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Montag, 07. Mai 2012
Vorn Hochzeitstraum hinten Albtraum

Kleinbürgerliches Handtuchformat
Vor rund 100 Jahren kamen sie erstmals auf den Markt: Schlafzimmerbilder im Handtuchformat. Finanziell leistbar und angepasst auf die Wohnungen der unteren bis mittleren Schichten. Also alle jene Zimmer der Sozialbauten und privaten Eigenheime, die im Gegensatz zu herrschaftlichen 3,80 m Raumhöhe die Decke nahezu in Griffweite haben.
Einer der Pioniere war der österreichische Maler Hans Zatzka, der ab 1914 regelmäßig und zuweilen zwei Gemälde wöchentlich an Kunstdruckanstalten lieferte. Mit massentauglicher Kunst überbrückte er jene kargen Zeiten, die durch den Kanon geadelte Kunst bis heute kennzeichnet. Schlafzimmerbilder waren mit ihren profanen und religiösen Motiven “Kunst für Alle” - lange vor Andy Warhol. In Massen wurden diese Bilder gekauft. Je nach Geldbeutel fiel der Rahmen mehr oder minder hochwertig aus und je nach persönlicher Vorliebe wurde ein religiöses Motiv wie “Jesus am Ölberg” oder weltliche Fantasien wie “Elfenreigen” gewählt. Sie wurden zu Hochzeiten verschenkt und spätestens mit dem Tod der Besitzer angewidert von den Erben entsorgt. Inzwischen sind sie tatsächlich selten geworden. Da und dort haben die qualitätvollen Rahmen mit ihren noch schwer neu befüllbaren Maßen von ca. 52×120 cm überlebt.
Historischer Spaßfaktor
Eines davon in der Wohnung zu haben, ist übel. Eine ganze Menge davon auf einer Wand zu versammeln, ist hingegen zumindest ein Eyecatcher. Egal, über Geschmack und Spaß lässt sich nicht streiten. Spaß macht (mir!) jedenfalls die Jagd nach diesen Bildern und deren Transport in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Reinigen und Restaurieren kann hingegen weniger spaßige als mühselige Aspekte bekommen. Die Krönung ist allerdings, wenn spannende Informationen wie z. B. Datierungshinweise auf den Bildern zu finden sind. Die ramponierte Rückseite des “Hochzeitstraumes” musste erneuert werden - offensichtlich nicht zum ersten Mal. Eine Zeitung mit obskuren und verhetzenden Meldungen wurde zum terminus ante quem. Der Öldruck sollte also älter als die zur Festigung verwendete Zeitung sein, wenn man davon ausgeht, dass Tageszeitungen nicht jahrelang herumliegen. Mit einem verstümmelten Hinweis auf den 11. November war jedenfalls nicht viel anzufangen - aber mit den restlichen Meldungen.
Gestriges Österreich
Eine Obrechnungsratswitwe kann es nur in Österreich geben, ebenso wie man nur auf dem Wiener Zentralfriedhof ein Grab einer Hausbesitzerswitwe finden kann. Die österreichische Frau wurde am Erreichten des Mannes definiert. Viel hat sich seither nicht geändert. Noch heute wird in ländlichen Gemeinden eine Frau oft nur mit “Frau Doktor” angesprochen, wenn ihr Ehegatte ebenfalls einen Doktor hat oder sie tatsächlich Ärztin (!) sein sollte.

Steuerhinterziehung in die - wie ja auch nicht anders zu erwarten - an Geld und Einfluss Reichen der Zeit verwickelt waren. Darunter möglicherweise auch der Weihbischof von Paris und spätere Kardinal Baudrillat. Dass in den Steuerskandal Großunternehmer und hochrangige Offiziere sein sollen, verwundert nicht. Schönreiche Unverantwortungsträger, die heute in die Schweiz reisen, haben schließlich auch einen unberührbaren Diplomatenkoffer dabei.
Ein hetzerischer Artikel macht den Zeitgeist in besonders hässlichen Braunschattierungen deutlich und lässt zunächst an ein späteres Erscheinungsdatum der Zeitung denken. Schließlich verkaufte sich Österreich immer als erstes Opfer und den gewählten “Anschluss” nicht als überwältigend mehrheitliche Geisteshaltung.

Das hier erwähnte “Braune Haus”, war die Wiener Parteizentrale der NSDAP. Sie war von 1931 bis 1933 im 6. Bezirk, Hirschengasse 25, untergebracht. Ab März 1932 wurde dieser Standort Adolf-Hitler-Haus umbenannt, da die Bezeichnung “Braunes Haus” der Parteizentrale in München vorbehalten bleiben sollte. Der Schreiber gab vermutlich aus Gründen der Bekanntheit den braunhäusigen Begriff gegenüber dem parteilich Gewünschten den Vorzug. In Anbetracht des Tränengasanschlags auf das Kaufhaus “Gerngroß” im Dezember 1932, bekommt der Artikel eine besondere Dimension des Grauens. Das gleiche Grauen, das man beim Gedanken empfindet, dass diese Zeitung Käufer und der Inhalt Zustimmung gefunden hat.
Filmpremiere - Datierungshilfe

Der entscheidende Hinweis für die erste Reparatur des Bildes ergab sich durch die schon etwas mitgenommenen Rubrik “Tonfilm”. Die Verfilmung von Franz Lehars “Friederike”, damals als Tonfilmoperette bezeichnet, kam ab 16. Januar 1933 in die Kinos.
Das Bild muss ja schon einige Jahre auf der Wand gehangen sein, bis die Rückseite mit einem Zeitungsrest beklebt wurde. Ein Profi war dabei jedenfalls nicht am Werk. Auch der Grund für das Aufkleben ist nicht (mehr) erkennbar. Von der Wand ist dürfte das Bild nicht gefallen sein, denn der Jugendstilrahmen (!) ist gut erhalten - obwohl die Vergoldung unter Putzattacken gelitten hat. Eine Datierung anhand des Makartstils mit dem historisierenden Ambientes sowie des weiblichen Erscheinungsbildes alleine, wäre jedenfalls nicht gut möglich.
Dieser “Hochzeitstraum” wurde irgendwann ab ca. 1914 gekauft. Anfang 1933 wurde der Öldruck mit einer Zeitungsseite beklebt. Schließlich wurde er 2012 auf einem Flohmarkt - inklusive seiner verborgenen historischen Informationen - neu entdeckt.
© S. Strohschneider-Laue
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Montag, 02. Januar 2012

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Hg.)
Von Schönheit und Tod
Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne
Kehrer 2011, 416 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978-3-86828-275-1
Tierstillleben: Von Schönheit und Tod
Willem van Aelst treibt in seinem Stillleben mit Jagdgeräten und toten Vögeln (1668) die Ästhetisierung eines blutigen Sports auf die Spitze. Nichts weist auf den gewaltsamen Tod des anmutig mit ausgebreiteten Flügeln an einer Schnur hängendem Rebhuhns hin, dessen Kopf auf dem blauen Samt einer Jagdtasche ruht, als würde es sich in einem Nickerchen von den Strapazen des Gejagtwerdens erholen. Gefieder, Samt und die materielle Beschaffenheit der kostbaren Geräte, die auf die Ausübung von Fang-, Hetz- und Beizjagd verweisen, sind mit atemberaubender Kunstfertigkeit wiedergegeben. Es ist ein Gemälde, das den Blick einfängt und einen geradezu sinnlichen visuellen Genuss beschert. Allzu leicht lässt sich darüber vergessen, dass diese elegante Zusammenstellung von Statussymbolen eigentlich der standesgemäßen Selbstdarstellung des Adels diente, der subtil auf sein Jagdprivileg hinwies.
Jagdstillleben können als Paradebeispiel für Bilder, deren Hauptmotiv tote Tiere sind, herangezogen werden. Ein Monopol auf die Darstellung des Lebens beraubter Fauna haben sie jedoch nicht. Das führt der Prachtband “Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” eindrucksvoll vor Augen.
Im Tierstillleben verwischen die Grenzen zur Landschafts-, Porträt-, Genre- und Historienmalerei. Das macht es spannend und abwechslungsreich. Erlegtes Wild, geschlachtete Haustiere, Fische und Schalentiere türmen sich im Vordergrund zahlreicher Markt- und Küchendarstellungen, während im Hintergrund Episoden aus mythologischen oder christlichen Geschichten erzählt werden. Auf anderen Bildern verweisen Fisch- und Geflügelverkäufer mit beredtem Blick und anzüglicher Geste nicht nur auf die Vorzüge ihrer Ware, sondern auch auf sexuelle Handlungen, wenn nicht gar Dienstleistungen. Imposante Landschaften oder protzige Gartenanlagen dienen als Kulisse für unter freiem Himmel platzierte Arrangements aus den Leibern toter Tiere, Früchten und Blumen. Fein gekleidete Herren posieren mit Jagdbeute und -hund am Waldesrand, um ihre soziale Stellung zu kommunizieren. Graf Carl Gustaf Tessin fand sogar seinen geliebten Dackel Pehr eines eigenen Bildnisses würdig und ließ den treuen Begleiter - wenig heroisch, doch dafür umso lebensnaher - 1740 von Jean-Baptiste Oudry auf Leinwand verewigen.
Bei aller Ambivalenz zur Darstellung des Todes, lässt sich an den Gemälden aus Beginn und Blütezeit des Tierstilllebens noch heute die Freude der Künstler an der Pracht von Gefieder und Fell, Schuppen und Panzern ablesen. Anders als ihre Kollegen, die sich der wissenschaftlichen Illustrationen zur Bestandsaufnahme der Welt verschrieben hatten, konnten sich die Maler von Tierstillleben künstlerische Freiheiten - ja sogar Scherze - erlauben. So setzte Abraham Mignon in seinem Stillleben mit totem Geflügel (1663/64) einen gewöhnlichen Hahn in Szene als wäre er kostbare Jagdbeute. Das prachtvolle Gefieder des kopfüber hängenden Vogels explodiert gleichsam in alle Richtungen, sodass jede einzelne Feder - selbst die sonst verborgenen - bewundert werden können. Indem er die Dynamik des Augenblicks mit malerischen Mitteln festhielt, nahm Abraham Mignon die fotografische Momentaufnahme vorweg.
Nicht minder virtuos, doch voller schalkhafter Vorfreude auf kulinarische Genüsse, ist François Desportes Stillleben mit bratfertigem Wild (1716) in dem ein lebender Papagei über gespicktes oder in Speck gewickeltes Geflügel, einen Hasen, mächtige Fleischstücke und eine Schüssel mit Zitrusfrüchten wacht. Das für Herzog Philippe II. d´Orleans, der gelegentlich selbst den Kochlöffel schwang, geschaffene Gemälde repräsentiert eine weitere Form des Tierstilllebens.
Von solchem Augenschmaus sind die Arbeiten des 19. und 20. Jahrhunderts weit entfernt. Im Mittelpunkt des Interesses der Künstler dieser Zeit standen die malerischen Ausdrucksmittel, nicht die Schönheit und Opulenz der Natur. Das Medium und die eigene Befindlichkeit wurden wichtiger als das Motiv. Das Tier mutierte zum Ding. Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten und in einem breit angelegten Überblickswerk darf die moderne Kunst natürlich nicht fehlen.
“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” ist die erste Monografie zum Thema Tierstillleben und als solche unverzichtbar. Die für das Buch getroffene Auswahl der Bilder ist brillant. Der Katalog allein umfasst 124 ganzseitig abgebildete, mit ausführlichen Kommentaren versehene Werke. Er beginnt mit dem Aquarell “Tote Ente” von Albrecht Dürer, dem Wegbereiter der realistischen Wiedergabe der Natur und endet mit der auf die Tierstillleben des 17. Jahrhunderts Bezug nehmenden Fotografie “Fasan” von Robert Mapplethorpe. Zwischen diesen beiden Polen gibt es so viel zu bestaunen, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Auf dem Streifzug durch die 500-jährige Geschichte des Tierstilllebens begegnen nicht nur Abbilder toter, sondern auch lebender Tiere - vom treuen Jagdhund, der mit ins Bild musste, über Papagei und Äffchen bis zum gerade noch dem Jäger entkommenen Eichhörnchen.
Zusätzliches Bildmaterial begleitet die sieben fundierten Essays des Buches. Sie bieten neben einem Abriss zu Geschichte und Besonderheiten des Tierstilllebens eine hervorragende Übersicht über die bedeutendsten Maler dieses Genres, darunter Stars wie Jean Siméon Chardin, Jan Weenix und Jean-Baptiste Oudry. Exkurse zu den gegenseitigen Beeinflussungen und Arbeitsweisen der Künstler sowie dem kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund, dessen Kenntnis ein tieferes Verständnis der Gemälde ermöglicht, vervollständigen das vermittelte Grundlagenwissen. Das perfekte Zusammenspiel von Bildauswahl und leicht lesbaren Texten macht das Buch zum Lesevergnügen, seine inhaltliche Tiefe prädestiniert es als Nachschlagwerk.
“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” schließt eine Lücke in der Auseinandersetzung mit der Gattung Stillleben. Die Ausstellung, aus derem Anlass die stattliche Publikation erschien, ist in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vom 19. November ‘11 bis 19. Februar ‘12 zu sehen.
© Ch. Ranseder
Tierstillleben: Von Schönheit und Tod
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Tags:Barock, Biologie, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 70/11, Katalog, Kunst, Moderne, Neuzeit, Renaissance, Stillleben
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Donnerstag, 08. Dezember 2011

Antje Hinz
Spanien hören
Silberfuchs Verlag 2011, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6514 9
Spanien hören
Die kulturelle Vielfalt Spaniens wird in 80 Minuten und in 21 Häppchen als geniales Menü serviert. Die Länderreihe hat sich eindeutig zu einer stattliche Sammleredition mit steter Wiederhörqualität entwickelt. Historische, literarische und musikalische Clips lassen auf dieser CD ein ganz besonderes Bild von Spanien entstehen.
Beginnend mit den, zu den ältesten Kunstwerken der Welt zählenden, Höhlenmalereien von Altamira spannt sich ein kultureller Bogen über die Iberische Halbinsel. Phönizier, Griechen, Vasconen, Iberer, Kelten, Römer, Westgoten, Mauren bildeten die vielfältige Basis. In Spanien ist untrennbar mit dem kulturellen Aufstieg während des Mittelalters auch politisch-religiöse Macht verbunden: Islam und Christentum. Das kulturelle Zentrum in islamischer Zeit war Córdoba. Hier entwickelte sich zugleich ein multikulturelles “Mekka der Wissenschaften”. Wie oft wechseln Toleranz und Verfolgung einander ab. Toledo profitiert vom Zuwachs Intellektueller als sie die Stadt verfolgte Juden und Christen aufnimmt. Schließlich wird vom Norden ausgehend die Rückgewinnung Spaniens unter dem fadenscheinigen Deckmäntelchen der (Re-)Christianisierung vorgenommen. Dies mündet letztlich in der Inquisition. Systematische Verfolgung wird in Folge zum religiös untermauerten Staatsgeschäft, das die blühende Multikultur mit ihren Wissenschaftlern und Künstlern vernichtete. In Folge ging für Katholizismus, Kolonialismus und das Reich die Sonne nicht mehr unter. Marienverehrung, Askese auf der einen Seite sowie Don Quijote und das pralle spanische Volkstheater auf der anderen Seite sind nicht nur Gegensätze, sondern logische Folgen der Repressalien. Unter den Bourbonen sank der Stern des Katholizismus, Wissenschaft und Bildung wird zum Staatsanliegen. Dann kam Napoleon. Den Widerstand und den Kriegsgräuel zeigt niemand besser auf als Goya, der modernste, provozierendste, politisch und sozial kritischste Künstler - nicht nur zu seiner Zeit. Der Weg zur Verfassung und Republik war steinig, war aber auch der Weg zur nationalen Musik. Multikulturell, darunter die Musik und Sprache der Galizier, Basken, Katalanen und Roma, wird salonfähig. Ein fruchtbarer Nährboden auf denen einerseits Gaudi, Miró, Dalí, Picasso sich entfalten und andererseits im Zuge von Bürgerkrieg, Diktatur und neuer Nation Lorca, Celaya, Semprún, Marsé ihre Eindrücke in eindringliche, unvergängliche Worte fassen.
Dietmar Mues (†) präsentiert die Vielfalt außergewöhnlich abwechslungsreich vor dem Hintergrund vieler Musikzitate. Den optischen Genuss steuert Roswitha Röschs Grafik bei.
© S. Strohschneider-Laue
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Mittwoch, 23. November 2011

Von Fischen, Vögeln und Reptilien
Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen
ÖNB Prunksaal
24. November ‘11 bis 29. Januar ‘12
Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

1492 vergrößerte sich die Welt ins Unermessliche. Nach der Entdeckung Amerikas gab es kein Halten mehr. Jeder, der etwas auf sich hielt und es sich verschaffen konnte, wollte ein Stück von der Welt haben. In der Renaissance ging daher in einigen Reichen die Sonne nicht mehr unter, während so manchem Reichen endlich ein Licht aufging. Es begann die Blüte der Kuriositätenkabinette, der Wunderkammern und ersten wissenschaftlichen Sammlungen.
Unter diesen Sammlern war auch Kaiser Rudolf II. (1552-1612). Politisch unfähig und psychisch labil betätigte er sich bevorzugt als Kunst- und Wissenschaftsmäzen. Gut so, denn das Licht der Monarchie verlosch, während sein künstlerisches und wissenschaftliches Erbe bis heute Bestand hat. Bestand u. a. dadurch, dass die Österreichische Nationalbibliothek die Restaurierung des “Bestiaire” von Rudolf II. durchführte. Das zweibändige Werk mit 181 Ölbildern, das zwischen 1570 und 1611 von mehreren Künstlern - darunter Daniel Fröschel (1563-1613), Hans Hans Hoffmann (1530-1591/92) und Guiseppe Arcimboldo (1526-1593) - mitgestaltet wurde, ist eine in jeder wissenschaftlichen und künstlerischen Hinsicht reiche Fundgrube.
Einzigartige Bilder belegen einerseits die Kunstfertigkeit der Ausführenden, andererseits das Bestreben nach wissenschaftlicher - unter den gegebenen Umständen - und exakter Dokumentation. Zugleich spiegeln die Abbildungen ebenso das persönliche Interesse Rudolfs als auch sein Repräsentationsbedürfnis sowie die damals lebend gehaltenen Tiere bzw. das gesammelte tote Material wider.
Manche dieser Tiere fristeten offensichtlich mehr schlecht als recht ein Dasein inmitten der staunenden Gesellschaft. So zeigt die atemberaubend schöne und zugleich minutiöse Darstellung eines Molukkenkakadus, ein überfüttertes Tier. Der Schnabel schreit förmlich nach einer Korrektur bei einem Tierarzt, der zusätzlich einen artgerechten, reduzierten Diätplan - harte Sämereien statt weichen Gebäcks - verordnet hätte. Spannend, was aus den Bilddokumenten - zusätzlich zur genussvollen Betrachtung der Kunstwerke - abzulesen ist.
Das Album von Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) wurde ebenfalls restauriert. Selbstverständlich sieht man auch den Fischen an, ob sie fangfrisch oder konserviert bis mumifiziert den Künstlern als Zeichenvorlage dienten. So zeigen sie sich farbenprächtig oder trist gebräunt je nach dem jeweiligen Erhaltungszustand. Frische Fische hatte jedenfalls Giorgio Liberale (1527-vor 1580) zur Verfügung. Über 1100 Bilder der adriatischen Meeresfauna - oft in Originalgröße - verbinden ästhetischen Anspruch mit wissenschaftlicher Dokumentationsqualität. Ein besonderes Highlight seine deckungsgleichen Darstellungen der Ober- und Unterseite z. B. eines Krebses auf Pergamentvorder- und -rückseite. Wendet man das Blatt, wendet man quasi den Krebs.
Zuweilen wurden große Herausforderungen an die ausführenden Künstler gestellt. Vage und bruchstückhafte Informationen, die wie beim Spiel “Stille Post” durch mehrere Münder und Ohren weitererzählt waren, sollten in einer überzeugenden Visualisierung münden. Das dreifarbige Zebra, heute von hohem Unterhaltungswert, sorgte sicher auch damals, obwohl aus anderen Gründen, für Erstaunen.
Fazit: Im beeindruckenden Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ist eine ebenso tierische wie gute Auswahl der frisch restaurierten Blätter aus zwei Bilderzyklen - Bestiaire von Rudolfs II. und Fauna der Adria von Ferdinand II. - zu bestaunen. Abgerundet wird die Ausstellung mit Illustrationen von Carolus Clusius (1526-1609), Ulisse Aldrovandi (1522-1605) sowie Jacopo Ligozzi (1547-1627). Ein Besuch der sich für Groß und Klein, Laien und Fachpublikum - durchaus mehrmals - lohnt. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte bieten einen ersten Überblick. Wer mehr wissen möchte, als eine einschlägige Themenführung bieten kann, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen.
Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen
Die Kuratorin der Ausstellung Christina Weiler ist auch Herausgeberin des Katalogs. Beiträge von Christa Hofmann, Ksenija Tschetschik und Daniel Siderits sowie zahlreiche Abbildungen machen den stattlichen 255-seitigen Band zu einer angenehmen (!) Pflichtlektüre.
Die Kapitel gliedern sich in “die Tierwelt der Adria”, “das Reich der Tiere”, “die Konservierung von Tierbildern auf Pergament”, “Kunstwerk und Naturobjekt” sowie “Tierillustration der frühen Neuzeit”. Der benutzerfreundliche Anhang mit Literatur, Abbildungsverzeichnis und Tierregister rundet den qualitätvollen Band ab.
Dass der Katalog eine Augenweide ist, ist nicht nur den herrlichen Bildquellen und der Druckqualität zu verdanken, sondern auch dem übersichtlichen sowie attraktiven Layout von Ekke Wolf.
Übrigens: Der Preis ist bestechend moderat!
© S. Strohschneider-Laue
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Dienstag, 08. November 2011

Dann eben nicht!

Manche von Steuergeldern getragenen öffentlichen Institutionen sind sich selbst genug. Finanziert und nicht angewiesen auf BesucherInnen und Verkauf. Der Eintritt ist inzwischen derart exorbitant, dass sich der Normalverdiener mit Familie den regelmäßigen Besuch in Kulturinstitutionen ohnedies gut überlegt, bevor er - abseits der bereits entrichteten Steuer - tief in die Geldbörse greift. Kein Wunder, dass sich die Besucherzahlen zumeist aus zwangsverpflichteten Schulklassen und Touristen ergeben, während der Steuerzahler lieber sein Restgeld für andere Genüsse ausgibt.
Zugleich häufen sich z. B. Ausstellungen, die um Leihgaben herumdrapiert werden, damit diese durch das präsentierende Haus zertifiziert werden, eine Wertsteigerung erfahren. Der Auktionstermin für die betreffenden Leihgaben steht bereits vor Ausstellungseröffnung fest und findet vor Ende der Laufzeit statt. Kein Wunder, dass sich so mancher im Selbstverlag produzierter Katalog wie ein Werbefolder liest. An dieser Stelle wird keinerlei Vermutung nachgegangen, die sich auf Gebahrungen rund um Leihende, Verleihende, Berater etc. beziehen könnten.
Beim Pressetermin wird jedenfalls zeitintensiv geredet und ebenso zeitintensiv gegenseitig belobhudelt. Natürlich findet auch eine abendliche Eröffnung mit der gleichen Belobhudelung statt. Vor allem Politikern wird dabei die Gelegenheit eines Gratisbesuchs - ggf. inkl. Bankett im historischen Ambiente - in Kombination mit Eigenwerbung vor den Adabeiblicken gegeben.
Allerdings wurmt eines schon: Honorarfreie Pressefotos werden nur an Zeitungsvertragspartner weitergereicht - also tagesaktuelle Medien, deren Halbwertszeit sich in etwa auf zwölf Stunden beläuft. Na dann, dann berichten wir hier eben nicht über die aktuelle, chronologisch gehängte Bilderbeschau mit dem moralinsauren Vorhang.
© S. Strohschneider-Laue
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Dienstag, 25. Oktober 2011

Gustav Klimt | Josef Hoffmann
Pioniere der Moderne
Belvedere
25. Oktober ‘11 bis 4. März ‘12
Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne

Mit dieser Ausstellung wird bereits jetzt das Klimt-Jahr 2012 im Unteren Belvedere eingeläutet. Im Mittelpunkt der Schau steht die Kooperation von Gustav Klimt (1862-1918) und Josef Hoffmann (1870-1956) im Sinne eines ganzheitlichen Kunstschaffens, das in alle Lebensbereiche hineinwirkt.
Tatsächlich gelingt es der Ausstellung den Themenkreis rund um die beiden Künstler und ihrer Weggefährten anschaulich und äußerst lebendig zu präsentieren. Den gegenseitigen - auch internationalen - Impulsen unter den Künstlern Raum zu geben und u. a. Werke von George Minne, Ferdinand Khnopff oder Jan Toorops zu zeigen, trägt zusätzlich zu einer inhaltlich ausgewogenen Präsentation bei.
Dem dekorativ-geschwungenen Jugendstil und den geometrischen Gestaltungsprinzipien der Wiener Moderne werden zahlreiche neue Facetten abgewonnen. Was auch darin begründet liegt, sich nicht auf die Malerei zu beschränken, sondern den künstlerisch-gestalterischen Gesamteindruck zu vermitteln. Diese Gestaltungsprinzipien können sich BesucherInnen quasi als “Katalog zum Abreißen” direkt von der Wand mitnehmen.
Nicht minder berücksichtigt wird daher auch der Aspekt des Kunsthandwerks, das nicht nur als Impulsgeber eine wesentlichen Anteil an der Stilrichtung und somit an der Umsetzung in der Malerei hatte. BesucherInnen können sich davon überzeugen, wie viele Objekte ihre Attraktivität bis in die Gegenwart beihalten haben. Allein die Bibliotheksleiter von Josef Hoffmann setzt ein bis heute gültigen Maßstab für funktionales Design.
Vor 100 Jahren entstand das als Gesamtkunstwerk zu betrachtende Palais Stoclet in Brüssel. Das bis ins kleinste Detail minutiös durchgestaltete Gebäude, zu dessen Ausstattung zahlreiche Künstler beigetragen haben, ist ein Meisterwerk und zugleich architektonisches Hauptwerk von Josef Hoffmann. Das noch immer in Familienbesitz befindliche Anwesen ist nicht öffentlich zugänglich. Immerhin kann man nun im Rahmen dieser Ausstellung nicht nur ein maßstäbliches Modell des Palais, sondern gleich einen annähernd originalgroßen Nachbau der Eingangshalle bewundern.
Beethoven-Ausstellung 1902, kuvolinearer Stil, geometrischer Stil, Wien-Brüssel Beziehungen, Moderne Raumkunst, Gustav Klimt und Emilie Flöge - Kostbarkeiten, Hermine Gallia - Klimt im Boudoir sowie Barbara Flöge und die Sonnenblume - der Mensch und die Natur sind zentrale Ausstellungsthemen. Die wichtigsten Basisinformationen können publikumswirksam per “Katalogseiten-Abriss” - man muss allerdings genau hinschauen, damit man die sich harmonisch in die Wandgestaltung einfügenden Seiten bemerkt - mitgenommen werden.
Der bei Prestel erschiene Katalog Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne
erweist sich als ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter. Darüber hinaus ist der gewichtige, aber erschwingliche Band eine Bibliotheksbereicherung für alle, die sich dem Zauber der Wiener Moderne nicht entziehen können.
Fazit: Der Mehrwert des Ausstellungsbesuchs liegt auch darin begründet, viel mehr zu sehen als “nur” Bilder von Gustav Klimt. Die Erlebnistour durch die Räume lässt in exzellent gewählten Ausschnitten das Raumgefühl der Zeit anklingen.
© S. Strohschneider-Laue
Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne
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Montag, 19. September 2011

Sebastian Hackenschmidt, Klaus Engelhorn (Hg.)
Möbel als Medien
Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Transcript 2011, 312 S.
ISBN 978 3 8376 1477 0
Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Alte Möbel mit Farben und Mustern aufzupeppen, im Englischen als upcycling bezeichnet, liegt seit einigen Jahren voll im Trend. Auch das Buch “Möbel als Medien” steht ganz im Zeichen der Wiederverwertung, besteht es doch aus einer Sammlung von - für diese Publikation eigens überarbeiteten - Aufsätzen, die vor einiger Zeit bereits andernorts veröffentlicht wurden. Das Ergebnis dieses Akts des intellektuellen Recyclings ist ein Lesebuch das sich in 18 Essays den unterschiedlichen Möbeln und Raumausstattungen aus kunst- und kulturhistorischer, philosophischer und literarischer Sicht nähert.
Jenseits ihrer Funktionalität dienen Möbel als Kommunikationsmittel und Bedeutungsträger. Die Dinge mit denen wir uns umgeben, spiegeln unsere Selbstsicht und Wünsche, verraten unsere Gruppenzugehörigkeit und sozialen Status. Möbel können Werte, Normen und Lebensgefühl vermitteln - ganz unabhängig davon, ob es sich, wie im Buch, um Hochzeitstruhen des 15. oder Ikonen des Stuhldesigns des 20. Jahrhunderts handelt. An Kabinettschränken lässt sich sogar ablesen, wie sich das Verständnis der Ordnung der Welt wandelte. Nicht nur die Gestalt eines Möbels, sondern auch das Material aus dem es angefertigt wurde, kann Zeichenfunktion annehmen und gerade in der Moderne, die uns Stahlrohr und Resopal schenkte, bei BenutzerInnen zwiespältige Gefühle auslösen.
In der politischen und wirtschaftlichen Sphäre spielt der mit Mobiliar inszenierte Innenraum eine weitaus bedeutendere Rolle als das Einzelmöbel. Das Ritual seiner Nutzung als Instrument der Machtausübung lässt sich von den Raumfluchten der absolutistischen Herrscher bis in die heutigen Chefetagen verfolgen. Die Umwidmung öffentlicher in private Räume kann wiederum an der Wahl und Aufstellung von Möbeln abgelesen werden. Bis zur bürgerlichen Wohnkultur des 19. Jahrhunderts lassen sich die geschlechtsspezifischen Konnotationen von Wohnräumen zurückverfolgen. Das Attribut der heilenden Wirkung schließlich wird manchen Werken der Innenarchitektur nicht erst seit dem Wellness-Boom zugeschrieben.
Medientheoretische Überlegungen, philosophische Betrachtungen und literarische Kostproben runden den Band ab und halten für jene LeserInnen, die mit einer bildhaften Fantasie gesegnet sind, so manche Perle unfreiwilliger Komik bereit.
Das oben angerissene Spektrum, der um die Trias Einzelmöbel-Raumausstattung-Material kreisenden Themen, lässt es bereits erahnen: Das Buch “Möbel als Medien” ähnelt Dank seiner bunten Mischung an Aufsätzen einer Wundertüte. Manches entpuppt sich als freudige Überraschung, anderes als herbe Enttäuschung. Aber so wie man heute seinen Teller nicht mehr leer essen muss, besteht auch keine moralische Verpflichtung ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.
© Ch. Ranseder
Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
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Dienstag, 16. August 2011

Annette Philp
Sehstern
Wie Kinder von der Kunst lernen
Kerber 2011, 95 S., zahlr. Fotos
ISBN 978 3 8667 8508 3
Sehstern
Kunstvermittlung wird nicht nur in den Münchner Pinakotheken gerne angenommen. Begegnungen von Kindern mit Kunst an der Schnittstelle von Kreativität und Ökonomie werden hingegen viel zu selten einer genaueren Analyse unterzogen. Umso wichtiger, dass die Ergebnisse des Projekts “Sehstern”, das zwischen 2007 und 2010 an den Münchner Pinakotheken angeboten wurde, mit dieser Publikation vorgestellt werden.
Ausgehend von einer historischen Übersicht zu Kreativität und Begabtenförderung wird an die während des Projektes gewonnen Erkenntnisse herangeführt. Im Zuge dessen werden elf Grundsätze, die sich auf die Arbeit im Museum beziehen, aufgestellt. Systematische Präsentation der Praxis - Kindergarten, Kinderworkshop, Exkursionen, Jugendprojekt - lassen die Herangehensweisen deutlich werden. Textbeiträge von Ingmar Ahl, Kristine Oßwald und Martina Scherf runden die Analyse ab.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse sollte allen zu denken geben: Unkonventionelles Vermitteln öffnet der kindlichen Neugier und Kreativität jenen Spielraum, den Heranwachsende benötigen, um die Kunstobjekte selbst - im Sinne eines Lehrers - anzunehmen. Neugier und Kreativität bieten daher die Basis, um den Weg zur Erkenntnis beschreiten zu können, um dadurch Wissen tatsächlich auch lebenslang zu erwerben.
Fotos aus dem Projektverlauf begleiten den Inhalt anschaulich. Schade ist, dass die Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis nicht immer stimmig sind, was dem Inhalt selbst natürlich keinen Abbruch tut.
Eine Basispublikation für alle mit Kulturvermittlung innerhalb und außerhalb von Museen Befasste.
© S. Strohschneider-Laue
Sehstern: Mit begabten Kindern die Pinakotheken durchforschen
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Kommunikation, Kulturvermittlung, Kunst, Sistlau
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Freitag, 22. Juli 2011

Corinna Hesse
Italien hören
Silberfuchs Verlag 2011, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6523 2
Italien Hören
Feste, Tradition und ohne Gegensatz dazu steter Wandel zeichnen Italien aus. Vom klassischen Erbe, das aus griechischer Tradition schöpfte und sich anschließend mit der gesamten damaligen Welt verband bis zur Gegenwart führt der kulturelle Streifzug.
In 19 kulturellen Häppchen wird das italienische Werden als perfektes Dinner für die Ohren serviert. Von göttlichen Wurzeln, den Etruskern und deren Städtebündnis ausgehend, entstand die antike Weltmacht Rom. Das römische Imperium verfällt, das Christentum setzt seinen Siegeszug fort und prägt Literatur, Kunst und Kultur. Mit Beginn der Neuzeit rücken der Mensch und sein Schaffen wieder in den Mittelpunkt. Architektur, Kunst, Literatur und Musik schwingen sich zu ungeahnten Höhen. Der Drang zur Einheit und Unabhängigkeit führt schließlich im 19. Jh. zum Königreich über ein wirtschaftlich duales Land. Der Blick nach vorn mündet schließlich nach dem Ersten Weltkrieg im Faschismus. Hier offenbart sich die Schwäche der CD, denn zwischen der Machtergreifung Mussolinis und dem Einmarsch der Alliierten klafft eine schmerzliche Lücke, die auch die anschließende gute Dokumentation der Nachkriegszeit nicht wettmacht.
Die sonore Stimme von Rolf Becker leitet wohl moduliert durch 80 kurzweilige Minuten. Passende Musik- und Literaturzitate lassen die Geschichte vor dem inneren Auge auferstehen. Roswitha Röschs Grafik unterstreicht von Cover über Booklet passend das Werden Italiens von seinen antiken Wurzeln bis in die Gegenwart.
Ein weiteres Qualitätsprodukt aus der mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Länderreihe. Gemeinsam ist allen bereits produzierten Hörreisen der “Gerne-wieder-hören-Faktor”, der auch auf “Italien hören” zutrifft.
© S. Strohschneider-Laue
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Donnerstag, 21. Juli 2011

Bernd Hüppauf
Vom Frosch
Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie
transcript 2011, 417 S., Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8376 1642 2
Vom Frosch: Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie 
Das Mensch-Tier-Verhältnis wird in dem Werk am Beispiel des Frosches einer näheren Betrachtung unterzogen. Erstaunlich, wie nahe sich Menschen und ausgerechnet eine Amphibie stehen können. Wer allerdings einen kurzweiligen Einstieg in die Mensch-Frosch-Beziehung erwartet, wird enttäuscht sein. Wer Grundlagenforschung vermutet, wird eine persönlich geprägte, kulturgeschichtliche Materialsammlung vorfinden. Diese Sammlung offenbart allerdings immer wieder massive Schwächen durch ihre breite Fächerung. Den wissenschaftlichen Diskurs am aktuellen Stand zu verfolgen und Interpretationen nicht aus dem Zusammenhang zu reißen, ist eben schwierig. So geraten dem Autor in Folge nicht nur die “steinzeitlichen Figurinen”, “linearkeramischen Figuren von Frauen” mit der sog. “Frauenkröte aus Maissau” in einen nicht nachvollziehbaren mind. 30.000 Jahre umfassenden chronologischen und zum Frosch völlig belanglosen Zusammenhang.
Das ausdrückliche Ziel von Bernd Hüppauf ist es allerdings, “den Frosch im kulturell Imaginären” zu suchen. Die Einleitung widmet sich daher dem Mensch-Tier-Verhältnis, wirft einige Schlaglichter auf Frösche an sich und ihren kulturellen Stellenwert. Die nachfolgenden Kapitel sind der Theologie und Magie, Frosch und Wissenschaft sowie zuletzt dem Ökofrosch gewidmet. Da es sich hier nicht primär um eine naturwissenschaftliche Analyse rund um den Frosch handelt - obwohl Spiegelneuronen mehrfach thematisiert werden, sollte man keinen zoologischen Fokus inklusive Storch oder Ringelnatter als natürliche Feinde erwarten. Aber mit der Feststellung, dass Frosch und Mensch zu einem gemeinsamen Ökosytem gehören, das es zu erhalten gilt, befindet sich Hüppauf auf Augenhöhe mit den zeitgeistigen tierphilosophischen Betrachtungen und ökologischen Forderungen.
Nahezu 50 Seiten im Anhang betreffen den Kapiteln zugeordnete Endnoten. Sie stellen beim Lesen eine Herausforderung an die Handhabung dar. Die Literaturliste ist ebenso umfangreich, wie das Register, das sich auf die zitierten Persönlichkeiten beschränkt, enttäuschend.
© S. Strohschneider-Laue
Vom Frosch: Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie
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Montag, 27. Juni 2011

Doris Hansmann
Künstlerkolonie Worpswede
Prestel 2011, 142 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4523 9
Künstlerkolonie Worpswede
“Ich fand ein höchst originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck machte; der hügelige, sandige Boden im Dorfe selbst, die großen bemoosten Strohdächer und nach allen Seiten (so weit man sehen konnte), alles so weit und groß, wie am Meer.”
Dies vertraut Otto Moderson am 3. Juli 1889 kurz nach der Ankunft in Worpswede seinem Tagebuch an. Er war dem Ruf seines Freundes Fritz Mackensen gefolgt, der als erster die Schönheit der Landschaft um den abgelegenen kleinen Ort im Teufelsmoor entdeckt hatte. Wenig später reist auch Hans am Ende an und damit ist das Trio der Gründerväter der Künstlerkolonie Worpswede komplett. Ihren Vorbildern - den Malern der Schule von Barbizon - nacheifernd, zieht es die jungen Künstler ins Freie. Enthusiastisch malen sie Moorkaten, Wolkenstimmungen, Birkenalleen, Wasserläufe und den weiten Horizont des flachen Landes. Bald gesellen sich der Landschaftsmaler Fritz Overbeck und der dem Jugendstil zugeneigte Heinrich Vogeler zu ihnen. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, schon 1895 gelingt den Malern mit ihrer Ausstellung im Münchner Glaspalast der künstlerische Durchbruch. Das verwundert wenig, denn die Bilder der in ihrem Habitus standesgemäß bürgerlichen Künstler geben sich modern, ohne radikal zu sein. Avantgardistische Positionen halten erst mit den Frauen, allen voran Paula Becker, Einzug in Worpswede.
Doris Hansmann erzählt in ihrem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” gekonnt von Entstehung und Schicksal der kleinen Gemeinschaft aus Künstlern und Künstlerinnen, deren Werk noch heute zu bezaubern vermag. Dabei menschelt es ganz gewaltig - Paare finden zueinander und trennen sich wieder, illustre Gäste kommen zu Besuch, Freundschaften zerbrechen und Karrieren erblühen. Die Geschichte der Künstlerkolonie ist geprägt von Freundschaft und Liebe, Eheglück und Beziehungskrisen, gemeinsamen Unternehmungen und heller Lebensfreude, künstlerischen Erfolgserlebnissen und Experimenten, Konkurrenzdenken und beleidigten männlichen Egos, weiblicher Resignation und persönlichen Tragödien. Zahlreiche Zitate vermitteln im Originalton die Aufbruchsstimmung und Befindlichkeiten der KünstlerInnen, die darüber hinaus durch eine Auswahl historischer Fotografien präsent sind. Ihre wichtigsten Lebensdaten sind in tabellarischen Kurzbiografien am Ende des Buches zusammengefasst.
Die umfassende, hervorragend mit Beispielen illustrierte Werkanalyse wirft Licht auf die stilistische Vielfalt in der Künstlerkolonie und stellt das erstaunlich reichhaltige Motivspektrum vor. Dessen Bandbreite reicht von Darstellungen der von den Narben des Torfstichs geprägten Landschaft mit ihren Moorkaten, Torfkähnen und atmosphärischen Farbspielen über Ansichten des Dorfes und der Wohnstätten der KünstlerInnen bis zu Porträts und Akten. Als Modelle dienten den MalerInnen unter anderem Angehörige der bäuerlichen Familien und Alte aus dem Armenhaus, deren Lebenswelten von der Autorin einfühlsam geschildert werden. Darüber hinaus griffen die Worpsweder Kreativen, allen voran Vogeler und Moderson, vereinzelt auch Themen aus der Märchenwelt auf.
Mit dem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” ist ein exzellenter Überblick zu Leben und Arbeiten in der berühmtesten Künstlerkolonie Deutschlands gelungen. Sein flott geschriebener Text steht in einem ausgewogenen Verhältnis zu der abwechslungsreichen Bebilderung und die ausgewählten Arbeiten von Otto Moderson, Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler, Hans am Ende, Fritz Overbeck, Carl Vinnen, Paula Moderson-Becker, Ottilie Reylaender, Clara Rilke-Westhoff, Marie Bock und Hermine Overbeck-Rohte sind ein überraschend opulenter Augenschmaus.
© Ch. Ranseder
Künstlerkolonie Worpswede
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Montag, 20. Juni 2011

Amazonen
Das Brustkrebs-Projekt von Uta Melle
Kehrer 2011, 128 S., zahlr. Fotos.
ISBN 978 3 8682 8209 2
Amazonen - Das Brustkrebsprojekt von Uta Melle
Brustkrebs ist weiblich - das Risiko für Männer liegt “nur” bei 1:100. Brustkrebs ist mit fast 30% die häufigste Krebserkrankung. Brustkrebs tötet mehr Frauen als jede andere Krebsart und bei Brustkrebs kommt mehr als der Kampf ums nackte Überleben hinzu.
Die Diagnose Brustkrebs ist niederschmetternd und sie war viel zu lange ein Tabu. Ein Tabu, das erst in den letzen Jahren durch Gesundheitskampagnen an Bedeutung verliert. Es ist für betroffene Frauen wichtig zu sagen: Wir kämpfen, wir leben, wir sind schön, wir sind verletzlich - obwohl wir stark sind - und wir sehen dem Tod ins Gesicht. Es darf nicht sein, dass das Umfeld erst am Fehlen der Haare merkt, dass Frauen um ihre Würde ringen und ihr Leben kämpfen.
Als Uta Melle an Brustkrebs erkrankte, nahm sie 2009 mit einem aufsehenerregenden Fotoshooting von Jackie Hardt Abschied von ihren Brüsten. Mit weiteren Frauen, die ebenfalls durch die Brustkrebshölle gingen, tritt sie im Frühjahr 2010 auch vor die Kamera von Esther Haase. Vorliegender Band versammelt die einzigartigen Fotos dieser Shootings. Die Texte von Sophie Albers und Beate Wedekind fangen dazu den O-Ton der Protagonistinnen und persönliche Eindrücke ein. Nadine Barth (Herausgeberin) und Julia Wagner (Art Direktorin) schufen aus der harten Realität einen ebenso harmonischen wie fantastischen Band.
Die Fotos von Jackie Hardt und Esther Haase zeigen starke, schöne, fröhliche, verletzliche und beispielgebende Frauen: facettenreiche Amazonen in Farbe und kontraststarke Aktivistinnen in Schwarz-Weiß.
Eine der Amazonen ist Mareike. Sie bringt es auf den Punkt: “Bilder sagen mehr als 1.000 Worte.”
Insbesondere das Foto von Ursula, jene Amazone, die den Kampf gegen den Krebs im Dezember 2010 mit ihrem Leben bezahlte.
© S. Strohschneider-Laue
Amazonen - Das Brustkrebsprojekt von Uta Melle
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Donnerstag, 09. Juni 2011

Anton Holzer, Frauke Kreutler (Hgg.)
Trude Fleischmann
Der selbstbewusste Blick | A Self-Assured Eye
Hatje Cantz 2011, Dt./Engl., 199 S., zahlr. Sw-Fotos.
ISBN 978 3 7757 2780 8
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick
Trude Fleischmann (1895-1990) hatte ein Atelier in Wien, das von 1920 bis zu Ihrer Flucht 1938 ein kultureller Treffpunkt war. Porträts, Tanz, Mode und Werbung, aber auch Reisemotive standen im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Die rasche Umwegrentabilität von Promifotos und Skandalbildern, die Bekanntheitsgrad steigern und Business ankurbeln, ist heute hinlänglich bekannt. Damals wurde ähnlich gearbeitet, aber zumeist nicht mit ganz so schnellem Effekt. Die Aktfotografien der Tänzerin Claire Bauroff, die erst durch die polizeiliche Beschlagnahmung in Berlin sprunghaft an Bekanntheitsgrad gewannen, verhalfen jedenfalls beiden Frauen zu nachhaltigem Erfolg. Das Wien Museum kaufte bereits 1936 Fotografien aus ihrer Atelier für die Sammlung an.
Nach dem Anschluss Österreichs beantragte Trude Fleischmann ein Ausreisevisum. Sie wurde enteignet und verließ mit nur wenig persönlicher Habe 1938 Wien. Sie emigrierte in die USA, wo es Ihr gelang eine neue Existenz in New York aufzubauen. Trude Fleischmann hatte Glück im Unglück - nicht allen Wiener Fotografinnen jüdischer Herkunft war dasselbe Schicksal beschieden.
Die Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum hat über diese hinaus Bestand. Zweisprachig abgefasst, zeigt es überwiegend im Bestand des Museums befindliche Fotografien. Es gab sie auch schon zu dieser Zeit: Frauen hinter der Kamera und mit eigenem Studio. Schön, dass einer dieser - überraschend zahlreichen - Atelierfotografin eine Ausstellung und ein Katalog gewidmet wurde. Fotografinnen aus der Zwischenkriegszeit, deren Werke im Katalog abgebildet sind - Edith Barakovich, Marianne Bergler, Stephanie Brandl, Papa Feldscharek, Trude Geiringer, Edith Glogau, Kitty Hoffmann, Dora Horowitz, Dora Philippine Kallmus, Hella Katz und Grete Kolliner -, werden ebenfalls mit biografischen Notizen gewürdigt. Beiträge von Astrid Mahler, Frauke Kreutler, Anton Holzer, Marion Krammer, Heike Herrberg informieren über Leben und Werk von Trude Fleischmann sowie fotografisches und kulturelles Umfeld jener Zeit.
Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet den exzellenten Katalog ab. Eine gelungene, da ebenso gut gegliederte wie flüssig abgefasste, Pflichtlektüre zur Fotografie, Zeitgeschichte und Frauenforschung. Dass das Gesamtlayout die Fotografien stimmig begleitet und ein harmonischen Gesamteindruck erzeugt, ist ein zusätzlicher Bonus.
© S. Strohschneider-Laue
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick
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Mittwoch, 08. Juni 2011

Paul Jackson
Von der Fläche zur Form
Falttechniken im Papierdesign
Haupt 2011, 224 S., zahlr. Abb. und Diagramme, CD-ROM.
ISBN 978 3 2586 0019 2
Von der Fläche zur Form: Falttechniken im Papierdesign
Wenn Sie über viel Zeit, gute Nerven und eine gehörige Portion Ehrgeiz verfügen, ist “Von der Fläche zur Form. Falttechniken im Papierdesign” das richtige Buch für Sie. Falls Sie sich im Beruf oder in der Ausbildung mit der hohen Kunst des Faltens auseinandersetzen müssen, werden Sie seinem Autor Paul Jackson vermutlich ewig dankbar sein, dass er dieses grundlegende Werk zu Papier gebracht hat. Schritt-für-Schritt erklärt er darin eine große Zahl unterschiedlicher Falttechniken, die - einmal erlernt - ein mächtiges Gestaltungswerkzeug abgeben.
Dem harmonischen Zusammenspiel von präzisen Texten, Faltdiagrammen, Fotos wichtiger Momente im Arbeitsprozess und Abbildungen der fertigen Faltobjekte ist anzumerken, dass Paul Jackson jahrelang als Kursleiter Erfahrung sammeln konnte. Die hervorragende Gliederung des Buches und die große thematische Bandbreite machen “Von der Fläche zur Form” sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene attraktiv.
Kapitel 1 vermittelt Grundlagen wie Papierunterteilung, die symmetrische Verdopplung von Mustern, die Gestaltungsmöglichkeiten durch Streckung und Neigung sowie Anregungen für das Arbeiten mit Polygonen.
Kapitel 2 ist den Grundfalten - also Ziehharmonika-, Messer-, Kasten- und Verlaufsfalten - gewidmet.
Kapitel 3 untersucht Spiralfalten, das Zusammenfassen von Falten und verdrehte Falten.
Kapitel 4 stellt die wandlungsfähigen V-Falten und ihre Variationen in den Mittelpunkt.
Kapitel 5 zeigt wie Wölbungen in Form von Bögen und Sattelflächen erzeugt werden können.
Auch Schachteln und Schalen lassen sich falten. Anleitungen dazu sind in Kapitel 6 zu finden.
Dass aus einem einfachen Blatt Papier mithilfe von Pseudo- und Einzelfalten Objekte mit skulpturalen Qualitäten entstehen können, beweist Kapitel 7.
Wild geknittert wird schließlich in Kapitel 8.
Wie jeder gute Lehrer führt Paul Jackson in einer logischen Abfolge vom Einfachen zum Komplizierten, ohne dabei gleich alle Tricks zu verraten. Fallweise ist selbstständiges Denken und Experimentieren gefragt. So werden z. B. nicht alle Faltdiagramme von einer Aufschlüsselung jedes einzelnen Handgriffs begleitet. Ich bin beim Zusammenschieben der Falten von zwei der komplizierteren Muster ganz schön ins Schwitzen gekommen. Das Erfolgserlebnis bei den beiden geglückten zweiten Versuchen war dafür umso süßer.
“Von der Fläche zur Form” ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss, um nachhaltig von ihm zu profitieren. Mit Lesen allein ist es nicht getan. Probieren Sie die unterschiedlichen Techniken aus, indem Sie den Anleitungen folgen - die Faltdiagramme können als pdf von der CD-ROM abgerufen werden - oder lassen Sie ihrem Spieltrieb freien Lauf. Es lohnt sich. Ich habe seit meiner Schulzeit, als ich im Handarbeitsunterricht ein Ei falten musste, ein gestörtes Verhältnis zu Origami. Trotzdem hat mir die Auseinandersetzung mit dem - übrigens auch sehr schmuck gestalteten - Buch “Von der Fläche zur Form” viel Spass gemacht und mein kreatives Schaffen bereichert, ganz abgesehen von seinem therapeutischen Effekt. Paul Jackson ist mit “Von der Fläche zur Form. Falttechniken im Papierdesign” ein hervorragendes Handbuch gelungen, das ebenso unentbehrlich wie inspirierend ist.
© Ch. Ranseder
Von der Fläche zur Form: Falttechniken im Papierdesign
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Donnerstag, 12. Mai 2011

Welten in der Schachtel
Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre
Kerber 2010, 176 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8667 8449 9
Welten in der Schachtel: Mary Bauermeister
Im Mittelpunkt des Buches “Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre ” stehen die sog. Linsenkästen, die eine Schlüsselstellung im Œuvre der Künstlerin einnehmen. Der Konzeptkunst zuzuordnen, ist diese Werkgruppe gekennzeichnet durch das Spiel von Transparenz und Dichte, Nahsicht und Distanzierung, räumlicher Beschränkung und Sprengung derselben durch die Einbeziehung von Betrachter, Rahmen oder angrenzender Wandfläche.
Mary Bauermeister machte sich in den 1960er Jahren die Schachtel als künstlerisches Medium zu eigen. Durch ihre unverwechselbare visuelle Sprache, die den Zeitgeist der Epoche einfängt, und eine humorvolle Absurdität setzen sich die Arbeiten Bauermeisters klar von den Werken ihrer männlichen Kollegen, die sich ebenfalls der Box bedienten, ab. Es war ein glücklicher Zufall, der die Künstlerin 1961 in einem Antiquitätengeschäft den Nachlass eines Uhren- oder Brillenmachers entdecken ließ. Inspiriert durch diesen Fund begann Mary Bauermeister Uhrgläser, Lupen und Linsen in ihre Arbeiten zu integrieren. Das Ergebnis waren geheimnisvolle, mit Tuschezeichnungen und Texten überzogene Kästen, in deren dreidimensionalem Innenraum Kugeln zu schweben schienen. Durch eine gläserne Barriere dem Zugriff der Betrachter entzogen, konnte dennoch mittels auf der Glasplatte aufliegender Linsen jedes Detail der tragbaren Installation gemustert werden.
Mit diesen sog. Linsenkästen gelang Mary Bauermeister, die 1962 nach New York ging, ausgehend von Amerika der künstlerische Durchbruch. In dem reich illustrierten Buch “Welten in der Schachtel”, das anlässlich einer gleichnamigen Ausstellung erschien, wird diese Werkgruppe erstmals umfassend präsentiert und in den Kontext der im Rahmen der Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre bespielten mobilen Kleinräume gestellt.
Die Idee des Mikrokosmos in der Schachtel hat eine lange Tradition. Alexander Eiling gibt in seinem Essay “Welten in der Schachtel. Vom Reliquienkasten zur Boîte-en-Valise” einen Überblick über die mannigfaltigen Ausprägungen der Kunst im Kästchen.
Kerstin Skrobanek verfolgt in “Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre” Genese und Entwicklung der sog. Linsenkästen und untersucht deren Stellung im Rahmen der experimentierfreudigen, konzeptorientierten Kunst dieser Zeit.
Mary Bauermeister reüssierte nicht nur als Künstlerin, sondern spielte auch als Gastgeberin für die Kölner Kunstszene eine bedeutende Rolle. Wulf Herzogenrath spürt in “Die Geburt der Kunstmetropole Köln im Atelier von Mary Bauermeister 1960″ den Performances, Ausstellungen, Konzerten und geselligen Treffen des Kreises um Mary Bauermeister und ihrem späteren Ehemann Karlheinz Stockhausen nach.
Als Ergänzung der Essays widmen sich sechs als “Boxen” betitelte Kurztexte Aspekten der künstlerischen Auseinandersetzung mit Schachteln, Kisten und Boxen aller Art, die in den 1960er Jahren eine Blütezeit erlebte. Eine ausführliche von zahlreichen Fotos begleitete Biografie Mary Bauermeisters bildet den Schlusspunkt des in deutscher und englischer Sprache verfassten Buches.
“Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre” ist die späte Würdigung der einzigartigen Arbeiten einer eigenwilligen Künstlerin.
© Ch. Ranseder
Welten in der Schachtel: Mary Bauermeister
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Mittwoch, 06. April 2011

Peter Young
Schwan
Gerstenberg 2011, 200 S., zahlr. Illustrationen und Fotos.
ISBN 978 3 8369 2644 7
Schwan: Mythos Tier
Dieser Band aus der beispielgebenden biologisch-kulturgeschichtlichen Reihe ist dem Schwan gewidmet. Der anmutige Vogel mit dem Ruf ein Todesbote zu sein, hat tatsächliches Erstaunliches vorzuweisen. So sind Schwäne genetisch dichter an den Sauriern als andere Vogelarten - und wer einen aggressiven Schwan sein Nest verteidigen sah, ist sofort bereit das zu glauben. 25.000 Federn schmücken seine elegante Erscheinung und der singende Flug verschaffte ihm seinen Namen “Schwan”.
Flott und launig plaudernd ist der Erzählton von Peter Young, der auch in der Übersetzung aus dem Englischen von Stephanie Singh erhalten bleibt. In acht undogmatischen Kapiteln, die u. a. den Schwanen-Mythos kunst- und kulturgeschichtlich sowie biologisch umkreisen, erweisen sich die inhaltlichen Übergänge als fließend, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Unversehens hat man sich in die Lektüre vertieft, fasziniert von überraschenden Querverbindungen zwischen Wissenschaftlern, Künstlern und Schwänen. Dann wundert man sich wieder über Maße und Gewichte, um im nächsten Moment amüsiert über das putzige und absolut nicht hässliche “Entlein” zu schmunzeln, das ein eleganter Trompetenschwan werden wird. Ein Trompetenschwan, der durch die Jagd auf viel bewunderte, aber leicht zu treffende Trophäen fast ausgerottet wurde. Götter erscheinen als Schwäne, Schwäne werden zu hübschen Frauen und grade bei Letzteren könnte fast stimmen, wenn man Marlene Dietrichs fantastischen Mantel aus Schwanendaunen betrachtet.
Die ebenso gehaltvolle wie lockere Lektüre, die zuletzt noch durch eine Zeitleiste, zahlreiche Anmerkungen, Literatur, weiterführende Hinweise sowie ein benutzerfreundliches Register fachlich und sachlich abgerundet wird, ist fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite. Beispielgebend!
Nachdem dieser Band für eine englische Reihe (Pinguin
, Tiger
, Katze
, sind bereits auf Deutsch erschienen) konzipiert und geschrieben wurde, ist der Querbezug zu Großbritannien deutlich hervorgehoben. Im Grunde müsste für jedes Land, in dem das Buch als Lizenz erscheint, ein landestypisches Kapitel ergänzt werden, denn der “Schwan kleban” hat überall ganz spezifische kulturelle Spuren hinterlassen.
Mir schwant, dieses Buch wird nur das erste von allen sein, die ich mir aus dieser Reihe kaufen und auch an Freunde verschenken werde.
© S. Strohschneider-Laue
Schwan: Mythos Tier
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Mittwoch, 16. März 2011

Aiwasowski - Maler des Meeres
Bank Austria Kunstforum
17. März bis 10. Juli ‘11
Aiwasowski: Maler des Meeres

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817-1900) wurde in Feodossija auf der Krim geboren. Ein Stipendium ermöglicht es ihm ab 1833 an der Akademie in St. Petersburg zu studieren und erste Fernreisen zu unternehmen. Zahlreiche Stadt- und Landschaftsbilder geben eindrucksvolles Zeugnis seiner Reistätigkeit. Der viel beschäftigte Künstler blieb er seiner Heimatstadt verbunden. Atelier und Wohnhaus des Malers des Meeres in Feodossija ist heute ein ihm gewidmetes Museum und Leihgeber für diese außergewöhnliche Ausstellung.
Bereits 1844 wurde der aufstrebende und bereits ausgezeichnete Künstler zum offiziellen Maler des Marinestabs ernannt. Durch seine somit gesicherten Auftragsarbeiten war er finanziell gut situiert. Aus einer armenischen Kaufmannsfamilie stammend, war ihm durchaus bewusst, dass man Geld anlegen und sich gesellschaftlich integrieren muss. Sein Engagement für Wirtschaft und Kultur - er setzte sich für die Eisenbahnlinie und die Gründung eines archäologischen Museums in Feodossija ein - waren somit auch privates Kalkül.

Marinemalerei ist ein Genre, das nicht unbedingt jeden auf Anhieb anspricht. Ein Vorurteil, das durch Monumentalbilder von Seeschlachten, die für Repräsentationsräume, Hafenszenen für Amtsstuben und Schiffsbilder, die für Veteranen gemalt wurden durchaus gerechtfertigt erscheint.
Unter den sprichwörtlichen grauen Wellenfluten der ungezählten - vor allem holländischer Seestücke -, die sich einmal links, einmal in der Bildmitte und zur Abwechslung rechts des voll aufgetakelten oder bereits halb gesunkenen Schiffes zeigen, sticht die außergewöhnliche Sichtweise und Darstellung von Aiwasowski hervor. Man muss sich nicht der Marine verbunden fühlen, um die erzählerische Qualität der Szenen zu erfassen. Man muss nicht dem Ertrinken nahe gewesen sein, um die Angst der Schiffsbrüchigen zu spüren. Aiwasowskis Bilder sind Berichterstattung und Kunst zu gleichen Teilen und das macht ihre zeitlose Qualität aus.
Wer das Wasser nur vom Strandurlaub kennt, aber dessen Gewalt nur aus Katastrophenberichten, wird nach dem Besuch der Ausstellung einen geschulten Blick haben. Wellenkämme und Gischt betrachten, das Farbspiel, das Licht und die Transparenz bewundern. Spürbarer und beeindruckender als Aiwasowski Gemälde ist nur das Meer selbst.

Der bei Hatje Cantz erschiene Katalog Aiwasowski: Maler des Meeres
zeichnet sich durch vielschichtige Beiträge aus. Die gewohnt ausgezeichnete Druckqualität erfreut, kann aber trotzdem - auch aufgrund der monumentalen Originale -, die optische Wucht und Farbpracht nicht völlig gerecht werden. Dennoch ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter, der es Normalsterblichen möglich macht, Aiwasowski mitzunehmen.
Fazit: Ein beeindruckender Bilderreigen, der in dieser Fülle und vor allem nach Aiwasowskis Tod außerhalb Russlands nicht zu sehen war. Die Präsentation erhebt sich erfrischend, faszinierend und gewaltig wie das Meer vom Ausstellungseintopf Österreichs mit seinen Impressionisten-Schiele-Picasso-Mainstream ab.
© S. Strohschneider-Laue
Aiwasowski: Maler des Meeres
Aktuelle Ausstellungskataloge
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Donnerstag, 03. März 2011

Carl Friedrich Philipp von Martius
The Book of Palms
H. Walter Lack (Text)
Taschen 2010, Dt./En./Fr., 412 S. zahlr. Farbtafeln
ISBN 978 3 8365 1779 9
Martius - Book of Palm
Dreißig Jahre mussten sich Botaniker und Sammler erlesener Bücher gedulden, bis sie 1853 endlich die vollständige Historia naturalis palmarum des Carl Friedrich Philipp von Martius ihr Eigen nennen konnten. Heute geht das, dank des Taschen Verlages, schneller. Ein Spaziergang in die nächstgelegene Buchhandlung genügt, um “The Book of Palms” in Händen halten zu können.
Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868) fasste in seinem Buch das damals über Palmen verfügbare Wissen zusammen und legte mit der monumentalen Publikation den Grundstein für deren weitere Erforschung. Auslöser für seine intensive Auseinandersetzung mit diesen exotischen und dennoch auf den ersten Blick recht unscheinbaren Gewächsen war eine Fernreise. Dem promovierten Mediziner, der sein Hobby - die Botanik - mit einer Anstellung im Münchner botanischen Garten zum Beruf gemacht hatte, bot sich 1817 die Gelegenheit, an einer Expedition nach Brasilien teilzunehmen. Gemeinsam mit dem Zoologen Johann Baptist Spix wurde Martius von Maximilian I. Joseph, König von Bayern, als Mitglied des wissenschaftlichen Teams, das die österreichische Erzherzogin Leopoldine zu ihrem Gatten Dom Pedro begleitete, nach Brasilien entsandt. Die beiden Bayern gingen bald ihre eigenen Wege, um das damals noch kaum erforschte Land zu erkunden. Erst 1820 kehrten sie mit einer stattlichen Sammlung konservierter Tiere und Pflanzen nach München zurück.
Für Martius bedeutete seine Auslandserfahrung den Beginn einer steilen Karriere. Fleißig begann der Heimgekehrte zu publizieren, denn er hatte das Glück die gesammelten Daten und Pflanzenbelege selbst auswerten zu dürfen. Neben Zeitschriftenartikeln und dem im 19. Jahrhundert beinahe obligatorischen Reisebericht begann er die Arbeit an zwei groß angelegten botanischen Werken.
Die Historia naturalis palmarum erschien in mehr als zehn Lieferungen. Die Veröffentlichung einer mit über 200 Tafeln im Format von 60 x 43 cm ausgestatteten Publikation konnte nur in Etappen mit finanzieller Hilfe zahlreicher wohlhabender Subskribenten verwirklicht werden. Martius versah sein exquisites dreibändiges Werk, für das er sowohl auf eigene Forschungsergebnisse, als auch auf Sammlungen und Vorlagen anderer zurückgriff, mit einer klaren Gliederung. Im ersten Band, für den er zwei weitere Fachmänner als Autoren gewinnen konnte, werden fossile Palmen, Anatomie und Morphologie der Palmen sowie deren geographische Verbreitung abgehandelt. Der zweite Band ist den neuweltlichen, der dritte Band - bis auf wenige Ausnahmen - den altweltlichen Palmen gewidmet. Die ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Arten, ihrer Fundorte und alle relevanten Beobachtungen verfasste Martius in lateinischer Sprache.
Das im Taschen Verlag erschienene “Book of Palms” beschränkt sich auf den Nachdruck der Farblithografien des in der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn aufbewahrten Originals der Historia naturalis palmarum. Als Auftakt ist den, etwas verkleinert reproduzierten, Tafeln ein Essay von H. Walter Lack vorangestellt, der sich auch der Überprüfung der in den Legenden angeführten wissenschaftlichen Namen angenommen hat. Dann kann der Augenschmaus beginnen.
Das “Book of Palms” erfreut mit einer wundersamen Mischung aus Diagrammen von Blütenständen und Blattstellungen, Fruchtvergleichen, frei stehend porträtierten Palmen, Nahansichten einzelner Pflanzenteile und fantasievollen Landschaften, in deren Darstellung sich Romantik und Exotik ein Stelldichein geben. Braun gesprenkelte Trennblätter mit Prägedruck deuten die Dreibändigkeit des Originalwerkes an. Dasselbe Papier schmückt auch den Einband. Beeindruckend massiv und prächtig ist das Buch. Doch es hat eine Achillesferse. Wissbegierige Genießer, die kein Studium der Botanik absolviert haben, suchen vergeblich einen Anhang zu den Tafeln, der mehr zum Dargestellten vermittelt als den wissenschaftlichen Namen der Palme. Der Verzicht auf zeitgemäß formulierte Erklärungen bedeutet eine vergebene Chance für Gewächse zu begeistern, die im Pflanzenreich mit Superlativen aufwarten können und den Menschen seit Jahrhunderten als Lieferant für Nahrung, Fasern und Baumaterial dienen.
Anders als ein Strauß hübscher Gartenblumen erschließen sich Palmen den Betrachtern nicht spontan auf einer emotionalen Ebene. Es erfordert Zeit, auf den Seiten des “Book of Palms” die zurückhaltende Schönheit der Palmen zu entdecken. Ihre Faszination liegt im Detail, in den feinen Variationen der Struktur von Fruchtständen, Rinden und Blüten sowie deren nuancenreichen Grün- und Brauntönen, die fallweise durch ein leuchtendes Rot oder samtiges Schwarz zum Schwingen gebracht werden. Für heitere Momente sorgen Staffagefiguren, die in der wild wuchernden Vegetation der Landschaftsdarstellungen versteckt, den Tätigkeiten ihres Alltags nachgehen. Mehrmals tauchen europäisch gekleidete Männlein mit schmuckem Zylinder oder Schlapphut auf, um zu botanisieren, zu zeichnen oder Strauße zu jagen. Krokodile lauern, Kängurus liegen faul herum, rosa Flamingos suchen eiligst das Weite und eine kleine Herde Elefanten tänzelt unruhig am Waldrand entlang.
Der historische Meilenstein in der Erforschung der Palmen, die zum Symbol der Sehnsucht nach der Ferne geworden sind, entwickelt als Buch für den Kaffeetisch beträchtlichen Charme. Lassen auch Sie sich vom “Book of Palms” bezaubern!
© Ch. Ranseder
Martius - Book of Palm

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Mittwoch, 16. Februar 2011

Egon Schiele - Selbstporträts und Porträts
Belvedere
17. Februar bis 13. Juni ‘11
Egon Schiele: Selbstporträts und Porträts

In der Orangerie des Belvedere werden 14 Briefe und 95 Werke gezeigt - zehn davon stammen aus dem Besitz des Belvedere und 22 sind erstmals in Österreich ausgestellt. In der Flut der Schiele-Ausstellungen, die in den letzten Jahren - vor allem im Jubiläumsjahr 2010 im Leopold Museum aber auch im Wien Museum oder Landesmuseum Niederösterreich präsentiert wurden - bemüht sich das Belvedere nun mit “Selbstporträts und Porträts” um eine thematische Eingrenzung.
Die chronologische Hängung (Frühe Arbeiten 1906-1909, Expressionistischer Durchbruch 1919-1911, Selbstporträts 1910-1918, Zeit der Reife 1912-1915 und Späte Porträts 1916-1918) der Kuratorin Jane Kallir wird zuweilen aus thematischen und optischen Gründen aufgebrochen. Berühmtes und kaum Bekanntes aus Schieles kurzer Schaffenszeit wird hier Seite an Seite gezeigt. Deutlich tritt dabei das der inhaltlichen Veränderung und seiner künstlerischen Entwicklung unterworfene Menschenbild Egon Schieles zutage. Sicht- und Darstellungsweisen, die bis heute immer wieder aus diversen Gründen polarisieren.

Die exzellente Ausstellungsgestaltung strukturiert räumlich und optisch. Sie vermittelt den Besuchern das Gefühl sich durch einen in breiten Bögen abgerollten, packpapierfarbenen Malgrund von einem Bereich in den nächsten zu bewegen. Ohne harte Kanten wird in wellenförmigen Übergängen harmonisch gegliedert.
Egon Schiele ist ein Marketingphänomen und Arthur Roessler war sein erster Marketingstratege. 1909 stand Schiele vor dem Nichts. Er war aus der Wiener Kunstakademie im Streit ausgetreten und hatte sich Gleichgesinnten in der Neukunstgruppe angeschlossen, die nur eingeschränkte Ausstellungsmöglichkeit hatte. Im Oktober 1910 malte Schiele das Ölporträt von Arthur Roessler, dem Kunstkritiker, Autor, Galerieleiter, Kunstkonsulent und gesellschaftlich Etablierten. Schiele nutzte die soziale und publizistische Unterstützung Roesslers, dieser wiederum die wachsende Popularität des Künstlers. Nach dem frühen Tod Egon Schieles 1918 ließ sich Roessler von dessen Mutter alle Nutzungsrechte übertragen und etablierte die “Marke Schiele” ebenso nachhaltig, wie es bis zuletzt Rudolf Leopold tat.
Fazit: Die Gelegenheit Porträts und Selbstporträts von Egon Schiele zu sehen und sich selbst ein Bild von seiner Sicht auf andere und sich selbst zu machen, sollte man nicht versäumen.
© S. Strohschneider-Laue
Egon Schiele: Selbstporträts und Porträts
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Sonntag, 05. Dezember 2010

Hilke Maunder
Australien hören
Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6522 5
Australien hören
Von der Regenbogenschlange der Schöpfung bis zur multikulturellen Gegenwart führt die Reise. In 20 Kapiteln für die Ohren wird dieser extreme und noch nicht so lange bekannte Kontinent vorgestellt. Der heilige Berg Uluru ist die Heimat der Regenbogenschlange aus dem Schöpfungsmythos der Aborigines. Für die Ureinwohner sind Mensch, belebte Natur, Geschichte und Landschaft untrennbar. Ebenso untrennbar sind die physische und geistige Wirklichkeit. Die Verschmelzung von Erzählungen, Gesängen, Klängen und Felsbildern erschließt den Kontinent und die spirituelle Landschaft. Diese Verschmelzung kommt bei den über 300 Völkern mit ihren verschiedenen Sprachen und Dialekten variantenreich zum Ausdruck.
Eigentlich müsste man sich wünschen, dass Australien nie von Willem Jansz und James Cook entdeckt worden wäre. Denn für in Europa hochgelobte Entdeckungen zahlten seit jeher die indigenen Bevölkerungen den höchsten Preis. Wenn heute an Australien gedacht wird, stehen die schönsten Seiten der Natur im Vordergrund, aber weder Völkermord noch Ökokatastrophen. So erhielten die ursprünglichen Australier, die Aborigins erst 1957 australische Bürgerrechte. Ab 1962 durften Aborigines wählen. Bis 1970 wurden Kinder aus ihren Familien gerissen und zur Umerziehung geschickt. Rechte auf ihr eigenes Land wurden ihnen erst 1976 zuerkannt. Unfassbar ist, dass der Premierminister von Australien erst im Jahr 2008 Worte der Entschuldigung für die an den Aborigines begangenen Verbrechen - Vertreibungen, Massaker und Kindsraub - fand. Kein Wunder, dass der am 26. Januar begangene ”Australia Day” der Weißen zum “Invasion Day” für die Aborigines wurde.
Die Kolonisation Australiens war in jeder Hinsicht unrühmlich. Die englische Öffentlichkeit stellte sich nicht ihren sozialen Problemen. Stattdessen sorgten ein restriktives Rechtssystem und eine ebensolche Deportationspolitik für Nachschub an Sträflingen - darunter auch Kinder - in Australien. Traurige Berühmtheit erlangte dabei die ausbruchsichere Strafanstalt Port Arthur, die in ihrer Unmenschlichkeit durchaus Vergleiche mit Auschwitz und Guantanamo zulässt.
Alle Aspekte von Kunst und Kultur sind durch die australische Geschichte und ihrer Siedler durchdrungen. Die Erforschung des Landesinneren des 5. Kontinents ist untrennbar mit Ludwig Leichhardt verbunden. 1973 erhielt der Australier Patrick White den Literaturnobelpeeis. Für seinen Roman “Voss” diente die schillernd Persönlichkeit Leichhardt als Vorlage. Später entstand aus dem Stoff noch eine Oper. Sogar der Impressionismus hat mit der ”Heidelberg School” eine eigene australische Variante entwickelt. Der erste abendfüllende Film (1906) entstand in Melbourne und behandelte die Geschichte des Volkshelden Ned Kellys, dem Sidney Nolan (1946/47) in einem Bilderzyklus ein weiteres Denkmal setzte. Musikzitate, die den gesprochenen Text begleiten und stellenweise unterlegen, sind von einer außergewöhnlichen Vielfalt.
Hilke Mauner weiß, worüber sie schreibt. Die Journalistin hat die zahlreichen Facetten Australiens in vielen Berichten und Reiseführern verarbeitet. Spannend und aus erster Hand vermittelt sie einen vielfältigen und kritischen Überblick zur australischen Kultur. Selten ist ein Kontinent, ein Land und seine kulturelle Vielfalt einladender geschildert worden.
Andreas Fröhlich spricht, was Hilke Maunder über den 5. Kontinent berichtet. Wer bei dem Klang seiner Stimme an John Cusack, Ethan Hawke und Edward Norton erinnert wird, hat richtig gehört. Er ist der deutsche Synchronsprecher, der hier seiner stimmlichen Bandbreite zum großen Ergötzen der Hörer frönen darf.
Roswitha Rösch gestaltet das Booklet in den erdigen Farben Australiens, die die Präsenz der Regenbogenschlange erahnen lassen.
Der Hörgenuss “Australien” aus der vielfach prämierten Länderreihe des Silberfuchs Verlags überflügelt den hohen Standard, der mit den Vorgängern geschaffen wurde.
Hörproben
© S. Strohschneider-Laue
Australien hören
höre auch:
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Sonntag, 05. Dezember 2010

Peter Gössel (Hg.)
Michael Mönninger
Coop Himmelb(l)au
Taschen 2010, Dt./En./Fr., 500 S., zahlr. Sw.- und Farbfotos und Grafiken.
ISBN 978 3 8365 1788 1
Coop Himmelb(l)au
Am 1. Dezember 2010 war es soweit. In der Buchhandlung Walther König im Wiener Museumsquartier wurde der Prachtband des weltweit renommiertesten Architekturbüros aus Wien präsentiert. Wolf D. Prix, Mitbegründer von Coop Himmelb(l)au sprach vor großem Publikum über die Entwicklung ab 1968. Er bot Einblicke und zeigte Fotos. dabei geizte er nicht mit tieferen Einblicken in das Werden von Coop Himmelb(l)au und den von ihrer im Aufbruch befindlichen Zeit geprägten Zielen der Gründer. Ziele, die sich auch in der Namensgebung widerspiegelen. Das von jungen Leuten dominierte Publikum bewies, dass die avantgardistischen Konzepte und der dekonstruktivistische Ansatz des Architekturbüros nach wie vor begeistern. Coop Himmelb(l)au ist seiner Zeit weiterhin voraus.
Die Architektur von Coop Himmelb(l)au passt in kein Taschenbuch, sondern ausschließlich in ein Buchmonster von Taschen. Bei bucharchitektonischen Maßen von 40 cm x 31,5 cm x 5 cm - ohne Verpackung - ist es gut, dass der mindestens 7 kg schwere Band im eigenen tragbaren Karton geliefert wird. Passend gigantisch wie die Architektur von Coop Himmelb(l)au werden darin - inklusive Zukunftsausblicke - fast 45 Jahre prägende Architektur vorgelegt. Von dunklem Blau am oberen Rand, bis zu Grün am unteren verlaufen die Farben des Covers. Zu sehen ist der sich aufdrehende gläserne Doppelkegel, aus dem die Dachwolke der BMW Welt in München entspringt. Die 2001 getroffene Entscheidung des Vorstandes der BMW AG den Entwurf von Coop Himmelb(l)au ausführen zu lassen, wurde beispielgebend für kommende Kommunikationsbauten. Von dem Weg, der schließlich zur BMW Welt und viel mehr führte, berichten Herausgeber Peter Gössel und Autor Michael Mönninger in diesem Band.
Aufgeschlagen entpuppt sich der Band trotz der Größe als ein haptisches Erlebnis. Unterschiedliche Papierqualitäten gliedern den Band ebenso wie Layout. Der deutlich strukturierte Inhalt führt ohne große Umwege über die Einleitung zu charakteristischen Stationen im Gesamtwerk von Coop Himmelb(l)au. Diese kompakte Buchstruktur unterstreicht den luftigen, hellen und kommunikationsorientierten Architekturstil. So bedingen sich Inhalt, Design und Funktion “taschentypisch” harmonisch bis ins kleinste Detail.
Die Einleitung steckt den architektonischen Rahmen und die Ziele seit der Gründung ab. Danach ist jeder - egal ob Architekt, Fachstudent oder interessierter Laie - bereits mitten im Geschehen. Und es wird schnell deutlich, dass Architektur, die ihren Ursprung in Aktionskunst, Installationen und luftgefüllten weichen Räumen hat, immer ihrem ursprünglichen interaktiven, kommunikativen Ansatz treu bleiben wird. Auch deshalb ist Ausstellungsarchitektur weiterhin ein interessanter Planungsbereich für Coop Himmelb(l)au.
Die vorgestellte Projektflut wird begleitet von exzellenten Fotos, Skizzen, Entwürfen und realen und virtuellen Raummodellen. Die dreisprachig vorliegenden Texte gewähren Einblicke in die zugrunde liegenden Konzepte und Planungen.
Abgeschlossen wird der Band durch einen umfangreichen Anhang. Hier werden alle Projekte, Firmenstruktur, Biografien, Teammitglieder bis 2010, Ausstellungen, Preise und Ehrungen sowie die Bibliografie vorgelegt.
Ausgehend von Österreich führte der Weg von Coop Himmelb(l)au über die Schweiz, England und Deutschland schließlich in die USA. In den USA wurde - nach dem internationalen Durchbruch 1988 - ein weiteres Atelier in Los Angeles eröffnet. Coop Himmelb(l)au ist jedenfalls nicht austauschbar und so wird mehr Unerwartetes folgen.
© S. Strohschneider-Laue
Coop Himmelb(l)au
siehe auch
Coop Himmelb(l)au. Beyond the Blue: Between the Light
Coop Himmelb(l)au PreBook 1: Musée des Confluences
Coop Himmelb(l)au: Central Los Angeles Area High School # 9 for the Visual and Performing Arts
Dynamic Forces: Coop Himmelb(l)au. BMW Welt München
Corporate Architecture: Entwicklung, Konzepte, Strategien
Coop Himmelb(l)au. Get off of my cloud. Texte 1968 - 1996
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Dienstag, 30. November 2010

Ralph Erdenberger
Vincent van Gogh
Geheimakte
Prestel 2010, 112 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7016 3
Geheimakte Vincent van Gogh
Dieses Buch über den Maler Vincent van Gogh (30. März 1853 bis 19. Juli 1890) und sein Werk soll mit Spaß gelesen werden. Eine Herausforderung, wenn man bedenkt, wie kompliziert das zerrissene Leben von Vincent van Gogh verlief und wie es endete. Etwa 2000 Gemälde und Zeichnungen fertigte van Gogh in seinen letzten zehn Lebensjahren. Verkauft wurden zu seinen Lebzeiten allerdings nur wenige Bilder. Heute erzielen seine Bilder Rekordpreise: 82, 5 Millionen Dollar zahlte ein japanischer Sammler für das Porträt Dr. Gachet.
Am Anfang des Buches steht die Aufgabe, mehr über den Künstler herauszufinden. Stück für Stück, Hinweis für Hinweis und Bild für Bild erschließt sich der Lebensweg des Künstlers. Kindheit, Ausbildung, Beruf, Malerei, Krankheit und Tod werden aus Bruchstücken fassbar. Begleitend dazu gilt es ein Code-Wort zu knacken, das die Seite für noch mehr Informationen im Internet öffnet. Abwechslungsreich werden die Informationen wie in einem Quellenstudium vorgelegt. Kindgerecht aufbereitet, wird Spielraum für Interpretation ohne moralisches Fingerwedeln geboten. In diesem Buch können Informationen wie Ermittlungsakten gelesen und Rätsel gelöst werden. Die deutlich weniger als Mädchen lesenden Buben werden das Buch lieben.
© S. Strohschneider-Laue
Geheimakte Vincent van Gogh
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Dienstag, 30. November 2010

Bettina Schümann
Gustav Klimt
Die Lebensgeschichte
Prestel 2010, 112 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7033 0
Gustav Klimt: Die Lebensgeschichte
Mit Selbstbetrachtungen hat sich der Gustav Klimt (14. Juli 1862 - 6. Februar 1918) nicht aufgehalten. Der begabte Junge aus bescheidenen Verhältnissen lernt strebsam an der Kunstgewerbeschule, die auch sein jüngerer Bruder besuchte. Unbeschwert haben sich Gustav und Ernst Klimt sich gemeinsam mit ihrem Freund Franz Matsch in der Wiener Kunstszene etabliert. Große Aufträge und die Gunst des Kaisers gehen lange Hand in Hand. Nachdem Ernst stirbt, gehen Gustav und Franz bald getrennte Wege. Gustav Klimt wird Präsident der Secession, der Vereinigung bildender Künstler Österreichs. Der Jugendstil und Gustav Klimt sind seither untrennbar miteinander verbunden. Er entwickelte einen unverkennbaren Stil, der ihn bis heute zu einem der beliebtesten Künstler macht.
Kindgerecht bereitet Bettina Schümann die Lebensgeschichte von Gustav Klimt auf. Wichtige Stationen greift sie aus seinem Leben auf und verbindet diese mit seinen bekanntesten Werken. Dekorativ sind seine Werke, die viele Frauen zeigen, die kurzfristig sein Leben teilten. Diskret umschifft die Autorin die zugehörigen pikanten Details des männlich dominierten 19. Jahrhunderts. Sie lenkt den Blick auf Klimts durch Aufträge und persönliche Orientierung geprägtes, unpolitisches Künstlerleben.
Das Buch gewährt jungen LeserInnen einen leicht fassbaren Blick in das Lebensatelier von Gustav Klimt.
© S. Strohschneider-Laue
Gustav Klimt: Die Lebensgeschichte
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Dienstag, 30. November 2010

Dagmar Feghelm
Frida Kahlo
Die Lebensgeschichte
Prestel 2010, 111 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7023 1
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
Am 6. Juli 1907 wurde Frida Kahlo in Mexiko geboren. Bis zu ihrem Tod am 13. Juli 1954 wird sie über 140 Bilder malen. Ein Drittel dieser Bilder sind Selbstbildnisse. Noch mehr als auf ihren anderen Werken lassen sich auf den Selbstporträts ihr Leben, ihre Liebe aber vor allem ihr Leiden ablesen. Farbenprächtig wie Mexiko und seine Geschichte sind ihre Bilder.
Frida Kahlo hatte seit ihrer Geburt gesundheitliche Probleme und hinkte. Durch ein schweres Busunglück war sie ihr ganzes Leben körperlich schwer behindert. Über lange Zeit war sie bettlägerig und musste ein steifes Korsett tragen. Trotzdem war sie voller Lebensfreude und eine starke Persönlichkeit. Sie engagierte sich politisch und war mit einem berühmten mexikanischen Maler verheiratet. Sie begann zu malen und wurde bald über die Grenzen Mexikos hinaus bekannt. Viele Menschen lieben ihre Gemälde, aber die wenigsten kennen die Geschichten, die sie erzählen.
Die Biografie der mexikanischen Ausnahmekünstlerin Frida Kahlo wurde sprachsicher von Dagmar Feghelm für junge Leute aufbereitet. Eindringlich und sensibel berichtet sie von der emanzipierten Frau, deren überbordenden Gefühle weder für sie noch für andere leicht zu bewältigen waren. Bei keinem Künstler ist die persönliche Lebensgeschichte so stark mit dem Werk verknüpft. Vor dem Hintergrund ihrer Gemälde stellt sie die persönliche Tragödie Frida Kahlos dar. Entlang dieses roten Fadens gelingt es der Autorin, die Stärken und Schwächen der Künstlerin deutlich zu machen. Gleichzeitig wird die Emanzipation einer selbstbewussten, politisch aktiven Frau gezeigt, die letztlich nachhaltiger als ihr Künstlergatte wirkt. Frida Kahlo begeistert nicht nur Mexiko, sondern die ganze Welt.
Ein Pflichtbuch für kunstbegeisterte junge Menschen. Ein starkes Buch, das zur Selbstreflexion anregt und besonders junge Frauen (ab 12 Jahren) faszinieren wird.
© S. Strohschneider-Laue
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
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Montag, 15. November 2010

Renate Menzi (Hg.)
Essay von Kenya Hara
Make up Design der Oberfläche / Designing Surfaces
Design Collection, Museum für Gestaltung Zürich. Designsammlung, Band 3.
avedition 2010, Dt./Engl., 96 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6138 9
Design Collection 03: Make up. Design der Oberfläche. Designing Surfaces: Design Collection
Das Museum für Gestaltung Zürich kann dank seiner Designsammlung von 20000 Gebrauchsgegenständen des 20. und 21. Jahrhunderts für Ausstellungen und deren Begleitpublikationen aus dem Vollen schöpfen. Wie diese beeindruckenden Bestände in der Buchreihe “Design Collection” präsentiert werden, ist erfrischend innovativ: Jeder Band widmet sich einem Thema, das aus dem Zeitgeist erwächst. In einer Rückkopplung dockt diese aspektspezifische Auseinandersetzung mit den Dingen an den zeitgenössischen Designdiskurs an und versorgt diesen wiederum mit neuer Gehirnnahrung. In “Make up”, dem dritten Band der Reihe, steht das Design der Oberfläche im Mittelpunkt.
Renate Menzi führt in “Die Oberfläche als Metapher und Material” an das Thema heran und steckt die Ziele der Publikation ab. Dabei spürt sie nicht nur den wechselnden Haltungen zur Ästhetik der Oberflächen nach, sondern befasst sich auch mit ihren funktionalen Eigenschaften, deren Bandbreite durch neue Technologien kontinuierlich erweitert wird.
Als Gastautor konnte der Designer, Ausstellungsmacher und Lehrer Kenya Hara gewonnen werden. In seinem Essay “Entwerfen ‘Wie es sich anfühlt’” lenkt er die Aufmerksamkeit auf das den Objekten innewohnende Potenzial, die Sinne zu stimulieren. Durch die Verknüpfung unterschiedlicher Sinneswahrnehmungen mit individuellen Erfahrungen und Erinnerungen können emotionale Reaktionen hervorgerufen werden. In letzter Konsequenz lässt sich so die Kaufentscheidung von KundInnen maßgeblich beeinflussen.
“Umgeben von Oberflächen”, eine als drittes Kapitel des Buches fungierende Zusammenstellung von Bildmaterial, verwischt die Grenze zwischen Kunst, Design, Werbung und Alltagsbegegnungen mit den Reizen von Oberflächen.
Wie prägend die Oberflächengestaltung für das Erscheinungsbild von Objekten ist, lässt sich anhand der rund 100 aus der Designsammlung ausgewählten Beispiele nachvollziehen. Zu 19 Gruppierungen geordnet, dienen sie als Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen, Eigenschaften und symbolischen Konnotationen von Oberflächen. Sogar der Pflege der verführerischen Hüllen, inklusive jener des menschlichen Körpers, ist ein Abschnitt gewidmet.
Ein ausführliches Glossar rundet das vielschichtige, in deutscher und englischer Sprache verfasste, Buch ab.
Optisch ist “Make-up”, dank reicher Bebilderung und ansprechender grafischer Gestaltung, ein Genuss. Weitaus schwerer wiegt jedoch, dass es zur Kopfarbeit verleitet. Als Ausgangspunkt für Debatten und Anregung, die eigenen Reaktionen auf Oberflächen zu hinterfragen, ist das Buch kaum zu schlagen.
Die Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich ist noch bis 2. Januar ‘11 zu sehen.
© Ch. Ranseder
Design Collection 03: Make up. Design der Oberfläche. Designing Surfaces: Design Collection 
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Montag, 15. November 2010

Sara Hausmann, Achim Böhmer
Formstrahl
avedition 2008, Dt./Engl., Faltbuch, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6099 3
Formstrahl: Überblick zur Geschichte und Entwicklung des Designs und seiner Formen
Sammeln, Ordnen, das Definieren von Begriffen und die Entwicklung einer Fachsprache stehen am Anfang jeder neuen Disziplin. Es gilt ein Gerüst zu schaffen, auf dessen Basis der Diskurs vorangetrieben werden kann. Publikationen können in diesem Prozess als Impulsgeber fungieren. Weit häufiger wird jedoch mit ihrer Hilfe der Status quo des Konsenses der wissenschaftlichen Gemeinschaft festgehalten und kommuniziert. “Formstrahl” destilliert die gelehrte Wortflut der sich in den letzten Jahrzehnten selbst (er)findenden Forschungsrichtung der Theorie des Designs. Das Ergebnis ist eine innovative Publikation, die einen Überblick über 20 auf ihre Essenz reduzierte Epochen, Stile und Bewegungen bietet. Auf jeweils einer Seite werden deren Charakteristika schlagwortartig gelistet und mit Hilfe von aussagekräftigem Bildmaterial vor Augen geführt.
Als Faltbuch konzipiert, lässt “Formstrahl” anhand von 100 Beispielen aus Produkt- und Grafikdesign sowie der Architektur die Entwicklung des Designs von 1750 bis 2008 Revue passieren. Farbige Balken markieren das Werden und Vergehen der unterschiedlichen Stilrichtungen entlang der Jahreszeile, machen Parallelentwicklungen und Laufzeiten sichtbar. Die Einbettung in den historischen Kontext gelingt durch eine Auswahl von Meilensteinen der Designgeschichte. Zu den aus der Fülle relevanter Ereignisse herausgegriffenen Begebenheiten zählen Erfindungen und das Erscheinen wichtiger Publikationen ebenso wie die Gründungen von Unternehmen, Museen und Ausbildungsstätten. Geschickt gewählte Zitate vermitteln einen Hauch von Zeitgeist. Denn nicht nur die Gestalt der Dinge, sondern auch die Einstellung der Menschen zu ihnen verändert sich mit dem Fortschreiten der Jahre.
“Formstrahl” ist eine attraktiv gestaltete Orientierungshilfe für Studierende, Quereinsteiger und Laien, die seitenweise als Buch genossen oder entfaltet als rund 4,5 m langes Poster an einer Wand befestigt werden kann. Diese gelungene Transformation der in Museen seit vielen Jahren beliebten Zeitschienen/Zeitlinien macht “Formstrahl” zu einem didaktischen Werkzeug, das so gut wie nie aus der Mode kommen wird.
© Ch. Ranseder
Formstrahl: Überblick zur Geschichte und Entwicklung des Designs und seiner Formen
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Mittwoch, 10. November 2010

Zürcher Hochschule der Künste e. a. (Hgg.)
Form Fächer - Form Guide
Design, Begriffe, Begreifen - Understand, Design, Terms
avedition 2010, Dt./Engl., Fächer, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6121 1
Formfächer: Design Begriffe Begreifen
Vier Institutionen zeichnen für das fächerförmige Bildlexikon verantwortlich: Zürcher Hochschule der Künste, Museum für Gestaltung Zürich, Burg Giebichenstein - Hochschule für Kunst und Design Halle und Institute of interior design, environment and architecture (idea…).
Der bilinguale in Deutsch und Englisch abgefasste Formfächer, bietet eine offene Sammlung von rund 450 Designobjekten. Die wesentlichen Formen sowie die funktionalen Teile der Objekte werden in beiden Sprachen fachgrecht angesprochen. Exakte Ansprache und fixierte Fachtermini sind Basis für die Verständigung zwischen Personen aus Wissenschaft, Design und Produktion.
Auf den Punkt gebrachte Formulierungen dienen der unmissverständlichen Kommunikation im Studium und Beruf. Eine wichtige Voraussetzung, um Zeit, Kosten und Ärger zu minimieren. Der Aufbau des Bildlexikons ist genial systematisiert und übersichtlich dargeboten. Objektbeschreibung/Titel, Datierung, Gestaltung, Herstellung/Produktion, Material und Maße werden dabei selbstverständlich berücksichtigt. Ein übersichtlicher Index ermöglicht die schnelle Auffindung der gesuchten Objekte, obwohl man vermutlich lieber genussvoll und Inspiration suchend blättern möchte.
Die in der unteren linken Ecke angebrachte Lochung der einzelnen Seiten ist Ansatzpunkt der stabilen Schraubbindung, die es ermöglicht, die Seiten - wie bei Farbkarten üblich - aufzufächern. Dicker Karton auf Vorder- und Rückseite verleihen dem Bildlexikon funktionale und strapazfähige Designqualitäten: Stabil, praktisch, gut - Formfächer.
Der zweisprachige Fächer ist der ideale Begleiter für unterwegs. Ein Muss ist er für Jene, die mit Design und Übersetzungen in der Branche zu tun haben sowie in internationalen Kooperationen unmissverständlich sein müssen.
© S. Strohschneider-Laue
Formfächer: Design Begriffe Begreifen
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Donnerstag, 30. September 2010

Rodin und Wien
Belvedere 1. Oktober ‘10 bis 6. Februar ‘11

Auguste Rodin - dem Schweiger, der den Denker schuf - widmet das Belvedere eine Ausstellung in der Orangerie sowie den Katalog Rodin & Wien
.
Bereits zur fünften Weltausstellung, die 1873 stattfand, waren einige Terrakotten von Auguste Rodin in Wien zu sehen. Seither blieb Rodin Wien verbunden. Neun Jahre später beteiligte er sich an der Künstlerhausausstellung. 1898 nahm er an der ersten Ausstellung der Secessionisten teil, deren Ausstellungen er immer wieder beschickte. Aber auch im Kunstsalon Heller, im Wiener Hagenbund und sogar in einer Volkshochschule, heute von den Meinungsmachern der etablierten Kunstszene belächelter Ausstellungsort, wurden Rodins Werke gezeigt.

Rodins Porträtbüste Henri Rocheforts gelangte 1899 als ein Geschenk der Secessionisten in Staatsbesitz. Sie war ein Beitrag zur Gründung der “Modernen Galerie”, die den Grundstock der heutigen Sammlung des Belvedere bildet.
Die Schau präsentiert sich übersichtlich gegliedert in der lang gestreckten Halle. Die thematisch-chronologische Anordnung ermöglicht, sowohl Rodins Beitrag zu Ausstellungen der Secessionisten zu verdeutlichen, als auch die Beeinflussung und Rezeption der österreichischen Kunstszene durch Rodins Schöpfungen aufzuzeigen. Dafür wird auch Grafiken Raum geboten, deren formale Anregungen unverkennbar sind. Die zentral an der Längsseite angebrachte Bildreproduktion des “Höllentors” in Originalgröße, ermöglicht es den BesucherInnen die Figuren “Eva” und “Der Denker” im Kontext zu erfassen.

Interessante Aspekte eröffnen sich durch die ausgestellten Fotografien. Rodins geschickter Einsatz von Fotografien als Werbemittel, brachte den Durchbruch von Fotografien als Ausstellungs- und Katalogbestandteil
Fazit: Die Gelegenheit Werke von Auguste Rodin zu sehen, sollte man nicht versäumen. Der zusätzliche Wienbezug macht die Schau umso reizvoller.
© S. Strohschneider-Laue
Rodin & Wien
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Dienstag, 28. September 2010

Antje Hinz, Josef Tratnik
Argentinien hören
Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 16 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 19 5
Argentinien hören
Argentinien, dem Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, ist die musikalische Reise nach von Antje Hinz gewidmet. Dramatische Musikzitate verbunden mit der fesselnden Erzählstimme von Josef Tratnik lassen die gehaltvollen 80 Minuten viel zu kurz erscheinen.
Das Konzept der Hörreisen ist ebenso innovativ wie zeitlos. Exzellent recherchierte Inhalte und für einen flüssigen Vortrag geschriebene Texte garantieren, dass aufmerksames Zuhören selbstverständlich wird. Musikzitate begleiten, akustisch gleichberechtigt, den chronologisch aufgebauten Text. Stimmungsvoll erzählt und perfekt produziert, kann man sicher sein, in jeder Hinsicht ein Qualitätsprodukt zu erwerben. Das eingespielte Team und die konsequente Linie des Silberfuchsverlags spiegeln sich auch im Cover und im attraktiv-übersichtlichen Booklet wider, das von Roswitha Rösch gestaltet wurde.
Zu Argentinien hat wohl jeder eine bestimmte Vorstellung und erfasst damit meist nur einen schmalen Aspekt dieses riesigen Landes. So vielfältig wie Geografie und Klima ist auch die Kultur und die schmerzhafte Geschichte des Argentiniens. Das Silberland (lat. argentum = Silber) mit seinem Silberfluss (Rio de la Plata) war Lebensraum von 30 Ethnien bevor im 16. Jahrhundert Spanier und Katholizismus über das Land hereinbrachen. Einwanderungswellen bildeten seither einen kulturellen Schmelztiegel. Reiche und Arme, Wirtschaftsflüchtlinge, politisch Verfolgte und verfolgte Politiker begegnen sich in Argentinien. Alles ist hier möglich: Jesuiten und Gauchos, Perón und Borges, Königreich, Diktatur und Republik, Terror, Theater und Tango. Jorge Luis Borges sagte treffend über seine Landsleute: “Sie sind Italiener, die Spanisch sprechen und gerne Engländer wären, die glauben, in Paris zu leben”.
Argentinien in 80 Minuten gelungen zu präsentieren, kann nur den Silberfüchsinnen gelingen. Von den Mythen der Ureinwohner in Feuerland, über indigene Völker und Zuwanderungswellen wird der Bogen über Kultur und Politik unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Traumata bis in die Gegenwart gespannt. “Argentinien hören” ist ein Hauch Tango in den Ohren.
Hörproben
© S. Strohschneider-Laue
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Dienstag, 21. September 2010

Picasso
Frieden und Freiheit
Albertina
22. September ‘10 bis 16. Januar ‘11

In langjähriger Zusammenarbeit zwischen Albertina und Tate Liverpool entstand eine exzellente Ausstellung zum politischen Aspekt im Kunstschaffen Picassos. Der gleichnamige Katalog Picasso. Frieden und Freiheit kann zwar nicht die gelungene Ausstellungsgestaltung vermitteln, ist aber inhaltlich und qualitativ ebenso hochwertig.

Auch wenn man es bereits überdrüssig ist, schon wieder eine Personale von Picasso zu sehen, sollte man den Besuch nicht versäumen. In dieser Ausstellung geht es um mehr als nackte Tatsachen oder zeitgeistige Wandbehübschungen aus dem unerschöpflichen Atelier des spanischen Playboys. In dieser Ausstellung geht es um eines Menschen Zeit. Um das, was Menschen einander zufügen, Kriege verursachen, wie sich ihre kalten Varianten auswirken und wie ein einzelner Mensch sichtbar Stellung bezieht. So leistete der Kommunist Picasso mit seinen Arbeiten einen inhaltlichen und durch seine parteipolitischen Spenden einen allgemeinen Beitrag sowie auch persönliche, finanzielle Hilfe.

Betrachtet vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, des Spanischen Bürgerkriegs, des Algerienkriegs und des Kalten Kriegs erlangen viele seiner Arbeiten eine völlig neue Bedeutung, die sich beim unbefangenen ersten Betrachten sicher vielen entzogen haben. Die Ausstellungsobjekte repräsentieren daher einerseits Picassos Aufarbeitung gesellschaftlicher Katastrophen bzw. sind bildgewordener Kommentar des Künstlers auf politische Ereignisse seiner Zeit.

Getragen wird die Ausstellung sowohl von den ausgewählten rund 200 Werken als auch von der Inszenierung in der sie gezeigt werden. Zeitgenössische Fotografien, die großflächig auf die Ausstellungswände aufgebracht wurden, schlagen optische Brücken zum zeitgeschichtlichen Kontext. Sie präsentieren das Raumthema, in dem sie die BesucherInnen zur schweigenden anonymen Mehrheit inmitten des Geschehens werden lassen.

Fazit: Die beste Picasso-Ausstellung darf man einfach nicht versäumen. Erwähnt werden muss noch das engagierte Programm für Kinder und Jugendliche, das den Fokus vor allem auf den Frieden richtet. Die aktiv ausgerichteten Familientage finden an jedem ersten Sonntag im Monat statt. Wer allerdings immer unter den ersten Besuchern sein oder mehr sehen möchte als andere, sollte Mitglied der “Freunde der Albertina” werden.
© S. Strohschneider-Laue
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