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Spanien hören

Donnerstag, 08. Dezember 2011

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Antje Hinz
Spanien hören

Silberfuchs Verlag 2011, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6514 9

Spanien hören

Die kulturelle Vielfalt Spaniens wird in 80 Minuten und in 21 Häppchen als geniales Menü serviert. Die Länderreihe hat sich eindeutig zu einer stattliche Sammleredition mit steter Wiederhörqualität entwickelt. Historische, literarische und musikalische Clips lassen auf dieser CD ein ganz besonderes Bild von Spanien entstehen.

Beginnend mit den, zu den ältesten Kunstwerken der Welt zählenden, Höhlenmalereien von Altamira spannt sich ein kultureller Bogen über die Iberische Halbinsel. Phönizier, Griechen, Vasconen, Iberer, Kelten, Römer, Westgoten, Mauren bildeten die vielfältige Basis. In Spanien ist untrennbar mit dem kulturellen Aufstieg während des Mittelalters auch politisch-religiöse Macht verbunden: Islam und Christentum. Das kulturelle Zentrum in islamischer Zeit war Córdoba. Hier entwickelte sich zugleich ein multikulturelles “Mekka der Wissenschaften”. Wie oft wechseln Toleranz und Verfolgung einander ab. Toledo profitiert vom Zuwachs Intellektueller als sie die Stadt verfolgte Juden und Christen aufnimmt. Schließlich wird vom Norden ausgehend die Rückgewinnung Spaniens unter dem fadenscheinigen Deckmäntelchen der (Re-)Christianisierung vorgenommen. Dies mündet letztlich in der Inquisition. Systematische Verfolgung wird in Folge zum religiös untermauerten Staatsgeschäft, das die blühende Multikultur mit ihren Wissenschaftlern und Künstlern vernichtete. In Folge ging für Katholizismus, Kolonialismus und das Reich die Sonne nicht mehr unter. Marienverehrung, Askese auf der einen Seite sowie Don Quijote und das pralle spanische Volkstheater auf der anderen Seite sind nicht nur Gegensätze, sondern logische Folgen der Repressalien. Unter den Bourbonen sank der Stern des Katholizismus, Wissenschaft und Bildung wird zum Staatsanliegen. Dann kam Napoleon. Den Widerstand und den Kriegsgräuel zeigt niemand besser auf als Goya, der modernste, provozierendste, politisch und sozial kritischste Künstler - nicht nur zu seiner Zeit. Der Weg zur Verfassung und Republik war steinig, war aber auch der Weg zur nationalen Musik. Multikulturell, darunter die Musik und Sprache der Galizier, Basken, Katalanen und Roma, wird salonfähig. Ein fruchtbarer Nährboden auf denen einerseits Gaudi, Miró, Dalí, Picasso sich entfalten und andererseits im Zuge von Bürgerkrieg, Diktatur und neuer Nation Lorca, Celaya, Semprún, Marsé ihre Eindrücke in eindringliche, unvergängliche Worte fassen.

Dietmar Mues (†) präsentiert die Vielfalt außergewöhnlich abwechslungsreich vor dem Hintergrund vieler Musikzitate. Den optischen Genuss steuert Roswitha Röschs Grafik bei.

© S. Strohschneider-Laue

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Sex sells - Buch nicht immer

Donnerstag, 10. November 2011

Notiz

Leseprobe gefällig?

Rogenfänger vom Spreu ungetrennt © Sistlau

Wie den Lesehunger befriedigen, wenn man (noch) keinen eigenen Lesegeschmack entwickelt hat und (noch) nicht weiß, wie - sprichwörtlich - vielseitig die Literatur tatsächlich ist?
Wer buchmäßige Fremdbestimmung ohne Probleme akzeptiert, dem blüht vielleicht folgendes Schicksal:

  • Themenkaufwütiger werden, sobald (z. B.) “Sex” im Titel versprochen wird.
  • Passend zur Selbstdarstellung (z. B.) Markenfüllfeder, Maßanzug und Nobelschlitten die Lektüre auf den goldgeprägten Schweinsledereinband zum Laufmeterpreis reduzieren.
  • Mainstreambuchkonsum anheimfallen, um mitreden zu können.
  • Mitleser im Freundeskreis werden, dabei kann sich überaus Erstaunliches auftun.
  • Als Nervtöter BuchhändelerInnen zur Verzweiflung treiben, wäre ebenfalls eine Option der Unselbstständigkeit und Fremdbestimmungssucht.

Um diesen Einseitigkeiten zu entgehen, einige Tipps für die Annäherung an das Fremdobjekt “Buch”.

ErstleserInnen und LeseeinsteigerInnen
Seien Sie abenteuerlich, betreten Sie eine Bibliothek oder Buchhandlung. Seien Sie offen für Alles und kaprizieren Sie sich nicht gleich auf ein einziges Genre. Öffnen Sie viele Bücher, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Greifen Sie nicht nach der schulischen Pflichtlektüre, es gibt mehr als eine Galaxie im Universum.

Äußere Äußerlichkeiten
Beurteilen Sie Menschen nach Äußerlichkeiten? Nein? Dann tun Sie es auch nicht bei Büchern.
Bild, Autor, Titel, Empfehlungen und Awards sind nur die halbe Miete. Ein hässlicher Bucheinband ist sowieso Geschmackssache, ein in Riesenlettern gesetzter Autorenname ist kein Qualitätsgarant, ein kruder Titel ist meist nicht mehr oder weniger als eben “krude” und eine Bestsellerliste ist letztlich nur ein Verkaufsliste. Entscheiden Sie auch nicht nach männlichen und weiblichen Autorennamen. Vielleicht ist es ein Pseudonym und hinter diesem kann jede/r stecken. James Tiptree Jr. schrieb erstklassige SF-Kurzgeschichten und hieß eigentlich Alice B. Sheldon.

Frisch aufgeschlagen
Beurteilen Sie Menschen nach deren Lebenslauf? Nein? Dann tun Sie es auch nicht bei Büchern.
Klappentexte sind Werbetexte, die (zu) oft von Externen geschrieben werden. Die Ärmsten hatten u. U. keine Ahnung vom tatsächlichen Inhalt. Sie fassten in aller Eile und in wohlgesetzten Worten zusammen, was per “Stille Post”, ggf. aus ebenso diversen wie widersprüchlichen Quellen, bei ihnen inhaltlich angekommen ist.
Der Autorensteckbrief kann, aber muss nicht hilfreich sein. Er ist eine Miniimagekampagne für den Autor und nicht notwendigerweise für das betreffende Buch. Ein Medizinstudium ist jedenfalls keine Entschuldigung für den 13th Warrior.

Reingeblättert
Seien Sie forsch, seien Sie neugierig. Lesen Sie hinein: am Anfang, in der Mitte und niemals auf den letzten Seiten. Eine Leseprobe ist wichtig. Autos, Weine, Käse und andere Luxuswaren kauft man ja auch nicht ohne vorher überzeugt worden zu sein. Interessiert Sie der Inhalt und fesselt er Sie? Passt Ihnen auch noch die Schriftgröße? Der Umfang ist auch akzeptabel? Na, dann seien Sie doch Individualist und kaufen Sie das Buch aus freier Entscheidung.

Zuletzt
Lesen Sie ihren Kindern vor und akzeptieren sie ein “noch mehr” ebenso wie ein “das ist langweilig”. Kinder müssen nicht die gleichen Bücher wie Sie großartig finden. Der Lehrplan wird Ihrem Kind außerdem noch genug Pflichtbuch zumuten. Geben Sie Ihren Kindern die Chance zu blättern, zu schmökern und Bücher auszuwählen. Bücher und Hunde sind nämlich die einzigen wahren Freunde, die man kaufen kann.

© S. Strohschneider-Laue

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Möbel als Medien

Montag, 19. September 2011

Non-Fiction

Sebastian Hackenschmidt, Klaus Engelhorn (Hg.)
Möbel als Medien
Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge
Transcript 2011, 312 S.
ISBN 978 3 8376 1477 0

Möbel als MedienMöbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge

Alte Möbel mit Farben und Mustern aufzupeppen, im Englischen als upcycling bezeichnet, liegt seit einigen Jahren voll im Trend. Auch das Buch “Möbel als Medien” steht ganz im Zeichen der Wiederverwertung, besteht es doch aus einer Sammlung von - für diese Publikation eigens überarbeiteten - Aufsätzen, die vor einiger Zeit bereits andernorts veröffentlicht wurden. Das Ergebnis dieses Akts des intellektuellen Recyclings ist ein Lesebuch das sich in 18 Essays den unterschiedlichen Möbeln und Raumausstattungen aus kunst- und kulturhistorischer, philosophischer und literarischer Sicht nähert.

Jenseits ihrer Funktionalität dienen Möbel als Kommunikationsmittel und Bedeutungsträger. Die Dinge mit denen wir uns umgeben, spiegeln unsere Selbstsicht und Wünsche, verraten unsere Gruppenzugehörigkeit und sozialen Status. Möbel können Werte, Normen und Lebensgefühl vermitteln - ganz unabhängig davon, ob es sich, wie im Buch, um Hochzeitstruhen des 15. oder Ikonen des Stuhldesigns des 20. Jahrhunderts handelt. An Kabinettschränken lässt sich sogar ablesen, wie sich das Verständnis der Ordnung der Welt wandelte. Nicht nur die Gestalt eines Möbels, sondern auch das Material aus dem es angefertigt wurde, kann Zeichenfunktion annehmen und gerade in der Moderne, die uns Stahlrohr und Resopal schenkte, bei BenutzerInnen zwiespältige Gefühle auslösen.

In der politischen und wirtschaftlichen Sphäre spielt der mit Mobiliar inszenierte Innenraum eine weitaus bedeutendere Rolle als das Einzelmöbel. Das Ritual seiner Nutzung als Instrument der Machtausübung lässt sich von den Raumfluchten der absolutistischen Herrscher bis in die heutigen Chefetagen verfolgen. Die Umwidmung öffentlicher in private Räume kann wiederum an der Wahl und Aufstellung von Möbeln abgelesen werden. Bis zur bürgerlichen Wohnkultur des 19. Jahrhunderts lassen sich die geschlechtsspezifischen Konnotationen von Wohnräumen zurückverfolgen. Das Attribut der heilenden Wirkung schließlich wird manchen Werken der Innenarchitektur nicht erst seit dem Wellness-Boom zugeschrieben.

Medientheoretische Überlegungen, philosophische Betrachtungen und literarische Kostproben runden den Band ab und halten für jene LeserInnen, die mit einer bildhaften Fantasie gesegnet sind, so manche Perle unfreiwilliger Komik bereit.

Das oben angerissene Spektrum, der um die Trias Einzelmöbel-Raumausstattung-Material kreisenden Themen, lässt es bereits erahnen: Das Buch “Möbel als Medien” ähnelt Dank seiner bunten Mischung an Aufsätzen einer Wundertüte. Manches entpuppt sich als freudige Überraschung, anderes als herbe Enttäuschung. Aber so wie man heute seinen Teller nicht mehr leer essen muss, besteht auch keine moralische Verpflichtung ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen.

© Ch. Ranseder

Möbel als Medien: Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge

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Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden?

Samstag, 17. September 2011

Non-Fiction

Axel Brennicke
Wollen sie wirklich Wissenschaftler werden?
… dann los!
Spektrum 2011, 214 S.
ISBN 978 3 8274 2755 7

Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden? …dann los!

Wissenschaft ist eine Berufung und von der Berufung lässt sich selten die Miete zahlen. Neugier statt Rampenlicht, systematisches Entschlüsseln statt Geld zählen, lautet die Warnung, die von diesem Buch an Studierende ausgeht. Das Buch ist dazu da, Anstoß zu geben und zu nehmen sowie darauf anzustoßen, wenn sich wieder jemand trotz aller Warnungen für die Wissenschaft entschieden hat. Amüsant ist es obendrein - besonders bei der bitteren Wahrheit, denn Mäßigung ist nicht der zweite Vorname des Autors.

Vorwörter und Vorgeplänkel leiten das Buch ein. Ein kurzes Anlesen genügt, um süchtig zu werden und zu vergessen, dass man nach 50 flotten Seiten nicht einmal einen Blick ins Inhaltsverzeichnis geworfen hat. Ja, es gibt ein Inhaltsverzeichnis. Am Ende des Buches kann man durchaus auch feststellen, dass es sieben systematisch aufgebaute Kapitel gibt, die mit Entscheidung, Auf dem Weg, Wissenschaftler - heimatlos in der Welt, Freischwimmer, Später, Typologie des Profs und Danach betitelt sind.

Ungeschminkt erzählt Axel Brennicke, der es als Wissenschaftler am besten wissen muss, über die gestellten Fragen, die beantwortet werden, damit man vor dem Ergebnis warnen kann. Eine Tatsache, die jeder Forscher tief ins Auge sehen muss, ist, dass seine Antworten zwar überall gehört werden, seine Warnungen aber ungehört verhallen. Eine weitere Tatsache ist: Grundlagenforschung wird nicht das Einzige sein, das man Laien kaum verständlich machen kann.

Obwohl aus der Erfahrungsecke des Professors für Molekulare Botanik geschrieben, kann sich das ganze Spektrum der Wissenschaftler wiederfinden - vielleicht mit Ausnahme der Juristen. Das unvermeidliche Frauenkapitel glänzt durch brillante Formulierungen aus der Kategorie Eiertanz. Nach einer Umfrage unter meinen Wissenschaftskolleginnen hat sich in diesem Buchabschnitt außer Amüsement bei der Stellenbesetzungspolitik, keine Identifikation breitgemacht. Hofieren scheint eine männliche Formulierung für normales Interagieren zu sein, wenn es darum geht, dass ein Mann der Frau den Kaffee eingießt und nicht umgekehrt. Das brillante Buch schmälert das keinesfalls.

Was es noch darüber gesagt werden muss:
Es sollte Pflichtlektüre im Abitur-/Maturajahr sein - auch für die Eltern.
Es sollte Pflichtlektüre für jene politisch Verantwortlichen sein, die Studenten, Institute, Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und das zugehörige Personal aushungern.
Ich habe es bereits dreimal verschenkt und ich verschenke nur, was ich erstklassig finde.

© S. Strohschneider-Laue

Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden? …dann los!

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Italien hören

Freitag, 22. Juli 2011

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Corinna Hesse
Italien hören

Silberfuchs Verlag 2011, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6523 2

Italien Hören

Feste, Tradition und ohne Gegensatz dazu steter Wandel zeichnen Italien aus. Vom klassischen Erbe, das aus griechischer Tradition schöpfte und sich anschließend mit der gesamten damaligen Welt verband bis zur Gegenwart führt der kulturelle Streifzug.

In 19 kulturellen Häppchen wird das italienische Werden als perfektes Dinner für die Ohren serviert. Von göttlichen Wurzeln, den Etruskern und deren Städtebündnis ausgehend, entstand die antike Weltmacht Rom. Das römische Imperium verfällt, das Christentum setzt seinen Siegeszug fort und prägt Literatur, Kunst und Kultur. Mit Beginn der Neuzeit rücken der Mensch und sein Schaffen wieder in den Mittelpunkt. Architektur, Kunst, Literatur und Musik schwingen sich zu ungeahnten Höhen. Der Drang zur Einheit und Unabhängigkeit führt schließlich im 19. Jh. zum Königreich über ein wirtschaftlich duales Land. Der Blick nach vorn mündet schließlich nach dem Ersten Weltkrieg im Faschismus. Hier offenbart sich die Schwäche der CD, denn zwischen der Machtergreifung Mussolinis und dem Einmarsch der Alliierten klafft eine schmerzliche Lücke, die auch die anschließende gute Dokumentation der Nachkriegszeit nicht wettmacht.

Die sonore Stimme von Rolf Becker leitet wohl moduliert durch 80 kurzweilige Minuten. Passende Musik- und Literaturzitate lassen die Geschichte vor dem inneren Auge auferstehen. Roswitha Röschs Grafik unterstreicht von Cover über Booklet passend das Werden Italiens von seinen antiken Wurzeln bis in die Gegenwart.

Ein weiteres Qualitätsprodukt aus der mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Länderreihe. Gemeinsam ist allen bereits produzierten Hörreisen der “Gerne-wieder-hören-Faktor”, der auch auf “Italien hören” zutrifft.

© S. Strohschneider-Laue

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Vom Frosch

Donnerstag, 21. Juli 2011

Non-Fiction

Bernd Hüppauf
Vom Frosch
Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie 
transcript 2011, 417 S., Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8376 1642 2

Vom Frosch: Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie

Das Mensch-Tier-Verhältnis wird in dem Werk am Beispiel des Frosches einer näheren Betrachtung unterzogen. Erstaunlich, wie nahe sich Menschen und ausgerechnet eine Amphibie stehen können. Wer allerdings einen kurzweiligen Einstieg in die Mensch-Frosch-Beziehung erwartet, wird enttäuscht sein. Wer Grundlagenforschung vermutet, wird eine persönlich geprägte, kulturgeschichtliche Materialsammlung vorfinden. Diese Sammlung offenbart allerdings immer wieder massive Schwächen durch ihre breite Fächerung. Den wissenschaftlichen Diskurs am aktuellen Stand zu verfolgen und Interpretationen nicht aus dem Zusammenhang zu reißen, ist eben schwierig. So geraten dem Autor in Folge nicht nur die “steinzeitlichen Figurinen”, “linearkeramischen Figuren von Frauen” mit der sog. “Frauenkröte aus Maissau” in einen nicht nachvollziehbaren mind. 30.000 Jahre umfassenden chronologischen und zum Frosch völlig belanglosen Zusammenhang.

Das ausdrückliche Ziel von Bernd Hüppauf ist es allerdings, “den Frosch im kulturell Imaginären” zu suchen. Die Einleitung widmet sich daher dem Mensch-Tier-Verhältnis, wirft einige Schlaglichter auf Frösche an sich und ihren kulturellen Stellenwert. Die nachfolgenden Kapitel sind der Theologie und Magie, Frosch und Wissenschaft sowie zuletzt dem Ökofrosch gewidmet. Da es sich hier nicht primär um eine naturwissenschaftliche Analyse rund um den Frosch handelt - obwohl Spiegelneuronen mehrfach thematisiert werden, sollte man keinen zoologischen Fokus inklusive Storch oder Ringelnatter als natürliche Feinde erwarten. Aber mit der Feststellung, dass Frosch und Mensch zu einem gemeinsamen Ökosytem gehören, das es zu erhalten gilt, befindet sich Hüppauf auf Augenhöhe mit den zeitgeistigen tierphilosophischen Betrachtungen und ökologischen Forderungen.

Nahezu 50 Seiten im Anhang betreffen den Kapiteln zugeordnete Endnoten. Sie stellen beim Lesen eine Herausforderung an die Handhabung dar. Die Literaturliste ist ebenso umfangreich, wie das Register, das sich auf die zitierten Persönlichkeiten beschränkt, enttäuschend.

© S. Strohschneider-Laue

Vom Frosch: Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie

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Ideale Welten

Mittwoch, 08. Juni 2011

Non-Fiction

Gregory Claeys
Ideale Welten
Die Geschichte der Utopie 
Theiss 2011, 224 S., 150 Abb.
ISBN 978 3 8062 2461 0

Ideale Welten: Die Geschichte der Utopie

Der Wunsch nach einem besseren Leben ist so alt wie die Menschheit. Gregory Claeys verfolgt in seinem Buch “Ideale Welten. Die Geschichte der Utopie” die Sehnsucht nach einer anderen Gesellschaft von den alten Griechen bis ins 21. Jahrhundert. In 14 kurzen Kapiteln spannt er den Bogen von den Proto-Utopien der antiken Welt über Thomas Morus bahnbrechendes Werk Utopia und dessen Auswirkungen auf die Literatur der folgenden Jahrhunderte bis zu den gesellschaftlichen Experimenten des 20. Jahrhunderts, um schließlich bei den futuristischen Szenarios der Science-Fiction zu landen. Die Breite der angeschnittenen Themen zeigt, dass die Erforschung der nun schon Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Suche nach einer funktionierenden besseren Gesellschaftsordnung sowie der gerechteren Verteilung von Ressourcen und Gewinn wahrlich ein weites Feld ist. Schon die Definition von Utopia bietet Stoff für unzählige Diskussionen. Gregory Claeys tapferes Ringen nach einer Begriffserklärung und der Komprimierung des umfassenden Quellenmaterials auf 224 Buchseiten, resultiert in dem Bestreben drei Aspekte von Utopia in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. Die Idee, ihr Niederschlag in der utopischen Literatur und die Versuche der praktischen Umsetzung ziehen sich wie ein dreistrangiger roten Faden durch den Text. Die Auswahl der Beispiele, die sich um diese inhaltliche Leitlinie gruppieren, ist denkbar weit gefasst und bewegt sich zuweilen hart an der Grenze zur Beliebigkeit.

Als Einstieg in die Wunderwelt der Utopien wird dem Traum vom Goldenen Zeitalter, den Schriften Platons und den christlichen Archetypen und Mythen ebenso Beachtung geschenkt wie den außereuropäischen Modellen der idealen Gesellschaft. Mit Thomas Morus und seinem wegbereitenden Buch Utopia betritt die Utopie als eigenständiges Genre die Bühne. Von diesem Moment in der Geschichte gibt es kein Halten mehr. Sowohl den Erfindungsreichtum der Autoren von utopisch angehauchten Erzählungen als auch die ernsthaften Bestrebungen von Weltverbesserern belegen unzählige literarische Werke, darunter Berichte von tatsächlichen Reisen in die Neue Welt sowie fantastischen Entdeckungsfahrten zu erfundenen Orten, Traktate mit Entwürfen für ein besseres Leben, große Romane wie Robinson Crusoe und gesellschaftskritische Satiren, allen voran Gullivers Reisen. Politische Utopien und die Versuche ihrer Verwirklichung als sich egalitär gebende, staatstragende Systeme werden im Zusammenhang mit den sehr realen Revolutionen in Frankreich und Amerika sowie ihren diversen Ausprägungen in Anarchismus, Kommunismus und Sozialismus durchleuchtet. Auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen erfolgt die Prüfung der zahlreichen Entwürfe des Zusammenlebens Gleichgesinnter, von den Shakern über die Anhänger Robert Owens bis zu den Hippies, auf ihre utopischen Qualitäten. Auch Technikgläubigkeit, Eugenik und der Reiz des Primitiven hinterließen in Utopien ihre Spuren. Selbst städtebauliche Experimente und architektonische Visionen haben einen kurzen Auftritt im Buch.

Besondere Aufmerksamkeit wird der Science-Fiction - sowohl in ihrer Ausprägung als Roman wie als Film - geschenkt: Das Spektrum der erwähnten Autoren reicht von Cyrano de Bergerac über Jules Verne bis Ursula Le Guin, jenes der Filme von den ersten Versuchen mit dem neuen Medium über Blockbuster wie Star Wars bis zu filmischen Endzeitvisionen. Im 20. Jahrhundert laufen schließlich die Dystopien den Utopien den Rang ab. Dies lässt sich nicht nur an den als Beispielen gewählten literarischen Werken von Aldous Huxley, George Orwell und Margaret Atwood ablesen, sondern auch den Hinweisen auf die Realität totalitärer Regime entnehmen.

Das Buch “Ideale Welten. Die Geschichte der Utopie” gibt sich bunt und abwechslungsreich. Dazu tragen nicht zuletzt die zahlreichen Abbildungen und in Infokästen präsentierten Mini-Biografien wichtiger Protagonisten bei. Jedoch geht die thematische Vielfalt auf Kosten der inhaltlichen Tiefe. Eine ausführlichere kritische Analyse im Rahmen der Einbettung der zeitspezifischen Utopien in den jeweiligen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontext, aus dem das Bedürfnis nach einer anderen Gesellschaftsordnung erst erwuchs, wäre wünschenswert gewesen. Als Einstieg in die Thematik und erster Überblick ist das kurzweilige Buch jedoch bestens geeignet.

© Ch. Ranseder

Ideale Welten: Die Geschichte der Utopie

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Schwan

Mittwoch, 06. April 2011

Non-Fiction

Peter Young
Schwan 
Gerstenberg 2011, 200 S., zahlr. Illustrationen und Fotos.
ISBN 978 3 8369 2644 7

Schwan: Mythos Tier

Dieser Band aus der beispielgebenden biologisch-kulturgeschichtlichen Reihe ist dem Schwan gewidmet. Der anmutige Vogel mit dem Ruf ein Todesbote zu sein, hat tatsächliches Erstaunliches vorzuweisen. So sind Schwäne genetisch dichter an den Sauriern als andere Vogelarten - und wer einen aggressiven Schwan sein Nest verteidigen sah, ist sofort bereit das zu glauben. 25.000 Federn schmücken seine elegante Erscheinung und der singende Flug verschaffte ihm seinen Namen “Schwan”.

Flott und launig plaudernd ist der Erzählton von Peter Young, der auch in der Übersetzung aus dem Englischen von Stephanie Singh erhalten bleibt. In acht undogmatischen Kapiteln, die u. a. den Schwanen-Mythos kunst- und kulturgeschichtlich sowie biologisch umkreisen, erweisen sich die inhaltlichen Übergänge als fließend, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Unversehens hat man sich in die Lektüre vertieft, fasziniert von überraschenden Querverbindungen zwischen Wissenschaftlern, Künstlern und Schwänen. Dann wundert man sich wieder über Maße und Gewichte, um im nächsten Moment amüsiert über das putzige und absolut nicht hässliche “Entlein” zu schmunzeln, das ein eleganter Trompetenschwan werden wird. Ein Trompetenschwan, der durch die Jagd auf viel bewunderte, aber leicht zu treffende Trophäen fast ausgerottet wurde. Götter erscheinen als Schwäne, Schwäne werden zu hübschen Frauen und grade bei Letzteren könnte fast stimmen, wenn man Marlene Dietrichs fantastischen Mantel aus Schwanendaunen betrachtet.

Die ebenso gehaltvolle wie lockere Lektüre, die zuletzt noch durch eine Zeitleiste, zahlreiche Anmerkungen, Literatur, weiterführende Hinweise sowie ein benutzerfreundliches Register fachlich und sachlich abgerundet wird, ist fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite. Beispielgebend!

Nachdem dieser Band für eine englische Reihe (Pinguin, Tiger, Katze, sind bereits auf Deutsch erschienen) konzipiert und geschrieben wurde, ist der Querbezug zu Großbritannien deutlich hervorgehoben. Im Grunde müsste für jedes Land, in dem das Buch als Lizenz erscheint, ein landestypisches Kapitel ergänzt werden, denn der “Schwan kleban” hat überall ganz spezifische kulturelle Spuren hinterlassen.

Mir schwant, dieses Buch wird nur das erste von allen sein, die ich mir aus dieser Reihe kaufen und auch an Freunde verschenken werde.

© S. Strohschneider-Laue

Schwan: Mythos Tier

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Polen hören

Montag, 14. Februar 2011

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Barbara Berberon-Zimmermann 
Polen hören

Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6518 8

Polen hören

Ein weiteres Qualitätsprodukt aus der mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Länderreihe. Gemeinsam ist allen bereits erschienen Hörreisen der “Gerne-wieder-hören-Faktor”, der auch auf “Polen hören” zutrifft.

Barbara Baberon-Zimmermann verfasste aus der wechselvollen Kulturgeschichte Polens einen repräsentativen Hörreigen. Vom Adler im Wappen, wie die Holzbauten durch Steinbauten ersetzt wurden, von der ersten Akademie, aber auch von der Vielfalt der Menschen im Mittelpunkt von Glauben, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst berichtet sie. Passend eingestreute Text- und Musikzitate komplettieren die gut aufbereitete Information rund um das Land, das zwischen mächtigen Nachbarn aufgeteilt, einst völlig von der Landkarte verschwunden war.

Rolf Becker bringt seine angenehme Stimme so wohl moduliert zum Einsatz, dass die 80 Minuten geballter Information wie im Fluge vergehen. Roswitha Rösch designte in bewährter Weise. Sie schuf mit dem Cover einen ebenso passenden wie würdigen Eyecatcher aus Pferd, Reiter und Polen.

© S. Strohschneider-Laue

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Kulinarische Verführung

Sonntag, 19. Dezember 2010

Non-Fiction

Sabine Hueck, Margit Knapp
Höllisch scharf und himmlisch süß
Eine kulinarische Verführung 

Heyne 2009, 224 S., farbig illust. und S-w.-Fotos.
ISBN 978 3 4531 6552 6

 Höllisch scharf und himmlisch süß

In neun Gängen wird hier kulinarisch-literarisch zum Kochen verführt. Im ersten Gang trifft Nicht-Köchin Margit auf Köchin Sabine aus São Paulo. “Kochen, nein Danke!” und “leidenschaftliche Köchin” machen durch ihre Annäherung aneinander die LeserInnen neugierig aufs Hantieren mit Esswaren und nicht alltäglichen Zutaten sowie das aktive Verstehen internationaler Küchen.

Anfangs scheinen peruanische Hähnchenspieße, Ceviche im Limetten-Koriander-Dressing und Pisco Sour eine echte Herausforderung zu sein. Doch in der gemeinsamen Annäherung wird nicht nur Filmemacherin und Lektorin Margit mutiger, es beginnt auch den LeserInnen in den Fingern zu prickeln.

Von Gang zu Gang enthüllt sich die Welt der internationalen Kochkunst ein bisschen mehr. Wo man Zutat erhält, woran man sich gleich kochend versuchen kann und wofür man ein wenig mehr Erfahrung braucht, wird hier beschwingt formuliert. Ebenso luftig leicht dienen die Illustrationen und zurückhaltend eingestreuten Schwarz-Weiß-Fotos als optische Erklärung. Im Register des strapazfähigen und handlichen Buchs finden sich sämtliche Rezepte noch mal säuberlich gelistet wieder, die zuvor charmant dem Text untergeschmuggelt wurden. Erstaunlich, wie viel sich mit ein bisschen Mut und Unterstützung auf den Tisch zaubern lässt.

Fremde Kochwelten machen neugierig und die flotte Schreibe nimmt Kochmuffel mehr und mehr für die Küche und das Kochen ein. Zum immer wieder Lesen und Nachkochen.

© S. Strohschneider-Laue

Höllisch scharf und himmlisch süß

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Australien hören

Sonntag, 05. Dezember 2010

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Hilke Maunder 
Australien hören 

Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6522 5

Australien hören

Von der Regenbogenschlange der Schöpfung bis zur multikulturellen Gegenwart führt die Reise. In 20 Kapiteln für die Ohren wird dieser extreme und noch nicht so lange bekannte Kontinent vorgestellt. Der heilige Berg Uluru ist die Heimat der Regenbogenschlange aus dem Schöpfungsmythos der Aborigines. Für die Ureinwohner sind Mensch, belebte Natur, Geschichte und Landschaft untrennbar. Ebenso untrennbar sind die physische und geistige Wirklichkeit. Die Verschmelzung von Erzählungen, Gesängen, Klängen und Felsbildern erschließt den Kontinent und die spirituelle Landschaft. Diese Verschmelzung kommt bei den über 300 Völkern mit ihren verschiedenen Sprachen und Dialekten variantenreich zum Ausdruck.

Eigentlich müsste man sich wünschen, dass Australien nie von Willem Jansz und James Cook entdeckt worden wäre. Denn für in Europa hochgelobte Entdeckungen zahlten seit jeher die indigenen Bevölkerungen den höchsten Preis. Wenn heute an Australien gedacht wird, stehen die schönsten Seiten der Natur im Vordergrund, aber weder Völkermord noch Ökokatastrophen. So erhielten die ursprünglichen Australier, die Aborigins erst 1957 australische Bürgerrechte. Ab 1962 durften Aborigines wählen. Bis 1970 wurden Kinder aus ihren Familien gerissen und zur Umerziehung geschickt. Rechte auf ihr eigenes Land wurden ihnen erst 1976 zuerkannt. Unfassbar ist, dass der Premierminister von Australien erst im Jahr 2008 Worte der Entschuldigung für die an den Aborigines begangenen Verbrechen - Vertreibungen, Massaker und Kindsraub - fand. Kein Wunder, dass der am 26. Januar begangene ”Australia Day” der Weißen zum “Invasion Day” für die Aborigines wurde.

Die Kolonisation Australiens war in jeder Hinsicht unrühmlich. Die englische Öffentlichkeit stellte sich nicht ihren sozialen Problemen. Stattdessen sorgten ein restriktives Rechtssystem und eine ebensolche Deportationspolitik für Nachschub an Sträflingen - darunter auch Kinder - in Australien. Traurige Berühmtheit erlangte dabei die ausbruchsichere Strafanstalt Port Arthur, die in ihrer Unmenschlichkeit durchaus Vergleiche mit Auschwitz und Guantanamo zulässt.

Alle Aspekte von Kunst und Kultur sind durch die australische Geschichte und ihrer Siedler durchdrungen. Die Erforschung des Landesinneren des 5. Kontinents ist untrennbar mit Ludwig Leichhardt verbunden. 1973 erhielt der Australier Patrick White den Literaturnobelpeeis. Für seinen Roman “Voss” diente die schillernd Persönlichkeit Leichhardt als Vorlage. Später entstand aus dem Stoff noch eine Oper. Sogar der Impressionismus hat mit der ”Heidelberg School” eine eigene australische Variante entwickelt. Der erste abendfüllende Film (1906) entstand in Melbourne und behandelte die Geschichte des Volkshelden Ned Kellys, dem Sidney Nolan (1946/47) in einem Bilderzyklus ein weiteres Denkmal setzte. Musikzitate, die den gesprochenen Text begleiten und stellenweise unterlegen, sind von einer außergewöhnlichen Vielfalt.

Hilke Mauner weiß, worüber sie schreibt. Die Journalistin hat die zahlreichen Facetten Australiens in vielen Berichten und Reiseführern verarbeitet. Spannend und aus erster Hand vermittelt sie einen vielfältigen und kritischen Überblick zur australischen Kultur. Selten ist ein Kontinent, ein Land und seine kulturelle Vielfalt einladender geschildert worden.
Andreas Fröhlich spricht, was Hilke Maunder über den 5. Kontinent berichtet. Wer bei dem Klang seiner Stimme an John Cusack, Ethan Hawke und Edward Norton erinnert wird, hat richtig gehört. Er ist der deutsche Synchronsprecher, der hier seiner stimmlichen Bandbreite zum großen Ergötzen der Hörer frönen darf.
Roswitha Rösch gestaltet das Booklet in den erdigen Farben Australiens, die die Präsenz der Regenbogenschlange erahnen lassen.

Der Hörgenuss “Australien” aus der vielfach prämierten Länderreihe des Silberfuchs Verlags überflügelt den hohen Standard, der mit den Vorgängern geschaffen wurde.

Hörproben

© S. Strohschneider-Laue

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Seelenbruch!

Sonntag, 05. Dezember 2010

Fiction

Eva Lirot
Seelenbruch
Ein Thriller aus Frankfurt
Schardt 2010, 204 S.
ISBN 978 3 8984 1504 0

Seelenbruch: Ein Thriller aus Frankfurt

Dieser Krimi ist ein blutiges Lesevergnügen. Starke Nerven sind somit Voraussetzung für prickelnden Schauder.

Und wie es sich für einen packenden Thriller gehört, muss man nicht lange auf die - vermeintlich - erste Leiche warten. Die Behauptung, dass öffentliche Orte und Menschenmengen sichere Plätze seien, relativiert sich durch diesen Mord schnell; denn die junge Frau wird im vollen Frankfurter Kaiserdom ermordet. Pikanterweise hatten Opfer und Täter während der Bischofsweihe Sex in einem Beichtstuhl. Sex, dessen Höhepunkt mit einer durchschnittenen Kehle beendet wurde. Es war nicht die erste Leiche und wird nicht die letzte Leiche dieses Falles sein. Der Mörder ist ein Getriebener und was ihn antreibt, ist in jeder Hinsicht der blanke Wahnsinn.

Eine Leiche im Kaiserdom ist also Eva Lirot nicht genug. Nach und nach zieht sie ihre Leser genussvoll tiefer in die verstörenden Hintergründe der Morde. Die wendungsreiche Suche nach dem Serienmörder halten den Ermittler Jim Devcon und sein Team ständig auf Trab. Spuren, die auch in die Welt der sozialen Netzwerke zu finden sind, führen schließlich zu einer Studentengruppe um Laura Münchenberg.

Die kniffelige Mischung aus Philosophie, Psychologie und Wahnsinn ist es, die den Leser kalte Schauer über den Rücken jagt. Die exzellent beschriebene Arbeit des Ermittlungsteams sowie der Lokalkolorit von Mainhatten verschaffen “Seelenbruch!” genau jene Prise bildhafte Realität, die einen guten Krimi auszeichnet. 

Eindeutig auch filmtauglich. Es verwundert, dass Eva Lirot ihren Thriller auch noch nicht zu einem Drehbuch umgearbeitet hat und sich die Studios um die Rechte reißen.

© S. Strohschneider-Laue

Seelenbruch: Ein Thriller aus Frankfurt

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Eitelkeitstest für AutorInnen

Donnerstag, 18. November 2010

Notiz

Ich schreibe, wie ich schreibe

Psychotests sind nichts für mich. Mich interessiert nicht, was meine Handtasche über mich verrät - solange sie nicht selbstständig mit meinem Handy telefoniert. Ob ich ein Kugelschreibertyp bin oder nicht, kann ich entscheiden, wenn ich wieder einen Kuli mit einem Bettelbrief zugeschickt bekomme. Zu meinem Selbstwertgefühl und meiner Persönlichkeit tragen jedenfalls Tests nicht bei - ganz abgesehen davon, dass ich das Ausfüllen langweilig finde.

Grade bekam ich von mindestens 150 Seiten einen Eitelkeitstest für AutorInnen - vor allem für solche, die es noch werden wollen - aufgedrängt. Ich erlag dem Druck der Menge. Aber nicht um mich mit durch Namen anderer Autoren quasi selbst “fremd zu beweihräuchern”, sondern um einen Tauglichkeitstest anhand meiner Publikationen durchzuführen. Das Ergebnis wird wohl nicht so schnell an Unterhaltungswert zu überbieten sein.

Wissenschaftsartikel habe ich natürlich in Unmengen verfasst. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich jetzt einen Komplex bekommen soll oder nicht, wenn diese durchwegs mit Sigmund Freud verglichen werden.
Bei meiner Fabel musste aus unerfindlichen Gründen Josef Roth herhalten.
Ausgerechnet meine feministischen und sozialkritischen Berichte, bei denen ich mich so richtig in Saft geschrieben habe, werden Franziska zu Reventlow untergeschoben.
Sobald ich mehr als ein “ich” mit einigen “Austriazismen” textlich verpaare, wird meine Schreibe zu der Peter Handkes.
Dass Günter Grass für meine einfachsten Kleinkindergeschichten herhalten musste, zaubert permanent ein höhnisches Lächeln in meinen linken Mundwinkel.
Für Ironisches muss Uwe Johnson und für Nachdenkliches darf Ingo Schulze Vorbild sein.
Wenn ich im Text eine im Antiquariat erworbene Kleistausgabe in einem vollständigen Zitat vorstelle, wird Heinrich Kleist höchst persönlich zum Patenonkel.

Ich bleibe von den Ergebnissen bis auf den Spaß unberührt. Aber für Werbung könnte es wirksam sein: Ghostwriterin Sistlau schreibt - laut des unbestechlichen Tests in der FAZ - verschroben wie Freud, schlicht wie Grass, österreichisch wie Handke, ironisch wie Johnson, altbacken wie Kleist, feministisch wie Reventlow, nachdenklich wie Schulze und exakt wie Strohschneider-Laue.

© S. Strohschneider-Laue

Eitelkeitstest für AutorInnen

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Bis zum letzten Tropfen “in vino veritas”

Sonntag, 24. Oktober 2010

Fiction

Martina Fiess, Silvija Hinzmann (Hgg.)  
Bis zum letzten Tropfen
Mörderische Weinkrimis
emons: 2010, 240 S.
ISBN 978 3 8970 5765 4

Bis zum letzten Tropfen

Kriminelle Schreibenergie rund um den Wein zu entfalten, ist besonders leserInnenfreundlich. So manche gedruckte Schandtat wird auch von mir zur späten Stunde, begleitet von einem guten Tropfen, gelesen. Im Vertrauen und ganz “in vino veritas”, begleitet von Blaufränkisch Reserve 2007 las ich die letzte Nacht Bis zum letzten Tropfen durch. Manche Bücher kann man nicht aus der Hand legen und bestimmte Flaschen muss man bis zum letzten Tropfen genießen. Kein Wunder, dass ich die Anthologie nicht aus der Hand legte, bevor nicht der beste Wein zu Champagner veredelt seinen Korken zielgerichtet knallen ließ.

Von 19 AutorInnen wendungsreiche, hinterfotzige, zuweilen augenzwinkernde und allesamt fesselnde Kurzkrimis zu lesen, ist wie die besten Appetithäppchen zu genießen. So kommt es, dass ein leichter Abgang hier ganz gewaltig unter die Haut gehen kann oder - ganz im Sinne von ”Weinverkostertum verpflichtet” - es zu allerlei vergnüglich zu lesenden Schandtaten kommt. Auf 240 Seiten wird gestorben, betrogen, gestohlen und noch viel mehr, ohne dass Schuld und Sühne im Vordergrund stehen. Es ist der Wein, der sein zart-herbes Bouquet verströmt und den Geruch von Schweiß und Saumagen lieblich werden lässt; denn so manche Tat wird erst durch den Wein richtig schmackhaft.

Ulf Annel, Matthias Biskupel, Wolfgang Burger, Horst Eckert, Martina Fiess, Monika Geier, Brigitte Glaser, Carsten Sebastian Henn, Elisabeth Herrmann, Silvija Hinzmann, Thomas Hoeth, Regine Kölpin, Tatjana Kruse, Christine Lehmann, Ulla Lessmann, Hannes Nygaard, Heidi Rehn, Britt Reißmann und Nina Schindler sind die genialen PlotterInnen. Sie präsentieren die Deutsche Anbaugebiete von ihren tätlichen Seiten und werden selbst in kurzen Steckbriefen am Ende des Bandes umrissen.

“Bis zum letzten Tropfen” ist die perfekte Lektüre für Krimifans unter den WeinkennerInnen und für solche, die eines von beiden noch werden wollen! Begleitet mit der richtigen Flasche - ich empfehle nach meiner mit einem fantastischem, aber schweren ostösterreichischen Barrique verbrachten Nacht einen lieblichen Moselwein als idealen Lesebegleiter  - ein geschmackvoll verbrecherisches Vergnügen.

© S. Strohschneider-Laue

Bis zum letzten Tropfen

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MehrWert: Bücherfrauen

Donnerstag, 07. Oktober 2010

Vom MehrWert der Bücherfrauen
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute

Frankfurter Buchmesse 6. bis 10. Oktober ‘10

Auf der Frankfurter Buchmesse luden die Bücherfrauen zur Präsentation der aktuellen Studie “MehrWert. Arbeiten in der Buchbranche heute”. Am Podium (v.l.n.r.) saßen Bücherfrau Karina Schmidt, Ausführende der Studie Prof. Dr. Romy Fröhlich sowie die Verlegerin und “BücherFrau des Jahres 2009″ Ulrike Helmer. Im Publikum 50 interessierte Frauen sowie zwei von meiner Sitzposition in der letzten Reihe sichtbare Männer.

Die Bücherfrauen sind ein Netzwerk von Frauen für Frauen aus allen Bereichen der Buchbranche. Umso verständlicher, dass das engagierte Netzwerk wissen wollte, wie es tatsächlich um die Arbeitssituation für Frauen in der Bücherwelt bestellt ist.

Die vermeintlich gute Nachricht lautete: Die Buchbranche ist weiblich.

Bei einer erstaunlich hohen Beteiligung konnten umso fundiertere, wenn auch umso tristere, Ergebnisse erzielt werden. Egal wie es Frauen anstellen, ob sie Karrierebrüche - z. B. durch Kinder - haben oder nicht, und egal wie hoch ihre Qualifikationen sind, am Ende werden sie um 25% schlechter bezahlt als ihre männlichen Arbeitskollegen. Ein Gustostück am Rande: Männer schaffen es im Gegensatz zu Frauen, Familienzuwachs mit einer Lohnerhöhung zu verbinden, während werdende und frischgebackene Mütter ggf. mit einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen - inkl. Lohnkürzungen - rechnen müssen.

Aller Schönrederei zum Trotz tritt die Gleichberechtigung und Gleichbezahlung auf der Stelle, wie auch mit dieser Studie deutlich aufgezeigt wird. Nachdem es noch keine vergleichbare Untersuchung für die Buchbranche gab, kann man nur vermuten, dass es sich um einen Abwärtstrend handelt, der mit dem Rückzug der Männer aus dem Berufsfeld begann. Wie schlimm es wirklich war, ist und sein wird, wird erst die nächste Studie in einigen Jahren zeigen. Buchmesseaktuell lässt sich bereits ein Vergleich herstellen. Die Buchbranche mag zwar weiblich sein, aber die breitenwirksame Plattform des Blauen Sofa gehört in diesem Jahr eindeutig den Männern.

© S. Strohschneider-Laue

MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute

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Argentinien hören

Dienstag, 28. September 2010

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Antje Hinz, Josef Tratnik
Argentinien hören
Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 16 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 19 5

Argentinien hören

Argentinien, dem Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, ist die musikalische Reise nach von Antje Hinz gewidmet. Dramatische Musikzitate verbunden mit der fesselnden Erzählstimme von Josef Tratnik lassen die gehaltvollen 80 Minuten viel zu kurz erscheinen.

Das Konzept der Hörreisen ist ebenso innovativ wie zeitlos. Exzellent recherchierte Inhalte und für einen flüssigen Vortrag geschriebene Texte garantieren, dass aufmerksames Zuhören selbstverständlich wird. Musikzitate begleiten, akustisch gleichberechtigt, den chronologisch aufgebauten Text. Stimmungsvoll erzählt und perfekt produziert, kann man sicher sein, in jeder Hinsicht ein Qualitätsprodukt zu erwerben. Das eingespielte Team und die konsequente Linie des Silberfuchsverlags spiegeln sich auch im Cover und im attraktiv-übersichtlichen Booklet wider, das von Roswitha Rösch gestaltet wurde.

Zu Argentinien hat wohl jeder eine bestimmte Vorstellung und erfasst damit meist nur einen schmalen Aspekt dieses riesigen Landes. So vielfältig wie Geografie und Klima ist auch die Kultur und die schmerzhafte Geschichte des Argentiniens. Das Silberland (lat. argentum = Silber) mit seinem Silberfluss (Rio de la Plata) war Lebensraum von 30 Ethnien bevor im 16. Jahrhundert Spanier und Katholizismus über das Land hereinbrachen. Einwanderungswellen bildeten seither einen kulturellen Schmelztiegel. Reiche und Arme, Wirtschaftsflüchtlinge, politisch Verfolgte und verfolgte Politiker begegnen sich in Argentinien. Alles ist hier möglich: Jesuiten und Gauchos, Perón und Borges, Königreich, Diktatur und Republik, Terror, Theater und Tango. Jorge Luis Borges sagte treffend über seine Landsleute: “Sie sind Italiener, die Spanisch sprechen und gerne Engländer wären, die glauben, in Paris zu leben”.

Argentinien in 80 Minuten gelungen zu präsentieren, kann nur den Silberfüchsinnen gelingen. Von den Mythen der Ureinwohner in Feuerland, über indigene Völker und Zuwanderungswellen wird der Bogen über Kultur und Politik unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Traumata bis in die Gegenwart gespannt. “Argentinien hören” ist ein Hauch Tango in den Ohren.

Hörproben

© S. Strohschneider-Laue

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Samtene Nächte

Montag, 21. Juni 2010

Fiction

Aveleen Avide
Samtene Nächte 
rororo 2010, 237 S.
ISBN 978 3 4992 5243 3

 Samtene Nächte: Erotische Geschichten

Aveleen Avide hat es endlich wieder getan: Frau nimmt sich, was Frau möchte. Sinnlich, erotisch, begehrend - Aveleen Avide weiß, was Frauen wünschen. Wieder verführt die Meisterin der Erotik lesend zu allerlei Spielarten der Lust und Leidenschaft und immer sind es Frauen, die im Mittelpunkt stehen. Ihre Heldinnen genießen, entscheiden und werden überrascht und die LeserInnen mit ihnen. Egal ob es Singlefrauen oder Verheiratete sind, sie wissen, was sie von Horst und Hami wollen oder was Dietmar verdient.  

Vom intimen Kuschelsex zur erotisierenden Wohlfühlmassage spannt sie den Bogen. Dazwischen tummeln sich Singlefrauen, alte Paare, frisch Verliebte in Swingerklubs und mehr oder weniger privaten Räumen. Und alle Frauen erhalten, wonach sie sich gesehnt haben, die Luxusstripperin ebenso wie die Theaterbesitzerin. Sex kann dabei alles sein auch voyeuristisch oder ultimativ. Und selbst die Entscheidung den Partner zum Teufel zu schicken, ist erregend.

Zehn erotische Geschichten, gewürzt mit dem gewissen erzählerischen Kick, der über das Lustprinzip hinausgeht, versprechen sinnlich-fesselnde Lesestunden. Natürlich dürfen auch Männer an diesen weiblichen Freuden teilhaben. Eigentlich sollte es Männerpflichtlektüre sein, denn es könnte ihnen und ihren PartnerInnen gut tun.

© S. Strohschneider-Laue

Samtene Nächte: Erotische Geschichten

siehe auch:
Seidene Küsse: Erotische Geschichten
Heiße Bescherung: Erotische Geschichten
Sinnliche Fluchten: Erotische Erzählungen

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Orientreisen

Sonntag, 20. Juni 2010

Fiction

Annemarie Schwarzenbach
Orientreisen
Herausgegeben von Walter Fähnders
edition ebersbach 2010, 192 S.
ISBN 978 3 8691 5019 2

Orientreisen: Reportagen aus der Fremde 

Annemarie Schwarzenbach war Historikerin. Ihre Zugehörigkeit zu eine reichen, angesehen Schweizer Familie ermöglichte ihr zumindest wirtschaftliche Unabhängigkeit, wenn auch die inhaltliche Unterstützung ausblieb. Die intelligente Beobachterin fährt mit offenen Augen durch Europa, den Orient und Amerika und sie behält ihre dabei gewonnenen Eindrücke sowie bedrückenden Erkenntnisse nicht für sich. Sie ist unverhohlen lesbisch, antifaschistisch und definitiv ihrer Zeit und zuweilen ihrer Familie zu weit voraus. Als Autorin, Fotografin und Reporterin wird sie bekannt. Viel zu jung stirbt sie bereits mit 34 Jahren nicht an den Folgen ihres Drogenmissbrauchs, sondern durch eine Fehldiagnose ihrer Kopfverletzungen nach einem Fahrradunfall.

Zwischen 1933 und 1940 bereiste Annemarie Schwarzenbach währen vier Reisen den Orient. Die Reisereportagen der außergewöhnlichen Schweizerin bestechen durch ihre vielfältige Mischung aus historischen, zeitgeschichtlichen und persönlichen Eindrücken. Sie sind zugleich präzise auf den Punkt gebrachte Sozial- und Befindlichkeitsstudien. Denn Austauschbarkeit scheint nicht nur die logistischen Strukturen römische Legionslager zu betreffen, sondern auch weltweite Hotelketten und ihre NutzerInnen. Annemarie Schwarzenbach hält diese Beliebigkeiten fest und spießt sie auf, wie eine Insektensammlerin ihre Trophäen. Sie beobachtet die Reisenden - die heute genauso sind, aber massenhafter auftreten - wie sie genau das tun, was daheim von ihnen erwartet wird. Sie besuchen die richtigen Länder, sehen dort die richtigen Sehenswürdigkeiten, essen und trinken das Richtige - also das was man von daheim kennt -, schlafen in der richtigen Hotelkette, sprechen mit Ihresgleichen über die Banalitäten ihrer eigenen Wichtigkeit und hätten den Einheimischen einen großen Gefallen getan, wenn sie daheim geblieben wären. Es liest sich, als ob der Kolonialismus nahtlos durch Tourismus ersetzt wurde, getragen von der gleichen Gesinnung.

Wie moderne, inhaltsstarke Videoclips sind die bewusst nicht chronologisch gereihten Texte zu lesen. Schwarzenbachs Stil und Themenwahl hat ihre Aktualität in den letzten über 65 Jahren nicht verloren. Die Lektüre bleibt Seite für Seite ein fesselnder, inhaltsstarker Genuss.

Im Anhang setzt sich der Herausgeber mit dem Werk von Annemarie Schwarzenbach auseinander. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stehen die vorgelegten Reportagen aus der Fremde und leider nur äußerst randlich die Autorin selbst.

© S. Strohschneider-Laue

Orientreisen: Reportagen aus der Fremde

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Der kleine Erotiker

Sonntag, 20. Juni 2010

Fiction

Dennis DiClaudio
Der kleine Erotiker
DVA 2010, 208 S., zahlr. Sw-Abb.
ISBN 978 3 4210 4410 5

 Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 
 

Nach Der kleine Hypochonder folgte Der kleine Neurotiker. Mit einer Steigerung war eigentlich nicht mehr zu rechnen, bis der neue Geniestreich auch auf Deutsch vorgelegt wurde. Wer den Neurotiker und den Hypochonder gelesen hat, kommt an diesem lüsternen Brevier nicht vorbei. Die Pflichtlektüre für unbefangene SchmunzlerInnen lässt kein schrilles Verlangen aus und hat der Übersetzerin Anne Uhlmann einiges abverlangt.

Wer die ersten beiden Bände versäumt hat, sei gesagt, dass es sich auch hierbei nicht um ein medizinisches Nachlagewerk handelt, dafür wurden zu viele Fakten ausgelassen. Es ist auch keine Anleitung für Experimentierfreudige, dazu ist es ebenfalls zu unpräzise. Worin es wirklich präzise ist, ist die Absurdität der menschlichen - im größeren Ausmaß männlicher - Neigungen.

Mit den Titeln schöner Schmerz, Körperteile und ihre Funktionen, unbeseelte Gegenstände, im Land der Fantasie(n), Fauna und Flora, Kostüm und Rollenspiel unterteilt er feinsäuberlich den Lustgewinn in Kapitel. Wie oft dabei der sexuelle Mehrweit durch Ein- und - mehr oder weniger erfolgreich - Abgeführtes erreicht wird, davon können wohl nur Chirurgen berichten, die Sammlungen von allerlei kalziniertem Getier, floralen Resten oder unbeseelten Objekten wie - anscheinend aus gutem Grund torpedoförmigen - Marienstatuetten vorweisen können. Wer jemals gehört hat, dass Liebe durch den Magen geht, denkt an gutes Essen und hat nicht unbedingt mit Hüttenkäse gefüllte Badewannen im Sinn. Ja so sind manche Sinnsprüche von mehr Doppelbödigkeit als man annehmen möchte. Sollten Sie jemals den Spruch “wie die Nase des Mannes, so sein Johannes” gehört haben, sind sie eindeutig noch nie einer Nasophilien begegnet. Ihr ist nämlich der Johannes mit seinem Johannes völlig gleichgültig, wenn sie nur sein unwiderstehliches Riechorgan ohne den restlichen Johannes behalten könnte. Was den nasophilen ihn hingegen beflügelt, lesen Sie lieber selbst nach.

DiClaudio behauptet, dass er bestimmte Details ausgelassen habe, wenn man allerdings jene liest, die er zu publizieren willens war, verzichtet man gerne auf den Rest, aber nicht auf “Der kleine Erotiker”.  Dass er in vielen Belangen recht hat, bestätigt folgendes Zitat: “Jahrzehnte hindurch, in denen Fetischisten gezwungen waren, ihre Lebensweise geheim zu halten, galten Leder und Latexbekleidung als Marken- und Erkennungszeichen des Bondage. Heute gehen Zehn- bis Zwölfjährige so in die Schule. Die Zeit hat schon einen schrägen Sinn für Humor.” Und so beweist auch Dennis DiClaudio mit seinen Büchern immer wieder seinen schrägen Sinn für Humor, den seine Fans lieben!

© S. Strohschneider-Laue

Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 

siehe auch:
Der kleine Neurotiker 
Der kleine Hypochonder

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Mittelalter: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Freitag, 07. Mai 2010

Andreas Fingrnagel (Hg.) 
Juden, Christen und Muslime 
Interkultureller Dialog in alten Schriften 

Kremayr & Scheriau 2010, 256 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2180 0809 9 

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der interkulturelle Dialog sollte sich ein Beispiel an dieser Publikation nehmen: strukturiert, sachlich, verständlich und weltoffen. Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek bietet einen erfrischend modernen Rahmen für die Jahrhunderte gekommenen Kostbarkeiten.

Vier große Schriftkulturen - griechisch, lateinisch, arabisch und hebräisch - dominierten das mittelalterliche Europa. Der wissenschaftliche Austausch basierte daher einst wie heute auf Fremdsprachenkenntnisse und Übersetzungen. Dazu kommt, dass Wissenschafter bis heute geniale Überleser des politischen und religiösen Kotau sind. Jene Unterwerfung, die bis heute in Geleit- und Vorworten oder politisch korrekten Formulierungen seinen Ausdruck findet. Damit war der Mindesttribut an die staatliche und kirchliche Förderung und Anerkennung abgeleistet. Übersetzungen sparen ggf. solche Formulierungen aus oder passen sie an den entsprechenden kulturellen Kontext an. Wissenschafter legen eben mehr Wert auf den Inhalt.

Die gleiche wissenschaftliche Sorgfalt zeichnen Struktur und Inhalt der Beiträge diese Katalogs aus. Andreas Fingernagel, Ernst Gamillscheg, Christian Gastgeber, Solveigh Rumpf-Dorner und Friedrich Simader nehmen sich den Grundlagen sowie des interkulturellen Dialogs in Medizin, Astronomie und Astrologie an.

Grundlagen für das Verständnis der schriftlichen Kommunikation bietet das lapidar bezeichnete Kapitel “Einleitung”, das wesentlich mehr bietet als man es bei thematischen Einleitung gewohnt ist. Hier werden die griechischen, arabischen, hebräischen und abendländischen Handschriften nicht nur hinsichtlich der jeweiligen Sprache, sondern auch in Bezug auf die Produktionstechniken minutiösen und überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. Rolle oder Codex, Papyrus oder Pergament, Majuskel oder Minuskel waren die Entscheidungen, die sich kaum vom heutigen Herstellungsprozess unterscheiden. Die Alternativen ob und wie illustriert wird oder nicht, waren stets mehr als nur die Entscheidungen über schön und praktisch. Zuletzt musste noch über einen passenden mehr oder minder schönen aber jedenfalls strapazfähigen Einband entschieden werden. Das gesamte Layout der Produkte spiegelt durch diese Entscheidungen den jeweiligen kulturellen Kontext sowie die Ansprüche des Zielpublikums wider. Viel verändert hat sich an diesen Faktoren wenig. Seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern sind Schriften zu Massenmedien geworden, die den Zauber individuell gestaltete Werke im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr eingebüßt haben. Trotzdem muss und soll an dieser Stelle - auch weil es viel zu selten erwähnt wird - eine Lanze für den modernen Herstellungsprozess gebrochen werden. Ein ansprechendes Layout ist fast ebenso wichtig wie ein exzellenter Inhalt. Gestaltung ist deshalb nur “fast” so wichtig, weil die Zielgruppe “Wissenschaftler” weniger  design- und qualitätskritisch und ggf. weniger am unwissenschaftlichen Puls der Zeit interessiert ist. Erfreulich - aber auch logisch -, dass in der Nationalbibliothek hohe Produktqualität nicht nur den Inhalt betrifft. Das perfekte grafische Konzept von “Juden Christen und Muslime” ist Ekke Wolf zu verdanken, der auch Geografische Kostbarkeiten gestaltete. Die an sich schon übersichtliche Textstruktur wird durch das stimmige Layout hervorragend unterstützt. In Kombination mit den ausgezeichneten Abbildungen in hochwertiger Qualität ist es ein bibliophiler Genuss auch unabhängig vom Inhalt in dem Band zu blättern. Bücher sind schließlich mehr als abrufbarer Content.

Den Auftakt des zweiteiligen Wissenschafts- und Publikationsvergleichs macht die Medizin. Medizin im Mittelalter ist ohne Hippokrates und Galen undenkbar. Die Bestseller unter den medizinischen Schriften wurden in alle Sprachen übersetzt und von dort weiter- und wieder rückübersetzt. Von den Veränderungen und Erweiterungen aber auch Übersetzungsverlusten die diesen Prozess begleiteten ganz zu schweigen. Frei nach dem Motto: “Wer nur einen Autor abschreibt ist ein Plagiator, wer viele zitiert ist Wissenschafter”, entstanden zahlreiche aufeinander aufbauende oder spezialisierte medizinische Werke, die sich auch mit Themen wie Schlangenbissen oder chirurgischen Instrumenten befassten. Von den antiken Originalquellen sind nur wenige erhalten. Der spätantike “Wiener Dioskurides” (vor 512), ein pharmakologischer-zoologischer Sammelband, ist so ein faszinierendes Beispiel. Er war Vorlage für zahlreiche ähnlich angelegte Herbarien.

Der Vergleich der Schriften vor dem historischen Hintergrund lässt einen regen wissenschaftlichen Informationsaustausch erkennen, der umso deutlicher bei der Astronomie in Erscheinung tritt. Die wissenschaftliche Entwicklung vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild zeigt wie wichtig für erfolgreiche Foschung internationale Kooperationen sind. Kooperationen, die am Übergang zur Neuzeit die Leistungen von Kopernikus und Keppler erst möglich gemacht haben. Obwohl daran deutlich zu erkennen ist, wie schwierig das wissenschaftliche Streben nach Erkenntnis mit religiöse Positionen - und somit staatspolitischen Interessen - zu vereinbaren ist. Wer weiß wie das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Astronomie und Religion ausgegangen wäre, wenn nicht die Berechnungen des Osterfestes, Gebetszeiten- und -richtungen sowie Fastenzeiten wichtig gewesen wären. Erstaunliche Werke entstanden daher zu Astronomie und Astrologie. Manche davon waren neben ihren exakten Berechnungstabellen zusätzlich kleine technische Wunderwerke, die didaktische Modelle für Astrolabien mit beweglichen Teilen boten.

Ganz unabhängig vom Ausstellungsbesuch ist dieser Katalog eine Pflichtlektüre. Die leicht fassbaren Texte und exzellenten Abbildungen sind mehr als ein historischer Überblick zu wissenschaftlichen Publikationen des Mittelalters. Sie sind ein Plädoyer für den interkulturellen Dialog, der keinesfalls durch Vorurteile, Intoleranz und vor allem durch Gewinnsucht religiöser und politischer Demagogen, die die Dummheit ungebildeter Massen für ihre Zwecke nutzen, ausgebremst werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Aktuelle Ausstellungskataloge 
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Juden, Christen und Muslime

Donnerstag, 06. Mai 2010

Juden, Christen und Muslime
Interkultureller Dialog in alten Schriften

ÖNB Prunksaal
7. Mai bis 7. November ‘10

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der Titel wird der fantastischen Ausstellung thematisch nicht gerecht. Geht es doch um Naturwissenschaft, die inhaltlich Menschen eint, welche politisch-religiös geschürtes Kalkül deutlich zu trennen sucht.

Das Streben nach Erkenntnis und das Suchen nach Antworten ist das Kennzeichen des Wissenschaft. Dazu wird auf bestehende Grundlagen aufgebaut, werden diese ergänzt oder verworfen. Heute publiziert die Naturwissenschaft überwiegend auf Englisch. In der Antike waren Latein oder Griechisch, später auch Arabisch oder Hebräisch die Sprachen, die die Welt der Wissenschaft regierten. Vor dem maschinellen Druck, der große Auflagen ermöglichte, wurde handschriftlich - oft kunstvoll illustriert - vervielfältigt. Wichtige Schriften wurden von einer Sprache in die nächste, vielleicht sogar in weitere übersetzt. Wenn das Original verloren ging, blieben nur die mehrfach übersetzten, vermutlich gekürzten, ergänzten und jeden Fall veränderten Kopie erhalten. Den Orignalwortlaut in diesem Babel aus Abschriften und Mehrfachübersetzungen zu finden, war bereits damals und ist erst recht heute eine gigantische Herausforderung. Der Reibungsverlust in der Wissensvermittlung entstand aber nicht durch die Sprachvielfalt, sondern durch den immer neu belasteten interkulturellen Dialog, der durch Vorurteile, religiöse Dogmen und politische Differenzen ausgebremst wurde oder zeitweilig völlig zum Erliegen kam.

Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich mit jeder neuen Ausstellungen der Herausforderung die Finger auf die wunden Punkte des interkulturellen Dialogs zu legen. Bei dieser ist es dem Team um Dr. Andreas Fingernagel, Direktor der Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek, besonders gut gelungen diesen Aspekt deutlich werden zu lassen.

Die Herstellung von Schriften und Büchern in griechisch-byzantinisch, lateinisch, arabischen und jüdischen Schriftkulturen, die die Spätantike und das europäische Mittelalter dominieren, sowie die damit verbundenen Traditionen führen in die Ausstellung ein. Zwei Bereiche der Naturwissenschaften greift die Ausstellung anschließend vertiefend auf: Medizin und Pharmakologie auf der einen Seite, auf der anderen Seite Astronomie und Astrologie.

  

Erstaunliche Kostbarkeiten werden dazu für kurze Zeit präsentiert. Darunter auch astronomische Handbücher mit beweglichen Teilen, die als exakte Messgeräte zur Himmelbeobachtung oder zur Erstellung von Horoskopen dienten. Oder solche wie das Losbuch, die mit ihrer Himmelsdarstellung stark an die bronzezeitlichen Fund der Himmelsscheibe von Nebra erinnern. Astronomische Beobachtungen und ihre Resultate sind über zahlreiche Kulturen, weite Räume und lange Zeiten vermittelt und zusammengetragen worden. So gesehen könnte, das Universum als das ewig verbindende Element der Völker und Kulturen bezeichnet werden.

Die empfindlichen Schriften werden nach Ablauf der Ausstellung aus konservatorischen Gründen wieder dunkel und gut klimatisiert aufbewahrt werden müssen, um auch für künftige Generationen erhalten zu bleiben.

 

Besonders empfindlich und einzigartig ist der “Wiener Dioskurides” (vor 512), der zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählt. Das älteste erhaltene wissenschaftliche Werk der Spätantike mit Darstellungen von Ärzten, Tieren und Pflanzen wird nur bis zum 16. Mai im Original zu sehen sein; anschließend wird statt des Originals ein Faksimile zu sehen sein. Die von diesem Buch inspirierten Schriften wie z. B. Herbarien belegen den langfristigen Einfluss, den Grundlagenwerke wie dieses gehabt haben.

 

Beispielgebend für interkulturellen Dialog, für kulturelle Anpassung unwandelbarer Inhalte ist der “Eid des Hippokrates”. In der Ausstellung werden die “Medizinischen Schriften” des Hippokrates in einer der ältesten griechischen - und somit originalsprachigen - Ausgaben gezeigt. Das Standardwerk der Medizin war auch für den Arzt des Mittelalters noch maßgeblich.

   

Kranken zu helfen, wie es die Klöster von der fürsorgenden Seite betrieben, und Krankheiten zu prophylaktischen Zwecken erforschen, sind unterschiedliche medizinische Ansätze, die in den Schriften deutlich werden.

 

Der Bogen spannt sich von Anleitungen zu gesunder Lebensführungen, über Therapien im Erkrankungsfall bis hin zur Verarbeitung von Früchten und Gewinnung von Arzneimitteln.

  

Detailreiche Illustrationen zur Behandlung sowie den benötigten chirurgischen Instrumenten zeichnen die Lehrbücher aus - obwohl etliche dazu beitragen, dass man für den heutigen Forschungsstand dankbar ist, sollte man ärztliche Hilfe benötigen.

Fazit: Der Prunksaal ist immer einen Besuch wert. es erstaunt immer wieder wie es den Abteulungen der Nationalbibliothek gelingt diesen ausstellungstechnisch völlig ungeeigneten so gelungen zu bespielen. Die Der großartige erzählerische Bogen und die stimmige Auswahl der in jeder Hinsicht eindrucksvollen Werke sind mehr als nur einen Besuch wert. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte sind eingängig und machen Lust auf mehr. Das “Mehr” bietet der zugehörige Katalog, der m. E. auch in jeder Schulbibliothek vertreten sein sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

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Nullerjahre

Donnerstag, 07. Januar 2010

Fiction

Judith-Maria Gillies 
Unsere Nullerjahre  
Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger
Eichborn 2009, 233 S.
ISBN 978 3 8218 6501 0

 Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

Biene Maia, Bircher-Müsli und Bubblegum sind Schnee von vorgestern, Relikte des letzten Jahrhunderts. Die Relikte von morgen sind die noch immer aktuellen modischen und/oder menschlichen Höhen und Tiefen der letzten 10 Jahre. Was haben Alcopops und Botox bzw. Prinzessin Lillifee und Paris Hilton gemeinsam? Ja, da können so manche Parallelen gezogen werden. Vor allem aber polarisierten sie und sie teilen sich daher die Buchseiten der Nuller(!)jahre mit Autofähnchen und Tattoos bzw. Bob dem Baumeister und Dieter Bohlen.

Allein die Stichworte zu lesen genügt, um den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Die Texte dazu sind jedenfalls ein Born des Genusses. Jene, die sich gegen irreversible Modesünden entschieden haben, werden sich über die Entsorgungsproblemen ArschgeweihlerInnen amüsieren. Es ist eben einfacher “Ugly-Boots” und tiefgelegte Beinkleider zu entsorgen als ins Fleisch geprägte Bekenntnisse. Ob man zukünftig anderem importierten Grauen wie Halloween entkommen mag, ist wohl leider zu bezweifeln.

Herrlich böse und wunderbar amüsant ist die lexikalische Abrechnung mit dem zur Schau getragenen Lebensgefühl im neuen Jahrtausend. Für die meisten ist das Buch ein romantisch-nostalgischer Blick retour, viele werden nachdenklich gestimmmt und für die Verweigerer aller Trends ist es ein hämischer Blick auf das zusammengefasste Verkaufsgespräch eines Jahrzehnts. Egal unter welchen Voraussetzungen man zu schmökern beginnt, am Ende wird man mit einem lachenden und weinenden Auge in Erinnerungen kramen. Grenzgeniale Pflichtlektüre für Trendjunkies und Verweigerer ist das Buch in jeden Fall - auch wenn man den Eindruck bekommt, dass Frauen die größten Torheiten begehen und männliche Volltoren allseits bejubelt Karriere machen.

Prosit 2010 und alles was bis Ende 2019 kommen mag!

© S. Strohschneider-Laue

Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

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Liebe zwischen den Seiten - Kriegsbriefe

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Notiz

Kriegsbriefe deutscher Studenten

Postkarte: Lieber Karl 16.IV.1940

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein. Seit dem dritten Advent 2009 wohnen Karl und Josef in Kriegsbriefe gefallener Studenten bei uns.

Eigentlich sollte ich es besser wissen und einen großen Umweg um Buchflohmärkte machen. Aber der Advent-Flohmarkt im Pfarrheim hatte eine ganz unchristliche, magische Anziehungskraft. Satte dreizehn Euro habe ich dort gelassen. Ein hoher Stapel Parental-Advisory-Schwermetall-Cds, die die anständigen Kirchgänger geflissentlich ignorierten, hat dort eindeutig auf mich gewartet und natürlich ist auch ein Buch an mir hängen geblieben:

Philipp Witkop
Kriegsbriefe gefallener Studenten
© Georg Müller Verlag 1928, 
161. bis 170. Tausend. Volksausgabe 1933

Ich kannte den Titel nicht, dachte aber sofort an den Antikriegsroman von Erich Maria Remarque “Im Westen nichts Neues”. Tatsächlich habe ich das Buch aber gekauft, weil drei Schriftstücke, die auf der letzten Seite im Schutzumschlag eingeklemmt waren, mein Interesse weckten.

  Klemens Tilmann, Todesverächter, Ein Tatsachenbericht aus der Geschichte der Kirche in Fern-Ost Klemens Tilmann, Todesverächter, Ein Tatsachenbericht aus der Geschichte der Kirche in Fern-Ost

Oberschütze Karl Haugeneder aus böhmisch Krum(m)au (Český Krumlov) hat im April 1940 zwei Bücher in Wien gekauft: von Witkop “Kriegsbriefe” (3 Reichsmark 60 Reichspfennige) und von Tillmann “Todesverächter” (3 Reichsmark 20 Reichspfennige). In Anbetracht der damaligen Einkommensverhältnisse kein billiger Einkauf und inhaltlich schwere Kost. Denn obwohl die jüngeren Ausgaben der “Kriegsbriefe”, die ab 1933 erschienen den Lesern todesbereiten Heldenmut für Deutschland suggerieren sollten, konnte das inhaltlich wohl kaum erreicht werden. Der Hurrapatriotismus jener jungen Männer, die weltfremd, indoktriniert und ohne klaren Gedanken in den Ersten Weltkrieg stürmten, wird von Brief zu Brief mehr und mehr relativiert. Sie sehnten sich nach ihren Müttern, klammerten sich an göttliche Heilsversprechungen und lebten von Adrenalinschub zu Adrenalinschub, während der lebenslang eingedrillte Gehorsam und die unreflektierte Pflichterfüllung sich bis zum Tode erschöpfte. Die Konfrontation mit der Kriegsrealität, die mit den Bierbankgesprächen in den Studentenverbindungen so gar nicht übereinstimmten, ließen sie die bittere Wahrheit dieses und jeden anderen Krieges kurz vor ihrem Tod erkennen. Die Briefe, die die jungen Männer von der Einberufung, vom Marsch, von der Front und aus den Lazaretten schrieben, sind zeitlos.

David-Postkarte Lieber Karl 16.IV.1940

David hat Goliath besiegt. Gerade deshalb war die Postkarte von Josef aus dem Zisterzienserstift Wilhering an Karl in Krummau in diesen “unruhigen Zeiten” schlecht gewählt. Auch die Hoffnung Josefs, dass Karl sich “in den schönen kräftigen Inhalt einlesen und auch Freude aus diesem Buch schöpfen” könne, spricht nicht für den Schreiber, der “den Geist des Ganzen” (noch) nicht erfasst haben dürfte. 1940 wurde das Stift durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und enteignet, die Mönche kamen ins Gefängnis oder wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte auch Josef klarer gesehen haben.

Die Kriegsbriefe gefallener Studenten aus dem Ersten Weltkrieg verbinden sich zweiundzwanzig Jahre nach Kriegsende durch die Lebensspuren von Karl und Josef mit dem Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs. Ein erschütterndes Zeitzeichen, das mich nur einen Euro gekostet hat, aber dessen Inhalt mit vielen Leben bezahlt wurde.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Die Fotos der Rosi Z.

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Mamerot - Chronik der Kreuzzüge

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Thierry Delcourt, Danielle Quéruel, Fabrice Masanès 
Sébastien Mamerot - Chronik der Kreuzzüge
Von Karl dem Großen bis Sultan Bajsit
Taschen 2009, 2 Bände, 224 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 218 00795 5

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

Das wunderbar illuminierte Manuskript “Les Passages d’Outremer” aus dem 15. Jahrhundert befindet sich in der französischen Nationalbibliothek in Paris. Text und Bilder erzählen die Geschichte der Kreuzzüge ab Karl dem Großen bis zum Aufstand in Genua (1462). Das unbezahlbare Original in Händen zu halten, ist nur Wenigen vergönnt. Um so schöner ist es, dass Taschen ein hochwertiges Faksimile in herausragender Detailtreue und mit Goldhöhung vorgelegt hat. Begleitet wird dieses Werk von einem umfassenden Kommentarband, der eine vollständige Übersetzung enthält. Prachtband und Kommentarband werden gemeinsam durch einen königsblauen Schuber mit goldenen Lilien geschützt. Zieht man die beiden Bände heraus, hält man zwei gewichtige rot gebundene Bücher in Händen, deren aufwändige Ausstattung jedem Bibliophilen das Herz höher schlagen lassen.

Mit der Entstehung des Originals sind vor allem drei Namen verbunden: Sébastien Mamerot (um 1430-1490), der Autor,  Jean Colombe (um 1430-1493), der Illustrator, und Louis de Laval (1411-1489), der Auftraggeber. Jean Colombe ist für seine unsterblich schöne Buchmalerei der ”Très Riches Heures” des Duc de Berry berühmt und nicht minder fantastisch sind die Illustrationen, die er für “Les Passages d’Outremer” schuf.

Die Kreuzzüge verursachten tiefgreifende politische und soziale Veränderungen. Die vordergründig religiös motivierten Kreuzzüge, hatten wie alle Kriege wirtschaftliche und strategische Hintergründe. “Jenseits des Meeres” (Outremer) vollzogen sich daher auch für die teilnehmenden Adeligen zahlreiche gesellschaftliche Ereignisse, die ihre Wirkung bis in die jeweilige Heimat entfalteten. Eines dieser tiefgreifenden Ereignisse ist wohl den meisten Menschen bekannt: Der berühmte Streit zwischen Richard Löwenherz und Leopold von Österreich vor Akkon im Jahr 1191. Der Zwist mündete schließlich in der Gefangenschaft Richard Löwenherz bei seiner Rückreise 1192 durch Österreich. Das hohe Lösegeld, das seine Untertanen für ihn aufbringen mussten, ermöglichte schließlich den Ausbau der Stadtbefestigung von Wien. Die Beschreibung der gegenseitigen Provokationen vor Akkon, das undiplomatische Verhalten kann man sowohl dem Faksimile als auch der Übersetzung im Kommentarband entnehmen. Die lebendige Schilderung lässt die Mächtigen der damaligen Welt durchaus als postpubertäre, machtgeile Männer erscheinen, die in ihrer Überheblichkeit jegliche, damals üblichen Umgangsformen weit hinter sich ließen. Das erfreut nicht nur Historiker, sondern verschafft noch immer - nach rund 550 Jahren - ein überraschendes Lesevergnügen.

Thierry Delcourt steuert im Kommentarband das umfassende Essay “Die Passages d’Outremer, ein Meisterwerk der französischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts” bei. Gemeinsam mit Danielle Quérel verfasste er zu dem “Editorische Anmerkungen”. Die Übersetzung des Originals besorgten Eva Dewes, Hubertus von Gemmingen und Regine Schmidt. Die Bildkommentare und die Zusammenfassung übernahm Fabrice Masanès. Abgerundet wird der Kommentarband von einer umfassen Bibliografie.

Ein herrliche Anschaffung, die ihren Wert behält!

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

Hier kann man im Buch blättern

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Heiße Bescherung

Donnerstag, 19. November 2009

Fiction

Corinna Rückert (Hg.)
Heiße Bescherung
Erotische Geschichten
Rowohlt 2009, 223 S.
ISBN 978 3 499 25292 1

 Heiße Bescherung: Erotische Geschichten

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Verbunden wird Weihnachten wohlige Wärme, knisterndes Feuer und prickelnde Vorfreude. Völlig richtige Assoziationen, wenn auch ein wenig kindlich. Die erwachsene Variante ist sinnlicher, wohliger, knisternder, prickelnder und wird gekrönt von einer heißen Bescherung.

Zehn Autorinnen verführen zum Lesen und locken mit Versuchungen der besonderen Art. Sie beschenken sich selbst und ihre PartnerInnen mit dem Unerwarteten. Regina Nössler, Sophie Andresky, Luna, Laura Mérrit, Corinna Rückert, Susanna Calaverno, Patricia Amber, Astrid Martini, C. C. Stern und Aveleen Avide entfachen das Feuer, stellen die Kerzen auf und verführen zu sinnlichen Höhepunkten.

Corinna Rückert wählte für diesen Band hochkarätige Autorinnen aus. Das Arrangement der lustvollen Momente entspricht der Weihnachtzeit. Es beginnt mit der Vorfreude “Auf engstem Raum” und steuert unaufhörlich über “Brust oder Keule”,  “Bye-bye Dr. Feelgood”, “Das Abendmahl”, “Der Connaisseur”, “Ein ganz besonderer Adventkalender”,  “Engel im Schnee, “Himmlische Eroberung” und ”Hot ‘n’ Cold” quer durch die Weihnachtszeit auf “Michelle und ihre Weihnachtsmänner” zu. Jede Story ist ein besonderes Geschenk. Wundervoll geschrieben und immer wieder lustvoll überraschend.

Eindeutig ein Buch zum selbst behalten oder als Überraschung im erotischen Weihnachtskalender einplanen. Meine Empfehlung lautet: Lesen Sie die letzten zehn Tage vor Weihnachten täglich eine Story und genießen sie Aveleen Avides Hauptgang ”Weihnachtsmänner” am 24. Dezember als unvergleichlichen Nachtisch. Es wird ein unvergessliches Fest werden.

“Be”sinnliche Weihnachten!

© S. Strohschneider-Laue

Heiße Bescherung: Erotische Geschichten

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Indien hören

Mittwoch, 18. November 2009

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Peter Pannke, Lisa Fehrenbach
Indien hören
Silberfuchs Verlag 2009, 1 CD, Laufzeit 80′, 16 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 13 3

 Indien hören - Das Indien-Hörbuch: Eine klingende Reise durch die Kulturgeschichte Indiens von den Mythen bis in die Gegenwart

Die klingenden Reisen sind unverwechselbar. Kompakt und stimmungsvoll zugleich verführen sie zu Ohrenreisen in die Ferne. Fundiert aufbereitet, wird die Kulturgeschichte des jeweiligen Landes erzählt. Das klangliche i-Tüpfelchen bildet die jeweilige Kombination aus exzellentem Sprecher und mit Bedacht gewählten Musikzitate. Gemeinsam komplettieren sie die sinnliche Atmosphäre aller Hörreisen. Die anspruchsvollen Produktionen erfreuen durch ihre grafische und akustische Aufbereitung Augen und Ohren gleichermaßen. Aber das wirklich Besondere an Ihnen ist, dass sie wertfrei neugierig auf das Andere, das Fremde machen.

Auf Indien muss man allerdings nicht neugierig machen. Unvorstellbar das Land der Vielfalt nicht reizvoll zu finden. Indien denkt, fühlt und lebt in anderen Dimensionen. Nicht nur hinsichtlich Bevölkerung, Kulturen und Sprache ist Indien ein bunter Gigant. Mitprägend waren für die Entwicklung Indiens die Ausbreitung des Buddhismus, Hinduismus, Jainismus, Islam, Bhakti-Kult, Sufismus, Sikhismus oder auch des Krishna-Kults. Die von innen und von außen kommenden politischen Veränderungen waren zusätzliche Faktoren, die Indien einen nachhaltigen Stempel aufdrückten.

Die neue klingende Reise aus dem Silberfuchs Verlag vermittelt einen akustischen Farbrausch für die Ohren, der Indien mehr als nur gerecht wird. Von den frühen Schöpfungsmythen, über politische, philosophische und religiöse Strömungen bis zum modernen Indien des Mahatma Gandhi, Bollywood oder auch Slumdog Millionär wird der Bogen gespannt. Die enorme Herausforderung eine gewaltige Informationsfülle auf 80 Minuten zu verdichten, ist genial bewältigt worden. Die spannende Aufbereitung in Kombination mit der Stimme von Rufus Beck verführt immer aufs Neue zum Wiederhören. Mit traditioneller indischer Musik unterlegt, entsteht ein Klangerlebnis, das Ohren Curry hören, riechen und schmecken lässt. Dass die Augen bei diesem inhaltlichen und akustischen Fest nicht zu kurz kommen, dafür hat Roswitha Rösch mit farbenprächtiger Gestaltung von CD, Cover und Booklet gesorgt.

Hörprobe 

© S. Strohschneider-Laue

Indien hören - Das Indien-Hörbuch: Eine klingende Reise durch die Kulturgeschichte Indiens von den Mythen bis in die Gegenwart 

höre auch:
China hören
Deutschland hören 
Frankreich hören  
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Niederlande hören 
Russland hören 
Türkei hören  
Ungarn hören 

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In Wahrheit wird viel mehr gelogen

Mittwoch, 04. November 2009

Fiction

Kerstin Gier
In Wahrheit wird viel mehr gelogen
Lübbe 2009, 269 S.
ISBN 978 3 7857 6014 7

In Wahrheit wird viel mehr gelogen

Carolin ist 26 und das erste Mal in ihrem Leben Witwe. Das kann passieren, wenn man sich in einen viel älteren Mann verliebt. Blöd nur, wenn der Mann der Vater ihres Exfreundes ist, mit dem sie sich nun um das nicht unbeträchtliche Erbe streiten darf. Mit ihm und seinen beiden zänkischen Schwestern, die in etwa genauso blond sind wie deren Mutter. Aber nicht umsonst hat Carolin einen IQ von 158 und einen ganzen Haufen ausgefallener Ideen sowie eine “pflaumige” Schwester, einen ausgestopften Yorkshire Terrier mit Namen “Zweihundertdreiundvierzig” und eine feuchtigkeitscremebenutzenden Apotheker an ihrer Seite. Da macht notorisches Zählen auch schon nichts mehr aus…

“In Wahrheit wird viel mehr gelogen” ist eine erfrischende Abwechslung. Gut, es ist außen rosa, aber irgendwas ist ja immer. Ideenreich und selten sarkastisch bringt es so manches Schmunzeln mit sich - und meine erst durchlesene Nacht seit Langem!

Fazit: ein echter Lesetipp!

© K. Zotzmann

In Wahrheit wird viel mehr gelogen

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Helmut Böhm-Raffay

Sonntag, 01. November 2009

Notiz

Was ist das Nichts?  
Helmut Böhm-Raffay
Einer, der zwischen Realität und Illusion mühelos hin- und herspaziert 
Ein Film von Herbert Link 2009, ca. 40′.

Helmut Böhm-Raffay lebt seinen Traum. Spontan will er sein und kreativ nach dem Ende seines minutiös geplanten, technisch orientiertem Berufslebens. Unter dem Pseudonym “Heinz Brandtner” ist er schriftstellerisch tätig. Er schreibt für die Bühne und wird sein eigener Darsteller. Er schreibt zu Bildern und wird so ein Teil von ihnen. Kreativ und spontan sucht er nach seinen persönlichen Plattformen und findet sie oft an ungewöhnlichen Orten. Doch für ihn ist nichts davon raumgreifend genug. Böhm-Raffay hatte seine Liebe zum Tanzen als Junge entdeckt und ist ihr bis in die Gegenwart treu geblieben. Dabei hat er den nach und nach den Gesellschaftstanz hinter sich gelassen. Über Masken, Pantomime und Afro Dance entdeckt er schließlich den Ausdruckstanz für sich. Helmut Böhm-Raffay ist einer, der den Sog spürt und einer, der ein ewig Suchender bleiben wird.

Herbert Link gelang es den kreativen Freigeist Helmut Böhm-Raffay mit der Kamera einzufangen. In der biografischen Dokumentation bewies er sich als Formgeber der Spontaneität und Bändiger einer kreativen Lebensflut. Ganz passend dient daher das Ende des Interviews als Einstieg in den Film. Rückwärts tritt Helmut Böhm-Raffay ins Bild, setzt sich, bekommt das Mikrophon angesteckt von dem er am Ende des Films wieder befreit wird, um diese Bühne zu Gunsten einer anderen zu verlassen. Mit dem spannend inszenierten Film und der verdichteten Biografie unterstreicht Herbert Link dezent das zufällig Unzufällige des “Heinz Brandtner”.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch:
Don Quixote am Michaelerplatz - Film
Der verzauberte Spiegel. Schauspiel in zwei Abteilungen. - Buch

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Englische Schriftstellerinnen

Freitag, 23. Oktober 2009

Non-Fiction

Luise Berg-Ehlers
Das Glück des Schreibens. Englische Schriftstellerinnen und ihre Lebensorte
Nicolai 2009, 184 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 89479 292 3

 Das Glück des Schreibens

Wie ärmlich wäre die Weltliteratur ohne den Beitrag der vielen schreibenden Frauen! Vor allem den Engländerinnen gelang es mit ihren herrlichen Geschichten die westliche Kultur zu prägen. Ihnen verdanken wir Charaktere wie Mr. Darcy und Elisabeth Bennet, Jane Eyre, Heathcliff, Hercule Poirot, Miss Marple, Harry Potter und Peter Rabbit. Ein Buch wie “Das Glück des Schreibens. Englische Schriftstellerinnen und ihre Lebensorte” kann also aus dem Vollen schöpfen. Schließlich ersannen die britischen Literatinnen nicht nur starke Romanfiguren, sondern revolutionierten das Genre gleich mehrmals. Im 18. Jahrhundert passten sie die Struktur des Romans den ihnen offen stehenden Themen an. Dabei verdichteten und verkürzten sie - im Gegensatz zu den männlichen Kollegen - ihre Geschichten. Seitdem wird munter weiterentwickelt und experimentiert.

Luise Berg-Ehlers trägt mit der für “Das Glück des Schreibens” getroffenen Auswahl schreibender Frauen dieser Kontinuität und Ausdrucksvielfalt Rechnung. Noch lebende und sehr erfolgreiche Schriftstellerinnen sind ebenso vertreten wie ihre im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert schreibenden Schwestern im Geiste. Vorgestellt werden: Jane Austen, Charlotte, Emily und Anne Brontë, George Eliot, Virginia Woolf, Vita Sackville-West, Nancy Mitford, Radclyffe Hall, Jeanette Winterson, Iris Murdoch, Muriel Spark, Barbara Cartland, Rosamunde Pilcher, Daphne du Maurier, Agatha Christie, Dorothy Sayers, P. D. James, Beatrix Potter, Enid Blyton und J. K. Rowling. Zu den Werken dieser Meisterinnen des Wortes zählen Gesellschaftssatiren, Liebesromane und Krimis ebenso wie Reiseerzählungen und Kinderbücher.

Was trieb diese Frauen an? Wie lebten sie? Wie sah ihr Weg zum Erfolg aus? Die in “Das Glück des Schreibens” präsentierten Kurzbiografien der 21 englischen Autorinnen geben Antwort auf diese Fragen. Wortgewandt und humorvoll erzählt Luise Berg-Ehlers aus den Lebensgeschichten dieser gleichermaßen mit Begeisterung und Disziplin schreibenden Frauen. Deren Bücher sind nicht selten als Meilensteine auf dem Weg zu literarischer Größe, einer Millionen starken begeisterten Leserschaft oder gar beidem anzusehen und werden im Text dementsprechend gewürdigt. Als roter Faden ziehen sich die englische Landschaft und die in sie eingebetteten Häuser durch “Das Glück des Schreibens”, dessen Seiten zahlreiche stimmungsvollen Fotos zieren. Englische Schriftstellerinnen verewig(t)en in ihren Romanen die eleganten Straßenzüge von Bath und London, die Heiden und Moore in Englands Norden, die Strände Cornwalls, stattliche Herrenhäuser, einfache Cottages und üppige Gärten. Ihre Schilderungen haben das Englandbild von Generationen von LeserInnen geprägt. Das Glück des Schreibens ist die eine Seite der Medaille, das Glück des Lesens die andere.

© Ch. Ranseder

Das Glück des Schreibens

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Herz der Nacht

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Fiction

Ukrike Schweikert
Das Herz der Nacht
Lyx 2009, 478 S.
ISBN 978 3 8025 8223 3

Das Herz der Nacht

Mystery trifft auf History: Ulrike Schweikert reiht sich mit Herz der Nacht in die Reihe der prominenten Vampirschriftstellerinnen Anne Rice und Barbara Hambly. Sie alle hauchen Untoten jene realistisch anmutende Unsterblichkeit ein, die die LeserInnen wirklich fasziniert.

“Das Herz der Nacht” spielt in der Ära nach Napoleon in Wien und Hamburg. Die historischen Städte - vor allem der Hauptschauplatz Wien - mit den typischen Plätzen dienen Schweikert als Kulissen für ihre realistisch gezeichneten Figuren. Der Realitätseindruck wird zusätzlich durch die berühmten Namen der  Protagonistinnen verstärkt. Alle könnten jenen Familien entstammen, die ihre politischen und wirtschaftlichen Wurzeln in der k.u.k. Monarchie hatten und die mehr oder minder zwielichtigen Drahtzieher jener Epoche waren. Der Adel amüsierte sich zu dieser Zeit zwischen teuerem Spiel, opulenten Bällen und geistreicher Salonkultur, während das soziale Elend in den Vorstädten auf dem Vormarsch war. Den anziehenden Mittelpunkt in diesem schillerenden Reigen bildet der Vampir András Petru Báthory, der nicht umsonst den Namen der ebenso historisch verbürgten wie berüchtigten Blutgräfin trägt. Alles scheint perfekt, bis sich seltsame Todesfälle - weit in hocharistokratische Kreise hinein - ereignen, die eine Verbindung mit Báthory vermuten lassen. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich ein perfektes Intrigenszenario in dem sich alles um Macht und Liebe dreht und auch reale historische Persönlichkeiten die Story bereichern dürfen. 

Romantischer Horror und spannender Krimi bilden in diesem Roman eine harmonische und vor allem gut recherchierte Einheit. Die bildhafte Sprache von Schweikert sowie die abwechslungsreich gestalteten Szenenfolge machen es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Der Handlungsverlauf ist schlüssig und mit einigen überraschenden Wendungen garniert, so dass die Spannung, die durch den alten Bekannten Peter von Borgo ( Feuer der Rache, Der Duft des Blutes) angeheizt wird, konstant aufrecht bleibt.

AnhängerInnen des romantischen Vampirgenres werden beim Lesen ebenso auf ihre Kosten kommen wie Krimifans.

© S. Strohschneider-Laue

Das Herz der Nacht

siehe auch:
Feuer der Rache
Der Duft des Blutes

Die Erben der Nacht - Nosferas  -  Rezension
Die Erben der Nacht - Pyras
Lycana: Die Erben der Nacht

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