blick auf Selbstverständnis, status quo und zukünftige Aufgaben der Szenografie.

“Szenografie” ist ein mit großer Sorgfalt gestaltetes Buch. Optisch und inhaltlich setzt es mit dem großzügigen Einsatz von Bildmaterial aller Art - von der Skizze bis zum perfekt ausgeleuchteten Ausstellungsraum - neue Maßstäbe für Handbücher. Als Navigationshilfe zwischen den beiden thematischen Blöcken - die in ihrer Abfolge abwechselnden “Arbeitsweisen” und “Projekte” - finden zwei unterschiedliche Papierqualitäten Verwendung. Eine zusätzliche haptische Dimension wird auch der Oberfläche des Buchkörpers durch Prägedruck am Cover verliehen.

Die Lektüre des Buches “Szenografie” ist ein lehrreiches und inspirierendes Vergnügen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es als Handbuch, Erinnerungshilfe für Gesehenes oder für einen Blick hinter die Kulissen eines Designstudios aus dem Bücherregal genommen wird.

© Ch. Ranseder

Scenography. Atelier Brückner 2002-2010: Make spaces talk

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Gründen: Kultur- & Kreativwirtschaft

Sonntag, 19. Dezember 2010

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Andrea Rohrberg, Alexander Schug
Die Ideenmacher
Lustvolles Gründen in der Kultur- und Kreativwirtschaft.
Ein Praxis-Guide

transcript 2010, 253 S., zahlr. S-W.-Abb.
ISBN 978 3 8376 1390 2 

 Die Ideenmacher

Der Kopf ist voller Ideen, das Herz voller Tatendrang, aber dennoch zögern viele Kreative, ihre Ideen in eine Geschäftsgründung münden zu lassen. Kein Wunder, denn bürokratisches Schubladendenken und Kreativität sind so gut wie unvereinbar. Außerdem sind die mit einer Gründung und dem weiteren Geschäftsgebaren zu überwindenden Hürden vielfältig und leicht zu übersehen. Einen Masterplan hat kaum jemand von Anfang an in der Tasche. Die meisten “stümpern” sich unbedacht durch und nicht alle haben dabei das Glück zu überleben, sondern viele bleiben auf der Strecke. Daher ist es die gute Planung, die das Gründen enorm erleichtert und später dazu führt, beruhigt seiner Kreativität freien Lauf lassen zu können.

Die Publikation “Die Ideenmacher” will bei dieser Planung vor allem Kreativen aus insgesamt zwölf Bereichen (Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfundwirtschaft, Darstellende/r Kunst/Markt, Designwirtschaft, Architekturmarkt, Werbemarkt, Software-/Games-Industrie, Pressemarkt sowie Sonstige im Kunst- und Bildungsbereich angesiedelte Unternehmen) unterstützen. Wobei der Begriff “Kreative” über den schöpferischen Part hinaus auch jene - wie z. B. Buchhändler - erfasst, die die Produkte der Kreativen vermarkten oder wie Bibliotheken und Archive im Bildungsbereich angesiedelt sind.

In neun übersichtlich gegliederten Kapiteln wird der Weg in die Selbstständigkeit von Andrea Rohrberg und Alexander Schug beschrieben. Jedem Kapitel werden die wichtigsten darin besprochenen Punkte vorangestellt.

Auftakt macht im Kapitel eins die Aufforderung zur Selbstreflexion mit zentralen Fragen rund um das eigene inhaltliche und menschliche Potenzial. Das Kapitel wird am Beispiel einer Gründungswilligen, die sich mit ihrer kreativen Idee künftig als Schlussstein jedes Kapitels erweisen wird, beispielgebend zusammengefasst.

Dem Markt und der Stellung des zukünftigen Gründers innerhalb des Marktes ist das Kapitel zwei gewidmet. Die konkrete Aufforderung die Nase vor die Tür und in die Szene zu stecken, in der man selbst einmal mitmischen oder noch besser den Ton angeben will, ist ein zentraler Themenpunkt.

Anhand der eigenen Recherchen ergeben sich im dritten Kapitel Geschäftsmodell und Businessplan fast schon “von selbst”. Denn nun sollte klar werden, ob man markttauglich ist und was man braucht, um finanziell über die Runden zu kommen.

Da es mit den Finanzen immer so eine Sache ist, ist diesem essenziellen Faktor das Kapitel vier gewidmet. Darin wird das Geld angesprochen, das man haben sollte, solches, das man sich noch sichern muss und letztlich, wie man jenes Geld vernünftig einsetzt, um das beste daraus zu machen. Wer sich bis hierher durch das wohlstrukturierte Handbuch gearbeitet hat, ist auf einem guten Weg.

Die Rechtsform bestimmt im Kapitel fünf, wie es weitergeht. Alleine oder mit Partnern ist eine Frage, die sich schon zuvor abgezeichnet hat. Wie man das nun rechtlich für alle Beteiligten absichert und welche Risiken bedacht werden müssen, wird so anschaulich erklärt, dass man keinen BWL-Abschluss dafür benötigt.

Was den Kreativen eher Freude bereiten wird, ist der Werbepart im Kapitel sechs. Irgendwann ist es schließlich nötig, für den zukünftigen Kundenkreis sichtbar zu werden. Natürlich muss das Preis-Leistungs-Verhältnis bedacht werden, aber das ist gemessen an den vorherigen Überlegungen ein Klacks.

Arbeitsorganisation ist auch für den chaotischsten unter den Kreativen eine Überlebensstrategie. Die Inhalte des Kapitels sieben sind deshalb besonders zu beherzigen. Projektabläufe und Zeitmanagement sind sowieso einer steten und meist unvorhergesehenen sowie unerwünschten Veränderung unterworfen. Daher erweist es sich als günstig wenigstens selbst gut organisiert zu sein und ggf. delegieren zu können, wie es im Kapitel acht (Führen und Kooperationen) angesprochen wird.

Buchhaltung und Controlling ist mehr als nur die Steuererklärung, wie Kapitel neun verrät. Schließlich kann man nicht alles ausgeben, was man eingenommen hat und selbst, wenn alle Abgaben gezahlt sind, muss ein Polster für Notfälle geschaffen werden. Und ein guter Überblick öffnet die Augen für günstigere Verträge und Einsparungen.

Wer nach dieser umfassenden Lektüre noch immer meint, nicht genug gelesen zu haben, dem seien die weiterführenden Literaturhinweise und Links ans Herz gelegt, die das - auch hinsichtlich seiner Überschaubarkeit - exzellente Buch beschließen.

© S. Strohschneider-Laue

Die Ideenmacher
 

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Kommunikation: ADC Deutschland 2010

Sonntag, 19. Dezember 2010

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ADC Deutschland Jahrbuch 2010  
ADC Germany Annual 2010 
 
 
avedition 2010, Dt./En., 536 S., zahlr. Farbabb. 
ISBN 978 3 8998 6135 8 

ADC Deutschland Jahrbuch 2010

Für die Besten der Besten ist das Beste gerade gut genug. Dementsprechend edel ist die diesjährige Ausgabe des ADC Deutschland Jahrbuchs geraten. Durch den von einer Vielzahl ausgestanzter Punkte durchlöcherten Schutzumschlag blitzen vier unterschiedlich breite Streifen. Ihr farbiger Vierklang nimmt die Rangordnung der Auszeichnungen auf: Gold, Silber und Bronze sprechen für sich selbst, Pink steht für die Nominierungen. Gleich vier Lesebändchen führen die Farbharmonie im Buchinneren fort, dessen zurückhaltende Typografie die Bühne ganz den präsentierten Arbeiten überlässt. Von der Seite betrachtet, zeigt sich das Jahrbuch in feierlichem Glanz - dafür sorgt der makellose Goldschnitt. Doch das ist noch längst nicht alles. Als wäre das haptische Erlebnis ein paar Kilo Buch in Händen zu halten nicht genug, werden auch die feinen Sinneszellen in den Fingerspitzen stimuliert. Das Logo des Art Directors Club für Deutschland ist am Schutzumschlag zusätzlich mit einer Prägung versehen. Das weckt den Geist von Gütesiegeln und Reviermarkierungen. Die Buchgestaltung des erstmals im international renommierten Verlag avedition erscheinenden Jahrbuchs ist ebenso aufwändig wie gut durchdacht. Inhaltliche Struktur und Aussage werden auf den Punkt genau umgesetzt.

Das ADC Deutschland Jahrbuch besticht mit seiner Hülle und gibt sich darüber hinaus auch inhaltlich als Publikation der Superlative. Die Dokumentation von Höchstleistungen der Werbebranche wurde zur Plattform für Kreative aus vielen Sparten. Grundlage für den stattlichen Band des Jahres 2010 bildet in bewährter Weise der ADC Wettbewerb. Kommerzielle Auftragsarbeiten konnten in einem der folgenden Bereiche eingereicht werden: Klassische Medien, Digitale Medien, Dialogmarketing/Promotion/Media, Design, Editorial, Räumliche Inszenierung, Ganzheitliche Kommunikation und Generic Craft. In 25 Kategorien galt es, Entscheidungen zu treffen. 23 Fachjurys, selbstverständlich aus ADC-Mitgliedern zusammengesetzt, wählten aus und kürten. 429 Einsendungen zum ADC Wettbewerb schafften es. Davon haben 187 einen goldenen, silbernen oder bronzenen Nagel erhalten. Im Inhaltsverzeichnis des ADC Deutschland Jahrbuch 2010 werden 286 Projekte gelistet und in der Folge vorgestellt. Um Ordnung zu schaffen und Doppelungen zu vermeiden, wurde ein Punktesystem ersonnen, das die Gliederung des Buches bestimmt. So wird die Erfassung der Projekte in ihrem vollen Umfang ermöglicht, anstatt sie in einzelne Fachbereiche zu zersplittern.

Doch genug der Zahlen und Fakten. Was hält der Löwenanteil der Seiten, die für manche die Welt bedeuten, für LeserInnen bereit? Wer sind die Gewinner und Nominierten? Das sei hier nicht verraten. Nur so viel: Neben Global Players und Luxusmarken finden sich auch Lokalmatadoren und Kulturinstitutionen. Klassisches reiht sich an Originelles, das nicht selten mit dem Unterhaltsamen wetteifert. Auch das Abstoßende gehört wie die Provokation schon lange zum Repertoire in Gerangel um die Aufmerksamkeit. Stilistisch gilt ganz zeitgemäß “anything goes!” und Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Dass unter dem Dargebotenen fallweise eine - mehr oder weniger unterschwellige - abwertende Haltung gegenüber weiblich konnotierten Gegenständen, Handlungen, Interessen und Einstellungen auszumachen ist, vermag in Zeiten des Verteilungswettkampfes mittlerweile nicht mehr zu erstaunen.

In seiner Gesamtheit bietet das ADC Deutschland Jahrbuch einen spannenden repräsentativen Querschnitt durch ein Segment der angewandten Kreativwirtschaft. Geleitworte, Ehrungen und Nachrufe sowie diverse Verzeichnisse von Preisträgern, Sponsoren, Mitgliedern, Jurys, Agenturen und Verlagen, Firmen und Machern runden das Jahrbuch ab.

© Ch. Ranseder

ADC Deutschland Jahrbuch 2010

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Eventdesign 2010/2011

Montag, 22. November 2010

Non-Fiction

Eventdesign Jahrbuch / Event Design Yearbook 2010/2011
avedition 2010, Dt./Engl., 190 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6131 0

Eventdesign Jahrbuch 2010/2011: Einführung von Jörg Beier

Mit dem Eventdesign Jahrbuch 2010/2011 stellt der Verlag avedition nun auch den Protagonisten dieses zeitgeistigen Segments der multimedialen Kommunikation eine Plattform zur Verfügung. Die zweisprachig in Deutsch und Englisch angelegte Publikation strebt nach einem internationalen Echo. Unternehmen und Agenturen aus dem In- und Ausland werden daher bereits im Vorwort eingeladen, Projekte einzureichen.

Der Aufbau des Buches verspricht für die Zukunft ein interessantes Wechselspiel zwischen akademischem Diskurs und dokumentierter Praxis. Den theoretischen Teil übernehmen im vorliegenden ersten Band der geplanten Reihe Jörg Beier, Professor für Messe-, Kongress- und Event-Management an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, und Georg Stark, Leiter des Steinweg Instituts. Ihr Aufsatz “‘Schwarmintelligenz’ und Begegnungskultur” führt in das komplexe Thema Event-Marketing/Live-Kommunikation ein und steckt mit Inhalts- und Begriffsdefinitionen, der Darlegung von Inszenierungsmechaniken sowie der Empfehlung von Planungsschritten im Projektmanagement das Feld ab, auf dem die Kreativen spielen dürfen. Diesen wird der stattliche Hauptteil des Buches überlassen.

Das Eventdesign Jahrbuch 2010/2011 präsentiert 34 Projekte aus den Jahren 2008 und 2009. Das Spektrum reicht von Produktpräsentationen, Modeschauen und Firmenjubiläen über Fachkonferenzen, Management Meetings und Preisverleihungen bis zu Eröffnungen von Sportveranstaltungen, einer mobilen Miniausstellung und inszenierter Plakatwerbung. Das Mäntelchen des Events lässt sich über Vieles stülpen. Um Ordnung zu schaffen, werden die ausgewählten, meisterhaft inszenierten Ereignisse in vier Kategorien unterteilt: Corporate Event, Employee Event, Public Event sowie Charity, Social, Cultural Event. Jeder Eintrag in diesem illustren Reigen wegweisender Beispiele setzt sich aus einer kurzen Beschreibung der Veranstaltung, einer Liste der Akteure und einer hervorragenden Fotodokumentationen zusammen.

Die schmucke Publikation lässt doppelt staunen. Einerseits wegen der kreativen Hochleistungen und des Feuerwerkes origineller Einfälle, die auf seinen Seiten für die Ewigkeit festgehalten sind. Andererseits wegen des beachtlichen Aufwands mit dem banale Produkte und Dienstleistungen inszeniert werden, um sie mit emotionalem Mehrwert aufzuladen. Dabei ist Live-Kommunikation eine riskante Sache. Schließlich läuft die Wirkung ephemerer Veranstaltungen immer Gefahr, sich als ebenso flüchtig zu erweisen wie die eingesetzten szenischen Effekte oder das aufgetischte opulente Dinner.

Damit sich die Gruppendynamik während des Events positiv entwickelt und den kommunizierten Botschaften die gewünschte Nachhaltigkeit sichert, benötigt es Fingerspitzengefühl und Professionalität. Die Schlussworte des Buches übernimmt daher das Forum Marketing Eventagenturen, dessen Beirat gemeinsam mit Agenturvertretern den FME-Qualitätskodex erarbeitet hat.

Mit dieser Mischung aus Theorie und Praxis ist das Eventdesign Jahrbuch auf dem besten Weg in der Branche zum Standardwerk zu werden.

© Ch. Ranseder

Eventdesign Jahrbuch 2010/2011: Einführung von Jörg Beier

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Form-Fächer | Form-Guide

Mittwoch, 10. November 2010

Non-Fiction

Zürcher Hochschule der Künste e. a. (Hgg.)
Form Fächer - Form Guide
Design, Begriffe, Begreifen - Understand, Design, Terms 
avedition 2010, Dt./Engl., Fächer, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6121 1

Formfächer: Design Begriffe Begreifen

Vier Institutionen zeichnen für das fächerförmige Bildlexikon verantwortlich: Zürcher Hochschule der Künste, Museum für Gestaltung Zürich, Burg Giebichenstein - Hochschule für Kunst und Design Halle und Institute of interior design, environment and architecture (idea…).

Der bilinguale in Deutsch und Englisch abgefasste Formfächer, bietet eine offene Sammlung von rund 450 Designobjekten.  Die wesentlichen Formen sowie die funktionalen Teile der Objekte werden in beiden Sprachen fachgrecht angesprochen. Exakte Ansprache und fixierte Fachtermini sind Basis für die Verständigung zwischen Personen aus Wissenschaft, Design und Produktion.

Auf den Punkt gebrachte Formulierungen dienen der unmissverständlichen Kommunikation im Studium und Beruf. Eine wichtige Voraussetzung, um Zeit, Kosten und Ärger zu minimieren. Der Aufbau des Bildlexikons ist genial systematisiert und übersichtlich dargeboten. Objektbeschreibung/Titel, Datierung, Gestaltung, Herstellung/Produktion, Material und Maße werden dabei selbstverständlich berücksichtigt. Ein übersichtlicher Index ermöglicht die schnelle Auffindung der gesuchten Objekte, obwohl man vermutlich lieber genussvoll und Inspiration suchend blättern möchte.

Die in der unteren linken Ecke angebrachte Lochung der einzelnen Seiten ist Ansatzpunkt der stabilen Schraubbindung, die es ermöglicht, die Seiten - wie bei Farbkarten üblich - aufzufächern. Dicker Karton auf Vorder- und Rückseite verleihen dem Bildlexikon funktionale und strapazfähige Designqualitäten: Stabil, praktisch, gut - Formfächer.

Der zweisprachige Fächer ist der ideale Begleiter für unterwegs. Ein Muss ist er für Jene, die mit Design und Übersetzungen in der Branche zu tun haben sowie in internationalen Kooperationen unmissverständlich sein müssen.

© S. Strohschneider-Laue

Formfächer: Design Begriffe Begreifen

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Frauensache: Arbeiten in der Buchbranche

Montag, 25. Oktober 2010

Non-Fiction

BücherFrauen e.V. (Hg.)  
MehrWert.
Arbeiten in der Buchbranche heute
Ulrike Helmer 2010, 125 S., Sw-Fotos, zahlr. Tab.
ISBN 978 3 8974 1310 8 

MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute

Frauen halten die Buchbranche am Leben. Gingen alle Frauen, die mit der Buchproduktion und dem -vertrieb zu tun haben, in unbefristeten Streik, wären vorerst das letzte Buch produziert und Buchhandlungen geschlossen.  

Das große deutsche Netzwerk Bücherfrauen hat anlässlich ihres 20jährigen Bestehens eine Studie bei Romy Fröhlich (Universität München) in Auftrag geben. Der Anteil der Frauen rundum das Produkt “Buch” und deren Arbeitssituation standen bei dieser Studie im Mittelpunkt. Die Präsentation der Studie und der Publikation erfolgten mit ausgewählten Beispielen und daraus gezogenen, beklemmenden Erkenntnissen während der Frankfurter Buchmesse 2010.

Neun Autorinnen zeichnen inhaltlich verantwortlich: Irmela Erckenbrecht, Romy Fröhlich, Judith Grubel, Doris Hermanns, Hannelore Jouly, Karen Nölle, Tamara Weise, Silke Weniger und Edda Ziegler. Wenn man sich anschließend die Namen der Projektgruppe, Schlusskorrektur und Herstellung durchliest, weiß man, dass, wenn es die Fotografen nicht gegeben hätte, Männer für vorliegende Publikation vermutlich nur in den “mechanischen Bereichen thätig” waren.

Den Auftakt des Bandes bietet einen historischen Rückblick auf die Buchbranche und ihr Verhältnis zu Frauen. Die unglaubliche Verachtung, denen Frauen abseits ihrer Gebärfunktionen ausgesetzt waren, wird auch im Buchwesen deutlich. Über Jahrhunderte wurde Frauen der Zutritt zur Bildung verwehrt. Lesende, gebildete Frauen könnten zu einer Bedrohung der Männer und ihrer Domänen werden. Im Nachhinein betrachtet stimmt es. Denn auch im Buchwesen überflügelten Frauen ihre männlichen Zeitgenossen, wenn man(n) sie ungehindert ließe. Um das Ver- und Behindern von selbstständigen Frauen ist es seit jeher und mit allen Mitteln gegangen.

Wie es um die Geschlechterverteilung der Büchermenschen und deren Situation in Deutschland bestellt ist, zeigt die aktuelle Studie. Nicht einmal die bis heute klaffenden Lohn- und Karrierescheren zwischen männlichen und weiblichen Angestellten, hindert Frauen daran den Medienbereich als Traumberuf zu erobern. Mit bis zu 83% ist die Buchbranche heutzutage hoch feminisiert. Dass es dabei trotz akademischer Ausbildung und Kinderlosigkeit - Doppelbelastung und Karrierebrüche sind widerlegte Argumente - für Frauen schlechter als für ihre oft geringer ausgebildeten männlichen Kollegen aussieht, ist eine heftige Erkenntnis. Frauen müssen unabhängig von allen Faktoren mit einem Minus von bis zu 36% am Gehaltszettel rechnen. Das verstört ebenso nachhaltig wie die Erkenntnis, dass höherwertige Ausbildungen und Elternschaft nur Männern einen finanziellen Vorteil bringen können. Frauen schneiden dafür bei Gehaltsverhandlungen besser ab als Männer. Meines Erachtens ist das kein Wunder. Der große Spielraum den Arbeitgeber haben, einer Arbeitnehmerin nach ihrer erfolgreichen Gehaltsverhandlung noch immer weniger zu zahlen als einem männlichen Arbeitnehmer, entlarvt jede Verhandlung als Posse.

Die Situationsanlysen zu Urheberinnen, Übersetzerinnen und Illustratorinnen zeigen, dass diese oft ein gemeinsames Schicksal teilen: Sie können von einem Gehalt - nämlich ihrem - nicht leben. Entweder springt der Partner ein oder sie arbeiten mehrgleisig. Auch Literaturagentinnen müssen sich durch enorme Leistungen auf dem männlichen Markt behaupten. Antiquarinnen sind “am Ende” des Buchmarktes tätig. Die allgemeine Situation ist hier für beide Geschlechter nicht rosig. Dennoch ist auffällig, dass Sammlen - was vielleicht auch auf das höhere Einkommen von Männern zurückzuführen ist - ein männliches Phänomen ist, während Frauen eher an aktuellen Inhalten, denn an einer Raritätensammlung interessiert sind. Bibliothekarinnen übernehmen stetig auch diese einstige Männerdomäne. Durch die Gleichstellung im öffentlichen Dienst werden zumindest in den öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken Frauen und Männer gleich entlohnt.

Der Reibungsverlust, der in nicht nur in der Buchbranche durch die Rahmenbedingungen für die Mehrheit, nämlich die weiblichen Angestellten, entsteht, ist enorm. Warum nach wie vor im gesamten öffentlichen Leben Einfalt über Vielfalt gestellt wird und durch geschlechtsspezifische Sozialisation grenzenlose Möglichkeiten verhindert werden, bleibt mir persönlich ein Rätsel. Zumal Einfalt auch den politischen Rechtsruck fördert, der Frauen ausschließlich mit Mutterschaft, Heim und Herd verbindet. Die Ellenbogen auszupacken und ebenfalls den hohlen Marktschreier zu mimen, darf und kann für Frauen nicht die einzige Möglichkeit sein, Karriere zu machen.

Die seit Jahrzehnten andauernde Stagnation der Gleichberechtigung tritt in dieser Studie in ganz besonders erschreckender Weise zu Tage und bietet perfekten Anlass, die Diskussion neu zu eröffnen, statt den Feminismus permanent totzusagen.  

© S. Strohschneider-Laue

MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute

siehe auch:
Die Freundinnen der Bücher, Bd. 1. Buchhändlerinnen 
Die Freundinnen der Bücher, Bd. 2. Buchhändlerinnen - Antiquarinnen - Bibliothekarinnen
Frauen machen Bücher

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Mediencamp Wien

Montag, 20. September 2010

Notiz

Gehaltvoll: Mediencamp Wien
18. September ‘10

Wer am Mediencamp war, wird auf das nächste warten. Wer nicht dort war, kann zumindest einige Sessions im Video nacherleben ohne das Nachsehen zu haben und via Twitter den #mcvie TeilnehmerInnen folgen. Was man nicht instant geliefert bekommt, sind die Pausengespräche und die gelungene Organisation von Susanne Liechtenecker, Veronika Mauerhofer und ihrem Team.

Für viele war es das erste aber sicher nicht das letzte Mediencamp - auch nicht für mich. Wer so wie ich häufig das zweifelhafte Vergnügen hat Tagungen zu organisieren, daran als Vortragende oder Zuhörerin teilzunehmen, weiß, dass Pausengespräche oft mehr bringen als alle Sessions zusammengenommen. Erfrischend zu erleben, dass es gleichwertig sein kann. Das mag u. a. daran liegen, dass die TeilnehmerInnen sich nicht durch gruppentypische Konventionen genötigt fühlen mehr Wert auf äußere Form, denn treffsicheren Inhalt zu legen und aus karrierespezifischen Erwägungen zwanghaft den Mund halten. Zugleich war es den Anwesenden klar, dass ohne Sponsoren es kein derartiges Mediencamp gäbe. Es war daher gar nicht nötig von jedem Sponsor Grußworte zu hören. Grußworte, die bei anderen Veranstaltungen den halben Vormittag mit Firmen- und Wahlwerbung verbrauchen und dazu führen, dass der Zeitplan zusammenbricht. Hier kamen alle mit allen Beteiligten mit ihren zwar vorbereiteten aber dennoch ad hoc angebotenen Sessions und durch sie zur Sache. Erfrischend auch, dass der Wechsel zwischen den Sessions, die parallel in drei Räumen abgehalten wurden, ohne Zickenkrieg der RednerInnen und Timetable-Terror der OrganisitorInnen funktionierte.

Es überrascht daher nicht, dass es keine Konfrontation zwischen Bloggern und Journalisten gab. Sind doch die Grenzen schon längst fließend. Die etablierten Medien haben ihre Blogs, die Journalisten sind Blogger und die Blogger müssen sich immer häufiger fragen, ob sie sich statt der früheren Anfeindung plötzlich einer Vereinnahmung stellen müssen. Schließlich geht es immer auch ums leidige Geld. Die einen fürchten den Verlust zahlender LeserInnen und Anzeigenkunden, die anderen fragen sich, wie finanziere ich meine Serverkosten, ohne meine inhaltlichen Ziele aus den Augen sowie meine LeserInnen zu verlieren. Ein Thema, das - u. a. in “Monetarisierung meines Blogs” oder “Eigenverlag” - ebenso vielseitig diskutiert wurde wie der Nutzen der Social Media. Selbst die skurrile Session zu einem bereits bestehenden Portal war aufschlussreich. Aufschlussreich, weil jetzt jeder weiß, dass es “trollisch” ist, wenn man Kreditkarten- und Tourismuswerbung im Namen eines Medienmolochs macht, statt tatsächlich “Work in progress” oder “Best practice” zur Diskussion zu stellen.

Ich habe mich kaum so wohl auf einer Tagung gefühlt und am Ende ganz enspannt so viel inhaltlich mitgenommen. Andereseits habe ich mich zuvor nie gefragt, ob ich denn genug für andere TeilnehmerInnen beigesteuert habe.

© S. Strohschneider-Laue

Mehr Reviews sind zurzeit auf Nur ein Blog, Wirtschaftsblatt und Der Standard.

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Kontroversen

Mittwoch, 03. März 2010

Notiz

Kontroversen
Justiz, Ethik und Fotografie
KunstHausWien
4. März bis 20. Juni ‘10

150 Jahre Fotografie im historischen, gesellschaftspolitischen und vor allem im juristischen Kontext präsentiert das KunstHausWien. Die vom Musée de l’Elysée Lausanne entwickelte Ausstellung ist ein Pflichttermin für alle, nicht nur für jene, die mit Fotografie beruflich befasst sind, ihr ein größeres Interesse entgegenbringen oder selbst gerne auf den Auslöser drücken.

Chronologisch gehängt, werden rd. 90 Fotografien gezeigt, die schon seit den Anfängen der Fotografie polarisierten und Juristen beschäftigten. Bis heute bieten Fotografen und ihre Werke immer wieder Anlass für Kontroversen. Das sogenannte “Caroline-Urteil”, das vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2004 gefällte Urteil, das die Bildberichterstattung über Prominenten einschränkt, ist wohl vielen bekannt. Wie viele sehr differenzierte oder nur oberflächlich ähnliche Streitfragen rund um die Fotografie vor Gericht landen, ist hingegen kaum  bekannt. Es geht dabei weniger häufig um Abgeltung finanzieller Rechte der Urheber, sondern um viele andere, rechtlich abzuklärende Fallbeispiele. 

Fotografie muss nicht gleich Kunst sein, um an ethische, politische oder sonstige zeitgeistige Grenzen zu stoßen. Zu dem sind Zurückhaltung sowie Veröffentlichungen von Fotos ein probates politisches Mittel zur Steuerung der öffentlichen Meinung wie es u. a. für die Atomwaffentests gehandhabt wurde. Dokumentationen, Kriegs- und Katastrophenfotografien können genauso Anlass für Diskussionen, Verbote und rechtlichen Konsequenzen sein. Manipulationen, die die Fotografie selbst betreffen können oder den Kontext in den Fotografien gestellt werden, sind vielfältig und machen zuweilen auch Abgeklärte fassungslos.

Bei 78 eher fragwürdigen als originalen Abzüge von Man-Ray-Fotos ging es um die Rückerstattung von  2,3 Millionen Dollar. Originalfotos und deren retuschierte Varianten oder in einem anderen politischen Kontext interpretierte Fotos belegen politische Zielsetzungen mit Hilfe von Bilddokumenten.

“Alice im Wunderland” oder “Lewis Carrol im Kinderpornoland” war 1858 das Gerücht, das zu kursieren begann, als Carroll die kleine Alice Liddell als Bettelmädchen ablichtete. Die Gerüchte sind auf Grund von ihm selbst vernichteter Fotos und Säuberungsaktionen seiner Familie nach seinem Tod zwar nicht mehr zu bestätigen, können aber auch genauso wenig widerlegt werden. Wo die Kinderpornografie vermeintlich beginnt und wo sie vermeintlich aufhört, ist sowieso ein breites Feld der Interpretation wie auch anhand etlicher Beispiele in der Ausstellung aufgezeigt wird.

Wie gerechtfertigt Fotos sein mögen, die von Sterbenden, Toten und deren Körperteilen gemacht werden, bietet seit dem unautorisierten Foto des Otto von Bismarck im Sterbebett reichlich Konfliktstoff. Egal ob es eine zerfetzte Hand  vom 11. September 2001, das zu Tode erschöpfte und vom Geier beobachtet Kleinkind im Sudan oder die sterbende Omayra Sánchez in Kolumbien ist. Es sind Fotos die polarisieren, sich einprägen, strikte Ablehnung und spontane Hilfsbereitschaft auslösen.

Zwischen freiwilliger Selbstzensur und bedingungsloser Verteidigung der Freiheit der Kunst angesiedelt, sind Entscheidungen, die die Veröffentlichung von Bildern betreffen, die auch nur ansatzweise gegen ein bestehendes Verbot verstoßen könnten. Es ist dennoch subjektiv, ob z. B. die Pose von Angelina Jolie mit Pferd als sodomistisch interpretiert wird oder nicht.

Es hat sich seit jeher für Künstler ausgezahlt die Reichen und Schönen nicht nur wegen ihrer - oft vermeintlichen -Zahlungskraft zu porträtieren. Die Porträts bieten einerseits Einnahmen durch den Verkauf der Abzüge und andererseits das große Potenzial eine Schar zahlungswilliger, weniger berühmter bzw. gänzlich unbedeutender Kunden zu gewinnen. Die Rechtsstellung der Porträtfotografie als Kunstwerk sowie die Sicherung des Urheberrecht am Foto wurde in den USA bereits 1883 durch ein Porträt von Oscar Wilde ausgelöst, das kopiert wurde.

Die großartige Ausstellung mit hohem Mehrwertfaktor benötigt vor allem eines: Zeit. Zeit um die Bilder anzusehen, noch mehr Zeit die erstaunlichen Inhalte der Texte zu erfassen und sehr viel Zeit zum Nachdenken. Während eine Personale nach einem kurzem Rundgang oft das Gefühl der Leere hinterlässt, ist hier der hohe und breitgefächerte Informationsgehalt von bleibenden Wert.

Überraschend ist hingegen die freiwillige Selbstzensur der Ausstellung. Kinder unter 14 Jahren haben keinen Zutritt, sensiblen Personen wird von der Ausstellung abgeraten. Es sollte zumindest Erziehungsberechtigten diese Entscheidung überlassen bleiben, ob sie ihre Kinder mit in die Ausstellung nehmen oder nicht. Unverständlich, denn tagtäglich ist jeder Mensch - unabhängig von Alter und Sensibilität - einer Flut vergleichbarer visueller Eindrücke ausgesetzt, deren kulturhistorischer Kontext und rechtliche Tragweite dabei verschlossen bleiben. Unverständlich, weil auch die unprofessionelle, private Bilderflut, die tagtäglich im Internet veröffentlicht wird, von den gleichen rechtlichen Aspekten und Folgen betroffen ist.

Fazit: Pflichttermin!

© S. Strohschneider-Laue

Aktuelle Ausstellungskataloge
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Innovationen für den Journalismus

Montag, 05. Oktober 2009

Non-Fiction

Susanne Fengler, Sonja Kretzschmar (Hgg.)
Innovationen für den Journalismus

VS Verlag 2009, 165 S.
ISBN 978 3 5311 5450 3

Innovationen für den Journalismus Innovationen für den Journalismus

Die Spirale von Fortschritt und Veränderung dreht sich immer rasanter. Auch die Medienwelt ist davon erfasst. Der Journalismus hat im letzten Jahrzehnt eine massiven Wandel in Verarbeitung von Input und Erstellen von Output sowie in den dazwischen befindlichen redaktionellen Belangen erfahren.

Die Reihe Kompaktwissen Journalismus hat zum Ziel die Ergebnisse aus Wissenschaft und Praxis in Lehrbüchern zu vereinen. Die Herausgeberinnen arbeiteten für diesen Band mit den Medienprofis Soheil Dastyari, Gabriele Fischer, Kai Gniffke, Christoph Keese - im Autorenverzeichnis fehlend -, Marcus Lindemann, Christoph Moss, John V. Pavlik und Jens Radü zusammen. In zwölf Kapiteln und einem Exkurs werden Aspekte des Redaktionsmanagements, Leserkommunikation, Darstellungsformen, Themenfindung, Recherche, aber auch weiterführende Aspekte, die oft vergessen werden, wie Bedürfnisperspektive, Technik und Ethik, werden einer näheren Betrachtung unterzogen. Zugleich wird der Inhalt - bis auf ein schmerzlich vermisstes Register im Anhang - benutzerfreundlich gegliedert. Praxisbeispiele, Lernziele sowie Zusammenfassungen am Schluss der Kapitel werden zusätzlich optisch hervorgehoben.

An der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis angesiedelt, ist der Band guter Ausgangspunkt für Diskussionen. Diese Schnittstelle bietet ausreichend Reibungsflächen, die letztlich wiederum die Stärke von “Innovationen für den Journalismus” ausmachen. Erfahrungen mit und Sichtweisen auf Recherchen oder Arbeitsabläufe zeigen, dass bei aller aufgezeigten Effizienz letztlich die redaktionelle Zielsetzung prägend für den Umgang mit und die Verarbeitung von In- und Output ist.

Journalistisches Transportieren von Inhalten trifft somit auch auf wissenschaftliches Publizieren. Gemeinsam ist beiden Seiten, Qualitätskriterien zu finden, die für Journalismus im größeren Rahmen des schnelllebigen digitalen Zeitalters maßgeblich sein sollen. Und das, obwohl sich gar nicht so viel geändert hat. Es geht in einer - zugegebenermaßen - vielfältigeren Publikationspalette immer noch um inhaltliche Qualität und zielgruppenorientierte Vermittlung bei größtmöglicher Effektivität. Geändert hat sich die Konkurrenz hinsichtlich Struktur und Umfang. Niemals zuvor war es für “Otto Normalverbraucher” so einfach und so billig selbst auf Sendung zu gehen, zu veröffentlichen, einen öffentlichen Stammtisch zu betreiben. So vielfältig die Laienanbieter sind, so unterschiedlich sind auch der gebotene Inhalt und die Qualität. Deshalb gilt es wie bisher für LeserInnen jede Nachricht hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit einer genauen Personal- und Contentkritik zu unterziehen. Daher ist es ebenso fragwürdig Blogs pauschal als Graswurzeljournalismus von wenig vertrauenswürdigen Laien zu bezeichnen, wie es unkritisch ist kommerzielle und öffentlich-rechtliche Nachrichtenlieferanten automatisch für vertrauenswürdig zu halten. Im Ethikkapitel wird dies nochmals deutlich, wenn die verhängnisvolle Verquickung des Journalismus mit Kommerz und Politik angesprochen wird. Der Profijournalismus ist dabei sein Claim neu zu definieren und deutlich gegenüber der Laien-Grauzone abzustecken, dass viele Journalisten auch Blogger sind, wird nicht weiter diskutiert.

Die Berichterstattung aus Politik und Wirtschaft stehen bei den vorgelegten Insider-Betrachtungen im Vordergrund. Dass in einem Journalismus-Buch unglückliche Formulierungen Platz finden, ist teilweise ebenso unterhaltsam wie befremdlich. Opernkritiker, die in die Ecke der Verhaltensaufälligen gerückt werden, locken noch ein Schmunzeln hervor. Befremdlich ist hingegen, wenn schnelle Berichterstattung als wenig konzentrationsintensiv dargestellt wird - es erklärt aber so manche Ente. Wichtig ist hingegen, dass auf die wachsende Problematik der Urheberrechtsverletzungen eingegangen wird, die digital schneller machbar, aber auch leichter strafrechtlich verfolgbarer ist. Naiv, wer glaubt, dass Journalisten nur Opfer wären.

“Innovationen für den Journalismus” bietet sehr spannende Einblicke in Redaktionsstrukturen. Darüber hinaus werden wichtige Bereiche von der Qualitätssicherung bis zu ethischen Fragen angesprochen. Das Spannungsfeld von Profis und Laien wird angesprochen. Es würde aber eine umfassende und sachliche Betrachtung, nicht nur hinsichtlich des Journalismus, verdienen - vielleicht sogar einen eigenen Band in dieser neuen Reihe “Kompaktwissen Journalismus”.

© S. Strohschneider-Laue

 Innovationen für den Journalismus

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Kundinnen II

Samstag, 03. Oktober 2009

Notiz

Alltagsdrama: Ausstellungsmacherin trifft auf Autohändler

Warum sollte es einer Freundin in Sachen Männerkommunikation besser gehen als mir (siehe dazu Kundinnen I)?

Besagte Freundin ist eine typische Bleifuß-Frau, die sich so fortbewegt wie es Gott für den Menschen offenbar vorgesehen hat: Mit dem Auto. Immer auf großen Strecken zwischen Wien - Linz - Salzburg - Graz sowie dem zugehörigen Umland pendelnd, fährt sie zwischendurch noch einige Touren quer durch Europa. USA, Mali und China hat sie dieses Jahr notgedrungen - Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel - mit dem Flugzeug angesteuert. Diese Megastrecken hält das beste Auto auf Dauer nicht aus und irgendwann verlassen uns auch die robustesten unter ihnen. Nur um es vorweg zu nehmen, sie ist zwar viel unterwegs aber trotzdem keine Drogendealerin, sondern als Austellungsarchitektin eine echte Spezialistin für Kommunikation und Gestaltung. Das bedeutet, dass ihre Brieftasche nicht prall gefüllt ist und sie ein finanzierbares Auto mit großen Transportflächen aber nicht mit Versteckmöglichkeiten braucht. Jedenfalls war sie auf der Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz.

Ihre Odyssee durch die Autohäuser ihrer Heimatprovinz sei in nachfolgendem Dialog zusammengefasst.

Er: Guten Tag. Auf der Suche nach einem roten Frauenauto?

Sie: Eigentlich habe ich an etwas Flottes, Strapazfähiges für lange Autobahnfahrten gedacht. Ein Cello sollte auch noch Platz finden.

Er: Na, Internetanschluss in Kleinwagen gibt’s noch nicht! HAHAHA. Aber wir haben hier einige rote Modelle.

Sie: Ich meine “Cello” nicht “Chello”. Das eine ist ein Musikinstrument, das andere ein Provider.

Er: Der ist auch gut. HAHAHA Wie gefällt Ihnen dieser schicke rote Kleinwagen? Sehr kompakt und wendig, gut geeignet für den Stadtverkehr.

Sie: Langstrecken, schnell und groß sind meine Anforderungen. Stadtverkehr ist das geringste Problem.

Er (unbeirrt): Schaun’s, in den Roten passen gleich drei Bierkisten für den Mann rein und der Kindersitz für den Spross seiner Lenden hat trotzdem genug Platz.

Sie (schon ausgereizt): Ich trink das Bier nicht aus Kisten und der Spross meiner Eierstöcke braucht keinen Kindersitz, sondern Platz für ihr Cello. Na, dieser große Geländewagen da wäre schon passender.

Er: Na, das ist aber kein guter Stadtwagen zum Einkaufen. Sie werden nur Schwierigkeiten beim Einparken haben und in rot gibt es dieses Modell auch nicht. Das ist eher ein richtiges Männerauto.

Sie: Ich habe nie Schwierigkeiten beim Einparken. Mein Problem sind Autoverkäufer, die nicht zuhören.

Er: Na welches Glück, dass ich jetzt für Sie da bin. Ich habe den idealen Wagen für Sie. Sehr klassisches Modell, seit Jahren unverändert und ausschließlich in rot erhältlich. Kein technischer Schnickschnack. Wird fast ausschließlich von Frauen gekauft. Damen legen ja doch mehr Wert auf Sicherheit als auf Geschwindigkeit.

Sie ist sehr friedfertig, sie hat ihn und die vielen andern Autoverkäufer nicht erschlagen, sogar der nette Herr vom Automobilclub, der - zur modellspezifischen Unfallstatistik befragt - meinte “Frauen kaufen sich meist ein rotes Auto”  lebt noch. Aber wie meine Freundin schließlich zu ihrem Auto - natürlich ist es nicht rot - gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hat sie irgendwo eine Autoverkäuferin gefunden, die zugehört hat.

© S. Strohschneider-Laue

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Kundinnen I

Donnerstag, 24. September 2009

Notiz

Alltagsdrama: Sprachfrau trifft auf Baumarktmann

Neulich wollten wir unsere Wohnung wieder etwas auffrischen. Eine neue Brausetasse sollte es unter anderem sein. Bei solchen Gelegenheiten möchte man nicht die gleichen Fehler - egal ob geschmäcklerischen oder bautechnischen - wiederholen und nochmals zehn Jahre den Anblick der letzten Fehlentscheidung ertragen müssen. Wir einigten uns auf ein technisch-futuristisch anmutendes Badezimmerdesign. Möglichst viel Chrom und Glas sowie möglichst kein weißes Porzellan oder Plastik sollte es sein.

Dass Männer und Frauen nicht die dieselbe Sprache sprechen - auch wenn sie die gleiche nutzen -, dürfte wohl allgemein bekannt sein. Dass das Zuhören und Verstehen aber auch wesentliche Aspekte sind, wird immer unter den Tisch gekehrt. Wie gravierend sich dies beim Einkaufen auswirken kann, wenn es nicht um Grundnahrungsmittel, Hygieneprodukte und Bekleidung geht, sei hier am ersten Beispiel dargestellt. Es war ein Ding der Unmöglichkeit den diversen Angestellten in den zahlreichen Baumärkten und Heimwerkerzentren diese Wünsche darzulegen. Die Dialoge zwischen den durchwegs männlichen Angestellten und mir - definitiv Frau - entspannten sich zusammenfassend etwa so:

Ich: Guten Tag, ich bräuchte ein Brausetasse - möglichst 90 x 90 - im Nirosta-Design.

Er: So was gibt’s nicht.

Ich: Was gibt’s nicht, die Größe oder das Nirosta?

Er: Die Größe gibt’s schon.

Ich: Haben Sie wirklich keine Metalltassen?

Er: Doch, aber das baut man heute nicht mehr ein. Die Restbestände stehen dahinten in der Ecke.

Ich: Nein, die meine ich nicht. Das sind Emailwannen.

Er: Was? Bei E-Mail haben’s wohl was verwechselt. HAHAHA

Ich: Sehr witzig, selten so gelacht. Das ist Gusseisen mit Emailschicht - was nichts mit E-Mail zu tun hat. Ich will ein Hochglanz-Edelstahl-Produkt. Sehr hygienisch, wenn Sie das verstehen.

Er: So was gibt’s gar nicht. Putzen muss man sowieso alles.

Ich: Es geht nicht ums Putzen, sondern um Material und Oberflächenqualität. Brausetassen aus Nirosta gibt’s sehr wohl. Nirosta wird oft in Fabriken oder auf Raststationen eingebaut.

Er: Wenn’s so schlau san, dann schau’n mir mal in den Katalog, da ist alles drin was’ gibt.
Gelangweiltes Blättern folgt, wobei sämtliche Plastik- und Emailwannen von ihm triumphierend durch Fingerklopfer hergezeigt werden.  Da schaun’s her, so schau’n Brausetassen aus.

Ich (bereits ausgereizt): Guter Mann, ich bin sogar mit der Benutzung vertraut. Ich will aber eine aus Metall ohne Email. So ein Ding, das aus schaut wie eine Küchenspüle, bloß die flache und quadratische Variante, zum Reinstellen von Menschen.

Er: Warum sagen’s das nicht gleich? Das haben wir hier gleich hier.

Er stapfte zwei Regalreihen weiter. Zufrieden zeigte er auf ein rechteckiges Metallobjekt, das meinen Wünschen nur mit äußerster Fantasie ähnlich war. In den mediterranen Ländern nennt man so etwas eine Stehtoilette.

“Baumarktberatung” ist ein Oxymoron und ich war einem “Ox-Moron” ausgeliefert.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch Kundinnen II

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Gottes Segen und Rot Front

Dienstag, 15. September 2009

Fiction

Harry Rowohlt
Gottes Segen und Rot Front
Nicht weggeschmissene Briefe II
Kein & Aber 2009, 272 S.
ISBN 978 3 0369 5536 0

 Gottes Segen und Rot Front: Nicht weggeschmissene Briefe zweiter Teil

Sich darauf einlassen und sich dann darüber auslassen, kann keiner wie Harry Rowohlt. Der zweite Teil der wortgewandten Briefsammlung der andersartigen Art beweist dies mit jeder Zeile.

Jedes Mal frisst mich beim Lesen von Rowohlt-Texten der Neid über flockig-lockere Eloquenz, sprachliche Treffsicherheit und unverblümte Kernaussagen. Umso mehr hat es mich gefreut diese Briefsammlung zu lesen und Harry Rowohlt in schriftlicher Höchstform zu erleben. Bei ihm gibt es keinen sprachlichen oder inhaltlichen Unfall, es sei denn, er will ihn verursachen. Rowohlt schreibt wie er redet und er redet wie er ist. Das kann gut oder schlimm für die Adressaten sein und ist oft genug überraschend. Überraschend, weil die meisten gar nicht mehr wissen wie es ist Ehrlichkeit zu begegnen. Höfliches Salbadern und diplomatisches Formulieren darf man nicht von Rowohlt erwarten. Erwarten muss man hingegen geschliffene Aussagen, deutliche oder verspielte Worte oder ein stilistisch passendes Echo in dem alles von ätzender Kritik bis zum warmherzigen Glückwunsch enthalten sein kann.

“Gottes Segen und Rotfront” ist Pflichtlektüre für Rowohlt-Fans, Sprachfanatiker und Hirnbesitzer. Also kein Gelabere über ein tolles Buch, wer es jetzt noch nicht liest, dem ist sowieso nicht zu helfen.

“WARUM KÖNNEN DIESE MAKAKEN NICHT ALLES SO LASSEN, WIE ICH ES HINGESCHRIEBEN HABE?! ICH SCHREIB DAS JA NICHT ZUM SPASS SO HIN.” (Harry Rowohlt, Brief an Nikolaus Heidelbach)

© S. Strohschneider-Laue

Gottes Segen und Rot Front: Nicht weggeschmissene Briefe zweiter Teil

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El tesoro de cuentos - Der Märchenschatz

Sonntag, 30. August 2009

ab acht

Juliane Buschhorn-Walter, Claudia von Holten (Hgg.) 
El tesoro de cuentos
Der Märchenschatz

Silberfuchs 2009, 110 S., farbig illustriert.
Zwei CDs (Deutsch/Spanisch), 122′
ISBN 978 3 940665 05 8 (Print)
ISBN 978 3 940665 11 9 (Audio)

Der Märchenschatz Buch El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
Der Märchenschatz CD El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika

Es ist nie zu spät Sprachen zu lernen, aber man kann nicht früh genug damit beginnen. Kinder mehrsprachig aufwachsen zu lassen, ist eine wertvolle Grundlage für das ganze Leben. Die Sprachschule Amiguitos hat sich auf Spanisch und Italienisch für Kinder spezialisiert. In Zusammenarbeit mit Silberfuchs erscheinen zu den Sprachprogrammen begleitende und hochwertige Print- und Audioprodukte, die auch unabhängig vom Kursbesuch eine Bereicherung darstellen.

Der “Märchenschatz” liegt als Buch und Audio-CD vor und sollten m. E. auch solche zum Einsatz kommen. Die 15 Stories aus Spanien und Lateinamerika werden zweisprachig geboten. Sie fördern neben dem sprachlichen auch das kulturelle Verständnis. Die sprachlichen Gemeinsamkeiten, aber auch die durch die Kulturkreise bedingten Unterschiede werden durch die getroffene Auswahl deutlich. Das hohe inhaltliche Niveau wird Kinder nicht überfordern, sondern sie in ihrem Sprachverständnis fördern. Ungebräuchliches wie Fachbegriffe oder historische Fakten werden ausführlich erklärt. Die in verschiedenen Farben sowie kursiv gesetzten zweisprachigen Textteile erleichtern den Lesefluss. Zugleich werden die Texte dadurch in übersichtlichen Häppchen aufgeteilt, so dass nicht der Eindruck einer riesigen und vielleicht abschreckenden Textflut entsteht.

Das exzellent gegliederte und ansprechend illustrierte Buch eignet sich zum Vorlesen und eigenständigem Lesen sowie Mitlesen in Verbindung mit dem Hörbuch (José Paniagua - Text, Ulli Simon - Musik, Peter Lohmeyer - Sprecher). Einen Sprachkurs können Buch und Audio-CD nicht ersetzen, sie werden aber bestehende Kenntnisse fördern und/oder zum Besuch eines Kurses anregen.

© S. Strohschneider-Laue

El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika

Siehe auch:
Cantado y contado para los amiguitos. Spanisch für Kinder - Rezension - Hörprobe

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Kulturbüro

Dienstag, 30. Juni 2009

Non-Fiction

Ivan Sterzinger (Hg.)
Das Kulturbüro-Weissbuch
Scheidegger & Spiess 2009, 107 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85881 262 9 

Kulturbüro Weissbuch  Das Kulturbüro-Weissbuch: Mit Gesuchsleitfaden, zwanzig Geheimtipps und über hundert nützlichen Adressen für das Überleben im Kulturbetrieb

Herzlichen Glückwunsch zum zehnten Geburtstag, Kulturbüro Zürich! Grün vor Neid bin ich als Österreicherin beim Lesen der Jubiläumspublikation des Schweizer Projektes zur Unterstützung von Kulturschaffenden geworden! Das Kulturbüro hilft praxisnah und unbürokratisch. UNBÜROKRATISCH - gleich mehrmals las ich dieses magische Wort, sogar laut. Ich musste es mir regelrecht auf der Zunge zergehen lassen. Aber es kam noch besser!
Ein Künstler ist jemand, der sich selbst als solcher definiert und nicht in erster Linie jemand, der bereits zahlreiche Auszeichnungen gewonnen hat, schreibt Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales Migros-Kulturprozent, im Vorwort von “Das Kulturbüro-Weissbuch” über die “Haltung” des Kulturbüros. “Wow!” war mein erster, sich zugegebenermaßen nicht durch intellektuelle Reflexion auszeichnender, Gedanke. Entzückt über so viel Aufgeschlossenheit und Weitsicht einer Fördereinrichtung, versenkte ich meine Nase wieder in das Buch.

Dank der zahlreichen charmanten, humorvollen und nützlichen Beiträge, ist die anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Kulturbüros erscheinende Festschrift “Das Kulturbüro-Weissbuch” zugleich Dokumentation und Ratgeber. Das Kulturbüro wurde 1998 in Zürich gegründet. Seine Räume sind Treffpunkt, Atelier und Büro zugleich. Hier können Kulturschaffende arbeiten und netzwerken, sich bei den engagierten Mitarbeitern der unkonventionellen Einrichtung Rat holen, kostengünstig Geräte ausborgen oder die Infrastruktur des Büros nutzen. Wofür das Kulturbüro steht, wie es zu seiner Gründung kam und welche Leistungen es anbietet, wird als Auftakt und Abschluss des Buches erzählt. Von Seite 15 bis 54 dürfen LeserInnen Hand anlegen: Perforierte Seiten müssen vorsichtig aufgerissen werden, um an die Tipps von zwanzig Kulturschaffenden zu kommen, wie unerwartete Hürden oder Engpässe überwunden werden können. Von Rezepten für Kunstblut über die Beschaffung von kostenlosen Fonts bis zu Tricks mit deren Hilfe Geräten das Maximum des technisch Machbaren entlockt werden kann, reicht das Spektrum der Improvisationskunststücke und Notlösungen.
Ein wenig ernster geht es dann im Leitfaden zum Verfassen von Gesuchen zu. Die meisten in der Gesuchsanleitung angeführten Punkte sind allgemein gültig und als Hilfestellung auch für Österreicher und Deutsche brauchbar. Einige wenige Empfehlungen sind allerdings eher als landestypisch zu betrachten. Wirklich nur für Schweizer hilfreich ist der Adressenteil “Die gelben Seiten”. Nach dieser Serviceleistung schwenkt “Das Kulturbüro-Weissbuch” wieder auf die Dokumentationsschiene. Witzig fand ich die Porträtfotos der hart für die Kulturschaffenden arbeitenden Geräte. Da sich das Kulturbüro Zürich als bahnbrechendes Erfolgsprojekt erwies, wurden nach und nach Niederlassungen in Bern (1999), Genf (2006) und Basel (2008) eröffnet. Das vorletzte Kapitel fängt mithilfe eines fotografischen Essays die Stimmung in den Räumen der vier Kulturbüros ein.

Was in Österreich zu einer schwerfälligen Jubelpostille für Politiker und deren Versuch, sich in zahlreichen Vor-, Geleit- und Einleitungsworten inklusive Foto zu profilieren, verkommen würde, wird in der Schweiz zu einer Publikation, in deren Mittelpunkt das gefeierte Projekt steht und in der Menschen zu Wort kommen, die tatsächlich etwas mit dieser Einrichtung zu tun hatten oder haben. Nicht nur Konzept und Tonfall von “Das Kulturbüro-Weissbuch” sind aufgeschlossen und individuell, auch die optische Gestaltung des Buches kann sich sehen lassen. Nur der blaue Schutzumschlag wollte sich ständig aus dem Staub machen.

Das Kulturbüro ist eine Bereicherung der Schweizer Kulturlandschaft, “Das Kulturbüro-Weissbuch” für jedes Bücherregal.

© Ch. Ranseder

Das Kulturbüro-Weissbuch: Mit Gesuchsleitfaden, zwanzig Geheimtipps und über hundert nützlichen Adressen für das Überleben im Kulturbetrieb

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Handbuch Zoo

Donnerstag, 25. Juni 2009

Non-Fiction

Jürg Meier   
Handbuch Zoo 

Haupt 2009, 230 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 258 07448 1

Handbuch Zoo Handbuch Zoo: Moderne Tiergartenbiologie

Wohnklos für die Primatenhaltung oder betonierte winzige Bärenzwinger sind endlich out. Die moderne Zootierhaltung setzt auf Vergesellschaftung, Beschäftigung und möglichst artgerechte Haltung, die nicht antiseptisch wirkt.

Der älteste bestehende Zoo weltweit ist der Tiergarten Schönbrunn (seit 1752) in Wien. Seit seinem Bestehen haben sich Zoos kontinuierlich von Menagerien für Schaulustige zu grünen Bildungsoasen, Forschungszentren und Ressorts für vom Aussterben bedrohte Tierarten entwickelt. Die Veränderungen der inhaltlichen Ziele gingen ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert Hand in Hand mit verbesserten Haltungsbedingungen. Eine Folge inadäquater Haltungsbedingen, die u. a. mangelnde Quarantäne, unausgewogene Fütterung sowie falsche Klimabedingungen betreffen, waren nicht nur die geringe Lebenserwartung von Zootieren. Bei nichtartgerechter Haltung nehmen Aktionen und Reaktionen, Fortpflanzung der Tiere im gleichen Maße ab wie psychische Störungen zunehmen. Tierische Dramen, die die BesucherInnen nicht unberührt ließen. Die Bedingungen haben sich seither enorm verbessert, aber nicht in allen Institutionen und für alle Tiere im gleichen Maße. Es bleibt noch viel zu tun. Die moderne Tiergartenbiologie ist ein interdisziplinäres Fach, das sich aus Teilgebieten der Biologie, Tiermedizin und der Ökonomie zusammensetzt. Eine stete Verbesserung der Tierhaltung im Rahmen zoologischer Anlagen ist das inhaltliche Hauptziel. Die Dualität von wild- und zoobiologischer Forschung sowie “Präsentation” von Tieren in möglichst artgerechten, natürlichen Lebensräumen für BesucherInnen sind diametrale Ansätze, die es gilt, unter einen Hut zu bringen.

Jürg Meier ist Experte auf dem Gebiet der artgerechten Wildtierhaltung. Im vorliegenden “Handbuch Zoo” legt er in übersichtlichen sieben Kapiteln vor, worauf es in Tiergärten und somit in der Tiergartenbiologie ankommt.
In den Einstiegskapiteln “Tiergärten und ihre Bedeutung”, “Tiergartenbiologie - Begriffe und Definitionen” werden die Grundlagen des Faches und der Institution dargelegt.
Danach widmet sich der Autor unter den treffenden Überschriften “die Bühne”, die “Darsteller” und ”das Publikum” dem interaktiven Bereich zwischen Forschung, Ökonomie und Außenkommunikation.
Der Besuch hinter “die Kulissen” zeigt berufliche Aspekte auf und verdeutlicht den vielfältigen logistischen Aufwand.
Der Ausblick auf die “Zukunft Zoo” macht deutlich, dass Zoos nicht an Bedeutung verlieren werden. Das Bestreben nach möglichst natürlicher Haltung der Tiere, Teilnahme an Zuchtprogrammen im Rahmen des Artenschutzes und die Angebote der besucherorientierten Vermittlung werden mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.
Im benutzerfreundlichem Anhang finden sich neben weiterführender Literatur und Register wichtige Hinweise auf Zoozeitschriften udn Zooorganisationen.
Ein großer Verdienst des Autors ist es, den anspruchsvollen Inhalt so fesselnd vorzulegen, dass es nicht nur tiergartenbiologische Pflichtlektüre ist, sondern auch begeisterte ZoobesucherInnen das Grundlagenwerk gerne lesen werden. Eine Fülle sprechenden Bildmaterials und die übersichtliche, frische Gestaltung des Buches tragen dazu bei, dass das “Handbuch Zoo” zu einem attraktiven wissenschaftlichen Lesevergnügen wird.

© V. Strohschneider

Handbuch Zoo: Moderne Tiergartenbiologie

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Philosoph & Wolf

Dienstag, 23. Juni 2009

Non-Fiction

Mark Rowlands
Der Philosoph und der Wolf
Was ein wildes Tier und lehrt
Rogner&Bernhard 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7

Der Philosoph und der Wolf  Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt

Brenin begleitete seinen Philosophen überall hin - sogar in die Vorlesungen. Am Beispiel dieses ungewöhnlichen Zusammenlebens mit einem Wolf voller Marotten offenbart sich für den Philosophen eine neue Weltsicht. Mark Rowlands gelingt es Philosophie am tierischen Beispiel so fesselnd zu schildern, dass man das Buch erst zur Seite legt, wenn die letzte Seite erreicht ist. Und selbst dann legt man das autobiografische Werk nur ungern aus der Hand.

Wolfswelpen 500 $ + Reparatur der Wohnung 500 $ = 0 $ Kontostand. Diese ganze Minusrechnung entstand innerhalb einer Stunde, aber Geld bedeutet nichts und ein dagegen Rudelmitglied alles. Diese Erkenntnis ist die erste, der sich Rowlands stellen muss als der Wolfswelpe Brenin das Zusammenleben mit ihm begann. Der Unterschied zeigt sich schon dadurch, dass man nicht “Wolfsbesitzer” - abgesehen vom rechtlichen Status den man hat, wenn man den Schaden zahlen muss - ist, sondern mit einem Wolf zusammenlebt.

Wölfe sind nicht gerne von ihrem Rudel getrennt. Sie langweilen sich überaus schnell und ihre Selbstbeschäftigungstherapie kostet rasch viel Geld. Die marginale Grundregel “lass’ mich nicht allein” führte dazu, dass Brenin Rowlands ständiger Begleiter wurde. Egal ob Vorlesungen, Reisen oder Übersiedelungen von Amerika nach Europa, Brenin war immer dabei. Die StudentInnen wird es gefreut haben, wenn Brenin im Hörsaal zu heulen begann. Vermutlich hätten sie gerne ab und an eingestimmt. Die Nachbarin in Irland verdankte Brenin, dass ihr Exmann durch Brenins Rudelmenschen in die Schranken gewiesen wurde. Ein guter Anlass für Rowlands sein Verhalten, wie des Öfteren in Zusammenhang mit Brenin, bei dieser “Nachbarschaftshilfe” einem Zivilisations-TÜV zu unterziehen. Das Zusammenleben mit Brenin prägte sicherlich auch den Wolf, aber in erster Linie beeinflusste es die Sichtweisen des Philosophen. Fundamentale Erkenntnisse rund um menschliche Wertesysteme, Zivilisation, Freundschaft, Liebe, Hoffnung und Tod werden anhand dieser Erfahrungen hinterfragt und neu bewertet. Elf anstrengende aber unvergleichliche Jahre enden mit dem Tod Brenins in Frankreich.

Schreiben ist mehr oder weniger für AutorInnen Therapie. Bei Rowlands war es nicht anders und er musste den Verlust seines Rudelmitglieds verarbeiten. Deshalb bleibt von Brenin mehr als dieses Buch, denn Rowlands teilt den gewonnenen Lebenssinn, Verantwortung und nicht zuletzt Liebe mit den LeserInnen. Nicht nur die Studenten hat es gefreut Brenin kennenzulernen, sondern auch mich - auf jeder einzelnen Seite des Buches.

© S. Strohschneider-Laue

Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt
The Philosopher and the Wolf
The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death, and Happiness

siehe auch
Oxford Center for Animal Ethics

Grafik Design

Dienstag, 24. März 2009

Non-Fiction

Timothy Samara
Grafik Design
Theorie, Konzept, Realisierung

Stiebner 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8307 1361 6

Grafik Design Theorie, Konzepte, Realisierung Grafik Design: Theorie, Konzept, Realisierung

Timothy Samara hat ein Buch geschrieben, dem ich wünschen würde, dass es möglichst vielen jungen Menschen in die Hände fiele, bevor sie sich zum Grafik-Design-Studium entschließen. Eigentlich müsste “Grafik Design. Theorie, Konzept, Realisierung” in jeder Berufsberatungsstelle aufliegen. Neben vielen anderen Dingen zeigt die Publikation nämlich sehr anschaulich, dass Kommunikationsdesign Knochenarbeit ist und so mancher Kunde dem Designer das Leben schwer machen kann - auch wenn das natürlich niemals explizit ausgesprochen wird. Abgesehen davon hat der Beruf durchaus seinen Reiz. Schließlich bietet fast jedes Projekt neue Herausforderungen. Von Kreativen wird verlangt, dass sie Ideen am laufenden Band produzieren, deren Weiterentwicklung sich selten als linearer Prozess gestaltet. Ganz im Gegenteil, der Weg vom ersten Skribble zum fertigen Produkt ist oft gewunden und manchmal steinig. Nie wird er allein begangen, sondern gemeinsam mit dem Kunden, dessen Wünsche berücksichtigt werden müssen, und Kollegen aus verwandten Disziplinen, die ihren Beitrag zum Gelingen eines Projektes beisteuern. Selbstverwirklichung ist nur wenigen Designern vergönnt. Das bringt Timothy Samara in einer seiner 20 Regeln, die helfen sollen Entwürfe zu optimieren, deutlich zum Ausdruck. Regel Nummer 11 des in New York arbeitenden Grafikdesigners lautet: “Universalität ist gefragt; es geht nicht um Sie.” Sein Vorschlag, wenn man sich ausleben möchte, möge man doch Maler werden, das sei lukrativer, hat mich allerdings zum Schmunzeln gebracht. Hierzulande (Österreich) verhungern Maler noch schneller als Grafikdesigner.

Im Anschluss an seine 20 Gebote stellt der Autor im Blitzdurchgang die visuellen Elemente des Grafikdesigns (oder wie es so passend heißt, den “visuellen Werkzeugkasten”) vor: Form und Raum, Farbe, Typografie, Bilder und Layout.

Den Löwenanteil des reich bebilderten Buches bestreiten 40 Fallstudien. Sie führen vor Augen, wie aufwändig und komplex Designprozesse von der ersten Ideenskizze bis zum fertigen Produkt sein können. Ein lehrreicher Leckerbissen sind die zahlreichen Abbildungen von Handskizzen und Entwurfsvarianten, die Außenstehende gewöhnlich nicht zu Gesicht bekommen. Vieles verschwindet im Verlauf eines Projektes ja in der Schublade. Zusammen mit kurzen Texten, die Aufgabenstellung und Verlauf des Projektes beschreiben, illustrieren sie die Vielzahl möglicher Arbeitsweisen. Die für das Buch getroffene Auswahl der Projekte ist aber auch noch aus anderen Gründen gelungen. Timothy Samara ist sichtlich bestrebt, eine möglichst große Bandbreite des Grafik Designs zu zeigen - sowohl in seinen Anwendungsmöglichkeiten als auch in den zur Verfügung stehenden Ausdrucksformen. Das Spektrum der Arbeiten umfasst die Entwicklung von Markenidentitäten für Weine, die Gestaltung von Büchern, Foldern, Postern und anderen Printprodukten ebenso wie Web-, Messestand- und Textildesign. Um die jeweiligen Botschaften zu vermitteln, bedienen sich die Gestalter der unterschiedlichsten Techniken. Sogar Linolschnitte kommen für einen Auftrag, mit wirklich zauberhaftem Ergebnis, zum Einsatz. Auffallend ist auch die Internationalität der Mitwirkenden. Das Verzeichnis der 38 Designer und Designstudios, die Einblick in ihre Projekte gewähren, liest sich wie das Programm einer Reise um die Welt.

“Grafik Design. Theorie, Konzept, Realisierung” zeigt, wie die Theorie des Grafik Designs in der Praxis umgesetzt wird. Nichts befriedigt die Wissbegier spannender und nachhaltiger, als als ein Blick hinter die Kulissen. Das Konzept geht auch in Buchform auf.

© Ch. Ranseder

Grafik Design: Theorie, Konzept, Realisierung

Designraster

Samstag, 27. Dezember 2008

Non-Fiction

Gavin Ambrose, Paul Harris
Designraster
Stiebner 2008, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8307 1357 9

Designraster Designraster: Struktur oder Muster aus Linien, die als Gerüst für die Anordnung der Elemente eines Designs dienen

Raster sind aus dem Kommunikationsdesign nicht wegzudenken. Sie sind unverzichtbare Helferlein, die sich im Hintergrund halten und ihre Stärken im Verborgenen entfalten. Nur selten wird das Gerüst aus Linien selbst zum sichtbaren Gestaltungselement, wie auf einigen Seiten des Buches “Designraster”.

Mit einem Raster als Skelett des zu entwickelnden Grafikdesigns gelingt es spielerisch, die einzelnen Bestandteile des Entwurfes zu organisieren und harmonisch aufeinander abzustimmen. Der Designer kann mit Hilfe des Rasters Texte und Bilder so anordnen, dass Wertigkeiten entstehen, die den Blick des Lesers lenken und so die Botschaft klar vermitteln. Dem Leser wiederum dient der nur in der Disposition der Designelemente zueinander wahrnehmbare Raster als Orientierungshilfe bei der Entschlüsselung der dargebotenen Informationen. Auch wenn die Entwicklung eines Rasters zeitaufwändig sein kann, macht sich diese Investition meist im Lauf eines Projektes bezahlt. Auf seiner Basis geht die Arbeit rascher von der Hand und das Endprodukt gewinnt an visueller Kohärenz. Paradoxerweise ist ein Raster, dem doch eine gewisse Regelhaftigkeit und Starrheit eigen ist, extrem flexibel. Er bietet der Kreativität nahezu unbeschränkte Ausdrucksmöglichkeiten und das nicht nur in der Druckgrafik sondern auch im Webdesign, der Ausstellungsgrafik und im Zusammenspiel von Grafik und Architektur.

Gavin Ambrose und Paul Harris führen in “Designraster” die Nützlichkeit von Rastern anschaulich vor Augen. Im mittlerweile siebten Band der hervorragenden Reihe “Basics Design” vermitteln die beiden Autoren in sechs Kapiteln Grundwissen über die Funktionen, Arten und Anwendungsmöglichkeiten von Rastern. Als Auftakt geht das Kapitel “Warum Raster” unserem Leseverhalten und dem Sinn von Rastern auf den Grund. “Rastergrundlagen” spannt den Bogen von Faktoren, die bei der Anlage eines Rasters berücksichtigt werden müssen - wie zum Beispiel Papierformate, Seitenaufbau, Proportionen und Hierarchien - bis zu den ersten Schritten der Entwicklung eines Rasters. In der Folge stellt das Kapitel “Rastertypen” die einzelnen Arten von Rastern - vom symmetrischen Raster bis zum Winkelraster - vor. Den am Raster auszurichtenden Designelementen wie Texte und Bilder ist der Abschnitt “Rasterelemente” gewidmet, wobei der Umgang mit Schrift und Spalten im Mittelpunkt steht. Das fünfte Kapitel “Verwendung des Rasters” bietet eine bunte Mischung von Möglichkeiten des Umgangs mit Rastern, darunter ihr Einsatz als Muster, zur Bändigung von Tabellen und mehrsprachigen Texten sowie als Hilfe bei der Beschriftung von Architektur. “Raster im Web” schließlich zeigt, dass sich der gute alte Raster auch bei der Gestaltung von Internetseiten bewährt. Ein Glossar rundet das Buch ab.

Die hochwertige Publikation “Designraster” strotzt vor unentbehrlichem Basiswissen, das benutzerfreundlich und leicht verständlich präsentiert wird. In der bereits bewährten Weise übersichtlich gestaltet, glänzen Gavin Ambrose und Paul Harris abermals mit präzisen Texten und hervorragendem Bildmaterial. Illustriert mit zahlreichen Musterseiten wird “Designraster” zum inspirierenden Handbuch, das man gerne aus dem Regal zieht.

© Ch. Ranseder

Designraster: Struktur oder Muster aus Linien, die als Gerüst für die Anordnung der Elemente eines Designs dienen

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Adrian Frutiger Schriften

Montag, 08. Dezember 2008

Non-Fiction

Heidrun Osterer/Philipp Stamm/Schweizerische Stiftung Schrift und Typographie, Bern (Hgg.) 
Adrian Frutiger - Schriften
Das Gesamtwerk
Birkhäuser 2008, 462 S., 439 Farb- und 620 Sw-Abb.
ISBN 978 3 7643 8576 7

Adrian Frutiger - Schriften Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

Der in der Schweiz geborene Adrian Frutiger hat im Lauf seines Lebens über 50 Schriften entworfen. Internationale Bekanntheit erlangte er mit dem in den 50er-Jahren entstandenen Schriftkonzept Univers. Doch auch andere schöne und nützliche Schriften stammen von seiner Hand. Adrian Frutiger hat Standards gesetzt und am technischen Puls der Zeit mehr als einmal eine Vorreiterrolle gespielt. Seine Schriften zeichnen sich durch Klarheit, gute Lesbarkeit, Ausgewogenheit und den gleichmäßigen Rhythmus des Gesamtbildes aus. Funktionalität, nicht künstlerische Selbstverwirklichung steht im Mittelpunkt seines Schaffens. So sind Schriften von Adrian Frutiger auch dort zu finden, wo man sie nicht erwarten würde: Auf Einzahlungsscheinen oder Identitätskarten zum Beispiel. Mit der von Maschinen lesbaren OCR-B schuf er Mitte der 60er-Jahre eine Schrift, die trotz stringenter technischer Vorgaben mit einer ästhetischen Anmutung punktet. Neben den beliebten Schriften für den Satz von Büchern finden sich in Adrian Frutigers Werk Signalisationsbeschriftungen für Flughäfen und die Pariser Mètro ebenso wie für den visuellen Auftritt von Firmen entworfene Schriften und zahlreiche Logos.

Als Lehrender, Autor und Berater hat der namhafte Schriftgestalter von Beginn an sein Wissen weitergegeben. Auch das vorliegende Buch basiert zum Teil auf Interviews mit Adrian Frutiger. Die aus der Transkription der Gespräche entstandenen, in der Ich-Form geschriebenen Texte bilden den erzählerischen Rahmen der beeindruckenden Publikation. In der Tradition der “oral history” erinnert sich Adrian Frutiger an sein Berufsleben und erlaubt den LeserInnen einen Einblick in den Entstehungsprozess seiner Schriften - vom Auftrag über die technischen Anforderungen bis zum Marketing. Dabei nimmt er sich in chronologischer Reihenfolge jede Schrift einzeln vor, analysiert sie und nennt dabei zuweilen persönliche Vorlieben oder Abneigungen.

Dieser “Innensicht” von Adrian Frutiger ist die “Außensicht” der Herausgeber zur Seite gestellt. Sie bieten in ihren Texten vertiefende Informationen zu den Schriften, setzen diese in Beziehung zu historischem und technischem Umfeld und knüpfen Verbindungen zur Schriftgeschichte. Mustertext, Schriftvermaßung, Schriftenvergleich, Höhenvergleich und Alphabetvergleich der ursprünglichen Schriftform mit dem digitalen Font runden die einzelnen Schriftkapitel ab.

In die Abfolge der Schriftkapitel werden an chronologisch passender Stelle Seiten zu den Satztechniken eingeschoben. So werden technische Entwicklungen und die unterschiedlichen Anforderungen, die sie an die Schriftentwerfer stellten, für LeserInnen nachvollziehbar. Diese anschaulich illustrierten Abrisse zur Technikgeschichte umfassen Handsatz, Fotosatz Photon-Lumitype, Maschinensatz Einzelbuchstabenguss, Fotosatz Monophoto, Maschinensatz Zeilenguss, Optical Character Recognition OCR, Schreibsatz, Anreibesatz, Fotosatz Linofilm, Lichtsatz CRT, Lasersatz, Digitalsatz.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” ist ein übersichtlich gegliedertes Buch, das eine atemberaubende Informationsfülle benutzerfreundlich im Gewand feinster Buchgestaltung präsentiert. Viele Menschen waren an seiner Entstehung beteiligt. Der in der Einleitung der Publikation beschriebene, sich über mehr als 10 Jahre erstreckende Werdegang des Projektes legt davon beredtes Zeugnis ab. Heidrun Osterer, Philipp Stamm und ihrem Team ist mit “Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” durch ihr ausgefeiltes Buchkonzept, ihre akribische Recherche gepaart mit der Fähigkeit Fachwissen in leicht verständlichen Texten zu vermitteln und der Kunstfertigkeit, in den auf Diskussionen mit Adrian Frutiger basierenden Texten die Lebendigkeit eines Gespräches zu bewahren, ein bedeutender Beitrag zur typografischen Literatur gelungen.

“Adrian Frutiger - Schriften. Das Gesamtwerk” setzt dem großen Schriftgestalter ein Denkmal mit einzigartigem kultur- und technikgeschichtlichen Tiefgang. Es ist ein Nachschlagewerk das Fachpublikum und interessierte Laien gleichermaßen begeistern wird.

© Ch. Ranseder

Adrian Frutiger Schriften. Das Gesamtwerk

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Kunst kommunizieren

Freitag, 11. April 2008

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Stefan Lüddemann
Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele
VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, 198 S.
ISBN 978 3 531 15581 4

Kunst kommunizieren Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele

Mit und über Kunst lässt sich gut kommunizieren. Künstler tun es seit Jahrhunderten, oft im Dienst von kirchlichen und weltlichen Herrschern. Vertreter der vergleichsweise jungen Disziplin der Kulturvermittlung (Museumspädagogik) sind ebenfalls darin geübt und machen ihr Publikum mit dem intellektuellen Werkzeug zur Entschlüsselung der Bildern innewohnenden Botschaften vertraut. Doch was diese beiden Gruppen zu sagen haben, spielt in der vorliegenden Publikation keine Rolle. Hinter dem griffigen Titel “Mit Kunst kommunizieren. Theorien. Strategien. Fallbeispiele” verbirgt sich ein mit hoher Informationsdichte aufwartender Text zu einem Teilaspekt des Themas, der erst in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat: Der Einsatz der bildenden Kunst in der Markenbildung beziehungsweise Selbstinszenierung. Bevor jedoch das Kulturmanagement in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückt, wird sowohl eine Definition der Begriffe Kunst und Kommunikation erarbeitet als auch der heutige Kunstbetrieb einer eingehenden Analyse unterzogen. Damit wird ein theoretisches Fundament geschaffen, das einerseits viel zum Verständnis der Funktionsweisen des Instrumentalisierungsprozesses von Kunst beiträgt, andererseits aber auch zeigt, wie dehnbar der Begriff “Kommunikation” ist. Ausführlich werden die Mechanismen des Kunstsystems geschildert, im Rahmen dessen eine kleine Zahl von “Experten” in einem zunehmend selbstreferenziellen Diskurs festlegt, welche Werke als Kunst gelten. Dass in diesem Zusammenhang die Präsentation von Kunst in Museen, Ausstellungen und Katalogen ausgerechnet unter dem Begriff “Vermitteln” im Sinne “der ersten Form der Kommunikation mit Kunst” zusammengefasst wird, mag so manchem Kulturvermittler sauer aufstoßen, geht es doch in diesem Fall einzig um den Kontext der Darbietung, nicht um die Inhalte des Dargebotenen. Mit der Sichtbarmachung von Werken der bildenden Kunst in öffentlichen Institutionen und deren Printprodukten werden den ausgewählten Arbeiten ein Wert und ein Platz im Kanon zuerkannt. Auratische Inszenierungen verleihen - mit Unterstützung der Publizisten - einzelnen Werken, Künstlern oder Kunststilen eine emotionale Dimension, die sie auch für kunstferne Personen zum Erlebnis macht.

Für die Schaffung eines Markenimages kann die Wahl derart durch Präsentationsform und Medien auratisch aufgeladener Werke von Vorteil sein, sie ist jedoch nicht zwingend notwendig. Um ein Produkt mit emotionalem Mehrwert aufzuladen, kann es auch genügen, sich weniger bekannter Kunst zu bedienen. Das belegen die für das Buch “Mit Kunst kommunizieren” ausgewählten Fallbeispiele, welche die Darlegung des auf der Managementebene ablaufenden Arbeitsprozesses ergänzen. Im Rahmen der, ausführlich erläuterten, erforderlichen strategischen und operativen Planungsschritte sind dem Erfindungsreichtum der Kultur- und Marketingmanager keine Grenzen gesetzt. Die zur Verfügung stehende historische und zeitgenössische Kunst ist in ihrer Vielfalt und wirtschaftlichen Verwertbarkeit nahezu unerschöpflich. Über fundierte Kenntnisse der Funktionsweisen des Kunstbetriebs verfügenden Kulturmanagern steht es frei, dessen Mechanismen durch geschickte Manipulation zu nutzen, um die Wertigkeit von vergessenen oder unbedeutenden Künstlern zu erhöhen - so sich dies zur Erreichung der gesteckten ökonomischen Ziele als notwendig herausstellt. Die Deutungsmacht liegt damit fallweise nur mehr vordergründig bei den Protagonisten des Kunstsystems. Im bilderhungrigen 21. Jahrhundert macht diese Volatilität die Kommunikation mit Kunst im wirtschaftlichen Kontext zu einem faszinierenden Betätigungsfeld mit rosigen Entwicklungsperspektiven.

“Mit Kunst kommunizieren” ist ein komplexes, stellenweise erhellendes Buch, das allerdings gerade in seinen theoretischen Teilen nicht frei von Widersprüchen ist. Der passagenweise eine Vielzahl von Auslegungen zulassende, übersichtlich gegliederte Text, dessen Wurzeln in der Lehrtätigkeit des Autors fest verankert sind, birgt Zündstoff für anregende Diskussionen. Bedauerlich ist jedoch der Mangel an Abbildungen, die Leserinnen und Lesern ohne kunsthistorische Vorbildung die gedankliche Visualisierung der wortreich beschriebenen Vergleiche und Fallbeispiele erleichtert hätten. Letztlich bleibt die erfolgreiche Entschlüsselung der mit Bildern kommunizierten Botschaften immer abhängig von der Zugehörigkeit des Rezipienten zu einem bestimmten Kulturkreis und innerhalb dessen zu einer anvisierten Zielgruppe.

© Ch. Ranseder 14. Oktober 2007

Mit Kunst kommunizieren. Theorien, Strategien, Fallbeispiele

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Spanisch für Kinder

Freitag, 11. April 2008

ab acht

Cantado y contado para los amiguitos
Amiguitos – Spanisch für Kinder
Sprecher: Peter Lohmeyer

Silberfuchs
2007, Laufzeit 70′
ISBN 978 398107 257 0

Amiguitos – Spanisch für Kinder Cantado y contado para los amiguitos. Spanisch für Kinder

Eine CD, die Kinder lieben werden, auch wenn sie im Spanischen noch nicht so sattelfest sind, dass sie die Texte lückenlos verstehen können. Einfache Melodien, die spanischen und lateinamerikanischen Volksliedern nachempfunden sind, in der typischen Instrumentierung dieser Regionen, ein paar bekannte Kinderlieder, und dazwischen von einem deutschen Schauspieler gelesene Geschichten und Gedichte – so lernt die Zielgruppe der 3- bis 10-Jährigen ganz nebenbei auch die spanische Sprache. Die Texte sind so aufgebaut, dass von den Zahlen über die Vokale im Alphabet, die Farben des Regenbogens und die Zutaten für einen typischen spanischen Salat und eine Torte, bis zu den Körperteilen, verschiedenen Berufen, Tiernamen und Musikinstrumenten ein breiter Wortschatz abgedeckt wird.

An die Eltern, die mit ihren Kindern mitsingen, mitlesen und vielleicht mitlernen, wurde auch gedacht, und so sind die Inhalte der Lieder und Geschichten nicht allzu banal ausgefallen, sondern ganz im Gegenteil auch für Erwachsene durchaus witzig und unterhaltsam. Kleiner Wermutstropfen: Die Texte im mitgelieferten Büchlein sind in so winziger Schrift gedruckt, dass ein Mitlesen nur sehr schwer möglich ist.

Auf den kostenlosen Download auf der Website, der auf dem Cover angepriesen wird, sollte man zumindest in Gegenwart von Kindern verzichten, denn hier ist das allseits bekannte Lied “La cucaracha” zu hören. Wie man einem Kind im Kindergarten- oder Volksschulalter erklärt, was mit der erbarmenswerten Küchenschabe los ist, die an massiven Marihuana-Entzugserscheinungen leidet, hat wohl niemand überlegt. Diese Gedankenlosigkeit tut jedoch der Qualität der CD “cantado y contado” als didaktisches Instrument und ihrem Unterhaltungswert keinen Abbruch!

Hörprobe

© P. Kunz

Cantado y contado para los amiguitos. Spanisch für Kinder

Siehe auch: 
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
- Rezension

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