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Korsett: figur in form

Donnerstag, 24. Januar 2013
Non-FictionEbensolch Rez-E-zine 73/13

Josephine Barbe
figur in form
Geschichte des Korsetts
Haupt, Bern 2012, 378 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 2580 7763 5

figur in Form. Geschichte des Korsetts Figur in Form: Geschichte des Korsetts

Der K(r)ampf mit Taille und Busen

Als man sich noch nicht dem Messer des Schönheitschirurgen ausliefern konnte, griffen Frauen zum Korsett, um ihre weiblichen Reize zu betonen. Der panzerartige Figurformer sexualisierte den Frauenkörper, indem er den Busen hob und die Hüften betonte. Die auf Kosten der Bewegungsfreiheit erlangte Idealfigur mit schlanker, jugendlich anmutender Taille entsprach den männlichen Wunschvorstellungen. Generationen von Müttern zwängten ihre Töchter in Korsetts, um ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt - und damit auf ein wirtschaftlich abgesichertes gutes Leben - zu verbessern. Vor allem extremes Schnüren verhieß in Zeiten sexueller Repression sinnliches Vergnügen abseits häuslicher Betriebsamkeit und war zugleich ein Zeichen für den eisernen Willen zum gesellschaftlichen Aufstieg. Es verwundert daher wenig, dass das Korsett die Gemüter erregte. Karikaturisten machten es zum Ziel ihres Spottes und gesundheitsbewusste Kritiker wiesen mit mahnendem Zeigefinger auf den durch das Schnüren verursachten Schaden für Leib und Leben hin. Doch um all dies geht es in “figur in form” nur randlich.

Das Korsett aus dem Blickwinkel der Technikgeschichte

Im Mittelpunkt des Buches von Josephine Barbe steht die Wechselwirkung zwischen technischen Neuerungen und wechselnden Modetrends. Einerseits beeinflussten der technische Fortschritt sowie die Verfügbarkeit bestimmter Materialien das Erscheinungsbild der Mode und damit des weiblichen Körpers. Andererseits regte die durch Werbemaßnahmen gesteuerte Nachfrage nach einem bestimmten Modestil wiederum zu Innovationen und Verbesserungen des Produkts Korsett an. Mit dem interdisziplinärem Balanceakt zwischen Technik-, Mode- und Kulturgeschichte bietet “figur in form” einen erfrischend neuen Zugang zur Geschichte des Korsetts.

Als Einstieg in die faszinierende Welt der stützenden Kleidungsstücke leistet das Kapitel “Schlüsselbegriffe” gute Dienste. Es streicht die Bedeutung der Taille als Konstante diverser Schönheitsideale heraus, umreißt die Inhalte wichtiger Schlagwörter des technikgeschichtlichen Jargons und bringt Klarheit in die verwirrende Vielfalt der körperformenden Unterwäsche.

Geschichte des Korsetts in drei Zeitabschnitten

Der erste Themenblock widmet sich der Konstruktion der Taille vom 12. Jahrhundert bis 1815. In diesem Zeitraum bestimmte Handarbeit die Korsettherstellung.

Im industriellen Zeitalter, dem der zweite Abschnitt gewidmet ist, erfolgte zwischen 1815 und 1900 der Übergang von der Handarbeit zur industriell hergestellten Massenware. Eine bedeutende Rolle spielten dabei drei technische Innovationen: Korsettwebstuhl, Nähmaschine und Bandstahl. Das Korsett wurde zu einem Konsumartikel, dessen Erwerb nun auch für weniger vermögende Frauen obligatorisch war. Neue Vertriebswege und der geschickte Einsatz von Werbung förderten die Nachfrage.

Die größte Überraschung hält der dritte Zeitabschnitt, der die Jahre von 1900 bis1930 umfasst, bereit. Der radikale Wandel der modischen Silhouette hatte keineswegs den Niedergang des Korsetts zur Folge. Ganz im Gegenteil! Dank des Einsatzes von Gummi gewann der Körperformer ein gewisses Maß an Flexibilität und mutierte schließlich zu Büstenhalter und Hüftgürtel.

Vom Rohstoff bis zur Vermarktung der Korsetts

Jede Periode der Geschichte des Korsetts wird nach demselben Schema abgehandelt. Dies trägt zur Übersichtlichkeit des Buches bei, erleichtert thematische Vergleiche und ermöglicht selektives Lesen. Ausgangspunkt ist stets die sich wandelnde modische Silhouette, welche die Formung des weiblichen Körpers durch das Korsett erst nötig machte. In die Nachverfolgung der unterschiedlichen Platzierung und Gestalt der Taille fließen Mode-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ein. Wie aufwändig und technisch anspruchsvoll die Herstellung von Korsetts war, wird in den Kapiteln zu Werkstoffen, Produktinnovationen und Produktion dargelegt. In Jenen zu Vertrieb und Werbung werden schließlich die Strategien untersucht, mit deren Hilfe die Korsetts an die Frau gebracht wurden.

Auf dem Weg vom Rohstoff zum fertigen Korsett spart Josephine Barbe nicht mit Details und erfreut darüber hinaus mit Exkursen zu Kuriositäten wie Wachsbusen und der Begeisterung für die Krinoline.
Besondere Aufmerksamkeit wird der Entwicklung der Korsettindustrie im Königreich Württemberg geschenkt. Sie war die Keimzelle für die beiden renommierten Unternehmen SUSA und Triumph.

Was sie schon immer über das Korsett wissen wollten

Das mit seiner Informationsfülle beeindruckende Buch “figur in form. Geschichte des Korsetts” kann seinen Ursprung als Dissertation nicht verleugnen. Das macht nichts. Die akribisch recherchierte Arbeit ist eine Fundgrube an Wissenswertem über körperformende Unterwäsche und ihre Herstellung. Interessantes Bildmaterial ergänzt Josephine Barbes übersichtlich gegliederten, gut lesbaren Text. Das verdienstvolle Werk eignet sich hervorragend als Handbuch, nicht zuletzt wegen seines ausführlichen Anhangs: Eine Systematisierung der Korsettformen, ein Glossar sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis, das auch Internetquellen berücksichtiget, rundet die umfassende Publikation ab.

Fazit

“figur in form” ist eine willkommene Bereicherung der Literatur zum Korsett, einem der kontroversiellsten Kleidungsstücke der Frauenmode.

© Ch. Ranseder

figur in Form. Geschichte des Korsetts Figur in Form: Geschichte des Korsetts

Siehe auch

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel - Rezension

Ebensolch
Teeblätter
Textzone

Archäologie: Schloss Kaiserebersdorf

Sonntag, 09. Dezember 2012
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 72/12

Heike Krause, Michael Schulz, Christine Ranseder, Gabrielle Scharrer-Liška
Schloss Kaiserebersdorf.
Vom Adelssitz zur Justizanstalt
Phoibos 2011, Wien Archäologisch 7, 128 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8516 1048 2

Schloss Kaiserebersdorf Schloss Kaiserebersdorf: Vom Adelssitz zur Justizanstalt

Archäologie: fachlich korrekt - locker vorgestellt

Der siebte Band der Reihe “Wien Archäologisch” ist dem kaiserlichen Jagdschloss in Kaiserebersdorf gewidmet. Heute gehört das Schloss zum Stadtgebiet von Wien. Das war nicht immer so. Als die Burg im Mittelalter auf einer geschenkten Wiese gegründet wurde, lag sie weit außerhalb der Stadt. Was von der wechselhaften Geschichte des Gebäudes im Zuge der Untersuchungen archäologisch fassbar wurde, wird in diesem Band berichtet.

Burg, Jagdschloss, Armenhaus -
Kaserne, Monturdepot, Gefängnis

Der handliche Band ist in sieben Kapitel gegliedert. Sie sind der 1994 begonnenen Grabung und Bauforschung, der historischen Entwicklung, der Lage und Umgebung des Schlosses, dem Baumaterial und Steinmetzzeichen, den acht Bauphasen, ausgewählten Funden sowie dem Friedhof gewidmet. Viele, die Wien heute kennen und sich mit der Stadtentwicklung nicht vertraut gemacht haben, wissen nicht, wie feucht, vom Hochwasser gefährdet und damit eigentlich siedlungsfeindlich das Gelände rund um Wien tatsächlich war. Allerdings bot die Aulandschaft hinsichtlich des Wildbestandes perfekte Jagdbedingungen. Auch Kaiserebersdorf war von einem Auwald umgeben. Eine Tatsache, die Kaiser Maximilian I. 1499 wohl bewogen haben dürfte, die Besitzer in einen Tauschhandel zu zwingen. Nachfolgend sollten Flussregulierungen vor den jährlichen Überschwemmungen schützen, zahllose Umbauten, Ausbauten und vor allem Renovierungen folgten an der Gesamtanlage in den nächsten Jahrhunderten. Der jeweilige Zweck bestimmte die Maßnahmen und vor allem die dafür bewilligten Ausgaben. Wirtschaftlich stand Schloss Kaiserebersdorf nicht als Einzelgebäude in der Landschaft. Die zugehörige Ortschaft, die Pfarrkirche, Schloss Thürnlhof - selbst mit einer überaus wechselvollen Geschichte -, das gewaltige Schloss Neugebäude und das Jagdschloss bedingten einander.

Archäologie und Archiv

Mit der Ausgrabung von Funden und Befunden sowie deren wissenschaftliche Aufarbeitung und Auswertung war es bei Schloss Kaiserebersdorf nicht getan. Deutlich ist den Texten zu entnehmen, dass auch eine minutiöse Archivarbeit erforderlich war. Die Sichtung und Beurteilung aller verfügbaren Quellen ist immer wichtig. Besonders spannend wird dies aber, sobald sich zu den archäologisch gewonnenen Erkenntnissen solche aus schriftlichen Quellen gesellen. Es bedeutet nämlich nicht, dass es dadurch einfacher, klarer und übersichtlicher wird. Ganz im Gegenteil, oft genug stellen sich während der Bestandsaufnahme mehr Fragen als Antworten gefunden werden können. Besonders erbaulich daher, dass es dem Autorenteam gelungen ist, einen verständlichen Abriss einer komplexen Baugeschichte zu verfassen.

Fazit

Das Warten auf diese Publikation hat sich Hinsicht gelohnt und der Erwerb lohnt sich ebenfalls. Von der ersten archäologischen Untersuchung bis zur monografischen Fachpublikation Die archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen im Schloss Kaiserebersdorf dauerte es rund 15 Jahre. Dass drei Jahre später mit vorliegendem “Schloss Kaiserebersdorf. Vom Adelssitz zur Justizanstalt” auch ein publikumsgerechter Band für interessierte Laien vorgelegt wurde, ist in Österreich nicht selbstverständlich und daher umso erfreulicher. Die Reihe “Wien archäologisch”, die von Christine Ranseder konzipiert wurde, liegt auch gestalterisch in ihren Händen. Das ist gut so, denn die Reihe hebt sich in jeder Hinsicht erfrischend inhaltlich und optisch von dem üblichen Publikationen ab, die für die schmale Schnittstelle von “hardcore” Fach- und populären Sachbuch produziert werden.

© S. Strohschneider-Laue

Schloss Kaiserebersdorf Schloss Kaiserebersdorf: Vom Adelssitz zur Justizanstalt

siehe auch23. September 2007

Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit
Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Michaelerplatz: Die archäologischen Ausgrabungen
Wasser in Wien. Von den Römern bis zur Neuzeit

Ebensolch
Teeblätter
Textzone

Sahibs, Sklaven und Soldaten

Freitag, 27. Juli 2012
Non-FictionEbensolch Rez-E-zine 71/12

Michael Mann
Sahibs, Sklaven und Soldaten

Geschichte des Menschenhandels rund um den Indischen Ozean
Philipp von Zabern 2011, 254 S., Sw-Abb.
ISBN 978 3 8053 4363 3

Menschenhandel: Sahibs, Sklaven und Soldaten Sahibs, Sklaven und Soldaten. Geschichte des Menschenhandels rund um den Indischen Ozean

Sklaverei und Menschenhandel

Aus dem Inhalt

Die Studie entstand - ausgelöst von zwei Vorlesungen und begleitet von etlichen Seminaren - im Laufe von zehn Jahren. In fünf Kapiteln wird die Sklaverei einer näheren Betrachtung aus vorwiegend europäischer Sicht unterzogen, wobei der Fokus auf die Gebiete rund um den Indischen Ozean liegt. Von wenigen antiken Quellen ausgehend, wird Sklaverei umschrieben, um anschließend, asiatisch kleinräumig die Sklavenarbeit einerseits sowie den Sklavenhandel andererseits bis zu deren - versuchten und vermeintlichen - Abschaffung abzuhandeln. Ein Blick auf die Sklaverei, Globalgeschichte und Globalisierung im 19. Jh. beendet die Betrachtungen. Anmerkungen, ein erfreulich umfangreiches Literaturverzeichnis sowie ein benutzerfreundliches Register komplettieren den Band.

Sklaverei einst und jetzt

Am Anfang der Sklaverei steht Arbeitskräftebeschaffung. Sklaverei als Alternative zur Todesstrafe zu betrachten, war die einfachste Form dieser Beschaffung. Zugleich verlor die betreffende Person jegliche Rechte und wurde zur besitzbaren Sache. Die Folge: Der Sklavenhandel gedieh und blüht bis heute. Denn erfolgreicher Handel ist gewinnmaximierend markt- und zielgruppenorientiert, der sich auf billige Beschaffung von Mangelwaren konzentriert.

Schon in frühen Schriftquellen werden Sklaven erwähnt, ihre Rechte definiert. Schriften antiker Autoren bieten zahlreiche Blickwinkel zur Sklaverei, die, wären sie in der Einführung berücksichtigt worden, die Allgemeinplätze aussagekräftig ergänzt hätten. Eine breitere Perspektive wäre auch in späterer Zeit und z. B. aus moslemischer Sicht möglich gewesen.

Letztlich gilt: Der ökonomische Vorteil von Sklaverei ist für alle Beteiligten, außer den Betroffenen selbst, enorm. Kein Wunder, dass es bis 1946 (Vereinte Nationen) gedauert hat, dass Leibeigenschaft, Frondienst, Schuldknechtschaft etc. als Sklaverei definiert wurden. Sklaverei ist häufiger als jede andere Form von Gewalt wie Joana Adesuwa Reiterer anlässlich des Women’s World Congress 2009 in Wien - begleitet von erschütternden Fakten rund um 12 Millionen Menschen - ausführte. Aspekte, denen in den historischen Betrachtungen nur randliche oder gar keine Beachtung geschenkt wird. Schade, denn das Schlusskapitel “Sklaverei, Globalgeschichte und Globalisierung”, dass sich in seinem kurzen Abriss auf das 19. Jh. bezieht, hätte dazu ausreichend Gelegenheit geboten, über den kolonialen Tellerrand hinauszublicken.

Fazit

Der Verdienst von “Sahibs, Sklaven und Soldaten” ist, sich der Sklaverei rund um den Indischen Ozean anzunehmen. Der Anteil am Menschenhandel sowie das Verhältnis der europäischen Mächte zur Sklaverei wird deutlich herausgearbeitet.

Die Schwäche von “Sahibs, Sklaven und Soldaten” ist, die mangelnde interdisziplinäre Zusammenarbeit, die ein solches Projekt erfordern würde, um es in seiner Komplexität aufzuarbeiten. Man muss der Arbeit allerdings zu Gute halten, dass dies den hier vorgelegten Rahmen bei weitem sprengen würde.

© S. Strohschneider-Laue

Menschenhandel: Sahibs, Sklaven und Soldaten Sahibs, Sklaven und Soldaten. Geschichte des Menschenhandels rund um den Indischen Ozean

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