Artikel mit ‘Kunst’ getagged

Pop up - Design und Konstruktion

Montag, 09. Dezember 2013
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 76/13

Keith Finch
Pop up
Design und Konstruktion
Haupt 2013, 24 S. mit vielen Pop ups
ISBN 978 3 2586 0082 6

Pop up - Design und Konstruktion Pop-up: Design und Konstruktion

Aller Anfang ist einfach

Hatten Sie schon einmal ein Pop-up in Händen, das in Ihnen den Wunsch weckte, selbst zum Papieringenieur zu werden? Wenn ja, dann wird “Pop up. Design und Konstruktion” Ihren Ehrgeiz schüren und Sie zu ersten Erfolgen führen. Die wilde Papierskulptur am Beginn des Buches lässt erahnen, was mithilfe der Papiermechanik alles möglich ist. Doch bevor ein so komplexes Pop-up in Angriff genommen werden kann, müssen die grundlegenden Konstruktionsprinzipien erlernt werden.

Keith Finch bietet Anfängern einen spielerischen, niederschwelligen Zugang zu bewährten, vielseitig anwendbaren Techniken des interaktiven Papierdesigns. Dabei geht er sehr systematisch vor. Nach der Gebrauchsanleitung für das Buch werden die notwendigen Werkzeuge und sonstigen Utensilien aufgelistet, Begriffe erklärt und allgemeine Hinweise zu den wichtigsten Techniken gegeben.

Um zu üben, müssen Schnitt- und Faltvorlagen nicht gezeichnet werden. Alle Bauteile lassen sich aus den Seitenrändern herauslösen und an vorgegebenen Markierungen direkt ins Buch einkleben. Das ist ein raffinierter Einfall, der Ungeduldigen viel Zeit spart. Knapp gehaltene Anleitungstexte führen Schritt für Schritt durch den Aufbau der Grundelemente und die Faltung der Schnittmuster.

Auf in die dritte Dimension

Pop-ups funktionieren durch Bewegung. Sie streben in die Höhe und drängen nach Entfaltung. Vier Doppelseiten sind daher dem Spiel mit Winkeln und Faltungen gewidmet.

  • Die einfache Winkelfaltung sorgt für viel Bewegung und kann durch das Verändern von Stand- und Neigungswinkel variiert werden. Der Einsatz von Symmetrie und Asymmetrie bringt weitere Gestaltungsmöglichkeiten.
  • Mit komplexen Winkelfaltungen können - unter anderem - dreidimensionale Körper, wie Würfel und Pyramide, angefertigt sowie Zusatzflächen geschaffen werden.
  • Die einfache Parallelfaltung kommt oft bei Glückwunschkarten zur Anwendung und ist eine ideale Stütze für Kulissen.
  • Die komplexe Parallelfaltung eignet sich ebenfalls gut für Stützen, es lassen sich aber auch komplexere Formen, wie sechseckige Körper, bauen.

Die Erklärungen der verschiedenen Faltungen führen vom Einfachen zum Verfeinerten. Zahlreiche Übungsmodelle zeigen, was passiert, wenn Winkel geändert oder Laschen in unterschiedlicher Position am Grundkarton eingeklebt werden. Für dekorative Überraschungen sorgen Bonus-Pop-ups.

Das Geheimnis zwischen den Seiten

Zusätzliche Dynamik kann ein Projekt durch Elemente, die sich nicht über die Grundfläche des Trägerbogens erheben, erhalten. Bewegung lässt sich schließlich auch durch Schieben, Ziehen und Drehen erzielen. Drei Doppelseiten sind daher Schiebeelementen, Drehmechanismen und Drehscheiben gewidmet.

Sie können in Pop ups eingebaut werden. Meist bleiben sie jedoch ganz oder teilweise zwischen den Seiten verborgen und bilden die Basis für andersgeartete interaktive Spielereien, wie dem Fensterbild. Mit gut versteckten und doch bewegten Motiven kann einem Projekt eine geheimnisvolle Note verliehen werden. Damit die Mechanik auf Anhieb funktioniert, werden die Anleitungen in diesem Teil des Buches von hervorragenden Zeichnungen begleitet, die zeigen, wie die Einzelteile montiert werden müssen.

Ran an den eigenen Entwurf!

Tipps für eigene Entwürfe - bei denen es auch zu bedenken gilt, ob das Pop up über die Seiten hinausspringen soll, der Trägerbogen als Boden oder Hintergrund dienen muss - runden das Buch ab.
Jetzt gilt es, Fantasie zu entwickeln und die Grundelemente so einzusetzen, dass etwas Einzigartiges entsteht. Die Anwendungsmöglichkeiten reichen von der Rauminstallation bis zum Märchenbuch mit interaktiven Elementen. Glücklicherweise muss man nicht gut in Mathe sein, um Pop-ups entwerfen und bauen zu können!

Besonders wichtig ist es, die richtige Kartonstärke für das geplante Projekt zu finden. Auch auf diese Problematik geht Keith Finch kurz ein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich auszahlt zu experimentieren - nicht nur um die richtige Papierstärke zu finden, sondern auch um zu sehen, ob das Papier in bedrucktem Zustand an der Oberfläche bricht.

Aber keine Sorge: Pop ups zu entwerfen macht Spaß! Ein Buch, wie “Pop Up. Design und Konstruktion”, in dem jedes Element vorgefertigt zur Verfügung steht, lässt jedoch den Faktor Zeit vergessen. Dreidimensionales Papierdesign ist kein schnelles Medium. Es erfordert Geduld, die Fähigkeit zu planen und eine gewisse Portion Hartnäckigkeit. Ich baue nach Falt- und Druckproben zunächst ein Modell meines Entwurfs aus weißem Karton und verzeichne auf ihm Beobachtungen, Fehler und Änderungswünsche. Darauf folgt ein zweiter Test mit dem bedruckten Papier zur Feinjustierung der Motive. Da kann es schon ein paar Tage dauern, bis ein Pop up fertig ist.

Wer sich zwar durch “Pop up. Design und Konstruktion” gearbeitet hat, aber sich einen eigenen Entwurf noch nicht zutraut, kann mit zwei vorgefertigten Projekten weiter üben. Am Ende des Buches liegen zwei Pop ups als Bastelbögen bei.

Fazit

Das Buch “Pop Up. Design und Konstruktion” erfreut mit einer anfängergerechten Vermittlung von Grundlagen der Papiermechanik. Bonbonbunt, logisch aufgebaut und unkompliziert, erweist es sich als idealen Einstieg für angehende Papieringenieure in die wunderbare Welt des dreidimensionalen Papierdesigns. Am besten Sie kaufen zwei Exemplare. Ein Buch zum Heraustrennen und Einkleben der Modelle und eines, um die flache Grundform der Mechanismen als Vorlage für eigene Entwürfe bei der Hand zu haben.

© Ch. Ranseder

Pop up - Design und Konstruktion Pop-up: Design und Konstruktion

Ebensolch | AmazonStore
AugenBlick | AmaZino

Abstraktion: Hilma af Klint

Sonntag, 15. September 2013
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 75/13

Iris Müller-Westermann, Jo Widoff (Hgg.)
Hilma af Klint
Eine Pionierin der Abstraktion
Hatje Cantz 2013, 296 S., 272 Abb.
ISBN 978 3 7757 3488 2

Hilma af Klint Hilma af Klint - Eine Pionierin der Abstraktion

Eine Frau mit zwei Gesichtern

Die Schwedin Hilma af Klint (1862-1944) leistete Bahnbrechendes in der bildenden Kunst. Sie entwickelte bereits ab 1896 schrittweise eine abstrakte Bildsprache, die von 1906 an ihr Werk bestimmte. Ihren männlichen Kollegen Kandinsky, Mondrian und Malewitsch, die als Begründer der abstrakten Kunst gelten, war sie mit ihren Arbeiten um einige Jahre voraus. Doch wie so vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen lag ihr nichts an einer Selbstdarstellung als Wegbereiterin des radikal Neuen. Sie stellte ihr abstraktes Werk zu Lebzeiten nicht öffentlich aus. Ihren Lebensunterhalt verdiente sich die aus einer wohlhabenden Familie stammende und an der Königlichen Akademie der bildenden Künste in Stockholm ausgebildete Hilma af Klint mit konventioneller Landschafts- und Porträtmalerei. Um 1900 arbeitete sie sogar als Zeichnerin am Veterinärinstitut. Die Malerin bediente sich also zweier gänzlich verschiedener Ausdrucksweisen. Mit der einen agierte sie kundenorientiert und gesellschaftlich konform. Mit der anderen verlieh sie, einer inneren Stimme folgend, ihrem Bedürfnis nach dem Geistigen in der Kunst bildhafte Gestalt. Bedauerlicherweise schenkt das Buch “Hilma af Klint - Eine Pionierin der Abstraktion” dieser Dualität wenig Beachtung. Lediglich ein Landschaftsbild und einige Naturstudien von Pflanzen lassen das große Können der Künstlerin und die Qualität ihrer dem damaligen Zeitgeschmack entsprechenden Arbeiten erahnen. Diese Beschränkung auf das sensationelle abstrakte Werk der Malerin, das Untrennbar mit ihrem großen Interesse für Spiritismus und Okkultismus verbunden ist, lässt die Persönlichkeit Hilma af Klimts seltsam eindimensional erscheinen.

Die Künstlerin als Medium

Bereits vor ihrem Studium nahm Hilma af Klint an spiritistischen Sitzungen teil. Nach dem Tod ihrer Schwester vertiefte sich diese Hinwendung zum Übersinnlichen. Sie setzte sich mit der Theosophie auseinander und gründete schließlich 1896 mit vier Freundinnen “Die Fünf”. Die Frauen veranstalten Séancen, übten sich in automatischem Zeichnen und führten Protokolle über ihre Kontakte mit Wesenheiten höherer Bewusstseinsebenen. In den Jahren zwischen 1906 und 1908 malte Hilma af Klint die ersten 111 Bilder des Zyklus “Die Gemälde zum Tempel” als Medium, dessen Hand geführt wurde. In der Folge emanzipierte sich ihre Arbeitsweise, das Bestreben verborgene Zusammenhänge sichtbar zu machen bestand jedoch weiterhin. Den visuellen Manifestationen des Übersinnlichen lagen komplexe, vielschichtige Konzepte zugrunde. Hilma af Klint entwickelte eine schwer zu entschlüsselnde Buchstaben- und Farbsymbolik und verknüpfte diese mit archetypischen Zeichen wie der Spirale. Die Beschäftigung mit der Anthroposophie und die Begegnung mit Rudolph Steiner bereicherte das pantheistische methaphorische Repertoire der Künstlerin mit eine stärker christlich geprägten Dimension.

Malen für die “Schublade”

Die im Privaten blühende Künstlerin schuf eine für ihre Zeit radikale Bildsprache, die sich geradezu als visionär erwies. Hilma af Klint gelang das Kunststück vor 100 Jahren den Geschmack des 21. Jahrhunderts zu treffen. Ihre Gemälde wirken so frisch, selbstbewusst und unverbraucht als wären sie für den heutigen Kunstbetrieb geschaffen. Der Zyklus “Die zehn Größten”, aus dem die Abbildung für das Cover des Buches gewählt wurde, kann als Beispiel für den gelungen Balanceakt von intelektuellem Anspruch und dekorativer Qualität dienen, der das Werk der Künstlerin auszeichnet. Dennoch malte Hilma af Klint ihre abstrakten Werke nur für sich. Es scheint fast als wollte sie die Konfrontation mit einer Gesellschaft, die Frauen jede Fähigkeit Neues zu schaffen absprach, vermeiden. Ihren über 1.000 Werke umfassenden Nachlass ließ sie per Testament für 20 Jahre nach ihrem Tod sperren. Die Gemälde, Skizzenbücher und Aufzeichnungen verschwanden in Kisten und Schachteln.

Die Entdeckung

Die Macher der Ausstellung zu der das vorliegende Buch “Hilma af Klint - Eine Pionierin der Abstraktion” erschienen ist, durften diese Kisten öffnen und ihren Inhalt wissenschaftlich bearbeiten. Das Resultat kann sich sehen lassen. Die opulente Publikation ermöglicht einem großen Publikum einen dauerhaften Zugang zu den bedeutendsten abstrakten Werken der außergewöhnlichen Künstlerin. Darüber hinaus machen vier Essays mit Hilma af Klint und ihrem Kosmos bekannt.

Iris Müller-Westermann stellt in “Bilder für die Zukunft: Hilma af Klint. Eine Pionierin der Abstraktion im Verborgenen” die Künstlerin, ihr Werk und ihre Arbeitsweise vor.

Helmut Zander und Iris Müller-Westermann unterhalten sich in “Keine Religion ist höher als die Wahrheit” über Spiritismus, Theosopie und Anthroposophie und deren Einfluss auf Hilma af Klint.

Pascal Rousseau verfolgt in “Vorboten der Abstraktion: Mediumismus, automatisches Schreiben und Antizipation im Werk Hilma af Klints” die Strategien der Künstlerin zur Legitimation ihres innovativen Kunstschaffens und enthüllt Bedeutungsebenen ihrer Bildschöpfungen im geistesgeschichtlichen Kontext.

David Lomas analysiert in “Die botanischen Wurzeln der Abstraktion im Werk Hilma af Klints” die Symbolik von Ranke und Spirale, Blüten- und Pflanzenteilen und wandelt dabei auf den Spuren von Alois Riegl, des Vitalismus und des Konzepts der Einfühlung.

Fazit

“Hilma af Klint - Eine Pionierin der Abstraktion” ist ein reich bebildertes Buch über eine Künstlerin, die ihrer Zeit weit voraus war. Es bleibt zu hoffen, dass es mit Ausstellung und Buch gelingt die Geschicht der abstrakten Kunst neu zu schreiben und Hilma af Klint posthum den ihr gebührenden Platz im kunsthistorischen Kanon zu sichern.

Für alle, die sich selbst überzeugen möchten, ist die gleichnamige Ausstellung noch an folgenden Orten zu sehen:
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin: 15. Juni bis 6. Oktober ‘13
Museo Picasso Málage, Málaga: 21. Oktober ‘13 bis 9. Februar ‘14

© Ch. Ranseder

Hilma af Klint Hilma af Klint - Eine Pionierin der Abstraktion

Ebensolch | AmazonStore
Bertha Buch | Amazon(e)Store
Teeblätter | AmazonStory/e
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
AugenBlick | AmaZino

Kaufrausch: Wunderwelt Warenhaus

Mittwoch, 28. August 2013
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 75/13

Jan Whitaker
Wunderwelt Warenhaus
Eine internationale Geschichte
Gerstenberg 2013, 192 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8369 2745 1

Wunderwelt Warenhaus Wunderwelt Warenhaus: Eine internationale Geschichte

Gründung der ersten Kaufhäuser …

Die Geburtsstunde der modernen Konsumkultur schlug um die Mitte des 19. Jahrhunderts. In vielen Ländern hatte die Massenproduktion von Konsumgütern einen ersten Höhepunkt erreicht. Nun galt es, die Dinge zu vermarkten und mit Profit unter das Volk zu bringen. Die Idee der Weltausstellung erwies sich als zukunftsweisender Geistesblitz. Als 1851 der Kristallpalast in London seine Pforten öffnete und Scharen von Schaulustigen aus aller Welt anlockte, ahnte noch niemand, dass diese Leistungsschau der Industrie zum Katalysator für die Gründung der ersten großen Warenhäuser werden würde. Fürs Erste machten sich die Besucher mit der neuen Produktvielfalt vertraut. Doch geschäftstüchtige Kaufleute hatten erkannt, dass die Zeit reif für eine Neuorganisation des Einzelhandels war. Sie begannen ihr Sortiment zu erweiterten und schufen etwas revolutionär Neues: das Warenhaus. Als erstes Kaufhaus der Welt eröffnete kurz nach der Weltausstellung das Bon Marchè in Paris.

Sowohl die Weltausstellungen als auch die ersten Warenhäuser brauchten Standorte, die bestimmte infrastrukturelle und gesellschaftspolitische Voraussetzungen erfüllten. Diese gab es nicht überall. Es genügte nicht ein urbanes Ballungszentrum zu sein, um die Entstehung von Warenhäusern zu begünstigen. Ohne die Erschließung des Einzugsgebietes eines Warenhauses durch ein funktionierendes Netz aus Massentransportmitteln ging gar nichts. Ebenso wichtig war die Entstehung eines Mittelstandes, dem nach der Deckung der Lebenshaltungskosten noch etwas Geld für die Schönen Dinge im Leben übrig blieb. Schließlich kann die Wirtschaft nur florieren, wenn es den Menschen gut geht.

Spektakuläre Architektur für die Wunschmaschine

Der prächtige Bildband “Wunderwelt Warenhaus” ruft die Pionierleistungen der Warenhausgründer ins Gedächtnis. Sie und ihre Architekten scheuten weder Kosten noch Mühen, um dem gewagten neuen Verkaufskonzept zum Erfolg zu verhelfen. Wer jemals die Galeries Lafayette in Paris besucht und die wunderbare Jugendstil-Glaskuppel als Original gesehen hat, wird die zahlreichen historischen Fotografien mit Wehmut betrachten. So viele sensationell schöne Kaufhausbauten sind durch Kriege oder Pleiten für immer verschwunden. Andere wurden bis zur Unkenntlichkeit umgebaut. Was bleibt, sind Erinnerungen und alte Fotos. Es sind gerade diese historischen Aufnahmen, die beim Blättern in dem opulenten Buch in Bann ziehen. Der auf vielen von ihnen festgehaltene Kundenansturm beweist, dass sich eine Investition in
einzigartige Architektur bereits im 19. Jahrhundert lohnte. Die ersten Warenhäuser erwiesen sich als Publikumsmagneten und avancierten zu Sehenswürdigkeiten.

Dank ihrer beeindruckenden Größe waren die mit prächtigem Fassadenschmuck und großen Schaufenstern ausgestatteten Monumentalbauten in Stadtbild nicht zu übersehen. Wer das Warenhaus betrat, wurde von einer Welt des Luxus umfangen. Die prachtvolle Innenausstattung der meist in Eisenskelettbauweise errichteten Konsumtempel reichte von kühler Eleganz bis zu märchenhafter Verspieltheit. Spektakulär gestaltete Lichthöfe und Treppen suggerierten Weite und gewährten einen unverstellten Blick auf die Fülle der Waren. Einkaufen wurde zum Erlebnis. Man kam, um zu flanieren, um zu sehen und gesehen zu werden. Das Ambiente der gigantischen Gemischtwarenläden traf beim Zielpublikum einen Nerv: Warenhäuser wurden zum Schauplatz für das Repräsentationsbedürfnis des aufstrebenden Mittelstandes.

Architekten nutzten die ersten Kaufhäuser als Experimentierfeld. Hier konnten sie neue Konzepte für öffentliche Bauten erproben. Einerseits galt es in großem Maßstab für Beheizung und Beleuchtung zu sorgen. Andererseits musste eine beträchtliche Anzahl von Menschen bequem und sicher von einem Stockwerk ins andere gebracht werden. Es verwundert daher wenig, dass der erste Personenfahrstuhl 1857 in einem New Yorker Warenhaus installiert wurde. Später übernahmen die Kaufhäuser bei der Einführung von Rolltreppen eine Vorreiterrolle.

Eine neue Verkaufskultur entsteht

Warenhäuser leisteten jedoch auch in anderer Hinsicht Bemerkenswertes. Sie boten nicht nur eine Alternative zu engen, düsternen Läden, sondern erfreuten ihre Kunden erstmals mit Fixpreisen. Vorbei waren die Zeiten des frustrierenden Handelns mit missmutigen Verkäufern. Frei von jeglichem Kaufzwang konnten Kunden die Ware in Augenschein nehmen. Dabei stand ihnen freundliches Personal hilfreich zur Seite. Service war ein wichtiger Baustein der neuen Verkaufskultur. Kunden konnten Änderungs- und Reparaturservice, Einrichtungs- und Ausstattungsservice, Lieferservice und sogar Dolmetscherdienste und Leihbüchereien (!) in Anspruch nehmen. Allerlei Annehmlichkeiten luden zum Verweilen ein. Das Angebot reichte von Gratisdrinks über Tearoom und Restaurant bis zur Kinderbetreuung.

Ein kostenloses Unterhaltungsprogramm und saisonale Spektakel lockten potentielle Käufer an und sorgten für Mundpropaganda. Konzerte, Modeschauen und Ausstellungen machten die Warenhäuser zu Kulturstätten, die allen offen standen. Wenn dabei Begehrlichkeiten geweckt wurden und die Besucher das Haus mit prallen Einkaufstüten verließen umso besser.

Die Kunst der Verführung

Von Beginn an zogen virtuos gestaltete Schaufenster Passanten in ihren Bann. Sie protzten mit Warenfülle oder verzauberten mit charmanten, eleganten oder theatralischen Inszenierungen. Dabei standen sie heutigen Meisterwerken der Schaufensterdekoration um nichts nach. LeserInnen von “Wunderwelt Warenhaus” können sich davon selbst überzeugen. Mehr als 30 Fotografien aus der Zeit vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis 2010 laden zu einem virtuellem Schaufensterbummel ein. Waren um 1900 noch mechanische Spezialeffekte in Mode, gewann zwischen den beiden Weltkriegen die Kunst an Einfluss. Seit den 1970er-Jahren punkten die Schaufenster mit ihrem Unterhaltungswert sowie der Inszenierung fantastischer Märchenwelten. Der Erfindungsreichtum der Dekorateure kennt keine Grenzen.
Auch auf den Verkaufsflächen beschritten die Kathedralen des Konsums neue Wege der Warenpräsentation und schufen damit die Grundlage fur die uns heute bestens vertraute Sprache des “visual merchandizing”.
Dass Werbung anfänglich als würdelos galt, hielt die Warenhäuser nicht davon ab sie für ihre Zwecke einzusetzen. Ganz im Gegenteil - Warenhäuser wurden durch ihren Erfindungsreichtum zu Pionieren der Selbstvermarktung. Zur Erhöhung ihres Bekanntheitsgrades war jedes Mittel recht. Sie setzten Plakate und Banner ein, inserierten in Zeitungen und Magazinen, verschickten Postwurfsendungen, gestalteten aufwändige Kataloge, verewigten sich auf Postkarten und gaben Sammelkarten heraus. Um die Gunst der Kunden zu gewinnen, wurden kleine mit dem Namen der Kaufhäuser bedruckte Geschenke verteilt - darunter bezaubernde Fächer, Rezeptbücher und Terminkalender. Bloomingdale’s machte ab 1954 seine Einkaufstaschen zu begehrten Sammelstücken. Heute sind diese Praktiken eine erprobte Selbstverständlichkeit geworden. Den langsamen Niedergang vieler Warenhäuser konnten sie trotzdem nicht verhindern.

Über Kaufhaus hinaus: Der Versandhandel

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts erwirtschafteten die Warenhäuser einen beträchtlichen Teil ihres Umsatzes durch den Versandhandel. Für die Bewohner entlegener Gegenden, vor allem in den USA und Kanada, war er ein Segen. Eaton’s in Toronto, der das Kataloggeschäft 1884 einführte, steigerte die Auflage seiner Kataloge kontinuierlich: waren es 1904 noch 1,3 Millionen Kataloge, druckte er in den 1950er-Jahren bereits elf Millionen. Die Europäer lernten die Bequemlichkeit des Einkaufs per Post und Telefon ebenfalls zu schätzen. Bon Marché in Paris verschickte schon 1894 rund 1,5 Millionen Kataloge. Heute bieten sich dem Versandhandel durch das Internet sowie Teleshoppingkanäle zusätzliche Geschäftsfelder und neue Möglichkeiten.

Fazit

“Wunderwelt Warenhaus” ist ein opulentes Buch, dessen faszinierendes Bildmaterial von den Anfängen der Warenhäuser bis ins 21. Jahrhundert reicht. Autorin und Verlag haben in den Archiven berühmter großer Warenhäuser, Museen und Privatsammlung so manchen Schatz ausfindig gemacht. Den Löwenanteil des Bildbandes bestreiten historische und zeitgenössische Fotos von Gebäuden, Schaufenstern und Menschen, welche die Maschine Warenhaus am laufen hielten. Darüber hinaus gibt es Werbemittel aller Art zu bewundern.

Der fundierte, spannend zu lesende Text von Jan Whitaker vermittelt die Geschichte der Warenhäuser als straffen Überblick. Kuriose Details zu den Gründern und der Verkaufspraxis sorgen für die nötige Würze. Die hervorragende Gliederung bändigt die Fülle wissenswerter Fakten und sorgt für eine angenehme Ballance von Text und Bild. Kurzum: “Wunderwelt Warenwelt” ist ein vergnügliches Buch, das den Wunsch nach ein bisschen Luxus bein Einkaufen weckt.

© Ch. Ranseder

Wunderwelt Warenhaus Wunderwelt Warenhaus: Eine internationale Geschichte

Ebensolch | AmazonStore
Bertha Buch | Amazon(e)Store
Teeblätter | AmazonStory/e
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
AugenBlick | AmaZino