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Jane Austen Kochbuch

Mittwoch, 04. Februar 2015
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 79/15

Maggie Black, Deirdre Le Faye
Das Jane Austen Kochbuch
Reclam, Stuttgart 2013, 176 S., 22 Abb.2014, 319 S. zahlr. Farbfotos
ISBN 978 3 1501 0907 6

Jane Austen Kochbuch Das Jane Austen Kochbuch

Salmagundy, Syllabub …!

Nein, das ist nicht der Beginn eines Zauberspruchs. Mit diesen klingenden Namen wurden zwei Speisen bedacht, die einst die Gaumen der EngländerInnen erfreuten. Diese und 75 weitere Rezepte aus der Zeit von 1750 bis 1820 bilden das Kernstück des Jane Austen Kochbuchs.

Bevor sich jedoch alles um die Gerichte und ihre Zubereitung dreht, schildern Maggie Black und Deirdre Le Faye die gesellschaftlichen Gepflogenheiten und das Alltagsleben der Wohlhabenden in der späten georgianischen Epoche. Als Ausgangspunkt und roter Faden dienen Begebenheiten aus Jane Austens Leben sowie die kulinarischen Erlebnisse ihrer Romanfiguren. Schweigt Miss Austen, kommen ihre Zeitgenossen zu Wort.

Genuss für die Einen, Mühsal für die Anderen

Hungrige Zeitreisende würden so manche Überraschung erleben. Schon der damals übliche Tagesablauf unterschied sich sehr von unseren heutigen Gewohnheiten. Zum Frühstück, das rund eine Stunde dauerte, setzte man sich erst um 10 Uhr. Angehörige der Oberschicht nahmen gegen 17 Uhr oder später Dinner ein und benötigten dafür rund zwei Stunden. Gegen 20 Uhr gab es Tee und gegen 23 Uhr ein kaltes Supper. Die Mittelschicht dinierte früher und genoss abends ein warmes Supper. BesucherInnen, die zwischen 11 und 15 Uhr eintrafen, mussten nicht darben, ihnen wurden Erfrischungen gereicht.

Am erstaunlichsten waren jedoch die Anzahl der Speisen eines Ganges - je nach Anlass zwischen fünf und fünfundzwanzig - und ihre Präsentation. Hatte man Gäste, wurden in der Regel zwei Gänge und Dessert gereicht. Beim Betreten des Speisezimmers standen die Gerichte des ersten Ganges bereits am Tisch.
Ein französisch-amerikanischer Gentleman, der England 1810/11 besuchte, erinnerte sich an ein Dinner folgendermaßen: “Erster Gang - Suppe, Geflügel, gebratenes oder gekochtes Rindfleisch, Fisch, Speck, Austernsauce, Gemüse, Spinat. Zweiter Gang - Französisches Ragout, Wild, Makkaroni, Blumenkohl, Sellerie, Backwerk, Sahne, diverse Cremes. Dessert - Kuchen, Walnüsse, Mandeln, Rosinen, Äpfel, Birnen, Orangen.” Jeder Gast aß von der Fülle der angebotenen Speisen, worauf er oder sie Lust hatte und verschwendete garantiert keinen Gedanken an die Köchin, die für die Zubereitung stundenlang in der Küche geschuftet hatte.

Logistik und Kosten eines solchen Essens treiben vermutlich selbst heute, im Zeitalter des Supermarkts und Billigdiskonters, einer Hausfrau der Mittelschicht den Schweiß auf die Stirn. Früher war die Verfügbarkeit von Zutaten abhängig von der Jahreszeit. Vieles kam in seinem ursprünglichen Zustand in die Küche. So musste zum Beispiel Geflügel von der Köchin erst gerupft und ausgenommen werden. Das Verlängerte die Zubereitungszeit. Wohlhabende Haushalte produzierten einen Teil ihrer Lebensmittel selbst. Sie verfügten über einen Küchengarten, hielten Geflügel und vielleicht auch eine Kuh. Adelige besaßen ohnedies ausgedehnte Ländereien, Gutshöfe und Jagdreviere. Was nicht sofort gegessen wurde, musste konserviert werden, schon allein um im Winter nicht Not zu leiden. Das Haltbarmachen von Fleisch, Obst- und Gemüse, die Käsezubereitung sowie die Vorratshaltung waren zeit- und platzaufwändig. Meeresfisch, Muscheln, Zucker, Reis, Tee, Schokolade, exotische Früchte und Gewürze mussten zugekauft werden. Wer ausschließlich in der Stadt lebte, war gezwungen, auch einen Großteil der Grundnahrungsmittel bei Händlern zu erwerben.

Leckereien für Experimentierfreudige

In Anbetracht der Mühsahl die Zutaten zu beschaffen, verblüfft die Reichhaltigkeit der Rezepte umso mehr.
“Das Jane Austen Kochbuch” macht es historisch interessierten KöchInnen jedoch leicht. Den in englischer Sprache abgedruckten Originalrezepten stehen an die heutige Küche angepasste Übersetzungen/Interpretationen zur Seite. Für uns exotische Ingredienzien - wie etwa Hirschhorngelee - werden durch heute verfügbare, in Textur und Geschmack entsprechende Zutaten ersetzt. Ausführliche Anleitungen erleichtern die Zubereitung der Speisen und erfreuen mit wertvollen Tipps sowie kulturhistorischen Zusatzinformationen.

Wer es genießt auf den Spuren von Prominenten zu wandeln, darf sich freuen. Ein Teil der Rezepte stammt von zwei Frauen, die in engem Zusammenhang mit dem Haushalt von Jane Austen stehen. Martha Lloyd, der ein eigenes Kapitel gewidmet ist, arbeitete rund 22 Jahre für die Familie Austen. Mrs. Philip Lybbe Powys hingegen war eine Freundin von Mrs. Austen. Nicht zu allen Aspekten der spätgeorgianischen Küchenkunst haben die beiden Damen schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen. Als Ergänzung werden daher Rezepte aus anderen Kochbüchern des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts hinzugezogen.

Fazit

“Das Jane Austen Kochbuch” bietet einen faszinierenden Einblick in das kulinarischen Angebot, das einem recht kleinen Segment der englischen Bevölkerung zu einer Zeit, die wir aus Verfilmungen der Romane Jane Austen zu kennen glauben, zur Verfügung stand. Für leidenschaftlichen KöchInnen und Fans der großen Schriftstellerin ist das Buch eine Fundgrube. Die Rezepte zum Nachkochen sind übersichtlich gegliedert und leicht verständlich. Freude am Kochen ist jedoch keine Grundvoraussetzung, um das Buch zu genießen. Auch jene, die lieber schwungvoll geschriebene, gut recherchierte Texte zur Kulturgeschichte des Essens lesen als Zeit in der Küche zu verbringen, werden auf ihre Kosten kommen.

© Ch. Ranseder

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Hamsterfuchs

Mittwoch, 05. November 2014
ab acht Ebensolch Rez-E-zine 78/14

Viola Eigenbrodt, Christiane Hoff
Peter Verwunderlich (Illustration)
Der Hamsterfuchs und andere Kuriositäten

elf skurrile Märchen
BoD 2014, 133 S., sw. illustriert
ISBN 978 3 7357 7140 7

Der Hamsterfuchs und ander Kuriositäten Der Hamsterfuchs und andere Kuriositäten - elf skurrile Märchen

Skurrilitätenkabinett

Wenn der Alltag von Viola Eigenbrodt und Christiane Hoff gerührt, geschüttelt und als Groteske serviert wird, entsteht eine moderne Fabelwelt. Sie verwandeln Menschen in ihren Geschichten in tierische Zerrbilder aus dem Spiegelkabinett. Was der Spiegel zeigt, erinnert an Hieronymus Bosch im Designeroutfit von Mordillo. Schauderhaft schön, seltsam schrill und überraschend merkwürdig. Hier wird Realität zu Fantasiewolle gesponnen und zu kuriosen Fabeln verwoben.

Spannungsgeladen zieht man mit Elektrolurch Lothar, dem UKW-Wellensicht Walter durch die seltsame Fabeltierwelt. Wer keine Parallelen zu Karl dem dicklichen Kakadu und Drossel-Dietmar ziehen kann oder den angezwitscherten Marienkäfer Fred sowie das theatralische Enten-Drachen-Duo wiedererkennt, dem ist nicht zu helfen. Das Glück ist jedenfalls immer ein schräger Vogel - besonders in der Gestalt von Hamsterfuchs und Bärenhäsin. Wenn zwei Autorinnen sich gegenseitig derartig aufgeigen, dann sollte man sich hinsetzen und sich lesend darüber amüsieren.

Die optische Weitererzählung sind die Illustrationen von Peter Verwunderlich. Zart und fantastisch öffnet er mit ihnen Fenster und Türen zu anderen Orten.

Fazit

Es gibt sie doch noch, die schönen Erzählungen. Für junggebliebene Erwachsene und Junge, die nie ganz erwachsen werden wollen. Zum Selberlesen, zum Vorlesen für Fantasievolle, die auch mit 100 noch aus dem Fenster steigen wie vor 90 Jahren, und zum (gem)einsamen Weiterspinnen.

© S. Strohschneider-Laue

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Yoko Ono - Half-A-Wind Show

Mittwoch, 13. März 2013
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 74/13

Ingrid Pfeiffer, Max Hollein (Hgg.)
Yoko Ono
Half-A-Wind Show
Prestel 2013, Engl., 296 S., 250 Fotos.
ISBN 978 3 7913 5282 4

Yoko Ono Yoko Ono: Half-A-Wind Show

2013/14 - zwei Jahre Yoko Ono Retrospektive

Deutschland, Dänemark, Österreich und Spanien sind die Stationen der Yoko-Ono-Retrospektive “Half-A-Wind Show”: Schirn Kunsthalle Frankfurt 15. Februar bis 12. Mai, Louisana Museum of Modern Art Humlebæk 1. Juni bis 15. September 2013, Kunsthalle Krems 20. Oktober 2013 bis 23. Februar 2014 und Guggenheim Bilbao 18. März bis 7. September 2014.

Yoko Ono 80

Ein Ausnahmekatalog über die Ausnahmekünstlerin Yoko Ono, die den von ihr gestifteten Friedenspreis “LennonOno Grant for Peace” 2012 an die russische Band Pussy Riot verliehen hat. Onos Werk zeichnet sich durch experimentelle Prägnanz ebenso wie Protest aus. Verschränkung statt Beschränkung ist kennzeichnend für die Künstlerin. Dabei sind es vor allem die Ideen, Konzepte, Themen, die das Schaffen der vielseitigen Künstlerin, Filmemacherin, Musikerin und politischen Aktivistin ausmachen, und nicht primär deren dingliche Manifestation.

Eine Retrospektive - wirklich?

Den Auftakt des Katalogs übernimmt Yoko Ono mit einem Statement zu ihrer ersten Einzelausstellung in der AG Gallery in New York 1961 quasi selbst. In den sechs folgenden Beiträgen wird sie sowie ihr Werk einer näheren “Fremd”betrachtung unterzogen. Die Ausstellungsobjekte werden den Beiträgen zugeordnet vorgelegt.

Ingrid Pfeiffer, widmet sich unter dem Titel “Die Welt in Balance bringen”, Oko Onos Beitrag zu einer Kunst der Selbstreflexion von 1955 bis heute. Das “Unfassbare” an Onos Œuvre leitet ihre nachfolgende Gliederung ein: Licht und Schatten, Wasser und Feuer, Luft und Himmel, Material und Immaterialität, Zerstören und Heilen, Balance, Sprache, Musik, Performance, Feminismus und Körper, Absurdität und Humor, Arbeiten im Öffentlichen Raum und Mail Art sowie Ausnahme.

Mit “Yoko Ono und Fluxus” setzt sich Jan Hendricks auseinander. Eingeleitet wird der Beitrag durch ein Schreiben, das beispielgebend für die Immaterialität ihrer Werke kennzeichnend ist: “Die meisten meiner Stücke sollen mündlich verbreitet werden, daher gibt es keine Partitur davon.”

“Yoko Onos Basho - Ein Gespräch” wird von Alexandro Munroe vorgelegt. In Gesprächen, Erinnerungen und Fragmenten, werden Lebens- wie Kunststationen zitiert.

Kerstin Skrobanek bespricht unter “Yoko Ono zwischen den Künsten” des vernetzten künstlerischen Schaffen. Zwischen Handlungsanweisungen und direkten Umsetzungen zeigt sie auf wie Betrachter zu Beobachtern gemacht werden und wie Literatur, Malerei, Musik und Performance sich bei Yoko Ono gegenseitig bedingen.

Mit “Zu den Filmen von Yoko Ono” hlegt Kathleen Bühler eine minutiöse Betrachtung des konzeptuellen Denkens und filmischen Schaffens der Filmemacherin vor. Kontroversielle und experimentelle Zugänge abseits des Mainstreams war auch hier der Hauptimpuls für Yoko Onos Konzepte.

Yoko Onos Musik wird von Jörg Heiser unter dem Titel “Gegen den Wind, gegen die Wand” gewürdigt. Initialzündungen, konzeptuelles Arbeiten und Kooperationen begleiten ihren musikalischen Werdegang.

Die vorgelegten “Texte von Yoko Ono” reichen von “Biography/Statement (1966)” bis zu “What is the Relationship between the World and the Artist? (Mai 1971)”.

Chronologie, Auswahlbibliografie, Autorensteckbriefe, Verzeichnis der ausgestellten Werke und der Fotonachweis beschließen den Katalog.

Fazit

Eine brillante Zusammenschau zum Werdegang und aktuellen Stand rund um Yoko Ono. Surrogat für jene, die die Ausstellung nicht besuchen können. Handbuch für jene, die den Kunstrhythmus von Yoko Ono auf die Spur kommen wollen. Pflichtkauf für alle, die eine lückenlose Kunstbibliothek besitzen möchten.

© S. Strohschneider-Laue

Yoko Ono Yoko Ono: Half-A-Wind Show

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