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220 Jahre Moorarchäologie

Donnerstag, 03. November 2011

Non-Fiction

“O, schaurig ist’s übers Moor zu gehn …”
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 79
Philipp von Zabern 2011, 260 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 8053 4361 9

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

175 Jahre Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch ist Anlass die Bedeutung der Moorarchäologie seit 220 Jahren aufzuzeigen. Die Begleitschrift zur Ausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg 2011 widmet sich dem Thema Moorarchäologie.

In acht gut strukturierten Kapiteln mit jeweils beigefügtem Literaturverzeichnis werden archäologische Forschungen rund ums Moor vorgelegt. Die spektakulärsten - aber nicht unbedingt immer aufschlussreichsten - Funde sind Moorleichen, sie  werden in diesem Band ausgespart. Der Faszination Moorleichen ist nämlich ein eigener Band gewidmet worden.

Carsten Ritzau und Lena Strauch setzen sich einleitend mir dem Hochmoor als einmaligen Lebensraum und “nassen Geschichtsbuch” auseinander. Von der Moorentstehung über den Lebensraum bis hin zur Bedeutung von Mooren als einzigartige archäologische Tresore spannt sich der inhaltliche Bogen. Ein komprimierter Überblick über die einzigartige (Fund-)Landschaft.

Mystische Moorlandschaften stehen zusätzlich noch bei Lena Strauch im Mittelpunkt. Zwischen wirtschaftlicher Nutzung und künstlerischer Inspiration bieten Moore eine weite Spanne für Realität und Fantasie.

Frank Both und Mamoun Fansa, die auch für den Band “Faszination Moorleichen” verantwortlich zeichnen, bieten in zwei Kapitel Überblicke über Moorwege und ihre Forschungsgeschichte im Weser-Ems-Kreis. Moore sicher und schnell zu durchqueren, war zu allen Zeiten ein Anliegen. Die dazu angelegten Bohlenwege sind der Forschung schon lange bekannt. Ihre Bauweise und ihr feuchtbodenbedingter exzellenter Erhaltungszustand bieten der Forschung mehr Erkenntnisse als so manch anderer zur Sensation aufgeblasener Einzelfund.

Vier hölzerne Übungsschwerter stellt Philipp Roskoschinski vor. Die durch sie gewonnen Einblicke in die militärische Ausbildung im Babaricum der älteren Römischen Kaiserzeit, spricht für ein regelmäßiges Waffentraining.

Frank Both unterzieht Rad und Wagenentwicklung einer genaueren Betrachtung. Aus Wagenresten, die  quer durch die Urgeschichte bis in das Mittelalter nachgewiesen wurden, sind Rückschlüsse auf Transport und Verkehr möglich. Eine Reihung dieses Beitrags im Anschluss an die Ausführungen über Bohlenwege wäre m. E. thematisch sinnvoller gewesen.

Erhard Cosack stellt Überlegungen zu einem Brotopfer beim Bohlenweg XII (Ip) im Ipweger Moor an. Vom am Schreibtisch interpretiertem Brotopfer bis zum im Experiment verwendeten Achsfett”brot” reichen die interessanten Ausführungen.

Zuletzt wird noch das “Erfolgsmodell Einbaum” von Christina Wawrzinek näher beleuchtet. Denn auch diese sind aus Feuchtgebieten des Oldenburgerraumes bekannt und werden hier katalogsystematisch vorgestellt.

Der Band bietet einen guten Überblick über die Feuchtbodenfunde und den Forschungsstand in Nordwestdeutschland. Deutlich wird dabei, wie wesentlich organische Reste zum Klären offener chronologischer, wirtschaftlicher und ganz allgemein lebenspraktischer Fragen beitragen. Spannend aufbereitet und somit für Fach- und Laienpublikum gleichermaßen wertvoll.

© S. Strohschneider-Laue

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie

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Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

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Faszination Moorleichen

Donnerstag, 03. November 2011

Non-Fiction

Frank Both und Mamoun Fansa
Faszination Moorleichen
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseum Natur und Mensch 80.
Philipp von Zabern 2011, 119 S, zahlr. Sw- und Farbfotografien.
ISBN 978 3 8053 4360 2

Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie

Im Rahmen der Ausstellung 220 Jahre Moorarchäologie im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg sind zwei Begleitschriften erschienen. Vorliegende stellt die Moorleichen aus dem Weser-Ems-Raum in den Mittelpunkt.

Moorleichen sind ein steter Quell überraschender Erkenntnisse, die weit über das Erscheinungsbild des Menschen zwischen Eisenzeit und Mittelalter hinausgehen. Zugleich werfen sie leider oft mehr Fragen auf, als sie Antworten liefern. Was auch daran liegt, dass sie zumeist Zufallsfunde ohne ideale wissenschaftliche Bergungsbedingungen sind. Für die Ausstellung konnten jedenfalls neue Untersuchungen vorgenommen werden, deren Ergebnisse in diesem Band - inklusive einer Überschau aller bisherigen Funde - vorgelegt werden.

Komplette Moorleichen, ein Zopf, ein Hautstück sowie ein Knochen in einem Schuh bieten ganz unterschiedliche Aspekte zum Tod der einzelnen Individuen. Auch die Beifunde, der Beitrag von Julia Gräf widmet sich minutiös dem Fellumhang der Kayhauser Moorleiche, lassen nicht automatisch durch ihre exzellente Erhaltung einen allgemeingültigen “modischen” Rückschluss auf den gesamten Zeithorizont zu. Fundumstände, Erhaltungsbedingungen und Interpretationen, die sich im Laufe der Zeit - nicht nur aufgrund labortechnischer Möglichkeiten - verändern, zeigen, wie schwierig es ist, mit diesen spektakulären Funden zu verfahren. Andererseits ist der im Moor beerdigte 1828 verstorbene Hausierer Jan Spieker für die Archäologie ein wunderbares Beispiel dafür, wie Erhaltungs- und Verfallsprozesse im Moor in einem exakt überschaubaren Zeitrahmen ablaufen. Dennoch sorgen von der Analyse über Interpretation bis hin zur Präsentation im musealen Rahmen Leichen(teile) aus Mooren immer wieder für neuen Diskussionsstoff.

Der Verdienst des Bandes ist es, die historischen Fakten von Fund und Befund inklusive reichen Bildmaterials, durch ein Literaturverzeichnis abgerundet, vorzulegen und diese durch aktuelle Untersuchungen zu ergänzen. Der wichtige Beitrag zur Moorarchäologie ist zugleich auch breitenwirksam vorgelegt und kann daher dem interessierten Laienkreis ebenfalls empfohlen werden.

© S. Strohschneider-Laue

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Wikinger Kochbuch

Montag, 27. Juni 2011

Non-Fiction

Saeta Godetide, Carolin Küllmer 
Wikinger Kochbuch 
J. Neumann-Neudamm, FEL!X 2011, 161 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 7995 0859 9

Wikinger Kochbuch Das Wikinger-Kochbuch

Aus wenigen Epochen liegen Küchenrezepte vor, auf die man bei seinen Recherchen aufbauen kann. Kochbücher, wie das des römischen Starkochs Apicius, haben quer durch die Geschichte Seltenheitswert. Hinter historischen Kochbüchern steckt daher sehr viel Arbeit. Es gilt in Originalquellen zu recherchieren, Funde und Befunde von Ausgrabungen zu analysieren und mit viel Sachkenntnis rund um die zeitgenössische Flora und Fauna sowie mit Geduld zu experimentiert. Nicht zuletzt gilt es persönliche Opfer zu bringen, wenn es um das Verkosten der Erstversuche geht. Dass sich alle diese Mühen lohnen, zeigt das vorliegende Buch.

Dass die beiden Autorinnen nicht im luftleeren Raum ihren Brei rührten, belegen die Einführungskapitel. Zuerst werden Zeitrahmen, Umfeld und Bewohner vorgestellt; denn über die Wikinger kursieren zwar unausrottbare Gerüchte, aber um so weniger bekannte Gerichte. Göttermythen, Ausgrabungsfakten und vor allem eine riesige Portion Reenactment-Erfahrung liefern eine nachvollziehbare Basis, die es auch ermöglicht, selbst eine Lagerküche auszustatten.

Der übersichtlich gestaltete Rezeptteil folgt der heutigen Tradition, das Essen mit der Suppe beginnen zu lassen und es nach der Hauptspeise mit dem Dessert zu beenden. 50 Rezepte mit Angaben wie viele (oft sehr viele!) Personen man damit verköstigen kann und wie viel Aufwand es bedeutet, diese Speisen über einem offenen Feuer zu kochen, lesen sich wie ein appetitlicher Erfahrungsbericht. Lebenspraktisch und nachvollziehbar sind die Beschreibungen, die selbstverständlich auch in einer modernen Küche zubereitet werden können. Zahlreiche Fotos begleiten die Rezepte, sodass an einem appetitlichen Ergebnis kein Zweifel aufkommen kann.

Wildkräuter- und Brotsuppe, Sauerteigbrot mit Kräuterquark, Gemüsespieße, Dinkelsalat oder vegetarische Buletten erfreuen auch Vegetarier. Fleisch in Unmengen kam nämlich auch bei den Wikingern nicht auf den Tisch. Aber Fisch ist ja auch nicht zu verachten. Allein die Heilbuttsuppe und die Fischbällchen sind es wert, das Fleisch stehen zu lassen. Andererseits mag auch ein Fleischtopf mit Rotkohl, ein Methuhn oder Hammel  mit Kohl viele Anhänger gewinnen. Hirsebrei, Eierkuchen und Holundersuppe mit Grießklößchen ist hingegen der Traum für alle Leckermäulchen. Andere Spezialitäten polarisieren wahrscheinlich. Gesengter Lammkopf und der berüchtigte fermentierte Hai sind eher etwas für unverdrossene und mutige Esser.

Nützliche Tipps abseits der Rezepte schließen sich zuletzt an. Wann man am besten zu Wildfrüchten und Kräutern kommt, verrät der Sammelkalender und Saetas Einkaufsliste sollte man wie eine Gabe der guten Küchenfee beherzigen. Literaturliste und Internetverweise beschließen das ebenso lebensfroh wie reich bebilderte Wikingerkochbuch inhaltlich.

© S. Strohschneider-Laue

Das Wikinger-Kochbuch


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Mittelalter: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Freitag, 07. Mai 2010

Andreas Fingrnagel (Hg.) 
Juden, Christen und Muslime 
Interkultureller Dialog in alten Schriften 

Kremayr & Scheriau 2010, 256 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2180 0809 9 

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der interkulturelle Dialog sollte sich ein Beispiel an dieser Publikation nehmen: strukturiert, sachlich, verständlich und weltoffen. Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek bietet einen erfrischend modernen Rahmen für die Jahrhunderte gekommenen Kostbarkeiten.

Vier große Schriftkulturen - griechisch, lateinisch, arabisch und hebräisch - dominierten das mittelalterliche Europa. Der wissenschaftliche Austausch basierte daher einst wie heute auf Fremdsprachenkenntnisse und Übersetzungen. Dazu kommt, dass Wissenschafter bis heute geniale Überleser des politischen und religiösen Kotau sind. Jene Unterwerfung, die bis heute in Geleit- und Vorworten oder politisch korrekten Formulierungen seinen Ausdruck findet. Damit war der Mindesttribut an die staatliche und kirchliche Förderung und Anerkennung abgeleistet. Übersetzungen sparen ggf. solche Formulierungen aus oder passen sie an den entsprechenden kulturellen Kontext an. Wissenschafter legen eben mehr Wert auf den Inhalt.

Die gleiche wissenschaftliche Sorgfalt zeichnen Struktur und Inhalt der Beiträge diese Katalogs aus. Andreas Fingernagel, Ernst Gamillscheg, Christian Gastgeber, Solveigh Rumpf-Dorner und Friedrich Simader nehmen sich den Grundlagen sowie des interkulturellen Dialogs in Medizin, Astronomie und Astrologie an.

Grundlagen für das Verständnis der schriftlichen Kommunikation bietet das lapidar bezeichnete Kapitel “Einleitung”, das wesentlich mehr bietet als man es bei thematischen Einleitung gewohnt ist. Hier werden die griechischen, arabischen, hebräischen und abendländischen Handschriften nicht nur hinsichtlich der jeweiligen Sprache, sondern auch in Bezug auf die Produktionstechniken minutiösen und überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. Rolle oder Codex, Papyrus oder Pergament, Majuskel oder Minuskel waren die Entscheidungen, die sich kaum vom heutigen Herstellungsprozess unterscheiden. Die Alternativen ob und wie illustriert wird oder nicht, waren stets mehr als nur die Entscheidungen über schön und praktisch. Zuletzt musste noch über einen passenden mehr oder minder schönen aber jedenfalls strapazfähigen Einband entschieden werden. Das gesamte Layout der Produkte spiegelt durch diese Entscheidungen den jeweiligen kulturellen Kontext sowie die Ansprüche des Zielpublikums wider. Viel verändert hat sich an diesen Faktoren wenig. Seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern sind Schriften zu Massenmedien geworden, die den Zauber individuell gestaltete Werke im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr eingebüßt haben. Trotzdem muss und soll an dieser Stelle - auch weil es viel zu selten erwähnt wird - eine Lanze für den modernen Herstellungsprozess gebrochen werden. Ein ansprechendes Layout ist fast ebenso wichtig wie ein exzellenter Inhalt. Gestaltung ist deshalb nur “fast” so wichtig, weil die Zielgruppe “Wissenschaftler” weniger  design- und qualitätskritisch und ggf. weniger am unwissenschaftlichen Puls der Zeit interessiert ist. Erfreulich - aber auch logisch -, dass in der Nationalbibliothek hohe Produktqualität nicht nur den Inhalt betrifft. Das perfekte grafische Konzept von “Juden Christen und Muslime” ist Ekke Wolf zu verdanken, der auch Geografische Kostbarkeiten gestaltete. Die an sich schon übersichtliche Textstruktur wird durch das stimmige Layout hervorragend unterstützt. In Kombination mit den ausgezeichneten Abbildungen in hochwertiger Qualität ist es ein bibliophiler Genuss auch unabhängig vom Inhalt in dem Band zu blättern. Bücher sind schließlich mehr als abrufbarer Content.

Den Auftakt des zweiteiligen Wissenschafts- und Publikationsvergleichs macht die Medizin. Medizin im Mittelalter ist ohne Hippokrates und Galen undenkbar. Die Bestseller unter den medizinischen Schriften wurden in alle Sprachen übersetzt und von dort weiter- und wieder rückübersetzt. Von den Veränderungen und Erweiterungen aber auch Übersetzungsverlusten die diesen Prozess begleiteten ganz zu schweigen. Frei nach dem Motto: “Wer nur einen Autor abschreibt ist ein Plagiator, wer viele zitiert ist Wissenschafter”, entstanden zahlreiche aufeinander aufbauende oder spezialisierte medizinische Werke, die sich auch mit Themen wie Schlangenbissen oder chirurgischen Instrumenten befassten. Von den antiken Originalquellen sind nur wenige erhalten. Der spätantike “Wiener Dioskurides” (vor 512), ein pharmakologischer-zoologischer Sammelband, ist so ein faszinierendes Beispiel. Er war Vorlage für zahlreiche ähnlich angelegte Herbarien.

Der Vergleich der Schriften vor dem historischen Hintergrund lässt einen regen wissenschaftlichen Informationsaustausch erkennen, der umso deutlicher bei der Astronomie in Erscheinung tritt. Die wissenschaftliche Entwicklung vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild zeigt wie wichtig für erfolgreiche Foschung internationale Kooperationen sind. Kooperationen, die am Übergang zur Neuzeit die Leistungen von Kopernikus und Keppler erst möglich gemacht haben. Obwohl daran deutlich zu erkennen ist, wie schwierig das wissenschaftliche Streben nach Erkenntnis mit religiöse Positionen - und somit staatspolitischen Interessen - zu vereinbaren ist. Wer weiß wie das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Astronomie und Religion ausgegangen wäre, wenn nicht die Berechnungen des Osterfestes, Gebetszeiten- und -richtungen sowie Fastenzeiten wichtig gewesen wären. Erstaunliche Werke entstanden daher zu Astronomie und Astrologie. Manche davon waren neben ihren exakten Berechnungstabellen zusätzlich kleine technische Wunderwerke, die didaktische Modelle für Astrolabien mit beweglichen Teilen boten.

Ganz unabhängig vom Ausstellungsbesuch ist dieser Katalog eine Pflichtlektüre. Die leicht fassbaren Texte und exzellenten Abbildungen sind mehr als ein historischer Überblick zu wissenschaftlichen Publikationen des Mittelalters. Sie sind ein Plädoyer für den interkulturellen Dialog, der keinesfalls durch Vorurteile, Intoleranz und vor allem durch Gewinnsucht religiöser und politischer Demagogen, die die Dummheit ungebildeter Massen für ihre Zwecke nutzen, ausgebremst werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Aktuelle Ausstellungskataloge 
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Juden, Christen und Muslime

Donnerstag, 06. Mai 2010

Juden, Christen und Muslime
Interkultureller Dialog in alten Schriften

ÖNB Prunksaal
7. Mai bis 7. November ‘10

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der Titel wird der fantastischen Ausstellung thematisch nicht gerecht. Geht es doch um Naturwissenschaft, die inhaltlich Menschen eint, welche politisch-religiös geschürtes Kalkül deutlich zu trennen sucht.

Das Streben nach Erkenntnis und das Suchen nach Antworten ist das Kennzeichen des Wissenschaft. Dazu wird auf bestehende Grundlagen aufgebaut, werden diese ergänzt oder verworfen. Heute publiziert die Naturwissenschaft überwiegend auf Englisch. In der Antike waren Latein oder Griechisch, später auch Arabisch oder Hebräisch die Sprachen, die die Welt der Wissenschaft regierten. Vor dem maschinellen Druck, der große Auflagen ermöglichte, wurde handschriftlich - oft kunstvoll illustriert - vervielfältigt. Wichtige Schriften wurden von einer Sprache in die nächste, vielleicht sogar in weitere übersetzt. Wenn das Original verloren ging, blieben nur die mehrfach übersetzten, vermutlich gekürzten, ergänzten und jeden Fall veränderten Kopie erhalten. Den Orignalwortlaut in diesem Babel aus Abschriften und Mehrfachübersetzungen zu finden, war bereits damals und ist erst recht heute eine gigantische Herausforderung. Der Reibungsverlust in der Wissensvermittlung entstand aber nicht durch die Sprachvielfalt, sondern durch den immer neu belasteten interkulturellen Dialog, der durch Vorurteile, religiöse Dogmen und politische Differenzen ausgebremst wurde oder zeitweilig völlig zum Erliegen kam.

Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich mit jeder neuen Ausstellungen der Herausforderung die Finger auf die wunden Punkte des interkulturellen Dialogs zu legen. Bei dieser ist es dem Team um Dr. Andreas Fingernagel, Direktor der Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek, besonders gut gelungen diesen Aspekt deutlich werden zu lassen.

Die Herstellung von Schriften und Büchern in griechisch-byzantinisch, lateinisch, arabischen und jüdischen Schriftkulturen, die die Spätantike und das europäische Mittelalter dominieren, sowie die damit verbundenen Traditionen führen in die Ausstellung ein. Zwei Bereiche der Naturwissenschaften greift die Ausstellung anschließend vertiefend auf: Medizin und Pharmakologie auf der einen Seite, auf der anderen Seite Astronomie und Astrologie.

  

Erstaunliche Kostbarkeiten werden dazu für kurze Zeit präsentiert. Darunter auch astronomische Handbücher mit beweglichen Teilen, die als exakte Messgeräte zur Himmelbeobachtung oder zur Erstellung von Horoskopen dienten. Oder solche wie das Losbuch, die mit ihrer Himmelsdarstellung stark an die bronzezeitlichen Fund der Himmelsscheibe von Nebra erinnern. Astronomische Beobachtungen und ihre Resultate sind über zahlreiche Kulturen, weite Räume und lange Zeiten vermittelt und zusammengetragen worden. So gesehen könnte, das Universum als das ewig verbindende Element der Völker und Kulturen bezeichnet werden.

Die empfindlichen Schriften werden nach Ablauf der Ausstellung aus konservatorischen Gründen wieder dunkel und gut klimatisiert aufbewahrt werden müssen, um auch für künftige Generationen erhalten zu bleiben.

 

Besonders empfindlich und einzigartig ist der “Wiener Dioskurides” (vor 512), der zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählt. Das älteste erhaltene wissenschaftliche Werk der Spätantike mit Darstellungen von Ärzten, Tieren und Pflanzen wird nur bis zum 16. Mai im Original zu sehen sein; anschließend wird statt des Originals ein Faksimile zu sehen sein. Die von diesem Buch inspirierten Schriften wie z. B. Herbarien belegen den langfristigen Einfluss, den Grundlagenwerke wie dieses gehabt haben.

 

Beispielgebend für interkulturellen Dialog, für kulturelle Anpassung unwandelbarer Inhalte ist der “Eid des Hippokrates”. In der Ausstellung werden die “Medizinischen Schriften” des Hippokrates in einer der ältesten griechischen - und somit originalsprachigen - Ausgaben gezeigt. Das Standardwerk der Medizin war auch für den Arzt des Mittelalters noch maßgeblich.

   

Kranken zu helfen, wie es die Klöster von der fürsorgenden Seite betrieben, und Krankheiten zu prophylaktischen Zwecken erforschen, sind unterschiedliche medizinische Ansätze, die in den Schriften deutlich werden.

 

Der Bogen spannt sich von Anleitungen zu gesunder Lebensführungen, über Therapien im Erkrankungsfall bis hin zur Verarbeitung von Früchten und Gewinnung von Arzneimitteln.

  

Detailreiche Illustrationen zur Behandlung sowie den benötigten chirurgischen Instrumenten zeichnen die Lehrbücher aus - obwohl etliche dazu beitragen, dass man für den heutigen Forschungsstand dankbar ist, sollte man ärztliche Hilfe benötigen.

Fazit: Der Prunksaal ist immer einen Besuch wert. es erstaunt immer wieder wie es den Abteulungen der Nationalbibliothek gelingt diesen ausstellungstechnisch völlig ungeeigneten so gelungen zu bespielen. Die Der großartige erzählerische Bogen und die stimmige Auswahl der in jeder Hinsicht eindrucksvollen Werke sind mehr als nur einen Besuch wert. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte sind eingängig und machen Lust auf mehr. Das “Mehr” bietet der zugehörige Katalog, der m. E. auch in jeder Schulbibliothek vertreten sein sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

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Magie & Magier

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Non-Fiction

Noel Daniel (Hg.)
Mike Caveney, Rick Jay, Jim Steinmeyer 

Magic Book 1400s-1500s
Taschen 2009, En./Fr./Dt., Riesenformat, 670 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8365 0977 0

 Magic Book: 1400s - 1950s

Immer wenn man glaubt, größer, bunter und prächtiger geht es nicht mehr, übertrifft Taschen seine eigenen Produkte. Die Geschichte des magischen Showbiz ab dem 15. Jahrhundert ist ein dreisprachiger Riesenwälzer in fantastisch-magischen Bildern und spannenden Texten.

Lassen Sie sich verzaubern, verblüffen und überraschen. Die größten Illusionisten, Magier, Zauberer und Taschenspieler geben hier eine Vorstellung im Bühnenformat. Über 500 Jahre hinweg wird in über 1000 plakatgroßen Bildern von einer ganz eigenen Kunst Zeugnis abgelegt. Von den Jahrmärkten zu den Unterhaltungspartys der Reichen bis zu den Varieté- und Showbühnen haben Zauberer und Illusionisten ihre (un)durchschaubaren Tricks vorgeführt. Schwebende Jungfrauen sind genauso dabei, wie mit Zähnen aufgefangene Pistolenkugeln, unechte Chinesen, Entfessler, Schwertstecher, Sägefreudige, Feuermeister und Goldmacher. Vom Schamanen zum Showman war es nur ein kleiner Schritt, wie die einzelnen Kapitel belegen.

Und immer wieder drehte es sich um Leben und Tod, Teufelswerk, Geister und anderem übernatürlichen Spuk. Hinter allem standen Menschen mit Gespür für den richtigen Moment und ihr Publikum. Einige der Künstler sind sprichwörtlich wie Houdini geworden, der einzige, der sogar dem Tod entkommen könnte und ausgerechnet an Halloween gestorben ist. In Vergessenheit geraten, sind dagegen die vielen namenlosen Assistentinnen und auch die wenigen weiblichen Illusionistinnen. Madame Girardelli, Adlaide Hermann, Mercedes Talma, Marian Chavez, Suzy Wandas, Evelyn Maxwell oder Margo begeisterten zu ihrer Zeit aber genauso wie ihre männlichen, noch dazu deutlich unattraktiveren Kollegen. Weiblicher Aufputz, der sich freiwillig zersägen ließ oder über die Bühne schwebte, wurde mehr und mehr eingesetzt, denn nicht jeder Magier konnte sich selbst nackt wie Houdini exhibitionieren. Der schmächtige Körper des Holländers Theodore Bamberg hatte erst in chinesischen Outfit unter dem Namen Okito etwas zu bieten. Das verbindende Element aller Magier, Taschenspieler und Illusionisten ist, dass sie eine einsame Kunst, deren Geheimnisse das Kapital stellen, ausüben. Dazu gehört bis heute eine beeindruckende Persönlichkeit und gute Werbung - am besten mit roten faustischen Teufelchen, die hart an der Niedlichkeit vorbeischrammen.

Und seien wir doch ganz ehrlich: Wissen ist Macht und macht zugleich vieles furchtbar langweilig. Wenn man nicht weiß, wo der Spiegel und der Projektor steht, warum es raucht, wieso das Kügelchen verschwunden bleibt und weshalb die zersägte Frau sich putzmunter verbeugen kann, ist das Leben zumindest für eine kurze Zeit wesentlich bunter und überraschender.

Ein genial von Noel Daniel editiertes Buch zu dem Mike Caveney, Rick Jay, und Jim Steinmeyer exzellent recherchierte und aufbereitete Texte beigetragen haben. Die schönste Pflichtlektüre für Illusionisten -Laien und Profis gleichermaßen -, Designer, Werbeleute, Historiker und andere ewig Verzauberte.

© S. Strohschneider-Laue

Magic Book: 1400s - 1950s

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Mamerot - Chronik der Kreuzzüge

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Non-Fiction

Thierry Delcourt, Danielle Quéruel, Fabrice Masanès 
Sébastien Mamerot - Chronik der Kreuzzüge
Von Karl dem Großen bis Sultan Bajsit
Taschen 2009, 2 Bände, 224 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 218 00795 5

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

Das wunderbar illuminierte Manuskript “Les Passages d’Outremer” aus dem 15. Jahrhundert befindet sich in der französischen Nationalbibliothek in Paris. Text und Bilder erzählen die Geschichte der Kreuzzüge ab Karl dem Großen bis zum Aufstand in Genua (1462). Das unbezahlbare Original in Händen zu halten, ist nur Wenigen vergönnt. Um so schöner ist es, dass Taschen ein hochwertiges Faksimile in herausragender Detailtreue und mit Goldhöhung vorgelegt hat. Begleitet wird dieses Werk von einem umfassenden Kommentarband, der eine vollständige Übersetzung enthält. Prachtband und Kommentarband werden gemeinsam durch einen königsblauen Schuber mit goldenen Lilien geschützt. Zieht man die beiden Bände heraus, hält man zwei gewichtige rot gebundene Bücher in Händen, deren aufwändige Ausstattung jedem Bibliophilen das Herz höher schlagen lassen.

Mit der Entstehung des Originals sind vor allem drei Namen verbunden: Sébastien Mamerot (um 1430-1490), der Autor,  Jean Colombe (um 1430-1493), der Illustrator, und Louis de Laval (1411-1489), der Auftraggeber. Jean Colombe ist für seine unsterblich schöne Buchmalerei der ”Très Riches Heures” des Duc de Berry berühmt und nicht minder fantastisch sind die Illustrationen, die er für “Les Passages d’Outremer” schuf.

Die Kreuzzüge verursachten tiefgreifende politische und soziale Veränderungen. Die vordergründig religiös motivierten Kreuzzüge, hatten wie alle Kriege wirtschaftliche und strategische Hintergründe. “Jenseits des Meeres” (Outremer) vollzogen sich daher auch für die teilnehmenden Adeligen zahlreiche gesellschaftliche Ereignisse, die ihre Wirkung bis in die jeweilige Heimat entfalteten. Eines dieser tiefgreifenden Ereignisse ist wohl den meisten Menschen bekannt: Der berühmte Streit zwischen Richard Löwenherz und Leopold von Österreich vor Akkon im Jahr 1191. Der Zwist mündete schließlich in der Gefangenschaft Richard Löwenherz bei seiner Rückreise 1192 durch Österreich. Das hohe Lösegeld, das seine Untertanen für ihn aufbringen mussten, ermöglichte schließlich den Ausbau der Stadtbefestigung von Wien. Die Beschreibung der gegenseitigen Provokationen vor Akkon, das undiplomatische Verhalten kann man sowohl dem Faksimile als auch der Übersetzung im Kommentarband entnehmen. Die lebendige Schilderung lässt die Mächtigen der damaligen Welt durchaus als postpubertäre, machtgeile Männer erscheinen, die in ihrer Überheblichkeit jegliche, damals üblichen Umgangsformen weit hinter sich ließen. Das erfreut nicht nur Historiker, sondern verschafft noch immer - nach rund 550 Jahren - ein überraschendes Lesevergnügen.

Thierry Delcourt steuert im Kommentarband das umfassende Essay “Die Passages d’Outremer, ein Meisterwerk der französischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts” bei. Gemeinsam mit Danielle Quérel verfasste er zu dem “Editorische Anmerkungen”. Die Übersetzung des Originals besorgten Eva Dewes, Hubertus von Gemmingen und Regine Schmidt. Die Bildkommentare und die Zusammenfassung übernahm Fabrice Masanès. Abgerundet wird der Kommentarband von einer umfassen Bibliografie.

Ein herrliche Anschaffung, die ihren Wert behält!

Mamerot - eine Chronik der Kreuzzüge

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Archäologie: Europäische Straßen

Mittwoch, 16. September 2009

Non-Fiction

Thomas Szabó (Hg.)
Die Welt der europäischen Straßen
Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit
Boehlau 2009, Dt., Eng., Fr., Ital., Span., 378 S., sw. Abb.
ISBN 978 3 4122 0336 8

 Die Welt der europäischen Straßen: Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit

Eine urgeschichtliche, antike oder mittelalterliche Straße ist mehr als eine interessante und oft schwer nachweisbare Baustruktur. Wege und Straßen stellten - oft über weite Strecken - vielfältige Verbindungen her. Dabei darf nicht vergessen werden, dass großräumige Straßennetze bis in die Gegenwart hinein nur vordergründig zum Transport von Handelsgütern und dem Personenverkehr dienen. Straßen ermöglichten in Zeiten vor der Entdeckung moderner Kommunikationsmittel wie der Telegraphie raschen Austausch von Informationen und Befehlen sowie dem Militär effiziente Truppenverschiebungen. Genau aus diesen Gründen war - und wird - die staatliche Finanzierung von Hauptverbindungen gewährleistet, während das Nebenstraßensystem mehr oder minder ein Anrainerproblem blieb. Nicht überschätzt werden darf der Personenverkehr, der selbst in Knotenpunkte wie der Großstadt Byzanz, in der Fernhandelswege und Heerstraßen eine Rolle spielten, gering war. Ein bedeutender Faktor ist der mit guten Straßen einhergehende wirtschaftliche und kulturelle Austausch, wobei der “Ideentransport”, der ebenfalls von den Straßen profitierte, am schwersten wissenschaftlich fassbar ist. 

Die Beiträge belegen ab den frühen Bohlenwegen aus der Mitte des 4. Jahrtausends, dass bestehende naturräumliche Gegebenheiten im Zusammenspiel mit historischen, politischen, religiösen und wirtschaftlichen Faktoren den Aufbau eines Straßennetzes in vieler Hinsicht zugleich förderlich wie abträglich sein konnten. Das baulich und rechtlich systematisierte antike Straßensystem, das sich seinerseits an bestehenden Wegenetzen orientierte, ist auf Grund der schriftlichen und archäologischen Quellenlage oft besser fassbar als Straßenstrukturen früherer oder sogar nachfolgender Epochen. Es bildet zudem vielerorts die Basis nachfolgender Straßen. 

Straßenforschung ist ohne interdisziplinäre Kooperationen nicht denkbar. Die Sichtung von Schriftquellen sowie die Gewinnung und die Aufarbeitung archäologischer Funde und Befunde sind erforderlich, um solide wissenschaftliche Ergebnisse zu erzielen. Sicher ist, Altstraßen beeinflussten historische Entwicklungen maßgeblich und die Gegenwart wäre ohne sie undenkbar.

Der Sammelband des gleichnamigen Kolloquiums in Göttingen (2006) bietet trotz seiner sprachlichen Hürden einen exzellenten Überblick zur Forschungsgeschichte und zum aktuellen Stand der Straßenforschung. Die Abhandlungen von 19 WissenschafterInnen beziehen Stellung zu “Antike”, “Das europäische Mittelalter”, “Die Zeugnisse der Archäologie”, “Die Straßen in der mittelalterlichen Literatur und Kunst”, “Von der Kartographie zu den Poststraßen” und “Das Straßenwesen in der Neuzeit”. Eine wesentliche Schwachstelle des fünfsprachigen Bandes zeigt sich in fehlenden mehrsprachigen Zusammenfassungen der Artikel. Es wäre Pflicht der Wissenschaftsredaktion gewesen für Resümees in Deutsch und Englisch Sorge zu tragen. Das gute zusammenfassende Nachwort zu “Ergebnissen und Problemen” von Thomas Szabó entschädigt für das Fehlen jedenfalls nicht. 

© S. Strohschneider-Laue

Die Welt der europäischen Straßen: Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit

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Karl der Kühne

Montag, 14. September 2009

Notiz

Karl der Kühne
Kunsthistorisches Museum
15. September ‘09 bis 20. Januar ‘10

Karl der Kühne (1433-1477), der letzte Herzog von Burgund, war einer der reichsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit. Die kurze Lebensspanne Karl des Kühnen ist geprägt von prunkvoller Hofhaltung und zahlreichen Kriegszügen. Verwandtschaftliche Bindungen und wirtschaftliche Macht festigten zunächst seine politische Position. Zuletzt teilte es das Schicksal vieler seiner Soldaten. 44jährig fiel er am Schlachtfeld. Nackt und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, konnte er nur mit Mühe identifiziert werden. Die Ehe seiner einzigen Tochter Maria mit Maximilian I. wurde im selben Jahr geschlossen. Sie ermöglichte den Habsburgern durch das burgundische Erbe den Aufstieg zur Weltmacht.

Wer war Karl der Kühne? Dieser Frage geht die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum anhand exquisiter Objekte auf den Grund. Die bereits in Bern und Brügge gezeigte Ausstellung wird bis Januar 2010 in Wien - um zusätzliche Objekte aus österreichischen Sammlungsbeständen erweitert - präsentiert. Inhaltlich werden in acht Räumen Familienbande, Kunst und Frömmigkeit, Diplomatie und Kriege, Tod und Erbe, Orden vom Goldenen Vlies, Prachtentfaltung, Haus Habsburg sowie Burgundisches Erbe in der Wiener Schatzkammer dem Publikum näher gebracht.

 

Unter vielen anderen Beispielen höfischem Auftretens ist die Ledertasche aus den Beständen der Hofjagd- und Rüstkammer zu sehen. Die Tragweise am Gürtel eines Mannes ist auf dem Cäsarenteppich (Historisches Museum Bern) dargestellt. Und schön ist es, dass dieser Vergleich den BesucherInnen leicht gemacht wird, da der Teppich direkt hinter der Vitrine hängt. Neben all den Kunstschätzen sind gerade diese Tapisserien, die Gewänder und Stoffe echte Highlights, da es nur wenige erhaltene weltliche Gewänder gibt. Die Darstellung höfischer Bekleidung auf dem Cäsarenteppich sowie die ausgestellten Stoffe und Tapisserien belegen einen unglaublichen Prunk bis ins letzte Detail.

 

Der letzte Herzog von Burgund hat dieser Pracht in allen Belangen gefrönt. Seine beeindruckenden Auftritte bei öffentlichen Anlässen, die auch das Gefolge einschloss, ist mehrfach beschrieben worden. Die in der Ausstellung gezeigten Rechnungen von Ausstattern belegen sein Prestigebedürfnis sowie seine Ausgaben dafür in zierlicher Schrift und großen Zahlen. Wie es mit seiner Zahlungsmoral bestellt war, wird allerdings verschwiegen. Immerhin ist für Maximilian I. belegt, dass er zu Verpfändungen gezwungen war, aber auch bestrebt war “Versilbertes” wieder auszulösen.

Die Ausstellung ist sichtlich bemüht die konservativen Ausstellungsgepflogenheiten des Hauses aufzubrechen. Raum- und Objekttexte bieten ausreichende Basisinformationen. Videozuspielungen ermöglichen zusätzliche inhaltliche Vertiefung. Querbezüge zwischen Objekten und Bildquellen regen die Schau- und Entdeckerlust des Publikums an. 
Dem gewichtigen Gesamtkatalog “Karl der Kühne” für die drei Ausstellungsorte wird zusätzlich die Begleitpublikation “Schätze burgundischer Hofkunst in Wien” zur Seite gestellt. Sogar an ein Kinderheft wurde gedacht, dem allerdings eine sprachliche Überarbeitung - auch hinsichtlich der Sinnzusammenhänge - gut getan hätte. Auch scheinen zwei Euro im Vergleich strapazfähigen, farbigen Kinderkatalogen (z. B. aktuell in Braunschweig zum Kaiserjahr 2009: Otto IV.- vom Pagen zum Kaiser: Ein Kurzführer für Kinder ab 9 Jahren zur Ausstellung Otto IV. Traum vom welfischen Kaisertum) in Kunstdruckqualität um den selben Preis doch ein wenig überzogen. Zumindest ist es löblich, dass - im Gegensatz zu anderen österreichischen Museen und Großausstellungen - überhaupt an eine Kinderbroschüre gedacht wurde.
Zuletzt noch ein Hinweis auf das attraktive Begleitprogramm, das den Informationsgehalt der Ausstellung mit interessanten Themen bereichert.

Fazit: Unbedingt ansehen!

© S. Strohschneider-Laue

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Kleidung und Mode im Mittelalter

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Modisches Mittelalter

Donnerstag, 06. August 2009

Non-Fiction

Margaret Scott 
Kleidung und Mode im Mittelalter
Theiss 2009, 160 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8062 2199 2

Kleidung und Mode im Mittelalter  Kleidung und Mode im Mittelalter

Kritik am Aussehen experimentierfreudiger, junger Menschen und Hetzreden gegen Frauen mit Chic sind nicht neu. Im Mittelalter stießen unter anderem die Kürze der Gewänder, die Tiefe der Ausschnitte, die Kostbarkeit der Stoffe, die übertrieben langen Spitzen der Schuhe und die für ein gepflegtes Aussehen aufgewendete Zeit, auf Missbilligung. Männerhaar erregte seit dem Ende des 11. Jahrhunderts periodisch immer wieder die Gemüter.

Kaum wurde Neues ausprobiert und damit Standes- oder Geschlechtergrenzen in Frage gestellt, hagelte es von Kirche und Obrigkeit auch schon Tadel oder gar Verbote. Mit Kleiderordnungen versuchten die Gesetzgeber, den Materialaufwand einzuschränken und die Menschen durch die Festlegung standesgemäßer Kleidungsformen auf ihre Plätze in der sozialen Hierarchie zu verweisen. Doch die Lust an kostbaren Kleidungsstücken und Stoffen, fröhlichen Farben, Zierrat und Putz ließ sich nicht so leicht im Keim ersticken.

Margaret Scott erzählt in “Kleidung und Mode im Mittelalter” wortgewaltig und mit enormem Wissen über das Entstehen der Mode und den Aufstieg der Textilindustrie in der Zeit von 840 bis 1570. Als Quellen dienen ihr illuminierte Handschriften, deren Entwicklung sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, und eine Vielzahl von schriftlichen Aufzeichnungen, von der Chronik bis zum Inventar. Erfrischend ist das Anliegen der Autorin “…, dem Leser zu zeigen, wie Handschriften - mit angemessener Vorsicht - anhand der Kleidung ‘gelesen’ werden können.” Mit leichter Feder erklärt sie die wechselnden Konventionen der Darstellung, stilistische Vorlieben und maltechnische Beschränkungen, die bei der Entschlüsselung der Bildquellen berücksichtigt werden müssen. So wird Wissenschaft nachvollziehbar.

Tatsächlich ist die üppig mit Abbildungen ausgestattete Publikation weit mehr als eine Kostümgeschichte - nicht zuletzt weil es sich Margaret Scott verkneift, reine Formenkunde zu betreiben. Stattdessen sieht sie Kleidung in ihrem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext. Die Hülle aus Stoff sollte schließlich nicht nur wärmen, sondern TrägerInnen auch als Ausdrucksmittel dienen. Kleidung war und ist schließlich ein wichtiger Bedeutungsträger. An ihr lassen sich Macht und sozialer Status, die Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe und vieles mehr ablesen. Scott entlockt den Quellen Informationen über nationale Unterschiede, Gemeinsamkeiten oder gegenseitige Beeinflussungen und zeigt wer die Trendsetter waren. Mittelalterliche Kleidungsstücke hatten so exotisch klingende Namen wie Houppelande, Surcote, Hoike oder Skaramangion. Fortschritte in der Schnitttechnik brachten bahnbrechende Neuerungen wie das Armloch und vorne mit Knöpfen geschlossene Gewänder. Und mit der Zeit wurde Kleidung nicht mehr in den Haushalten selbst, sondern von spezialisierten Handwerkern hergestellt.

Ein zweiter Erzählstrang ist den technischen Neuerungen in der Weberei und den verfügbaren Stoffqualitäten gewidmet. Deren Namen verheißen Luxus: Lampas-Seide, Tatarische Seide, Brokat, Sendal, Samt, Scharlach. Aus England kam die beste Wolle, Italien tat sich in der Seidenproduktion hervor - und der Handel blühte. Auch die merkantilen Aspekte des aufstrebenden Wirtschaftszweiges werden durch die Jahrhunderte verfolgt. Margaret Scott formuliert ihre akribisch recherchierten Texte elegant und mit Humor. Sie versorgt LeserInnen sogar mit ausführlichen Erklärungen der prächtigen, detailreichen Buchmalerei. Jede Abbildung wird von einem Text begleitet, in dem die dargestellte Kleidung interpretiert und mit den in der Szene gezeigten Handlungen und Personen in Beziehung gesetzt wird. “Kleidung und Mode im Mittelalter” ist zu gleichen Teilen ein Lesevergnügen und eine Augenweide. Wer noch mehr erfahren will, findet am Ende des Buches zusätzlich zu dem hervorragend gegliederten Literaturverzeichnis ein exzellentes Glossar.

“Kleidung und Mode im Mittelalter” ist ein herrliches Buch, das auf den Spuren der ersten Fashion Victims durch die Welt des Mittelalters führt.

© Ch. Ranseder

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Luftbildatlas: Oberer Mittelrhein

Montag, 20. Juli 2009

Non-Fiction

Philipp Meuser, Ansgar Oswald (Hgg.)
Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein

DOM publishers 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 9386 6673 9

Luftbildatlas Oberer Mittelrhein  Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein (inkl. CD-ROM)

Zwischen Bingen und Koblenz zwängt sich der Rhein durch das Rheinische Schiefergebirge. Es ist eine enge und schroffe Landschaft, die eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. In römischer Zeit war der Rhein Grenzgebiet. Im Laufe des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit entwickelte sich der obere Mittelrhein zur wirtschaftlichen und kulturellen Lebensader, die unter wechselnden politischen Einflüssen stand.  Insbesondere der 30jährige Krieg, der Pfälzische Erbfolgekrieg und die französischen Besetzung ab 1792 der linksrheinischen Seite hinterließen dauerhafte Spuren. Zahlreiche Festungsbauten bzw. ihre Ruinen legen für die wechselvolle Geschichte und das Bestreben überall und jederzeit - auch um den Preis des Kirchenbanns -  Zoll, Maut und Steuern zu fordern Zeugnis ab. Die zerstörerischen Kräfte der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts verschonten das Rheintal hingegen weitgehend. Daran konnten auch die anwachsende Rheinschifffahrt und der Ausbau des Eisenbahnnetzes nichts ändern. Die ungünstigen topografischen Bedingungen waren für Neugründungen und Ausbau abträglich. Dafür entdeckten die Künstler ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert das vom Weinbau und Ruinen geprägte Rheintal für sich. Sie verewigten den unwegsamen Naturraum und die Vergangenheit in ihren Werken. Die politische Bedeutung behält die Region aber stets bei, wie auch der Wiederaufbau der Burgen beweist. Vor allem König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) investierte in Restaurierungen und moderne Festungsarchitektur. Und wo der Adel sich hervortat, drängten sich aufstiegswillige Bürger mit vergleichbaren Tätigkeiten hinzu. Dieser herrschaftlichen Aktivitäten und Ansiedlungen waren Anlass für den beginnenden Tourismus. In den Gründerjahren nach 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs begaben sich die Gutsituierten auf die Suche nach der Rheinromantik. Bis heute ist diese Landschaft Anziehungspunkt für Touristen und aufgrund seiner historischen Bedeutung wird die Forschung mit der Aufarbeitung noch lange beschäftigt sein. Die Kulturlandschaft des Oberen Mittelrheintals wurde 2002 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen.

Die Burgen und Ruinen drängen sich in dieser Natur- und Kulturlandschaft zwischen Bingen und Koblenz regelrecht aneinander. Mit Steckbriefen von Ansgar Oswald, Grundrissen und in außergewöhnlichen, seitenfüllenden Luftbildern von Philipp Meuser werden 28 Burgen vorgestellt. Von Burg Klopp bis Burg Kobern führt die Reise. Die zum Buch gehörige CD bietet - honorarfrei für den privaten Gebrauch - das Bildmaterial zusätzlich hochaufgelöst als JPEG (RGB).

Touristen und Burgenromantiker werden an dieser Publikation naturgemäß Freude haben. Wissenschaftler werden an dem raschen Überblick Gefallen finden. Dringend ans Herz gelegt werden muss der “Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein” KunsthistorikerInnen. Zuletzt zeigte die Ausstellung “Rembrandt und seine Zeit” (Albertina, Wien) anhand der Bauwerken - u a. Pfalzgrafenstein - leicht identifizierbare Rheinlandschaften, die unerkannt als Fantasielandschaften angesprochen wurden. Hier kann die attraktive Publikation spielend peinliche Wissenslücken schließen.

Ein Pflichtbuch und es gibt - bis jetzt - noch zwei weitere Luftbildatlanten aus dieser Reihe.

Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein (inkl. CD-ROM)
Luftbildatlas Entlang der Berliner Mauer: 1961 bis heute (inkl. CD-ROM)
Luftbildatlas Berliner Innenstadt (inkl. CD-ROM)

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Wikinger Handbuch

Donnerstag, 11. Juni 2009

ab acht

Ari Berk
Wikinger Handbuch
ArsEdition 2009, 28 S. zahlr. Illus.
ISBN 978 3 7607 4142 0

Wikinger Handbuch Wikinger Handbuch

Ein kompetenter Autor und ebensolch kompetente Illustratoren - Milivoj Ceran, Neil Chapman, Alastair Graham und Nick Spender - lassen die Männerwelt der Wikinger aufleben.

Ari der Gelehrte stellt auf Doppelseiten insgesamt 13 Aspekte neuen Aspekt aus dem Alltagsleben der Wikinger vor. Darunter Weltbild und Leben, Götter und Ungeheuer, Sprache und Schrift, Seefahrt und Kämpfe, Schicksal und Grabbrauch. Launig und ernst zugleich wird der junge Leser in den Grundlagen unterweisen. Jede Seite ist eine neue Entdeckung mit drehbaren Scheiben, erweiterbaren Seiten, aufklappbaren Heftchen und gefüllten Umschlägen. Überraschend schlägt ein Wikinger seine Axt aus der Buchmitte heraus auf den neugierigen Leser und ein Drachenschiff mit Rudern und gestreiftem Segel steigt auf der Seite auf. Selbst ein Bündel “Runen der Prophezeiung” zum Weissagen ist vorhanden. Der Rat des gelehrten Ari “Mache dir selbst einen Namen, ehre deine Freunde, folge deiner Vernunft und gebrauche deinen Verstand” bietet einen weisen Abschluss des Buches.

Ein köstliches Pop-up-Buch und Appetizer auf mehr Wikingerinformation! Wer sich da nicht köstlich unterhält und nicht auf Entdeckerfahrt geht, ist selber schuld. Schade, dass man das schöne Buch den Kindern zurückgeben muss und gut, dass Kinder nach mehr verlangen werden.

© S. Strohschneider-Laue

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Griechenland hören

Donnerstag, 28. Mai 2009

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Antje Hinz
Griechenland hören
Silberfuchs Verlag 2009, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 09 6

Griechenland hören Griechenland hören - Das Griechenland-Hörbuch: Eine klingende Reise durch die Kulturgeschichte Griechenlands von den Mythen bis in die Gegenwart

Griechenland, die Wiege Europas: Von der ersten europäischen Hochkultur bis zum modernen Mitglied der EU führt die Hörreise. Zwanzig Kapitel spannen einen genialen Bogen von der Blütezeit, Zerfall und Auferstehung Griechenlands über 5000 Jahre hindurch bis in die Gegenwart. Der Schwerpunkt dieser Silberfuchs-Hörreise liegt auf der Antike. Verständlich, denn Griechenland als Staatsgefüge zeichnet sich durch Jahrhunderte mit Absenz aus. Als Kulturfaktor und prägend für die historische, politische und soziale Entwicklung Europas war Griechenland allerdings stets gegenwärtig. 

Die Hochblüte Griechenlands entwickelte alle wesentlichen Aspekte europäischer Zivilisation. Kontakte zu anderen Hochkulturen schufen wirtschaftliche und kulturelle Grundlagen. Nach der Entwicklung einer eigenen Schrift erlebten Philosophie, Naturwissenschaft, Geschichtsschreibung und Literatur pure Höhenflüge. Was Solon für die Demokratie bedeutete, bedeutete Perikles für den Aufschwung Athens. Perserkriege und der schwelende Konflikt zwischen den antiken griechischen Großmächten Athen und Sparta trennten und vereinten die Griechen zu gleichen Teilen. Untrennbar mit der Philosophie sind vor allem Sokrates, Platon und Aristoteles verbunden. Alexander der Große steht hingegen für politische Entwicklung, militärische Expansion und die Verbreitung des kulturellen griechischen Erbes weit und nachhaltig über die damaligen Grenzen hinaus. Das kulturelle Erbe Griechenlands war auch in Rom willkommen, was sie nicht von der Übernahme Griechenlands abhielt, sondern diese sogar beschleunigte.
Und wieder war es die Sprache und die Schrift, die eine neue Zeit einläutete. Die altgriechische Verkehrssprache des Mittelmeerraumes war etwa zwischen 300 v. bis 600 n. Chr. die Koine. Die Schriften des Neuen Testamtens erreichten dadurch in kurzer Zeit sehr viele Menschen. Das Christentum wurde zur prägenden Religion Griechenlands. Byzanz, Kreuzfahrer, Venezianer, Türken traten in wechselnder Folge die Herrschaft über das zersplitterte Griechenland an. Nur das Griechentum geriet nicht in Vergessenheit.
Zerrissen wie der geographische Eindruck von Festland und Inselwelt ist daher die politische und religiöse Entwicklung Griechenlands ab römischer Zeit. Fremdherrschaften, Monarchien, Kriege, Widerstände und Vertreibungen kamen und prägten Land und Menschen. Der Weg des heutigen Griechenlands in eine moderne Demokratie war steinig. Neben vielen anderen Aspekten europäischer Zivilisation und Tradition sind die populärsten echte griechischen Highlights: Homer, Olympia und Theater. Und überaus passend kam der Vorschlag jährlich eine europäische Kulturhauptststadt zu zelebrieren von der griechischen Künstlerin Melina Mercouri. Und zuletzt sollte man nie vergessen, dass die Demokratie eine gebürtige Athenerin (um 600 v. Chr.) ist und maßgeblich für die Europäische Union ist, der Griechenland seit 1981 angehört.

Akustisch unterlegt von zahlreichen exzellent ausgewählter musikalischer Klänge aller Epochen - u.a. von musica romana - und stimmlich getragen von Rolf Becker. Mit wohl modulierter Sprache gelingt es ihm Stimmungen und komplexe Inhalte zu einer spannenden Einheit zu verweben. Roswitha Rösch zeichnet erneut für gelungene Cover-Gestaltung und Grafik verantwortlich. So macht es wirklich Freude den unentzifferbaren “Diskos von Phaistos” in die CD-Lade zu werfen und Griechenland zu hören.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

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Kinder-Uni: Hexen

Montag, 04. Mai 2009

ab acht

Cordula Bachmann
Warum reiten Hexen auf dem Besen?
Die Kinder-Uni erklärt die Geheimnisse der Hexerei
DVA 2009, 223 S., reich illustriert von Bernd Wiedemann.
ISBN 978 3 4210 4301 6

Warum reiten Hexen auf dem Besen?  Warum reiten Hexen auf dem Besen?: Die Kinder-Uni erklärt die Geheimnisse der Hexerei

Es gibt keine dummen Fragen, es gibt nur dumme Antworten. Und bei der Kinder-Uni gibt es grundsätzlich nur kluge Antworten: Viel “Hexen-Warum” wird in diesem Band hinterfragt. Vom wann und wo bis zur Hexenjagd. Warum Frauen und was machen moderne Hexen? Und vor allem warum man so viel über Hexen weiß, wird hier genial erklärt.

Eine kleine Geschichte vorweg und sieben Kapitel gliedern das Hexenthema in gut fassbare Schwerpunkte. Insbesondere “die kleine Geschichte vorweg” macht deutlich wie schnell etwas “einfach so Dahingesagtes” sich im Kopf unlösbar verankern kann. Eine wunderbarerer Einstieg ins Thema und eine perfekte, weil kindgerechte, Diskussionsgrundlage zu allen - nicht nur magischen - Hexenjagden, Verteufelungen und Sündenböcken.

Systematisch werden anschließend Hexen wissenschaftlich “verfolgt”. So wird genau erklärt warum, wo und seit wann es Hexen gibt. Hexen aus aller Welt, wie die Toghebi aus Südkorea oder Mananggal von den Philippinen, werden ebenfalls vorgestellt. Und so mancher Hexenglaube begann mit einer gut erzählten Schauergeschichte, die sich mit den Wünschen und Sehnsüchten der Zuhörer vermischte. Quer durch die Zeiten sind befremdlich wirkende Personen besonders hexenverdächtig. Wesentlich ist, dass sie anders sind als der unauffällige Durchschnittsbürger. Die ganze Lebensweise von Hexen unterscheidet sich jedenfalls deutlich von Nicht-Hexen. Und alle, die von der Norm abweichen, werden noch heute misstrauisch beobachtet oder leider auch mehr als nur beobachtet. Kein Wunder, dass die Inquisition, obwohl sie von allen gefürchtet wurde, mit ihrer Hexenjagd über so lange Zeit so einen großen Erfolg hatte. Und warum vor allem Frauen der Hexerei beschuldigt wurden, wird ebenfalls ausführlich erklärt. Aber die Zeiten haben sich - hoffentlich - geändert und deshalb wird zuletzt noch erzählt, was für moderne Hexen wichtig ist.  Schön, dass am Ende des Buches noch eine Auswahl weiterführende Literatur angegeben wird, denn man kann schließlich nie genug wissen.

Superspannend erzählt, gut erklärt und definitiv auch etwas für Erwachsene, die mit (ihren) Kindern diskutieren wollen. “Warum reiten Hexen auf dem Besen” lädt nämlich zum kritischen Denken und zum Diskutieren mit anderen ein. Kritikfähigkeit ist ein wichtiger Lernschritt, um im späteren Leben Bauernfänger zu erkennen, Reales von Irrealem oder Gerechtes von Ungerechtem unterscheiden zu können. Wünschen wir das nicht alle für unsere Kinder? Herdentiere und Lemminge gibt es schon viel zu viele.

© S. Strohschneider-Laue

Warum reiten Hexen auf dem Besen?: Die Kinder-Uni erklärt die Geheimnisse der Hexerei

Und es gibt noch mehr:
Die große Kinder-Uni Wissens-Box
Die Kinder-Uni. Erstes Semester: Forscher erklären die Rätsel der Welt
Die Kinder-Uni. Zweites Semester: Forscher erklären die Rätsel der Welt
Die Kinder-Uni. Drittes Semester: Forscher erklären die Rätsel der Welt
Warum Schabbat schon am Freitag beginnt: Die Kinder-Uni reist in die Welt des Judentums
Die Kinder-Uni. Hat der Weltraum eine Tür?
Ritter durften noch rülpsen: Die Kinder-Uni fragt, woher die Manieren kommen
Tohuwabohu: Die Kinder-Uni erklärt Ordnung und Chaos

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Lust auf Archäologie!

Dienstag, 14. April 2009

ab acht

Wolfgang Korn
Lust auf Archäologie!
Igel Genius 2009, 5 CDs, 350′, Booklet.
ISBN 978 3 89353 256 8

Lust auf Archäologie Lust auf Archäologie! Detektive der Vergangenheit

Fünf CDs sind Detektiven mit dem Spaten auf der Spur. Die fast 6-stündige Hörreise entstand nach der Buchvorlage Detektive der Vergangenheit: Expeditionen in die Welt der Archäologie. Archäologiefans ab 10 Jahren und Erwachsene werden hier vollständig auf ihre Kosten kommen.  

Die geniale Balance zwischen anspruchsvollen Inhalt und sprachlicher Klarheit ist hervorstechend. Passend gezogene Querverweise - unter anderen zu aktuellen Verhältnissen - klären auch komplizierte Sachverhalte oder Fachbegriffe bei gleichbleibend hohem Niveau. Abwechslungsreich vorgetragen von Bernt Hahn, Ingeborg Wunderlich, Dominik Freiberger und Michael Kamp wird zusätzlich die Spannung beim Hören aufrecht gehalten. 

Quer durch die Forschungsgeschichte, quer durch die Zeiten und vor allem quer durch die Methoden werden Meilensteine der Archäologie vorgestellt. Spektakuläre Entdeckungen, berühmte Forscher, Irrtümer und moderne Methoden werden anhand anschaulicher Beispiele zu einer spannenden Forschungsreise in die Vergangenheit.

Die erste CD ist den Grundlagen der Archäologie - wie ist denn alles unter die Erde gekommen, wieso wird es wieder entdeckt - und der Urgeschichte gewidmet.
Die Probleme und Entdeckungen der archäologischen Forschung zwischen Wissenschaft und Plünderung werden auf der zweiten CD angerissen.
Berühmte Archäologen wie Koldewey, Wooley und Schliemann, ihre Ausgrabungen und ihre Ergebnisse werden auf der dritten CD vorgestellt.
Berühmte Fundstätten (Olympia, Troja) und die Verfeinerung der Methoden von der Stratigrafie bis zur Dendrochronologie werden auf der vierten CD näher betrachtet.
Sensationelle Funde der Bronzezeit, wie der Fund von Nebra, Wikinger, Moorleichen und Eismumien stehen auf der fünften CD im Mittelpunkt.

Wer mit diesem toll aufbereiteten archäologischen Hörerlebnis nicht glücklich wird, sollte sich ein anderes Interessensgebiet suchen.

© S. Strohschneider-Laue

Lust auf Archäologie! Detektive der Vergangenheit
Detektive der Vergangenheit: Expeditionen in die Welt der Archäologie
50 Klassiker Archäologie: Die wichtigsten Fundorte und Ausgrabungsstätten  -  Rezension

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Tulpen des Suleiman

Montag, 13. April 2009

Non-Fiction

Holger Lundt
Die Tulpen des Suleiman
Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte
Artemis & Winkler 2009, 110 S., 5 Strichzeichnungen
ISBN 978 3 538 07279 4

Die Tulpen des Suleiman Die Tulpen des Suleiman: Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte

Pflanzen mögen unscheinbar wirken und doch hat der Mensch mit ihnen das Antlitz der Erde und den Verlauf der Geschichte verändert - und das nicht erst in der jüngsten Vergangenheit. Die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen fand bereits zur Zeit der Pharaonen statt. Holger Lundt erzählt in “Die Tulpen des Suleiman” vom Verschwinden der als Bauholz begehrten Libanon-Zedern, das die Landschaft des Nahen Ostens baumlos und karg zurückließ. Kaum besser erging es im 16. Jahrhundert der langsam wachsenden europäischen Eibe, aus der die Engländer ihre Langbögen fertigten.

Doch in Holger Lundts flott geschriebenem Büchlein sind nicht nur Geschichten von menschlicher Gier zu finden. Er weiß auch Positives zu berichten. Da wäre zum Beispiel die Verbreitung des Kirschbaums, dessen Einführung in Europa ja dem reichen römischen Leckermaul Lucius Licinius Lucullus zu verdanken sein soll. Und was wären unsere Gärten ohne Tulpe, Flieder und Rosskastanie, die der botanisierende Diplomat Ogier Ghiselin de Busbecq aus der Türkei nach Wien brachte!

“Die Tulpen des Suleiman” verknüpft die Kulturgeschichte von Pflanzen mit den wirtschaftlichen Interessen, gärtnerischen Glücksgefühlen, geschmacklichen Vorlieben und botanischen Leidenschaften einiger historischer Persönlichkeiten.

Das Ergebnis ist eine Weltgeschichte der anderen Art, die sich perfekt als Mitbringsel für kulturhistorisch interessierte Pflanzenfreunde eignet. Und hübsch anzusehen ist das Büchlein über nützliche Bäume, schmackhafte Früchte und betörende Blüten auch.

© Ch. Ranseder

Die Tulpen des Suleiman: Ein Spaziergang durch die Gärten der Geschichte

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Gemalte Gärten

Dienstag, 24. März 2009

Non-Fiction

Nils Büttner
Gemalte Gärten
Bilder aus zwei Jahrtausenden
Hirmer 2009, Geb. m. Schutzumschlag im Schuber, 238 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 4245 7

Gemalte Gärten Gemalte Gärten: Bilder aus zwei Jahrtausenden

Der Garten auf Carl Spitzwegs Gemälde “Der Gartenfreund” (1860) hat schon bessere Zeiten gesehen. Die begrenzende Mauer bröckelt, die Einfassungen der Beete sind geflickt und Unkraut wuchert. Dennoch wird das Gärtlein geliebt und gepflegt, davon zeugen schon die vielen blühenden Topfpflanzen. Ein Blick auf den einsamen Gärtner vertreibt jeden Zweifel, dass es anders sein könnte. Fürsorglich neigt sich der Mann, die Giesskanne in der Hand, zu einem Rosenbusch, der ihm in graziösem Bogen einige Ranken entgegenstreckt.

Spitzweg malte seinen Garten mit einem ironischen Augenzwinkern. Andere Maler verfolgten andere Ziele. Mit Pinsel und Farbe festgehaltene Gärten sind eine ergiebige Quelle mit deren Hilfe sich kultur-, kunst- und sozialgeschichtliche Fragen beantworten lassen. Gartenbilder erzählen von kultivierter Lebensart, sozialem Wandel, religiöser Erziehung, geheimen Wünschen, Besitzerstolz und Prestigedenken. Sie spiegeln die sich wandelnden Gartenmoden und Kunstströmungen. Natürlich bildet nicht jeder gemalte Garten einen realen Garten ab. Viele der schönsten Gartenansichten sind reine Fantasieprodukte, deren einzelne Bestandteile als Bedeutungsträger fungieren. Auch der Reiz des als dekoratives Beiwerk gemalten Grüns ist nicht zu unterschätzen. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Gartenbilder, die tatsächlich existierende Gärten in topografischen Ansichten festhalten.

“Gemalte Gärten” entführt auf einen Streifzug durch die glanzvolle Welt des Gartens in der Kunst. In chronologischer Abfolge bietet der Bilderreigen von allen Themen und Malweisen ein bisschen: römische Wandmalereien, Paradies- und Liebesgärten, als Orte mythologischen oder biblischen Geschehens dienende Gärten, topographische Ansichten, barocke Gartenanlagen, Landschaftsparks, bürgerliche Kleingärten, Künstlerrefugien, sogar ein Gemüsegarten und ein Münchner Biergarten sind dabei. Der graduelle Kontrast von der Feinmalerei, die auch noch die zarteste Blüte naturgetreu wiedergibt, zur völligen Abstraktion des Gartens führt die gesamte Bandbreite künstlerischen Ausdrucks vor Augen. Das großformatige, prachtvolle Buch lebt von der Vielzahl der in erstklassiger Qualität wiedergegebenen Gartendarstellungen. Aus den schönsten Abbildungen der gezähmten Natur werden Details herausgegriffen und seitenfüllend vergrößert, sodass Blumen oder einzelne Elemente des Gartens gebührend bewundert werden können. Das Register der vertretenen Künstler liest sich wie das Who´s Who der Kunstgeschichte. Nils Büttner setzt bei der Auswahl der Bilder zum überwiegenden Teil auf bekannte Namen. Jan van Eyck, Botticelli, Mantegna, Altdorfer, Lucas Cranach d. Ä., Tizian, Tintoretto, Pieter Brueghel d. J., Jan Brueghel d. Ä., Rubens, Watteau, Fragonard, Canaletto, Constable, Caspar David Friedrich, Corot, Pissaro, Renoir, Manet, Monet, Cezanne, van Gogh, Klimt, Nolde, Hundertwasser, Hockney - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Wie bereits der Untertitel des herrlichen Buches verkündet, liegt der Schwerpunkt von “Gemalte Gärten” auf den Bildern. Die fulminante Flut der Abbildungen wird von einem Text begleitet, der nach Herzenslust Hintergrundwissen zu den Gemälden und den auf ihnen dargestellten Szenen, Künstlern, Charakteristika der Kunstepochen und Strömungen der Gartenkunst vermittelt. Fraglos alles sehr interessant, aber auch ein wenig beliebig. Bei mehr als einem der ausgewählten Gemälde wäre ein konkreter Bezug zu dem dargestellten Garten (anstatt zu dem in ihm stattfindendem Geschehen) oder eine tiefergehende Analyse einzelner Gartenelemente wünschenswert gewesen.

“Gemalte Gärten” ist in erster Linie ein Fest für die Augen und somit das ideale Geschenkbuch für kunstsinnige Gartenfreunde.

© Ch. Ranseder

Gemalte Gärten: Bilder aus zwei Jahrtausenden

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Geschichte des Essens & Trinkens

Sonntag, 15. März 2009

Non-Fiction

Klaus E. Müller
Kleine Geschichte des Essens und Trinkens
Vom offenen Feuer zu Haute Cuisine

Beck 2009, 175 S., 16 Abb.
ISBN 978 3 406 58349 0

Kleine Geschichte des Essens und Trinkens Kleine Geschichte des Essens und Trinkens: Vom offenen Feuer zur Haute Cuisine

Manche Bücher erinnern mich an glückliche Besuche in Museen. Die “Kleine Geschichte des Essens und Trinkens” ist so ein Buch. Beim Lesen entstand vor meinem inneren Auge das Bild eines Gemischtwarenladens, wie ich ihn unzählige Male in Stätten des kulturellen Bewahrens und Präsentierens gesehen habe. In meiner Fantasie roch der Raum nach altem Holz, Gewürzen, frischen Keksen und parfümierten Seifen. In hohen Regalen lockten dekorative Schachteln und Dosen, Schubladenkästen versprachen Delikatessen aus fernen Ländern, auf der Theke und am Boden stapelten sich Waren aller Art und von der Decke baumelten Körbe, Pfannen und Bürsten. Das Arrangement der Dinge erschien chaotisch und doch war bei näherer Betrachtung ein System zu erkennen. Viel Vertrautes fand sich im Sortiment, aber auch so manche Überraschung. Auf jedem Quadratmeter des vollgestopften, in Dämmerlicht gehüllten Raumes gab es etwas zu entdecken.

Für geistige Nahrung Suchende hält die “Kleine Geschichte des Essens und Trinkens” ein reichhaltiges Angebot an Informationen bereit. Klaus E. Müller verschmilzt europäische Kultur- und Sozialgeschichte, ethnologische Beobachtungen, Mythen und die Literatur des klassischen Altertums zu einer ganzheitlichen weltumspannenden Betrachtung des Essens und Trinkens. Zwölf Kapitel beherbergen - wundersamen Verpackungen gleich - kulinarische Ausflüge, die auf den Spuren des Genusses in großen Sprüngen durch Zeit und Raum führen. Von der mühsamen Nahrungsgewinnung in grauer Vorzeit über Hungerfantasien, Nahrungsgebote, Geschmacksvorlieben, Rituale der Gastfreundschaft und des Verhaltens bei Tisch bis zur Nahrung als Mittel der sozialen Abgrenzung sowie der Verknüpfung des Mahls mit sakralen Handlungen reicht das Themenspektrum. Das Hinzuziehen der Völkerkunde und die damit einhergehende Einbindung außereuropäischer Kulturen bringt eine Erweiterung des Horizontes und stellt die europäischen Gepflogenheiten durch die Verschiebung des Standpunktes in einen neuen Kontext.

Lässig geschrieben und unbehindert durch einen Fußnotenapparat ist das Buch ein unterhaltsamer und bildender Begleiter, der Dank seines kleinen Formats locker in (fast) jede Tasche passt.

© Ch. Ranseder

Kleine Geschichte des Essens und Trinkens: Vom offenen Feuer zur Haute Cuisine

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Prinzip Monochrom

Sonntag, 22. Februar 2009

Non-Fiction

Monika Kopplin (Hg.)
Prinzip Monochrom
Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit
Hirmer 2008, Dt./Engl., 188 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7774 7055 9

Prinzip Monochrom Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit

Die in “Prinzip Monochrom” präsentierten Lack- und Keramikobjekte wirken so frisch, innovativ und modern als hätte sie ein trendiges Designstudio des 21. Jahrhunderts entworfen. Dass sie mehrere hundert Jahre alt sind und großteils aus archäologischen Ausgrabungen stammen, sieht man ihnen auf den ersten Blick nicht an. Doch sie wurden zum überwiegenden Teil in der Song-Zeit (960-1279 n. Chr.) von begnadeten chinesischen Handwerkern für die damalige gesellschaftliche Elite geschaffen. Die atemberaubend schönen Gefäße spiegeln den verfeinerten Geschmack der Song-zeitlichen Oberschicht, die sich lieber mit Kunst- und Kultur als mit der Kriegsführung beschäftigte. Die Song-Dynastie setzte in ihrer Außenpolitik auf Friedensverträge. Da durch Tributzahlungen weniger Gold und Silber im Umlauf waren, mussten neue Statussymbole gefunden, neue Werte definiert werden. Lack- und Keramikkunst eigneten sich - gemeinsam mit der Teezeremonie - hervorragend, um kultivierten Geschmack und Gelehrsamkeit zur Schau zu stellen.

Hochwertige, großformatige Fotografien rücken in “Prinzip Monochrom” die noch immer begehrenswerten Lack- und Keramikarbeiten ins rechte Licht. Beim Blättern in dem reich bebilderten Buch ist nicht zu übersehen, dass die Natur den Song-zeitlichen Handwerkern eine Quelle der Freude und Inspiration war. Blüten, denen auch eine symbolische Bedeutung beigemessen wurde, standen Pate für anmutige Teller, Schalen, Schalenständer und Dosen. Die Ausgewogenheit der schlichten Formen und die technische Perfektion der exquisiten Oberflächengestaltungen verleihen den Produkten eine außergewöhnliche Eleganz und Zeitlosigkeit. Jahrhunderte nach dem Untergang der Song-Dynastie kam es in der Qing-Zeit zu einem Wiederaufleben der Wertschätzung monochromer Lacke und Keramiken. Formen und Glasuren der Song-Zeit wurden nachgeahmt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts beflügelten technische Neuerungen kreative Handwerker jedoch auch zu eigenständigen Schöpfungen im Geiste des Altertums, die an Schönheit den Song-zeitlichen Werken ebenbürtig sind.

“Prinzip Monochrom” - ein gemeinsames Buchprojekt von Museum für Lackkunst, Münster, und Fondation Baur, Genf - erfreut durch eine perfekte Balance von attraktivem Bildteil und exzellenten Texten. Die Bandbreite der angeschnittenen Themen ist groß:
Dieter Kuhn vermittelt in “Die gesellschaftlichen Hintergründe für die Blüte monochromer Lacke und Keramiken in der Song-Zeit” die Grundlagen zum Verständnis der Song-zeitlichen Kunst. Dabei spannt er den Bogen von der Vorstellung des politischen und gesellschaftlichen Gefüges über die Kunst und Kultur favorisierende Geisteshaltung bis zum Lebensstil und den ästhetischen Vorlieben der herrschenden Elite.
Patricia Frick stellt in “Leichte Formen, stille Farben - die Vollendung Song-zeitlicher Lackkunst” die Techniken, in der die monochromen - zum Teil mit Aufschriften und Goldverzierungen versehenen - Lackobjekte gefertigt wurden, vor und weist auf die enge Wechselwirkung mit der Keramik hin.
Monique Crick befasst sich in “Schlichtheit, Eleganz und technische Perfektion - die Keramik der Song-Zeit” eingehend mit der Keramikherstellung und der künstlerischen Vielfalt der Warenarten.
Patricia Frick zeigt in “Formenreichtum - die Entdeckung der Schönheit der Natur” wie sehr die Keramiken und Lacke der Song-Zeit von der Natur inspiriert sind und welche symbolische Bedeutung den Formen innewohnt.
Soon-Chim Jung erzählt in ” Bedeutung und Einfluss der Song-zeitlichen Teekultur” von der Zubereitung und dem Genuss des Tees, dem mit der Wahl der richtigen Teeschale verbundenen Vergnügen und der Rolle des Teetrinkens im gesellschaftlichen Leben.
Monika Kopplin schildert in “Kaiserliche Chrysanthemen - eine Gruppe monochrom roter Lacke und ihrer Porzellanimitationen aus der Ära Quianlong” das vom Kaiserhaus ausgehende Bestreben im 18. Jahrhundert die Formen und ästhetischen Ideale der Song-Zeit wieder aufleben zu lassen.
Monique Crick widmet sich in “Die Wiederbelebung der monochromen Glasur unter der Quing-Dynastie” der mit den ausklingenden 18. Jahrhundert endenden letzten Blüte der monochromen Keramik, wobei sie den technischen Aspekten besondere Beachtung schenkt.
Ein ausführliches Glossar und ein Literaturverzeichnis runden schließlich die umfassende Darstellung der monochromen Lack- und Keramikproduktion in der Song- und Qing-Zeit ab.

“Prinzip Monochrom” ist ein bedeutender Beitrag zur Erforschung der chinesischen Handwerkskunst und gleichzeitig von der ersten bis zur letzten Seite ein intellektueller und optischer Genuss.

© Ch. Ranseder

Prinzip Monochrom: Lack und Keramik der Song- und Qing-Zeit

siehe auch:
Im Zeichen des Drachen. Von der Schönheit chinesischer Lacke
Japanische Lacke, die Sammlung der Königin Marie-Antoinette
Japanische Lackkunst der Gegenwart. Funktion und Design, Tradition und Modernität am Beispiel Kyotoer Lackmeister (Ausstellungskatalog (zweisprachig) Deutsch / Englisch)
Russische Lackkunst aus zwei Jahrhunderten
Lacke des Barock und Rokoko. Baroque and Rococo Lacquers

Sichuan Restaurant Wien

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Basel: 50 000 Jahre

Donnerstag, 19. Februar 2009

Non-Fiction

Guido Lassau
Zeitreisen durch 50 000 Jahre Basel
Christoph Merian 2009, Dt./Engl., 72 S., 22 farbige Abb.
ISBN 978 3 85616 466 9

Zeitreise Basel Zeitreisen durch 50000 Jahre Basel

Guido Lassau, Kantonsarchäologe von Basel, macht mit prägnanten Texten und Fotos Lust auf archäologische Entdeckungstouren in Basel. Von der Altsteinzeit bis ins Spätmittelalter führt seine Zeitreise.

Elf Fundorte, die repräsentativ für ihren Epoche oder Zeitabschnitt sind, werden in Wort und Bild vorgestellt. Die kurzen Abrisse führen auch archäologische Neulinge sprachlich leicht fassbar und fesselnd in die für die jeweilige Zeit kennzeichnenden Situationen wie Umwelt, Lebensweise, technische Entwicklungen oder soziale Strukturen ein. Verweise auf die Häufigkeit, Verteilung oder Weiterentwicklung der Fundstellen verschaffen eine guten Eindruck der Besiedlungsgeschichte Basels. Eine Besiedlungsgeschichte, die mit den ersten Begehungen durch die noch nicht sesshaften Neandertalern der Altsteinzeit ihren Anfang nimmt und bis zu den städtischen Strukturen im Mittelalter reicht.

Anschaulich illustriert werden die Texte durch die Gegenüberstellung von digitaler Rekonstruktion der Vergangenheit und aktuellem Foto des Fundortes. Für die exzeptionellen Rekonstruktionen, die den Fotos der Fundorte maßstäblich entsprechen, zeichnet Digitale Archäologie verantwortlich. Der Umschlag des Buches ist abnehmbar und entpuppt sich beim Aufklappen als Luftbild von Basel. Die im Buch beschriebenen Fundorte sind auf dieser fotografischen Übersichtskarte verortet und leicht auffindbar.

Ein idealer Reisbegleiter sowohl für archäologisch Interessierte als auch für Schulen in Basel und Umgebung - für letztere ein eindeutiges “Muss”. Ein weiteres gelungenes Produkt der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt und definitiv beispielgebend für alle Elfenbeintürmler in vergleichbaren Institutionen.

© S. Strohschneider-Laue

Zeitreisen durch 50000 Jahre Basel

siehe auch:
Auf dem Basler Münsterhügel  -  Rezension

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Kulinaria: Martin Luther

Donnerstag, 12. Februar 2009

Non-Fiction

Alexandra Dapper
Zu Tisch bei Martin Luther
Theiss 2008, 134 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8062 2253 1

Zu Tisch bei Martin Luther Zu Tisch bei Martin Luther

“Spatzen sind sehr delikate Vögel. Es ist ein gutes Gericht von den Spatzen, denn sie essen nichts Unreines …” fand Martin Luther (1483-1546). Der große Reformator liebte Hausmannskost. Und zu dieser zählten an der Wende vom Spätmittelalter zur Neuzeit auch kleine Wildvögel.

Was tatsächlich in Luthers Elternhaus zu leckeren Speisen verarbeitet wurde, gibt das Buch “Zu Tisch bei Martin Luther” preis. Archäologen legten in Mansfeld auf jenem Grundstück, das einst Hans und Margarethe Luder gehörte, eine tiefe Grube frei, die um 1500 in einem Zug zugeschüttet worden war. In ihrer Verfüllung fanden die Ausgräber neben Geschirr und Münzen auch Pflanzenreste und Tierknochen. Die sterblichen Überreste von Spatzen waren zwar nicht darunter, doch konnten Buchfink, Rotkehlchen, Goldammer, Dorngrasmücke, Rotschwänzchen und Singdrossel nachgewiesen werden. Sogar eine Lockpfeife wurde in der Abfallgrube entsorgt. Martin Luther durfte sich wohl schon in Jugendjahren öfter an Gerichten aus “klainen walt vogelein” erfreuen.

Alexandra Dapper nimmt den Haushaltsabfall der Familie Luther als Ausgangsbasis für eine vergnügliche kulinarische Reise. Sie beschreibt die Ausstattung einer Küche um 1500, analysiert die einzelnen Nahrungsmittel und weckt mit Beschreibungen der verschiedenen Zubereitungsarten den Appetit der LeserInnen. Die Aufbewahrung und Konservierung der leicht verderblichen Lebensmittel waren ebenso wie das richtige Würzen eine hohe Kunst. Bei der Erstellung des Speiseplans mussten zahlreiche Regeln befolgt werden. Möglichkeiten, die soziale Stellung eines Haushaltes kulinarisch zu demonstrieren gab es dennoch genug - nicht zuletzt durch die Ausstattung der Tafel und der Befolgung der “Tischzuchten”. Trotz der Themenvielfalt verliert die Autorin nie den Bezug zu den Funden aus der Lutherschen Abfallgrube. LeserInnen übrigens auch nicht, denn was in der Grube gefunden wurde, ist im Fließtext rot gesetzt. Attraktives historisches Bildmaterial und stimmungsvolle Fundfotos ergänzen den akribisch recherchierten Text optimal.

Der zweite Teil von “Zu Tisch bei Martin Luther” wird das Herz all jener, die beim Kochen gerne experimentieren, höher schlagen lassen. 42 Rezepte führen vom Schlachtmonat November bis zum Weinmonat Oktober durch ein fiktives kulinarisches Jahr in Luthers Elternhaus. Abermals dienen die bei der Ausgrabung gefundenen Speisereste als Ausgangspunkt. Passende mittelalterliche Rezepte werden in moderne Kochanleitungen verwandelt, die kulinarische Genüsse verheißen. Eilig haben, darf man es bei der Zubereitung allerdings nicht. Leckereien wie “Wiederbefüllte Aalhaut in Weinsoße” brauchen ihre Zeit. Wer lieber schaut als kocht, kann sich im Rezeptteil an den wunderbaren Stillleben-Fotos erfreuen - sie sind ein wahrer Augenschmaus.

“Zu Tisch bei Martin Luther” ist ein ergötzliches, auch grafisch attraktiv gestaltetes Buch, das ein lebendiges Bild der kulinarischen Freuden um 1500 zeichnet.

© Ch. Ranseder

Zu Tisch bei Martin Luther

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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

Schuhtick.

Mittwoch, 07. Januar 2009

Non-Fiction

Hartmut Roder (Hg.)
Schuhtick.
Von kalten Füßen und heißten Sohlen
Phillipp von Zabern 2008, 212 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8053 3938 4

Schuhtick Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen

Auf den Spuren der Fußbekleidung von der Steinzeit bis in die Gegenwart begeben sich 22 AutorInnen. Und es ist unglaublich, was sie dabei - vom Fußschutz bis zum Statussymbol - an Erkenntnisgewinn aus einem einzigen Schuh - besser noch aus einem Paar - herausholen!

Von den biologischen Voraussetzungen der Fortbewegung und der Tatsache, dass die Evolution nicht mit der rasanten Ausbreitung des Menschen in “fußunfreundliche” Regionen Schritt halten konnte, über die wechselhaften Schuhmoden quer durch Zeiten und Regionen bis hin zum Schuhmachern spannt sich der inhaltliche Bogen. Steinzeitliches Schuhwerk und römische Sandalen, die mehr als nur ein beliebiges Kleidungsstück waren, mittelalterliche Absonderheiten und neuzeitliche Eleganz zeigen gesundheitliche Probleme und gesellschaftliche Ambitionen gleichermaßen auf. Der Schuh, ein notwendiges und oft unerschwingliches Verbrauchsgut, war nicht immer leicht zu bekommen, wie nicht nur die Schuhprobleme der Nachkriegszeit beweisen.

Unverwechselbarkeit der Modelle und/oder der Status ihrer Träger mach(t)en manche Schuhe zu Erfolgsmodellen, andere sind unverwüstliche Evergreens und überzeugen durch ihre hohe Funktionalität. Tatsache ist, dass Schuhe in vielen Kulturen nicht nur als Fußschutz dienen, sondern auch unverzichtbarer Ausdruck sozialer Stellung sind, mal ganz abgesehen von ihrem Wert als Fetisch. Das unerschöpfliche Thema “Männersandale” wird über Legionäre, Mönche, Hippies und Ökofreaks abgehandelt. Schade, dass nicht auch die Unart Socken darin zu tragen, näher beleuchtet wird. Andererseits genügt es ja schon zur kulturellen Unordnung beizutragen, wenn Sneakers unter der Anzugshose hervorlugen.

Der spannende Abriss zum Machen eines Schuhs, umfasst Beiträge über das Anfertigen von Maßschuhen, die Herstellung in der Fabrik und Schuhdesign der Upperclass und die Problematik der asiatischen Massenware. Abgerundet wird das Thema Herstellung mit einem interessanten und vergnünglichen Blick auf Schuhwerbung, der ruhig ein wenig länger hätte ausfallen dürfen. Abgeschlossen wird der Rundblick auf den “Schuhtick” mit einer Betrachtung wie sich Schuhe in Märchen und Erzählungen niedergeschlagen haben.

“Und die Schuhe bringen es an den Tag. denn im Märchensind sie kein “Accessoire”, sondern ein Teil der Person selber.”

Ein Katalog für alle, die von Schuhen nicht genug bekommen können und noch ein mehr über dieses für die meisten unverzichtbare - außer man möchte Buße tun oder lebt im warmen Regionen mit weichen Böden -Bekleidung wissen wollen.

© S. Strohschneider-Laue

Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen

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Volles Risiko!

Dienstag, 09. Dezember 2008

Non-Fiction

Badisches Landesmuseum (Hg.)
Volles Risiko!
Glücksspiel von der Antike bis heute
Volkskundliche Veröffentlichungen Bd. 9

G. Braun 2008, 288 S., 359 Farbabb.
ISBN 978 3 7650 8387 7

Glücksspiel Volles Risiko!: Glücksspiel von der Antike bis heute

“Glückspiel von der Antike bis heute” ist wesentlich mehr als nur ein umfangreicher Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung (12. April bis 17. August 2008) des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe. Glückspiele in ihren vielfältigen Varianten - inklusive des Betrugs -, deren Nebenaspekte an realen und virtuellen Orten bis hin zu Sucht und Recht werden von 20 KulturwissenschafterInnen, Psychologen und einem Juristen überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. 

Gleich zum Auftakt werden die vier Spielekategorien vorgestellt: Games, Sports, Acting und Gambling. Während bei Brett-, Bewegungs- und Gestaltungsspielen Spaß aus dem aktiven Tun der TeilnehmerInnen bezogen wird, ist es für den inaktiven Wettspieler die immer wieder neue Möglichkeit des Gewinnens, die das Vergnügen beschert. Kein Wunder also, dass es so viele Darstellungen der Fortuna gibt, mindestens soviele wie Möglichkeiten sein Glück und Geld beim Würfeln zu verspielen.

Würfeln ist übrigens seit der Antike bekannt, beliebt und oft verfemt. Geschicklichkeits- oder Zahlenspiele mit natürlichen Astragali (Spunggelenkknochen) und hergestellten sechseitigen Würfeln waren weitverbreitet. Und wie überall, wo es etwas zu gewinnen gab und gibt, wurde und wird betrogen, wie auch schon archäologische Funde belegen. Wie oft auch bleibeschwerte Würfel zerschlagen worden sein mögen, das Würfeln ist nicht totzukriegen. Nichteinmal sprachlich: Der Hasardeur, der Spieler, der Draufgänger, ist eigentlich ein Würfler (Arabisch: “az-zahr”, Spielwürfel), der alles von einem Wurf abhängig macht. Spielkarten und Glücksspiel bilden zumindest ab dem 14. Jahrhundert ebenfalls eine untrennbare Einheit. Ihre Erfolgsgeschichte war trotz massiver - wenig erfolgreicher - Verbote in Mittelalter und Neuzeit nicht aufzuhalten und zieht sich quer durch alle Stände. Karten und ihr Zubehör  sowie Darstellungen der Spielenden sind Legion. Eine sprechende Auswahl wurde für diese Publikation getroffen.

Nicht vergessen wurde “Das große Los”, das man bei der Lotterie ziehen konnte. Zudem ein gutes Beispiel wie schnell Verbote gelockert und moralische Finger gesenkt werden, wenn die Obrigkeit/der Staat nur kräftig mitschneiden kann. Die Vorläufer von “6 aus 49″ (in Österreich aus 45) reichen bis ins Mittelalter zurück. Die Entwicklung des beliebten Glücksspiels nach 1945 ist nicht minder interessant. Also, dass es einen Lottotourismus von Baden-Württemberg, wo das Spiel 1957 noch nicht eingeführt war, Richtung Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz gab, ist schon amüsant. Andererseits sind Österreicher noch viel länger - bis 1986 -  Richtung Deutschland gefahren, wenn sie nicht das 1752 von Maria Theresia eingeführte heimische Zahlenlotto (1-90) spielen wollten…

Und wäre das Spiel ohne die Sportwette? Nichts, denn auf den Sieg im Sport haben schon Griechen und Römer ihren Spargroschen gesetzt. Wagenrennen unterscheiden sich kaum von den gesellschaftlichen Gepflogenheiten auf modernen Rennbahnen. Trophäen und Darstellungen von tierischen und menschlichen Siegern begleiten die Ereignisse. Und untrennbar damit ist übrigens Toto verbunden, das wir den Engländern, die damit in den Goldenen Zwanzigern angefangen haben, verdanken.

Spiele und Akteure brauchen einen Veranstaltungsort, der zu verschiedenen Zeiten mehr oder minder öffentlich sein kann, oder ein Fest. Die Darstellungen hierzu sind beim genaueren Betrachten ein steter Quell des Genusses, denn in keiner anderen Lebenslage werden Menschen ausdrucksvoller zwischen Glück und Elend  mit Stichel, Feder und Pinsel eingefangen.

Das Werden der Spielbank in Baden-Baden und mechanisches Glücksspiel werden gegen Ende des Bandes analysiert. Falschspiel, Zocken im Internet, Spielsucht und rechtliche Aspekte runden ein ungemein spannendes Buch zu einem Thema ab, das niemand kalt lässt.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis wertet die inhaltlich gelungene und auch produktionstechnisch hochwertige Publikation, die weit über die Ausstellung hinaus Bestand haben wird, ab. 

Eindeutig nicht mit Tolstoi vergleichbar, der “Volles Risiko!” 1857 in Baden-Baden in sein Tagebuch schrieb und beim Spiel - zumindest an diesem Tag - alles verlor. Die an diesem Buch Beteiligten haben nicht nur auf eine Karte gesetzt und daher das große Los gezogen, denn sie haben eine herrliche kulturgeschichtliche Zusammenschau des Glücksspiels vorgelegt. Wunderbar geschrieben, anschaulich mit Bildern belegt und sie haben quer durch die Zeiten Spieler und ihre Spiele verfolgt. So müssen Kataloge sein, um Fachpublikum und interessierte Laien gleichermaßen zu erfreuen.

© S. Strohschneider-Laue

Volles Risiko!: Glücksspiel von der Antike bis heute

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Licht & Wärme

Freitag, 24. Oktober 2008

Non Fiction

Ingeborg Gaisbauer, Christine Ranseder, Sylvia Sakl-Oberthaler
Licht & Wärme
Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Phoibos 2008, Wien Archäologisch Bd. 4, 86 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 85161 003 1

Licht und Wärme Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit

In Österreich ist diese von Christine Ranseder für die Bundeshauptstadt Wien attraktiv designte Archäologie-Reihe konkurrenzlos. Auch mit Band “Licht & Wärme” gelingt es wie schon bei Michaelerplatz, Wasser und Knochen populärwissenschaftliche Leichtigkeit mit archäologischem Anspruch zu verknüpfen. In gewohnter Ausstattung wird das Thema anhand von Texten, Kartierungen, Grabungsplänen, Rekonstruktionen und Fotos von Ausgrabungen sowie Objekten leicht fassbar gemacht und ein guter Überblick über charakteristische Funde aus Wien geboten.

Menschen versuchen seitdem der erste Funke übersprang die Nacht zum Tag und den Winter zum Sommer zu machen. Auch in Wien lassen sich die Wünsche nach Licht und Wärme nachweisen. Archäologische Funde und historische Schriftquellen belegen u. a. welche soziale Rolle Licht und Wärme über die Grundsicherung hinaus spielten.
Vier Epochen der Menschheitsgeschichte waren nötig, um vom offenen Lagerfeuer, das Wärme- und Lichtspender gleichermaßen war, eine Entwicklung bis zu modernen Lampen und Heizungen zu ermöglichen. So handelt auch dieser Band die Situation in Wien seit der Urgeschichte über Römerzeit und Mittelalter bis in die Neuzeit ab.
Anhand des ältesten Feuersteinbergbaus Österreichs, der in Mauer-Antonshöhe bei Wien nachgewiesen wurde, und Funden wie Backplatten oder Kienspänen wird der Wunsch nach Licht und Wärme in der Urgeschichte anschaulich belegt.
Ausgeklügelte Heizungs- und Dämmsysteme und die Beleuchtung mit Lampen sind typisch für die Römerzeit. Zusätzlich lassen sich die sozialen und kultischen Funktionen in Wien ab der Römerzeit ebenfalls gut nachweisen.
Innen- und Außenbeleuchtung gewinnen ab dem Mittelalter zunehmend an Bedeutung. Auch wenn das in der Publikation gegebene Beispiel für Lichtnischen in einer Mauer aus dem 12. Jahrhundert unglaubhaft scheint. Gluthauben und Kachelöfen sind hingegen gute Beispiele für Feuersicherung bzw. Wärmenutzung.
In dem exzellent aufbereiteten Neuzeit-Kapitel wird nicht nur Materialkunde betrieben, sondern auch der soziologische Aspekt berücksichtigt. Öllampen, Gaslicht und Elektrolampen führten auch zu massiven sozialen Veränderungen, die adelige Machtdemonstrationen ebenso betrafen wie großbürgerliches Ökonomiedenken im Zuge der Industrialisierung. Nicht nur Rom brannte - ganz ohne Neros Befehl - mehrfach. Die stete Brandgefahr war auch im mittelalterlichen und neuzeitlichen Wien allgegenwärtig. Der Brand des Ringtheaters 1881, ausgelöst von Gaslampen, liefert mit 400 Opfern dafür ein schauerliches Beispiel.
Kachelöfen und Sparherd runden die schöne Publikation ab, die sich noch zusätzlich durch einen umfangreichen Literaturteil auszeichnet. 

© S. Strohschneider-Laue

Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit
Michaelerplatz: Die archäologischen Ausgrabungen
Wasser in Wien. Von den Römern bis zur Neuzeit

 

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Deutschland hören

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Non-Fiction

Corinna Hesse
Deutschland hören
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 02 7

Deutschland hören Deutschland hören: Eine musikalisch illustrierte Reise durch die Kulturgeschichte Deutschlands

Nominiert zum Deutschen Hörbuchpreis (2007 beste verlegerische Leistung, 2008 beste Information), war die Länderreihe schon zweimal. Die Ausstellung “Das “Auge hört mit” würdigte die Leistung auf der Leipziger Buchmesse und jetzt folgt brandaktuell der Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Also wer es bis jetzt nicht gemerkt hat, dass diese Ländereihe ein ebsno kurzweiliges wie fundiertes Hörerlebnis ist, sollte spätestens jetzt die Ohren aufsperren und zuhören.

Gelegenheit dazu bietet “Deutschland hören”, das nach Frankreich hören und Türkei hören den diesjährigen Länderreigen schließt. Passend zum Tag der Deutschen Einheit erscheint die moderne Silberscheibe, die grün und golden wie die urzeitliche Bronzescheibe von Nebra gestaltet ist. Ein optischer Geniestreich, denn das bronzezeitliche Objekt aus Deutschland hat weltweite Schlagzeilen gemacht und kulturelle Wellen geschlagen. Sie macht auch den thematischen Auftakt zu den zwanzig Hörkapiteln rund um das kulturelle “Deutschland”. Die “Germania” des Römers Tacitus, die Merseburger Zaubersprüche und Hildebrandslied, mit der passenden musikalische Untermalung von Duivelspack, werfen bezeichnende Schlaglichter römische Wahrnehmung und germanische Selbstsicht. Nach dem geschmiedeten Himmel, im Spiegel des Feindes und Wodans Fährte, wendet sich die CD dem Bildung mit System unter Karl dem Großen zu. Schöner Schein und blutiger Ernst (Walther von der Vogelweide, Nibelungenlied) beschließen das Mittelalter. Mit dem brennenden Gott (Isenheimer Altar), Büchernarren - gefallene Engel und der Kraft des Wortes wird mit Grünewald, Brant, Dürer, Luther die Neuzeit eingeläutet. Meistersinger, Doktor Faust, Dreißigjährigem Krieg und Simplicissimus stehen in Folge für die Suche nach Ordnung und die Kollision von Gegensätze, während im Kapitel “Alles nach Maß und Zahl”, der harmonische Kosmos von Kepler bis Bach im Mittelpunkt steht. Philosophie und Bildung unter Friedrich dem Großen, Menschheitsdramen im Zeichen der Aufklärung von Lessing und Goethe sowie die freiheitliche Ideale am Beispiel von Schiller und Beethoven zeigen einen neuen Wendepunkt auf. Es folgt die staatliche Selbstfindung nach dem Wiener Kongress, eine Neuordnung, die in Folge die Proletarier aller Länder zur Vereinigung aufruft und 1848 für ein Jahr zu einem frei gewählten Parlament führt. Das Deutsche Reich entsteht aus Geld und Gewalt und baut auf Übermenschen und Untertanen. Die inhaltlichen und kulturellen Gegensätze prallten schon vor dem Ersten Weltkrieg aufeinander und werden anschließend zwischen Dada und Bauhaus zum neuen Ausdruck. Und trotzdem zeichneten sich die ”Notzeiten für Blechtrommler” bereits ab auch wenn man das Volk nicht abwählen konnte. Getrennte Entwicklungen unter kommunistischen und kapitalistischen Vorzeichen konnten die Identitätssuche nicht stoppen. Wie das letzte Kapitel “Von Zimmerspringbrunnen und Hobbygärtner” Deutschland treffend nach der Wiedervereinigung beleuchtet.

Ein spannender Abriss, dem man in seiner Leichtigkeit nicht anmerkt wie schwierig es gewesen sein muss in 80 Minuten nur die wesentlichsten Highlights der fast ausschließlich von Männern geprägten Kulturgeschichte herauszupicken. Die identitätstiftenden Höhenflüge sowie unmenschlichen Tiefpunkte wurden im Hörbuch “Deutschland Hören” zu einem kritischen Kulturreigen über und für die Deutsche Bevölkerung. So eingängig-nachhaltig muss Pflichtlektüre für die Ohren sein. Genial geschrieben von Corinna Hesse, genial gelesen von Rolf Becker und grafisch von Roswitha Rösch als echter Blickfang gestaltet. Bitte mehr davon!

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

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Türkei hören

Sonntag, 01. Juni 2008

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Martin Greve
Türkei hören
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 79′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 01 0

Türkei hören Türkei hören: Eine musikalisch illustrierte Reise durch die Kulturgeschichte der Türkei

Selbst erfahrene Türkeireisende werden hier in einem geballten Überblick vom mythischen Ursprung bis in die Gegenwart sehr viel bislang Unbeachtetes erfahren. In zwanzig Kapiteln begleitet man das ursprünglich nomadische Volk aus Zentralasien. Der religiöse Schmelztiegel des Islam eint die Kulturen. Die Religion, Politik und Kunst werden untrennbar und die Ausweitung des Reichs aus Zentralanatolien gen Westen unaufhaltbar. 1366 fällt Adrianopel, 1453 schießen die Osmanen ein Loch in die mächtige Stadtmauer von Byzanz. Die letzte Erinnerung an oströmisches Erbe wird damit ausgelöscht. Die Hagia Sophia wird von christlicher Kirche zur Moschee deklariert. In kurzer Zeit wird die Stadt Konstantinopel zur Mega-City mit 400.000 Einwohnern. Erfolgreiche Kriegszüge lassen die Janitscharen, die Infantarie, in Folge zum Schrecken Europas werden. Bereits 1529 stehen sie - allerdings vergeblich - vor den Toren Wiens und 1683 belagern sie die Stadt wieder erfolglos. Das türkische Heer hat für Europa einen Teil seines Schreckens eingebüßt, dafür wird die türkische Kultur zur Mode. Aber auch der Austausch mit den westlichen europäischen Kulturen hat seine Spuren unter anderem in Musiktradition oder den Militärreformen des 19. Jahrhunderts hinterlassen.

Vom frühen Dichter Yunus Emre bis zum Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk der Gegenwart spannt sich der literarische Bogen. Kalligraphie, Buchdruck und Malerei, Musik, Tanz und Islam gehen in der türkischen Kultur eine einzigartige Verbindung ein, die vom großen Vielvölkerstaat geprägt wird. Leichthändig und politsch sensibel, wird die Türkei als vielschichtiger und historisch wechselvoller kultureller Reigen präsentiert. Lebendig, sinnlich und traurig sind die ausgewählten Musikzitate. Sie stehen als harmonischer und dennoch fast gleichwertiger Bestandteil neben der ruhigen Stimme des Sprechers Ercan Durmaz. Mit roten Tulpen und weißen Derwischen auf türkisem Hintergrund hat Roswitha Rösch wieder kluges Gespür für passendes Cover- und Bookletdesign bewiesen.

Man muss die Silberfuchsreisen einfach alle haben. Unglaublich, aber fast besser als eine echte Reise und viel billiger! Ganz abgesehen davon, ist die Türkei Gastland der Frankfurter Buchmesse 2008. Kurzweiliger und stimmiger kann man sich wirklich nicht kulturhistorisch über die Türkei informieren.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

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Frankreich hören

Freitag, 30. Mai 2008

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Barbara Barberon-Zimmermann
Frankreich hören
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9810 7258 7

Frankreich hören Frankreich hören: Eine musikalisch illustrierte Reise durch die französische Kulturgeschichte bis in die Gegenwart

Die neueste Ohrenreise führt nach Frankreich und nimmt ihren Ausgang nach dem Einsetzen der Schriftgeschichte. Gergovia und die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Galliern und Römern machen somit anhand des berühmtesten und französischsten aller Franzosen - Asterix - den Auftakt. Wie bei Asterix ist der Sieg in Erinnerung während die endgültige Okkupation durch der Römer verdrängt wird.

In der gebotenen Fülle ist für die exzellente Audio-CD der knappe Einstieg trotzdem kein Schaden. Die wichtigsten kulturhistorischen Ereignisse folgen in einem attraktiven Reigen. Bestechend ist auch wieder die ausgewogene Mischung aus Musik und Text. Zwanzig geballte Kapitel für über zweitausend Jahre französische Geschichte bieten einen guten Überblick über Krieg und Frieden sowie Kunst und Kultur, die den Nährboden stellen aus denen Staaten entstehen. Von Galliern und Römer, Karl der Große, Troubadoure und durch die Jahrhunderte immer wieder Literatur, Kathedralen, Johanna von Orléans, Bartholomäusnacht, Sonnenkönig, Revolution, Impressionisten und Surrealisten bis zur Kultur der Erinnerung entsteht beim Hören ein eindrucksvolles Porträt vom Werden Frankreichs.

Vielschichtig aufbereitet, mit genialer musikalischer Umrahmung und nicht zu letzt eindringlich von Dietmar Muse gelesen, schafft es die CD neugierig auf Frankreich und mehr zu machen: Vor allem mehr Musik und mehr Literatur. Interessant, was man plötzlich wieder für Bücher aus den Regalen zieht und welche Musik man plötzlich wieder in den CD-Player schiebt.

Es ist zwar schade, dass auf wesenliche Teile der Urgeschichte mit ihren exzeptionellen archäologischen Funden und Orten verzichtet wurde, die trotz mangelnder schriftlicher Zeugnisse dieser frühen Epochen hätten berücksichtigt werden können, aber der geballte 2000jährige “Rest” ist wahrlich genug für eine einzige Audio-CD.

Fest steht, dass man bei dieser Hörbuchserie süchtig wird. Und das geling mit Frankreich hören allemal, zumal auch die optische und haptische Ausstattung von Roswitha Rösch wieder äußerst ansprechend gelungen ist.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

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Israel hören

Mittwoch, 23. April 2008

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Corinna Hesse
Israel hören. Das heilige Land
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 80′, 16 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 00 3

Israel hören Israel hören - Das heilige Land (Audio-CD)

Am 14. Mai 1948 proklamierte Ben Gurion den Staat Israel. Der 60. Gründungstag Israels im Jahr 2008 ist Anlass für die klingende Reise “Israel hören”. Die Audio-CD erscheint am 13. Mai in der bewährten Länderreihe (s. a.  Rezensionen zu China hörenRussland hören, Ungarn hören; Hörproben Silberfuchs Verlag) der beiden Kulturjournalistinnen Corinna Hesse und Antje Hinz.

In 80 fesselnden Minuten wird der zeitliche Bogen von den biblischen Überlieferung bis in die Gegenwart gespannt. Die dramatische Geschichte, die von Vertreibung und Verfolgung ebenso gekennzeichnet ist wie von kultureller Hochblüte und Rückkehr, wird anhand wesentlicher Ereignisse aufgezeigt. Viele davon sind nicht nur archäologisch nachgewiesen, sondern im meist gelesenen Buch der Welt, der Bibel, schriftlich überliefert. Die verbindende Elemente und Ursprünge der drei großen Weltreligionen werden dabei sensibel abseits der religiös-politischen Reibungsflächen in die historischen Betrachtungen einbezogen. Die Bewahrung alter Traditionen als zentrales Element wird leicht verständlich aufbereitet. Die sich aus der wechselvollen Geschichte ergebende kulturelle Brücke aus Orient und Okzident wird zuletzt noch anhand der Sichtweisen zeitgenössischer Künstler aufgezeigt.

Interessierte Menschen jeden Alters zu erreichen, gelingt der Länderreihe spielend. Das Ziel mit “Israel hören” insbesondere jüngere Menschen anzusprechen, geht jedenfalls vollinhaltlich auf. Die akustische Reise durch die wechselvolle Kulturgeschichte macht nicht nur neugierig auf mehr, sondern lädt immer wieder aufs Neue zum Hineinhören ein. Zum inhaltlichen Hörgenuss mischen sich passende musikalische Sequenzen. Die Stimme Rolf Beckers, der sich wieder als genialer Erzähler erweist, hält die Spannung bis zum letzten Wort aufrecht. Das Booklet, das wieder wesentlich mehr als nur Inhaltsverzeichnis ist und daher seinem Namen auch gerecht wird, ist von Roswitha Rösch themenbezogen gestaltet worden. Eine kleine, feine optische Ergänzung zum akustischen Genuss.

Hörprobe

© S. Strohschneider-Laue

höre auch:
China hören
Deutschland hören
Frankreich hören
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Indien hören

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Ungarn hören

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Kunsthistorisches Museum Wien

Sonntag, 13. April 2008

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Das Kunsthistorische Museum in Wien
Prestel 2007, 239 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7913 3603 9

Kunsthistorisches Museum Wien Das Kunsthistorische Museum Wien

Wien-Touristen werden kaum auf den Besuch des Kunsthistorischen Museum verzichten; denn der imposante Museumsbau beherbergt die kaiserliche Sammlung. Das 1891 eröffnete Museum präsentiert dem Publikum die Ägyptisch-Orientalische Sammlung, Antikensammlung, Gemäldegalerie und das Münzkabinett. Die Kunstkammer ist seit 2002 leider nicht öffentlich zugänglich, wird aber mit wichtigen Stücken in dieser Publikation berücksichtigt.
Die Vielfalt der Sammlungen sowie die große Fülle an Ausstellungstücken bedarf einer guten Vorbereitung. Und genau dafür ist dieser Museumsführer hervorragend geeignet. Der Band beginnt mit der Baugeschichte des Hauses, die im Zusammenhang mit dem gegenüberliegenden Zwillingsbau des Naturhistorischen Museums zu betrachten ist. So interessant die Exponate sind, der Bau selbst verdient auch einige Aufmerksamkeit; denn er weist etliche Besonderheiten auf. Ein genauer Blick auf Haus und Räumlichkeiten lohnt sich und wird gleich im ersten Kapitel spannend vorgestellt. Das Architekturkonzept reicht von allegorischen Darstellungen auf der Fassade über Fresken von Makart und Klimt bis zum Einbau von antiken ägyptischen Orignalsäulen (in tragender Funktion!) im Bereich der heutigen Ägyptisch-Orientalischen Sammlung.
Nicht immer glücklich formuliert so doch fachlich korrekt, wird jede Sammlung des Hauses mit seinem Aufbau, Bestand und wichtigen Stücken von namhaften WissenschafterInnen des Kunsthistorischen Museums vorgestellt. Ein genial-präziser Überblick in bestechender Optik, der trotz seiner stattlichen Informationsülle ein handliches und strapazfähiges Format bewahrt hat. Ein unverzichtbares Buch für Kulturreisende die Wien ansteuern und Einheimische die bisher dachten, dass sie alles über das Kunsthistorische Museum wüssten.
© S. Strohschneider-Laue

Arcimboldo. 1526-1593
Die Entdeckung der Natur: Naturalien in den Kunstkammern des 16. und 17. Jahrhunderts
Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums Wien: Bd 8/9

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China Schätze

Freitag, 11. April 2008

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Schätze aus dem Nationalen Palastmuseum, Taiwan

1000 Jahre haben die chinesischen Kaiser gesammelt und etliches davon war schon damals bedeutend älter. Sie schöpften dabei aus der kulturellen Fülle und den wertvollsten Ressourcen ihres riesigen Reichs. Bereits zur Gründungszeit der Sammlung (Song-Dynastie 960-1279) wurde sie - ganz im bürokratischen Sinne dieser Zeit - katalogisiert. Unter allen Herrschern wuchs der KaisersiegelKaisersiegelBestand an. Während der Qing-Dynastie (1644-1911) erreichte er seinen Höhepunkt. Kaiser Qianlong (1736-1795) zeichnete sich unter der langen Reihe als eifrigster Sammler aus. Gemeinsam ist allen diesen kaiserlichen Sammlern, dass sie bis heute über die Stücke - oft auch sehr persönlich - fassbar werden. Nicht nur ihre politische und philosophische Weltsicht, sondern auch ihre Vorlieben und kreativen Fähigkeiten sind erkennbar. Die Bewahrung des kulturellen Erbes gehörte zur Erfüllung des “himmlischen Mandats” des chinesischen Herrschers, von dem auch erwartet wurde nicht nur Kunstkenner, sondern auch selbst Künstler zu sein.

Die Sammlung überdauerte Dynastien, Fremdherrschaften, Kriege und die Odyssee zwischen 1933 und 1965, die sie an ihren jetzigen Standort in Taipeh (Taiwan) führte. Das Nationale Palastmuseum beherbergt heute eine Sammlung mit über 650.000 Objekten. Das KHM zeigt von 26. Februar bis 13. Mai 2008 aus dem reichen Bestand 120 ausgewählte Stücke.

Die erzählerische Kraft der Stücke ist groß. So sieht man von Kaiser Xuande nicht nur ein Prunkporträt, sondern auch eine von ihm gefertigte meisterliche Pinselzeichnung von Affenmutter mit Kind.
Das kupferrote Kännchen mit eingeschnittenem Lotosblütendekor, das unter Xuande in die Sammlung kam, ist einmal im Original und einmal auf einem Bild von Guiseppe Castiglione (1688-1766) zu sehen. Der Jesuit war Hofmaler unter drei Qing-Kaisern und beeinflusste die chinesische Malerei durch seinen westlichen Stil maßgeblich.

Dass auch Kaiser irren können, zeigt sich in der Fehlbeurteilung einer flachen Schale. Die wertvolle Schale deren Füßchen - vermutlich nach einer Beschädigung - kunstvoll entfernt worden waren, wurde fälschlich als Hundenapf bezeichnet. Eine nette Geschichte, die zeigt wie lebendig Sammlungsgeschichte sein kann.

Kalligraphien sind ebenso vertreten wie bildliche Darstellungen, die mit Texten kombiniert sind. Schade, dass die Mehrheit die Schriftzeichen nicht lesen können und so die Inhalte verborgen bleiben und nur die ansprechende Form gefällt. Die 1736 entstandene Bildrolle zum Begräbnisfest ist hingegen eine Entdeckungsreise für alle. Sie ist elf Meter lang und von einer erzählerischen Kraft, die man bei TV-Produktionen vergeblich sucht. Die Besucher nähern sich beidseitig des Flusses und über die Brücke den Stadtmauern. Jeder Mensch, jedes Tier, Gebäude, Fahrzeug oder Schiff erzählt eine Geschichte. Eine Flut von Darstellungen halten Abschnitt für Abschnitt die Augen gefangen. Kaum meint man alles entdeckt zu haben, wird ein weiteres winziges Detail sichtbar, vom vollgepackten Händler bis zum Haus mit westlichen Elementen. Allein mit dieser Rolle könnte man sich Ewigkeit beschäftigen. Hier nimmt man gerne in Kauf, dass das gedimmte Licht dem Schutz der Rolle dient.

Man sollte sich Zeit nehmen für diese Ausstellung und nicht nur um den üblichen exorbitanten Eintrittspreis ins KHM auszunutzen. Die Objekte verdienen und erfordern eine genaue Betrachtung. Über eine gute körperliche Beweglichkeit sollte man aber auf jeden Fall verfügen oder von Natur aus kleingewachsen sein. Teeschalen, die besonders exquisit verziert sind, stehen nämlich nicht auf einem Spiegel oder auf einem Sockel, der in etwa der Augenhöhe des ohnehin kleinen Durchschnittsösterreichers entspricht. Leider befinden sich die meisten Schalen in Hüft- und Bauchhöhe, was wenig Sinn macht, wenn nicht die Innenseite, sondern die Außenseite das attraktivere von beiden ist. Die beste Sicht hat man daher, wenn man sich mit regelmäßigen Kniebeugen durch die Ausstellung bewegt. Den Vorteil groß zu sein schöpft man hingegen aus, wenn man Stücke, die rundum geschnitzt oder bemalt sind, genauer betrachten möchte. Auf einem langestreckten Sockel stehen die Objekte in einer Doppelreihe. Jedes davon mit einem gläsernen Sturz bedeckt und daher am besten in der Frontalen zu sehen. Nun schlägt die Stunde der großen BesucherInnen. Sie erheben sich von ihren Knien auf die großen Zehen. Balancierend renken sie sich den Hals schlangengleich aus, um auch das letzte erzählerische Detail auf der Rückseite aufnehmen zu können. Aber Sport ist ja gesund und für diese Stücke lohnt es sich davor auf die Knie zu fallen oder sich zu recken.

Zu viel Information darf man natürlich in den beiden Räumen nicht erwarten, schließlich möchte das Haus auch einen Katalog verkaufen. Nach einer chronologischen Übersicht kann man sich mit den ersten Raumtexten zu den wichtigsten Materialien wie z. B. Jade, Porzellan oder Bronze informieren. Die Objekttexte sind erfreulicher Weise nicht nur auf Objektansprache, Datierung sowie die Inventarnummer reduziert. Sie bieten bei ausgewählten Stücken auch spannende Zusatzinformationen. Die Texte selbst sind wie üblich im akademisch getragenen Stil des 19. Jh. abgefasst und passen gut zur Erbauung des Hauses. Das interessierte Publikum, das nicht in höhere akademische Sphären entschwebt ist, sondern einen Brotberuf ergriffen hat, sei daher ein Fremdwörterlexikon empfohlen. Dass die Lauflänge der Texte zu groß, der Durchschuss zu schmal und die Schriftgröße zu klein ist, hat schon missgestalterische Tradition. Wer ein Lesebrille braucht, muss sie sowie so parat haben, um die Details der Objekte wirklich erforschen zu können.

Hingehen und in aller Ruhe anschauen. Die Ausstellung ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht immer Unmengen sein müssen. Es ist erfreulich, dass das vielfach überstrapazierte Wort “Gold” hier für den Ausstellungstitel nicht verwendet werden konnte. “Jade” ist aufgrund des fehlenden kulturellen Kontextes im Westen nicht so zugkräftig und deshalb hat man voll und ganz gerechtfertigt auf “Schatz” zurückgegriffen. Schönheit, Qualität, Einzigartigkeit und historischer Zusammenhang machen den Hauptanteil des Schatzes aus, dass die Objekte ebenso unersetzlich wie unbezahlbar sind, steht sowieso außer Frage.

© S. Strohschneider-Laue

Schätze der Liao
Im Zeichen des Drachen. Von der Schönheit chinesischer Lacke
Xi’an - Kaiserliche Macht im Jenseits
Schätze der Himmelssöhne
Chinesische Jade

Sichuan Restaurant Wien

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