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Rowena Dring

Montag, 20. Juli 2009

Non-Fiction

Oliver Zybok (Hg.)
Rowena Dring Falls the Shadow
Kerber 2009, 79 S., zahlr. farb. Abb. 
ISBN 978 3 86678 222 8

Falls the Shadow Rowena Dring: Falls the Shadow

Rowena Drings Arbeiten wirken auf den ersten Blick wie mit einem Zeichenprogramm am Computer erstellte Vektorgrafiken. Dass die Bilder aus winzigen Stoffteilen genäht sind, entginge den Leserinnen und Lesern von “Rowena Dring - Falls the Shadow”, wären nicht zu Beginn und am Ende des Buches je eine Detailaufnahme abgebildet. Das Erlebnis der Textur der unkonventionellen Werke bleibt den Ausstellungsbesuchern und glücklichen Besitzern von Originalen vorbehalten. Alle anderen seien getröstet: Schon zwischen zwei Buchdeckel gepresst, bezaubern die Darstellungen von geheimnisvollen Landschaften und menschenleeren Orten.

Rowena Dring spielt mit Dekonstruktion und Konstruktion, Nah- und Fernsicht. Ihre Motive findet sie auf Reisen und hält sie mit der Kamera fest. Am Computer werden die Fotos so lange bearbeitet, bis der gewünschte Grad an Abstraktion für das Nähmuster erreicht ist. Was übrig bleibt, ist die Essenz einer Landschaft, eine Konzentration des genius loci. Trotz dieser scheinbaren Vereinfachung bleibt die Komplexität des Motivs ebenso gewahrt wie die Tiefenwirkung des Bildaufbaus. Die grafische Dekonstruktion beraubt die Natur nicht um ihre räumliche Dimension, löst ihr Abbild nicht in der Fläche auf, wie es oft bei Jugendstil-Grafiken der Fall ist. In Nahsicht zerfallen die aus monochromen Stoffapplikationen mit der Nähmaschine konstruierten Bildkompositionen in Farbflecke, deren Zusammenspiel an Tarnmuster denken lässt. In der Fernsicht entfalten sie, zwei im Buch abgebildete Ausstellungsansichten liefern den Beweis, einen erstaunlichen Realismus - nicht zuletzt durch das dramatische Spiel von Licht und stark akzentuierten Schatten.

Die großformatigen Landschaften fordern die Mitarbeit der BetrachterInnen. Auslassungen regen dazu an, Laub und Zweige optisch zu ergänzen. In manchen Arbeiten verselbstständigen sich auch die Randlinien der Applikationen, um die Umrisse von schroffen Küsten und Hügeln anzudeuten. In der Auseinandersetzung mit Rowena Drings Bildern wird der Akt des Sehens bewusst. Sie sind eine innovative Einladung zur Interaktion, zur Suche nach dem perfekten Betrachtungsstandpunkt. Ist dieser einmal gefunden lässt es sich, kalmiert von der subtilen Farbpalette aus Grün-, Braun-, Blau- und Violett-Tönen, gut träumen. Eine ganz eigene, fast melancholische Magie geht von den Bildern aus. Es ist, als würde der porträtierte Landschaftsausschnitt den Atem anhalten und einen Moment lang in absoluter Ruhe verharren. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die grandiose karge Schönheit und Weite der Landschaft des europäischen Nordwestens, Waldstücke mit Bachläufen oder die komplexen, üppigen Laubstrukturen der Oase von Mara, USA, handelt. Vielleicht wirken die Naturszenen so entspannend, weil sie ohne Staffagefiguren auskommen. Der Mensch hat den Ausschnitt der Realität, auf den sich Rowena Dring konzentriert, verlassen. Seine Präsenz wird nur gelegentlich durch Versatzstücke der Zivilisation, wie Hochspannungsleitungen, Häuser, Gartenornamente oder Straßen mit und ohne Fahrzeuge angedeutet. Ein anderer, schon in der Romantik beliebter Kunstgriff, ist der aus dem Fenster in die Ferne schweifende Blick - in Drings Fall natürlich ungestört von der Rückenansicht einer menschlichen Gestalt.

Rowena Dring fängt den Zauber des Augenblicks ein. In ihren Fotografien der Geisterstadt Ruby, Arizona, die ebenfalls in dem reich bebilderten Buch vorgestellt werden, treibt sie das Spiel mit der Wahrnehmung von Zeit auf die Spitze. Die im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts entstandenen, vermeintlich historischen Aufnahmen der wüst fallenden Stadt wurden mittels High-Tech-Equippment auf alt getrimmt. Optisch an die Pioniere der amerikanischen Fotografie anknüpfend, führt Rowena Dring mit diesen Arbeiten eine Tradition fort, während sie diese mit ihren originellen cross-medialen Bildern aus Stoff hinter sich lässt und etwas völlig Neues erschafft.

© Ch. Ranseder

Rowena Dring: Falls the Shadow

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John Heartfield: ZEITausSCHNITTE

Freitag, 17. Juli 2009

Non-Fiction

Freya Mülhaupt (Hg.)
John Heartfield: Zeitausschnitte
Fotomontagen 1918-1938

Hatje Cantz 2009, 176 S., 230 Abb. davon 144 farbig
ISBN 978 3 7757 2432 6

John Heartfield: Zeitausschnitte John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938

John Heartfield arbeitete in einem geschlossenen System. Der Mann mit der spitzen Schere bediente sich der gedruckten Massenmedien, um seine Fotomontagen und deren Botschaften zu verbreiten. Sein Arbeitsmaterial wiederum schöpfte er überwiegend aus der illustrierten Presse, die er mit Argusaugen beobachtete. Unvergesslich sind die für die “Arbeiter Illustrierte Zeitung” entstandenen Montagen, in denen sich Heartfield gegen Adolf Hitler und die nationalsozialistische Bewegung, Krieg und Kapitalismus wandte. Seine originelle, auf alles Überflüssige verzichtende Bildsprache, hat bis heute nichts an Verständlichkeit eingebüßt. Die Fotomontagen haben Biss, obwohl die den Schaffensakt provozierenden politischen Ereignisse und revolutionären Haltungen längst Geschichte sind.

Das opulent bebilderte Buch “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verfolgt den Werdegang und die Blütezeit des Künstlers, der eigentlich Helmut Herzfeld hieß. Der 1891 in Berlin geborene Pionier der Montage fand seinen Stil als Layouter für die dadaistische Publikation “Neue Jugend”, die in dem von ihm und seinem Bruder Wieland 1917 gegründeten Malik-Verlag erschien. In den von der Zusammenarbeit und Freundschaft mit George Grosz geprägten Jahren, wurde Heartfield zum Berliner Botschafter des Dada. “DADA ist GROSS und John Heartfield ist sein Prophet” trompetet er auf einem Plakat, das sein Selbstbildnis mit zum Schalltrichter geformten Händen zeigt.

Als der Malik-Verlag 1921 begann Romane zu verlegen, wurden Buchumschläge mit einer einfacheren Bildsprache benötigt. Nicht mehr Provokation und Verwirrung wie im Dada waren das Ziel, sondern die klare Kommunikation mit den Kunden. Auch bei der Lösung dieser Aufgabe erwies sich Heartfield, der auf seine Kenntnisse als Werbegrafiker zurückgriff, als innovativer Gestalter. Seine aus wenigen Elementen zusammengesetzten Buchcover sind schlüssige Kompositionen mit erzählerischer Qualität. Das fesselt den Blick. Scheinbar harmlos gefällig, erregen die Einbände Aufmerksamkeit ohne zu schockieren und büßen dennoch nichts an Schlagkraft ein. Doch dem Künstler mit Mission war die Buchhülle nicht genug. In einer Gemeinschaftsarbeit mit Kurt Tucholsky, der die Texte beisteuerte, entstand 1929 das Buch “Deutschland, Deutschland über alles”, ein Rundumschlag gegen Kapitalismus, Militär, Demokratie und rechten Nationalismus.

Bereits 1919 war John Heartfield der KPD beigetreten, in deren Dienst er seine Schaffenskraft stellte. Den Höhepunkt seiner Monteurkunst erreichte er in den politischen Fotomontagen, die er von 1930 bis 1938 für die AIZ anfertigte. Bildidee und begleitender Text der schrägen satirischen Collagen entstanden oft in Zusammenarbeit mit seinem Bruder, Wieland Herzfelde. Danach kam die Schere zum Einsatz. War in Heartfields Sammlung von Pressefotos der richtige Schnappschuss für die Umsetzung des visuellen Konzeptes nicht vorhanden, beauftragte er einen Fotografen, der nach seinen Anweisungen das passende Tableau inszenierte.

Der glühende Pazifist und Kommunist John Heartfield kombinierte Kunst mit kommerziellen Printmedien, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Das dies nicht ungefährlich ist, musste er am eigenen Leib erfahren. Zur Emigration gezwungen, verlegte er seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt zuerst nach Prag, dann nach London. Erst 1950 kehrte er nach Deutschland, in die DDR, zurück.

Die Autoren des Buches “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ verschränken in ihren tiefgreifenden, akribisch recherchierten Essays Werkanalyse, Biografie und Zeitgeschichte. Das Ergebnis ist weniger ein chronologischer Erzählstrang als ein dichtes Informationsgewebe. Thomas Friedrich, Sabine Kriebel, Roland März, Freya Mülhaupt, An Paenhuysen, Rosa von der Schulenburg, Andrés Mario Zervigón und Peter Zimmermann nähern sich dem politisch engagierten Künstler John Heartfield von vielen Seiten. Lebensweg und künstlerische Entwicklung, Bildanalysen exemplarisch herausgegriffener Fotomontagen, die enge Zusammenarbeit mit dem Bruder, Freundschaften und ihre Auswirkungen auf das Werk, Selbstporträt und Selbstsicht, Arbeitweise, politische und zeitgeschichtliche Hintergründe - all das und vieles mehr ist in der beeindruckenden Publikation zu finden. Auch mit Abbildungen wurde nicht gegeizt. Fotografisches Rohmaterial und fertige Fotomontage, Abbildungen von Buchumschlägen und für diverse Printmedien gestaltete Seiten, Schnappschüsse aus dem Privatleben John Heartfields und dokumentarische Aufnahmen seiner Ausstellungen begleiten die Texte. Zu verdanken ist die Bilderflut dem in der Kunstsammlung der Akademie der Künste, Berlin, erhaltenen Nachlass, aus dem es möglich war für Buch und Ausstellung nach Herzenslust zu schöpfen. Denn natürlich ist “John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen 1918-1938″ eine Begleitpublikation. Die gleichnamige Ausstellung ist vom 29. Mai bis zum 31. August 2009 in der Berlinischen Galerie zu sehen. Zeitgeschichte einmal anders.

© Ch. Ranseder

John Heartfield: ZEITausSCHNITTE. Fotomontagen 1918 bis 1938

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Fotografie als Bühne

Donnerstag, 09. Juli 2009

Non-Fiction

Gerald Matt, Peter Weiermair (Hgg.)
Das Porträt Fotografie als Bühne
Verlag für moderene Kunst Nürnberg 2009, 232 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 941185 60 9

Das Porträt Fotografie als Bühne Das Porträt: Fotografie als Bühne

Katalog und Ausstellung in der Kunsthalle Wien widmet sich den Porträtfotografie ab 1980 mit Werken von Roger Ballen, Tina Barney, Valérie Belin, Dirk Braeckman, Clegg & Guttmann, Andrea Cometta, Anton Corbijn, Rineke Dijkstra, Amy Elkins, JH Engström, Bernhard Fuchs, Albert García-Alix, Luigi Gariglio, Anthony Gayton, Nan Goldin, Greg Gorman, Kathy Grannan, Jitka Hanzlová, Peter Hujar, Jean-Baptiste Huynh, Leo Kandl, Barbara Klemm, Gerhard Klocker, Andreas Mader, Sally Mann, Robert Mapplethorpe, Hellen van Meene, Judith Joy Ross, Thomas Ruff, Stefano Scheda, Beat Streuli und Wolfgang Tillmans.

Der zweisprachige Katalog gliedert sich in das Vorwort von Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, die kuratorischen Leitgedanken von Peter Weiermair und einen Exkurs zu Porträts in Zeiten der digitalen Wirklichkeit von Ulrich Pohlmann. Rund 180 Seiten sind der Werkschau der FotokünstlerInnen gewidmet. Biografien und Werk in der Ausstellung/Abbildungsverzeichnis schließen den von Dieter Auracher grafisch nicht nur benutzerfreundlich, sondern auch ansprechend aufbereiteten Katalog. Ein unverzichtbarer Katalog zur Ausstellung und ganz besonders für die Porträtfotografie.

Die für diesen Katalog und die Ausstellung eingeladenen FotografInnen und deren Werke sind der Versuch einen möglichst breiten Querschnitt durch die Entwicklung der Porträtfotografie ab den 1980ern zu legen. In den ausgewählten Porträts ist die Spannung, die sich zwischen Voyeur und Exhibitionist während des fotografischen Akts aufgebaut hat spürbar. Egal ob formalistische Studiofotografie, fotografische Dokumentation oder unverfälschte, schnappschussartige Tagebücher, sie haben den gelenkten Blick gemeinsam. Gemeinsam ist Ihnen auch, dass sie nicht alle Menschen gleichsam faszinieren können. Es wird gezeigt, was die Porträtfotografie zu bieten vermag. Das nicht jedes Porträt gefällt, hat unterschiedliche Gründe, aber das ist die Essenz der Blickwinkel die Vielfalt von Einfalt unterscheidet.

Meine FavoritInnen sind jedenfalls jene - Roger Ballen, Barbara Klemm und Wolfgang Tillmans (Kulturpreis 2009) gehören dazu -, die nicht oder unsichtbar arrangieren. Porträts deren erzählerisches Moment im Vordergrund steht. Tapetenfreie Sujets, die mein Interesse wecken und gleichzeitig zum Nachdenken anregen. Und ich kann mich der Spannung hingeben, die die Lichtmaler unter den Fotografen wie Anton Corbijn oder Robert Mapplethorpe in menschlichen Stillleben erzeugen.

Dokumentationen des Lebensumfeldes, die in ihrer fotografischen Beliebigkeit austauschbar sind oder Menschen vor oder in ihrem Biotop darstellen, sind zugleich Porträts des Zeitgeistes als auch der FotografInnen selbst. Geschminkt oder ungeschminkt, das ausdruckslose, nackte Schulterstück in Passfoto- oder Kalenderbildoptik, entkleidet von Attribut und Aussage erschließt sich nur durch Zusammenspiel von Foto und künstlerischem Gesamtkonzept der FotografInnen. Auf diese Konzepte muss sich man sich im Vorfeld einlassen oder auf einen Großteil des Zusammenhangs verzichten.  

Porträtfotografie ist nicht nur das festgehaltene äußere Abbild - selten der persönlichen, charakterlichen Befindlichkeit -  der abgebildeten Person, es ist zugleich Selbstreflexion der Fotografinnen. Entstanden sind sie alle in dem Spannungsfeld der Exhibitionistinnen und VoyeurInnen. Und auch deshalb steht nicht der Abgebildete als komplette Persönlichkeit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern nur Aspekte seiner oder ihrer Sexualität. Selten sind es die im Vorbeigehen eingefangenen Abbilder von Menschen, die erst durch das Fotografieren aus der Menge herausgehoben und wieder zu massenfernen Individuen werden, wie es in der Fotografie von Beat Streuli der Fall vermögen.

Spannend von Porträt zu Porträt, von Fotografin zu Fotografen und keinesfalls nur als zeitgenössischer Kunstband zu betrachten. Obwohl mich inhaltlich wenig anspricht und vieles technisch nicht gefällt, möchte ich auf diesen Katalog nicht verzichten. Er ist eine Bereicherung für jede Bibliothek in dem Fotografie und/oder Porträts einen Schwerpunkt einnehmen. Zugleich ist der Katalog eine wundervolle Möglichkeit für Fotobegeisterte eine Begegnung mit der Fotokunst herbeizuführen.

Die Porträtauswahl ist noch bis zum 18. Oktober 2009 im Großformat in der gleichnamigen Ausstellung der Kunsthalle Wien zu bewundern.

© S. Strohschneider-Laue

Das Porträt: Fotografie als Bühne

siehe auch Ausstellungsrezension

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Kulturbüro

Dienstag, 30. Juni 2009

Non-Fiction

Ivan Sterzinger (Hg.)
Das Kulturbüro-Weissbuch
Scheidegger & Spiess 2009, 107 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85881 262 9 

Kulturbüro Weissbuch  Das Kulturbüro-Weissbuch: Mit Gesuchsleitfaden, zwanzig Geheimtipps und über hundert nützlichen Adressen für das Überleben im Kulturbetrieb

Herzlichen Glückwunsch zum zehnten Geburtstag, Kulturbüro Zürich! Grün vor Neid bin ich als Österreicherin beim Lesen der Jubiläumspublikation des Schweizer Projektes zur Unterstützung von Kulturschaffenden geworden! Das Kulturbüro hilft praxisnah und unbürokratisch. UNBÜROKRATISCH - gleich mehrmals las ich dieses magische Wort, sogar laut. Ich musste es mir regelrecht auf der Zunge zergehen lassen. Aber es kam noch besser!
Ein Künstler ist jemand, der sich selbst als solcher definiert und nicht in erster Linie jemand, der bereits zahlreiche Auszeichnungen gewonnen hat, schreibt Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales Migros-Kulturprozent, im Vorwort von “Das Kulturbüro-Weissbuch” über die “Haltung” des Kulturbüros. “Wow!” war mein erster, sich zugegebenermaßen nicht durch intellektuelle Reflexion auszeichnender, Gedanke. Entzückt über so viel Aufgeschlossenheit und Weitsicht einer Fördereinrichtung, versenkte ich meine Nase wieder in das Buch.

Dank der zahlreichen charmanten, humorvollen und nützlichen Beiträge, ist die anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Kulturbüros erscheinende Festschrift “Das Kulturbüro-Weissbuch” zugleich Dokumentation und Ratgeber. Das Kulturbüro wurde 1998 in Zürich gegründet. Seine Räume sind Treffpunkt, Atelier und Büro zugleich. Hier können Kulturschaffende arbeiten und netzwerken, sich bei den engagierten Mitarbeitern der unkonventionellen Einrichtung Rat holen, kostengünstig Geräte ausborgen oder die Infrastruktur des Büros nutzen. Wofür das Kulturbüro steht, wie es zu seiner Gründung kam und welche Leistungen es anbietet, wird als Auftakt und Abschluss des Buches erzählt. Von Seite 15 bis 54 dürfen LeserInnen Hand anlegen: Perforierte Seiten müssen vorsichtig aufgerissen werden, um an die Tipps von zwanzig Kulturschaffenden zu kommen, wie unerwartete Hürden oder Engpässe überwunden werden können. Von Rezepten für Kunstblut über die Beschaffung von kostenlosen Fonts bis zu Tricks mit deren Hilfe Geräten das Maximum des technisch Machbaren entlockt werden kann, reicht das Spektrum der Improvisationskunststücke und Notlösungen.
Ein wenig ernster geht es dann im Leitfaden zum Verfassen von Gesuchen zu. Die meisten in der Gesuchsanleitung angeführten Punkte sind allgemein gültig und als Hilfestellung auch für Österreicher und Deutsche brauchbar. Einige wenige Empfehlungen sind allerdings eher als landestypisch zu betrachten. Wirklich nur für Schweizer hilfreich ist der Adressenteil “Die gelben Seiten”. Nach dieser Serviceleistung schwenkt “Das Kulturbüro-Weissbuch” wieder auf die Dokumentationsschiene. Witzig fand ich die Porträtfotos der hart für die Kulturschaffenden arbeitenden Geräte. Da sich das Kulturbüro Zürich als bahnbrechendes Erfolgsprojekt erwies, wurden nach und nach Niederlassungen in Bern (1999), Genf (2006) und Basel (2008) eröffnet. Das vorletzte Kapitel fängt mithilfe eines fotografischen Essays die Stimmung in den Räumen der vier Kulturbüros ein.

Was in Österreich zu einer schwerfälligen Jubelpostille für Politiker und deren Versuch, sich in zahlreichen Vor-, Geleit- und Einleitungsworten inklusive Foto zu profilieren, verkommen würde, wird in der Schweiz zu einer Publikation, in deren Mittelpunkt das gefeierte Projekt steht und in der Menschen zu Wort kommen, die tatsächlich etwas mit dieser Einrichtung zu tun hatten oder haben. Nicht nur Konzept und Tonfall von “Das Kulturbüro-Weissbuch” sind aufgeschlossen und individuell, auch die optische Gestaltung des Buches kann sich sehen lassen. Nur der blaue Schutzumschlag wollte sich ständig aus dem Staub machen.

Das Kulturbüro ist eine Bereicherung der Schweizer Kulturlandschaft, “Das Kulturbüro-Weissbuch” für jedes Bücherregal.

© Ch. Ranseder

Das Kulturbüro-Weissbuch: Mit Gesuchsleitfaden, zwanzig Geheimtipps und über hundert nützlichen Adressen für das Überleben im Kulturbetrieb

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Katalog: Ferdinand Georg Waldmüller

Freitag, 19. Juni 2009

Non-Fiction

Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.)
Ferdinand Georg Waldmüller
Brandstätter 2009, 240 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85033 296 5

Ferdinand Georg Waldmüller Ferdinand Georg Waldmüller

Was würde Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865) malen, wenn man ihn in unsere Zeit versetzen könnte? Porträts von Politikern, Beamten, Unternehmern und der Wiener “Bussi-Bussi” Gesellschaft, Statussymbole inklusive? Tagelöhner des 21. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit (vulgo Arbeiterstrich), einsame MindestrentnerInnen, alleinerziehende Mütter an der Armutsgrenze, kinderreiche Einwandererfamilien, Groß und Klein vor dem Fernseher, Weihnachten in der Notschlafstelle, Wiener in Feierstimmung anlässlich einer der vielen Volksbelustigungen oder wandernde Touristen in den Alpen? Stillleben aus Designer-Stücken? Er hätte sicher jede dieser Gestaltungsaufgaben mit akribischer Pinselführung meisterhaft gelöst.

Waldmüller war ein vielseitiger und produktiver Künstler. Sein malerisches Lebenswerk umfasst Porträts, Genreszenen, Landschaften und Stillleben. Er verfügte über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und verschloss seine Augen weder vor physiognomischen Tatsachen noch vor der harten Realität, der sich die Mehrheit der Bevölkerung täglich stellen musste. Im 19. Jahrhundert beschäftigten sich bildende Künstler zunehmend in belehrenden oder moralisierenden Gemälden mit sozialen Fragen. Waldmüllers Genrebilder, mit denen heute sein Name vor allem assoziiert wird, stellten also keine Ausnahme dar. Doch in seinem Spätwerk löste er sich weitgehend vom Sentiment und wurde zum aufmerksamen Chronisten der unterprivilegierten Schichten. Die Tendenz, schonungslos die Wirklichkeit abzubilden, hatte sich in Waldmüllers Porträts ja bereits zu Beginn seiner Karriere abgezeichnet. Er malte genau, was er sah – auch wenn er gelegentlich in den Auftragsarbeiten die Schärfe seines Blickes milderte und z. B. auf die Wiedergabe von Pockennarben verzichtete. Schließlich muss man gute Kunden bei der Stange halten.

Das reich bebilderte Buch “Ferdinand Georg Waldmüller” lädt dazu ein, sich erneut mit einem Maler auseinanderzusetzen, der heute gerne zum bedeutendsten österreichischen Künstler des 19. Jahrhunderts stilisiert wird. Die Mühe, Waldmüllers Gemälde einer eingehenden Bildbetrachtung zu unterziehen, lohnt sich. Denn was bei der ersten oberflächlichen Begegnung konservativ, fast altbacken und fallweise süßlich-sentimental wirkt, ist alles andere als das. Ferdinand Georg Waldmüller war in vieler Hinsicht ein Vorreiter. Die Natur, deren Studium er vehement vertrat, stellte für ihn das Maß aller Dinge dar. Diese Überzeugung widersprach den Ansichten der akademischen Kollegen, die Waldmüller als “Naturalisten” schmähten. Vor allem mit seinen Versuchen das Sonnenlicht wiederzugeben, traf der Künstler bei einigen Zeitgenossen auf Unverständnis. Den Erfolg als einer der angesehensten Maler Wiens zu gelten, musste sich Waldmüller hart erarbeiten. Sein gegen den Willen von Mutter und Vormund aufgenommenes Studium finanzierte er sich mit dem Bemalen von Bonbonpapieren und Kupferstichen. Auch als Zeichenlehrer und Dekorationsmaler verdingt er sich. Unermüdlich feilte der Künstler an seiner Maltechnik. Er kopierte alte Meister und beobachtete die Menschen, deren Darstellung er über alles andere setzte. 1829 wurde Waldmüller zum Ersten Kustos der Gemäldesammlung der Akademie der bildenden Künste in Wien ernannt, 1835 zum ordentlichen akademischen Rat. Im Jahr darauf begann er Privatunterricht zu erteilen. So weit, so gut. Eine typisch österreichische Karriere, möchte man denken. Doch dann passierte etwas Unerhörtes: die Erfolge der Schüler Waldmüllers sprachen für die Effizienz seiner Lehrmethoden. Darüber hinaus wagte er es, seine Gedanken zur künstlerischen Ausbildung niederzuschreiben und dieses Dokument 1845 der Akademie vorzulegen! Mit seinem hartnäckig vertretenen Ansinnen, den Kunstunterricht an der Akademie zu reformieren, setzte Waldmüller alles aufs Spiel – und verlor. Nach einem Eklat in einer Ratssitzung und mehreren weiteren Streitschriften wurde Waldmüller 1857 vom Dienst suspendiert und sein nun als Pension ausbezahltes Gehalt auf die Hälfte gekürzt. Unterkriegen ließ sich der große Lichtmaler dadurch nicht. In den folgenden Jahren stellte Waldmüller in Paris, London und Köln aus, wo ihm die verdiente Anerkennung zuteil wurde.

“Ferdinand Georg Waldmüller” ist ein stattliches Buch, dessen Autoren sich ganz auf das Werk und seine Rezeption konzentrieren – und zwar ausschließlich aus kunsthistorischer Sicht. Aus der Reihe tanzt lediglich das Kapitel über Waldmüllers Streit mit der Akademie. Danach reihen sich die Analysen, akribisch recherchiert und auf dem neuesten Stand der Forschung, Perlen gleich aneinander: dem “fotografischen Blick” folgen die Porträt- und Landschaftsmalerei, die Lokalisierung der in den Gemälden festgehaltenen Wiener Schauplätze sowie die Genremalerei, nach der es geografisch – England, Deutschland, Frankreich, Österreich auf der Weltausstellung 1855 in Paris – weiter geht. Zweifellos ist das alles sehr interessant. Es ist aber auch furchtbar brav. Schmerzlich vermisste ich den Wagemut der Interdisziplinarität, des wissenschaftlichen Crossover. Welch Bereicherung wäre ein Essay zur Realienkunde gewesen! Auch ein Beitrag über die in den Genreszenen dargestellten Handlungen und Bräuche aus dem Blickwinkel der europäischen Ethnologie hätte eine spannende Lektüre abgegeben! Historiker könnten sicher so Manches über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im 19. Jahrhundert, die Waldmüller so gekonnt wiedergab, erzählen! Doch Schwerpunktsetzungen sind Geschmacksache. Eines ist sicher “Ferdinand Georg Waldmüller” gelingt es trefflich, dem Künstler ein Denkmal zu setzten.

Die Publikation “Ferdinand Georg Waldmüller” erschien anlässlich der gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 11. Oktober ‘09 im Belvedere (siehe Rezension) zu sehen ist.

© Ch. Ranseder

Ferdinand Georg Waldmüller

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Prioritäten setzen

Freitag, 19. Juni 2009

Notiz

Ausstellungsmacher

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Dozent G., der alteingesessene Chef des Museums, blickte wohlwollend auf seine Untergebenen. Nach einer gut berechneten Pause räusperte er sich und hob mahnend den Zeigefinger: “Liebe Mitarbeiter und -innen. Demnächst müssen wir einen neuen Publikumsmagneten in unsere Ausstellungshallen bringen. Die leider noch lebende Künstlerin war nicht etabliert genug, so dass nur 6.000 Besucher bei uns verzeichnet wurden. Das ist halt das Problem mit Frauen in der Kunst. Gut, dass wir vom Frauenministerium, dem Genderverein und den Gewerkschafterinnen ausfinanziert wurden. Aber jetzt, jetzt brauchen wieder einen richtigen Erfolg, also einen Mann. Gute Kritiken in den Zeitungen sind nicht genug. Meine Damen und mein Herr, ich erwarte ihre Vorschläge.”

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er über den Brillenrand erwartungsvoll in die betroffenen Gesichter der drei Anwesenden. Eine Weile hörte man nur das eifrige Kratzen des Bleistifts der Sekretärin, die immer minutiös jedes Wort protokollierte. Es herrschte tiefes Schweigen, das durch das nervöse Herumwetzen und Fußscharren der Angesprochenen abgelöst wurde.

Magister W. ergriff beflissen das Wort: “Nun da drängt sich doch Picasso gerade zu auf, obwohl Monet auch immer gut geht. Wobei von Picasso gibt’s mehr Bilder und Chagall zeigt leider gerade die Konkurrenz.”

Nun mischte sich auch Doktorin R. ein: “Sie vergessen, dass Monet und Picasso in den letzten Jahren bereits zweimal in der Stadt - ebenfalls von der Konkurrenz - präsentiert wurden. Wir sollten doch ein wenig innovativer vorgehen. Wie wäre es mit einer Themenausstellung ohne sich auf einen einzigen Künstler zu kaprizieren? Ich denke dabei an das beliebte Thema ‘Impressionismus’. Die Bilder will doch jeder auf der Wand hängen haben.”

Dozent G. schnitt den gerade zur Rede ansetzenden Magister W. das Wort ab und meinte begeistert: “Ja, so machen wir das. Perfekt! Ich finde doch immer wieder unsere Teamsitzungen mit dem regen Brainstorming meinerseits erfrischend. Sie haben ein halbes Jahr Zeit, um die Ausstellung vorzubereiten. Ich möchte am Montag ihre Vorschläge zur Bildauswahl vorgelegt bekommen! Ich bitte Sie mich jetzt zu entschuldigen, ich habe jetzt noch einen wichtigen Termin im Kaffeehaus.”

Seine Mitarbeiter erhoben sich und verließen gemeinsam den Raum. “Prima, hat das geklappt”, meinte Magister W. grinsend, “damit sollten wir überhaupt keine Arbeit haben!”

 ”Na, na”, beschwichtigte Doktorin R., die Köpfe müssen wir schon noch zusammenstecken, aber aus dem Vollen schöpfen können wir noch immer.”

 TeeTextTasse © Ch. Ranseder Am nächsten Montag legten sie den Konzeptentwurf vor:

  • Die bedeutendsten Künstler des Impressionismus sollten an Hand ihrer wichtigsten Werke präsentiert werden.
  • Statt die Bilder wie üblich zeitlich geordnet auf den Wänden zu verteilen, sollte thematisch vorgegangen werden, um den Besuchern Vergleiche zu erleichtern.
  • Zudem sollten alle Künstler durch ein Portrait vertreten sein, um auch die Maler persönlich und nicht nur ihre Werke vorzustellen.
  • Wenn möglich, sollte ein passendes Bild die Wohnsituation und das Atelier des Künstlers dokumentieren. Ein aktuelles Foto sollte den heutigen Zustand des Hauses oder der Umgebung zeigen.
  • Der Katalog sollte den Umfang eines Taschenbuches nicht überschreiten. Klein, übersichtlich erschwinglich und vor allem sprachlich zugeschnitten auf ein interessiertes Laienpublikum.
  • Die Kunstvermittler sollten während der gesamten Vorbereitung eingebunden werden, um das Publikum später optimal an die Ausstellung heranführen zu können.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder ”Also”, begann Dozent G.”, das ist ja mal wieder typisch für Sie beide. Sie sind doch betriebsblinde Ignoranten. Selbstverständlich kommen die wichtigsten französischen Impressionisten nicht in Frage. Wir haben mit den entsprechenden Häusern keine Leihverträge. Das ist außerdem viel zu kompliziert, zumal die dort nur auf französisch verhandeln, seitdem wir das eine ausgeliehene Bild aus dem Rahmen genommen haben und es zu Transportzwecken aufrollten wie eine Tapete. Wie hätten wir es denn sonst durch unsere Museumstür bringen sollen, wenn es doch glatt um fünf Zentimeter zu groß ist? Wer rechnet denn schon m solchen Dimensionen? Aber die müssen sich ja immer gleich so haben. Na, wie auch immer!”

Er schüttelte wieder den Kopf und schaute strafend über den Brillenrand: “Kommen Sie mir nicht mit diesem didaktischen Quatsch. Wozu soll es denn gut sein die Bilder thematisch zu hängen. Bilder hängt man ausschließlich nach ästhetischen Aspekten und ästhetisch heißt, nach Größe sortiert!”

Wieder kehrt kurzes Schweigen ein, während Dozent G. weiter las: “Die Portraits sind völlig sinnlos. Kein Mensch interessiert sich für den ungepflegten Monet oder den versoffenen van Gogh, nur ihre Werke zählen. Genauso egal sind mir deren Absteigen. Wir sollten auf jeden Fall den Platz darauf nicht vergeuden, sondern ein einziges - besonders großes - Bild als zentralen Blickfang auswählen. Damit halten wir die Leihgebühren und Versicherungsbeiträge niedrig und mit zwei weiteren haben wir die erste Halle voll.”

Mit gerunzelter Stirn blätterte Dozent G. weiter und schlug plötzlich heftig mit Hand auf den Tisch. Empört riss er sich die Brille von der Nase. “Also, dass ist doch der Gipfel der Borniertheit! Taschenbuch? Erschwinglich? Leicht verständlich? Was glauben Sie eigentlich, wo Sie sitzen? In der Schulbuchkommission? Ich weiß ja nicht, was Sie von sich halten, aber ich bin renommierter Wissenschafter. Meine Publikationsliste als Herausgeber ist lang. Kein Vorwort der letzten Jahre, das nicht von mir wäre! Die Kollegen, von denen wir die Bilder leihen, sehen das sicher genauso. Sie müssen mit ihren Beiträgen im Katalog als Autoren vertreten sein. Und wenn nicht jeder Hinz und Kunz mit meinem wissenschaftlichen Anspruch etwas anfangen kann, ist das mir nur recht. Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder glaubt schreiben zu können? Es kann ja schließlich auch nicht jeder malen! Nur mit einem tiefsinnigen Verständnis des kulturhistorischen Gesamtkontextes und einem metaphysischen Zugang, bezogen auf das psychologische Substrat ist man befähigt den Weg des Künstlers vom Gegenständlichen zum schwarzen Quadrat auf weißer Leinwand - aufgehängt im Herrgottswinkel - verfolgen zu können. Das heißt aber noch lange nicht, dass jedes hingepinselte schwarze Quadrat auf weißer Leinwand von irgendwem gleich bedeutend ist. Nein, denn nur aus dem fundamentalakademischen Zusammenhang und der unverrückbaren Philosophie des Kanons erwächst die Kunst!”

Eine Ader begann an der Stirn von Dozent G. zu pochen. “Und ich gehe sicher richtig in der Annahme, dass Sie in ihren Kalkulationen nicht die entsprechenden Autorenhonorare für die jeweiligen Institutionsleiter berücksichtigt haben”, dabei strich er sich unbewusst über die Brieftasche. “Mit 80.000 Euro für den Katalog - ohne Druckkosten versteht sich - ist mindestens zu rechnen. Die Qualität sind wir unserem Publikum schuldig. Ich will ihnen beiden keine Bereicherung vorwerfen, obwohl ich annehme, dass wohl irgendwer aus Ihrem Freundeskreis schnell etwas um die 5.000 Euro, die Sie da veranschlagt haben, zusammengeschreibselt hätte. Es muss sogar Ihnen klar sein, dass etwas derartig Billiges auch nur billig sein kann.”

Es folgte Kopfschütteln. “Und was wollen Sie eigentlich dauernd mit ihrer Vermittlung? Diese Bilder sprechen für sich selbst. Ich wünsche keine Platzverschwendung an auffällig groß geschriebene Raumtexte. Für die dezente Beschriftung der Werke genügt der Name des Künstlers, das Entstehungsjahr und selbstverständlich gut lesbar der Name des Leihgebers. Audioguides reichen völlig. Der unerträgliche Lärm, der durch Führungen entsteht, wird vermieden und jeder Besucher kann in erhabener Andacht die Stimmungen der Bilder aufnehmen.”

Langsam lehnte Dozent G. sich zurück und blickte eine Weile strafend auf seine zusammenschrumpfenden und inzwischen um ihre Jobs bangenden Mitarbeiter. “Da ich schon geahnt habe, was ich von ihnen erwarten kann, erkläre ich ihnen wie wir das machen werden. Die Ausstellung wird heißen: 
Das unbekannte Werk der Impressionisten - Gemälde aus Privatsammlungen
Der Hochglanz-Katalog wird mindestens A4-formatig und auf jeden Fall 800 Seiten umfassen. Ich denke dabei an einen Verkaufspreis von rund 95,00 Euro bei einer Auflage von 1000 Exemplaren zum freien Verkauf und weiteren 500 zu Geschenkzwecken an Autoren, Sammler und meine wichtigsten politischen Kontakte.”

Selbstgefällig blickte er in die Runde: “Was die Zusammenstellung der Werke betrifft, rufe ich einige meiner Freunde an, die Impressionisten sammeln. Sie geben uns ihre Bilder ohne hohe Leihgebühren. Schließlich haben sie ihre Sammlungen nur meiner finanzgünstigen Beratung zu verdanken und jetzt können sie durch die Präsentation in unserem Haus zusätzlich eine Wertsteigerung ihrer Stücke erzielen. Leider zählen keine amerikanischen und japanischen Sammler zu meinen Kontakten. Ich werde wohl wieder in den sauren Apfel beißen müssen und die Beziehungen vor Ort knüpfen. Das bedeutet, dass ich die nächsten Monate kaum im Haus sein werde.”

Er begann seine Ausführungen mit seinem rechten Zeigefinger zu unterstreichen: “Frau Doktor, Sie übernehmen während meiner Absenzen die Verhandlungen mit der Druckerei.
Das Lektorat der Texte wird meine Frau als externe Fachberaterin zu entsprechenden Konditionen übernehmen.
Selbstverständlich fungiere ich wieder selbst als Herausgeber. Schließlich sollte man so etwas Essentielles wie das Vorwort keinesfalls delegieren.
Herr Magister, Sie kümmern sich um den Transport der Exponate, für die Ausstellungsgestaltung stelle ich Ihnen meine Tochter zur Seite. Sie ist versiert im Umgang mit dem Computer. Mit ihren verschiedenen Sim-Programmen hat sie schon als Teenager ganze Häuser dekoriert.”

Er wedelte enthusiastisch mit seinen Notizen vor der Nase der Sekretärin, die durch ihr stetiges Nicken oder von den vielen fremden Worten bereits etwas desorientiert wirkte. “Besorgen Sie mir zunächst ein Flugticket nach Tokio für März, im April sollte ich die Verhandlungen in New York aufnehmen und ab Mai werde ich dann Sydney angehen, dann bleibt noch genug Zeit für Paris im Juni. Buchen Sie bitte adäquate Hotels in den Stadtzentren. Juli und August reserviere ich für meinen wohl verdienten Urlaub mit meiner Familie. Im September habe ich dann sicher wieder genug Kraft für die letzten Gespräche in Toronto. Achja, stellen Sie mir die wichtigsten Fakten für das Vorwort zusammen. Nicht mehr als zehn Seiten, damit ich das ganze auf etwa eine Seite komprimieren kann. Wenn ich nicht so ein Arbeitstier wäre, würde hier alles stagnieren. Ja, von mir können Sie alle hier noch jede Menge lernen.”

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vergeuden Sie nicht Ihre Energie an Inhalte, arbeiten Sie endlich für Ihre Karrieren!

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Bauhaus-Frauen

Freitag, 12. Juni 2009

Non-Fiction

Ulrike Müller
Ingrid Radewaldt, Sandra Kemker
Bauhaus-Frauen
 
Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design 
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7

Bauhaus Frauen Bauhaus-Frauen - Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design

Das 1919 gegründete Bauhaus nahm auch weibliche Studenten auf. Und die Frauen kamen in Scharen, um die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch rare Chance auf eine fundierte Ausbildung zu nutzen. Im ersten Semester seines Bestehens inskribierten am Bauhaus vierundachtzig Frauen und neunundsiebzig Männer - sehr zur Besorgnis seines Gründers, Walter Gropius, der nicht mit diesem weiblichen Ansturm gerechnet hatte. In seiner Antrittsrede propagierte Gropius noch “… absolute Gleichberechtigung, aber auch absolute gleiche Pflichten …”, doch schon bald begannen Lippenbekenntnis und Realität auseinander zu driften.

Ulrike Müller und ihre Gastautorinnen Ingrid Radewaldt und Sandra Kemker schildern in “Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design” wie es den Frauen am Bauhaus erging. In brillant geschriebenen Texten erzählen sie von Studienbedingungen, Lehrplänen und den herausragenden Leistungen, welche die Frauen - trotz der Schwierigkeiten und Diskriminierungen mit denen sie sich konfrontiert sahen - erbrachten.

Wie so oft, wenn es Frauen gelingt in männliche Domänen vorzudringen, stand das weibliche Geschlecht auch am Bauhaus bald vor neuen Barrieren. Es hatte nicht lange gedauert bis Maßnahmen ergriffen wurden, um die Zahl der am Bauhaus studierenden Frauen zu beschränken und die Studentinnen auf den ihnen von den Männern zugedachten Platz zu verweisen. Die Mehrzahl der Frauen wurde in die Handweberei abgedrängt, da die Herstellung von Textilien als eine ihnen angemessene Tätigkeit galt. Es muss ein Schock für die männlichen Führungs- und Lehrkräfte gewesen sein, dass sich ausgerechnet die Weberei durch Innovation und Produktivität profilierte und zu einer der erfolgreichsten der Werkstätten entwickelte. Apropos Leitungspositionen: Kaum eine der zahlreichen Frauen am Bauhaus wurde in eine solche berufen, selbst Lehraufträge waren spärlich gesät und, wie Ulrike Müller anmerkt, schlechter bezahlt.

Dennoch ließen sich die außerordentlich begabten Frauen nicht entmutigen. Sie zeigten Durchhaltevermögen und eroberten sich den Zugang zu den anderen Werkstätten, wie Metall, Keramik, Holz, Wandmalerei und Grafik. Doch die Disziplin, in der die zweitgrößte Anzahl an Frauen tätig wurde, war die Fotografie. Damit wird auch am Bauhaus die weibliche Strategie des Ausweichens in relatives Neuland, also in Bereiche deren Hierarchien noch nicht von Männern festgelegt und besetzt sind, sichtbar.

In dem bemerkenswerten Buch “Bauhaus-Frauen” werden 20 Künstlerinnen vorgestellt, die am Bauhaus lehrten, studierten oder als Ehefrauen Bauhausmeister unterstützten. Ihre Lebensgeschichten sind eine spannende, oft berührende Lektüre, im Zuge derer der bedeutende Beitrag sichtbar wird, den Frauen zum Gedeihen des Bauhauses leisteten. Den Auftakt des Biografien-Reigens bestreiten zwei Lehrkräfte aus den Anfängen des Bauhauses, Gertrud Grunow und Helene Börner, sowie eine der ersten Schülerinnen, Ida Kerkovius. Die Reihung der folgenden Porträts erfolgt lose nach den am Bauhaus eingerichteten Werkstätten. Die Weberei repräsentieren Benita Otte, Gunta Stölzl, Anni Albers, Gertrud Arndt und Otti Berger. Aus der Töpferei, die nur in den Weimarer Jahren des Bauhauses bestand, sind Margarete Heymann-Loebenstein-Marks und Marguerite Friedlaender-Wildenhain vertreten. Mehrfachbegabungen, denen die Aufnahme in die Werkstätten für Druckgrafik, Wandmalerei oder Bildhauerei und Bühnenarbeit gelang, waren Ilse Fehling, Friedl Dicker und Lou Scheper-Berkenkamp. Mit den Werkstoffen Holz beschäftigte sich Alma Siedhoff-Buscher. Marianne Brandt leistete Hervorragendes in der Metallwerkstatt. Die Innenarchitektin Lilly Reich wurde 1932 als Leiterin von Ausbauabteilung und Weberei berufen. Das abschließende Kapitel schließlich ist den Fotografinnen und Chronistinnen des Bauhauses, Florence Henri, Grete Stern, Ise Gropius und Lucia Moholy, gewidmet.

Reichhaltiges Bildmaterial, darunter Fotos des Arbeitsumfelds und Abbildungen ihrer Werke, begleitet die Kurzbiografien. Dank zeitgenössischer Fotografien bleiben auch die Frauen selbst nicht “gesichtslos”. Lächelnd oder mit forschen Blick, in die Arbeit versunken oder ihre Werke präsentierend begegnen sie den Augen der Leserinnen und Leser. Originalzitate lassen ihre Persönlichkeit aufblitzen. Wer, neugierig geworden, mehr über eine der Frauen erfahren will, muss nach weiterführender Literatur nicht lange suchen. Sie ist gleich im Anschluss jedes biografischen Textes angeführt. Zeitgeschichtlicher Kontext und die am Bauhaus vorzufindenden Rahmenbedingungen werden in der Einleitung des Buches sowie in den sechs Kapiteln vorangestellten Texten vermittelt.

Den Autorinnen Ulrike Müller, Ingrid Radewaldt und Sandra Kemker ist mit dem Buch “Bauhaus-Frauen” ein wunderbares und zugleich wichtiges Buch gelungen. Nicht nur werden erstmals die Leistungen der am Bauhaus wirkenden Frauen gewürdigt, es bietet sich dadurch auch eine längst überfällige, neue Sichtweise auf die Geschichte einer avantgardistischen, stilprägenden Institution aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

© Ch. Ranseder

Bauhaus-Frauen - Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design

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Sozialkritiker: Ferdinand Georg Waldmüller

Dienstag, 09. Juni 2009

Notiz

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)
Belvedere
9. Juni bis 11. Oktober ’09

Ferdinand Georg Waldmüller, Selbstporträt in jungen Jahren, 1828, Öl auf Leinwand, 95 x 75 cm, Belvedere, Wien © Belvedere Wien C. Herberth, Ferdinand Georg Waldmüller, um 1864, Fotografie, Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, Wien, © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, Wien 
Zwischen den beiden Porträts des Malers Ferdinand Georg Waldmüller liegen 36 schöpferische und rebellische Jahre. Rund 1200 Werke werden ihm zugeschrieben, über 70 davon sind im Besitz des Belvederes und 115 werden derzeit in einer von Sabine Grabner kuratierten Ausstellung im Unteren Belvedere gezeigt.

Ferdinand Georg Waldmüller, Beim Hufschmied, 1854, Öl auf Holz, 58 x 45,5 cm Privatbesitz 
Bescheiden chronologisch und nicht erzählerisch werden die Porträts, Landschaften und Genrebilder präsentiert. Und trotzdem zaubern sie allesamt Licht in die Ausstellungsräume. Viel Licht, für seine Zeit ungewöhnliche und extrem sozialkritische Sichtweisen und fotorealistische Bildqualität zeichnen Waldmüllers Werke aus. Mit dem hartnäckigen Mythos “von der guten alten Zeit” räumt die Ausstellung aber leider nicht auf. Auch dehalb ist eine durch Beliebigkeit glänzende “Opernballdebütantin” für die Werbung besser als die einzigartige Darstellung einer Hufschmiede.

Ferdinand Georg Waldmüller Maria Henrietta von Stierle-Holzmeister, Edle von Forstheim, geb. Mierck, die Mutter des Hauptmannes Joseph G. von Stierle-Holzmeister, um 1817 Öl auf Leinwand 54 x 41 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Berlin © bpk / Nationalgalerie, SMB, Foto: Jörg P. Anders Ferdinand Georg Waldmüller, Sitzendes Mädchen in weißem Atlaskleid, 1839, Öl auf Holz, 32 x 26,5 cm, Wien Museum, © Wien Museum Ferdinand Georg Waldmüller<br /> Die fürstlich Esterházysche Rat Mathias Kerzmann mit seiner zweiten Gattin, geb. Gräfin Majlath, und seiner Tochter Maria, 1835, Öl auf Leinwand 207 x 158 cm, Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Bereits 1817 malte Waldmüller so fotorealistisch, dass die fehlende Behübschung ins Auge springt, aber eine Interpretation der Dargestellten vermittelt, die zeitgleiche Porträts vermissen lassen. Genaues Betrachten zahlt sich bei Waldmüllers Werken immer aus. Sie sind mehr als Raumbehübscher oder Auftragswerke der abgebildeten reichen Klientel. Auch wenn der Verkaufsschlager “Mutterglück” schon fast als Waldmüller-Massenprodukt zu bezeichnen ist. Es wird immer eine Geschichte erzählt, die leider nicht oder nur in Ausnahmen und dann rudimentär an die BesucherInnen der Ausstellung weitergeben wird. Für die Provenienzforschung wichtige Fakten sind nämlich für eine besuchergerechte Präsentation zweitrangig. Eine Flut adliger, heute völlig belangloser Verwandtschaftsgrade ist nur für Kunsthistoriker und lebende Nachfahren interessant und für BesucherInnen entbehrlich. Die dargestellten Posen und Ausstattungen, Porträtierte im “Hausgewand” oder lümmelnde unreife Debütantinnen haben gesellschaftskritische Qualität. Auch die Fältelung des schimmernden Atlas besitzt Aussagekraft. Lässt er doch auf die sorgsame Behandlung des wertvollen Stoffes schließen und der Umgang mit dem auf dem Boden schleifenden kostbaren Schal sagt viel über das sorgenfreie Eheleben der viel zu jung erscheinenden Besitzerin aus. Es sind Fotografien in Öl. Manchmal hübsche, oft gepflegte, meist reich gekleidete Personen, die oft etwas Rotziges oder Inhaltsleeres an sich haben. Man vermeint zu bemerken, welche Klientel der auf Qualität und Erkenntnis fixierte Waldmüller aus finanziellen Gründen malte oder wie und warum er Personen ungeachtet üblicher Bildkompositionen entsprechend positioniert ins “passende” Licht rückte.

Ferdinand Georg Waldmüller, Lachender Bauernbursche, 1840, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm, Privatbesitz © Galerie Suppan, Wien Ferdinand Georg Waldmüller, Bautagelöhner erhalten ihr Frühstück, 1859/60, Öl auf Holz, 53 x 44 cm, Wien Museum © Wien Museum Ferdinand Georg Waldmüller Vorfrühling im Wienerwald, 1861 Öl auf Holz 52 × 66 cm Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Bei Waldmüller scheint alles aufgesetzte adelige oder bürgerliche Maske zu sein, die konträrer zur arbeitenden Natürlichkeit zu stehen scheint. Selbst die Beteiligten an einer Wohltätigkeitsveranstaltung wirken nicht uneigennützig freigiebig, sondern herablassend gönnerhaft und darauf bedacht Ansehen, Amt und Würde zu bewahren, während im Vordergrund die Kinder ausgelassene Freude zeigen. Es geht nicht um Würde, es geht ums nackte Überleben. Kinderarbeit, dürftig gekleidet, bei jedem Wetter und überall: Vom Lehrling, zum Tagelöhner bis zum Bettelkind. Und so schön das Bild mit den Veilchen pflückenden Kindern wirken mag, wer genau schaut, wird die Reisigbündel sehen. Wird wissen, dass die Kinder nicht zum Vergnügen im luftig frischen Frühlingswald sind. Hänsel und Gretel sind zum Holzklauben geschickt worden und die Veilchen bringen den jungen “Eliza Doolittles” als Knopflochblumen gutes Geld in der Stadt. Holzklauben gehen Frauen bis sie nicht mehr ohne Hilfe vom Wegesrand aufstehen können und nach ihrem Tagwerk am Kinderbett oder bei der Wallfahrt zusammenbrechen. In diesem Milieu ist der Soldatenrock keine für Geld kaufbare Ehre mit Aufstiegschancen. Es bedeutet den Verlust der Arbeitskraft am Hof und im schlimmsten Fall den Verlust eines Ernährers, dem die Delogierung und das Bettelelend bei der Klostersuppe folgen.

Ferdinand Georg Waldmüller, Die Erwartete, um 1860, Öl auf Holz, 81,1 x 63,2 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München Neue Pinakothek © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München Neue Pinakothek Ferdinand Georg Waldmüller Am Fronleichnamsmorgen, 1857 Öl auf Holz 65 × 82 cm Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Und immer wieder sind es das helle Sonnenlicht und die leuchtenden Farben Waldmüllers, die jede Szenerie zur authentischen Momentaufnahme machten. In Bescheidenheit, Frömmigkeit und im größten Elend sympathisch, ehrlich und uneigennützig. Ehrend für die eine Seite der Gesellschaft und entlarvend für die andere. Man muss(te) es allerdings einst und jetzt sehen wollen.

Ferdinand Georg Waldmüller Rosen, 1843 Öl auf Holz 48 x 39 cm Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz-Wien © Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz-Wien 
Stillleben laden immer zum Betrachten der Objekte und zum Analysieren einer tieferen Bedeutung ein. Bei Waldmüller ist es nicht anders, obwohl man immer den Verdacht hat, dass er gerade bei dieser Gattung seine unglaubliche Kunstfertigkeit unterschiedliche Materialien naturecht wiedergeben zu können unter Beweis stellen wollte. Man ist tatsächlich versucht in der Spiegelung des Silbers den abgebildeten Raum zu erkennen und überlegt ob Mattigkeit des Objektes etwas mit der Oberflächenstruktur der Farbe zu tun hat. Allerdings werden wohl viele BesucherInnen an der Beschreibung “Biskuit” scheitern, weil sie statt nach dem Porzellanobjekt nach dem Keks suchen werden. Widererkennen ist etwas, was bei Waldmüller Spaß macht. Wie oft hat er wohl den roten Sessel auf dem auch seine zweite Frau posiert, verwendet? Aber unterhaltsame und damit kunsthistorisch unwürdige Details werden in Ausstellungen nie aufgegriffen. Schade, das ist verschenktes Potential aus der Realienkunde.

Ferdinand Georg Waldmüller Große Praterlandschaft, 1849 Öl auf Holz 64,5 x 91,5 cm Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Waldmüller besaß die unglaubliche Fähigkeit quer durch die Jahreszeiten im hellsten Licht Landschaften zu malen, die ausschauen als ob man sie jederzeit betreten könnte. Wenn seine Bilder Türen ins 19. Jahrhundert wären, wären diese (fast) menschenfreien Zonen, die einzigen die ich persönlich durchschreiten wollte. Was bleibt, ist die Möglichkeit die Türen des Belvedere zu durchschreiten und eine gut bestückte Waldmüller-Ausstellung zu besuchen.
Ein echter Pflichtbesuch, den man ob der Kargheit der Informationen besser mit einer hoffentlich kritischeren Führung (Sa, So, Fei 15:00 Uhr) oder einem “Frühstück im Grünen” (3. Juni bis 13. September 10:00-11:30 Uhr Sektfrühstück, 11.30-12:30 Führung, Anmeldung erforderlich) verbinden sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)
Belvedere
9. Juni bis 11. Oktober ’09

Zur Ausstellung ist ein umfassender Katalog (siehe Rezension) erschienen:

Fedrinand Georg Waldmüller Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.) Ferdinand Georg Waldmüller

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Griechenland hören

Donnerstag, 28. Mai 2009

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Antje Hinz
Griechenland hören
Silberfuchs Verlag 2009, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 09 6

Griechenland hören Griechenland hören - Das Griechenland-Hörbuch: Eine klingende Reise durch die Kulturgeschichte Griechenlands von den Mythen bis in die Gegenwart

Griechenland, die Wiege Europas: Von der ersten europäischen Hochkultur bis zum modernen Mitglied der EU führt die Hörreise. Zwanzig Kapitel spannen einen genialen Bogen von der Blütezeit, Zerfall und Auferstehung Griechenlands über 5000 Jahre hindurch bis in die Gegenwart. Der Schwerpunkt dieser Silberfuchs-Hörreise liegt auf der Antike. Verständlich, denn Griechenland als Staatsgefüge zeichnet sich durch Jahrhunderte mit Absenz aus. Als Kulturfaktor und prägend für die historische, politische und soziale Entwicklung Europas war Griechenland allerdings stets gegenwärtig. 

Die Hochblüte Griechenlands entwickelte alle wesentlichen Aspekte europäischer Zivilisation. Kontakte zu anderen Hochkulturen schufen wirtschaftliche und kulturelle Grundlagen. Nach der Entwicklung einer eigenen Schrift erlebten Philosophie, Naturwissenschaft, Geschichtsschreibung und Literatur pure Höhenflüge. Was Solon für die Demokratie bedeutete, bedeutete Perikles für den Aufschwung Athens. Perserkriege und der schwelende Konflikt zwischen den antiken griechischen Großmächten Athen und Sparta trennten und vereinten die Griechen zu gleichen Teilen. Untrennbar mit der Philosophie sind vor allem Sokrates, Platon und Aristoteles verbunden. Alexander der Große steht hingegen für politische Entwicklung, militärische Expansion und die Verbreitung des kulturellen griechischen Erbes weit und nachhaltig über die damaligen Grenzen hinaus. Das kulturelle Erbe Griechenlands war auch in Rom willkommen, was sie nicht von der Übernahme Griechenlands abhielt, sondern diese sogar beschleunigte.
Und wieder war es die Sprache und die Schrift, die eine neue Zeit einläutete. Die altgriechische Verkehrssprache des Mittelmeerraumes war etwa zwischen 300 v. bis 600 n. Chr. die Koine. Die Schriften des Neuen Testamtens erreichten dadurch in kurzer Zeit sehr viele Menschen. Das Christentum wurde zur prägenden Religion Griechenlands. Byzanz, Kreuzfahrer, Venezianer, Türken traten in wechselnder Folge die Herrschaft über das zersplitterte Griechenland an. Nur das Griechentum geriet nicht in Vergessenheit.
Zerrissen wie der geographische Eindruck von Festland und Inselwelt ist daher die politische und religiöse Entwicklung Griechenlands ab römischer Zeit. Fremdherrschaften, Monarchien, Kriege, Widerstände und Vertreibungen kamen und prägten Land und Menschen. Der Weg des heutigen Griechenlands in eine moderne Demokratie war steinig. Neben vielen anderen Aspekten europäischer Zivilisation und Tradition sind die populärsten echte griechischen Highlights: Homer, Olympia und Theater. Und überaus passend kam der Vorschlag jährlich eine europäische Kulturhauptststadt zu zelebrieren von der griechischen Künstlerin Melina Mercouri. Und zuletzt sollte man nie vergessen, dass die Demokratie eine gebürtige Athenerin (um 600 v. Chr.) ist und maßgeblich für die Europäische Union ist, der Griechenland seit 1981 angehört.

Akustisch unterlegt von zahlreichen exzellent ausgewählter musikalischer Klänge aller Epochen - u.a. von musica romana - und stimmlich getragen von Rolf Becker. Mit wohl modulierter Sprache gelingt es ihm Stimmungen und komplexe Inhalte zu einer spannenden Einheit zu verweben. Roswitha Rösch zeichnet erneut für gelungene Cover-Gestaltung und Grafik verantwortlich. So macht es wirklich Freude den unentzifferbaren “Diskos von Phaistos” in die CD-Lade zu werfen und Griechenland zu hören.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

höre auch:
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Media Facades

Donnerstag, 07. Mai 2009

Non-Fiction

M. Hank Haeusler
Media Facades
History, Technology, Content
avedition 2009 , Engl., 248 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6107 5

Media Facades Media Facades

Technische Neuerungen und ihre innovativen Anwendungen sind aufregend. Der letzte Schrei, um sich in der nächtlichen Stadtlandschaft Aufmerksamkeit zu verschaffen, sind Medienfassaden. Mit hohem technischen Aufwand werden Fassaden von Gebäuden so (um)konstruiert, dass sie mit dynamischen digitalen Grafiken, Texten oder Bildern bespielt werden können. Als auf diese Weise vermittelter “Inhalt” sind auch die gesamte Außenhaut eines Bauwerks umflutende psychedelische Lichtmuster zu verstehen, wie man sie - als jüngstes österreichisches Beispiel - im Rahmen von Linz ´09 am Ars Electronica Center bestaunen kann.

Medienfassaden sind eine relativ neue Entwicklung in dem sich stetig erweiternden Feld der Architektur. Für jede junge Disziplin kommt der Zeitpunkt, an dem es notwendig erscheint, den durch Pionierarbeit erreichten Stand der Dinge festzuhalten und im theoretischen Diskurs zu etablieren. Dazu bedarf es, unter Anderem, der Schaffung eines Ordnungssystems und der Vermittlung der von den Vorreitern geschaffenen Fachsprache, um die Verständigung mit einem möglichst großen, interdisziplinär zusammengesetzten Kreis aus Ingenieuren, Architekten, Mediendesignern, Studenten, Journalisten, Kritikern und potentiellen Auftraggebern zu erleichtern.

M. Hank Haeusler legt in seinem Buch “Media Facades. History, Technology, Content” den Grundstein für eine über Insiderkreise hinausgehende Auseinandersetzung mit dem ebenso faszinierenden wie kontroversiellen Thema.

Aufbauend auf eine Bestandsaufnahme gewährt er einen Überblick über bereits Erreichtes und in Zukunft technisch Mögliches. Der Aufbau der hervorragend gegliederten Publikation folgt der bereits im Untertitel angekündigten Dreiteilung.

Das erste Kapitel bietet Begriffsdefinitionen, allgemeine Richtlinien für die Design und Bau vorhergehende Phase der Entscheidungsfindung, einen historischen Abriss der Vorläufer heutiger Medienfassaden und der Entwicklung ihrer elektronischen Komponenten sowie eine Geschichte des Times Square in New York, dessen Charakter und Rolle in der Stadtplanung durch Medienfassaden bestimmt wird.

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Technologie der Medienfassaden, mit der sich das umfangreiche zweite Kapitel beschäftigt. Haeusler unterscheidet vier technische Kategorien - “Mechanical”, “Projector”, “Illuminant” und “Display” - innerhalb derer eine weitere Gliederung nach den unterschiedlichen, für die Gestaltung von Medienfassaden verfügbaren Technologien erfolgt. Diese werden anhand von 36 internationalen Fallbeispielen in einem perfekt ausgewogenen Verhältnis von Text und Bild, erörtert. Das macht “Media Facades. History, Technology, Content” zu einem wunderbaren, reich bebilderten Handbuch. Seinen Mehrwert erhält die Publikation durch die, für Arbeiten technischen Inhalts keinesfalls selbstverständliche, Lesbarkeit der Texte. M. Hank Haeusler verfügt über die seltene Begabung komplexe technische Informationen in einer auch für Laien verständlichen Sprache zu vermitteln. Die Gegenüberstellung von technischer Beschreibung und Anwendungsbeispiel erleichtert darüber hinaus den Vergleich der unterschiedlichen Wirkungen, die Medienfassaden im urbanen Umfeld oder als Gestaltungselement von Inszenierungen im Innenraum entfalten können. Und natürlich sind die ausgewählten Fallbeispiele allesamt schicke Eyecatcher, egal ob es sich um Prototypen, künstlerische Interventionen oder durchgestylte Markenauftritte handelt. Vor allem die Automobilindustrie scheint für Messestände oder firmeneigene Museen gerne auf Medienfassaden zurückzugreifen, um ihre Produkte optimal in Szene zu setzten - gleich sechs Fallbeispiele sind dieser Branche zuzuordnen. Werbung findet eben nicht nur als Holzhammer-Kommerz statt, wie er am von Haeusler mehrfach als Beispiel angeführten Times Square zu finden ist. Damit stellt sich die Frage nach möglichen “Inhalten”, die mit Hilfe von Medienfassaden kommuniziert werden können. Ihnen ist das abschließende, ein wenig dünn geratene, dritte Kapitel gewidmet.
Ein Glossar sowie eine Liste von Designern und Herstellern runden das grafisch ansprechend gestaltete Buch ab.

“Media Facades. History, Technology, Content” ist zugleich Einführung und Nachschlagewerk. Eindrucksvoll führt das Buch vor Augen, was heute technisch möglich ist und wie gut Medienfassaden aussehen können. Doch die nächtlichen Fassaden-Lichtspiele haben auch ihre Schattenseiten. Wertneutral erwähnt Haeusler Baukosten, Energieverbrauch und die Tatsache, dass der Platz hinter einer Medienfassade oft nicht mehr für Büro- oder Wohnzwecke genutzt werden kann. Über die Sinnhaftigkeit von Medienfassaden ließe sich also streiten. Wie war das noch mal mit dem ökologischen Fußabdruck, an den EU-Bürger in letzter Zeit so oft gemahnt werden?

© Ch. Ranseder

siehe auch:
ag4-mediafacades (Daab Architecture & Design)
Krieg der Zeichen: Spurenlesen im urbanen Raum
Vattenfall Europe Zentrale & Medienfassade Berlin. Deutsche Ausgabe

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Intimer Blick

Montag, 04. Mai 2009

Non-Fiction

Toulouse-Lautrec. Der intime Blick
Text von Danièle Devynck, Johannes Ramharter, Anne Röver-Kann, Alain Tapié
Hatje Cantz 2009, 160 S., davon 77 in Farbe
ISBN 978 3 7757 2346 6

Henri de Toulouse-Lautrec Toulouse-Lautrec: Der intime Blick

Die vier Pfoten in der Luft, das Schwänzchen hoch erhoben, jagt ein Hündchen neben Pferd und Reiter her, dem Horizont entgegen. Die Tiere und ihr begleitender Mensch auf dem Gemälde “Reiter mit kleinem Hund” sind humorvoll überzeichnet, die Landschaft bleibt undifferenziert. 1879, dem Entstehungsjahr des Bildes, ist der Malstil von Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) noch der Tradition verpflichtet. Doch bereits in diesem frühen Werk sind seine scharfe Beobachtungsgabe und die Neigung zur Karikatur offensichtlich. Wie schnell es dem Künstler gelang, auch stilistisch zu einem sehr individuellen, modernen Ausdruck zu finden, kann in “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” nachvollzogen werden. Das reich bebilderte Buch bietet einen Querschnitt durch das Werk des französischen Malers und Grafikers. Von den frühen Gemälden mit Szenen der Fortbewegung per Pferdekraft über Porträts von Familie und Freunden bis zu den bekannten, in Unterhaltungslokalen und Bordellen entstandenen Grafiken spannt sich der Bogen. Und natürlich ist auch eine Auswahl von Plakaten zu bewundern.

Das Buch “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” erscheint anlässlich einer Ausstellung im Linz, Österreich. Es verwundert daher nicht, dass sich unter den fünf Essays, die dem Katalog vorangestellt sind, auch ein Vergleich der Arbeiten des französischen Künstlers mit jenen von Egon Schiele befindet. 1909, also vor exakt 100 Jahren, waren bereits Arbeiten von Toulouse-Lautrec in der Wiener Galerie Miethke ausgestellt, die Schiele gesehen haben könnte. Sowohl Toulouse-Lautrec als auch Schiele waren Meister der Linie, doch ihr Verhältnis zu den Modellen, ihre Annäherung an den Menschen war grundverschieden. Die ersten beiden Abbildungen des Buches, die leider nicht auf gegenüberliegenden Seiten platziert wurden, sind dafür ein gutes Beispiel. Sowohl das Ölbild von Toulouse-Lautrec als auch die Bleistiftskizze Schieles zeigen eine Frau, die in einem Sessel sitzend das Kinn auf die Hand stützt. Der Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Modell und Maler liegt im Gesichtsausdruck. Toulouse-Lautrecs Madame Berthe Bady ist sichtlich amüsiert und scheint sich gut zu unterhalten. Ein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, der Blick ist wach und fokussiert. Der Frau in Schieles Bild hingegen ist die Langeweile und das Desinteresse an ihrem Gegenüber ins Gesicht geschrieben. Einzig der Gedanke “Hoffentlich ist er bald fertig, damit ich gehen kann” scheint sie zu beschäftigen. Eine Interaktion findet nicht statt. Schiele ist nicht an der Person interessiert, sondern an dem in einer Pose verharrenden Körper, der zum Bedeutungsträger wird.

Die Arbeiten von Toulouse-Lautrec zeugen von seinem Interesse an den dargestellten Menschen, an ihren Eigenheiten und Seelenzuständen. Als Porträtmaler verstand er es, die Persönlichkeit der Dargestellten zu erfassen und zu Papier zu bringen. Als Beobachter in Bordellen und Vergnügungslokalen bedurfte er keiner Modelle. Ungeschönt und frei von Voyeurismus hielt er Szenen aus dem Alltag fest. Seine unaufdringliche Präsenz erlaubte ihm die harte Lebenswelt der in der Unterhaltungsbranche Beschäftigten aus nächster Nähe zu dokumentieren. Grafiken wie “Frau mit Tablett - Frühstück” und “Liegende Frau - Erwachen”, beide aus der Serie Elles, lassen darauf schließen, dass die Frauen Toulouse-Lautrec ein gewisses Maß an Vertrauen entgegenbrachten. Sonst hätten sie sich wohl kaum so entspannt gezeigt.

Letztendlich kann über die Befindlichkeit von an der Entstehung der einzigartigen Werke beteiligten Personen nur gemutmaßt werden. Das Betrachten von Kunst ist über den optischen Genuss hinaus auch ein interpretativer Vorgang und damit ein intellektuelles Vergnügen. Wer sich selbst eine Meinung bilden möchte, dem bietet die Publikation “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” reichhaltiges Anschauungsmaterial.

Im Original ist die Werkauswahl noch bis zum 7. Juni 2009 in der gleichnamigen Ausstellung der Landesgalerie Linz zu bewundern.

© Ch. Ranseder

Toulouse-Lautrec: Der intime Blick

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Geografische Kostbarkeiten

Mittwoch, 29. April 2009

Notiz

Annäherung an die Ferne
Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

ÖNB Prunksaal
24. April bis 8. November ‘09

Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Weltkarte, Joan Blaeu, Nova Et Accuratissima Totius Terrarum Orbis Tabula …, Amsterdam 1662 © OeNB

Es ist doch immer wieder erstaunlich, was aus dem Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek für kurze Zeit ans Licht gezaubert wird. Jenes Licht, das für die kostbaren Objekte auf Dauer so schädlich ist, dass sie dem staunenden Publikum nur selten präsentiert werden können, um ihre Brillanz auch für die nächsten Generationen zu erhalten.

Titelblatt mit Afrika-Karte Antonio Fracanzano da Montalboddo (Hrsg.), Mailand 1508 © OeNB Afrika, Asien und Amerika sind die Stationen der Ausstellung, die der Gliederung des berühmten 11-bändigen Atlas Major (1662) von Joan Blaeu folgt.

Tulpe La Grande Sultane, Nicolas Robert, [1650 - 1655]  (Ausschnitt) © OeNBUnd von frühen Berichten bis zum begehrten Sammelobjekten aus fernen Ländern reicht.

Asiatische Kostbarkeiten Frederick de Wit, Indiae Orientalis, Amsterdam um 1680 (Ausschnitt aus Indiae Orientalis) © OeNB Sie sind einzigartig. Sie sind selten oder nie zu sehen. Alles gute Gründe die Ausstellung zu besuchen. Aber der beste Grund ist, dass die Ausstellung exzellent kuratiert wurde. Es werden fantastische Geschichten über Sichtweisen und ihre Veränderungen offenbart. Es wird deutlich herausgearbeitet wie die Welt langsam immer größer wurde und wie das Unbekannte dieser Welt immer schneller weniger wurde.

Insel Makian Joannes Vingboons, In: Altlas Blaeu-Van der Hem, Band 40, Amsterdam um 1670 © OeNB Und nicht zuletzt wird deutlich, wie nahe sich Wissenschaft, Kunst, Sammelleidenschaft und Geheimhaltung kommen können. Nur kurze Zeit ist eine Seite aus dem 50-bändigen ”Atlas Blaeu-Van der Hem” zu sehen, der alles dies in sich vereint. Seit 2003 steht das Monumentalwerk einer Sammlerleidenschaft - die auch geheimes Material einschloss - auf der UNESCO-Liste Memory of the World als Weltdokumentenerbe.

Titelblatt David Fabricius, Korte Beschryvinge van West Indien, Hamburg 1612 © OeNB Geografie, Topografie, kulturelle, wirtschaftliche, politische und naturwissenschaftliche Betrachtungen wurden in Karten und Tagebüchern aufgezeichnet. Einige vermischten Fundiertes und Fiktion, andere hielten sich strikt an das Beobachtete.

Insel Gungong Api Amsterdam um 1670 (Ausschnitt aus der Karte der Banda Inseln) © OeNB Und auch funktionale Land- und Seekarten überschreiten oft die Grenze zur fiktionalen Kunst. Und genau das ist es, was das ausführliche Betrachten selbst für Laien so spannend macht. Jedes Objekt lädt zum intensiven Hinschauen ein. Unendliche Details können entdeckt werden. Details, die nicht nur Verzierung waren, sondern Bezüge zum damaligen Geschehen, den Auftraggebern und Benutzern herstellen.

Karte der Banda Inseln Amsterdam um 167 (Ausschnitt aus der Karte der Banda Inseln) © OeNB Schiffe, die beflaggt und unter vollen Segeln Kanonen abfeuern.

Afrika Willem Janszoon Blaeu, Africae nova descriptio, Amsterdam 1617 (Ausschnitt) © OeNB Schiffe, die mit vollen Segeln Fahrt aufnehmen.

Afrika Willem Janszoon Blaeu, Africae nova descriptio, Amsterdam 1617 (Ausschnitt) © OeNB Seeungeheuer, die den Längengrad durchschwimmen.

Kanada Novae Franciae Accurata Delineatio, Francesco Giuseppe Bressani, Paris 1657 © OeNB Einheimische in ihren Booten , die sich auf die offene See wagen.

Sergipe (Brasilien) Georg Marggraf In: Joan Blaeu, Atlas Maior, Amsterdam 1662 (Ausschnitt) © OeNB Tiere, die faszinierten oder als landestypisch angesehen wurden.

Pirat in der Karibik Alexandre Olivier Exquemelin, Histoire Des Avanturiers, Paris 1686 © OeNB Natürlich auch die unvermeidlichen Piraten, die bis heute ein Problem der Seefahrt sind, in zeitgenössischen Bildern.

Männer aus Cochin India Maior, Hand Burgkmaier d. Ä., Oppenheim 1509 (Ausschnitt) © OeNB Und besonders spannend sind Berichte und Bilder über ferne Kulturen und fremde Völker. Erstaunlich ist, dass zunächst noch wertfrei abgebildet wird. Weniger überraschend wie schnell sich der Wandel vollzieht und Verachtung, Sklaverei und Völkermord dominieren.

Unglaublich faszinierend, eindrucksvoll und ewig schade, wenn man den Besuch verpasst.

© S. Strohschneider-Laue

Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

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Max Ernst

Samstag, 25. April 2009

ab acht

Mario Giordano
Max Ernst für Kinder
Dumont 2009, 52 S., reich illustriert
ISBN 978 3 8321 9172 6

Max Ernst für Kinder  Max

Die bunte Welt des Dadaisten und Surrealisten Max Ernst (1891-1976) macht Kinder neugierig auf Kunst. Sie werden sich an den Bildern nicht satt sehen können und ständig Neues entdecken. Und sie werden viele Techniken selber ausprobieren.

Anhand ausgewählter Werke werden nicht nur die Sichtweisen von Max Ernst anschaulich gemacht. Die Lebensstationen des vielfältigen Künstlers werden von Mario Giodano in leichter Sprache und vor allem über dessen Werke vorgestellt. Die Arbeitsweise von Max Ernst als Maler, Zeichner und Bildhauer wird durch die gelungene Bildwahl für das junge Publikum leicht fassbar. In den bunten Bilderreigen gesellen sich zahlreiche Fotos, die Max Ernst im Laufe seines Lebens mit vielen seiner WegbegleiterInnen zeigen.

Kreativität benötigt Interesse, offene Augen und die Fähigkeit - mit offenen und mit geschlossenen Augen - zu träumen. Schön wie Giordano den Kindern fast nebenbei vermittelt, dass Max Ernst zugleich mit offenen Augen sah und träumte, aber zugleich auch ebenso kritisch wie verspielt war. Eigenschaften, die alle Kindern kennen und viele von ihnen leider auf dem Weg ins Erwachsenenalter verlieren. Die überschäumende Lebenslust und die Freude am künstlerischen Experiment kennzeichnen das abwechslungsreiche Werk von Max Ernst zu denen auch Collagen und Frottagen zählen. Also auch Techniken, die Kindern gerne anwenden. Und das Motto, “erfinden, entdecken, enthüllen”, werden Kinder ebenso gerne aufgreifen.

Der lockere Erzählton wird, obwohl fast unmerklich mit vielen Informationen gespickt, auch jüngere Kinder fesseln. Die unvermeidlichen Fachbegriffe sind mit einem blauen Pfeil gekennzeichnet und können im Glossar nachgeschlagen werden. Bildnachweise, wichtige Bücher und interessante Weblinks runden das Buch ab.

Gelungen: Ein wunderbuntes Max-Buch und Traum-Ernst ist es auch!

© S. Strohschneider-Laue

Max

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Liebesleben

Samstag, 25. April 2009

Non-Fiction

Edvard Koinberg
Herbarium Amoris
Das Liebesleben der Pflanzen
Essays von Henning Mankell und Tore Frängsmyr 
Taschen 2009, 152 S., zahlr. Farbfotos.

ISBN 978 3 8365 1781 2

Herbarium Amoris  Koinberg - Herbarium Amoris

Sex sells! Ob das auch schon Carl von Linné (1707-1778) wusste? Immerhin bediente er sich einer sexuell aufgeladenen Sprache, um seine Methode der Klassifizierung von Planzen nach Zahl und Anordnung der Staubgefäße und Fruchtblätter publik zu machen. Seine Zeitgenossen waren erwartungsgemäß schockiert und Linnés Name in aller Munde. Doch seinem Systema sexuale war kein Glück beschieden, schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es überholt. Aber so ist die Wissenschaft. Zu dauerhaften Ruhm kam Lineé dennoch. Mit dem Werk Species plantarum verhalf er 1753 dem binominalen System zum Durchbruch und legte damit den Grundstein für ein standardisiertes, noch heute gültiges System der Pflanzenbenennung. Doch genug von Linné, schließlich steht nicht er im Mittelpunkt des Bildbandes “Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen”, sondern die wunderbaren Fotografien seines Landsmanns Edvard Koinberg. Dieser ließ sich vom Werk des großen Ordnungsliebenden nicht nur zu dem Projekt inspirieren, sondern gliedert auch die in der Publikation dargebotene Bilderflut nach dessen Calendarium florae. Linné kommt natürlich trotzdem nicht zu kurz. Ganz ohne Huldigung geht es nicht. Und so haben der bekannte Krimiautor Henning Mankell und der angesehene Wissenschaftler Tore Frängsmyr jeweils einen Essay über Carl von Linné beigesteuert.

Trotz des liebestrunkenen Titels geht es in dem Prachtband ganz züchtig zu. Keine Biene schwirrt von Blüte zu Blüte, kein Lüftchen treibt Pollen vor sich her. Dafür gibt es Pflanzen zu sehen, die in herkömmlichen Blumenbüchern mit künstlerischem Anspruch meist fehlen. Edvard Koinberg durchstreifte seinen Garten zu jeder Jahreszeit auf der Suche nach attraktiven Modellen. Blüten von Garten- und Wildpflanzen, Fruchtstände, knospende Zweige von Bäumen, ja sogar attraktives Gemüse holte er vor die Kamera. Die betörend schönen Aufnahmen von Flamingoblume und Zimmercalla belegen Abstecher zur Fensterbank.

Nicht auf jedem Foto sind die Porträtierten makellos. Manche sind bereits verwelkt und trocken, haben die beste Zeit ihres Lebenszyklus schon hinter sich. Schön sind sie dennoch. Erst im Vergehen tritt die Farbe zugunsten der Struktur zurück, gibt der Verfall den Blick auf Blattadern frei. Fest geschlossene Knospen hingegen lassen die kommende Blütenpracht erahnen. Was bei ihnen als Versprechen beginnt, wird von den am Höhepunkt ihrer Entwicklung festgehaltenen Blumen, die mit kräftiger Farbe und elegantem Wuchs verführen, erfüllt.

Edvard Koinberg spielt mit Schärfe und Unschärfe, Nahaufnahme und Dreiviertelporträt. Obwohl auf den Fotografien keine kunstvoll kombiniertten Blumensträuße zu sehen sind, erinnert die Lichtführung an die Blumenmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts. Manchmal ist es nur eine vom Stängel getrennte Einzelblüte, die vor dem schwarzen Hintergrund zu schweben scheint. Ein andermal wächst die Gestalt einer in gedämpftes Licht getauchten Pflanze geradezu aus dem mystischen Dunkel heraus.

Der prächtige Bildband “Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen” besteht fast ausschließlich aus seitenfüllenden, stimmungsvollen Fotografien. Als Abschluss des Buches sind die Pflanzenporträts nochmals klein abgebildet und mit Beschreibungen versehen - damit das Rätselraten um die Identität der Dargestellten ein Ende hat.

© Ch. Ranseder

 Koinberg - Herbarium Amoris

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Meiji - Japan um 1900

Dienstag, 14. April 2009

Notiz

Meiji
Japan um 1900
MAK Schausammlung Asien
5. April bis 4. Oktober ‘09

MEIJI. Japan um 1900 Ausstellungsansicht, MAK-Schausammlung Asien 2009 © MAK/Georg Mayer 

„Meiji” (strahlende Herrschaft) war der Äraname des 122. Tenno (1852-1912). 1868 kam der 16-jährige Mutsuhito an die Macht. Unter seiner Herrschaft kam es zu grundlegenden Änderungen. Der Regierungssitz wurde von Kyoto nach Edo (ab 1868 Tokyo) verlagert. Unter anderem wurde Schul- und Wehrpflicht - gegen heftige Widerstände der Bevölkerung - eingeführt. Das bestehende Feudalsystem wurde zu einer konstitutionellen Monarchie nach westlichen Vorbild umgewandelt. Und nach der Satsuma-Rebellion kam zu dem das Ende der Samurai. Der Niedergang dieser zahlungskräftigen Auftraggeber wirkte sich nicht nur auf Kunst und Kultur aus.

Vase Bronze mit plastischem Dekor Netz mit Krabben Künstlermarke Tesai Japan, vor 1872 Or 0462 / aus dem Orientalischen Museum, 1873 erworben auf der Wiener Weltausstellung © MAK Die Förderung internationaler Kontakte war aus wirtschaftlichen Gründen dringend nötig. Internationale Beziehung wurden auch bei Weltausstellungen angestrebt. Die japanische Leistungschau bewährte sich aber nicht durch Anpassung an westliche Vorbilder, sondern durch die Beibehaltung traditioneller Produkte. Japanische Kunst beeinflusste schließlich die westliche Welt und ihre Künstler - nicht zuletzt den Jugendstil - nachhaltig.

Fächerförmige Wandverzierung Meiji-Periode (1868–1912), vor 1873 Holz mit Goldlackdekor in verschiedenen Techniken, signiert Ikeda Taishin (1829–1903) La 056/ erworben 1873 auf der Wiener Weltausstellung © MAK/Georg Mayer Österreich war auch um die Jahrhundertwende zwar nicht unter den Letzten, aber wieder einmal sehr spät dran. Erst 140 Jahre bestehen die diplomatischen Beziehungen zu Japan. 1873 präsentierte Japan einen traditionsverhafteten Reigen kunsthandwerklicher Produkte auf der Wiener Weltausstellung. Ein große Anzahl der Objekte wurde von der japanischen Regierung damals an europäische Museen übergeben. Ein Teil dieser Schenkung gelangte auch in die Sammlung des heutigen MAK und ist in dieser Ausstellung zu sehen.

Kassette für Teeutensilien mit zwei Deckelkästchen Japan, Meiji-Periode (1868–1912), vor 1873 Holz mit Gold- und Silberdekor auf schwarzem Lack (Streulacktechnik, Maki-e) Or 3830/ erworben 1873 auf der Wiener Weltausstellung © MAK Ergänzt wird die Schau durch Objekte, die Japanreisende und Sammler gestiftet haben. Zwischen 1870 und 1912 sind die 90 exquisiten Objekte entstanden, die in der Ausstellung gezeigt werden. Und jedes einzelne Objekt verdient beim Betrachten die volle Aufmerksamkeit. Chronologisch gereiht verweilt man genüsslich bei Tassen, Schalen, Schüsseln, Vasen, Schreibschatullen, Zigarrenkiste, Teekassette, Ziergegenständen aller Art und nicht zuletzt auch bei drei nur auf den ersten Blick einfachen Korbflechtereien. Und auch an den schmalen Körbchen mit den hochgezogenen zarten Bügeln sollte man nicht achtlos vorbeigehen. Bis ins letzte Detail kunstfertig gearbeitet, lassen sie schon jetzt Vorfreude auf eine zukünftige Ausstellung aufkommen, die sich der Korbflechterei widmen wird.

Vase (Detail) Japan, Meiji-Periode (1868–1912), vor 1885 Bronze mit Einlegearbeiten und Gravierungen Go 0630/ erworben aus der Internationalen Ausstellung von Arbeiten aus edlen Metallen und Legierungen in Nürnberg 1885 © MAKDie nüchterne Ausstellungshalle kommt den unvergleichlichen Objekten zu Gute. Obwohl man es sich doch bei einigen Stücken wünschen würde, dass Spiegel auch deren Rückseite oder Unterseite zeigen würden.

Tafelbild Berg Fuji Japan, Seto, Meiji-Periode (1868–1912), um 1872 Porzellan mit kobaltblauer Unterglasurmalerei, signiert: Kawamoto Masukichi Ke 02071/ erworben 1873 auf der Wiener Weltausstellung © MAKManches Objekt ist täuschend schlicht gearbeitet und enthüllt seine außergewöhnliche Verarbeitungstechnik oder Gestaltung erst beim genauen Hinschauen. Andere wieder prunken mit allem was technisch möglich und künstlerisch zu verantworten war. Skurriles und nonfunktionales Design ist hier genauso vertreten wie Meilensteine für den Japonismus.

Unbedingt anschauen (Samstag bei freiem Eintritt) und bedauern, dass es keinen Katalog gibt.

© S. Strohschneider-Laue

Der Japonismus und seine Bedeutung für das Bildverständnis von Edouard Manet
Japanische Impressionen eines Kaiserlichen Gesandten. Karl von Eisendecher im Japan der Meiji-Zeit
Die Außenpolitik der Meiji-Zeit
Das moderne Japan 1868-1952: Von der Meiji-Restauration bis zum Vertrag von San Francisco

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Der Mond

Montag, 13. April 2009

Non-Fiction

Andreas Blühm (Hg.)
Der Mond
Hatje Cantz 2009, 304 S., 160 Farb- und 20 SW-Abb.
ISBN 978 3 7757 2403 6

Der Mond Der Mond

Für “Der Mond” wurde nicht mit Papier gespart. Der Mond darf im Vorspann des Buches von der Sichel zum Vollmond schwellen und im Nachspann wieder zur Sichel schrumpfen. Grundlage für das lehrreiche Daumenkino sind die 40 Mondkarten des Johannes Hevelius, die dieser 1647 in seiner “Selenographia sive lunae descriptio” veröffentlichte. Erstmals vollständig wiedergegeben, sind diese Mondansichten trotz ihrer Wissenschaftlichkeit kunstvoll ausgeführt und schön anzusehen. Damit ist das Thema der ansehnlichen Publikation “Der Mond” bereits umrissen. Es geht um die Darstellung des Himmelskörpers in Wissenschaft und Kunst. Denn der wissenschaftliche Fortschritt, der solche Meilensteine wie die Erfindung des Fernrohres und die Mondlandung mit sich brachte, schlug sich auch in dem Bemühen um die korrekte Wiedergabe des Mondes nieder. Schließlich bedurfte die Forschung schon immer der Bilder, um ihre Ergebnisse zu kommunizieren. Doch der Mond und sein Abbild fesselten nicht nur Astronomen, wissenschaftliche Illustratoren und später Fotografen, sondern auch Vertreter der bildenden Kunst. Ihr Interesse am Erdtrabanten war stärker von kulturhistorisch bedingten Trends geprägt, gänzlich frei von wissenschaftlicher Neugier waren jedoch auch viele Maler nicht.

Andreas Blühm verfolgt in seinem unterhaltsamen Essay “Monde” das Wechselspiel der Disziplinen, die von Wissbegier und technischen Erfindungen ausgelösten Wandlungen der Weltanschauung und ihren Niederschlag in der Kunst. Künstler reagierten nicht nur auf den Wissensstand der Zeit, sondern entwickelten eigene Vorlieben. So verschob sich zum Beispiel im Verlauf des 18. Jahrhunderts ihr Interesse von der Darstellung der physischen Gestalt des Mondes auf jene des Mondlichts. Sinister wird es im 20. Jahrhundert, wenn als Dritter im Bunde PR-Fachleute Fotos des Mondes zu Propagandazwecken einsetzen.

Ob sich Künstler bei der Darstellung des Mondes an der Stellung des Originals am Firmament orientierten, erkundet Hermann-Michael Hahn in seinem Beitrag “Wie Künstler den Mond sahen. Künstlerische Freiheit und astronomische Wirklichkeit” an ausgewählten Gemälden - und kommt dabei zu überraschenden Ergebnissen.

Der Wettlauf in der Wissenschaft ist nichts Neues. Er machte schon Galileo Galilei zu schaffen. Horst Bredekamp legt in “Galileio Galileis ‘Sternenbote’ von 1610: Der Beginn der neueren Mondbetrachtung” dar, wie sich der große Astronom eilte, der Erste zu sein.

Der ausführliche Katalogteil des Buches “der Mond”, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erschienen ist, gliedert sich in sechs Kapitel - treffend als Mondphasen bezeichnet. Das Spektrum der vorgestellten Objekte umfasst wissenschaftliche Kartenwerke und Instrumente, Gemälde vom 15. Jahrhundert bis zur modernen Kunst, Fotografien des Mondes, Sattelitenaufnahmen und vieles mehr. Sogar Standbilder aus Filmen - Kubricks “2001″ und Langs “Die Frau im Mond”- fanden Aufnahme. Die begleitenden Texte sind großzügig bemessen, reich an Informationen und eine überraschend spannende Lektüre. Freunde des Erzählerischen seien jedoch gewarnt! Wer hofft, in “Der Mond” Illustrationen von Märchen, Nursery Rhymes, Science-Fiction-Romanen oder ähnlich Populärem zu finden, wird enttäuscht werden.

Die Ausstellung “Der Mond” ist noch bis 16. August 2009 im  Wallraf-Richartz Museum & Fondation Corboud, Köln, zu sehen.

© Ch. Ranseder

Der Mond

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Hermann Obrist

Donnerstag, 09. April 2009

Non-Fiction

Eva Afuhs, Andreas Strobl (Hgg.)
Hermann Obrist Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

Museum Bellerive, Staatliche Graphische Sammlung München
Scheidegger & Spiess 2009, Dt./Engl., 248 S., zahlr. Abb.
ISBN
ISBN 978 3 85881 239 1

Hermann Obrist Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

Hermann Obrist (1862-1926) war ein Suchender. Vielseitig begabt und leicht zu langweilen, kam er über den Umweg der Naturwissenschaften zur Kunst. Vier “Visionen” brauchte es, bis der junge Hermann seine Berufung erkannte und sich ganz dem Kunstgewerbe verschrieb. Wie sein Werdegang verlief, erzählt der Künstler, der einst in München den deutschen Jugendstil maßgeblich formte, in der Autobiografie “Ein glückliches Leben”. Seine Erinnerungen bilden - durch Papier, Farbe und mittige Platzierung von den wissenschaftlichen Beiträgen abgehoben - das Herzstück des Buches “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″.

Das künstlerische Schaffen von Hermann Obrist ist nur noch lückenhaft erhalten. Vieles kam nie über das Entwurfsstadium hinaus, ging verloren oder wurde im zweiten Weltkrieg zerstört. Nahezu das gesamte bildhauerische Werk sowie eine fotografische Dokumentation der Grabmäler und Brunnen befinden sich heute im Museum für Gestaltung, Zürich. Ein weiterer bedeutender Teil seines Nachlasses hat sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung, München, erhalten. Das als gemeinsames Projekt der beiden Institutionen entstandene Buch “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ und die begleitende Ausstellung führen erstmals diese Teile des Nachlasses zusammen.

Unter welchen dramatischen Bedingungen Teile des Werkes von Hermann Obrist gerettet werden konnten, schildert der erste Beitrag des reich bebilderten Buches. Eva Afuhs und Andreas Strobl stellen in “Erste Grundlagen zu einem fragmentierten Werk” den Nachlass vor. Im Zuge dessen untersuchen sie sowohl die künstlerische Entwicklung des Bildhauers als auch die Rezeption und Bedeutung seines Werkes im Kontext des damaligen Kunstverständnisses. Hermann Obrist wollte neue Wege beschreiten. Er fand neue, originelle Ausdrucksformen und experimentierte als einer der Ersten mit den Materialien Plastilin und Zement. Als Inspirationsquelle für seine Plastiken, Textilien und Zeichnungen sammelte er Abbildungen aus Zeitschriften. Damit nahm er die “mood-boards” heutiger Designer vorweg. Wäre Hermann Obrist noch am Leben, könnte er vermutlich als Ausstatter von Fantasy-Filmen Erfolge feiern. Seine bildhauerischen Arbeiten wirken fantastisch-fremdartig, bisweilen sogar bedrohlich. Eva Afuhs und Andreas Strobl benutzen den treffenden Ausdruck “biomorph”. Obrist orientierte sich an der Natur, jedoch ohne sie zu kopieren. Er fing Bewegung und Wachstum als Ausdruck der inneren Kraft eines Organismus ein und verkörperlichte sie als Spirale oder Peitschenschlaglinie. Für ihn sollte Kunst das Gefühl des Lebens in übersteigerter Form erfahrbar machen.
Annika Waenerberg legt in “Lebenskraft als Leitfaden” dar, welche Faktoren sowohl Obrists Ringen nach einem einzigartigen persönlichen Stil als auch seine kunsttheoretischen Ideen beeinflusst haben. Die Erforschung der Wahrnehmung und der abstrakten Form beschäftigten den Künstler auch in seinen Zeichungen.
Stacy Hand geht in ihrem Beitrag “Feuer in Schwarzweiss” der Frage nach, welche Bedeutung Wahrnehmungspsychologie und naturwissenschaftliche Illustration für das Werk von Hermann Obrist hatten. Dieser widmete sich ja nicht nur der Praxis sondern auch der Theorie und Lehre. Als Mitbegründer der “Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk” dürfte er gut mit anderen Künstlern vernetzt gewesen sein.
Ingo Starz wirft in “Ornamental-Plastik” Licht auf den Dialog und die, anlässlich der Werkbundausstellung in Köln 1914 erfolgte, Zusammenarbeit mit Henry van de Velde.
Dass Hermann Obrist sich der Bedeutung seiner Grabmäler und Brunnen bewusst war, darf aus der qualitativ hervorragenden fotografischen Dokumentation der Werke geschlossen werden. Viola Weigel analysiert in “Hermann Obrist und die Fotografie” das im Nachlass erhaltene Konvolut von 49 Aufnahmen. Im Zuge dessen legt sie dar, wie der Blick durch das Objektiv die Wahrnehmung der Arbeiten und ihrer Platzierung im Raum beeinflusst.
Warum Obrist ausgerechnet der Gestaltung von Grabmälern besondere Aufmerksamkeit schenkte und welche Erfolge er mit seinen Werken verbuchen konnte, beschäftigt schließlich Hubertus Adam in “Symbolische Erinnerungen an die Natur”.

“Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ ist die erste Monografie über den eigenwilligen Bildhauer, Textildesigner, Zeichner, Theoretiker und Lehrer. Die in deutscher und englischer Sprache wiedergegebenen Essays leisten einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Gesamtwerkes von Hermann Obrist. Zu den hervorragenden Texten und der großzügigen Bebilderung gesellt sich für designbewusste LeserInnen ein zusätzlicher Bonus. Das Buch besticht mit einer edlen Gestaltung, die es wohltuend von der Masse der verfügbaren Kunstpublikationen abhebt. Mehr sei hier nicht verraten. 

© Ch. Ranseder

Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900

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Malweiber

Donnerstag, 09. April 2009

Non-Fiction

Katja Behling, Anke Manigold
Die Malweiber
Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.

ISBN 978 3 938045 37 4

Malweiber Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900

Im 19. Jahrhundert gab es zahllose Frauen, die als Künstlerinnen tätig waren. Sie nutzten die wenigen ihnen offen stehenden Ausbildungsmöglichkeiten, stellten aus, gewannen Preise, schlossen sich in Vereinen zusammen und verkauften ihre Werke. Nur in die offizielle Kunstgeschichte haben sie, bis auf wenige Ausnahmen, ihren Weg nicht gefunden. Je radikaler, fortschrittlicher und innovativer die von den Künstlerinnen entwickelte eigene Bildsprache war, desto größer die Ablehnung der zeitgenössischen männlichen Kunstkritiker. Der mutige Bruch mit den bestehenden Geschlechterrollen, die Überwindung äußerer und innerer Barrieren kostete die kunstschaffenden Frauen enorme Kraft. Nicht selten waren Anfeindung und Spott der einzige Lohn. Besser fuhren Künstlerinnen, deren Werke mit Attributen wie charmant, reizend etc. bedacht werden konnten. Solange ihre Lebensführung und ihr künstlerischer Ausdruck einigermaßen den gesellschaftlich zementierten Vorstellungen des Weiblichen entsprachen, wurde ihnen zumindest zu Lebzeiten die Anerkennung nicht verwehrt. Die Zeit überdauert haben auch viele ihrer Werke nicht.

Wahre Wertschätzung zeigt sich im Sammeln, Bewahren und lebendig halten der Erinnerung. Das Ausmaß dessen, was verloren ging oder vernichtet wurde, macht erst die Lektüre eines Buches wie “Die Malweiber” bewusst. So fragwürdig es auch scheinen mag, 45 Künstlerinnen auf mageren 127 Seiten zu präsentieren, ermöglicht es doch einen einzigartigen Vergleich der Biografien und Überlebensstrategien dieser Frauen. Malen konnte jede von ihnen ebenso gut wie ihre männlichen Kollegen. Der Preis, den sie für die Ausübung ihrer Profession zu zahlen hatten, war ungleich höher. Der Balanceakt zwischen ersehnter Freiheit zur künstlerischen Verwirklichung und der Erfüllung weiblicher Pflichten gelang nur wenigen. Ehemänner oder Lebensgefährten, die sich willig zeigten, ihr Ego hintanzustellen und ihre Frauen zu unterstützen waren die Ausnahme. Von jenen Künstlerinnen, die nicht allein oder mit einer anderen Frau zusammenlebten, gaben viele wegen der Familie ihre künstlerischen Ambitionen frühzeitig auf oder pausierten. Andere stellten sich in den Schatten ihrer berühmteren Männer und verschrieben sich der Pflege deren Nachlasses anstatt jener des eigenen Werkes. Ohne Menschen, die ihre Arbeiten schätzen, ohne Fürsprecher, Förderer und Nachlassverwalter liefen und laufen Künstlerinnen Gefahr, vergessen zu werden. Wer liebender Verwandter entbehrt und von den Torwächtern des Kunstbetriebes, den Kritikern, Wissenschaftlern, Kuratoren und Galeristen, totgeschwiegen wird, der verschwindet in der Versenkung. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist keine Erscheinung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nur wessen Name in aller Munde ist, geradezu gebetsmühlenartig wiederholt wird, findet Aufnahme ins kulturelle Gedächtnis.

“Die Malweiber” leistet einen Beitrag, die Namen von Künstlerinnen in die Welt hinauszutragen und das Interesse für sie zu schüren. 45 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden von Katja Behling und Anke Manigold für ihr Buch ausgewählt: Paula Moderson-Becker, Marie Bock, Clara Rilke-Westhoff, Louise Moderson-Breling, Katharina Bamberg, Elisabeth Büchsel, Antonie Biel, Clara Arnheim, Henni Lehmann, Anna Gerresheim, Elisabeth von Eiken, Anna Natalie Sinnhuber, Margarethe Sinnhuber, Helene Neumann, Alma del Banco, Anita Rée, Käte Lassen, Julie Wolfthorn, Augusta von Zitzewitz, Clara Siewert, Charlotte Berend-Corinth, Dora Hitz, Käthe Kollwitz, Ida Braubach, Mathilde Knoop-Spielhagen, Mathilde Battenberg, Viktoria von Preussen, Anna Klein, Maria Langer-Schöller, Emmi Walther, Paula Wimmer, Johanna Oppenheimer, Marianne Werefkin, Lolo von Hornstein, Waltraut Niepmann, Gabriele Münter, Sophie Taeuber-Arp, Clara von Rappard, Louise Breslau, Aloïse Corbaz, Bronica Koller, Tina Blau, Helene Funke, Marie-Louise von Motesiczky und Else Lasker-Schüler. Ihren knappen Biografien ist eine Einleitung, die sich mit den Ausbildungsbedingungen von Frauen im Kunstbetrieb und der Bedeutung von Künstlerkolonien auseinandersetzt, vorangestellt. Bestimmend für die Gliederung des Buches sind die Arbeitsorte der Künstlerinnen - sei es ländliche Künstlerkolonie oder Großstadt. Jeder wird kurz vorgestellt, doch leider beleben diese Texte nur Zitate von Männern, die sich überschwänglich zur Schönheit der Orte und ihren Besonderheiten äußern. Wäre es in einem Buch über Künstlerinnen nicht interessanter zu erfahren, wie es ihnen dort gefiel? Und so las ich “Die Malweiber” mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend weil jede Publikation über Künstlerinnen zählt, weinend weil hier den einzelnen Persönlichkeiten so wenig Platz eingeräumt wird. Zwischen einer und vier Seiten sind die - Text, Foto der Künstlerin und Werkbeispiele umfassenden - Biografien lang. Oder sollte ich sagen: kurz? Die Möglichkeit zusätzliches Bildmaterial in der Einleitung und auf Schmuckseiten unterzubringen, wurde bedauerlicherweise nicht ausgeschöpft. Stattdessen finden Bilder zweimal Verwendung, Katharina Bambergs “Schafstall auf Hiddensee” ist sogar dreimal abgebildet.

Das Buch “Die Malweiber” ist Zusammenfassung und potentieller Ausgangspunkt zugleich. Paula Moderson-Becker und Käthe Kollwitz haben bereits Aufnahme in den “Kanon” der Kunstgeschichte gefunden. An ihnen kommt man nicht mehr so leicht vorbei. Einige der in dem Buch vorgestellten Malerinnen wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt und mit Ausstellungen gewürdigt. All jenen, die bislang nur in Sammelbänden aufscheinen, wünsche ich eine Monografie, reich an Abbildungen und Originalzitaten. Damit auch ihre Stimme gehört wird.

© Ch. Ranseder

Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900

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Halali Esterházy

Donnerstag, 26. März 2009

Non-Fiction

Stefan Körner (Hg.)
Fürstliches Halali
Jagd am Hofe Esterházy
Prestel 2008, im Schuber, 345 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4153 8

Fürstliches Halali Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

Auf Burg Forchtenstein wird vom 10. Mai ‘08 bis 31. Oktober ‘10 die Jagdtradition im Fürstenhaus Esterházy präsentiert. Der Katalog bietet unabhängig von der Ausstellung einen exzellenten Überblick zur Jagdgeschichte zwischen adeligem Privileg, elitärem Zeitvertreib und modernem Waidwerk. Vier Jahrhunderte fürstlicher Jagd werden hier von ihren prächtigsten und selbstbewussten Seiten gezeigt.

Hält man den großformatigen Prachtband in Händen, fällt der Blick sofort auf die moderne Diana mit ihrem Gebirgsschweißhund, die den Schuber zieren. Das leinengebundene Werk hingegen lädt die Augen mit dem Bild eines Jägers aus Meißner Porzellan auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Und der thematisch einstimmende Augenschmaus setzt sich im Inneren ungebrochen mit historischen Stichen, Gemälden, Kunstobjekten, Trophäen, alten und modernen Fotografien - Manfred Horvath, Gerhard Wasserbauer -  fort.

Die AutorInnen des Bandes unterziehen die Jagd und die Jagd der Fürsten Esterhazy in ihren Beiträgen genaueren Betrachtungen.

Henrike Hülsbergen widmet sich unter dem Titel “Jagdlust: Von der höfischen Jagd zur Großwildjagd im 21. Jahrhundert” vor allem den gesellschaftlichen Wechselbeziehungen der männerdominierten Jagd. Dennoch spart sie verhaltenspsychologische Aspekte nicht aus und verleiht ihrem spannend geschriebenen Beitrag eine kritische Note, die man sonst nicht findet.

“Den “Formen und Mitteln der Hohen Jagd” widmet sich ausführlich Margit Knopp. Beizjagd, Hetzjagd und Parforcejagd sind nur drei der von ihr ausführlich beschriebenen Methoden Tiere zur Strecke zu bringen. Jagdformen denen auch die Esterházys und ihre Gäste gerne frönten. Die Kosten waren von Methode zu Methode unterschiedlich, aber bei der Umstellten Jagd nur noch als enorm zu bezeichnen. Die gewaltige Anzahl der erlegten Tiere wurden nicht nur an der höfischen Tafel aufgetischt, sondern wurden u. a. verkauft oder zu wohltätigen Zwecken verschenkt.

Identität, Stand, Würde und Zeitvertreib stellt Stefan Körner in “Die Fürsten Esterházy und die ungarische Jagdgeschichte” in den Mittelpunkt. Tiergärten, Jagdhunde und Ausstattung waren wichtige Besitztümer, die in Urkunden und Bildquellen festgehalten wurden. Der umfangreiche Beitrag schöpft zu dem aus einer Fülle von Originalzitaten und stellt auch durch aktuelle Fotos Querbezüge zwischen historischen Dokumenten und der Gegenwart her.
In einem knappen, wenig reflektierenden weiteren Beitrag widmet Körner sich noch “Wilderei als Diebstahl und Auflehnung gegen den Fürsten”.

Endre Balsay trägt mit “Esterházy-Jagden und -Jagdgebiete bei Eszterháza 1871-1945″ zum Verständnis der wirtschaftlichen Faktoren bei.

“Jagd heute - heute jagen? Die Bedeutung der Jagd bei den Esterházy Betrieben” von  Hans-Peter Weiss verfolgt die wirtschaftliche Bedeutung anhand der betrieblichen Situation bis in die Gegenwart.

Florian Thaddäus Bayer nimmt sich am Beispiel eines Mitglieds der Fürsten Familie der Großwildjagd an. “In beinahe 80 Tagen um die Welt: Prinz Louis Esterházy und die Großwildjagd” werden seine Leidenschaften für Reisen, Jagd und Militär begleitet von zahlreichen Fotografien und Trophäen aufgegriffen. Kuriositäten, darunter die Reisetoilette, die auf den Fahrten mitgeschleppt wurde, wie seltsame Mitbringsel und Präparate begleiten die Biographie. Janós Hasenbock - ein präparierter Hase, der am 31. Dezember 1898 sein Leben aushauchte - mutet unter all den unzähligen Überresten von toten Tieren auf verdrehte Weise geradezu menschlich  an. Auf den Hinterbeinen stehend, stützt er sich auf eine Krücke, um seine verbundene Hinterpfote zu schonen. Um sein Haupt ist ein Tüchlein gebunden und er hat einen geflickten Leinenbeutel umhängen. In der rechten Pfote hält er einen Brief, seinen “Amtlichen Erlaubnisschein” für lebenslange Almosen. Ein überaus spannender Artikel, spiegelt er doch am Beispiel von Prinz Louis Esterházy - oder auch durch Janós Hasenbock - das Selbstverständnis des Adelshauses.

Die richtige Ausrüstung betrifft nicht nur Waffen. “Die Jagdbekleidung am Hofe der Fürsten Esterházy” von Angelika Futschek zeigt deutlich wie Funktionalität mit Standesbewusstsein miteinander verwoben waren. Und dies betraf nicht nur die Fürsten selbst, sondern auch die Ausstattung, die sie ihren jagdlichen Angestellten maßschneidern ließen. Die Schriftquellen informieren genau über die Kosten, sie beschreiben, Stoffqualitäten, Farben und nennen die beauftragten Schneider. Und wenn man von einem Augenzeugen erfährt, dass die Uniform des Fürsten mit Perlen, Brillanten und Smaragden besetzt war, weiß man auch, dass man sich Kleidung für den Angestellten passend zu deren Funktion gut leisten konnte und aus Hofhaltungsgründen auch leisten wollte.

“Josef Haydn, die Jagd und die Musik” greift Gerhard J. Winkler analytisch an ausgewählten Instrumenten und musikalischen Beispielen auf. Josef Haydn war bis 1790 rund 30 Jahre als Musiker und Hofkappellmeister im Dienste der Fürsten Esterházy. Und Musiker dienten seit dem Altertum dazu den Auftraggeber nicht nur zu unterhalten, sondern ihn auch zu preisen und damit seine Hofhaltung zu unterstreichen. Somit widmete sich Haydn musikalisch auch der Jagd, die einen großen Raum der Fürsten einnahm.

Felix Tobler greift unter dem sperrigen Titel “Forstverwaltung und Jagdorganisation des Esterházy-Majorates vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts” ein wirtschaftsgeschichtliches Thema auf. Der Aufbau einer zentralen Jagd- und Forstverwaltung ermöglichte langfristig, zielgerichtet und vor allem wirtschaftlich zu planen.  Auch wenn in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts prunkvolle Hofjagden aus finanziellen Gründen eine Seltenheit wurden. Schade, dass man nichts Näheres über die dienstlichen Verfehlungen des Domänendirektionsrates Rampichel erfährt, das hätte das hochinteressante aber dennoch aus überwiegend buchhalterischen Quellen schöpfende  Jagd- und Forstgeschichtekapitel um geschmackige menschliche Details abseits der Verwaltung bereichert. 

Herbert Zechmeister und Stefan Körner werfen in ”Die Jagdmonturdepots der Fürsten Esterházy: Waffen, Netze und Kutschen für die Jagd” einen ausgiebigen Blick auf den Bestand.1806 enthielt z. B. die Gewehrkammer in Eisenstadt 630 Jagdwaffen. Viele kamen von namhaften Herstellern. Und leider hat sich hier ein Druckfehler eingeschlichen: Der berühmte Joseph Manton wurde fälschlich als Monton bezeichnet. Waffen, Netze, Kutschen und vieles mehr musste gelagert, gepflegt und veraltet werden. Dazu kommen noch die Trophäen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gefrönten Jagdlust angesammelt haben. Eine große Herausforderung an das Personal und an den Geldbeutel - damals wie heute.

Der Katalogteil hebt sich optisch und haptisch vom Textteil ab. Die rauere Papierqualität des Katalogs - der Textteil ist auf Hochglanzpapier gedruckt -  unterstreicht historische Dimension der Objekte zusätzlich. Die Objekte aus vier Jahrhunderten fürstlicher Jagdgeschichte werden gelistet, anschaulich beschrieben und abgebildet. Karten zu den Jagdgebieten und Bibliographie runden das gewichtige Werk, dessen grafische Gestaltung ebenfalls besticht, ab. Ein besseres Korrektorat (u. a. alte/neue Rechtschreibung) wäre allerdings wünschenswert gewesen.

© S. Strohschneider-Laue

Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

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Gemalte Gärten

Dienstag, 24. März 2009

Non-Fiction

Nils Büttner
Gemalte Gärten
Bilder aus zwei Jahrtausenden
Hirmer 2009, Geb. m. Schutzumschlag im Schuber, 238 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 4245 7

Gemalte Gärten Gemalte Gärten: Bilder aus zwei Jahrtausenden

Der Garten auf Carl Spitzwegs Gemälde “Der Gartenfreund” (1860) hat schon bessere Zeiten gesehen. Die begrenzende Mauer bröckelt, die Einfassungen der Beete sind geflickt und Unkraut wuchert. Dennoch wird das Gärtlein geliebt und gepflegt, davon zeugen schon die vielen blühenden Topfpflanzen. Ein Blick auf den einsamen Gärtner vertreibt jeden Zweifel, dass es anders sein könnte. Fürsorglich neigt sich der Mann, die Giesskanne in der Hand, zu einem Rosenbusch, der ihm in graziösem Bogen einige Ranken entgegenstreckt.

Spitzweg malte seinen Garten mit einem ironischen Augenzwinkern. Andere Maler verfolgten andere Ziele. Mit Pinsel und Farbe festgehaltene Gärten sind eine ergiebige Quelle mit deren Hilfe sich kultur-, kunst- und sozialgeschichtliche Fragen beantworten lassen. Gartenbilder erzählen von kultivierter Lebensart, sozialem Wandel, religiöser Erziehung, geheimen Wünschen, Besitzerstolz und Prestigedenken. Sie spiegeln die sich wandelnden Gartenmoden und Kunstströmungen. Natürlich bildet nicht jeder gemalte Garten einen realen Garten ab. Viele der schönsten Gartenansichten sind reine Fantasieprodukte, deren einzelne Bestandteile als Bedeutungsträger fungieren. Auch der Reiz des als dekoratives Beiwerk gemalten Grüns ist nicht zu unterschätzen. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Gartenbilder, die tatsächlich existierende Gärten in topografischen Ansichten festhalten.

“Gemalte Gärten” entführt auf einen Streifzug durch die glanzvolle Welt des Gartens in der Kunst. In chronologischer Abfolge bietet der Bilderreigen von allen Themen und Malweisen ein bisschen: römische Wandmalereien, Paradies- und Liebesgärten, als Orte mythologischen oder biblischen Geschehens dienende Gärten, topographische Ansichten, barocke Gartenanlagen, Landschaftsparks, bürgerliche Kleingärten, Künstlerrefugien, sogar ein Gemüsegarten und ein Münchner Biergarten sind dabei. Der graduelle Kontrast von der Feinmalerei, die auch noch die zarteste Blüte naturgetreu wiedergibt, zur völligen Abstraktion des Gartens führt die gesamte Bandbreite künstlerischen Ausdrucks vor Augen. Das großformatige, prachtvolle Buch lebt von der Vielzahl der in erstklassiger Qualität wiedergegebenen Gartendarstellungen. Aus den schönsten Abbildungen der gezähmten Natur werden Details herausgegriffen und seitenfüllend vergrößert, sodass Blumen oder einzelne Elemente des Gartens gebührend bewundert werden können. Das Register der vertretenen Künstler liest sich wie das Who´s Who der Kunstgeschichte. Nils Büttner setzt bei der Auswahl der Bilder zum überwiegenden Teil auf bekannte Namen. Jan van Eyck, Botticelli, Mantegna, Altdorfer, Lucas Cranach d. Ä., Tizian, Tintoretto, Pieter Brueghel d. J., Jan Brueghel d. Ä., Rubens, Watteau, Fragonard, Canaletto, Constable, Caspar David Friedrich, Corot, Pissaro, Renoir, Manet, Monet, Cezanne, van Gogh, Klimt, Nolde, Hundertwasser, Hockney - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Wie bereits der Untertitel des herrlichen Buches verkündet, liegt der Schwerpunkt von “Gemalte Gärten” auf den Bildern. Die fulminante Flut der Abbildungen wird von einem Text begleitet, der nach Herzenslust Hintergrundwissen zu den Gemälden und den auf ihnen dargestellten Szenen, Künstlern, Charakteristika der Kunstepochen und Strömungen der Gartenkunst vermittelt. Fraglos alles sehr interessant, aber auch ein wenig beliebig. Bei mehr als einem der ausgewählten Gemälde wäre ein konkreter Bezug zu dem dargestellten Garten (anstatt zu dem in ihm stattfindendem Geschehen) oder eine tiefergehende Analyse einzelner Gartenelemente wünschenswert gewesen.

“Gemalte Gärten” ist in erster Linie ein Fest für die Augen und somit das ideale Geschenkbuch für kunstsinnige Gartenfreunde.

© Ch. Ranseder

Gemalte Gärten: Bilder aus zwei Jahrtausenden

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Alfons Mucha

Sonntag, 15. März 2009

Non-Fiction

Agnes Husslein-Arco, Jean Louis Gaillemin, Michel Hilaire, Christiane Lange (Hgg.)
Alfons Mucha
Hirmer 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 7035 1

Alfons Mucha Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010

Das Buch “Alfons Mucha” und die gleichnamige Ausstellung kommen zum richtigen Zeitpunkt. Sie spiegeln in Konzept und Werkauswahl zwei seit einigen Jahren vorherrschende, sich zu Trends verdichtende, gegensätzliche Stimmungen. Zum Einen ist die Freude am Dekorativen wieder erlaubt. Diese Sehnsucht nach dem Ornament lässt sich mit dem Erstarken der Illustration auch in der zeitgenössischen Grafik ablesen. Zum Anderen besinnen sich viele Volksgruppen trotz des vielbeschworenen europäischen Gedankens wieder auf ihre Wurzeln. Alfons Muchas Gesamtwerk vermag mit seiner beeindruckenden Bandbreite beide Pole abzudecken. Als Gebrauchsgrafiker wurde er mit Plakaten, Entwürfen für Verpackungen und Buchillustrationen im Stil der Art Nouveau berühmt. Mit der monumentalen Historienmalerei, die in der Bildfolge des “Slawischen Epos” gipfelte, verwirklichte er ein Herzensanliegen.

Alfons Mucha (1860-1939) war ein Multitalent. Den Anforderungen eines Projektes entsprechend, wechselte er mühelos zwischen den Genres, Medien und Formen des emotionalen Ausdrucks. Auch mit dem Verlauf seiner Karriere stand der vielseitig begabte Künstler dem heutigen Bild des Stardesigners näher als den Malerfürsten des 19. Jahrhunderts. Herausragendes Können reicht oft nicht aus, um in der Kunstszene zu bestehen. Mucha verfügt darüber hinaus über die Fähigkeit Netzwerke aufzubauen, die Bereitschaft zur Mobilität und eine gehörige Portion Glück. Im südmährischen Ivančice geboren, zieht es Alfons Mucha nach seiner Ablehnung durch die Prager Akademie der bildenden Künste nach Wien, wo er als Theatermaler tätig ist. Es folgen Abstecher nach Mikulov und Schloss Gandegg in Tirol. Mucha hat das Glück in den Grafen Egon und Eduard Khuen Belassi finanzielle Förderer zu finden. Ihre Unterstützung ermöglicht ihm einen Studienaufenthalt in München und die Fortsetzung seiner Ausbildung in Paris. Prägender als die akademische Schulung sind in diesen Jahren jedoch die Treffen mit Künstlerfreunden, in deren Rahmen nicht nur Geselligkeit gepflegt, sondern - vor allem in München - Seite an Seite selbst gewählte Aufgabenstellungen gelöst werden. Gegen Ende des Jahres 1894 erhält Alfons Mucha durch eine glückliche Fügung die Chance ein Plakat für das Theaterstück “Gismonda” zu entwerfen. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt ist von seiner Schöpfung so begeistert, dass sie mit ihm einen Vertrag auf sechs Jahre abschließt. Von da an geht es mit Muchas Karriere steil bergauf. Es folgen zahlreiche kommerzielle grafische Arbeiten, Schmuckentwürfe sowie die fantastische Ausstattung des Juweliergeschäftes von Georges Fouquet. Seine Beschäftigung mit dem Kunstgegenstand erreicht mit den als Handbuch gedachten “Documents Décoratifs” einen Höhepunkt. Die Gebrauchsgrafik allein befriedigt den begnadeten Zeichner jedoch nicht. Neben seinen dekorativ-heiteren Arbeiten verwirklicht Mucha künstlerische Projekte zu religiösen und patriotischen Themen, darunter die bildliche Umsetzung des Vaterunsers. Ein weiteres Standbein ist seine Lehr- und Vortragstätigkeit. Letztere führt ihn 1904 in die USA, wo er mehrere Jahre lebt und arbeitet. Hier gelingt es ihm auch einen Mäzen für den “Slawischen Epos” zu finden. Doch Amerika kann Mucha nicht halten. Er übersiedelt nach Prag, um sich der Ausschmückung des Primatorensaals im Repräsentationshaus und den Monumentalgemälden des “Slawischen Epos” zu widmen.

Der Prachtband “Alfons Mucha” würdigt die Vielseitigkeit des weitgereisten Künstlers. Großformatige Abbildungen, die ein wahres Fest für die Augen sind, bieten einen Querschnitt durch sein Lebenswerk. Die zahlreichen Essays zeichnen sich durch originelle Zugänge zu Muchas Kunstschaffen und neue Schwerpunktsetzungen aus.

Jean Louis Gaillemin geht in “Linie und Figur - der ‘Mucha-Stil’” Muchas Interesse an spiritistischen Experimenten nach und untersucht, wie der Künstler seine Beobachtungen zu Kompositionsregeln verdichtete, um sie in verschiedenen Ausdrucksstilen zur Anwendung zu bringen.

Roger Diederen rekonstruiert in “‘Hier leuchtete die Flamme der Kunst’. Alfons Muchas Münchner Jahre (1885-1887)” Muchas Weg nach München, wo sich sein Geschick soziale Netzwerke zu knüpfen voll entfaltete.

Arnauld Pierre setzt in “Musikalische Ekstase und Fixierung des Blicks. Mucha und die Kultur der Hypnose” die in Muchas Atelier stattfindenden Experimente in einen historisch-medizinischen Kontext. Im Zuge dessen führt er vor Augen, wie Mucha die Betrachter seiner Plakate manipuliert und welche hypnotische Wirkung seiner Gebrauchsgrafik innewohnt.

Olivier Gabet stellt in “Der Kunstgegenstand bei Mucha” den Perfektionisten als fantasiebegabten Schöpfer kunstgewerblicher Gegenstände vor und spannt dabei den Bogen von der Gebrauchsgrafik über die “Documents Décoratifs” bis zu Schmuckentwürfen und Geschäftsausstattung für den Juwelier Georges Fouquet.

Dominique de Font-Réaulx schildert in “Die fotografische Inszenierung bei Alfons Mucha” die Freude des Künstlers an der Fotografie, mit deren Hilfe er nicht nur seine Freunde und Familie für die Ewigkeit festhielt, sondern auch seine historischen Gemälde vorbereitete.

Alfred Weidinger befasst sich in “Alfons Mucha und der Pavillon für die osmanischen Provinzen Bosnien-Herzegowina auf der Weltausstellung in Paris 1900″ mit Entstehungsgeschichte und Bildprogramm des repräsentativen Projektes.

Lenka Bydźovská und Karel Srp verfolgen in “Das ‘Slawische Epos’: Wort und Licht” die Genese des Monumentalwerkes. Im Zuge dessen analysieren sie Muchas Interpretation der slawischen Geschichte, seine Erzählweise und die gewählten Formen des visuellen Ausdruckes.

Tomoko Sato entdeckt in “Fotografie: Die andere Seite Muchas” Mucha als Fotokünstler.

Den Aufsätzen folgt ein umfassender, nach 11 Themen gegliederter Bildteil mit jeweils einem einleitenden Text zu jedem Abschnitt. Biographie, Werkverzeichnis und Auswahlbibliographie runden das stattliche Buch ab. Anlass für das Erscheinen der Publikation “Alfons Mucha” ist die gleichnamige Ausstellung, die von 12. Februar bis 1. Juni ‘09 im Belvedere, vom 20. Juni bis zum 20. September ‘09 im Musée Fabre und vom 9. Oktober ‘09 bis zum 24. Jänner ‘10 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, gastiert.

© Ch. Ranseder

Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010

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Art Brut in Österreich

Freitag, 13. März 2009

Non-Fiction

Angelica Bäumer (Hg.)
Kunst von Innen. Art Brut in Austria
Holzhausen 2007, Dt, Engl., 480 S., zahlr. farbige Abb.
ISBN 978 3 85493 126 3

Kunst kommt von Innen Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Der 480 Seiten mächtige zweisprachige Katalog nimmt sich umfassend der Art Brut / Outsider Art in Österreich an.  Der Katlog steht einer internationalen Wanderausstellung  zur Seite die zur Zeit in Istanbul (26. März bis 27. April ‘09: Marmara Universität, Fakultät für Schöne Künste) zu sehen ist. Beiträge von 26 AutorInnen, Interviews, Porträts der Ateliers und Werkstätten und zahlreiche Abbildungen bieten einen tiefen Einblick in die Szene zwischen Therapie und Kunst, deren KünstlerInnen und ihre Werke einen festen Platz im Kunstschatz der Moderne erobert haben.

In fünf Kapiteln - Geschichte der Art Brut, Dialog zwischen Therapie und Kunst, Art Brut und die Moderne Kunst, Ateliers und Werkstätten | Ziele und Projekte, Museen und Sammler - entwickelt sich anhand der Beiträge ein umfassendes Bild des derzeitigen Forschungsstandes. Die AutorInnen: Daniel Baumann, Angelica Bäumer, Roder Cardinal, Rainer Danzinger, Claudia Dichter, Jean Dubuffet, Gerhard Ederndorfer, Karlheinz Essl, Johann Feilacher, Franzobel, Peter Gorsen, Christine und Irene Hohenbüchler, Alfred Hrdlicka, Max Kläger, Michael Landau, leo Navratil, Peter Pongratz, Arnulf Rainer, Hannah Rieger, Thomas Röske, Gerhard Roth, Elisabeth Telsnig, Michel Thévoz, Günther Weixlbaumer, Margit Zuckriegl.

“Art Brut in Austria” dokumentiert einerseits die Diskussion und Entstehungsgeschichte rund um Art Brut / Outsider Art, andererseits wird ein guter Einblick in die derzeitige Situation in Österreich geboten. Die Stärke des Sammelbandes liegt nicht zuletzt darin, dass unterschiedliche Ansätze gleichberechtigt nebeneinander vorgestellt werden. Die Diskussion, ob Art Brut als eigenständige Kunst - unabhängig von der begeleitenden Krankengeschichte - betrachtet werden soll oder nicht, wird von beiden Seiten minutiös analysiert und ausführlich auch im Rahmen des historischen Kontextes argumentiert. Insbesondere Psychiater und Künstler haben sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Art Brut befasst und sich mit der Intensivität des künstlerischen Schaffens abseits der tradierten und oft auch zeitgeistigen Normen auseinandergesetzt. So war Max Ernst der erste, der seine Werke und die Arbeiten von Geisteskranken gleichberechtigt nebeneinander ausstellte. Das Kunstverständnis der Nationalsozialisten griff hingegen auf die Sammlung Prinzhorn zurück, um genau das Gegenteil im Rahmen der Ausstellung “Entartete Kunst” zu dokumentieren.

Das bekannteste Atelier in Österreich ist das Art/Brut Center Gugging, das von Leo Navratil 1981 als “Zentrum für Kunstpsychotherapie” gegründet wurde. Aber “Gugging” ist nicht allein. Rund 30 weitere Einrichtungen arbeiten in ganz Österreich. Aufnahme in den Katalog fanden allerdings nur jene, die nicht nur temporär und mit Erwachsenen arbeiten.

Angelica Bäumler ist es als Herausgeberin von “Kunst von Innen, Art Brut in Austria” gelungen, renommierte ExpertInnen in diesem Band zu versammeln und trotzdem noch die Zeit zu finden selbst zu recherchieren und ihre Fachkenntnis einzubringen. Eine große Herausforderung, die dazu führte, dass die Bandbreite des Themas wirklich umfassend beleuchtet wurde. Nicht zuletzt tragen die von ihr geführten Gespräche auch  dazu bei, eine Innensicht der Museen und Sammleranliegen zu erhalten. Ein bisschen mühsam ist es allerdings, weiterführende Literatur den Fußnoten der einzelnen Beiträge zu entnehmen. Ein Literaturverzeichnis wäre benutzerfreundlich gewesen, hätte aber den Band vermutlich auf 500 Seiten anschwellen lassen. Mit und ohne Literaturverzeichnis ein unverzichtbares Grundlagenwerk, das seine Bedeutung behalten wird und für diesen Kaufpreis nachgerade ein Schnäppchen ist.

Die Frage, ob Art Brut Kunst ist, hat sich m. E. erübrigt; denn Kunst, wenn sie nicht reines ausführendes Kunsthandwerk ist, sondern entwerfend, rezipierend und erzählend, darstellend, gestaltend den soziokulturellen Kontext aufgreift sowie persönliche Emotionen widerspiegelt, nicht zuletzt immer Art Brut ist. Erst in der persönlichen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt sowie der anschließenden künstlerischen Umsetzung kommt Kunst von Innen und ist Kunst wirklich Kunst. Und sie kommt dann ganz unabhängig von pathologischen Bedingungen von innen, aber nur wenn sie von psychisch schwer gestörten Menschen stammt, wird sie unter Art Brut als eigene Stilrichtung geführt. Eine Gesellschaft, die Art Brut ablehnt, grenzt aus; denn sie lehnt nicht nur allein Kunst, sondern damit die Individualität und die Freiheit des Menschen an sich ab.

© S. Strohschneider-Laue

Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

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Galerie Gulliver

Dienstag, 10. März 2009

Notiz

Von der großen Kunst im kleinen Raum

Galerie Gulliver © Inge Link

So manches Großes in der Welt der Kunst ist einfach nur aufgeblasen. Und wenn man genauer schaut, ist ganz schnell die Luft raus.

Andererseits hat so manches Kleine in der Welt der Kunst die Kunst für sich entdeckt wirklich größer zu sein als der umgebende Raum. Und wenn man genauer schaut, ist man immer noch draußen und trotzdem schon mittendrin.

Der Ausstellungsraum (B80 x T34 x H20 cm) der Galerie Gulliver ist hiermit für den RDG-Award “Größte unter den kleinsten Galerien” nominiert. Sponsoren für den soeben geschaffenen RDG-Award werden noch gesucht. Von der RDG (=Relativität der Größe) des Sponsorings hängt die Umbenennung des Awards nach Wünschen des Hauptsponors und unter Rücksichtnahme auf bereits rechtlich geschützte Namen wie BASTA, Pasta oder Oscar ab.

© S. Strohschneider-Laue

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Prinzip Monochrom

Sonntag, 22. Februar 2009

Non-Fiction

Monika Kopplin (Hg.)
Prinzip Monochrom
Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit
Hirmer 2008, Dt./Engl., 188 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 7055 9

Prinzip Monochrom Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit

Die in “Prinzip Monochrom” präsentierten Lack- und Keramikobjekte wirken so frisch, innovativ und modern als hätte sie ein trendiges Designstudio des 21. Jahrhunderts entworfen. Dass sie mehrere hundert Jahre alt sind und großteils aus archäologischen Ausgrabungen stammen, sieht man ihnen auf den ersten Blick nicht an. Doch sie wurden zum überwiegenden Teil in der Song-Zeit (960-1279 n. Chr.) von begnadeten chinesischen Handwerkern für die damalige gesellschaftliche Elite geschaffen. Die atemberaubend schönen Gefäße spiegeln den verfeinerten Geschmack der Song-zeitlichen Oberschicht, die sich lieber mit Kunst- und Kultur als mit der Kriegsführung beschäftigte. Die Song-Dynastie setzte in ihrer Außenpolitik auf Friedensverträge. Da durch Tributzahlungen weniger Gold und Silber im Umlauf waren, mussten neue Statussymbole gefunden, neue Werte definiert werden. Lack- und Keramikkunst eigneten sich - gemeinsam mit der Teezeremonie - hervorragend, um kultivierten Geschmack und Gelehrsamkeit zur Schau zu stellen.

Hochwertige, großformatige Fotografien rücken in “Prinzip Monochrom” die noch immer begehrenswerten Lack- und Keramikarbeiten ins rechte Licht. Beim Blättern in dem reich bebilderten Buch ist nicht zu übersehen, dass die Natur den Song-zeitlichen Handwerkern eine Quelle der Freude und Inspiration war. Blüten, denen auch eine symbolische Bedeutung beigemessen wurde, standen Pate für anmutige Teller, Schalen, Schalenständer und Dosen. Die Ausgewogenheit der schlichten Formen und die technische Perfektion der exquisiten Oberflächengestaltungen verleihen den Produkten eine außergewöhnliche Eleganz und Zeitlosigkeit. Jahrhunderte nach dem Untergang der Song-Dynastie kam es in der Qing-Zeit zu einem Wiederaufleben der Wertschätzung monochromer Lacke und Keramiken. Formen und Glasuren der Song-Zeit wurden nachgeahmt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts beflügelten technische Neuerungen kreative Handwerker jedoch auch zu eigenständigen Schöpfungen im Geiste des Altertums, die an Schönheit den Song-zeitlichen Werken ebenbürtig sind.

“Prinzip Monochrom” - ein gemeinsames Buchprojekt von Museum für Lackkunst, Münster, und Fondation Baur, Genf - erfreut durch eine perfekte Balance von attraktivem Bildteil und exzellenten Texten. Die Bandbreite der angeschnittenen Themen ist groß:
Dieter Kuhn vermittelt in “Die gesellschaftlichen Hintergründe für die Blüte monochromer Lacke und Keramiken in der Song-Zeit” die Grundlagen zum Verständnis der Song-zeitlichen Kunst. Dabei spannt er den Bogen von der Vorstellung des politischen und gesellschaftlichen Gefüges über die Kunst und Kultur favorisierende Geisteshaltung bis zum Lebensstil und den ästhetischen Vorlieben der herrschenden Elite.
Patricia Frick stellt in “Leichte Formen, stille Farben - die Vollendung Song-zeitlicher Lackkunst” die Techniken, in der die monochromen - zum Teil mit Aufschriften und Goldverzierungen versehenen - Lackobjekte gefertigt wurden, vor und weist auf die enge Wechselwirkung mit der Keramik hin.
Monique Crick befasst sich in “Schlichtheit, Eleganz und technische Perfektion - die Keramik der Song-Zeit” eingehend mit der Keramikherstellung und der künstlerischen Vielfalt der Warenarten.
Patricia Frick zeigt in “Formenreichtum - die Entdeckung der Schönheit der Natur” wie sehr die Keramiken und Lacke der Song-Zeit von der Natur inspiriert sind und welche symbolische Bedeutung den Formen innewohnt.
Soon-Chim Jung erzählt in ” Bedeutung und Einfluss der Song-zeitlichen Teekultur” von der Zubereitung und dem Genuss des Tees, dem mit der Wahl der richtigen Teeschale verbundenen Vergnügen und der Rolle des Teetrinkens im gesellschaftlichen Leben.
Monika Kopplin schildert in “Kaiserliche Chrysanthemen - eine Gruppe monochrom roter Lacke und ihrer Porzellanimitationen aus der Ära Quianlong” das vom Kaiserhaus ausgehende Bestreben im 18. Jahrhundert die Formen und ästhetischen Ideale der Song-Zeit wieder aufleben zu lassen.
Monique Crick widmet sich in “Die Wiederbelebung der monochromen Glasur unter der Quing-Dynastie” der mit den ausklingenden 18. Jahrhundert endenden letzten Blüte der monochromen Keramik, wobei sie den technischen Aspekten besondere Beachtung schenkt.
Ein ausführliches Glossar und ein Literaturverzeichnis runden schließlich die umfassende Darstellung der monochromen Lack- und Keramikproduktion in der Song- und Qing-Zeit ab.

“Prinzip Monochrom” ist ein bedeutender Beitrag zur Erforschung der chinesischen Handwerkskunst und gleichzeitig von der ersten bis zur letzten Seite ein intellektueller und optischer Genuss.

© Ch. Ranseder

Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit

siehe auch:
Im Zeichen des Drachen. Von der Schönheit chinesischer Lacke
Japanische Lacke, die Sammlung der Königin Marie-Antoinette
Japanische Lackkunst der Gegenwart. Funktion und Design, Tradition und Modernität am Beispiel Kyotoer Lackmeister (Ausstellungskatalog (zweisprachig) Deutsch / Englisch)
Russische Lackkunst aus zwei Jahrhunderten
Lacke des Barock und Rokoko. Baroque and Rococo Lacquers

Sichuan Restaurant Wien

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Albertina: Fotografie und das Unsichtbare

Donnerstag, 19. Februar 2009

Non-Fiction

Corey Keller (Hg.)
Fotografie und das Unsichtbare
Brandstätter 2009, Dt, Engl., 216 S., ca. 200 Abb.
ISBN 978 3 8503 3271 2

Albertina: Fotografie und das Unsichtbare Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900

Von 11. Februar bis 24. Mai ‘09 wird in der Albertina eine Ausstellung des SFMOMA gezeigt.

Die Zeit als sich Wissenschaft und Kunst in der Fotografie trafen, steht im Mittelpunkt von Ausstellung und Publikation. Unsichtbare, kleine, entfernte und bewegte Bildwelten taten sich damals vor dem staunenden Publikum auf. Trotz der heutigen Möglichkeiten und Erkenntnisse übendiese Fotos eine bis heute ungebrochene Faszination aus. Fotografie im Dienste der Wissenschaft verwandelt für das menschliche Auge Unsichtbares in Sichtbares. Die Ausstellung in der Albertina steht mit dem Katalog und fällt ohne ihn. Der Mehrwert für BesucherInnen liegt in Authentizität und Nähe zum Original(-abzug), während der Mehrwert für LeserInnen in der Aufbereitung des komplexen Inhalts sowie Bildmaterial liegt. 

Corey Keller - Kuratorin für Fotografie am SFMOMA -  betrachtet mit “Abbilder des Unsichtbaren” das an wissenschaftlichen Entdeckungen und industriellen Neuerungen reiche 19. Jahrhundert mit den Augen der Fotografen und des staunenden Publikums. Zugleich verweist sie auf die Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst. Der Artikel trägt maßgeblich zum Verständnis der Wissenschaftsfotografie in ihrer historischen Entwicklung bis zur Jahrhundertwende - und darüber hinaus - bei und regt zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema an.

“Die gesellschaftliche Prägung des fotografischen Blicks” stellt Jennifer Tucker in ihrem Essay vor. Amateure im Dienste der Wissenschaft und die damit voranschreitende Professionalisierung der beinahe schon massentauglichen Fotografie vor. Der gesellschaftliche Kontext in dem Wissenschaft und Fotografie sich damals bewegten, kann von Tucker natürlich nur angerissen werden, spannend ist es aber trotzdem. Es ist nteressant und spannend, wenn man bereit ist, auf der gebotenen Basis weitere Schlüsse zu ziehen. Es wird zwar nicht deutlich angesprochen, aber unterschwellig schwingt im Beitrag mit, dass Amateure nicht nur mehr, sondern sicher auch billiger waren als - wenn schon nicht gut, so dennoch bezahlte - Spezialisten. Und dass das Betätigungsfeld von reiner Wissenschaft auf den Spiritualismus (Geisterfotografie) ausgeweitet wurde, ist m. E. nicht verwunderlich. Mit der Dummheit der Menschen ist - abgesehen von der Pornographie - noch immer das meiste Geld zu machen. Von der Ehre der Forschung zu dienen, konnten auch im 19. Jahrhundert Fotograf nicht leben. Dasselbe gilt für die Suche nach der breiten Öffentlichkeit der Wissenschafter, deren Anliegen siche rnicht Volksbildung war. Klappern gehört zum Handwerk und ohne Öffentlichkeit gibt es bis heute keine Forschungsgelder.

Als die Fotografie die Natur entdeckte, wurden unsichtbare Welten mit sichtbaren Medien kombiniert. Tom Gunning widmet sich den Röntgenbildern, der Chronofotografie und den Geisterfotos. Die Albertina zitiert zu den Chronofotografien Josef Maria Eder (1886) Möglich auch, dass der Künstler in Zukunft manche gewagte Stellung einer Momentfotografie wiedergeben darf, welche man jetzt nicht goutieren will. Ein wahrhaft prophetischer Ausspruch in Anbetracht der ausgestellten “Bewegungsstudie” von Eadweard Muybridge vom “Verhauen eines Kindes”, deren wissenschaftlicher Anspruch vermutlich hinter den Verkaufsoptionen blieb. Während bei den Geisterbildern deutlich wird, dass man von der wissenschaftlichen Authentizität der Fotografie so überzeugt war, dass alles Abgebildete real sein musste. Der Widerstand von Wissenschaft und der Kirchenvertreter führte zur Verfolgung von Betrügern, die man heute eher als Verkaufstalente, Fakegenies und Künstler, denn Betrüger in ihrer Zunft ansehen sollte.

“Die wissenschaftliche Fotografie bei Josef Maria Eder” unterzieht Maren Gröning - Kuratorin der Fotosammlung  der Albertina - einer genauen Betrachtung. Wenn ihrem Beitrag auch die sprachliche Leichtigkeit fehlt, so ist der Inhalt um so spannender und ein Stück typisch österreichische (Wissenschafts-)Geschichte. Der Österreicher Josef Maria Eder (1855-1944) war Fotochemiker und Initiator der K.k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren. Seine persönlichen Netzwerke trugen maßgeblich zum Erfolg seines Instituts und dem Aufbau einer bedeutenden Sammlung bei, an die nach seiner Pensionierung niemand angeknüpft konnte. Der fotografische Teil - inklusive Apparate - wurde der Albertina 2000 als Dauerleihgabe übergeben und befindet sich seither in Aufarbeitung.

Der umfangreiche Tafelteil gliedert sich in: Das Mikroskop, das Teleskop, Bewegungsstudien, Elektrizität und Magnetismus, Röntgenstrahlen, Geisterfotografie, Farbfotografie. Die Einführungen in die einzelnen Themenbereiche stammen von Marie-Sophie Corcy, Maren Gröning, Corey Keller, Erin O’Toole und Carole Troufléau-Sandrin.

Technisches Glossar, Verzeichnis der Werke, Bildnachweis und ausgewählte Literatur runden einen ebenso attraktiven wie überaus spannenden Band zur Entwicklung der Wissenschaftsfotografie ab. Ein unverzichtbarer Katalog für alle, die sich für Fotografie interessieren. Dass der wissenschaftliche Kontext zentrales Anliegen ist, macht einen größeren Reiz aus als man zunächst annehmen möchte.

© S. Strohschneider-Laue

Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900

Siehe auch:
Facts - Tatsachen: Fotografien des 19. und 20. Jahrhundert aus der Sammlung Agfa Foto-Historama im Museum Ludwig Köln
Foto-Essays: Zur Geschichte und Theorie der Fotografie
Eder, Josef Maria (Hrsg.) und Eduard Kuchinka: Jahrbuch für Photographie, Kinematographie und Reproduktionsverfahren für die Jahre 1921-1927.

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Albertina: Gerhard Richter

Sonntag, 15. Februar 2009

Non-Fiction

Klaus Albrecht Schröder, Barbara Steffen
Gerhard Richter. Aquarelle und Zeichnungen
Hatje-Cantz 2009, Dt, Engl., 176 S., 124 farbige Abb.
ISBN 978 3 7757 2347 3

Gerhard Richter Gerhard Richter: Aquarelle und Zeichnungen

Von 30. Januar bis 3. Mai ‘09 werden in der Albertina 150 Werke von Gerhard Richter gezeigt. Das vielschichtige Œuvre wird durch Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, die zwischen 1963 und 2007 entstanden, repräsentiert. Das breite Spektrum der angewandten Techniken, stehen die Motive gegenüber, die auch private Erinnerungsorte des Künstlers zeigen.

Gerhard Richter (*1932, Dresden) begann seinen künstlerischen Werdegang als Schriften-, Bühnen- und Werbemaler bevor er an der Kunstakademie Dresden Aufnahme fand. 1961 floh er nach Westdeutschland und setzte sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf fort. 1971 bis 1993 übernahm er dort die Professur für Malerei. Von Konrad Lueg und Gerhard Richter wurde der “Kapitalistische Realismus”, der den “Sozialistischen Realismus” ironisierte, begründet. Kennzeichnend für sein Werk ist es nicht festgelegt zu sein. Abrupte Stilwechsel, permanente Stilbrüche, frei von Anliegen und subjektiver Befindlichkeit kennzeichnen seine Vorstellung vom offenen Werkbegriff.

Der bei Hatje Cantz in überragender Qualität erschienene Katalog “Aquarelle und Zeichnungen” widmet sich den weniger bekannten Arbeiten auf Papier. Im breiten Schaffen Richters nehmen diese Werke einen vergleichsweise kleinen Raum ein. Seine ersten Papierarbeiten entstanden 1964, einen Höhepunkt kann in den 80ern verzeichnet werden. Die letzten Blätter stammen von 1999. Nicht nur um auf dem letzten “Gerhard Richter” Stand zu sein, kann man auf diesen Katalog nicht verzichten. Der Katalog ist ein Muss, um sich nichts aus dem breiten Spektrum von Gerhard Richter zu übersehen.

Barbara Steffen ist die tragende Autorin von “Gerhard Richter. Aquarelle und Zeichnungen”. Sie stellt in dem exzellent aufgebauten Essay einen knappen biografischen Abriss voran. Beginnend mit den Aquarellen folgt eine minutiöse Betrachtung Richters Arbeitsweise, die sich auch hier nicht an die engstreckten Vorgaben nur eines Mediums halten. Die Rolle des Zufalls und mögliche Querbeziehungen werden ebenso analysiert wie Ölarbeiten auf Papier. Im letzten Teil widmet sie sich Richters Zeichnungen, die sie in figurative Zeichnungen, Zeichnungen mit Tusche und die abstrakten Zeichnungen der 1990er Jahren trennt. Der umfassende Bild (1966 - 2006) und Katalogteil wird durch Biografie, Ausstellungen, Bibliografie und dem Fotonachweis abgerundet.

Die grafische Gestaltung des Bandes ist durch sein attraktives und zugleich zurückhaltendes Layout mit ausreichend Weißraum ein Lichtblick in der Katalogwelt und soll deshalb zuletzt auch erwähnt sein.

© S. Strohschneider-Laue

Gerhard Richter: Aquarelle und Zeichnungen
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Die Porträts von Gerhard Richter

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Hunger auf Kunst und Kultur

Dienstag, 10. Februar 2009

Notiz

Ist Armut (un)sichtbar?

Sieht man reichen Leuten ihr Geld an? Nicht unbedingt! Es hängt von der Lebensphilosophie ab. Nicht alle Menschen erfüllen die an sie gerichteten Erwartungshaltungen hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes. Nicht alle Superstars laufen ständig im Glamourlook herum, nicht alle erfolgreichen Banker gehen in karierten Knickerbockern Golf spielen, nicht alle betuchten Österreicher tragen Steireranzüge und nicht alle Promifrauen tragen Etikettenmuster.

Also ich persönlich kenne einige reiche Leute, darunter mehrfache Euro-Millionäre, die Handstrickpullis von ihrer Mutter bevorzugen, grundsätzlich am Flohmarkt ihre Ledersachen kaufen und niemals Werbung - außer in eigener Sache - auf Bekleidung oder Accessoires herumtragen würden. Diese Gruppe wird ständig falsch eingeschätzt, was unter anderem einen Teil ihres Erfolges ausmacht.

Andererseits kenne ich bedeutend mehr Leute, die überhaupt nicht mit ihrem Geld auskommen. Nicht nur, weil sie wenig Einkommen haben mit dem es wirklich schwer ist ein Auskommen zu finden, sondern weil sie sich mit jedem etikettierten Firlefanz - auch wenn es asiatische Fakeware ist -  ausstaffieren, der nach fünf Minuten auseinanderfällt oder modisch untragbar wird. Diese Gruppe wird ebenfalls falsch eingeschätzt, was wiederum einen Hauptteil ihrer erfolgreichen Überlebensstrategie ausmacht.

Und dann gibt es noch jene unfassbare Masse, von deren Geldbörsel man absolut nichts weiß und die man gar nicht einschätzen kann. Leute aller Schichten, die irgendwann einmal ein mehr oder minder teures Qualitätsprodukt für die Ewigkeit gekauft haben. Genau das Gewand, das man früher als “gutes Sonntagsgewand” bezeichnet hat und nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt wurde. Anlässe wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, Museums-, Konzert- und Theaterbesuche. Auch mein Vater hat so einen Anzug - der nach 50 Jahren bereits zum dritten Mal modern ist - im Schrank. Die Konfirmation meines Bruders machte den Anfang. Bei meiner Hochzeit und Victorias Taufe hat er ihn auch getragen. Das gute Stück macht noch immer etwas her und bietet nicht zuletzt immer erstklassigen Gesprächsstoff. Einerseits weil mein Vater unverschämter Weise noch immer hineinpasst und andererseits, dass er Anzügen immer mit einer Wendigkeit ausweicht, dass es einem Hasen schwindlig würde und er deshalb das Stück tatsächlich als ebenso neuwertig wie historisch wertvoll bezeichnen kann. Das ist eindeutig der Stoff, aus dem Erb- und Museumsstücke gemacht werden. 
Armutskonferenz
Und solche Sonntagskleider gibt es in vielen Schränken. Auch in den Schränken von Menschen mit so einem schmalen Geldbeutel, dass es monatlich nicht einmal zum Essen reicht und die Wiener Tafel aushelfen muss. Nur Gelegenheit das gute Stück anzuziehen gibt es für arme Menschen keine. Es gibt keine Konzertabende, keine Theateraufführungen und keine Museumsbesuche für die sie sich gerne fein anziehen würden - auch um das Besondere, das kulturelle Ereignis durch beste Bekleidung vom Überlebens-Alltag abzuheben. Die Kosten für nur einen einzigen kulturellen Genuss im Monat, der eigentlich  selbstverständlich oder zumindest leistbar sein sollte, sind für erschreckend viele Menschen völlig unerschwinglich.

Armut ist (un)sichtbar
Als ihr Mann noch lebte, sind sie häufig gemeinsam ins Konzert gegangen. Von der Mindestrente ist das für die Witwe nicht mehr möglich. Der edle Persianer, das “Must-Have” der 60er Jahre, hängt seit dem Tod ihres Mannes gut eingemottet im Schrank. Eine tiefschwarze Erinnerung an glücklichere Zeiten. Die Nachbarn halten sie für eine zurückhaltende Person. Immer sauber gekleidet, immer gleich, immer im Stil ihrer besseren Jahre.

Armut ist (un)sichtbar
Der Herr mit den Krücken ist Rentner. Er hat sein rechtes Bein durch Diabetes verloren. Bei schönem Wetter sitzt er im Park und spielt mit den anderen Tarock. Eigentlich würden er und seine Frau gerne ab und an ins Theater gehen, aber finanziell ist bei den vielen Medikamenten, die sie brauchen, und dem wenigen Geld, das sie gemeinsam haben, schon lange nicht mehr möglich. Er würde seinen dunklen Anzug und den Mantel anziehen und sie das blaue Kostüm mit der weißen Bluse. Die Nachbarn halten sie für stilles altmodisches Ehepaar. Er geht einkaufen, sie macht den Haushalt und abends sind sie immer daheim.

Aktionstag 2007 © lucy lynn, www.lynn-art.com

Wie ihnen geht es Vielen. Die AlleinerzieherInnen, die Geschiedenen, die MindestlohnempfängerInnen, die ProjektarbeiterInnen mit den “neuen Sonderverträgen” und die, die verzweifelt auf Arbeitssuche sind, weil sie nie die Voraussetzungen erfüllen und natürlich die Flüchtlinge aus allen Winkeln dieser Welt. Viele davon sind ebenso hungrig auf Kunst und Kultur wie auf das Essen, das sie oft genug nicht selbst bezahlen können. Und nur Wenigen sieht man die Armut wirklich an.
Ich habe die Armut auch nicht gesehen bei der Alleinerzieherin, deren Tochter in dieselbe Schule ging wie meine. Wir saßen im selben Businesskurs des Arbeitsamtes. Beide Uniabsolventinnen, beide auf der Suche nach neuen beruflichen Herausforderungen. “Herausforderung”, auch nur eine blöde Formulierung für: arbeitslos, zu alt (über 35!), überqualifiziert und obendrein auch noch weiblich. Im Gegensatz zu mir begann für sie die wirkliche Herausforderung schon beim täglichen Essen, setzte sich beim Schulmaterial kaufen fort und endete beim verzweifelten Hoffen, dass der Ex irgendwann einen Teil der Alimente zahlen würde. Die Bekleidung von der Caritas, um beim Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck machen zu können, war ein wirtschaftlicher Einbruch für einen ganzen Monat. Ihr hätte eine Auszeit im Theater, bei dem sie ihr schönes, aber ansonsten nutzloses Standesamt-Kleid hätte tragen können, sicher neue Kraft gegeben. Heute arbeitet die studierte Biotechnikerin für eine Versicherung. Sie gönnt sich wieder Kultur und spendet für andere, die es sich nicht leisten können, ab und an eine Eintrittskarte. Wie sie, halte ich es ab sofort auch; denn hungrig auf Kunst und Kultur sollte man nicht bleiben. Denn nicht nur der Magen gefüllt, sondern auch das Kulturbedürfnis muss gestillt werden, um dem Alltag begegnen zu können.

Aktionstag 2007 © lucy lynn, www.lynn-art.com

Und dass der Kulturhunger nicht zu groß wird, ist der Aktion Hunger auf Kunst und Kultur zu verdanken. Armutskonferenz und Schauspielhaus Wien initiierten die Aktion. Seit 2003 gewinnt “Hunger auf Kunst und Kultur” Kulturinstitutionen als Partner, um Menschen, die es sich nicht leisten können, den Zugang zu den Musentempeln zu erleichtern. Die Kulturpartner sind für die Finanzierung der Karten durch Veranstaltungen, Privatspender, die z. B. an der Museumskasse einfach den Wert einer Eintrittskarte spenden, und Großsponsoren selbst verantwortlich. Das Netzwerk der Armutskonferenz, karitative und soziale Hilfsorganisationen und das AMS übernehmen die Ausgabe der Kulturpässe. Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, die Sozialhilfe, Notstandshilfe oder Mindestpension beziehen und Flüchtlinge können auf diese Weise trotz ihrer fundamentalen Existenzsorgen ab und an Kunst und Kultur genießen.
Details wie es funktioniert, wie Sie Eintrittskarten spenden können oder wie Sie falls nötig einen Kulturpass beantragen können, erhalten Sie auf den Seiten von Hunger auf Kunst und Kultur.

Armut beginnt nicht erst in der Gruft.
Armut ist oft unsichtbar.
Armut kann jeden treffen.
Armut wohnt neben an.
Armut ist weiblich.
Armut grenzt aus.
Armut macht krank.
Armut macht hilflos.
Armut macht einsam.
Armut tut weh.
Armut muss nicht sein.

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Frauenkarriere: M. I. Hummel

Dienstag, 03. Februar 2009

Non-Fiction

Dido Nitz
M. I. Hummel
M. I. Hummel Ich will Freude machen!
Eine schicksalhafte Frauenkarriere

arsEdition 2009, Dt/Engl., 224 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7607 2964 0

Ich will Freude machen - Eine schicksalhafte Frauenkarriere Ich will Freude machen: Eine schicksalhafte Frauenkarriere

Sechs Kinder hatten die Kaufleute Adolf und Viktoria Hummel aus Massing an der Rott in Niederbayern. Eines davon, Berta (* 21. Mai 1909), wurde weltberühmt. Bertl war ein lebhaftes Kind, das nicht gerne stillsaß, aber die Welt trotzdem verträumt betrachten konnte. Und sie zeichnet nicht nur gerne, sondern auch sehr gut. Auf dem Internet Marienhöhe darf sie später sogar den Zeichensaal außerhalb der Schulstunden nutzen. Mit einem guten Zeugnis bewirbt sie sich 1927 auf der Staatliche Kunstgewerbe Schule in München, die sie ebenfalls mit ausgezeichneten Zeugnissen 1931 verlässt. Bereits ein Jahr zuvor hat sie um die Aufnahme bei den Franziskanerinnen in Sießen angesucht. Und so wird schließlich aus ihr Maria Innocentia Hummel und bereits 1932 begann die unglaubliche Hummel-Erfolgsgeschichte mit Kinderzeichnungen und Fleißbildchen. 1934 fallen die niedlichen Kinderbilder schließlich dem Vertreter der Porzellanmanufaktur W. Goebel auf. 1935 werden die ersten Hummel-Figuren präsentiert und beginnen ihren Siegeszug - bis zu ihrem Produktionsende 2008 - um die Welt. Und dabei war Hummels Werk vielfältiger. Trotzdem kennen die meisten “nur” Hummels pummelige Kleinkinder, die die Nazis übrigens als entartete Kunst mit “Darstellungen von klumpfüßigen Dreckspatzen” bezeichneten. Die Reichskammer der bildenden Künste nahm die Franziskanerin dennoch auf. Eine Ablehnung wäre einem Berufverbot gleichgekommen und das Deutsche Reich wäre um sehr viele Reichsmark ärmer gewesen, die als Steuergelder, Dank des enormen und weltweiten Hummel-Erfolges, in die Staatskasse flossen.

Anlässlich ihres 100. Geburtstages wird das kurze Leben, Wirken und Sterben der Franziskanerin Maria Innocentia “Bertl” Hummel von Dido Nitz akribisch und liebevoll zugleich eingefangen. Begleitet wird der übersichtlich gegliederte Band von unzähligen Familienbildern, Zeitzeugnissen und natürlich den Werken der Ausnahmekünstlerin selbst. Abgerundet wird die gut recherchierte Biografie im Anhang durch Fußnoten, Bildnachweise und Adressen. Zweisprachig auf Deutsch und Englisch abgefasst, wird die Publikation auch die zahllosen Fans in Amerika ansprechen. Das grafisch exzellente Layout wird für Bibliophile noch mit rotem Lesebändchen und einem Schuber abgerundet. Ein herrlicher Prachtband, der der talentierten Künstlerin und frommen Ordensfrau ein würdiges Denkmal setzt.

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Ich will Freude machen: Eine schicksalhafte Frauenkarriere

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KUNSTWERK

Montag, 02. Februar 2009

Notiz

KUNSTWERK
Kunst von Menschen mit Behinderung aus den Werkstätten von JaW im KHM

3. bis 15. Februar ‘09

Irokese, Caktas Wohl die meisten BesucherInnen im Kunsthistorischen Museum wünschen sich reich genug zu sein, um sich zumindest ein den Ausstellungsstücken vergleichbares Kunstwerk leisten zu können. Vielleicht ein dürres Mädchen von Cranach oder eine pralle Frau von Rubens. Atelierbetriebe, die damals die Reichen und Schönen so malten wie es sich die Fotografen-Kundschaft von heute ebenfalls erträumt. Denn auch vor der Erfindung der Fotografie und lange vor Photoshop wurde weggelassen, was unerwünscht war und ergänzt, was fehlte. Nicht umsonst ist Heinrich VIII. auf der Suche nach der idealen vierten Frau auf das Porträt der Anna von Cleve (Hans Holbein) “hereingefallen”. Jahrhunderte formten das Verhältnis von Künstlern und Kunden. Ein Verhältnis das übrigens selten eine Auftragsbeziehung zwischen Künstlerinnen und Kundinnen war und sich daher deutlich in den von Männern bevorzugten Sujets niedergeschlagen hat. Und Vieles hat vielleicht die Aktualität eingebüßt aber trotzdem die Anziehungskraft behalten. Und alle, deren Geldbeutel zu klein und das Plakat aus dem Museumshop zu schäbig ist, hoffen auf den zeitgenössischen Glückskauf als Wohnungsbehübschung mit Identifikationspotential. Leider haben die Dauerausstellung des KHM und die Sonderausstellung KUNSTWERK mehr als nur die Qualität der Bilder, Zeichnungen, Druckwerke und Skulpturen gemein. Man kann auch von den ausgestellten zeitgenössischen KUNSTWERKen nichts im Kunsthistorischen Museum kaufen. Es geht nämlich bis zum 15. Februar ‘09 nicht um Charity, sondern es geht um Kunst.

Schwimmerin, Lutschaunig Ohne den Streit “Künstler oder Kunsthandwerker” oder “Was ist Kunst” anzufachen, der ohnedies schon längst geführt wird, sind die Fragen nach “Künstler” oder “Kunsthandwerker”, Einzel- oder Atelierleistung zumindest berechtigt. Unberechtigt ist hingegen die Frage, ob Kunst von Menschen mit Behinderung überhaupt Kunst ist. Erlebtes verarbeiten, Befindlichkeit zum Ausdruck bringen, Sichtweisen zeigen, Erzählen durch Gestalten und vieles mehr macht Kunst(handwerk) zur Kunst. Obwohl rein finanziell gesehen erst das phrasenreiche Verkaufsgespräch und “Kaisers” Kaufbereitschaft so manche Kunst zum Kassenschlager macht.

Vision, Weissenbacher “Kunst ist das gemalte Wort”, sagte Thomas Weissenbacher (Künstler und Vorsitzender von Vienna People First) bei seiner Eröffnungsrede.
Direkt und unverfälscht, sind die Werke, die in KUNSTWERK gezeigt werden. Und sie lösen beim Betrachten “etwas” aus, ganz unabhängig von den SchöpferInnen werden die Werke unvoreingenommen wertvoll. Denn Begeisterung und Anerkennung für die gezeigte Kunst zu empfinden, hat ganz und gar nichts mit Mitleid zu tun.  Stolz sind daher die KünstlerInnen, die sie geschaffen haben. Sie sind stolz ernst genommen zu werden, dass ihre Kunst gefällt und auch ein bisschen stolz, dass ihre Werke im altehrwürdigen Bassano-Saal des Kunsthistorischen Museum gezeigt werden. Aber als KünstlerInnen sind vor allem eines: unprätentiös, begeisteurngsfähig und unabhängig.

Stadtlandschaft, Lehner Die KünstlerInnen wollen/müssen es niemand recht machen. Sie sind frei. Sie bringen ihre Befindlichkeiten zum Ausdruck und verarbeiten Erlebtes. Sie können über ihre Arbeiten sprechen ohne Schlüsselworte wie Position, Installation, ästhetisches Leitmotiv, abrupter Stilwechsel, minimalistische Farbfeldmalerei, eruptive Energie oder expressiv abstrakte Monochromie zu gebrauchen. Zufriedenheit ist befriedigend, Ehrlichkeit ansteckend. So ansteckend, dass BMin Dr. Claudia Schmied über das Bild, das ihr im Zuge der Eröffnung überreicht wurde, erfreut sagte: “Es sind meine Farben!”
Der Koloss KHM kommt langsam in Bewegung und entdeckt seine sozialen Kompetenzen - u. a. mit Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen ab Frühjahr ‘09. Und für den kaufmännischen Direktor Dr. Paul Frey war es auch eine persönliche ”Herzensangelegenheit” diese Ausstellung zu ermöglichen. Trotzdem ist die Ausstellung KUNSTWERK viel zu kurz. Andererseits besteht an keinem anderen Ort eine bessere Chance, dass sie in dieser Zeitspanne von sehr vielen Menschen auf der Suche nach hoher Qualität und der Kunstelite gesehen wird. 

Ich schließe mich dem Wunsch von Thomas Weissenbacher vollinhaltlich an: “Ich hoffe, es wird ein Riesenerfolg!”

© S. Strohschneider-Laue

KUNSTWERK
Beteiligte KünstlerInnen und Gruppen der Ausstellung

Bilder/Zeichnungen

Harfe, Basnar Charlotte Basnar (*1980 Wien), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien.

Thomas Weissenbacher (*1945 Steiermark) Werkstätte Grundsteingasse, 1160 Wie

Frühlingswiese, Im Werd 2 Gruppe Werd Zwei,  Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Pharao, Mirkovic Dragan Mirkovic (*1982), Werkstätte Kuefsteingasse, 1140 Wien

Abstrakt Rot, Katic Zeljko Katic (*1976 in Kroatien), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Hannes Lehner (*1986 Wien), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Schlangen, Grasnek Kurt Grasnek (*1944 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Bienen, Kuzma Susanne Kuzma (*03.06.1966), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Lisi Seidl (*12.11.1952), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Sarah Lutschaunig (*24.04.1984), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Schiff, Coban Michael Coban (*18.01.1967), Werkstätte Ayrenhoffgasse/FlipFlap, 1090 Wien

Teletubbies, Klaus Christine Klaus (*01.06.1949), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Franz Widmann (*18.02.1957), Werkstätte Elisenstraße, 1230 Wien

Rudolf Steindl (*25.05.1969), Werkstätte Im Werd, 1020 Wien

Kunstobjekte

Schnecke, Wagner Wolfgang Wagner (*19.10.1971), Werkstätte ALPHA, 1220 Wien

Keramikgruppe Landstraße, Werkstätte Landstraße, 1030 Wien

Rudolf Proschek (*18.01.1956), Werkstätte Kuefsteingasse, 1140 Wien

Vogel, Horizont Metallgruppe HORIZONT, Werkstätte HORIZONT, 1210 Wien

Dino Caktas (*1978 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Silvia Annerl (*1977 Wien), Werkstätte Speckbachergasse, 1160 Wien

Kunstwerk Kunst von Menschen mit Behinderung aus den Werkstätten von JaW im KHM 3. bis 15. Februar ‘09

Kunst kommt von Innen Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Buntes Haus  Buntes Haus 
siehe auch Rezension “Buntes Haus”

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Temple of Flora

Samstag, 27. Dezember 2008

Non-Fiction

Robert John Thornton
The Temple of Flora
Einleitung und Tafelbeschreibungen von Werner Dressendörfer
Taschen 2008, Dt./Engl./Frz./Span., Kassette, Booklet 44 S., zahlr. Abb., Mappe mit 33 Tafeln (53 x 42,5 cm)
ISBN 978 3 8228 5273 6

The Temple of Flora Thornton, Temple of Flora

Im sanften Licht des Mondes entfaltet die “Königin der Nacht” (Selenicereus grandiflorus) ihre Blütenpracht. Über ihr erhebt sich am Ufer eines Flusses die Ruine eines Glockenturmes, dessen Uhr die zwölfte Stunde anzeigt. An Romantik ist die im Jahr 1800 für “The Temple of Flora” angefertigte botanische Illustration kaum zu übertreffen. Es handelt sich um eine der stimmungsvollsten Tafeln in einem Werk, dem zu seiner Entstehungszeit - trotz seiner Schönheit - nur wenig Erfolg vergönnt war.

“The Temple of Flora” ist die Frucht der Leidenschaft eines Mannes, die ihn in den finanziellen Ruin trieb. Robert John Thornton ist ein gutes Beispiel dafür, dass Begeisterung allein noch keinen guten Geschäftsmann macht. Der studierte Mediziner praktizierte als Arzt in London, bewies sich als Autor und wurde zum “Public Lecturer on Medical Botany” ernannt. Seine Liebe zur Botanik gipfelte in einem monumentalen, dreiteiligen Publikationsvorhaben mit dem Titel “New Illustration of the Sexual System of Carolus Von Linnaeus”, mit dessen drittem Teil “The Temple of Flora” er dem großen Botaniker Carl von Linné huldigen wollte.

Das Fortsetzungswerk, dessen erste Lieferung 1799 erschien, vereinte wissenschaftlichen Anspruch mit emotionalem Überschwang. Während im ersten Teil (”Preliminary Observations”) Grundbegriffe der Botanik vermittelt werden, lässt das dem zweiten Teil (”The Prize Dissertation on the Sexes of Plants by Carolus Von Linnaeus, Written Anno Domini 1759″) vorangestellte Motto bereits Robert J. Thorntons Hang zur Poesie anklingen. Die folgende englische Übersetzung der bahnbrechenden Arbeit von Linné wird demgemäß nicht nur von Thorntons ergänzenden Kommentaren, sondern auch von lyrischen Ausbrüchen und überschwänglicher Kalligrafie begleitet.

“The Temple of Flora” schließlich setzt sich aus den botanischen Bildtafeln zusammen. 70 großformatige Pflanzenabbildungen sollten es werden, doch nicht einmal die Hälfte der geplanten Tafeln konnten umgesetzt werden. Die Kosten für die Maler der als Vorlage dienenden Ölbilder und die aufwändige Herstellung der Farbdrucke hatten Robert John Thorntons Vermögen verschlungen. Der Verkauf lief schleppend, die zu Werbezwecken eröffnete Galerie blieb erfolglos und auch eine Lotterie brachte nicht die erhoffte Finanzspritze. Das Projekt war nicht mehr zu retten. Thornton starb 1837 verarmt. Von seinem Enthusiasmus für Botanik geleitet, hatte er den Markt für seine unkonventionelle Publikation und deren Produktionskosten falsch eingeschätzt.

Die zahlungskräftige, der Pflanzenkunde zugeneigte Bevölkerungsschicht verlor durch den Krieg mit Napoleon, der nicht nur neue Steuern für den Erhalt des Militärs sondern 1806 auch die Kontinentalsperre zur Folge hatte, das Interesse an botanischen Publikationen. Für die Wissenschaft hatte der “Temple of Flora” wenig Wert, denn die Darstellung der Pflanzen folgte nicht den Regeln der botanischen Illustration. Auch die Landschaften, in denen die Gewächse wiedergegeben wurden, zeigte nicht deren tatsächliches natürliches Umfeld, sondern was die Maler dafür hielten.

Heute sind es gerade die malerische Qualität, die emotionsgeladene Dramatik und der - unfreiwillige - Humor der Darstellungen, die ihren Charme ausmachen. Wer kann sich schon das Schmunzeln verkneifen, wenn ein sanft errötender Amor durch den Dschungel pirscht und seinen gespannten Bogen auf eine ahnungslose Strelizie richtet? Oder Flora, blass und sichtlich verausgabt, in den Wolken schwebt, um “ihre wohltuenden Gaben über die Erde” zu verteilen?

Die Tafeln des “Temple of Flora” sind hübsch anzusehen. Noch mehr Spaß macht es, sich Geschichten zu den Hintergrundszenen einfallen zu lassen. Was denkt sich der Eingeborene, der den Puderquastenstrauch bestaunt? Werden die Schiffe, die der Sturm im Hintergrund von Meads Götterblume über das aufgewühlte Meer treibt, kentern? Wer wohnt in der abgelegenen, tief verschneiten Holzhütte hinter der Anhöhe, auf der Schneeglöckchen und Krokus den nahenden Frühling ankündigen? Fordert der Vulkanausbruch am Horizont der Landschaft mit Drachenwurz Menschenleben? Wird sich ein Liebespärchen im antikisierenden Rundtempel hinter der weißen Lilie treffen? Mit ein wenig Fantasie wird “The Temple of Flora” zur Unterhaltung der ganzen Familie.

Es sind die wunderbar unkonventionellen Tafeln von “The Temple of Flora” die Robert J. Thornton seinen Platz in der Geschichte der botanischen Illustration gesichert haben. Auch in der Veröffentlichung des Taschen Verlags bilden sie das Herzstück. Für jene, die sich einer so eindrucksvollen botanischen Publikation mit dem ihr gebührenden Ernst widmen wollen, hält ein Maxi-Booklet eine Vielzahl wissenswerter Fakten über das Werk, Robert J. Thornton und die beteiligten Künstler bereit. Hier sind auch die, den ersten und zweiten Teil des Gesamtwerkes zierenden, Grafiken und kalligraphischen Blätter abgebildet. Als Vergleichsbeispiele angeführte Seiten aus anderen botanischen Werken verdeutlichen die Einzigartigkeit des “Temple of Flora”.

In der Produktgestaltung hat sich der Taschen Verlag wieder einmal selbst übertroffen. Schon das Auspacken des Buches ist ein Erlebnis, ein fast erotisches Vergnügen des Enthüllens. Zuerst fällt die Verpackung aus braunem Karton. Schicht für Schicht dringt man zu den Tafeln vor… Und steht zu guter Letzt vor der Entscheidung: Lässt man sie in ihrer berückend schönen Hülle oder erfreut man sich ihrer als Wandschmuck?

© Ch. Ranseder

Thornton, Temple of Flora

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