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Die Kunst des Essens

Montag, 21. September 2009

Fiction

MFK Fisher
Die Kunst des Essens
Herausgegeben und übersetzt von Brigitte Ebersbach
edition ebersbach 2009, 168 S.
ISBN 978 3 938740 88 0

Die Kunst des Essens: Anleitung zum Genuss

Mary Frances Kennedy Fisher (1908-1992) gehört zu den großen Damen der kulinarischen Literatur. Die erzählerische Kraft und Lebendigkeit ihrer sehr persönlich gefärbten Essays über Kochen und Essen sind unübertroffen. Mit Kochbüchern haben ihre literarischen Leckerbissen nichts gemeinsam. Gelegentlich wird ein Rezept erwähnt, doch eigentlich geht es um den geselligen Akt des Essens, die Freuden der Nahrungszubereitung und die verführerische Qualität der Zutaten. MFK Fisher beschreibt Geschmack, Konsistenz, Farbe und Duft der Lebensmittel, dass einem beim Lesen das Wasser im Mund zusammenläuft. Im Mittelpunkt der kulinarischen Geschichten stehen aber stets Menschen. Sie tragen die Erzählung und treiben die Handlung voran. Meist schöpft Fisher aus dem großen Repertoire eigener Erinnerungen an die Kochkünste und Vorlieben von Freunden, Familienmitgliedern, Wirten und Zufallsbekanntschaften. Sie schreibt über die kleinen, alltäglichen Dinge des Lebens: Ihre Freude, wenn sie als Kind der Großmutter beim Marmeladekochen helfen durfte. Den Geschmack der ersten Auster. Die Kniffeligkeit ein Familienessen reibungslos über die Bühne zu bringen. Manchmal gerät sie dabei ins Philosophieren. Über die Veränderungen des Geschmacksinns, der mit dem Altern einhergeht, zum Beispiel. Geschickt komponiert sie eigene Beobachtungen und Beschreibungen längst nicht mehr praktizierter Haushaltsrituale ihrer Kindheit mit kulinarischer Kulturgeschichte oder Zitaten der Klassiker zu locker-leichten Texten.

Dass auch in der deutschen Übersetzung Fishers Eleganz der Sprache, ihr Witz und die Präzision ihrer Beschreibungen von Menschen, Orte und Situationen erhalten bleibt, ist der große Verdienst von Brigitte Ebersbach. Die von ihr für “Die Kunst des Essens” ausgewählten und perfekt ins Deutsche übertragenen Texte entstammen vier Büchern von MFK Fisher, die zwischen 1937 und 1949 erschienen. Als 20-gängiges Menü dargeboten, lassen die sinnesfreudigen Essays, bei deren Lektüre vor dem inneren Auge in goldenes Licht getauchte Bilder idyllischen Lebens entstehen, die mühselige Realität des Alltags vergessen.

In “Achthundert Tage und Nächte Kauen und Schlucken” meint MFK Fischer, dass kulinarische Experimente in Jugendjahren zeigen würden, “… wohin man sich entwickeln wird, das heißt, für welche der beiden oft zitierten Möglichkeiten man sich entscheidet: ob man isst, um zu leben, oder ob man lebt, um zu essen”. Ich gehöre zu jenen, die Essen weil es notwendig ist. Für mich ist Einkaufen eine Quälerei, kochen würde ich am liebsten mit dem Flammenwerfer, damit es schneller geht, und der Gedanke stundenlang bei Tisch zu sitzen, treibt mir die Schweißperlen auf die Stirn. “Die Kunst des Essens” habe ich dennoch mit Begeisterung verschlungen und mich dabei prächtig unterhalten. Damit ist eines bewiesen: MFK Fishers Texte sind auch für kulinarische Muffel ein Genuss.

© Ch. Ranseder

Die Kunst des Essens: Anleitung zum Genuss

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Gottes Segen und Rot Front

Dienstag, 15. September 2009

Fiction

Harry Rowohlt
Gottes Segen und Rot Front
Nicht weggeschmissene Briefe II
Kein & Aber 2009, 272 S.
ISBN 978 3 0369 5536 0

 Gottes Segen und Rot Front: Nicht weggeschmissene Briefe zweiter Teil

Sich darauf einlassen und sich dann darüber auslassen, kann keiner wie Harry Rowohlt. Der zweite Teil der wortgewandten Briefsammlung der andersartigen Art beweist dies mit jeder Zeile.

Jedes Mal frisst mich beim Lesen von Rowohlt-Texten der Neid über flockig-lockere Eloquenz, sprachliche Treffsicherheit und unverblümte Kernaussagen. Umso mehr hat es mich gefreut diese Briefsammlung zu lesen und Harry Rowohlt in schriftlicher Höchstform zu erleben. Bei ihm gibt es keinen sprachlichen oder inhaltlichen Unfall, es sei denn, er will ihn verursachen. Rowohlt schreibt wie er redet und er redet wie er ist. Das kann gut oder schlimm für die Adressaten sein und ist oft genug überraschend. Überraschend, weil die meisten gar nicht mehr wissen wie es ist Ehrlichkeit zu begegnen. Höfliches Salbadern und diplomatisches Formulieren darf man nicht von Rowohlt erwarten. Erwarten muss man hingegen geschliffene Aussagen, deutliche oder verspielte Worte oder ein stilistisch passendes Echo in dem alles von ätzender Kritik bis zum warmherzigen Glückwunsch enthalten sein kann.

“Gottes Segen und Rotfront” ist Pflichtlektüre für Rowohlt-Fans, Sprachfanatiker und Hirnbesitzer. Also kein Gelabere über ein tolles Buch, wer es jetzt noch nicht liest, dem ist sowieso nicht zu helfen.

“WARUM KÖNNEN DIESE MAKAKEN NICHT ALLES SO LASSEN, WIE ICH ES HINGESCHRIEBEN HABE?! ICH SCHREIB DAS JA NICHT ZUM SPASS SO HIN.” (Harry Rowohlt, Brief an Nikolaus Heidelbach)

© S. Strohschneider-Laue

Gottes Segen und Rot Front: Nicht weggeschmissene Briefe zweiter Teil

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El tesoro de cuentos - Der Märchenschatz

Sonntag, 30. August 2009

ab acht

Juliane Buschhorn-Walter, Claudia von Holten (Hgg.) 
El tesoro de cuentos
Der Märchenschatz

Silberfuchs 2009, 110 S., farbig illustriert.
Zwei CDs (Deutsch/Spanisch), 122′
ISBN 978 3 940665 05 8 (Print)
ISBN 978 3 940665 11 9 (Audio)

Der Märchenschatz Buch El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
Der Märchenschatz CD El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika

Es ist nie zu spät Sprachen zu lernen, aber man kann nicht früh genug damit beginnen. Kinder mehrsprachig aufwachsen zu lassen, ist eine wertvolle Grundlage für das ganze Leben. Die Sprachschule Amiguitos hat sich auf Spanisch und Italienisch für Kinder spezialisiert. In Zusammenarbeit mit Silberfuchs erscheinen zu den Sprachprogrammen begleitende und hochwertige Print- und Audioprodukte, die auch unabhängig vom Kursbesuch eine Bereicherung darstellen.

Der “Märchenschatz” liegt als Buch und Audio-CD vor und sollten m. E. auch solche zum Einsatz kommen. Die 15 Stories aus Spanien und Lateinamerika werden zweisprachig geboten. Sie fördern neben dem sprachlichen auch das kulturelle Verständnis. Die sprachlichen Gemeinsamkeiten, aber auch die durch die Kulturkreise bedingten Unterschiede werden durch die getroffene Auswahl deutlich. Das hohe inhaltliche Niveau wird Kinder nicht überfordern, sondern sie in ihrem Sprachverständnis fördern. Ungebräuchliches wie Fachbegriffe oder historische Fakten werden ausführlich erklärt. Die in verschiedenen Farben sowie kursiv gesetzten zweisprachigen Textteile erleichtern den Lesefluss. Zugleich werden die Texte dadurch in übersichtlichen Häppchen aufgeteilt, so dass nicht der Eindruck einer riesigen und vielleicht abschreckenden Textflut entsteht.

Das exzellent gegliederte und ansprechend illustrierte Buch eignet sich zum Vorlesen und eigenständigem Lesen sowie Mitlesen in Verbindung mit dem Hörbuch (José Paniagua - Text, Ulli Simon - Musik, Peter Lohmeyer - Sprecher). Einen Sprachkurs können Buch und Audio-CD nicht ersetzen, sie werden aber bestehende Kenntnisse fördern und/oder zum Besuch eines Kurses anregen.

© S. Strohschneider-Laue

El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika

Siehe auch:
Cantado y contado para los amiguitos. Spanisch für Kinder - Rezension - Hörprobe

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Provinzlexikon

Sonntag, 30. August 2009

Fiction

Henning Ahrens
Provinzlexikon
Knaus 2009, 304 S., sw. illustriert.
ISBN 978 3 8135 0324 1

Provinzlexikon Provinzlexikon

Frisches Grün lädt in die Provinz und frisches Grün lädt ein, das Provinzlexikon aufzuschlagen. Was mit einem harmlosen Blättern im Buch beginnt, erinnert an einen geplanten kurzen Spaziergang, der in eine großartige Wanderung ausartet.

Was ist eigentlich Provinz? Sicherlich auch das, was man selbst im Kopf hat. Was man aus seiner persönlichen Provinz macht, ist ein individuelles Problem - zumindest solange Provinzgedanken nicht anderen Menschen und schlimmer noch einer ganzen Nation aufgezwungen werden. Dem geistigen Provinzialismus so viele Breitseiten zu verpassen wie möglich, ist - hoffentlich nicht nur - ein Anliegen des Autors. Es ist daher die Individualität der geografischen Provinz, die das Provinzlexikon so herrlich abwechslungsreich vollkommen unvollkommen macht. Genauso wie es Henning Ahrens ankündigt, wird das Provinzlexikon nicht - und soll es auch nicht - der Vielfalt gerecht werden, sondern sich auf die Provinz Norddeutschlands beziehen.

In 274 scharfsichtig dacht gewählten Stichworte klärt Ahrens über die mehr oder weniger wahnsinnigen Provinztatsachen auf. Das frische Design und die minimalistischen Illustrationen von Jana Cerno unterstreichen den pointierten Inhalt zusätzlich. Lexikalisch, humorig, doppelbödig und noch viel mehr ist das provinzdurchtränkte Buch. Dem Ackerrain nähert man sich durch den Tagebucheintrag von Karl. Der Leserbrief des Studienrates Horst an die Allgemeine Provinzzeitung bezieht (eine) Stellung zu Fettleibigkeit. Heuboden wird durch den Brief von Lieselotte an ihre Jugendliebe Karl erschlossen und Trecker (Traktor) bekommt eine eigene und völlig ungeahnte Dimension im Radio-Interview mit Udo. Übrigens derselbe Udo, der nicht nur von 280 PS fasziniert ist, sondern auch über Viagra einiges im selben Medium verlautbart. Das Provinzlexikon ist nicht so norddeutsch wie Ahrens selbst glaubt, kenne ich doch Niedersachsen (Deutschland) seit meiner Kindheit ebenso gut wie das Burgenland (Österreich). Manches, Menschen und Gedanken, sind zuweilen bis zur Austauschbarkeit gleich.

Danke Henning Ahrens, jetzt gewinne ich der Provinz andere Aspekte ab, obwohl ich mich weiterhin einer abgewandelten Form des Woddy-Allan-Zitats auf der Buchrückseite anschließe: “Das Land macht mich nervös. Da sind Spinnen und in der Früh ist es laut, und man kann - vor allem montags - nirgendwo zum Essen hingehen.” Immerhin kann ich jetzt kann lachen, wo ich vorher schreien wollte. Kann die verdrehten Vorzeichen sehen, die die Stadt nur zu einer anderen Form der Provinz macht. Dem Menschelnden, das Wilhelm Busch einst bei seinen Familienbesuchen in Wolfenbüttel zeichnerisch festhielt, setzt Henning Ahrens in seinem Provinzlexikon ein literarisches Denkmal.

© S. Strohschneider-Laue

Provinzlexikon

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Liebe zwischen den Seiten - Loving Memory

Samstag, 01. August 2009

Notiz

Albert Francis Rosa hat diese Welt verlassen

Albert Francis Rosa *1915 †2006

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein.

Langsam aber sicher wird unsere Wohnung immer kleiner. Egal, es gibt keine schöneren Tapeten und Wandisolationen als überquellende Bücherregale. Nicht immer kommen neue Bücher dazu. Manchmal sind die Titel schon vorhanden: Allerdings übersetzt und das ist nicht genug. Nein, sie müssen auch im Original zur Wohnraumverkleinerung beitragen. 2008 wurde unsere Tochter auf dem Neubaugassen-Flohmarkt fündig. Englische Taschenbücher, gebraucht, billig, in Mengen und das am Taschengeldtag! Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammengefasst, ist nichts dagegen. Im Stapel befand sich schließlich wieder eines dieser mit Überraschung gefüllten Pralinenschachtel-Bücher:

Paula Volsky
The Luck of Relian Kru
Ace Fantasy 1987

Gleich beim ersten Durchblättern fiel ein Sterbebildchen heraus. Eines jener mit Heiligen bedruckten Zettelchen, die bei Begräbnissen an die Trauergemeinde verteilt werden. Es ist eine Darstellung der Vogelpredigt des Franz von Assisi. Auf der Rückseite wird an Albert Francis Rosa (June 25, 1915 - August 23, 2006)  begleitet von einem Zitat aus “The Littel Prince” von Antoine de Saint-Exupéry gedacht.

Ich weiß nicht, wer der 91jährige Herr war. Die liebevolle Auswahl des Gedenkbildes spricht aber für einen Menschen, der gemocht wurde. Es ist eine schöne Vorstellung, dass er nicht alleine seine letzte Reise angetreten hat, sondern begleitet wurde. Und es gab zu mindest einen Menschen, der das “Loving Memory” Zettelchen nicht gleich entsorgt hat. Es nicht nur behalten hat, sondern auch mit dem Buch immer wieder zur Hand nahm und erinnert werden wollte. Es war wohl ein Versehen, dass Albert Francis Rosa schließlich in dem Buch blieb. Dass er nach seinem Tod zum Mysterium werden würde, hätte ihn vielleicht sogar amüsiert. In einem kanadischen Buch in Wien in Begleitung eines italienischen Gedenkbildchen und eines ins Englische übersetzten Zitats eines französischen Autors angetroffen zu werden, wäre selbst für Sherlock Holmes eine Herausforderung und für James Bond verdächtig gewesen.

Für seine Freunde und Verwandten lebt Albert Francis Rosa im Herzen und in den Sternen, wenn sie in klaren Nächten aufblicken. Bei uns ruht die Erinnerung an ihn in The Luck of Relian Kru.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. 
Kriegsbriefe 
Die Fotos der Rosi Z.

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Shanghai Magie

Freitag, 10. Juli 2009

Non-Fiction

Emily Hahn 
Shanghai Magie 
Reportagen aus dem New Yorker  

edition ebersbach 2009, 168 S., 16 Sw-Abb.
ISBN 978 3 938740 89 7

Shanghai Magie Shanghai Magie

Emily Hahn begleitet im Frühjahr 1935 ihre Schwester nach Shanghai und entschließt sich spontan zu bleiben. Die pulsierende Stadt fasziniert die abenteuerlustige Amerikanerin, die trotz abgeschlossenem Ingenieurstudium ihren Lebensunterhalt als Schriftstellerin verdient. Ihre Erlebnisse in Shanghai hält Emily Hahn in hinreißenden Reportagen für das Magazin “The New Yorker” fest. Das ist ein Glück für LeserInnen. Die in dem, in der edition ebersbach erschienenen, Buch “Shanghai Magie” abgedruckten elf Geschichten aus der sündigen Metropole sind noch heute eine unterhaltsame Sommerlektüre.

Die lebenslustige, exzentrische Emily Hahn wird in Windeseile zum Darling der in Shanghai ansässigen ausländischen High Society. Auf einer Party lernt sie einen der seltenen chinesischen Gäste, den Intellektuellen Shao Xunmei, kennen. Er ist ihre Eintrittskarte in die Welt der Chinesen. Durch ihn lernt sie die chinesische Kultur, und die Rituale des chinesischen Alltags kennen. Emily Hahn ist nicht nur eine scharfe Beobachterin, sie will auch alles selbst ausprobieren - sogar das Opiumrauchen. Offenherzig erzählt sie in der Geschichte “The Big Smoke” über die angenehme Wirkung der Droge, ihre Sucht und den schmerzhaften Entzug. Nichts bringt die Amerikanerin aus der Ruhe. Mit unwiderstehlichem Witz schildert sie in “Einmal Nanking und Retour” einen Ausflug, auf dem sie, ihre Freundin Mary und deren Entenküken “Sweetie Pie” vom Krieg überrascht werden. Es ist weder das erste noch das letzte Mal, dass die Schriftstellerin in einem Essay den Ernst der Lage durch Situationskomik herunterspielt, ja vergessen lässt. In “Doktor Baldwin” macht sie sich im japanischen Bombenhagel auf die Suche nach einem Zahnarzt, um sich die Krone eines Schneidezahns reparieren zu lassen - sie hatte als Vergeltung ihren Gibbon gebissen. Emily Hahn sitzt der Schalk im Nacken. Sie macht sich in ihren Reportagen über sich selbst lustig, setzt diese Begabung gezielt als Stilmittel ein. Sogar ihre beiden Affen, die gerne ausbüchsen, hat sie in einer Geschichte verewigt. In “Mr. Mills” begegnet die Autorin den Beschwerden ihrer Wohnungsnachbarn über die ungewöhnlichen Haustiere auf chinesische Art. Nach Jahren im Reich der Mitte ist die Autorin weise geworden wie ihr Hausdiener, dessen Umgang mit Problemen sie in “Der verschwundene Jadering” festgehalten hat.

Emily Hahns persönlich gefärbte, mit stilsicherer Leichtigkeit geschriebene Reportagen lassen das wilde Leben und die politischen Spannungen im Shanghai der Jahre 1935 bis 1943 wieder auferstehen.

Dagmar Yu-Dembski steuert im reich mit historischen Fotografien bebilderten Vorwort des Buches stadtgeschichtliches Hintergrundwissen bei und erzählt aus der Lebensgeschichte von Emily Hahn. Ihr ist auch die wunderbare Übersetzung der englischen Texte zu verdanken.

© Ch. Ranseder

Shanghai Magie

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Philosoph & Wolf

Dienstag, 23. Juni 2009

Non-Fiction

Mark Rowlands
Der Philosoph und der Wolf
Was ein wildes Tier und lehrt
Rogner&Bernhard 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7

Der Philosoph und der Wolf  Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt

Brenin begleitete seinen Philosophen überall hin - sogar in die Vorlesungen. Am Beispiel dieses ungewöhnlichen Zusammenlebens mit einem Wolf voller Marotten offenbart sich für den Philosophen eine neue Weltsicht. Mark Rowlands gelingt es Philosophie am tierischen Beispiel so fesselnd zu schildern, dass man das Buch erst zur Seite legt, wenn die letzte Seite erreicht ist. Und selbst dann legt man das autobiografische Werk nur ungern aus der Hand.

Wolfswelpen 500 $ + Reparatur der Wohnung 500 $ = 0 $ Kontostand. Diese ganze Minusrechnung entstand innerhalb einer Stunde, aber Geld bedeutet nichts und ein dagegen Rudelmitglied alles. Diese Erkenntnis ist die erste, der sich Rowlands stellen muss als der Wolfswelpe Brenin das Zusammenleben mit ihm begann. Der Unterschied zeigt sich schon dadurch, dass man nicht “Wolfsbesitzer” - abgesehen vom rechtlichen Status den man hat, wenn man den Schaden zahlen muss - ist, sondern mit einem Wolf zusammenlebt.

Wölfe sind nicht gerne von ihrem Rudel getrennt. Sie langweilen sich überaus schnell und ihre Selbstbeschäftigungstherapie kostet rasch viel Geld. Die marginale Grundregel “lass’ mich nicht allein” führte dazu, dass Brenin Rowlands ständiger Begleiter wurde. Egal ob Vorlesungen, Reisen oder Übersiedelungen von Amerika nach Europa, Brenin war immer dabei. Die StudentInnen wird es gefreut haben, wenn Brenin im Hörsaal zu heulen begann. Vermutlich hätten sie gerne ab und an eingestimmt. Die Nachbarin in Irland verdankte Brenin, dass ihr Exmann durch Brenins Rudelmenschen in die Schranken gewiesen wurde. Ein guter Anlass für Rowlands sein Verhalten, wie des Öfteren in Zusammenhang mit Brenin, bei dieser “Nachbarschaftshilfe” einem Zivilisations-TÜV zu unterziehen. Das Zusammenleben mit Brenin prägte sicherlich auch den Wolf, aber in erster Linie beeinflusste es die Sichtweisen des Philosophen. Fundamentale Erkenntnisse rund um menschliche Wertesysteme, Zivilisation, Freundschaft, Liebe, Hoffnung und Tod werden anhand dieser Erfahrungen hinterfragt und neu bewertet. Elf anstrengende aber unvergleichliche Jahre enden mit dem Tod Brenins in Frankreich.

Schreiben ist mehr oder weniger für AutorInnen Therapie. Bei Rowlands war es nicht anders und er musste den Verlust seines Rudelmitglieds verarbeiten. Deshalb bleibt von Brenin mehr als dieses Buch, denn Rowlands teilt den gewonnenen Lebenssinn, Verantwortung und nicht zuletzt Liebe mit den LeserInnen. Nicht nur die Studenten hat es gefreut Brenin kennenzulernen, sondern auch mich - auf jeder einzelnen Seite des Buches.

© S. Strohschneider-Laue

Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt
The Philosopher and the Wolf
The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death, and Happiness

siehe auch
Oxford Center for Animal Ethics

Lemmings Zorn

Montag, 22. Juni 2009

Fiction

Stefan Slupetzky
Lemmings Zorn
Lemmings vierter Fall
Rowohlt 2009, 303 S.
ISBN 978 3 499 24889 4

Lemmings Zorn Stefan Slupetzky Lemmings Zorn: Lemmings vierter Fall

Wien ist anders und bei Slupetzky mal wieder ganz typisch Wien, schlimmer geht es einfach nicht.  Die Bücher rund um den Lemming sind viel mehr als nur Regionalkrimis. Sie sind in ein kriminelles Geschehen eingebettete, literarisch pointierte Sozialkritik. Die viel zitierte “Wiener Seele” wird außerhalb der Sissi-Stadt gründlich falsch als zuckerlsüße Romantik interpretiert. Alle, die des Wienerischen nicht mächtig sind, halten ja auch die übelsten Aussagen für den charmantesten Wiener Schmäh. Genau deshalb werden die skurrilen Figuren der Lemming-Reihe als überzogen skurril empfunden, obwohl jede einzelne davon bitter-real ist und unbehelligt mit ihrem angeborenen Devot-Buckel in Wien herumläuft.

Es ist Weihnachten, die beste Zeit des Jahres, um in Wien keine Stille zu finden. Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr: Der Lemming kommt nicht zur Ruhe. Nachwuchs Ben stellt sich äußerst übereilig und mit tatkräftiger Hilfe von Angela ein. Jene Angela, die am Heiligen Abend auf den Juniorlemming aufpasst - zumindest bis sie tot neben dem Kleinen liegt. In dieser unaufhörlich lärmenden, lebensfeindlichen Welt sind Klara, die starke Frau an Lemmings schwacher Seite, und der schutzbedürftige Benjamin die treibenden Kräfte. Für sie läuft der Lemming zur Höchstform auf. Wieder steht er nahezu allein gegen Ignoranz, Fremdenhass, Korruption, gedruckten und personifizierten Kleinformaten. Was ein echter Lemming (eigentlich Leopold Walisch und Ex-Krimineser) ist, lässt keinen Fettnapf aus. So trifft allgegenwärtige Faulheit und Inkompetenz gepaart mit Überheblichkeit, die nur noch von Unterwürfigkeit übertroffen wird, auf die Beharrlichkeit des lärmgestressten Lemmings. Und wenn dem Lemming schließlich das zielgerichtete Kotzen kommt, möchte man nur noch applaudieren.

Zuletzt bleibt nur noch eine Frage offen: Wann erscheint bitte das Nächste? Und ich fürchte die Antwort wird lauten: Erst, wenn Wien den Lemming wieder viel zu weit getrieben hat!

Nominiert für Friedrich-Glauser-Preis 2010 in der Sparte “Roman”!

© S. Strohschneider-Laue

Lemmings Zorn: Lemmings vierter Fall

Siehe auch die ersten drei:
Der Fall des Lemming
Lemmings Himmelfahrt: Lemmings zweiter Fall
Das Schweigen des Lemming: Lemmings dritter Fall
Lemmings Himmelfahrt. 8 CDs + 1 MP3-CD . Lemmings zweiter Fall

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Prioritäten setzen

Freitag, 19. Juni 2009

Notiz

Ausstellungsmacher

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Dozent G., der alteingesessene Chef des Museums, blickte wohlwollend auf seine Untergebenen. Nach einer gut berechneten Pause räusperte er sich und hob mahnend den Zeigefinger: “Liebe Mitarbeiter und -innen. Demnächst müssen wir einen neuen Publikumsmagneten in unsere Ausstellungshallen bringen. Die leider noch lebende Künstlerin war nicht etabliert genug, so dass nur 6.000 Besucher bei uns verzeichnet wurden. Das ist halt das Problem mit Frauen in der Kunst. Gut, dass wir vom Frauenministerium, dem Genderverein und den Gewerkschafterinnen ausfinanziert wurden. Aber jetzt, jetzt brauchen wieder einen richtigen Erfolg, also einen Mann. Gute Kritiken in den Zeitungen sind nicht genug. Meine Damen und mein Herr, ich erwarte ihre Vorschläge.”

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er über den Brillenrand erwartungsvoll in die betroffenen Gesichter der drei Anwesenden. Eine Weile hörte man nur das eifrige Kratzen des Bleistifts der Sekretärin, die immer minutiös jedes Wort protokollierte. Es herrschte tiefes Schweigen, das durch das nervöse Herumwetzen und Fußscharren der Angesprochenen abgelöst wurde.

Magister W. ergriff beflissen das Wort: “Nun da drängt sich doch Picasso gerade zu auf, obwohl Monet auch immer gut geht. Wobei von Picasso gibt’s mehr Bilder und Chagall zeigt leider gerade die Konkurrenz.”

Nun mischte sich auch Doktorin R. ein: “Sie vergessen, dass Monet und Picasso in den letzten Jahren bereits zweimal in der Stadt - ebenfalls von der Konkurrenz - präsentiert wurden. Wir sollten doch ein wenig innovativer vorgehen. Wie wäre es mit einer Themenausstellung ohne sich auf einen einzigen Künstler zu kaprizieren? Ich denke dabei an das beliebte Thema ‘Impressionismus’. Die Bilder will doch jeder auf der Wand hängen haben.”

Dozent G. schnitt den gerade zur Rede ansetzenden Magister W. das Wort ab und meinte begeistert: “Ja, so machen wir das. Perfekt! Ich finde doch immer wieder unsere Teamsitzungen mit dem regen Brainstorming meinerseits erfrischend. Sie haben ein halbes Jahr Zeit, um die Ausstellung vorzubereiten. Ich möchte am Montag ihre Vorschläge zur Bildauswahl vorgelegt bekommen! Ich bitte Sie mich jetzt zu entschuldigen, ich habe jetzt noch einen wichtigen Termin im Kaffeehaus.”

Seine Mitarbeiter erhoben sich und verließen gemeinsam den Raum. “Prima, hat das geklappt”, meinte Magister W. grinsend, “damit sollten wir überhaupt keine Arbeit haben!”

 ”Na, na”, beschwichtigte Doktorin R., die Köpfe müssen wir schon noch zusammenstecken, aber aus dem Vollen schöpfen können wir noch immer.”

 TeeTextTasse © Ch. Ranseder Am nächsten Montag legten sie den Konzeptentwurf vor:

  • Die bedeutendsten Künstler des Impressionismus sollten an Hand ihrer wichtigsten Werke präsentiert werden.
  • Statt die Bilder wie üblich zeitlich geordnet auf den Wänden zu verteilen, sollte thematisch vorgegangen werden, um den Besuchern Vergleiche zu erleichtern.
  • Zudem sollten alle Künstler durch ein Portrait vertreten sein, um auch die Maler persönlich und nicht nur ihre Werke vorzustellen.
  • Wenn möglich, sollte ein passendes Bild die Wohnsituation und das Atelier des Künstlers dokumentieren. Ein aktuelles Foto sollte den heutigen Zustand des Hauses oder der Umgebung zeigen.
  • Der Katalog sollte den Umfang eines Taschenbuches nicht überschreiten. Klein, übersichtlich erschwinglich und vor allem sprachlich zugeschnitten auf ein interessiertes Laienpublikum.
  • Die Kunstvermittler sollten während der gesamten Vorbereitung eingebunden werden, um das Publikum später optimal an die Ausstellung heranführen zu können.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder ”Also”, begann Dozent G.”, das ist ja mal wieder typisch für Sie beide. Sie sind doch betriebsblinde Ignoranten. Selbstverständlich kommen die wichtigsten französischen Impressionisten nicht in Frage. Wir haben mit den entsprechenden Häusern keine Leihverträge. Das ist außerdem viel zu kompliziert, zumal die dort nur auf französisch verhandeln, seitdem wir das eine ausgeliehene Bild aus dem Rahmen genommen haben und es zu Transportzwecken aufrollten wie eine Tapete. Wie hätten wir es denn sonst durch unsere Museumstür bringen sollen, wenn es doch glatt um fünf Zentimeter zu groß ist? Wer rechnet denn schon m solchen Dimensionen? Aber die müssen sich ja immer gleich so haben. Na, wie auch immer!”

Er schüttelte wieder den Kopf und schaute strafend über den Brillenrand: “Kommen Sie mir nicht mit diesem didaktischen Quatsch. Wozu soll es denn gut sein die Bilder thematisch zu hängen. Bilder hängt man ausschließlich nach ästhetischen Aspekten und ästhetisch heißt, nach Größe sortiert!”

Wieder kehrt kurzes Schweigen ein, während Dozent G. weiter las: “Die Portraits sind völlig sinnlos. Kein Mensch interessiert sich für den ungepflegten Monet oder den versoffenen van Gogh, nur ihre Werke zählen. Genauso egal sind mir deren Absteigen. Wir sollten auf jeden Fall den Platz darauf nicht vergeuden, sondern ein einziges - besonders großes - Bild als zentralen Blickfang auswählen. Damit halten wir die Leihgebühren und Versicherungsbeiträge niedrig und mit zwei weiteren haben wir die erste Halle voll.”

Mit gerunzelter Stirn blätterte Dozent G. weiter und schlug plötzlich heftig mit Hand auf den Tisch. Empört riss er sich die Brille von der Nase. “Also, dass ist doch der Gipfel der Borniertheit! Taschenbuch? Erschwinglich? Leicht verständlich? Was glauben Sie eigentlich, wo Sie sitzen? In der Schulbuchkommission? Ich weiß ja nicht, was Sie von sich halten, aber ich bin renommierter Wissenschafter. Meine Publikationsliste als Herausgeber ist lang. Kein Vorwort der letzten Jahre, das nicht von mir wäre! Die Kollegen, von denen wir die Bilder leihen, sehen das sicher genauso. Sie müssen mit ihren Beiträgen im Katalog als Autoren vertreten sein. Und wenn nicht jeder Hinz und Kunz mit meinem wissenschaftlichen Anspruch etwas anfangen kann, ist das mir nur recht. Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder glaubt schreiben zu können? Es kann ja schließlich auch nicht jeder malen! Nur mit einem tiefsinnigen Verständnis des kulturhistorischen Gesamtkontextes und einem metaphysischen Zugang, bezogen auf das psychologische Substrat ist man befähigt den Weg des Künstlers vom Gegenständlichen zum schwarzen Quadrat auf weißer Leinwand - aufgehängt im Herrgottswinkel - verfolgen zu können. Das heißt aber noch lange nicht, dass jedes hingepinselte schwarze Quadrat auf weißer Leinwand von irgendwem gleich bedeutend ist. Nein, denn nur aus dem fundamentalakademischen Zusammenhang und der unverrückbaren Philosophie des Kanons erwächst die Kunst!”

Eine Ader begann an der Stirn von Dozent G. zu pochen. “Und ich gehe sicher richtig in der Annahme, dass Sie in ihren Kalkulationen nicht die entsprechenden Autorenhonorare für die jeweiligen Institutionsleiter berücksichtigt haben”, dabei strich er sich unbewusst über die Brieftasche. “Mit 80.000 Euro für den Katalog - ohne Druckkosten versteht sich - ist mindestens zu rechnen. Die Qualität sind wir unserem Publikum schuldig. Ich will ihnen beiden keine Bereicherung vorwerfen, obwohl ich annehme, dass wohl irgendwer aus Ihrem Freundeskreis schnell etwas um die 5.000 Euro, die Sie da veranschlagt haben, zusammengeschreibselt hätte. Es muss sogar Ihnen klar sein, dass etwas derartig Billiges auch nur billig sein kann.”

Es folgte Kopfschütteln. “Und was wollen Sie eigentlich dauernd mit ihrer Vermittlung? Diese Bilder sprechen für sich selbst. Ich wünsche keine Platzverschwendung an auffällig groß geschriebene Raumtexte. Für die dezente Beschriftung der Werke genügt der Name des Künstlers, das Entstehungsjahr und selbstverständlich gut lesbar der Name des Leihgebers. Audioguides reichen völlig. Der unerträgliche Lärm, der durch Führungen entsteht, wird vermieden und jeder Besucher kann in erhabener Andacht die Stimmungen der Bilder aufnehmen.”

Langsam lehnte Dozent G. sich zurück und blickte eine Weile strafend auf seine zusammenschrumpfenden und inzwischen um ihre Jobs bangenden Mitarbeiter. “Da ich schon geahnt habe, was ich von ihnen erwarten kann, erkläre ich ihnen wie wir das machen werden. Die Ausstellung wird heißen: 
Das unbekannte Werk der Impressionisten - Gemälde aus Privatsammlungen
Der Hochglanz-Katalog wird mindestens A4-formatig und auf jeden Fall 800 Seiten umfassen. Ich denke dabei an einen Verkaufspreis von rund 95,00 Euro bei einer Auflage von 1000 Exemplaren zum freien Verkauf und weiteren 500 zu Geschenkzwecken an Autoren, Sammler und meine wichtigsten politischen Kontakte.”

Selbstgefällig blickte er in die Runde: “Was die Zusammenstellung der Werke betrifft, rufe ich einige meiner Freunde an, die Impressionisten sammeln. Sie geben uns ihre Bilder ohne hohe Leihgebühren. Schließlich haben sie ihre Sammlungen nur meiner finanzgünstigen Beratung zu verdanken und jetzt können sie durch die Präsentation in unserem Haus zusätzlich eine Wertsteigerung ihrer Stücke erzielen. Leider zählen keine amerikanischen und japanischen Sammler zu meinen Kontakten. Ich werde wohl wieder in den sauren Apfel beißen müssen und die Beziehungen vor Ort knüpfen. Das bedeutet, dass ich die nächsten Monate kaum im Haus sein werde.”

Er begann seine Ausführungen mit seinem rechten Zeigefinger zu unterstreichen: “Frau Doktor, Sie übernehmen während meiner Absenzen die Verhandlungen mit der Druckerei.
Das Lektorat der Texte wird meine Frau als externe Fachberaterin zu entsprechenden Konditionen übernehmen.
Selbstverständlich fungiere ich wieder selbst als Herausgeber. Schließlich sollte man so etwas Essentielles wie das Vorwort keinesfalls delegieren.
Herr Magister, Sie kümmern sich um den Transport der Exponate, für die Ausstellungsgestaltung stelle ich Ihnen meine Tochter zur Seite. Sie ist versiert im Umgang mit dem Computer. Mit ihren verschiedenen Sim-Programmen hat sie schon als Teenager ganze Häuser dekoriert.”

Er wedelte enthusiastisch mit seinen Notizen vor der Nase der Sekretärin, die durch ihr stetiges Nicken oder von den vielen fremden Worten bereits etwas desorientiert wirkte. “Besorgen Sie mir zunächst ein Flugticket nach Tokio für März, im April sollte ich die Verhandlungen in New York aufnehmen und ab Mai werde ich dann Sydney angehen, dann bleibt noch genug Zeit für Paris im Juni. Buchen Sie bitte adäquate Hotels in den Stadtzentren. Juli und August reserviere ich für meinen wohl verdienten Urlaub mit meiner Familie. Im September habe ich dann sicher wieder genug Kraft für die letzten Gespräche in Toronto. Achja, stellen Sie mir die wichtigsten Fakten für das Vorwort zusammen. Nicht mehr als zehn Seiten, damit ich das ganze auf etwa eine Seite komprimieren kann. Wenn ich nicht so ein Arbeitstier wäre, würde hier alles stagnieren. Ja, von mir können Sie alle hier noch jede Menge lernen.”

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vergeuden Sie nicht Ihre Energie an Inhalte, arbeiten Sie endlich für Ihre Karrieren!

© S. Strohschneider-Laue

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Liebe zwischen den Seiten - Ramirez Jr.

Sonntag, 07. Juni 2009

Notiz

Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. kam nach Kleist

Micheal Yerry/Terry Ramirez jr.

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig zwischen den Buchseiten von Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Seine Story habe ich in Kleist kam zu erst erzählt.

Vor einem oder zwei Jahren zog wieder ein Flohmarktbuch mit darin verstecktem Bewohner bei uns ein. Meine Tochter kaufte das Buch gemeinsam mit einem ganzen Stapel anderer englischer Taschenbücher auf dem Naschmarkt-Flohmarkt in Wien. Sie fand schon immer, dass man Geld grundsätzlich in Bücher, möglichst in englischsprachiger Horror- und Fantasyliteratur, angelegen sollte. Und eigentlich kann ich ihr nur beipflichten und zugleich sämtlichen religiösen und magischen Ritualen huldigen, die verhindern sollen, dass wir mit unseren Bücherbergen vom vierten in den dritten Stock durchbrechen. Antiquarisch kam also auch folgendes - bis dahin schmerzlich vermisste - Horror-Werk in unserer Wohnung:

 Anne Rice
The Mummy
Ballantine Books 1991

An der spannendsten - hoffentlich nicht der blutigsten - Stelle fand sich der kleine Michael. Ein ruhiges Kind, das eine ganze Weile unbemerkt zwischen den Seiten schlummerte. Auf der Seite stand “Tschaikowski 4. Symphonie”. Vielleicht war der kleine Michael deshalb so friedlich; denn er hörte die ganze Zeit gute Musik und erwartete sein weiteres Schicksal.

Auf der Rückseite des Babyfotos waren Name, Gewicht und Geburtsdatum vermerkt. Ein Glück, denn wenn es nicht so gewesen wäre, wäre es ihm wie Kleist ergangen, der seinen Namen dem “Fundbuch” zu verdanken hat. Irgendwie wäre gemäß deutscher Ausprache ”Mummy” für das Baby noch möglich, aber korrekt ”The Mummy” wäre inhaltlich doch etwas mehr als nur befremdlich für so ein kleines Geschöpf gewesen.

Wir verdanken dem kleinen Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. (*15. August 1993) jedenfalls ungezählte Diskussionsstunden allein um des Buben Mittelname: Jerry, Yerry oder Terry? Und in Anbetracht der allgemeinen Globalisierung war es erfrischend, dass zwar weltweit Einheits-Papp zum Essen angeboten wird, aber die Maßeinheiten (lbs/oz/in) noch nicht erfolgreich überall vereinheitlicht wurden. Also über seine Idealmaße konnten wir uns vor lauter Schrägstrichen und/oder Einsen ohne Aufstrich* natürlich auch nicht einigen.

Somit gehört Michael der Minirätsel-Bub zur Familie. Er ist brav und verträgt sich auch mit Kleist gut. Seine eigentliche Familie hat ihn zwar aus dem Fotoalbum verloren, aber das unersetzbare Original behalten dürfen. Schön, wir wünschen ihm, dem Original und seiner Familie jedenfalls das Beste. Und falls Michael Yerry/Terry Ramirez jr. das hier liest, soll er immer daran denken, Er war jemanden so wichtig, dass er sogar beim Lesen - einer echten Solistentätigkeit - immer dabei sein durfte.

© S. Strohschneider-Laue

*Nicht der streichfähige Brotbelag, sondern der halbe Anlauf, den man hierzulande der Zahl “eins” auf der linken Seite als kurzes Stricherl von halb-links unten nach ganz-rechts oben vergönnt.

Siehe auch
Kleist kam zu erst
Loving Memory
Kriegsbriefe
Die Fotos der Rosi Z.

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Goethe im Baumarkt - Satre’s Sink

Sonntag, 07. Juni 2009

Fiction

Mark Crick
Goethe im Baumarkt
Blessing 2009, 142 S., Illust.
ISBN 978 3 89667 390 9

Goethe im Baumarkt Goethe im Baumarkt: Wenn Weltliteraten heimwerken müssten

Der Originaltitel “Sartre’s Sink” gefällt mir persönlich viel besser. In Deutschland kommt man leider nicht um Goethe herum. Aber spätestens wenn im Goethe-Stil versucht wird den Badewannenrand abzudichten, merkt man, dass sich Dichtung und Dichtung in ihrer Unterschiedlichkeit sich sehr wohl vereinen lassen. Obwohl es die eine nur im Baumarkt und die andere nur im Buchladen gibt. Und wenn Werther Dichtungskitt für die Badewanne benötigt, entschädigt das für die Zeit, die man schulkonform mit diesem hormongesteuerten, selbstmitleidigen Stalker in EU-Farben verbringen musste. Ähnlich wird es jenen gehen, die in ihrer Schulzeit mit dem Werk des gerne tötenden Wichtigtuers Hemingway angeödet wurden. Wenn der alte Mann mit der Blümchentapete ringt, weiß man endlich, dass der Stoff doch zu mehr als purer Langeweile taugt.

Vorangestellt jeder bautechnischen Neuerzählung literarischer Highlights findet sich - in orange gesetzt -wie in jeglicher Anleitung ”benötigtes Werkzeug” und “benötigtes Material”. Schwarz auf Weiß folgt die Story, die den diversen Heimwerker-Schicksalen vom “Auswechseln eines Lichtschalters” (Jelinek) oder dem “Aufstellen eines Gartenzauns” (Thompson) auf den Grund geht.

14 Parodien auf 14 literarische Ergüsse, die es in den Kanon geschafft haben. Und das volle Vergnügen geht auf Kosten der olympisch Großen im Literaturgeschehen. Mit ihren eigenen Worten werden sie literarisch auf das normalsterbliche Maß aller Heimwerkereien heruntergeholt. Zum Niederknien respektlos zeigt Mark Crick die Beliebigkeit der Inhalte gemessen an der typischen Sprache und Erzählweise von Samuel Beckett, Emily Brontë, Julius Cäsar, Dostojewski, Marguerite Duras, Johann Wolfgang von Goethe, Ernest Hemingway, Elfriede Jelinek, Milan Kundera, Haruki Murakami, Anäis Nin, Edgar Allan Poe Jean-Paul Satre und Hunter S. Thompson auf.

Dante wurde leider (noch) nicht von Mark Crick “durch den Baumarkt gezogen”, trotzdem ist es eine göttliche Komödie geworden. Und das köstlichste Literaturrecycling, das man sich nur wünschen kann. Dass das Buch zudem auch noch sehr ansprechend zeitgeistig gestaltete ist, perfektioniert das Werk auch für Hand und Augen.

Zuletzt bleibt nur noch eine Frage offen: Wann erscheint bitte das Nächste?

© S. Strohschneider-Laue

Goethe im Baumarkt: Wenn Weltliteraten heimwerken müssten
Die Suppe des Herrn K: Eine vollständige Geschichte der Weltliteratur in 15 Rezepten

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Griechenland hören

Donnerstag, 28. Mai 2009

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Antje Hinz
Griechenland hören
Silberfuchs Verlag 2009, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 09 6

Griechenland hören Griechenland hören - Das Griechenland-Hörbuch: Eine klingende Reise durch die Kulturgeschichte Griechenlands von den Mythen bis in die Gegenwart

Griechenland, die Wiege Europas: Von der ersten europäischen Hochkultur bis zum modernen Mitglied der EU führt die Hörreise. Zwanzig Kapitel spannen einen genialen Bogen von der Blütezeit, Zerfall und Auferstehung Griechenlands über 5000 Jahre hindurch bis in die Gegenwart. Der Schwerpunkt dieser Silberfuchs-Hörreise liegt auf der Antike. Verständlich, denn Griechenland als Staatsgefüge zeichnet sich durch Jahrhunderte mit Absenz aus. Als Kulturfaktor und prägend für die historische, politische und soziale Entwicklung Europas war Griechenland allerdings stets gegenwärtig. 

Die Hochblüte Griechenlands entwickelte alle wesentlichen Aspekte europäischer Zivilisation. Kontakte zu anderen Hochkulturen schufen wirtschaftliche und kulturelle Grundlagen. Nach der Entwicklung einer eigenen Schrift erlebten Philosophie, Naturwissenschaft, Geschichtsschreibung und Literatur pure Höhenflüge. Was Solon für die Demokratie bedeutete, bedeutete Perikles für den Aufschwung Athens. Perserkriege und der schwelende Konflikt zwischen den antiken griechischen Großmächten Athen und Sparta trennten und vereinten die Griechen zu gleichen Teilen. Untrennbar mit der Philosophie sind vor allem Sokrates, Platon und Aristoteles verbunden. Alexander der Große steht hingegen für politische Entwicklung, militärische Expansion und die Verbreitung des kulturellen griechischen Erbes weit und nachhaltig über die damaligen Grenzen hinaus. Das kulturelle Erbe Griechenlands war auch in Rom willkommen, was sie nicht von der Übernahme Griechenlands abhielt, sondern diese sogar beschleunigte.
Und wieder war es die Sprache und die Schrift, die eine neue Zeit einläutete. Die altgriechische Verkehrssprache des Mittelmeerraumes war etwa zwischen 300 v. bis 600 n. Chr. die Koine. Die Schriften des Neuen Testamtens erreichten dadurch in kurzer Zeit sehr viele Menschen. Das Christentum wurde zur prägenden Religion Griechenlands. Byzanz, Kreuzfahrer, Venezianer, Türken traten in wechselnder Folge die Herrschaft über das zersplitterte Griechenland an. Nur das Griechentum geriet nicht in Vergessenheit.
Zerrissen wie der geographische Eindruck von Festland und Inselwelt ist daher die politische und religiöse Entwicklung Griechenlands ab römischer Zeit. Fremdherrschaften, Monarchien, Kriege, Widerstände und Vertreibungen kamen und prägten Land und Menschen. Der Weg des heutigen Griechenlands in eine moderne Demokratie war steinig. Neben vielen anderen Aspekten europäischer Zivilisation und Tradition sind die populärsten echte griechischen Highlights: Homer, Olympia und Theater. Und überaus passend kam der Vorschlag jährlich eine europäische Kulturhauptststadt zu zelebrieren von der griechischen Künstlerin Melina Mercouri. Und zuletzt sollte man nie vergessen, dass die Demokratie eine gebürtige Athenerin (um 600 v. Chr.) ist und maßgeblich für die Europäische Union ist, der Griechenland seit 1981 angehört.

Akustisch unterlegt von zahlreichen exzellent ausgewählter musikalischer Klänge aller Epochen - u.a. von musica romana - und stimmlich getragen von Rolf Becker. Mit wohl modulierter Sprache gelingt es ihm Stimmungen und komplexe Inhalte zu einer spannenden Einheit zu verweben. Roswitha Rösch zeichnet erneut für gelungene Cover-Gestaltung und Grafik verantwortlich. So macht es wirklich Freude den unentzifferbaren “Diskos von Phaistos” in die CD-Lade zu werfen und Griechenland zu hören.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

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HOMER

Sonntag, 24. Mai 2009

Notiz

Das Phänomen Homer
In Papyri, Handschriften und Drucken

ÖNB, Papyrusmuseum
20. Mai ‘09 bis 15. Januar ‘10

Das Phänomen Homer in der Österreichischen Nationalbibliothek

Kolorierter Kupferstich des Bühnenbildes zu 'Il pomo  d’oro' von Antonio Cesti 1668 ÖNB, Musiksammlung © Österreichische Nationalbibliothek

Mit einem Apfel hat die ganze Geschichte begonnen.
Gemeint ist nicht der langweilige Zwischenfall mit Adam und Eva, sondern die Zankapfel bedingte Schönheitskonkurrenz zwischen den Göttinnen Hera, Pallas Athene und Aphrodite. Nachdem Paris, gemeint ist natürlich der Prinz von Troja, sich für Aphrodite entschied, bekam er statt Macht (Hera) oder Verstand (Pallas Athene) eine hübsche Frau. Dass die schöne Helena einem anderen, dem mächtigen Menelaos von Sparta, angetraut war, spielte für Paris weder politisch noch moralisch eine Rolle. Nach dieser echt männlichen Entscheidung, die nicht im Kopf, sondern in tieferen Regionen getroffen wurde, gab es noch größeren Streit. Hera und Pallas Athena waren beleidigt, Menelaos stand als mächtiger Verlierer und somit vor seiner Welt als echter Machtverlierer da.  

Detail – Benoît de Sainte-Maure, Roman de Troie (franz.) Padua, 3. Jahrzehnt des 14. Jhs. ÖNB, Sammlung von Handschriften und alten Drucken © Österreichische Nationalbibliothek Die Folge waren 10 Jahre Krieg um Troja mit aktiver GöttInnenbeteiligung, Unmengen von Blut und gefallenen Helden sowie - je nach Sichtweise - mehr oder minder heroischen und findigen Taten.

Alexandra von Hellberg (*1968 Bozen): 'Odysseus' Exlibris für Norbert Hillerbrandt, 1999 ÖNB, Flugblätter-, Plakate- und Exlibris-Sammlung © Österreichische Nationalbibliothek Und da es mit dem Krieg nicht getan ist, mussten jene, die ohne dies nicht mitmachen wollten auch wieder nach Hause segeln und rudern. Noch einmal 10 Jahre strapaziöse Heimreise für Kriegsveteran Odysseus, bieten bis heute nicht nur unterhaltsames Seemannsgarn, sondern eine mächtige Fundgrube für Wissenschafter aller Sparten.

Kupferstich zur Odyssee von Jürgen Czaschka 1998, Privatbesitz Die traumatisierenden familiären und machtpolitischen Probleme nach zehnjähriger Absenz des Odysseus als Ehemann, Vater und König von Ithaka, erfreuen letztlich sogar die Psychologen.

Münze der Stadt Amastris Kunsthistorisches Museum Wien, Münzkabinett © KHM Und weil es so eine unglaublich zeitlose Story ist, ist es Homer gelungen den ersten europäischen Best- und ungeschlagenen Longseller zu verfassen.

Eine der ältesten Buchrollen der Ilias, Buch 22 (X 125–138) 3. Jh. v. Chr. Universität Heidelberg, PapyrussammlungAm Anfang wurden die homerischen Verse mündlich überliefert. Und je nach Forschungsmeinung - Archäologen erfreuen sich z. B. an den Beschreibungen von Objekten - hat es etliche Jahrzehnte der ”stillen Post” gedauert, bis sich jemand die Mühe des Aufschreibens gemacht hat. Erst um 700 v. Chr. wurde die erste Schriftfassung erstellt. Und ganz im Stile von “copy & paste” hat sich beim Abschreiben, das eine oder andere sprachlich, inhaltlich oder manches sogar vom Umfang verändert. Seit der Antike wird daher die “homerische Frage” nach der Urheberschaft gestellt, nach der Urfassung geforscht und immer wieder heftig darüber gestritten. Homers Verse sind den Wissenschaftern ein steter Quell der Faszination und dem Publikum bis heute schweißtreibender Prüfungsgegenstand oder spannende Unterhaltung.

Kritzeleien auf einem Buchdeckel: 'Endlich ist Buch 22 der Ilias fertig' 3./4. Jh. n. Chr. Universität Köln, PapyrussammlungVon der Antike bis heute befassen sich SchülerInnen mit dem Text. Nicht nur die Geduld von LehrerInnen wird dabei überstrapaziert, wie die Kritzeleien auf einem antiken Buchdeckel beweisen. Schön ist auch, dass sich an den jungen “Narrenhänden” bis heute nichts geändert hat. Um ganz ehrlich zu sein, meine Schulausgabe hat genauso ausgesehen. Bis heute bin ich außerdem dankbar, dass Homers Werk existiert. Ebenso dankbar bin ich meinem Lehrer*, dass er den  Kurzweiler Homer und nicht den Langweiler Platon zum Abiturthema machte. 

Wörterbuch zum 1. Buch der Ilias (A, 325–416; 512–610) 2. Jh. n. Chr. Universität Köln, Papyrussammlung Sogar die Wörterbücher zu Homers Texten haben sich seit der Antike nicht wesentlich verändert: Funktionales Kultur- und Sprachkompetenzdesign zum altsprachlichen Longseller.

Alles das gibt es Papyrusmuseum zu sehen.
Die Ausstellung legt Papyri und Pergamente der Ilias und Odyssee sowie der ägyptischen erzählenden Literatur vor, archäologische Objekte runden den antiken Teil ab.
Lateinische Übersetzung der Ilias (Marginalien) Laurentius Valla, Venedig 1502 ÖNB, Sammlung von Handschriften und alten Drucken Handschriften der Renaissance, Homer im lateinischen Mittelalter, frühe Drucke, Marginalien in frühen Homerdrucken, Homer in berühmten Bibliotheken, Homer in Sprachen der Neuzeit, Homers Büste aus der Sammlung Lavater, Exlibris und freie Grafik mit “homerischen” Themen folgen der Rezeption Homers bis in die Gegenwart.
Das feine Minimuseum in Wien zaubert aus seiner großen Sammlung - oft in Kooperation mit anderen Instutionen - immer wieder Erstaunliches hervor. Die für BesucherInnen oft unscheinbaren beschrifteten “Fetzerln” sind pures Wissensgold. 
Die Papyri, Pergamente und Drucke und vor allem die BesucherInnen würden es allerdings verdienen, dass mehr Geld - falls für diese Ausstellung überhaupt Geld zur Verfügung stand - in die Präsentation gesteckt würde. Es geht dabei nicht einmal um “Behübschungen”, sondern um das publikumsgerechte inhaltliche Erschließen des Gezeigten. Dafür gibt es einfache - leider unbeachtete - Regeln. Dazu gehören: Leitsystem, grafische Aufbereitung und publikumsgerechte Texte (Wortwahl, Satzlänge, Textlänge, Gliederung) . Schade daher, dass die großartigen Exponate und der interessante Inhalt durch die staubtrockene und hochwissenschaftliche Aufbereitung völlig verblassen. Ausstellungen sollen keine begehbaren Bücher von Fachleuten für Fachleute sein, sondern für das breite Publikum von einem Spezialistenteam (KuratorIn, GestalterIn, GrafikerIn, TexterIn) gemacht werden. Nur so bekommen die Ausstellungen auch jene Aufmerksamkeit, die sie inhaltlich wirklich verdienen.
Trotzdem unbedingt anschauen, denn Homer ist in dieser Ausstellung fast zum An- und Begreifen nahe. Den exzellenten Katalog Das Phänomen Homer in Papyri, Handschriften und Drucken zu kaufen, versteht sich von selbst.

Non Fiction
Cornelia Römer (Hg.)  
Das Phänomen Homer  
In Papyri, Handschriften und Drucken
Nilus 16, Studien zur Kultur Ägyptens und des Vorderen Orients
Phoibos 2009, 128 S., Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 85161 014 7

Das Phänomen Homer Das Phänomen Homer in Papyri, Handschriften und Drucken

Zur Ausstellung ist ein unentbehrlicher Katalog erschienen. Unentbehrlich, weil man alle jene Details erfährt, die die kleine Ausstellung schon platzbedingt nicht bieten kann. Unentbehrlich, weil man einen winzigen Teil der Papyrussammlung und damit etwas Essentielles zu und über Homer greifbar hat. Abgesehen davon präsentiert der Katalog das ”Phänomen Homer” aktuell, abwechslungsreich und spannend.

Cornelia Eva Römer, Direktorin des Papyrusmuseums, schreibt unter dem täuschend schlichten Titel “Einleitung” ein herrliches Essay über das “Phänomen Homer” und die Ausstellung selbst. Von der Betrachtung der präsentierten Papyri und Pergamente aus Ägypten, Bildliche Zeugnisse, Handschriften und Drucke spannt sie den lebendigen Bogen Homers bis in die Gegenwart.

In “Homer lebt!” spürt Georg Danek Homer selbst bzw. der Personifikation der episch-heroischen Erzähltradition nach. Er zeigt auf wie Homer angezweifelt und diskutiert wurde, in Vergessenheit versank, erneut entdeckt wurde und, dass Homer zeitlos von Vortrag bis Film für jedes Medium geeignet ist.

Der Brand der königlichen Bibliothek von Alexandria, noch verheerender als die Kölner Archiv-Katastrophe vom 3. März ‘09, erweist sich einmal mehr als Knackpunkt der Forschung. Herwig Maehler zeigt in “Ilias und Odyssee als Objekte der Forschung in der Antike” auf, welche Probleme in Archivierung, Verwaltung und Textforschung die damalige Gelehrtenwelt zu bewältigen hatte und was davon Homer betreffend bis in Gegenwart überliefert wurde.

Ian Rutherford widmet sich in “Homer and Egypt” nicht nur dem Verhältnis von Homer zu Ägypten als Schauplatz, sondern auch der Spuren Homers in der ägyptischen Literatur. Die ägyptische Variante des Amazonenkampfes hat jedenfalls einen besonderen Reiz.

Dem Dichterfürsten Homer ein Gesicht zu geben, wurde schon in der Antike versucht. Der Beitrag “Das Homerporträt in der Antike” von Monika Laubenberger zeigt minutiös diese Bemühungen auf.

Eindrucksvoll beschreibt Karoline Zhuber-Okrog in “Odysseus in Lykien: Die Darstellung des Freiermordes am Heroon von Trysa” die an der Grabanlage dargestellten homerischen Szenen. Für wen das Grab errichtet wurde, ist unbekannt. Ebenso unbekannt ist, warum der Freiermord so einen zentralen Platz einnahm. Dennoch spiegelt der Bau die Bedeutung der homerischen Verse für die Zeit letztlich für die Erbauer wider.

Und wieder einmal steht das Mittelalter den Errungenschaften und dem Kulturgut der Antike zwiespältig gegenüber. Frei nach dem Motto: Mögen wir Homer oder dürfen wir nicht mögen. “Homer im lateinischen Mittelalter” von Andreas Fingernagel spürt dieser Ambivalenz nach.

Werner Rotter verfolgt in “Vom Pennälerschreck zur Kulturquelle. Wandlung des Homerbildes bei Egon Friedell (1878-1938)” die Entwicklung Friedells Sichtweisen auf und dessen Verhältnis zu Homer.

Der elaborierte Katalog zur Ausstellung legt Papyri und Pergamente der Ilias und Odyssee sowie der ägyptischen erzählenden Literatur vor. Die in der Ausstellung gezeigten archäologischen Zeugnisse runden den antiken Teil ab. Handschriften der Renaissance, Homer im lateinischen Mittelalter, Drucke, Marginalien in frühen Homerdrucken, Homer in berühmten Bibliotheken, Homer in Sprachen der Neuzeit, Homers Büste aus der Sammlung Lavater, Exlibris und freie Grafik mit “homerischen” Themen folgen der Rezeption Homers bis in die Gegenwart.

Erfreulich wie kontinuierlich brillant die Nilus Reihe ist!

© S. Strohschneider-Laue

* Rainer Glückert, in bester Erinnerung!

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Hasen, Angsthasen, Hasenhirne

Dienstag, 19. Mai 2009

Notiz

Von Hasen, Angsthasen und Hasenhirnen

Es war einmal ein sehr ängstliches und sehr dummes Häschen, ein richtiger ungebildeter Hasenfuß, ein echter einfältiger Angsthase. Das Häschen glaubte tatsächlich, dass jeder, wirklich jeder, es auffressen wollte. Da sagte es zu sich: „Wenn ich groß und stark wäre, müsste ich mich nicht fürchten, dann müssten sich alle anderen vor mir fürchten. Ich muss etwas tun, denn ausgewachsen bin ich schon und kräftiger werde ich sicher auch nicht mehr. Jetzt gehe ich mir ordentlich Mut antrinken, finde andere Hasen und ändere die Welt.” Zunächst begann das zittrige Häschen sich mit einem Glas frisch gebrauten Möhrli von der beliebten Möhrenbar an der Ecke zu stärken. Und dann stärkte es sich mit noch einem Möhrli und mit noch einigen weiteren frisch gezapften Möhrlis, bis sein Zittern vorbei und seine Zunge locker genug war, um seine Angst laut genug herauszuschreien. Als es daher so an der Theke der Möhrenbar stand und sich endlich möhrenstarken Mut angetrunken hatte, fragte es schließlich das Kaninchen neben sich: „Haben Hasen Angst gefressen zu werden?”

Und der andere Möhrlitrinker trommelte begeistert mit der Pfote auf die Theke und antwortet lautstark: „Ja, alle Hasen haben Angst!”

Erstaunt über die laute Zustimmung, schrie das Häschen möhrenmutig in die Runde, so dass alle anwesenden Kaninchen, Hasen und Meerschweine es hören konnten: „Wollen Hasen Angst haben gefressen zu werden?”

NEIN!”, brüllte die angeheiterte Möhrligesellschaft sehr laut und unkritisch zurück.

„Was wollt ihr Hasenherze dann?”, brüllte das von Möhrli und Zustimmung berauschte Angsthäschen von Neuem.

„Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”, grölten sie alle trunken im Chor.

Hasen, Kaninchen und Meerschweine stießen mit vielen Gläsern Möhrli gemeinsam auf die angstfreie Zukunft der Hasen an. Dazwischen sangen und sprangen sie durcheinander: „Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”! Das ängstliche Häschen thronte inzwischen wagemutig auf den Schultern von zwei Meerschweinen und dirigierte die Sprechchöre mit seiner welken Karotte.

Als plötzlich ein schon sehr unsicher auf seinem Barhocker schwankendes Kaninchen vernehmlich fiepte: „Nie mehr Angst und Freiheit für die Kaninchen!” Da wurde es blitzartig still und einige Kaninchen begannen zustimmend zu nicken.

Das ehemals ängstliche Häschen, genau der dumme Hasenfuß mit dem alles angefangen hatte, zeigte gebieterisch mit seinem Karottenszepter auf das vorlaute Kaninchen und befahl: „Nieder mit den Verrätern, nieder mit den Hasenfeinden!”

Im Nu fielen alle Hasen und Meerschweine gemeinsam über die Kaninchen her und zerrissen sie in tausend Stücke. Beglückt über ihren Sieg, stimmten sie wieder ihren Chor an: „Nie mehr Angst”, „nie mehr Angst”, nie mehr Angst”.

Als plötzlich ein schwer mit Möhrli angetrunkenes Meerschwein zu weinen anfing. Denn es gab auf einmal viel mehr Platz in der Möhrenbar, aber ohne die Kaninchen war es gar nicht mehr so kuschelig wie zuvor. Da wurde es wieder ganz still und die Meerschweine blickten sich betroffen um.

Das Anführerhäschen, ja wieder genau das ehemals so zittrige Angsthäschen mit dem alles angefangen hatte und das sich inzwischen ganz selbstbewusst von den Hasen herumgetragen ließ, zeigte nun gebieterisch mit seinem Karottenszepter auf das weinerliche Meerschwein und befahl streng: „Nieder mit den Verrätern, nieder mit diesen Kaninchenfreunden!”

Im Nu fielen nun die Hasen über die Meerschweine her und zerrissen sie in tausend Stücke. Aber nach diesem letzten Massaker waren nur noch die Hasen übrig und statt eines Sprechchors gegen Angst gab es nur noch Schweigen aus Angst, denn nun hätten sich die wenigen verbleibenden Hasen nur noch gegenseitig in Stücke reißen können.

Und die vielfältige Moral aus der Geschichte des einfältigen Angsthasen?

Fingerzeig © S. Strohschneider-LaueReden ist viel, Zuhören ist mehr und Verstehen ist alles! Denn hätten die Kaninchen, Hasen und Meerschweinchen weniger frisch gezapftes Möhrli getrunken und besser zugehört, hätten sie vielleicht verstanden, dass Angst Gewalt schafft und Gewalt keine Lösung ist! Und die Angsthasen wären stattdessen gemeinsam mit den Kaninchen und Meerschweinen eine vielfältige und kritikfähige Gemeinschaft gewesen, die jederzeit gemeinsam gegen Angst und Gewalt aufgetreten wäre.

© S. Strohschneider-Laue

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Tagebuch des Teufels

Montag, 18. Mai 2009

Fiction

Nicholas D. Satan
Das Tagebuch des Teufels
Eichborn 2008, 160 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8218 6066 4

Das Tagebuch des Teufels  Das Tagebuch des Teufels

Höllisch attraktiv und hoffnungslos hinterfotzig!

Seit Jahrtausenden Nichtverjährtes und Brandneues aus Satans Tagewerk verbirgt sich in diesem handlichen Brevier. Das auf uralt getrimmte Teufelswerk reicht vom Bluts(Muster-)vertrag, über angeschmorte Seiten bis zum Goldüberzug der Schnittkanten. Und natürlich sind auch die E-Mail Adressen derjenigen verzeichnet, die allweltlich ihre mehr oder minder schmutzigen Finger über den Schalthebeln der Macht schweben lassen: Beginnend mit Mr. D. Cheney (finger@amabzug.peng) über Pentagon (welt@krieg.bum) bis zum aktuellen Mr. Obama (obama@didit.uff).

Tatsächlich ist das Buch eine einzige teuflische Verlockung. Es sieht in seinem armani-schwarzen Umschlag und der rolex-goldenen Kante blendend aus. Es verströmt altersbedingte Authentizität, es punktet mit persönlichen Daten. Und nicht zuletzt ist es längst an der Zeit einmal die Geschichte der Welt aus einer anderen Perspektive als der Bibel zu erfahren.

Zu verdanken ist die einmalige Gelegenheit in Satans persönliche Aufzeichnungen Einblick nehmen zu können M. J. Weeks, Master der Philosophie und Professor für vergleichende theologische Anthropologie. Er wertet die Originalmanuskripte aus und legt die für die Weltgeschichte wichtigsten Einträge - beginnend mit der Vertreibung aus dem Paradies bis zu Celine Dion und der globalen Erwärmung - und mit vertiefenden Erläuterungen vor.

Unsagbar böse und zum Schreien komisch zu gleich werden die Knackpunkte des historischen und gegenwärtigen menschlichen Absurdistan aus satanischer Sicht vorgelegt. Selbstverständlich schließt das Buch mit einer Kontaktliste des Bösen, die beliebig erweiterbar ist. Auch wenn der Meister der Schandtaten kein geborener Grafiker ist - anscheinend landen Grafiker nicht in der Hölle, die haben sie vermutlich schon auf Erden - sind seine Illustrationen von treffsicherem Wiedererkennungswert.

Für alle Freunde des schwarzen Humors, die auch noch Lachen, wenn das Lachen eigentlich schon im Halse stecken bleibt, eine Pflichtlektüre. Kritische Geister, die ihr Heil in der Satire suchen, werden ihr bestens bedient. Und alle anderen - also völlig unkritischen und humorlosen - LeserInnen heißestens zur höllischen Horizonterweiterung empfohlen.

© S. Strohschneider-Laue

Das Tagebuch des Teufels

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Riesen

Samstag, 25. April 2009

ab acht

Ari Berk
Geheimnisvolle Welt der Riesen
arsEdition 2009, 44 S., reich illustriert
ISBN 978 3 7607 4134 5

Geheimnisvolle Welt der Riesen Geheimnisvolle Welt der Riesen

Obwohl sie groß sind, werden sie heute immer übersehen: RIESEN! Der Orden des goldenen Federkiels hat Riesen seit Jahrtausenden erforscht. Zu seinen Mitgliedern zählen namhafte ForscherInnen, darunter so klingende Namen wie Hesiod, Ovid, Merlin und nicht zuletzt Ari Berk, der diese geniale Zusammenfassung mit zahlreichen Bildern vorgelegt hat. 

Hier wird kräftig mit Vorurteilen über “dumme” Riesen aufgeräumt. Handfeste Fakten aus aller Welt und quer durch die Zeiten zeugen von eigener Kultur des Riesenvolkes, das so manchen großen Helden hervorgebracht hat. Auch wenn Obstbäume am Fensterbrett, eine Kuh im Vogelkäfig und schwere Lanzen-Zahnstocher uns seltsam vorkommen. Die Wächter der heiligen Haine haben angeblich sogar beim Aufbau von  Stonehenge - das wird allerdings von Archäologen vehement bestritten - mitgearbeitet. Eifrige Leser werden hier fast alles über Haus und Hof, Arbeit, Kleidung, Steinkunde, Sport und Spiel, berühmte Riesen aus der ganzen Welt und noch viel mehr erfahren.

Die fantastische Bebilderung lädt zusätzlich ein, dass Buch immer und immer wieder zur hand zu nehmen. Kisten zum Öffnen, Klappnotizen, eingeschlagenen Riesen-Doppelseiten und andere Überraschungen machen das Buch zu einer eigenen Entdeckungsreise. Der Forschungsbericht ist gleichsam sehens-, lesens- und liebenswert. Aber auch die Materialqualität und Haltbarkeit des Buches ist riesentypisch. man kann sicher sein, dass das robuste Buch den Dauergebrauch vieler Hände sehr gut aushält. Immerhin hat sogar schon eine alte Frau einen Riesenschuh bewohnt und die Götter Thor und Loki in einem Riesenhandschuh übernachtet.

Für Kinder und Junggebliebene eine vergnügliche Riesen-Fundgrube zu einem unglaublichen Zwergen-Preis. Eigentlich sollte man gleich zwei kaufen, damit man im Kinderzimmer nicht immer höflich anfragen muss, um auch einmal in Ruhe darin blättern zu dürfen.

© S. Strohschneider-Laue

Geheimnisvolle Welt der Riesen

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Léonard & Marie Antoinette

Freitag, 17. April 2009

Fiction

Léonard Autié
Léonard der Coiffeur der Königin
Galantes, Frivioles und Extravagantes vom Hofe der Marie-Antoinette
edition ebersbach 2009, 263 S., Sw-Abb.
ISBN 978 3 938740 84 2

Léonard der Coiffeur der Königin Léonard, der Coiffeur der Königin: Galantes, Frivoles und Extravagantes vom Hofe der Marie-Antoinette

Der Friseur als Beichtvater?
Der Friseur als Künstler?
Der Friseur als minutiöser Beobachter einer intriganten Gesellschaft, die mit vollen Haarsegeln (inklusive Fregatte) auf den Untergang zu steuert?
Stimmt alles, aber vor allem war Léonard ein ehrgeiziger und bauernschlauer Gascogner, ein genialer Klatschreporter, der auf der fetten Adelssuppe surfte. Mitten zwischen dekadenten Adel und überfressenem Klerus ein Friseur, der die Locken so hoch auftürmt wie es der Adel der Kundinnen erforderte und so willig war wie es die Kundinnen wünschten. Er hatte seine Augen und Ohren offen, denn er wusste eindeutig Zweideutiges zu berichten und die jeweilige Gunst der Stunde zu nutzen. Die Locken- und Bettenkarriere eines Mannes, der der Adelsgesellschaft gab, was sie wollte, bevor das Volk ihr gab, was sie verdiente. 

In diesem Buch ist es aufgeschrieben das Galante, Frivole und Dekadente der auftoupierten Glanzzeit von Marie-Antoinette und ihren Zeitgenossinnen. Egal ob Léonard die amüsanten und geistreich formulierten Anekdoten selbst schrieb oder nicht - das Buch kam deutlich nach seinem Tod in den späten 30ern des 19. Jahrhunderts erstmals auf den Markt und vielleicht war Georges Touchard-Lafosse der Ghostwriter - es ist eine pikant-glamouröse Betrachtung jener Gesellschaft, die durch Eitelkeit zusammengehalten wurde.

So gesehen, hat das Buch Aktualitätswert bis in die Gegenwart. Auch wenn die dümmliche Eitelkeit der Frauen heute eher durch Untergewicht unter und Silikon auf den Rippen, blonde Haare sowie übergroße Sonnenbrillen repräsentiert wird. Während sich die unersättliche Gier der Männer durch unkontrolliertes Scheffeln aus den versiegenden Geldpool und den Lohntüten der Angestellten manifestiert. In Anbetracht, dass am Ende von Léonards Karriere die Flucht vor der französischen Revolution stand, stellt sich die Frage in welchen Untergang die vollständig aufgetakelte heutige Upperclass segelt.

Hinter rosa Umschlag und passend verspieltem Layout mit etlichen historischen Abbildungen verbirgt sich nicht nur pures Lesevergnügen und ein historischer Einblick. Carolin Fischer wählte für diese erste Deutsche Ausgabe jene Episoden, die in unmittelbaren Zusammenhang mit Marie-Antoinette stehen. Anmerkungen und Zeittafel runden die hintergründige Betrachtung des Ancien Régime ab.

© S. Strohschneider-Laue

Léonard, der Coiffeur der Königin: Galantes, Frivoles und Extravagantes vom Hofe der Marie-Antoinette

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60 Jahre Germany: Mahlzeit!

Donnerstag, 02. April 2009

Non-Fiction

Ingke Brodersen, Rüdiger Dammann
Mahlzeit!
60 Jahre Deutschland - Eine kulinarische Zeitreise
Dumont 2009, 255 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8321 9503 8

Mahlzeit! 60 Jahre Deutschland - Eine kulinarische Zeitreise Mahlzeit: 60 Jahre Deutschland - Eine kulinarische Zeitreise

Unter dem Motto “Gerichte schreiben Geschichte” enthüllen sehr g’schmackige Essays das Werden der beiden getrennten und wieder vereinten Nachkriegsdeutschlands. Anhand wichtiger gesellschaftspolitischer Stationen wird superspannend und superlässig das beste zeitgeschichtliche Antispeisenbuch, das je geschrieben, vorgelegt. Und spätestens nach der Lektüre beginnt man sich zu fragen: War Berlin oder etwa ganz Deutschland jemals das Gelbe vom Ei?

1949 (Kaugummi und Luftbrücke) bis 2008 (Arme Ritter oder Wir Steuersünder) wird Jahr für Jahr als eigenes Kapitel zwischen Kochtopf und Tatsachen serviert. Und zuweilen bleibt der Geschmack der Republik im Halse stecken - manchmal vor Lachen, manchmal ob des bitteren Beigeschmacks und manchmal auch weil es einfach noch immer zum Kotzen ist. Was auf den Tisch kommt, ist ein gesellschaftlicher (Hanswurst-)Spiegel. Was nicht auf den Tisch kommt  - und die Folgen davon - ebenso.

Und viele Gerichte polarisieren tatsächlich bis heute ganze Nationen bis hin zur familiären Keimzelle des Staates: Döner contra Currywurst, Müsli contra Bauernfrühstück und nicht zuletzt in meiner eigenen deutsch-österreichischen Mischfamilie Wienerschnitzel (Variante Deutschland mit saftiger Sauce) contra Wienerschnitzel (Variante Österreich mit trockener knuspriger Panier) oder Königsberger Klopse contra “alles außer Königsberger Klopse”. Und natürlich habe ich meine Lebensstationen nachgeschlagen! Danke Ingke Brodersen und Rüdiger Dammann für den Nudelsalat. Ich denke mit Schaudern an jene Parties, wo jeder eine andere schale Variation zum (Miss-)Erfolg beigesteuert hat. Aber leider ist die Feststellung, dass Nudelsalat kein 80er Revival miterleben würde, nicht zutreffend. Denn bei meinem 20jährigen Abitreffen war das keine Erinnerung an alte Zeiten, sondern nackte gegenwärtige Tatsache. Manches stirbt eben nie aus. Und warum manche an dem Zauberwürfel verzweifelt sind, war mir schon damals ein Rätsel. Kräftig auseinandernehmen und leichthändig neu zusammenstecken lautet bis heute meine Devise. Aber vielleicht serviere ich als geborene Auseinandernehmerin schon deshalb keinen Nudelsalat, weil man das Zeug drehen und wenden kann ohne je “zu Potte zu kommen”.

Wer wissen will, was die ehrliche Blutwurst und Bildzeitung, unverdauliche zähe Senfeier mit Franz Josef Strauß, Ravioli aus der Dose und Emanzipation, dreitägige Brötchen und Rosmarie Nitribitt oder Wiener Schnitzel (siehe oben) und EU gemeinsam haben oder warum ausgerechnet die Banane zur Frucht der Einheit wurde, muss dieses deutsche *****Menü bis zur letzten Seite genießen. Die beste deutsch-deutsche politische Meisterküche, die je auf dem Büchertisch gestellt wurde, vor allem weil es ja nicht immer Kaviar sein muss.

“Mahlzeit!” serviert die erlesenste polit-literarische Deutschlandbetrachtung, die in den letzten Jahren geschrieben wurde. Mit viel Augenzwinkern und noch mehr Verstand wird auf den Punkt gebracht, was im Westen heiß gekocht oder im Osten eiskalt serviert wurde. Ein Prosit nach der gewaltigen “Mahlzeit!” noch auf den “Sous Chef de Cuisine” Peter Mathews und das appetitliche Arrangement von Kurt Blank-Markard.

Leider muss ich jetzt mit dem Schreiben aufhören, obwohl ich über das Buch stundenlang - was mir leider viel zu selten passiert - schriftlich auslassen könnte. Ich muss nämlich unbedingt mein zerfleddertes Exemplar noch einmal von vorne bis hinten und von der Mitte seitlich genießen. Zwei neue “Mahlzeit(en)!” für meine Eltern muss ich auch noch kaufen. Für jeden eine, damit es keinen familiären Osterunfrieden gibt und plötzlich eine Mauer durch das Haus gezogen wird. Und diese “Mahlzeit!” passt doch gar so schön für das bunte Eier- und Hasenfest mit dem Deutschen Spiegelei am Cover, Senfeiern in der Mitte und dem letzten alten Brotkanten für den Armen Ritter am Ende.

Eine echte Pflichtlektüre für Deutsche und solche, die die Deutschen besser verstehen wollen!

© S. Strohschneider-Laue

Mahlzeit: 60 Jahre Deutschland - Eine kulinarische Zeitreise

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Liebe zwischen den Seiten - Kleist

Donnerstag, 26. Februar 2009

Notiz

Kleist kam zu erst

Kleist der Hund © S. Strohschneider-Laue

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In meine Familie kam in den späten 70ern des letzten Jahrhunderts folgendes in lindgrünes Leinen gebundenes Buch:

Heinrich von Kleist’s
sämtliche Werke
in zwei Bänden

Herausgegeben
von
Eduard Grisebach
Erster Band
Mit einem Bildnis Kleist’s
——————–
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
(Das Vorwort des Herausgebers wurde  im Oktober1883 in St. Petersburg verfasst.)

Ich kaufte das Buch gemeinsam mit einer tollen, uralten Ausgabe von Schillers Werken in einem Berliner Antiquariat, irgendwo auf dem Weg zwischen Jugendherberge und Ku’damm. Von meinem Taschengeld investierte ich damals 5 D-Mark und fand sie besser angelegt als alles andere, das ich mir während der Klassenfahrt nach Berlin hätte gönnen können.

Tatsächlich enthält das Buch dem Titel gegenübergesetzt ein Bildnis “Kleist’s”. Des Literaten Kleist, der die Werke, die darin abgedruckt sind, verfasst hat. Aber der wahre Kleist dieses Buches ist er trotzdem nicht. Den wahren Kleist fand ich auf den letzten Seiten, was übrigens ein echter Beweis ist, dass ich alle 459 Seiten tatsächlich gelesen habe, weil der wahre Kleist nämlich dort feststeckte. Kleist hat alle diese Jahre in diesem Buch verbracht und ist nie herausgefallen. Kleist wartete geduldig bis ich ihn abholte und ihn vor mehr als 30 Jahren in die Familie aufnahm.

Kleist ist das Foto eines goldigen Hundes. Er sitzt auf einem Stuhl. An seiner linken Seite befindet sich ein Tisch und darauf eine Kaffeetasse. Im Hintergrund ist die Lehne einer hölzernen Sitzbank (?) zu sehen. An der Wand hängen eine Uhr (?) und ein mit Blumenranken und Spruch besticktes Tuch. Kleist ist aufmerksam. Seine Aufmerksamkeit gilt aber nicht dem Fotografen, der rechts vor ihm hockt. Kleist starrt nach oben, wo vermutlich ein Leckerli irgendwo außerhalb des Bildausschnittes auf ihn wartet. Kleist ist ein Spida bzw. Daspi, die lebendig gewordene Liebe zwischen einem Dackel und einem Spitz.

Kleist wurde geliebt. Er wurde gebürstet, war stolzer Träger einer Hundemarke und Kleist durfte auf die Möbel springen. Man hat also Geduld, Zeit, Geld (Halsband, Hundemarke und Fotografie beweisen das) und Zuneigung in ihn investiert. Und jetzt, nachdem Kleist schon lange verblichen ist, darf er noch immer auf dem Stuhl sitzen, sich auf das Leckerli freuen. Regelmäßig wird er von mir aus seiner Kleistausgabe an die frische Luft und jetzt sogar in seiner ganzen virtuellen Realität in das Web entlassen. Dann freut sich Kleist, weil ich keine Ahnung von ihm habe. Ich kann sein hohes Kläffen förmlich hören, ich kann sehen wie er wedelnd um mich herumspringt und dann ein ganz braves Männchen macht, um das Leckerli von mir zu bekommen.

Und ich frage mich, hat er Else gehört, die das Buch 1928 gewidmet bekam?

Unserer lieben Else,
zur freundlichen
Erinnerung.
Ernst u. Erna Hertzberg
Wilmersdorf im August 1928

Und ich frage mich, wer waren Else, Ernst und Erna?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch 
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr. 
Loving Memory 
Kriegsbriefe 
Die Fotos der Rosi Z.

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PrivatRevier

Montag, 15. Dezember 2008

© Chr. Ranseder

Privatleben? Ja, bitte!
Revierverhalten? Nein, danke!

Menschliches Revierverhalten zu beobachten, kann recht interessant sein, wenn man nur unbeteiligte Lauscherin sein darf und nicht selbst sein Revier markieren muss. Dasselbe gilt für das Privatleben, insbesondere MEIN Privatleben, das ich gerne privat, das bedeutet “nicht öffentlich”, lebe.

Letztlich war ich wieder bei einem von diesen “Wie blase ich mich zum Platzen besser und glänzender auf als alle anderen”-Festln.

“Bussi-Bussi wie geht’s! Du bist so blass, du Arme, bist du auch ganz gesund? Oder warst du dieses Jahr etwa noch nicht auf Urlaub?”

Eine Antwort auf diese Begrüßung erübrigt sich grundsätzlich. Das ist nur ein rhetorisches Mittel der Bussi-Bussi-Person, um ihre eigene Krankengeschichte gemeinsam mit dem Teuer-Urlaub im Luxusghetto für unselbständig Touristen im 5-Turban-Ressort in der Zivilisationsferne anzubringen.

“Also mit meinen Hautproblemen will ich dich ja gar nicht erst belasten. Furchtbar sage ich dir! Furchtbar! Also die müssen da in der Wüste echt noch dazu lernen. Stell dir vor, da scheint den ganzen Tag die Sonne und die tun nichts dagegen. Wir waren ja drei Wochen ganz tief drinnen. In der Wüste meine ich. Fantastisch sage ich dir! Fantastisch! Diese unerträgliche Weite, da bist du direkt froh, wenn du den ganzen Tag in der Anlage beim Swimmingpool bleiben kannst. Na, beim Essen müssen die dort noch viel lernen, was eine anspruchsvolle Österreicherin will. Man will es ja nicht schlechter haben als daheim. Außer Spaghetti Bolognese und Pommes kann man ja dort nichts essen. Lauter klebriger Süßkram, staubiger Brei und dünne Fladen, gekochte kleine Gurken, im Obstkorb war weit und breit kein Apfel zu finden und Bestecke muss man fast schon verlangen. Und dafür zahlt man soviel Geld und ist fast einen Tag mit dem Flugzeug unterwegs. Schlimm sage ich dir! Schlimm! Und die Affen! Die laufen da frei rum. So etwas gehört doch aus der Anlage vertrieben. Na, wenigstens halten die Mauern die Einheimischen draußen. Also im Urlaub brauche ich diese mageren Gestalten mit den Blähbäuchen wirklich nicht. Das verdirbt einem ja die ganze notwendige Erholung. Da spende ich ohnedies jedes Jahr für “Licht ins Dunkel” satte zehn Euro. Da können die dort mit ihrer Familie einen Monat davon leben. Aber zur Arbeit im Ressort kann man die Leute nicht gebrauchen. Die wissen ja nicht einmal was ein Stuhl ist. So gesehen, leben die doch glatt von meinem sauer verdienten Geld. Geführt wird die Anlage von einem Engländer. Die Angestellten sind ein internationales, ganz junges Team. Das ist schon gut so, dann muss man sich nicht mit diesem Kauderwelsch herumschlagen. Uns hat ja immer dieser deutsche Kellner bedient. Das war richtig angenehm. Naja, bis auf seinen Akzent…”

Genau in der Atempause ergriff ich die Flucht: “Sorry, dass ich deine überaus persönlich erhellenden Ausführungen so rüde unterbrechen muss, aber ich möchte schnell drüben auch ‘hallo’ sagen. Ich bin sicher, du vergisst nicht, was du mir noch erzählen wolltest.”

Ich hätte es lassen sollen! Bei meiner vorigen Gesprächspartnerin wusste ich ja schon vorher, dass sie eine Chauvinistin mit (zu)viel Geld und (zu)wenig Hirn ist. Aber alles lässt sich übertreffen, sogar der Unkulturschock.

“Bussi-Bussi, schön, dass du auch hier bist! Jetzt haben wir uns ja schon eine Weile nicht gesehen und die Kinder sind doch schon so groß geworden. Wir müssen unbedingt einmal so von Mutter zu Mutter sprechen. Hat deine auch schon einen Freund?”

Mir rutschte das Herz in die Hose. Da war die Frage, die ich so hasse, weil ich nie weiß, wie ich reagieren soll. Was geht die gesamte Weltbevölkerung das Privatleben meiner Tochter an? Das Wort “privat” bedeutet “nicht öffentlich”. Das ist genau die Art von Frage, die im Stellenwert gleich nach der Stubenreinheit der Kinder angesiedelt ist. Ich habe mich immer gefragt, ob ich mich im Gegenzug höflich nach der beginnenden Inkontinenz älterer Familienmitglieder erkundigen sollte. Frei nach dem Motto: “Ach, wenn wir schon beim Windelthema sind. Geht dein/e Vater/Mutter noch alleine oder musst du sie schon windeln? Ausgerechnet jetzt, wo dein Fünfjähriger endlich aus dem Gröbsten (bezogen auf die Windeln nicht auf die Manieren) raus ist?” Aber ich hasse speziell die Frage nach “dem Freund” und wenn ich einen Sohn hätte, würde mich die Frage nach “der Freundin” genauso ärgern. Wenn Männer fragen, drängt sich bei mir automatisch der Gedanke auf, ob sie sich damit nach ihren Chancen oder pikanten Details erkundigen wollen und bei Frauen, ob sie die Konkurrenz fürchten. Achja und möglicherweise wird ja auch gefragt, ob die Kinder auch die richtige Entscheidung (bzgl. Geschlecht, Herkunft oder was auch immer - für die Fragenden - relevant sein mag) getroffen haben. Letztlich nervte mich eine entfernte Bekannte mit genau dieser direkten Frage nach dem Stand der sexuellen Aktivität meiner Tochter. Im letzten Moment hatte ich meine Gegenfrage, die schon auf der Zungenspitze hing, wieder hinuntergeschluckt. “Schläfst du auch schon wieder mit jemanden oder hast du dem Sexleben abgeschworen?” Es wäre nicht nur unverschämt gewesen, die Frage hätte mich auch auf dasselbe impertinente Niveau gebracht. Stattdessen sagte ich: “Interessante Frage! Nun auch sie hat ein Privatleben.” Was vielleicht ein Fehler war, vielleicht wollte sie genau nach ihrem Sexleben gefragt werden und hatte nur einen “höflichen” Umweg gemacht…
Jedenfalls wurde bei dieser Party wie beim “How do you do” keine Antwort erwartet, ob “sie einen Freund hat”.

“Also meine hat einen, der studiert schon. Sie ist ja so beliebt. Sie legt soviel Wert darauf, dass ihr Freund etwas hermacht. Mit jedem würde sie sich ja nicht einlassen, der muss schon einen Haarschnitt haben und ordentlich angezogen sein. Und ich muss mir endlich keine Sorgen mehr machen, wo sie ist, wenn es abends spät wird. Meine ist ja so aktiv. Sie hat ja viele Freunde und ist immer so viel unterwegs. Du müsstest ihre Handyrechnungen sehen. Verheerend sage ich dir! Verheerend! Aber so ist dann nun mal bei aktiven jungen Frauen, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen und gefragt sind…”

Das war der Punkt, an dem wir zu Tisch gerufen wurden. In diesem unreflektierten Redeschwall hätte es sicher keine Atempause für meine Flucht gegeben. Und ab irgendeinem Punkt hätte ich sicher etwas Unpassendes gesagt. Irgendetwas wie: “Von mir aus kann er Haare haben wie ‘Cousin It’ von der Adams Family, Hauptsache er hat ein Gehirn - und benutzt es. Und sie verstehen sich prächtig, vor allem wenn sie gemeinsam Saurier in Wyoming ausgraben. Wofür sie beide mit Leiberln überaus korrekt bekleidet sind…”

Bei Tisch saß ich mit mir mehr oder minder bekannten Frauen zusammen, die mir bei der Vorspeise erklärten, wie sie durch die Schwangerschaften und Geburten gelitten hatten. Bei der Suppe wusste ich wessen Plazenta die schwerste, beste und schönste war. Ich beschränkte mich auf geringe Nahrungsaufnahme an der Grenze zur Höflichkeit, da mir die Themen mehr als genug zum Verdauen gaben. Meine Wortspende, die sich mir innerlich aufdrängte, schluckte ich ebenfalls runter. Dass ich bei der Geburt meiner Tochter durch optische Abwesenheit glänzte, weil ich keine Brille auf hatte - und dafür nach wie vor unendlich dankbar bin - und am liebsten in Cafeteria gesessen wäre und diesen Scheißjob meinen Mann überlassen hätte, wäre sicher auf totales Unverständnis gestoßen. Beim Hauptgang erfuhr ich Details über Myome, die ich lieber nicht gewusst hätte. Als ich die Gebärmuttergeschwulste mit den Größen der diversen Fleischstückchen auf meinem Teller zu vergleichen anfing, wurden plötzlich die besten Kosmetikinstitute und ihre Wirkung auf das aktuelle Aussehen diskutiert. Bevor das Dessert serviert wurde, wechselte ich vorsichtshalber zur Herrenrunde. Die waren gerade dabei diverse Potenzmittelchen durchzuhecheln. Als ich mich danach erkundigte, welches davon denn ihrer Erfahrung nach das Beste sei und wie sich ihre Leistung dadurch im Vergleich zu vorher verbessert hätte, wurde blitzartig Sport und ihre überragenden Leistungen in verschiedenen Disziplinen zum Hauptthema.

Am besten hat es mir an diesem Nachmittag bei den Jugendlichen gefallen. Übrigens würde man ihnen niemals diese Eltern zutrauen, aber vielleicht muss man ja nur noch einige Jährchen warten bis sich die Ähnlichkeiten ausprägen… Persönliches wurde mit der besten Freundin am Klo - auch nicht gerade der heimeligste Ort, aber immerhin relativ (relativ, wenn man zu zweit hineingeht) privat - besprochen. Ansonsten drehten sich die Gespräche um die letzten Konzerte, die besten Bands und Solisten,  Filme, die Oscarverleihung und “was soll ich bloß gegen die Pickel tun” oder nach der Schule anfangen. Da gab’s haufenweise Themen rund um zeitgenössische Kultur, Ängste, Hoffnungen und Zukunftsvisionen. Es war echt interessant, lustig und kein bisschen prätentiös.

Ganz anders bei den “Erwachsenen” - was immer das auch sein mag - deren Standortbestimmung zur Cocktailstunde beim beliebten Gesellschaftsspiel “Wertevergleich” angekommen war. “War euer Urlaub weiter weg als unserer”, “Kaufst Du auch beim ‘Teure-Etiketten-Laden”, “Diese Automarke kauft doch heute kein Mensch/Mann mehr” sind anscheinend die beliebtesten Messlatten. Natürlich wurde auch ich befragt. Es war unvermeidlich, aber ich hatte meine Tageslektion gelernt oder ein unweibliches Bier - ich hasse Prosecco - zuviel geschlürft, abgesehen davon begann mich mein böser Teufel zu reiten:

“Unser Urlaub war eine Individualreise. Ich will mich da nicht extra verbreitern, aber so etwas ist natürlich sehr planungsintensiv und benötigt eine eigene Betreuung. Über die Kosten möchte ich daher lieber auch nicht reden. Was meine Bekleidung betrifft, bevorzuge ich exklusiv für mich von meiner eigenen Designerin Entworfenes und von meiner Schneiderin Angefertigtes. Sie hat seit Jahren meine Maße und arbeitet ausschließlich für meine gesamte Familie. Man will ja schließlich nicht mit einem Blick abtaxiert werden. Oder noch schlimmer auf einer Party ertappt werden, dass man das gleiche Kleid wie eine andere trägt. Ja und was das Autofahren betrifft, bin ich sehr konservativ, was immer eine Frage des Geldes ist. Ich liebe meinen Oldtimer. Ja, ich weiß, die sind recht pflegeintensiv und teuer, aber irgendwie ist ja Mainstream nicht unbedingt alles, man möchte sich doch von der breiten Masse abheben.”

Schön, wenn man so viele Partygäste so für sich einnehmen und begeistern kann - und das ohne wirklich Wesentliches preiszugeben… Also tatsächlich waren wir in Bad Aussee. Es wäre weit gewesen, wenn wir eine Route rund um den Globus mitten durch die Touristenghettos gewählt hätten, aber auf Grund guter gemeinsamer Planung sind wir direkt hingefahren.
Tja, was die Bekleidung betrifft, mag ich Stangenware tatsächlich nicht besonders, vor allem wenn sie echter Etikettenschwindel ist.
Warum sollte ich Teuer-Irgendetwas links herum tragen, damit man das Teuer-Irgendetwas-Etikett sieht?
Warum sollte ich ein Teuer-Irgendetwas tragen, dessen Etikett man nicht rauschneiden sollte (die unnötigen Dinger kratzen so fürchterlich), weil es dann nur noch ein Billig-Irgendetwas wäre?
Was spicht für ein Teuer-Irgendetwas, das sich trotzdem nur irgendwie - Betonung auf irgendwie - um den Körper herumspannt oder sackartig an den entscheidenden Stellen herunterhängt?
Wozu ein Teuer-Irgendwas, dass sich durch nichts absolut nichts von Fakeware unterscheidet, weil es aus der selben Dritte-Industriewelt-Billig-Kinderarbeit-Fabrik abgezweigt wurde, die die Teuer-Irgendetwas herstellen?
Gott-sei-Dank hat meine Mutter ein Auge für Stoffe und Qualität. Sie kann wunderbar nähen und sie arbeitet exklusiv nur für uns. Was will ich mehr?
Und was das Auto betrifft, fahre ich seit sieben Jahren dasselbe. Es wird regelmäßig gewartet und unregelmäßig geputzt. Es hat mich noch nicht im Stich gelassen. Naja, in Frankreich ist es uns dieses Jahr fast an seinem vollen Katalysator erstickt, aber die Luxemburger Mechaniker haben einen neuen eingebaut und jetzt spult es wieder die Kilometer rauchfrei und wesentlich schneller als 40km/h runter. Warum sollte ich das treue Gefährt entsorgen, das inzwischen sogar geruchsmäßig zur Familie gehört und nicht mehr nach Plastik und Fabrik riecht?
Manchmal frage ich mich, ob mein erweiterter Bekanntenkreis mich für desinteressiert hält? Ob meine Zurückhaltung persönliche Fragen zu stellen, falsch eingeschätzt wird? Ich stelle tiefgehende persönliche Fragen nur deswegen nicht, weil ich selbst nicht gestellt bekommen möchte. Freunde, die etwas mitteilen möchten, sollen und dürfen das aus freien Stücken machen. Es wird immer mein Ohr erreichen und nicht über meine Zunge in den weiteren Umlauf gebracht werden. Genauso wie ich es haben möchte, wenn ich nur wenigen ausgewählten Menschen mein Vertrauen schenke, meine Sorgen und Nöte mitteile. Privates, das zur Superstory mit Beschleunigungsfaktor mutiert, ist nicht mehr privat, sondern öffentlich und ich bin definitiv keine “öffentliche Frau”. Das ist der essentielle Unterschied zwischen Freunden und Bekannten, der Unterschied zwischen Bussi-Bussi und Komm-lass-dich-drücken, der Unterschied zwischen Fundament und Fassade.
Bin ich froh, dass ich/wir kritikfähige, diskrete, unprätentiöse FreundInnen haben.
Bin ich froh, dass bei diesem Bussi-Bussi-Festl und meinem Party-Outing als Frau mit Designerkleidern, Oldtimer und geplanten Individualurlaub niemand aus diesem Kreis dabei gewesen ist. Sie wären vor Lachen gestorben und ich will definitiv, dass meine FreundInnen ewig leben.

© S. Strohschneider-Laue

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Platons Hundeleben

Samstag, 15. November 2008

Fiction

Birgit Primig
Platons Hundeleben: Episoden und mehr
BoD 2008, 72 S.
ISBN 978 3 8370 6775 0

Hundeepisoden Platons Hundeleben: Episoden und mehr

Für Weihnachten, Geburtstage, HundeliebhaberInnen und Katzenmenschen - das kleine Mitbringsel mit hohem Unterhaltungswert.
Platon ist einfach super. Klug, eigenwillig, alltagstauglich und lebensbereichernd. Platon ist aber auch Philosoph und Vordenker, denn Nachdenker gibt es bereits genug. Platon weiß, was Frauchen will und wo Herrchen Nachhilfe braucht. Keine larmoyante, zuckersüße Hundeschnulze. Eine tolle Biographie über einen tollen Hund. Das richtige kleine Book-on-Demand-Buch.
Ach ja: aufgeschrieben hat Birgit Primig wie Platon lebt und was er liebt. Wer die Autorin kennt, versteht sofort, dass Frau und Hund haargenau zueinander passen.
Hoffentlich wird es bald eine weitere Konzert-Lesung geben!

© B. Meinhard-Schiebel

Platons Hundeleben: Episoden und mehr

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Deutschland hören

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Non-Fiction

Corinna Hesse
Deutschland hören
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 02 7

Deutschland hören Deutschland hören: Eine musikalisch illustrierte Reise durch die Kulturgeschichte Deutschlands

Nominiert zum Deutschen Hörbuchpreis (2007 beste verlegerische Leistung, 2008 beste Information), war die Länderreihe schon zweimal. Die Ausstellung “Das “Auge hört mit” würdigte die Leistung auf der Leipziger Buchmesse und jetzt folgt brandaktuell der Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Also wer es bis jetzt nicht gemerkt hat, dass diese Ländereihe ein ebsno kurzweiliges wie fundiertes Hörerlebnis ist, sollte spätestens jetzt die Ohren aufsperren und zuhören.

Gelegenheit dazu bietet “Deutschland hören”, das nach Frankreich hören und Türkei hören den diesjährigen Länderreigen schließt. Passend zum Tag der Deutschen Einheit erscheint die moderne Silberscheibe, die grün und golden wie die urzeitliche Bronzescheibe von Nebra gestaltet ist. Ein optischer Geniestreich, denn das bronzezeitliche Objekt aus Deutschland hat weltweite Schlagzeilen gemacht und kulturelle Wellen geschlagen. Sie macht auch den thematischen Auftakt zu den zwanzig Hörkapiteln rund um das kulturelle “Deutschland”. Die “Germania” des Römers Tacitus, die Merseburger Zaubersprüche und Hildebrandslied, mit der passenden musikalische Untermalung von Duivelspack, werfen bezeichnende Schlaglichter römische Wahrnehmung und germanische Selbstsicht. Nach dem geschmiedeten Himmel, im Spiegel des Feindes und Wodans Fährte, wendet sich die CD dem Bildung mit System unter Karl dem Großen zu. Schöner Schein und blutiger Ernst (Walther von der Vogelweide, Nibelungenlied) beschließen das Mittelalter. Mit dem brennenden Gott (Isenheimer Altar), Büchernarren - gefallene Engel und der Kraft des Wortes wird mit Grünewald, Brant, Dürer, Luther die Neuzeit eingeläutet. Meistersinger, Doktor Faust, Dreißigjährigem Krieg und Simplicissimus stehen in Folge für die Suche nach Ordnung und die Kollision von Gegensätze, während im Kapitel “Alles nach Maß und Zahl”, der harmonische Kosmos von Kepler bis Bach im Mittelpunkt steht. Philosophie und Bildung unter Friedrich dem Großen, Menschheitsdramen im Zeichen der Aufklärung von Lessing und Goethe sowie die freiheitliche Ideale am Beispiel von Schiller und Beethoven zeigen einen neuen Wendepunkt auf. Es folgt die staatliche Selbstfindung nach dem Wiener Kongress, eine Neuordnung, die in Folge die Proletarier aller Länder zur Vereinigung aufruft und 1848 für ein Jahr zu einem frei gewählten Parlament führt. Das Deutsche Reich entsteht aus Geld und Gewalt und baut auf Übermenschen und Untertanen. Die inhaltlichen und kulturellen Gegensätze prallten schon vor dem Ersten Weltkrieg aufeinander und werden anschließend zwischen Dada und Bauhaus zum neuen Ausdruck. Und trotzdem zeichneten sich die ”Notzeiten für Blechtrommler” bereits ab auch wenn man das Volk nicht abwählen konnte. Getrennte Entwicklungen unter kommunistischen und kapitalistischen Vorzeichen konnten die Identitätssuche nicht stoppen. Wie das letzte Kapitel “Von Zimmerspringbrunnen und Hobbygärtner” Deutschland treffend nach der Wiedervereinigung beleuchtet.

Ein spannender Abriss, dem man in seiner Leichtigkeit nicht anmerkt wie schwierig es gewesen sein muss in 80 Minuten nur die wesentlichsten Highlights der fast ausschließlich von Männern geprägten Kulturgeschichte herauszupicken. Die identitätstiftenden Höhenflüge sowie unmenschlichen Tiefpunkte wurden im Hörbuch “Deutschland Hören” zu einem kritischen Kulturreigen über und für die Deutsche Bevölkerung. So eingängig-nachhaltig muss Pflichtlektüre für die Ohren sein. Genial geschrieben von Corinna Hesse, genial gelesen von Rolf Becker und grafisch von Roswitha Rösch als echter Blickfang gestaltet. Bitte mehr davon!

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

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Männertöne | Weiberworte

Dienstag, 01. Juli 2008

Fiction

Carmen Winter (Text), Hermann Naehring (Percussion)
Männertöne - Weiberworte
Phonector 2008, Laufzeit 63,48′

Männertöne - Weiberworte Männertöne - Weiberworte

Diese Konzert-Lesung ist ein ungewöhnlicher Ohrgenuss. Die Texte von Carmen Winter, die auch selbst liest, stimmen nachdenklich und bringen Seelensaiten zum Klingen. Laut Carmen Winter “lebten Männer und Frauen einst auf verschiedenen Planeten (…)”. Ich persönlich bin von den bestehenden Kommunikationsproblemen überzeugt. Viele Frauen sind des männlichen marsianisch nicht mächtig und Männer scheinen es gar nicht erst mit einer “Fremdsprache” zu versuchen. Mal ganz abgesehen davon, dass ich anscheinend oft selbst ausschließlich venusisch zu reden scheine… Die verschiedenen Sprache behindern bis heute die Kommunikation zwischen den Geschlechtern. Man kann sich allerdings der Autorin anschließen, die es erfreulich findet, dass es immer noch Männer und Frauen gibt, “die den Versuch, einander etwas mitzuteilen, nicht aufgegeben haben”.

In dieser Konzert-Lesung werden defintiv zwei Sprachen gesprochen, die ohne Dolmetscher miteinander kommunizieren können ohne die Eigenständigkeit zu verlieren. Gleichberechtigt neben der Textlesung stehen die Kompositionen und Percussionimprovisationen von Hermann Naehring. Der Rhythmus leitet ein, verstärket die Textstimmung und lässt sie nachwirken.

Über eine Stunde lauscht man Vortrag und Konzert und die Zeit vergeht wie im Fluge, weil beide Aspekte von der ersten bis zur letzten Sekunde kurzweilig bleiben ohne in die Belanglosigkeit abzugleiten. Ein ausgezeichnetes Beispiel, dass Anspruch und Publikumstauglichkeit bestens vereinbar sind. Mein persönlicher Favorit ist “Vernebelte Nebenwege”. Hier spielen Lesung und Percussion miteinander, lösen sich ab und stacheln einander an. Echt genial, man wird regelrecht mitgerissen. Ich glaube, dass unter den 18 Tracks jeder sein persönliches besinnliches oder von anderen Sichtweisen getragenes Lieblingswerk finden wird.

Hoffentlich wird es bald eine weitere Konzert-Lesung geben!

© S. Strohschneider-Laue

Männertöne - Weiberworte

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Nosferas

Montag, 30. Juni 2008

Fiction

Ulrike Schweikert
Die Erben der Nacht -Nosferas
cbt 2008, 448 S.
ISBN 978 3 5703 0478 5

Nosferas Die Erben der Nacht - Nosferas

Der Roman „Die Erben der Nacht - Nosferas” von Ulrike Schweikert folgt den neuerlichen Trend für Vampirliteratur auf seine ganz eigene Weise. Die Hauptakteure sind Vampirkinder, die für ihre Fortbildung für den Weiterbestand ihrer aussterbenden Spezies bei jedem der Clans je ein Jahr in die Schule gehen sollen. Denn die Vampire haben ein essentielles Problem: Überleben! Daher begibt sich Ende des 19. Jahrhunderts der vampirische Nachwuchs Europas zum Überlebenstraining nach Rom. Die fantasy- und krimierprobte Autorin schuf mit dieser Story - den Auftakt einer Reihe - ein Buch, das Jugendliche ab 12 Jahren, aber ganz sicher auch älteres Publikum begeistern wird.

Im Jahr 1877 gelangen die Anführer der Vampirklans der Dracas aus Wien, Vamalia aus Hamburg, Lycana aus Irland, Nosferas aus Rom, Pyras aus Paris und Vyrad aus London zusammen mit einer weisen Druidin zum Entschluss ihre letzten Kinder zu jedem Clan in die Schule zu schicken. So sollen sie jene geheimen Fähigkeiten von allen Clans lernen, die überlebenswichtig für die Zukunft aller Vampire sein werden. Es steht um die Vampire wegen zahlreicher Fehden zwischen und innerhalb der Clans, eifriger Vampirjäger und ausbleibenden Nachwuchs nämlich schlecht. Das erste Unterrichtsjahr wird bei den Nosferas in Rom abgehalten, wie es das Los entschied. Dort angekommen, müssen die Erben der Clans zunächst ihre Vorurteile gegenüber den anderen überwinden. Manche schließen rasch Freundschaft miteinander, wie der Nosferas Luciano, die Vamalia Alisa und die Lycana Ivy-Maire. Die Nachkommen der Dracas jedoch zeichnen sich besonders durch ihre Arroganz und Gemeinheit aus. Sie erachten es als unter ihrer Würde sich mit den anderen abzugeben, während die Vyrad reserviert und höflich und die Pyras sich selbstgenug und schmuddelig sind. Doch in der vermeintlich sicheren Umwelt verschwinden immer wieder Mitglieder des Nosferas Clans und zu weilen wird so mancher hochgestellter menschlicher Würdenträger mit gefälschten Vampirbisswunden aus dem Tiber gefischt. Mit diesen Ereignissen dürfte wohl der geheimnisvolle Vampirjägerbund der Roten Masken zu tun haben, wie die Jungvampire entdecken.

Bei dieser flüssigen Erzählweise erweist es sich als besonders reizvoll, dass zwischen den Sichtweisen häufig gewechselt wird, wobei sich darunter nicht nur jene einiger ausgewählten Jungvampire befinden. Meistens wird jedoch aus der Sicht von der abenteuerlustigen und wissbegierigen Alisa die Geschichte vorangetrieben. Gastauftritte berühmter Persönlichkeiten wie Oscar Wilde, Bram Stoker und Papst Pius IX. verfeinern die Kulisse des zu dieser Zeit politisch unruhigen Roms. Der spannende Plot und des gut dargestellten historischen Hintergrund machen auch die neue Serie von Ulrike Schweikert gleichermaßen zu einem Leckerbissen für Horrorfans und AnhängerInnen des Historienromans. Das außergewöhnliche Vampirdrama um Verrat und Liebe lässt die “Untoten” jedenfalls wieder ein bisschen unsterblicher werden und bietet den “Lebenden” ein grandios-umfangreiches Lesevergnügen zum kleinen Preis.

© V. Strohschneider

Die Erben der Nacht - Nosferas

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Prinz Kaspian - Buch zum Film

Sonntag, 29. Juni 2008

ab acht

C. S. Lewis
Prinz Kaspian von Narnia
Ueberreuter 2008.
ISBN 978 3 8000 5416 9

Prinz Kaspian von Narnia Die Chroniken von Narnia 04. Prinz Kaspian von Narnia - Das Buch zum Film

Seit zwei Generationen gehören die Chroniken von Narnia bereits in jedes Bücherregal, da darf auch das zweite Abenteuer von Peter, Susan, Edmund und Lucy nicht fehlen…

Während für die Pevensie-Kinder seit ihrem ersten Aufenthalt in Narnia nur rund ein Jahr vergangen ist, sind in Narnia Jahrhunderte ins Land gezogen. In Narnia steht es seit den goldenen Tagen nicht zum Besten. Die Narnia-Bewohnern kämpfen gegen einen Thronräuber, der für immer Schluss mit sprechenden Tieren, Zwergen, Zentauern und allen anderen mythischen Wesen machen will. Prinz Kaspian, der wahre Thronerbe kämpft an ihrer Seite. Er ruft über das Zauberhorn die vier Kinder, d. h. die ehemaligen Königinnen und Könige, zurück nach Narnia und in eine dramatische Geschichte.

Das fantastische Abenteuer, das von Treue und Heldenmut erzählt, liegt nun in einer Neuübersetzung von Christian Rendel und Wolfgang Hohlbein vor. Fotos aus dem Film bereichern das Buch und reizen auch Lesemuffel zusätzlich zum Schmökern.

© S. Strohschneider-Laue

 Die Chroniken von Narnia 04. Prinz Kaspian von Narnia - Das Buch zum Film

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Chroniken von Narnia Pop-up

Sonntag, 29. Juni 2008

ab acht

C. S. Lewis, Robert Sabuda
Die Chroniken von Narnia. Das Pop-up-Buch
Ueberreuter 2008.
ISBN 978 3 8000 5405 3

narnia Pop-up Die Chroniken von Narnia. Das Pop-up-Buch

Die Chroniken von Narnia gehören bereits seit zwei Generationen in jedes Bücherregal. Das vorliegende Pop-up-Buch sollte unmittelbar daneben stehen. Der Geist der einzelnen Bände wurde von Robert Sabuda kunstvoll in dreidimensionale Papiermodelle umgewandelt. Wie aufwändige Theaterkulissen für die kindliche Fantasie springen Seite für Seite zentrale Motive der Bücher regelrecht aus den Seiten in die Herzen der Betrachter. Beginnend mit Aslan und dem Wunder von Narnia, wandert man verzaubert durch die Kulissen, die immer wieder aufs Neue überaschen und unentdeckte Details erkennen lassen. Glitzernd beflittertes Papier verströmt einen Hauch des ewigen Winters, während die Laterne gelbfunkelnd einen Hauch von Wärme in dieser verzauberten Welt erahnen lässt. Mehr soll nicht verraten werden, denn jede Seite ist es wert immer und immer wieder neu entdeckt zu werden. 

Genial entworfen, gestanzt, geklebt, gefaltet und mit beweglichen Elementen ausgestattet, ist diese Augenweide eine wertvolle Bereicherung für große und kleine Narnia-Fans. Für diese wunderschöne Ausstattung ist der Preis moderat und  das Buch daher jeden Cent wert, den man dafür bezahlt. Eigentlich viel zu schade, um es ins Regal zu räumen oder den Kindern den Spaß ganz alleine zu gönnen. Ich für meinen Teil werde mein Exemplar in Reichweite behalten und ein wachsames Auge darauf haben.

© S. Strohschneider-Laue

Die Chroniken von Narnia. Das Pop-up-Buch

Prinz Kaspian - Film

Montag, 16. Juni 2008

Notiz

Prinz Kaspian von Narnia - Der Film

Prinz Kaspian Fotos Die Chroniken von Narnia 04. Prinz Kaspian - Fotos aus dem Film

Prinz Kaspian Buch zum Fim Die Chroniken von Narnia 04. Prinz Kaspian von Narnia - Das Buch zum Film

Die zweite Narnia Verfilmung “Prinz Kaspian von Narnia” aus den Walt Disney Studios startet am 31. Juli in Österreich. Man darf sich also während des Sommers wieder auf glatt inszeniertes Familien-Kino freuen.

Der Kinderbuchklassiker aus der Narnia-Serie von C. S. Lewis, den auch Erwachsene noch gerne lesen, lieferte die Vorlage. Die vor dem Hintergrund des zweiten Weltkrieges angesiedelte Story der vier Pevensie Geschwister, die vom tristen Londoner Kriegsalltag in die Fantasiewelt Narnia wechseln, wird im Prinz Kaspian von Narnia fortgesetzt. Beim ersten Besuch beenden die vier Kinder gemeinsam mit dem zauberhaften Mischwesen Narnias und dem Löwen Aslan die Herrschaft der bösen weißen Hexe, die das Land mit ewigem Winter überzog. Bei ihrem aktuellen zweiten Besuch ist bereits eine halbe Ewigkeit in Narnia vergangen, während es für die heranwachsenden Kinder nur ein knappes Jahr war. Den mythischen Bewohnern droht jetzt die Ausrottung durch König Miraz. Prinz Kaspian - der rechtmäßige Thronfolger - verbündet sich mit den vom Untergang bedrohten Narnianer gegen den Usurpator Miraz. Die zurückgekehrten Könige und Königinnen von Narnia stehen ihnen bei ihrem kräfteraubenden Widerstand zur Seite.

Eine unglaublich fesselnde Geschichte voll christlicher Moral, die in Bild und Ton umgesetzt zu einer vollendeten Schlachtplatte mutiert. Sauber und blutfrei ist der auf Familien und größere Kinder abzielende Film dennoch, wenn auch keinesfalls gewaltlos. Er ist die jugendgerechtere Variante der Herr der Ringe Thematik. Es wird unaufhörlich für die gute Sache ehrenvoll gekämpft und gestorben, auch wenn das sichtbare - wenn auch diskret ausgeblendete - Töten hauptsächlich den “bösen” Menschen überlassen wird. Man muss den gewalttätigen Tatsachen ins Auge blicken ohne den hohen Unterhaltungswert des Films zu schmälern, in dem es von großen Gesten, heroischen Taten und gefühlvollen Momenten nur so wimmelt. Herzige und knuddelige Figuren, die es im ersten Teil noch gab, wird man allerdings vergeblich suchen, schließlich werden auch die Pevensie Kinder älter und entwickeln dementsprechend andere Interessen.

Superspannend von der ersten bis zur letzten Minute inszeniert und handwerklich in jeder Hinsicht sauber produziert. Kein Wunder standen doch viele große Filmwerke mit ihren innovativsten Szenen und die Besten ihres Fachs Pate. Daher ist das eine oder andere déjà vu verzeihlich, schließlich findet man z. B. den Flussgott Narnias, der die Armee von der Brücke in den Fluss spült und Heerführer verschluckt, genauso beeindruckend wie die Wassermassen die Imhotep in “Die Mumie kehrt zurück” beschwört oder die durch Elfenkraft herbeigerufenen “Wasserpferde” in “Herr der Ringe - Die Gefährten”. Gut gewählte Drehorte in Neuseeland, Tschechische Republik, Polen und Slowenien sowie fantastische Sets geben den passenden Rahmen und Hintergrund für die bewegte Geschichte. Die vertrauten DarstellerInnen, die Kinder aus dem ersten Film, sind inzwischen nicht nur körperlich gewachsen, sondern auch reifer im Spiel geworden. Dennoch werden nicht nur die Hauptcharaktere von Peter Dinklage (Trumpkin) und Warwick Davis (Nikabrik) glatt an die Wand gespielt. Da helfen auch die beeindruckenden Kostüme oder die Bärte im El-Greco-Stil der restlichen Besetzung nicht.

Resumee: Wunderbares Popcorn Kino bei dem “Prinz Kaspian” den ersten Teil übertrifft, und dem man eigentlich nur vorwerfen kann, dass die computeranimierte Schwert schwingende Maus Riepitschiep unmausig ausgefallen ist. Zurücklehnen, ansehen und spätestens nach dem Film endlich die Narnia-Bücher von C. S. Lewis (wieder) lesen.

© S. Strohschneider-Laue

Die Chroniken von Narnia 04. Prinz Kaspian - Fotos aus dem Film
Die Chroniken von Narnia 04. Prinz Kaspian von Narnia - Das Buch zum Film

Türkei hören

Sonntag, 01. Juni 2008

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Martin Greve
Türkei hören
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 79′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 01 0

Türkei hören Türkei hören: Eine musikalisch illustrierte Reise durch die Kulturgeschichte der Türkei

Selbst erfahrene Türkeireisende werden hier in einem geballten Überblick vom mythischen Ursprung bis in die Gegenwart sehr viel bislang Unbeachtetes erfahren. In zwanzig Kapiteln begleitet man das ursprünglich nomadische Volk aus Zentralasien. Der religiöse Schmelztiegel des Islam eint die Kulturen. Die Religion, Politik und Kunst werden untrennbar und die Ausweitung des Reichs aus Zentralanatolien gen Westen unaufhaltbar. 1366 fällt Adrianopel, 1453 schießen die Osmanen ein Loch in die mächtige Stadtmauer von Byzanz. Die letzte Erinnerung an oströmisches Erbe wird damit ausgelöscht. Die Hagia Sophia wird von christlicher Kirche zur Moschee deklariert. In kurzer Zeit wird die Stadt Konstantinopel zur Mega-City mit 400.000 Einwohnern. Erfolgreiche Kriegszüge lassen die Janitscharen, die Infantarie, in Folge zum Schrecken Europas werden. Bereits 1529 stehen sie - allerdings vergeblich - vor den Toren Wiens und 1683 belagern sie die Stadt wieder erfolglos. Das türkische Heer hat für Europa einen Teil seines Schreckens eingebüßt, dafür wird die türkische Kultur zur Mode. Aber auch der Austausch mit den westlichen europäischen Kulturen hat seine Spuren unter anderem in Musiktradition oder den Militärreformen des 19. Jahrhunderts hinterlassen.

Vom frühen Dichter Yunus Emre bis zum Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk der Gegenwart spannt sich der literarische Bogen. Kalligraphie, Buchdruck und Malerei, Musik, Tanz und Islam gehen in der türkischen Kultur eine einzigartige Verbindung ein, die vom großen Vielvölkerstaat geprägt wird. Leichthändig und politsch sensibel, wird die Türkei als vielschichtiger und historisch wechselvoller kultureller Reigen präsentiert. Lebendig, sinnlich und traurig sind die ausgewählten Musikzitate. Sie stehen als harmonischer und dennoch fast gleichwertiger Bestandteil neben der ruhigen Stimme des Sprechers Ercan Durmaz. Mit roten Tulpen und weißen Derwischen auf türkisem Hintergrund hat Roswitha Rösch wieder kluges Gespür für passendes Cover- und Bookletdesign bewiesen.

Man muss die Silberfuchsreisen einfach alle haben. Unglaublich, aber fast besser als eine echte Reise und viel billiger! Ganz abgesehen davon, ist die Türkei Gastland der Frankfurter Buchmesse 2008. Kurzweiliger und stimmiger kann man sich wirklich nicht kulturhistorisch über die Türkei informieren.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

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Frankreich hören

Freitag, 30. Mai 2008

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Barbara Barberon-Zimmermann
Frankreich hören
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9810 7258 7

Frankreich hören Frankreich hören: Eine musikalisch illustrierte Reise durch die französische Kulturgeschichte bis in die Gegenwart

Die neueste Ohrenreise führt nach Frankreich und nimmt ihren Ausgang nach dem Einsetzen der Schriftgeschichte. Gergovia und die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Galliern und Römern machen somit anhand des berühmtesten und französischsten aller Franzosen - Asterix - den Auftakt. Wie bei Asterix ist der Sieg in Erinnerung während die endgültige Okkupation durch der Römer verdrängt wird.

In der gebotenen Fülle ist für die exzellente Audio-CD der knappe Einstieg trotzdem kein Schaden. Die wichtigsten kulturhistorischen Ereignisse folgen in einem attraktiven Reigen. Bestechend ist auch wieder die ausgewogene Mischung aus Musik und Text. Zwanzig geballte Kapitel für über zweitausend Jahre französische Geschichte bieten einen guten Überblick über Krieg und Frieden sowie Kunst und Kultur, die den Nährboden stellen aus denen Staaten entstehen. Von Galliern und Römer, Karl der Große, Troubadoure und durch die Jahrhunderte immer wieder Literatur, Kathedralen, Johanna von Orléans, Bartholomäusnacht, Sonnenkönig, Revolution, Impressionisten und Surrealisten bis zur Kultur der Erinnerung entsteht beim Hören ein eindrucksvolles Porträt vom Werden Frankreichs.

Vielschichtig aufbereitet, mit genialer musikalischer Umrahmung und nicht zu letzt eindringlich von Dietmar Muse gelesen, schafft es die CD neugierig auf Frankreich und mehr zu machen: Vor allem mehr Musik und mehr Literatur. Interessant, was man plötzlich wieder für Bücher aus den Regalen zieht und welche Musik man plötzlich wieder in den CD-Player schiebt.

Es ist zwar schade, dass auf wesenliche Teile der Urgeschichte mit ihren exzeptionellen archäologischen Funden und Orten verzichtet wurde, die trotz mangelnder schriftlicher Zeugnisse dieser frühen Epochen hätten berücksichtigt werden können, aber der geballte 2000jährige “Rest” ist wahrlich genug für eine einzige Audio-CD.

Fest steht, dass man bei dieser Hörbuchserie süchtig wird. Und das geling mit Frankreich hören allemal, zumal auch die optische und haptische Ausstattung von Roswitha Rösch wieder äußerst ansprechend gelungen ist.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

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Metzger sieht rot

Dienstag, 27. Mai 2008

Fiction

Thomas Raab
Der Metzger sieht rot
Leykam 2008, 319 S.
ISBN  978 3701 17619 9

Metzger sieht rot Der Metzger sieht rot: Kriminalroman

Nach dem erfolgreichen Roman “Der Metzger muss nachsitzen” sieht der ruhige Willibald Adrian Metzger in seinem zweiten Auftritt plötzlich rot. Wo die Liebe hinfällt macht sie Menschen zu Schattenspringern. Auch der zurückhaltende Restaurator Metzger springt über seinen Schatten und begleitet Danjela Djurkovic auf “eine dieser Massenveranstaltungen” ins Fußballstadion. Als der Tormann während des Spiels stirbt, glaubt Danjela nicht an einen tragischen Zufall. Ihr Misstrauen wird ihr am nächsten Tag vor dem Stadion zum Verhängnis. Sie wird vom aktiven - und zu neugierigen - Fußballfan zum komatösen Opfer geprügelt. Dies ist genau jener Moment in dem jegliche Gelassenheit von Metzger abfällt. Ee mausert sich wieder zum Ermittler und entdeckt viel mehr und abgründigeres als erwartetet.

Auf staatlichen 319 Seiten geben Humor, Gesellschaftkritik und kriminalsitischer Spürsinn einander die Hand. Wien ist offensichtlich ein guter Nährboden für skurrile (Roman)figuren und herzlich-verzweifeltes Lachen, das im Hals steckenbleibt. Abgesehen davon muss man nicht ausgemachter Krimifan sein, um den “Metzger” zu mögen, denn die vielschichtige und ausgereifte Erzählweise von Thomas Raab ist nicht umsonst 2008 zum Friedrich-Glauser-Preis nominiert worden.

© S. Strohschneider-Laue

Der Metzger sieht rot: Kriminalroman

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