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Archäologie: Unterwasser

Donnerstag, 23. Oktober 2014
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 78/14

Florian Huber, Sunhild Kleingärtner (Hgg.)
Gestrandet - Versenkt - Versunken

Faszination Unterwasserarchäologie

Wachholtz, Neumünster, Hamburg 2014, 364 S., zahlr. Farbfotos und Abb.
ISBN 978 3 5290 1450 5

gestrandet versenkt gesunken Gestrandet - versenkt - versunken: Faszination Unterwasserarchäologie

Hohes Niveau für große Tiefe

Die Kombination aus Tauchen und Archäologie ist „nur” eine Methode, um Forschung in „unwegsamem Gelände” - u. a. in Extremräumen wie Höhlen oder Brunnen - zu ermöglichen. Landesaufnahmen finden eben überall, so auch subaquatisch statt. Dass die Unterwasserarchäologie trotzdem immer vom Hauch des Spektakulären umgeben ist, macht die Allgemeinheit neugierig genug, um sich mit dem Thema näher vertraut zu machen. Den beiden Herausgebern ist es mit „Gestrandet - Versenkt - Versunken” gelungen, seriöse Forschung, auf hohem wissenschaftlichen Niveau und trotzdem breitenwirksam attraktiv vorzulegen.  Gut, dass sie die Geschichte des Forschens unter Wasser, ihre Methoden und Ergebnisse als Prachtband gestaltet ließen.

Vom Forschen, Tauchen und Fotografieren

Gut strukturiert, werden in sechs Kapiteln Methoden und Ergebnisse der archäologischen Forschung unter Wasser anhand ausgewählter Beispiele und in einzelnen Beiträgen vorgelegt. Dass diese Abhandlungen ausgezeichnet layoutiert und farblich zum Thema passend - harmonisch aufeinander abgestimmte Gewässerfarben; überwiegend Blaunuancen - dargeboten werden, erfreut das Auge und ist ein zusätzlicher Bonus.

Unterwasserarchäologie und Denkmalschutz

Das erste Kapitel führt in das Thema Unterwasserarchäologie ein und würdigt auch den wichtigen und komplizierten Schutz des kulturellen Erbes unter Wasser.
Martin Mainberger und Timm Welski machen mit einem forschungsgeschichtlichen Abriss aus mitteleuropäischer Sicht zur Unterwasserarchäologie den Auftakt. Von den Anfängen über die ersten technischen Hilfsmittel bis zur modernen Ausbildung spannen sie den Bogen.
Gleich anschließend stellt Ulrike Guèrin die Maßnahmen, die im Rahmen der UNESCO und den Schutz des Kulturerbes unter Wasser - auch hinsichtlich internationaler Aspekte - getroffen werden, in den Mittelpunkt. Ausgehend von der Konvention von 2001 wird die Ist-Situation analysiert.
Unterwasserarchäologie und Tauchsport - Kulturschutz unter Wasser werden von Florian Huber und Gerd Knepel einer genaueren Betrachtung unterzogen. Theorie und Praxis sind dabei die eine Seite, während Aufklärungsarbeit die andere betrifft, um eine konstruktive Zusammenarbeit herbeizuführen.
Konservatorisches wird von Johann Müller und Reuben Shipway unter dem Titel „Kleines Tier - Große Wirkung. Wie Holzbohrmuscheln hölzerne Unterwasserfunde bedrohen”, berücksichtigt.

Von der Steinzeit bis zur Neuzeit - Archäologie querbeet

Die chronologische Rundschau eröffnen Aikaterini Glykou, Julia Goldhammer und Sönke Hartz. In taucharchäologischen Untersuchungen an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste spüren sie der versunkenen Steinzeit nach.
Carsten Mischka widmet sich detailliert drei interessanten Fundstücken - Axt und Querbeil, Geweih und Stein - aus der Kieler Förde und Schlei.
Der Beitrag von Oliver Nakoinz stellt die Schlei anhand bedeutsamer Funde und Ereignisse quer durch die Zeiten vor. Zugleich wirft er einen Blick auf die Zukunft der Schleiforschung.

Schiffsarchäologie

Das umfangreichste Kapitel wird mit einem Überblick zur Seefahrtsgeschichte Schleswig-Holsteins von Jann M. Witt von den Anfängen über die Wikinger zu Hanse sowie den Entwicklungen im 16 und 17. Jahrhundert mit einem Ausblick in die Gegenwart eingeleitet.
„Faxekalk und Schießpulver” lautet der Titel des Beitrags von Florian Huber, der das Schicksal der dänischen Jacht „Catharina Maria” aufgreift. Die dabei eingesetzten Methoden und Recherchen geben einen Einblick in die vielfältigen Maßnahmen, die gesetzt werden, um zu einer Interpretation und letztlich Wrackidentifikation zu gelangen.
Das Wrack der „Prinzessin Hedvig Sophia” wird von Jens Auer und Holger Schweitzer zum Anlass genommen, um Archäologie und Geschichte eines schwedischen Kriegsschiffes des Großen Nordischen Krieges nachzuvollziehen. Ein anschauliches Beispiel für die Zusammenarbeit von Archäologie und Geschichtswissenschaft.
Philipp Grassel und Jasmin Loose gehen mit „Wo sind all die Schiffe hin?” der Frage bezüglich der mittelalterlichen Wrackhölzer vom Frankenhof-Stralsund nach. Mit Objektbiografie wird ein ebenso spannender wie komplizierter Analyseprozess angesprochen.
Daniel Zwick begibt sich auf eine archäologische Zeitreise, die den Spuren des ältesten See-Itinerars der Ostsee folgt: Wasserwegeforschung anhand von Schriftquellen und Schiffswracks.
Die Untersuchung eines Schleppdampfers im Tyrifjord (Norwegen) von Marijana Krahl gilt der „D/S Høvding”. Hier werden nicht nur Aspekte der Erforschung von Dampfschiffen berücksichtigt, sondern auch zum Wissen über die Flößerei beigetragen.

Hafenanlagen

Philip Lüth, F. Huber und André Dubisch verfolgen mit „Tonpfeifen für Amerika” Kiels Entwicklung als Hafen- und Handelsstadt vom 17. bis ins 19. Jahrhundert. Die internationale Reichweite erstaunt, da Kiel nicht über eine eigene Handelsflotte verfügte.
Mit dem Schleswiger Hafenviertel, der Feuchtbodenarchäologie zwischen Wikingern und Hanse, setzt sich Felix Rösch nachfolgend auseinander. Schleswig als Machtzentrum ist in vielen Bereich belegt, was ohne die erstklassige Feuchtbodenerhaltung nicht in diesem Umfang nachvollziehbar gewesen wäre.
A. Dubisch beschließt die Betrachtungen der Hafenanlagen am Beispiel submariner Schiffs- und Handelsfunde der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Vorhafengeschichte Neustadts in Holstein. Geschichte des Nah- und Fernhandels und mehr, wird erst durch archäologisch-historische Forschungen deutlich.

Limnische Archäologie

„In isolierter Lage” von Ph. Lüth stellt die Archäologie auf den Inseln der Seen Schleswig Holsteins dar. Systematische Aufnahme erfordert auch hier interdisziplinäre Zusammenarbeit, um quer durch die Zeiten ein schlüssiges Gesamtbild der Besiedlungsgeschichte in sich immer wieder stark veränderten Landschaften zeichnen zu können.
Spätestens mit dem Artikel „Die Tauchuntersuchungen im ‚Tiefen Brunnen’ der Kaiserburg zu Nürnberg” von F. Huber, Alfons Baier, Hans Fricke, Martin Nadler und Jana Ulrich wird deutlich, dass Tauchen im Dienste der Wissenschaft nicht immer unter den angenehmsten Bedingungen stattfindet. Die Forschungen zu Wasserbedarf und Brunnenbaukunst werden mit Methoden der Taucharchäologie ergänzt.
„Drei Farben Braun. Subaquatische Untersuchungen im Thorsberger Moor” von Ruth Blankenfeldt beschließt das Kapitel. Das Thorsberger Moor als Langzeitfundstelle hat nicht an Bedeutung verloren und dauern bis in die Gegenwart an.

Methoden und Techniken

Tom Kwasnitschka und Anne Jordt präsentieren quasi einen digitalen Abguss der Welt, die 3-D-Rekonstruktion unter Wasser. Eine Methode mehr, um die Dokumentation unter Wasser nicht nur zu erleichtern, sondern zuweilen überhaupt erst zu ermöglichen.
Der „Tauchgang in die Totenwelt” von F. Huber gilt den Prospektions- und Dokumentationsmethoden, die bei der archäologischen Erforschung gefluteter Höhlensysteme auf der Halbinsel Yucatán (Mexiko) zum Einsatz kamen. Darunter auch eine ausführliche Beschreibung der Ausrüstung und Planung, die dafür unentbehrlich sind.
Ulrich Kunz diskutiert die Unterwasserfotografie im Dienste der Wissenschaft. Er analysiert die komplexe Aufgabenstellung, die eine gute Dokumentation unter Extrembedingungen erfordert. Es ist eben nicht das sog. schöne Foto, welches jedes Laienauge erfreut, wichtig, sondern das minutiöse, das die meiste Information festhält.

Anhang

Zum Schluss bietet der ausgezeichnete Band zur Unterwasserarchäologie noch den einzelnen Artikeln zugeordnete Endnoten sowie ein überaus umfangreiches, ebenfalls den entsprechenden Beiträgen zugeordnetes Literaturverzeichnis.

Fazit

Diese Wissenschaftspublikation erfüllt tatsächlich Ansprüche eines attraktiven Coffee Table Books, was die allerwenigsten modernen Archäologiewerke von sich behaupten können. Was die LeserInnen auch immer von der Publikation erwarten, es wird ihnen geboten, denn renommierte WissenschaftlerInnen legen ihre aktuellen Forschungsergebnisse - noch dazu gut lesbar und reich illustriert - vor. Nicht zuletzt spricht diese abenteuerlichste Form der archäologischen Forschung auch jene Kreise, die nicht primär an der Archäologie, sondern eher am Tauchen interessiert sind, an.

© S. Strohschneider-Laue

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Archäologie im Waldviertel

Mittwoch, 08. Oktober 2014
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 77/14

Franz Pieler (Hg.)
Geschichte aus dem Boden
Archäologie im Waldviertel
Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes 54
Waldviertler Heimatbund, Waidhofen a. d. Thaya 2013, 391 S., zahlr. Farbfotos und Abb.
ISBN 978 3 9007 0828 3

Geschichte aus dem Boden Archäologie im Waldviertel

Archäologie von der Steinzeit bis zur Gegenwart

Der Herausgeber der „Geschichte aus dem Boden. Archäologie im Waldviertel”, der Archäologe Franz Pieler, stellt die nordwestliche Region Niederösterreichs gemeinsam mit zwölf FachkollegInnen von der Altsteinzeit bis zur Frühen Neuzeit vor. Nach dem letzten zusammenfassenden Überblick vor rund 80 Jahren war diese Publikation längst überfällig.

Das Waldviertel, der nordwestliche Teil Niederösterreichs, ist eine von naturräumlichen Gegebenheiten (Donau, Manhartsberg) definierte, durch politischen Grenzen (Tschechien, Oberösterreich) abgesteckte Region. Für den vorliegenden Band „Geschichte aus dem Boden. Archäologie im Waldviertel” wurde über dies künstlichen Grenzen hinausgeblickt. Gut so, denn es waren zunächst naturräumliche Bedingungen, die die Besiedlungsgeschichte des Waldviertels bestimmten, während kulturgeschichtliche und politische Entwicklungen den Bestand in Folge wechselhaft nutzen, ausbauten, verwarfen, formten und sich dabei nicht auf das Waldviertel beschränkten.

Natur, Kultur und viel mehr

Schön das jetzt nicht eine chronologische Abhandlung folgt, sondern eine Gesamtbetrachtung der Wissenschaft und der Region. Das Kapitel „Arbeitsmethoden” (F. Pieler) bietet jenen LeserInnen, die nicht mit der „Spatenwissenschaft” vertraut sind, Basiswissen zu Feldforschung, Datierungsmethoden und Nachbardisziplinen.

In „Forschungsgeschichte und Museumslandschaft” (Sandra Sam und Johannes M. Tuzar, F. Pieler) wird die Entwicklung der archäologischen Forschung von den Anfängen im 19. Jh. bis zu den aktuellen Präsentationen aufgezeigt. Ein wichtiges Kapitel, da es nicht nur um archäologisches, sondern auch zeitgeschichtliches Erbe handelt, das es aufzuarbeiten gilt. Die Steckbriefe von vierzehn Museen und Sehenswürdigkeiten laden zu Ausflügen ein.

In chronologischer Reihenfolge beginnt die Rundreise durch das Waldviertel mit dem Kapitel  „Altsteinzeit” (Thomas Einwögerer). Nach einer Einführung zu „Klima und Umwelt” werden das Mittelpaläolithikum und das Jungpaläolithikum anhand von den Fundstellen aus dem Waldviertel vorgestellt. Ein Exkurs zur unsteten Lebensweise während der Altsteinzeit rundet das Bild, das aus spärlichen und dennoch beeindruckenden Funden und Befunden rekonstruierbar ist, ab.

Die spärliche Funde aus der „Mittelsteinzeit” (F. Pieler), der klimatischen Umbruchsphase, belegen den Wechsel in der Lebensweise. Der Exkurs „Steinwerkzeuge Mesolithikum” stellt die meist winzigen Steingeräte vor, die Belege für veränderte Jagdbeute und -technik sind.

Mit der Sesshaftigkeit beginnt die Zeit der ersten Ackerbauern und Viehzüchter, die eine neue Epoche eingeläutet. Der Zusammenfassung zur „Neolithisierung” und „Ausbreitung” (Daniela Kern und F. Pieler) folgt ein Exkurs „Neolthic Package”, der Häuser und Siedlungen, Ackerbau und Viehzucht sowie Keramik für Bevorratung und Kochen berücksichtigt. Die Zeitabschnitte, Kulturen, Gruppen, die für Früh-, Mittel- und Spätneolithikum typisch sind, werden mit ihren kulturellen Besonderheiten vorgestellt. Zwei weitere Exkurse sind Häusern und Kreisgrabenanlagen gewidmet.

Die Bronzezeit (D. Kern, Michaela Lochner, F. Pieler), die erste metallzeitliche Epoche mit ihren zahlreichen Kulturen und Stufen, steht im Mittelpunkt des nächsten Kapitels. Die gesellschaftlichen Veränderungen, werden in den materiellen Hinterlassenschaften, die aus Siedlungen, Gräbern und Depots stammen, fassbar. Befestigte Höhensiedlungen sind Ausdruck von Schutzbedürfnis und zugleich aufkeimende Machtzentren (Händler, Krieger). Der Exkurs „Bronzeguss in Siedlungen der Urnenfelderkultur” verweist auf die Spezialisierung bei bestimmten Tätigkeiten (Handwerker).

Die letzte urgeschichtliche Epoche „Eisenzeit” (Anna und Fritz Preinfalk), die schon an den Rand der Schriftgeschichte rückt, zeigt mit befestigten Siedlungen und Gräberfeldern, dass die Besiedlung des Waldviertels fortgeführt wird. Während der Hallstattkultur und Latène Kultur bestanden internationale Kontakte, deren Spuren im Waldviertel - auch durch erste Münzprägungen -, nachgewiesen werden können.

Die Spuren der „Römischen Kaiserzeit” und der „Völkerwanderung” (David Ruß) sind im Waldviertel durch archäologische Funde und in Schriftquellen fassbar. Politische Entscheidungen, militärische Maßnahmen und bürokratische Mittel, die ausgehend von Rom südlich der Donau bindend wurden, beeinflussten das germanische Leben nördlich des Limes. Der Exkurs „König? - Das Grab von Mušov” gibt Beispiel, wie weitreichend die politischen und kulturellen Verflechtungen waren.

Das Kapitel „Frühmittelalter” (Wolfgang Breibert, Martin Obenaus und Erik Szameit ) befasst sich übersichtlich mit „Frühe Slawen”, „Waldviertel zwischen Slawen, Franken und Awaren”, „Erneut zwischen den Fronten: das turbulente 9. Jahrhundert” und zuletzt „Neue Nachbarn im Osten - Die Ungarn und der Übergang zum Hochmittelalter”. Der Exkurs „frühmittelalterliche Hügelgräber in Niederösterreich” bietet eine Fundstellenliste mit zugehöriger Literatur. Ein weiterer Exkurs stellt „die geopolitische Lage des Zentralortes Thunau” in den Mittelpunkt.

„Hochmittelalter und Frühe Neuzeit” (Thomas Kühtreiber) beschließt den Band. Dörfer, Städte, Burgen, Kirchen und Klöster prägten im zunehmenden Maße das Siedlungsbild. Im Fokus der archäologischen Forschungen, die das 16. und 17. Jh. betreffen, stehen zurzeit Glashütten. Der Exkurs „Besiedlung des Waldviertels ab dem Hochmittelalter” blickt über den archäologischen Tellerrand bis in die Gegenwart.

Mit einem Ausblick (F. Pieler) auf die Aufgaben der Archäologie und offene Forschungsfelder beschäftigt sich  im Nachwort des Sammelbandes zur „Geschichte aus dem Boden” des Waldviertels. Wobei m. E. ist der letzte mit archäologischen Methoden nachweisbare Eingriff in den Boden ebenso wenig absehbar ist wie die letzte Schicht, die auf dem Boden aufgelagert werden wird. An den unvergänglichen Spuren in unseren Müllhalden werden wir und unsere Nachfolger jedenfalls noch lange zu graben haben. Archäologische Forschungsaufgaben quer durch alle Epochen sowie durch alle Gebiete des Waldviertels bieten sich jedenfalls genug.

Besser geht’s nicht!

Der Band wird interessierte Laien begeistern und aufgrund seines Forschungsstandes das Fachpublikum zufriedenstellen. Die Abstriche, die das Fachpublikums hinsichtlich minutiöser Fundvorlagen und Auswertungen machen muss, kommt den Wünschen der Archäologiefan nach weniger detailorientierten aber nach leicht fassbaren Informationen entgegen. Diese Schere der verschiedenen Ansprüche passabel zu schließen, scheint mir mit diesem Band erstaunlich gut gelungen zu sein. Dazu trägt bei, dass, mit Ausnahme von inhaltlich punktuellen Fachpublikationen, kein vergleichbares Überblickswerk vorgelegt wurde und von den AutorInnen auch dezidiert auf Forschungslücken, z. B. in der noch ausstehenden systematischen Prospektion in Gebieten mit Besiedlungslücken, hingewiesen wird.

Der Band präsentiert sich übersichtlich gegliedert, ansprechend gestaltetet und ist mit einer Flut ausgezeichneter Fotos, Tabellen, Karten und Illustrationen ausgestattet. Auf den letzten Seiten erfreut sich das Laienpublikum am benutzerfreundlichen Abkürzungsverzeichnis und Glossar zur Archäologie sowie dem Ortsregister. Das Fachpublikum sucht hingegen eine aktuelle Literaturliste zum Waldviertel leider vergeblich und muss mit den Fußnoten auskommen.
Zwei Wermutstropfen, die der allgemeinen Tendenz an den falschen Stellen bei Publikationen zu sparen entsprechen: Diese engagierte Publikation, die sich durch einen hoch qualifizierten Inhalt auszeichnet, hätte aufmerksames Korrektorat nötig gehabt. Darüber hinaus hätten die zwischen den Serviceseiten trennend eingestreuten Werbeplatzierungen (Publikationen aus der - durchaus interessanten - Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes) weniger störend auf den letzten Seiten platziert werden können.

Fazit

Und wieder merkt man erst das lange Fehlen einer Publikation, wenn sie endlich erschienen ist. Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich (E. Kästner) wie gut es gelingen kann, die klaffende Schere zwischen verschiedenen Ansprüchen zu schließen.

© S. Strohschneider-Laue

Geschichte aus dem Boden Archäologie im Waldviertel

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Korsett: figur in form

Donnerstag, 24. Januar 2013
Non-FictionEbensolch Rez-E-zine 73/13

Josephine Barbe
figur in form
Geschichte des Korsetts
Haupt, Bern 2012, 378 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 2580 7763 5

figur in Form. Geschichte des Korsetts Figur in Form: Geschichte des Korsetts

Der K(r)ampf mit Taille und Busen

Als man sich noch nicht dem Messer des Schönheitschirurgen ausliefern konnte, griffen Frauen zum Korsett, um ihre weiblichen Reize zu betonen. Der panzerartige Figurformer sexualisierte den Frauenkörper, indem er den Busen hob und die Hüften betonte. Die auf Kosten der Bewegungsfreiheit erlangte Idealfigur mit schlanker, jugendlich anmutender Taille entsprach den männlichen Wunschvorstellungen. Generationen von Müttern zwängten ihre Töchter in Korsetts, um ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt - und damit auf ein wirtschaftlich abgesichertes gutes Leben - zu verbessern. Vor allem extremes Schnüren verhieß in Zeiten sexueller Repression sinnliches Vergnügen abseits häuslicher Betriebsamkeit und war zugleich ein Zeichen für den eisernen Willen zum gesellschaftlichen Aufstieg. Es verwundert daher wenig, dass das Korsett die Gemüter erregte. Karikaturisten machten es zum Ziel ihres Spottes und gesundheitsbewusste Kritiker wiesen mit mahnendem Zeigefinger auf den durch das Schnüren verursachten Schaden für Leib und Leben hin. Doch um all dies geht es in “figur in form” nur randlich.

Das Korsett aus dem Blickwinkel der Technikgeschichte

Im Mittelpunkt des Buches von Josephine Barbe steht die Wechselwirkung zwischen technischen Neuerungen und wechselnden Modetrends. Einerseits beeinflussten der technische Fortschritt sowie die Verfügbarkeit bestimmter Materialien das Erscheinungsbild der Mode und damit des weiblichen Körpers. Andererseits regte die durch Werbemaßnahmen gesteuerte Nachfrage nach einem bestimmten Modestil wiederum zu Innovationen und Verbesserungen des Produkts Korsett an. Mit dem interdisziplinärem Balanceakt zwischen Technik-, Mode- und Kulturgeschichte bietet “figur in form” einen erfrischend neuen Zugang zur Geschichte des Korsetts.

Als Einstieg in die faszinierende Welt der stützenden Kleidungsstücke leistet das Kapitel “Schlüsselbegriffe” gute Dienste. Es streicht die Bedeutung der Taille als Konstante diverser Schönheitsideale heraus, umreißt die Inhalte wichtiger Schlagwörter des technikgeschichtlichen Jargons und bringt Klarheit in die verwirrende Vielfalt der körperformenden Unterwäsche.

Geschichte des Korsetts in drei Zeitabschnitten

Der erste Themenblock widmet sich der Konstruktion der Taille vom 12. Jahrhundert bis 1815. In diesem Zeitraum bestimmte Handarbeit die Korsettherstellung.

Im industriellen Zeitalter, dem der zweite Abschnitt gewidmet ist, erfolgte zwischen 1815 und 1900 der Übergang von der Handarbeit zur industriell hergestellten Massenware. Eine bedeutende Rolle spielten dabei drei technische Innovationen: Korsettwebstuhl, Nähmaschine und Bandstahl. Das Korsett wurde zu einem Konsumartikel, dessen Erwerb nun auch für weniger vermögende Frauen obligatorisch war. Neue Vertriebswege und der geschickte Einsatz von Werbung förderten die Nachfrage.

Die größte Überraschung hält der dritte Zeitabschnitt, der die Jahre von 1900 bis1930 umfasst, bereit. Der radikale Wandel der modischen Silhouette hatte keineswegs den Niedergang des Korsetts zur Folge. Ganz im Gegenteil! Dank des Einsatzes von Gummi gewann der Körperformer ein gewisses Maß an Flexibilität und mutierte schließlich zu Büstenhalter und Hüftgürtel.

Vom Rohstoff bis zur Vermarktung der Korsetts

Jede Periode der Geschichte des Korsetts wird nach demselben Schema abgehandelt. Dies trägt zur Übersichtlichkeit des Buches bei, erleichtert thematische Vergleiche und ermöglicht selektives Lesen. Ausgangspunkt ist stets die sich wandelnde modische Silhouette, welche die Formung des weiblichen Körpers durch das Korsett erst nötig machte. In die Nachverfolgung der unterschiedlichen Platzierung und Gestalt der Taille fließen Mode-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ein. Wie aufwändig und technisch anspruchsvoll die Herstellung von Korsetts war, wird in den Kapiteln zu Werkstoffen, Produktinnovationen und Produktion dargelegt. In Jenen zu Vertrieb und Werbung werden schließlich die Strategien untersucht, mit deren Hilfe die Korsetts an die Frau gebracht wurden.

Auf dem Weg vom Rohstoff zum fertigen Korsett spart Josephine Barbe nicht mit Details und erfreut darüber hinaus mit Exkursen zu Kuriositäten wie Wachsbusen und der Begeisterung für die Krinoline.
Besondere Aufmerksamkeit wird der Entwicklung der Korsettindustrie im Königreich Württemberg geschenkt. Sie war die Keimzelle für die beiden renommierten Unternehmen SUSA und Triumph.

Was sie schon immer über das Korsett wissen wollten

Das mit seiner Informationsfülle beeindruckende Buch “figur in form. Geschichte des Korsetts” kann seinen Ursprung als Dissertation nicht verleugnen. Das macht nichts. Die akribisch recherchierte Arbeit ist eine Fundgrube an Wissenswertem über körperformende Unterwäsche und ihre Herstellung. Interessantes Bildmaterial ergänzt Josephine Barbes übersichtlich gegliederten, gut lesbaren Text. Das verdienstvolle Werk eignet sich hervorragend als Handbuch, nicht zuletzt wegen seines ausführlichen Anhangs: Eine Systematisierung der Korsettformen, ein Glossar sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis, das auch Internetquellen berücksichtiget, rundet die umfassende Publikation ab.

Fazit

“figur in form” ist eine willkommene Bereicherung der Literatur zum Korsett, einem der kontroversiellsten Kleidungsstücke der Frauenmode.

© Ch. Ranseder

figur in Form. Geschichte des Korsetts Figur in Form: Geschichte des Korsetts

Siehe auch

Mode sprengt Mieder: Silhouttenwechsel - Rezension

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