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Montag, 02. Januar 2012

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Hg.)
Von Schönheit und Tod
Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne
Kehrer 2011, 416 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978-3-86828-275-1
Tierstillleben: Von Schönheit und Tod
Willem van Aelst treibt in seinem Stillleben mit Jagdgeräten und toten Vögeln (1668) die Ästhetisierung eines blutigen Sports auf die Spitze. Nichts weist auf den gewaltsamen Tod des anmutig mit ausgebreiteten Flügeln an einer Schnur hängendem Rebhuhns hin, dessen Kopf auf dem blauen Samt einer Jagdtasche ruht, als würde es sich in einem Nickerchen von den Strapazen des Gejagtwerdens erholen. Gefieder, Samt und die materielle Beschaffenheit der kostbaren Geräte, die auf die Ausübung von Fang-, Hetz- und Beizjagd verweisen, sind mit atemberaubender Kunstfertigkeit wiedergegeben. Es ist ein Gemälde, das den Blick einfängt und einen geradezu sinnlichen visuellen Genuss beschert. Allzu leicht lässt sich darüber vergessen, dass diese elegante Zusammenstellung von Statussymbolen eigentlich der standesgemäßen Selbstdarstellung des Adels diente, der subtil auf sein Jagdprivileg hinwies.
Jagdstillleben können als Paradebeispiel für Bilder, deren Hauptmotiv tote Tiere sind, herangezogen werden. Ein Monopol auf die Darstellung des Lebens beraubter Fauna haben sie jedoch nicht. Das führt der Prachtband “Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” eindrucksvoll vor Augen.
Im Tierstillleben verwischen die Grenzen zur Landschafts-, Porträt-, Genre- und Historienmalerei. Das macht es spannend und abwechslungsreich. Erlegtes Wild, geschlachtete Haustiere, Fische und Schalentiere türmen sich im Vordergrund zahlreicher Markt- und Küchendarstellungen, während im Hintergrund Episoden aus mythologischen oder christlichen Geschichten erzählt werden. Auf anderen Bildern verweisen Fisch- und Geflügelverkäufer mit beredtem Blick und anzüglicher Geste nicht nur auf die Vorzüge ihrer Ware, sondern auch auf sexuelle Handlungen, wenn nicht gar Dienstleistungen. Imposante Landschaften oder protzige Gartenanlagen dienen als Kulisse für unter freiem Himmel platzierte Arrangements aus den Leibern toter Tiere, Früchten und Blumen. Fein gekleidete Herren posieren mit Jagdbeute und -hund am Waldesrand, um ihre soziale Stellung zu kommunizieren. Graf Carl Gustaf Tessin fand sogar seinen geliebten Dackel Pehr eines eigenen Bildnisses würdig und ließ den treuen Begleiter - wenig heroisch, doch dafür umso lebensnaher - 1740 von Jean-Baptiste Oudry auf Leinwand verewigen.
Bei aller Ambivalenz zur Darstellung des Todes, lässt sich an den Gemälden aus Beginn und Blütezeit des Tierstilllebens noch heute die Freude der Künstler an der Pracht von Gefieder und Fell, Schuppen und Panzern ablesen. Anders als ihre Kollegen, die sich der wissenschaftlichen Illustrationen zur Bestandsaufnahme der Welt verschrieben hatten, konnten sich die Maler von Tierstillleben künstlerische Freiheiten - ja sogar Scherze - erlauben. So setzte Abraham Mignon in seinem Stillleben mit totem Geflügel (1663/64) einen gewöhnlichen Hahn in Szene als wäre er kostbare Jagdbeute. Das prachtvolle Gefieder des kopfüber hängenden Vogels explodiert gleichsam in alle Richtungen, sodass jede einzelne Feder - selbst die sonst verborgenen - bewundert werden können. Indem er die Dynamik des Augenblicks mit malerischen Mitteln festhielt, nahm Abraham Mignon die fotografische Momentaufnahme vorweg.
Nicht minder virtuos, doch voller schalkhafter Vorfreude auf kulinarische Genüsse, ist François Desportes Stillleben mit bratfertigem Wild (1716) in dem ein lebender Papagei über gespicktes oder in Speck gewickeltes Geflügel, einen Hasen, mächtige Fleischstücke und eine Schüssel mit Zitrusfrüchten wacht. Das für Herzog Philippe II. d´Orleans, der gelegentlich selbst den Kochlöffel schwang, geschaffene Gemälde repräsentiert eine weitere Form des Tierstilllebens.
Von solchem Augenschmaus sind die Arbeiten des 19. und 20. Jahrhunderts weit entfernt. Im Mittelpunkt des Interesses der Künstler dieser Zeit standen die malerischen Ausdrucksmittel, nicht die Schönheit und Opulenz der Natur. Das Medium und die eigene Befindlichkeit wurden wichtiger als das Motiv. Das Tier mutierte zum Ding. Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten und in einem breit angelegten Überblickswerk darf die moderne Kunst natürlich nicht fehlen.
“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” ist die erste Monografie zum Thema Tierstillleben und als solche unverzichtbar. Die für das Buch getroffene Auswahl der Bilder ist brillant. Der Katalog allein umfasst 124 ganzseitig abgebildete, mit ausführlichen Kommentaren versehene Werke. Er beginnt mit dem Aquarell “Tote Ente” von Albrecht Dürer, dem Wegbereiter der realistischen Wiedergabe der Natur und endet mit der auf die Tierstillleben des 17. Jahrhunderts Bezug nehmenden Fotografie “Fasan” von Robert Mapplethorpe. Zwischen diesen beiden Polen gibt es so viel zu bestaunen, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Auf dem Streifzug durch die 500-jährige Geschichte des Tierstilllebens begegnen nicht nur Abbilder toter, sondern auch lebender Tiere - vom treuen Jagdhund, der mit ins Bild musste, über Papagei und Äffchen bis zum gerade noch dem Jäger entkommenen Eichhörnchen.
Zusätzliches Bildmaterial begleitet die sieben fundierten Essays des Buches. Sie bieten neben einem Abriss zu Geschichte und Besonderheiten des Tierstilllebens eine hervorragende Übersicht über die bedeutendsten Maler dieses Genres, darunter Stars wie Jean Siméon Chardin, Jan Weenix und Jean-Baptiste Oudry. Exkurse zu den gegenseitigen Beeinflussungen und Arbeitsweisen der Künstler sowie dem kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund, dessen Kenntnis ein tieferes Verständnis der Gemälde ermöglicht, vervollständigen das vermittelte Grundlagenwissen. Das perfekte Zusammenspiel von Bildauswahl und leicht lesbaren Texten macht das Buch zum Lesevergnügen, seine inhaltliche Tiefe prädestiniert es als Nachschlagwerk.
“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” schließt eine Lücke in der Auseinandersetzung mit der Gattung Stillleben. Die Ausstellung, aus derem Anlass die stattliche Publikation erschien, ist in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vom 19. November ‘11 bis 19. Februar ‘12 zu sehen.
© Ch. Ranseder
Tierstillleben: Von Schönheit und Tod
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Tags:Barock, Biologie, CRans, Ebensolch Rez-E-zine 70/11, Katalog, Kunst, Moderne, Neuzeit, Renaissance, Stillleben
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Dienstag, 25. Oktober 2011

Gustav Klimt | Josef Hoffmann
Pioniere der Moderne
Belvedere
25. Oktober ‘11 bis 4. März ‘12
Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne

Mit dieser Ausstellung wird bereits jetzt das Klimt-Jahr 2012 im Unteren Belvedere eingeläutet. Im Mittelpunkt der Schau steht die Kooperation von Gustav Klimt (1862-1918) und Josef Hoffmann (1870-1956) im Sinne eines ganzheitlichen Kunstschaffens, das in alle Lebensbereiche hineinwirkt.
Tatsächlich gelingt es der Ausstellung den Themenkreis rund um die beiden Künstler und ihrer Weggefährten anschaulich und äußerst lebendig zu präsentieren. Den gegenseitigen - auch internationalen - Impulsen unter den Künstlern Raum zu geben und u. a. Werke von George Minne, Ferdinand Khnopff oder Jan Toorops zu zeigen, trägt zusätzlich zu einer inhaltlich ausgewogenen Präsentation bei.
Dem dekorativ-geschwungenen Jugendstil und den geometrischen Gestaltungsprinzipien der Wiener Moderne werden zahlreiche neue Facetten abgewonnen. Was auch darin begründet liegt, sich nicht auf die Malerei zu beschränken, sondern den künstlerisch-gestalterischen Gesamteindruck zu vermitteln. Diese Gestaltungsprinzipien können sich BesucherInnen quasi als “Katalog zum Abreißen” direkt von der Wand mitnehmen.
Nicht minder berücksichtigt wird daher auch der Aspekt des Kunsthandwerks, das nicht nur als Impulsgeber eine wesentlichen Anteil an der Stilrichtung und somit an der Umsetzung in der Malerei hatte. BesucherInnen können sich davon überzeugen, wie viele Objekte ihre Attraktivität bis in die Gegenwart beihalten haben. Allein die Bibliotheksleiter von Josef Hoffmann setzt ein bis heute gültigen Maßstab für funktionales Design.
Vor 100 Jahren entstand das als Gesamtkunstwerk zu betrachtende Palais Stoclet in Brüssel. Das bis ins kleinste Detail minutiös durchgestaltete Gebäude, zu dessen Ausstattung zahlreiche Künstler beigetragen haben, ist ein Meisterwerk und zugleich architektonisches Hauptwerk von Josef Hoffmann. Das noch immer in Familienbesitz befindliche Anwesen ist nicht öffentlich zugänglich. Immerhin kann man nun im Rahmen dieser Ausstellung nicht nur ein maßstäbliches Modell des Palais, sondern gleich einen annähernd originalgroßen Nachbau der Eingangshalle bewundern.
Beethoven-Ausstellung 1902, kuvolinearer Stil, geometrischer Stil, Wien-Brüssel Beziehungen, Moderne Raumkunst, Gustav Klimt und Emilie Flöge - Kostbarkeiten, Hermine Gallia - Klimt im Boudoir sowie Barbara Flöge und die Sonnenblume - der Mensch und die Natur sind zentrale Ausstellungsthemen. Die wichtigsten Basisinformationen können publikumswirksam per “Katalogseiten-Abriss” - man muss allerdings genau hinschauen, damit man die sich harmonisch in die Wandgestaltung einfügenden Seiten bemerkt - mitgenommen werden.
Der bei Prestel erschiene Katalog Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne
erweist sich als ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter. Darüber hinaus ist der gewichtige, aber erschwingliche Band eine Bibliotheksbereicherung für alle, die sich dem Zauber der Wiener Moderne nicht entziehen können.
Fazit: Der Mehrwert des Ausstellungsbesuchs liegt auch darin begründet, viel mehr zu sehen als “nur” Bilder von Gustav Klimt. Die Erlebnistour durch die Räume lässt in exzellent gewählten Ausschnitten das Raumgefühl der Zeit anklingen.
© S. Strohschneider-Laue
Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne
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Tags:Ausstellung, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Jugendstil, Katalog, Kunst, Moderne, Sistlau, Wien
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Montag, 27. Juni 2011

Doris Hansmann
Künstlerkolonie Worpswede
Prestel 2011, 142 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4523 9
Künstlerkolonie Worpswede
“Ich fand ein höchst originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck machte; der hügelige, sandige Boden im Dorfe selbst, die großen bemoosten Strohdächer und nach allen Seiten (so weit man sehen konnte), alles so weit und groß, wie am Meer.”
Dies vertraut Otto Moderson am 3. Juli 1889 kurz nach der Ankunft in Worpswede seinem Tagebuch an. Er war dem Ruf seines Freundes Fritz Mackensen gefolgt, der als erster die Schönheit der Landschaft um den abgelegenen kleinen Ort im Teufelsmoor entdeckt hatte. Wenig später reist auch Hans am Ende an und damit ist das Trio der Gründerväter der Künstlerkolonie Worpswede komplett. Ihren Vorbildern - den Malern der Schule von Barbizon - nacheifernd, zieht es die jungen Künstler ins Freie. Enthusiastisch malen sie Moorkaten, Wolkenstimmungen, Birkenalleen, Wasserläufe und den weiten Horizont des flachen Landes. Bald gesellen sich der Landschaftsmaler Fritz Overbeck und der dem Jugendstil zugeneigte Heinrich Vogeler zu ihnen. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, schon 1895 gelingt den Malern mit ihrer Ausstellung im Münchner Glaspalast der künstlerische Durchbruch. Das verwundert wenig, denn die Bilder der in ihrem Habitus standesgemäß bürgerlichen Künstler geben sich modern, ohne radikal zu sein. Avantgardistische Positionen halten erst mit den Frauen, allen voran Paula Becker, Einzug in Worpswede.
Doris Hansmann erzählt in ihrem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” gekonnt von Entstehung und Schicksal der kleinen Gemeinschaft aus Künstlern und Künstlerinnen, deren Werk noch heute zu bezaubern vermag. Dabei menschelt es ganz gewaltig - Paare finden zueinander und trennen sich wieder, illustre Gäste kommen zu Besuch, Freundschaften zerbrechen und Karrieren erblühen. Die Geschichte der Künstlerkolonie ist geprägt von Freundschaft und Liebe, Eheglück und Beziehungskrisen, gemeinsamen Unternehmungen und heller Lebensfreude, künstlerischen Erfolgserlebnissen und Experimenten, Konkurrenzdenken und beleidigten männlichen Egos, weiblicher Resignation und persönlichen Tragödien. Zahlreiche Zitate vermitteln im Originalton die Aufbruchsstimmung und Befindlichkeiten der KünstlerInnen, die darüber hinaus durch eine Auswahl historischer Fotografien präsent sind. Ihre wichtigsten Lebensdaten sind in tabellarischen Kurzbiografien am Ende des Buches zusammengefasst.
Die umfassende, hervorragend mit Beispielen illustrierte Werkanalyse wirft Licht auf die stilistische Vielfalt in der Künstlerkolonie und stellt das erstaunlich reichhaltige Motivspektrum vor. Dessen Bandbreite reicht von Darstellungen der von den Narben des Torfstichs geprägten Landschaft mit ihren Moorkaten, Torfkähnen und atmosphärischen Farbspielen über Ansichten des Dorfes und der Wohnstätten der KünstlerInnen bis zu Porträts und Akten. Als Modelle dienten den MalerInnen unter anderem Angehörige der bäuerlichen Familien und Alte aus dem Armenhaus, deren Lebenswelten von der Autorin einfühlsam geschildert werden. Darüber hinaus griffen die Worpsweder Kreativen, allen voran Vogeler und Moderson, vereinzelt auch Themen aus der Märchenwelt auf.
Mit dem Buch “Künstlerkolonie Worpswede” ist ein exzellenter Überblick zu Leben und Arbeiten in der berühmtesten Künstlerkolonie Deutschlands gelungen. Sein flott geschriebener Text steht in einem ausgewogenen Verhältnis zu der abwechslungsreichen Bebilderung und die ausgewählten Arbeiten von Otto Moderson, Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler, Hans am Ende, Fritz Overbeck, Carl Vinnen, Paula Moderson-Becker, Ottilie Reylaender, Clara Rilke-Westhoff, Marie Bock und Hermine Overbeck-Rohte sind ein überraschend opulenter Augenschmaus.
© Ch. Ranseder
Künstlerkolonie Worpswede
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Tags:CRans, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Gender, Kunst, Moderne
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Dienstag, 30. November 2010

Ralph Erdenberger
Vincent van Gogh
Geheimakte
Prestel 2010, 112 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7016 3
Geheimakte Vincent van Gogh
Dieses Buch über den Maler Vincent van Gogh (30. März 1853 bis 19. Juli 1890) und sein Werk soll mit Spaß gelesen werden. Eine Herausforderung, wenn man bedenkt, wie kompliziert das zerrissene Leben von Vincent van Gogh verlief und wie es endete. Etwa 2000 Gemälde und Zeichnungen fertigte van Gogh in seinen letzten zehn Lebensjahren. Verkauft wurden zu seinen Lebzeiten allerdings nur wenige Bilder. Heute erzielen seine Bilder Rekordpreise: 82, 5 Millionen Dollar zahlte ein japanischer Sammler für das Porträt Dr. Gachet.
Am Anfang des Buches steht die Aufgabe, mehr über den Künstler herauszufinden. Stück für Stück, Hinweis für Hinweis und Bild für Bild erschließt sich der Lebensweg des Künstlers. Kindheit, Ausbildung, Beruf, Malerei, Krankheit und Tod werden aus Bruchstücken fassbar. Begleitend dazu gilt es ein Code-Wort zu knacken, das die Seite für noch mehr Informationen im Internet öffnet. Abwechslungsreich werden die Informationen wie in einem Quellenstudium vorgelegt. Kindgerecht aufbereitet, wird Spielraum für Interpretation ohne moralisches Fingerwedeln geboten. In diesem Buch können Informationen wie Ermittlungsakten gelesen und Rätsel gelöst werden. Die deutlich weniger als Mädchen lesenden Buben werden das Buch lieben.
© S. Strohschneider-Laue
Geheimakte Vincent van Gogh
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Tags:Biografie, Ebensolch Rez-E-zine 63/10, Kunst, Moderne, Sistlau
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Dienstag, 30. November 2010

Bettina Schümann
Gustav Klimt
Die Lebensgeschichte
Prestel 2010, 112 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7033 0
Gustav Klimt: Die Lebensgeschichte
Mit Selbstbetrachtungen hat sich der Gustav Klimt (14. Juli 1862 - 6. Februar 1918) nicht aufgehalten. Der begabte Junge aus bescheidenen Verhältnissen lernt strebsam an der Kunstgewerbeschule, die auch sein jüngerer Bruder besuchte. Unbeschwert haben sich Gustav und Ernst Klimt sich gemeinsam mit ihrem Freund Franz Matsch in der Wiener Kunstszene etabliert. Große Aufträge und die Gunst des Kaisers gehen lange Hand in Hand. Nachdem Ernst stirbt, gehen Gustav und Franz bald getrennte Wege. Gustav Klimt wird Präsident der Secession, der Vereinigung bildender Künstler Österreichs. Der Jugendstil und Gustav Klimt sind seither untrennbar miteinander verbunden. Er entwickelte einen unverkennbaren Stil, der ihn bis heute zu einem der beliebtesten Künstler macht.
Kindgerecht bereitet Bettina Schümann die Lebensgeschichte von Gustav Klimt auf. Wichtige Stationen greift sie aus seinem Leben auf und verbindet diese mit seinen bekanntesten Werken. Dekorativ sind seine Werke, die viele Frauen zeigen, die kurzfristig sein Leben teilten. Diskret umschifft die Autorin die zugehörigen pikanten Details des männlich dominierten 19. Jahrhunderts. Sie lenkt den Blick auf Klimts durch Aufträge und persönliche Orientierung geprägtes, unpolitisches Künstlerleben.
Das Buch gewährt jungen LeserInnen einen leicht fassbaren Blick in das Lebensatelier von Gustav Klimt.
© S. Strohschneider-Laue
Gustav Klimt: Die Lebensgeschichte
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Tags:Österreich, Biografie, Ebensolch Rez-E-zine 63/10, Kunst, Moderne, Sistlau
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Dienstag, 30. November 2010

Dagmar Feghelm
Frida Kahlo
Die Lebensgeschichte
Prestel 2010, 111 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7023 1
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
Am 6. Juli 1907 wurde Frida Kahlo in Mexiko geboren. Bis zu ihrem Tod am 13. Juli 1954 wird sie über 140 Bilder malen. Ein Drittel dieser Bilder sind Selbstbildnisse. Noch mehr als auf ihren anderen Werken lassen sich auf den Selbstporträts ihr Leben, ihre Liebe aber vor allem ihr Leiden ablesen. Farbenprächtig wie Mexiko und seine Geschichte sind ihre Bilder.
Frida Kahlo hatte seit ihrer Geburt gesundheitliche Probleme und hinkte. Durch ein schweres Busunglück war sie ihr ganzes Leben körperlich schwer behindert. Über lange Zeit war sie bettlägerig und musste ein steifes Korsett tragen. Trotzdem war sie voller Lebensfreude und eine starke Persönlichkeit. Sie engagierte sich politisch und war mit einem berühmten mexikanischen Maler verheiratet. Sie begann zu malen und wurde bald über die Grenzen Mexikos hinaus bekannt. Viele Menschen lieben ihre Gemälde, aber die wenigsten kennen die Geschichten, die sie erzählen.
Die Biografie der mexikanischen Ausnahmekünstlerin Frida Kahlo wurde sprachsicher von Dagmar Feghelm für junge Leute aufbereitet. Eindringlich und sensibel berichtet sie von der emanzipierten Frau, deren überbordenden Gefühle weder für sie noch für andere leicht zu bewältigen waren. Bei keinem Künstler ist die persönliche Lebensgeschichte so stark mit dem Werk verknüpft. Vor dem Hintergrund ihrer Gemälde stellt sie die persönliche Tragödie Frida Kahlos dar. Entlang dieses roten Fadens gelingt es der Autorin, die Stärken und Schwächen der Künstlerin deutlich zu machen. Gleichzeitig wird die Emanzipation einer selbstbewussten, politisch aktiven Frau gezeigt, die letztlich nachhaltiger als ihr Künstlergatte wirkt. Frida Kahlo begeistert nicht nur Mexiko, sondern die ganze Welt.
Ein Pflichtbuch für kunstbegeisterte junge Menschen. Ein starkes Buch, das zur Selbstreflexion anregt und besonders junge Frauen (ab 12 Jahren) faszinieren wird.
© S. Strohschneider-Laue
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
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Donnerstag, 30. September 2010

Rodin und Wien
Belvedere 1. Oktober ‘10 bis 6. Februar ‘11

Auguste Rodin - dem Schweiger, der den Denker schuf - widmet das Belvedere eine Ausstellung in der Orangerie sowie den Katalog Rodin & Wien
.
Bereits zur fünften Weltausstellung, die 1873 stattfand, waren einige Terrakotten von Auguste Rodin in Wien zu sehen. Seither blieb Rodin Wien verbunden. Neun Jahre später beteiligte er sich an der Künstlerhausausstellung. 1898 nahm er an der ersten Ausstellung der Secessionisten teil, deren Ausstellungen er immer wieder beschickte. Aber auch im Kunstsalon Heller, im Wiener Hagenbund und sogar in einer Volkshochschule, heute von den Meinungsmachern der etablierten Kunstszene belächelter Ausstellungsort, wurden Rodins Werke gezeigt.

Rodins Porträtbüste Henri Rocheforts gelangte 1899 als ein Geschenk der Secessionisten in Staatsbesitz. Sie war ein Beitrag zur Gründung der “Modernen Galerie”, die den Grundstock der heutigen Sammlung des Belvedere bildet.
Die Schau präsentiert sich übersichtlich gegliedert in der lang gestreckten Halle. Die thematisch-chronologische Anordnung ermöglicht, sowohl Rodins Beitrag zu Ausstellungen der Secessionisten zu verdeutlichen, als auch die Beeinflussung und Rezeption der österreichischen Kunstszene durch Rodins Schöpfungen aufzuzeigen. Dafür wird auch Grafiken Raum geboten, deren formale Anregungen unverkennbar sind. Die zentral an der Längsseite angebrachte Bildreproduktion des “Höllentors” in Originalgröße, ermöglicht es den BesucherInnen die Figuren “Eva” und “Der Denker” im Kontext zu erfassen.

Interessante Aspekte eröffnen sich durch die ausgestellten Fotografien. Rodins geschickter Einsatz von Fotografien als Werbemittel, brachte den Durchbruch von Fotografien als Ausstellungs- und Katalogbestandteil
Fazit: Die Gelegenheit Werke von Auguste Rodin zu sehen, sollte man nicht versäumen. Der zusätzliche Wienbezug macht die Schau umso reizvoller.
© S. Strohschneider-Laue
Rodin & Wien
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Dienstag, 21. September 2010

Picasso
Frieden und Freiheit
Albertina
22. September ‘10 bis 16. Januar ‘11

In langjähriger Zusammenarbeit zwischen Albertina und Tate Liverpool entstand eine exzellente Ausstellung zum politischen Aspekt im Kunstschaffen Picassos. Der gleichnamige Katalog Picasso. Frieden und Freiheit kann zwar nicht die gelungene Ausstellungsgestaltung vermitteln, ist aber inhaltlich und qualitativ ebenso hochwertig.

Auch wenn man es bereits überdrüssig ist, schon wieder eine Personale von Picasso zu sehen, sollte man den Besuch nicht versäumen. In dieser Ausstellung geht es um mehr als nackte Tatsachen oder zeitgeistige Wandbehübschungen aus dem unerschöpflichen Atelier des spanischen Playboys. In dieser Ausstellung geht es um eines Menschen Zeit. Um das, was Menschen einander zufügen, Kriege verursachen, wie sich ihre kalten Varianten auswirken und wie ein einzelner Mensch sichtbar Stellung bezieht. So leistete der Kommunist Picasso mit seinen Arbeiten einen inhaltlichen und durch seine parteipolitischen Spenden einen allgemeinen Beitrag sowie auch persönliche, finanzielle Hilfe.

Betrachtet vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, des Spanischen Bürgerkriegs, des Algerienkriegs und des Kalten Kriegs erlangen viele seiner Arbeiten eine völlig neue Bedeutung, die sich beim unbefangenen ersten Betrachten sicher vielen entzogen haben. Die Ausstellungsobjekte repräsentieren daher einerseits Picassos Aufarbeitung gesellschaftlicher Katastrophen bzw. sind bildgewordener Kommentar des Künstlers auf politische Ereignisse seiner Zeit.

Getragen wird die Ausstellung sowohl von den ausgewählten rund 200 Werken als auch von der Inszenierung in der sie gezeigt werden. Zeitgenössische Fotografien, die großflächig auf die Ausstellungswände aufgebracht wurden, schlagen optische Brücken zum zeitgeschichtlichen Kontext. Sie präsentieren das Raumthema, in dem sie die BesucherInnen zur schweigenden anonymen Mehrheit inmitten des Geschehens werden lassen.

Fazit: Die beste Picasso-Ausstellung darf man einfach nicht versäumen. Erwähnt werden muss noch das engagierte Programm für Kinder und Jugendliche, das den Fokus vor allem auf den Frieden richtet. Die aktiv ausgerichteten Familientage finden an jedem ersten Sonntag im Monat statt. Wer allerdings immer unter den ersten Besuchern sein oder mehr sehen möchte als andere, sollte Mitglied der “Freunde der Albertina” werden.
© S. Strohschneider-Laue
Picasso. Frieden und Freiheit
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Mittwoch, 16. Dezember 2009

Noel Daniel (Hg.)
Mike Caveney, Rick Jay, Jim Steinmeyer
Magic Book 1400s-1500s
Taschen 2009, En./Fr./Dt., Riesenformat, 670 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8365 0977 0
Magic Book: 1400s - 1950s
Immer wenn man glaubt, größer, bunter und prächtiger geht es nicht mehr, übertrifft Taschen seine eigenen Produkte. Die Geschichte des magischen Showbiz ab dem 15. Jahrhundert ist ein dreisprachiger Riesenwälzer in fantastisch-magischen Bildern und spannenden Texten.
Lassen Sie sich verzaubern, verblüffen und überraschen. Die größten Illusionisten, Magier, Zauberer und Taschenspieler geben hier eine Vorstellung im Bühnenformat. Über 500 Jahre hinweg wird in über 1000 plakatgroßen Bildern von einer ganz eigenen Kunst Zeugnis abgelegt. Von den Jahrmärkten zu den Unterhaltungspartys der Reichen bis zu den Varieté- und Showbühnen haben Zauberer und Illusionisten ihre (un)durchschaubaren Tricks vorgeführt. Schwebende Jungfrauen sind genauso dabei, wie mit Zähnen aufgefangene Pistolenkugeln, unechte Chinesen, Entfessler, Schwertstecher, Sägefreudige, Feuermeister und Goldmacher. Vom Schamanen zum Showman war es nur ein kleiner Schritt, wie die einzelnen Kapitel belegen.
Und immer wieder drehte es sich um Leben und Tod, Teufelswerk, Geister und anderem übernatürlichen Spuk. Hinter allem standen Menschen mit Gespür für den richtigen Moment und ihr Publikum. Einige der Künstler sind sprichwörtlich wie Houdini geworden, der einzige, der sogar dem Tod entkommen könnte und ausgerechnet an Halloween gestorben ist. In Vergessenheit geraten, sind dagegen die vielen namenlosen Assistentinnen und auch die wenigen weiblichen Illusionistinnen. Madame Girardelli, Adlaide Hermann, Mercedes Talma, Marian Chavez, Suzy Wandas, Evelyn Maxwell oder Margo begeisterten zu ihrer Zeit aber genauso wie ihre männlichen, noch dazu deutlich unattraktiveren Kollegen. Weiblicher Aufputz, der sich freiwillig zersägen ließ oder über die Bühne schwebte, wurde mehr und mehr eingesetzt, denn nicht jeder Magier konnte sich selbst nackt wie Houdini exhibitionieren. Der schmächtige Körper des Holländers Theodore Bamberg hatte erst in chinesischen Outfit unter dem Namen Okito etwas zu bieten. Das verbindende Element aller Magier, Taschenspieler und Illusionisten ist, dass sie eine einsame Kunst, deren Geheimnisse das Kapital stellen, ausüben. Dazu gehört bis heute eine beeindruckende Persönlichkeit und gute Werbung - am besten mit roten faustischen Teufelchen, die hart an der Niedlichkeit vorbeischrammen.
Und seien wir doch ganz ehrlich: Wissen ist Macht und macht zugleich vieles furchtbar langweilig. Wenn man nicht weiß, wo der Spiegel und der Projektor steht, warum es raucht, wieso das Kügelchen verschwunden bleibt und weshalb die zersägte Frau sich putzmunter verbeugen kann, ist das Leben zumindest für eine kurze Zeit wesentlich bunter und überraschender.
Ein genial von Noel Daniel editiertes Buch zu dem Mike Caveney, Rick Jay, und Jim Steinmeyer exzellent recherchierte und aufbereitete Texte beigetragen haben. Die schönste Pflichtlektüre für Illusionisten -Laien und Profis gleichermaßen -, Designer, Werbeleute, Historiker und andere ewig Verzauberte.
© S. Strohschneider-Laue
Magic Book: 1400s - 1950s
Hier kann man im Buch blättern
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Montag, 04. Mai 2009

Toulouse-Lautrec. Der intime Blick
Text von Danièle Devynck, Johannes Ramharter, Anne Röver-Kann, Alain Tapié
Hatje Cantz 2009, 160 S., davon 77 in Farbe
ISBN 978 3 7757 2346 6
Toulouse-Lautrec: Der intime Blick
Die vier Pfoten in der Luft, das Schwänzchen hoch erhoben, jagt ein Hündchen neben Pferd und Reiter her, dem Horizont entgegen. Die Tiere und ihr begleitender Mensch auf dem Gemälde “Reiter mit kleinem Hund” sind humorvoll überzeichnet, die Landschaft bleibt undifferenziert. 1879, dem Entstehungsjahr des Bildes, ist der Malstil von Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) noch der Tradition verpflichtet. Doch bereits in diesem frühen Werk sind seine scharfe Beobachtungsgabe und die Neigung zur Karikatur offensichtlich. Wie schnell es dem Künstler gelang, auch stilistisch zu einem sehr individuellen, modernen Ausdruck zu finden, kann in “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” nachvollzogen werden. Das reich bebilderte Buch bietet einen Querschnitt durch das Werk des französischen Malers und Grafikers. Von den frühen Gemälden mit Szenen der Fortbewegung per Pferdekraft über Porträts von Familie und Freunden bis zu den bekannten, in Unterhaltungslokalen und Bordellen entstandenen Grafiken spannt sich der Bogen. Und natürlich ist auch eine Auswahl von Plakaten zu bewundern.
Das Buch “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” erscheint anlässlich einer Ausstellung im Linz, Österreich. Es verwundert daher nicht, dass sich unter den fünf Essays, die dem Katalog vorangestellt sind, auch ein Vergleich der Arbeiten des französischen Künstlers mit jenen von Egon Schiele befindet. 1909, also vor exakt 100 Jahren, waren bereits Arbeiten von Toulouse-Lautrec in der Wiener Galerie Miethke ausgestellt, die Schiele gesehen haben könnte. Sowohl Toulouse-Lautrec als auch Schiele waren Meister der Linie, doch ihr Verhältnis zu den Modellen, ihre Annäherung an den Menschen war grundverschieden. Die ersten beiden Abbildungen des Buches, die leider nicht auf gegenüberliegenden Seiten platziert wurden, sind dafür ein gutes Beispiel. Sowohl das Ölbild von Toulouse-Lautrec als auch die Bleistiftskizze Schieles zeigen eine Frau, die in einem Sessel sitzend das Kinn auf die Hand stützt. Der Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Modell und Maler liegt im Gesichtsausdruck. Toulouse-Lautrecs Madame Berthe Bady ist sichtlich amüsiert und scheint sich gut zu unterhalten. Ein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, der Blick ist wach und fokussiert. Der Frau in Schieles Bild hingegen ist die Langeweile und das Desinteresse an ihrem Gegenüber ins Gesicht geschrieben. Einzig der Gedanke “Hoffentlich ist er bald fertig, damit ich gehen kann” scheint sie zu beschäftigen. Eine Interaktion findet nicht statt. Schiele ist nicht an der Person interessiert, sondern an dem in einer Pose verharrenden Körper, der zum Bedeutungsträger wird.
Die Arbeiten von Toulouse-Lautrec zeugen von seinem Interesse an den dargestellten Menschen, an ihren Eigenheiten und Seelenzuständen. Als Porträtmaler verstand er es, die Persönlichkeit der Dargestellten zu erfassen und zu Papier zu bringen. Als Beobachter in Bordellen und Vergnügungslokalen bedurfte er keiner Modelle. Ungeschönt und frei von Voyeurismus hielt er Szenen aus dem Alltag fest. Seine unaufdringliche Präsenz erlaubte ihm die harte Lebenswelt der in der Unterhaltungsbranche Beschäftigten aus nächster Nähe zu dokumentieren. Grafiken wie “Frau mit Tablett - Frühstück” und “Liegende Frau - Erwachen”, beide aus der Serie Elles, lassen darauf schließen, dass die Frauen Toulouse-Lautrec ein gewisses Maß an Vertrauen entgegenbrachten. Sonst hätten sie sich wohl kaum so entspannt gezeigt.
Letztendlich kann über die Befindlichkeit von an der Entstehung der einzigartigen Werke beteiligten Personen nur gemutmaßt werden. Das Betrachten von Kunst ist über den optischen Genuss hinaus auch ein interpretativer Vorgang und damit ein intellektuelles Vergnügen. Wer sich selbst eine Meinung bilden möchte, dem bietet die Publikation “Toulouse-Lautrec. Der intime Blick” reichhaltiges Anschauungsmaterial.
Im Original ist die Werkauswahl noch bis zum 7. Juni 2009 in der gleichnamigen Ausstellung der Landesgalerie Linz zu bewundern.
© Ch. Ranseder
Toulouse-Lautrec: Der intime Blick
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Dienstag, 14. April 2009

Meiji
Japan um 1900
MAK Schausammlung Asien
5. April bis 4. Oktober ‘09
„Meiji” (strahlende Herrschaft) war der Äraname des 122. Tenno (1852-1912). 1868 kam der 16-jährige Mutsuhito an die Macht. Unter seiner Herrschaft kam es zu grundlegenden Änderungen. Der Regierungssitz wurde von Kyoto nach Edo (ab 1868 Tokyo) verlagert. Unter anderem wurde Schul- und Wehrpflicht - gegen heftige Widerstände der Bevölkerung - eingeführt. Das bestehende Feudalsystem wurde zu einer konstitutionellen Monarchie nach westlichen Vorbild umgewandelt. Und nach der Satsuma-Rebellion kam zu dem das Ende der Samurai. Der Niedergang dieser zahlungskräftigen Auftraggeber wirkte sich nicht nur auf Kunst und Kultur aus.
Die Förderung internationaler Kontakte war aus wirtschaftlichen Gründen dringend nötig. Internationale Beziehung wurden auch bei Weltausstellungen angestrebt. Die japanische Leistungschau bewährte sich aber nicht durch Anpassung an westliche Vorbilder, sondern durch die Beibehaltung traditioneller Produkte. Japanische Kunst beeinflusste schließlich die westliche Welt und ihre Künstler - nicht zuletzt den Jugendstil - nachhaltig.
Österreich war auch um die Jahrhundertwende zwar nicht unter den Letzten, aber wieder einmal sehr spät dran. Erst 140 Jahre bestehen die diplomatischen Beziehungen zu Japan. 1873 präsentierte Japan einen traditionsverhafteten Reigen kunsthandwerklicher Produkte auf der Wiener Weltausstellung. Ein große Anzahl der Objekte wurde von der japanischen Regierung damals an europäische Museen übergeben. Ein Teil dieser Schenkung gelangte auch in die Sammlung des heutigen MAK und ist in dieser Ausstellung zu sehen.
Ergänzt wird die Schau durch Objekte, die Japanreisende und Sammler gestiftet haben. Zwischen 1870 und 1912 sind die 90 exquisiten Objekte entstanden, die in der Ausstellung gezeigt werden. Und jedes einzelne Objekt verdient beim Betrachten die volle Aufmerksamkeit. Chronologisch gereiht verweilt man genüsslich bei Tassen, Schalen, Schüsseln, Vasen, Schreibschatullen, Zigarrenkiste, Teekassette, Ziergegenständen aller Art und nicht zuletzt auch bei drei nur auf den ersten Blick einfachen Korbflechtereien. Und auch an den schmalen Körbchen mit den hochgezogenen zarten Bügeln sollte man nicht achtlos vorbeigehen. Bis ins letzte Detail kunstfertig gearbeitet, lassen sie schon jetzt Vorfreude auf eine zukünftige Ausstellung aufkommen, die sich der Korbflechterei widmen wird.
Die nüchterne Ausstellungshalle kommt den unvergleichlichen Objekten zu Gute. Obwohl man es sich doch bei einigen Stücken wünschen würde, dass Spiegel auch deren Rückseite oder Unterseite zeigen würden.
Manches Objekt ist täuschend schlicht gearbeitet und enthüllt seine außergewöhnliche Verarbeitungstechnik oder Gestaltung erst beim genauen Hinschauen. Andere wieder prunken mit allem was technisch möglich und künstlerisch zu verantworten war. Skurriles und nonfunktionales Design ist hier genauso vertreten wie Meilensteine für den Japonismus.
Unbedingt anschauen (Samstag bei freiem Eintritt) und bedauern, dass es keinen Katalog gibt.
© S. Strohschneider-Laue
Der Japonismus und seine Bedeutung für das Bildverständnis von Edouard Manet
Japanische Impressionen eines Kaiserlichen Gesandten. Karl von Eisendecher im Japan der Meiji-Zeit
Die Außenpolitik der Meiji-Zeit
Das moderne Japan 1868-1952: Von der Meiji-Restauration bis zum Vertrag von San Francisco
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Donnerstag, 09. April 2009

Eva Afuhs, Andreas Strobl (Hgg.)
Hermann Obrist Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
Museum Bellerive, Staatliche Graphische Sammlung München
Scheidegger & Spiess 2009, Dt./Engl., 248 S., zahlr. Abb. ISBN
ISBN 978 3 85881 239 1
Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
Hermann Obrist (1862-1926) war ein Suchender. Vielseitig begabt und leicht zu langweilen, kam er über den Umweg der Naturwissenschaften zur Kunst. Vier “Visionen” brauchte es, bis der junge Hermann seine Berufung erkannte und sich ganz dem Kunstgewerbe verschrieb. Wie sein Werdegang verlief, erzählt der Künstler, der einst in München den deutschen Jugendstil maßgeblich formte, in der Autobiografie “Ein glückliches Leben”. Seine Erinnerungen bilden - durch Papier, Farbe und mittige Platzierung von den wissenschaftlichen Beiträgen abgehoben - das Herzstück des Buches “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″.
Das künstlerische Schaffen von Hermann Obrist ist nur noch lückenhaft erhalten. Vieles kam nie über das Entwurfsstadium hinaus, ging verloren oder wurde im zweiten Weltkrieg zerstört. Nahezu das gesamte bildhauerische Werk sowie eine fotografische Dokumentation der Grabmäler und Brunnen befinden sich heute im Museum für Gestaltung, Zürich. Ein weiterer bedeutender Teil seines Nachlasses hat sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung, München, erhalten. Das als gemeinsames Projekt der beiden Institutionen entstandene Buch “Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ und die begleitende Ausstellung führen erstmals diese Teile des Nachlasses zusammen.
Unter welchen dramatischen Bedingungen Teile des Werkes von Hermann Obrist gerettet werden konnten, schildert der erste Beitrag des reich bebilderten Buches. Eva Afuhs und Andreas Strobl stellen in “Erste Grundlagen zu einem fragmentierten Werk” den Nachlass vor. Im Zuge dessen untersuchen sie sowohl die künstlerische Entwicklung des Bildhauers als auch die Rezeption und Bedeutung seines Werkes im Kontext des damaligen Kunstverständnisses. Hermann Obrist wollte neue Wege beschreiten. Er fand neue, originelle Ausdrucksformen und experimentierte als einer der Ersten mit den Materialien Plastilin und Zement. Als Inspirationsquelle für seine Plastiken, Textilien und Zeichnungen sammelte er Abbildungen aus Zeitschriften. Damit nahm er die “mood-boards” heutiger Designer vorweg. Wäre Hermann Obrist noch am Leben, könnte er vermutlich als Ausstatter von Fantasy-Filmen Erfolge feiern. Seine bildhauerischen Arbeiten wirken fantastisch-fremdartig, bisweilen sogar bedrohlich. Eva Afuhs und Andreas Strobl benutzen den treffenden Ausdruck “biomorph”. Obrist orientierte sich an der Natur, jedoch ohne sie zu kopieren. Er fing Bewegung und Wachstum als Ausdruck der inneren Kraft eines Organismus ein und verkörperlichte sie als Spirale oder Peitschenschlaglinie. Für ihn sollte Kunst das Gefühl des Lebens in übersteigerter Form erfahrbar machen.
Annika Waenerberg legt in “Lebenskraft als Leitfaden” dar, welche Faktoren sowohl Obrists Ringen nach einem einzigartigen persönlichen Stil als auch seine kunsttheoretischen Ideen beeinflusst haben. Die Erforschung der Wahrnehmung und der abstrakten Form beschäftigten den Künstler auch in seinen Zeichungen.
Stacy Hand geht in ihrem Beitrag “Feuer in Schwarzweiss” der Frage nach, welche Bedeutung Wahrnehmungspsychologie und naturwissenschaftliche Illustration für das Werk von Hermann Obrist hatten. Dieser widmete sich ja nicht nur der Praxis sondern auch der Theorie und Lehre. Als Mitbegründer der “Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk” dürfte er gut mit anderen Künstlern vernetzt gewesen sein.
Ingo Starz wirft in “Ornamental-Plastik” Licht auf den Dialog und die, anlässlich der Werkbundausstellung in Köln 1914 erfolgte, Zusammenarbeit mit Henry van de Velde.
Dass Hermann Obrist sich der Bedeutung seiner Grabmäler und Brunnen bewusst war, darf aus der qualitativ hervorragenden fotografischen Dokumentation der Werke geschlossen werden. Viola Weigel analysiert in “Hermann Obrist und die Fotografie” das im Nachlass erhaltene Konvolut von 49 Aufnahmen. Im Zuge dessen legt sie dar, wie der Blick durch das Objektiv die Wahrnehmung der Arbeiten und ihrer Platzierung im Raum beeinflusst.
Warum Obrist ausgerechnet der Gestaltung von Grabmälern besondere Aufmerksamkeit schenkte und welche Erfolge er mit seinen Werken verbuchen konnte, beschäftigt schließlich Hubertus Adam in “Symbolische Erinnerungen an die Natur”.
“Hermann Obrist. Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900″ ist die erste Monografie über den eigenwilligen Bildhauer, Textildesigner, Zeichner, Theoretiker und Lehrer. Die in deutscher und englischer Sprache wiedergegebenen Essays leisten einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Gesamtwerkes von Hermann Obrist. Zu den hervorragenden Texten und der großzügigen Bebilderung gesellt sich für designbewusste LeserInnen ein zusätzlicher Bonus. Das Buch besticht mit einer edlen Gestaltung, die es wohltuend von der Masse der verfügbaren Kunstpublikationen abhebt. Mehr sei hier nicht verraten.
© Ch. Ranseder
Hermann Obrist: Skulptur, Raum, Abstraktion um 1900
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Donnerstag, 09. April 2009

Katja Behling, Anke Manigold
Die Malweiber
Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 37 4
Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Im 19. Jahrhundert gab es zahllose Frauen, die als Künstlerinnen tätig waren. Sie nutzten die wenigen ihnen offen stehenden Ausbildungsmöglichkeiten, stellten aus, gewannen Preise, schlossen sich in Vereinen zusammen und verkauften ihre Werke. Nur in die offizielle Kunstgeschichte haben sie, bis auf wenige Ausnahmen, ihren Weg nicht gefunden. Je radikaler, fortschrittlicher und innovativer die von den Künstlerinnen entwickelte eigene Bildsprache war, desto größer die Ablehnung der zeitgenössischen männlichen Kunstkritiker. Der mutige Bruch mit den bestehenden Geschlechterrollen, die Überwindung äußerer und innerer Barrieren kostete die kunstschaffenden Frauen enorme Kraft. Nicht selten waren Anfeindung und Spott der einzige Lohn. Besser fuhren Künstlerinnen, deren Werke mit Attributen wie charmant, reizend etc. bedacht werden konnten. Solange ihre Lebensführung und ihr künstlerischer Ausdruck einigermaßen den gesellschaftlich zementierten Vorstellungen des Weiblichen entsprachen, wurde ihnen zumindest zu Lebzeiten die Anerkennung nicht verwehrt. Die Zeit überdauert haben auch viele ihrer Werke nicht.
Wahre Wertschätzung zeigt sich im Sammeln, Bewahren und lebendig halten der Erinnerung. Das Ausmaß dessen, was verloren ging oder vernichtet wurde, macht erst die Lektüre eines Buches wie “Die Malweiber” bewusst. So fragwürdig es auch scheinen mag, 45 Künstlerinnen auf mageren 127 Seiten zu präsentieren, ermöglicht es doch einen einzigartigen Vergleich der Biografien und Überlebensstrategien dieser Frauen. Malen konnte jede von ihnen ebenso gut wie ihre männlichen Kollegen. Der Preis, den sie für die Ausübung ihrer Profession zu zahlen hatten, war ungleich höher. Der Balanceakt zwischen ersehnter Freiheit zur künstlerischen Verwirklichung und der Erfüllung weiblicher Pflichten gelang nur wenigen. Ehemänner oder Lebensgefährten, die sich willig zeigten, ihr Ego hintanzustellen und ihre Frauen zu unterstützen waren die Ausnahme. Von jenen Künstlerinnen, die nicht allein oder mit einer anderen Frau zusammenlebten, gaben viele wegen der Familie ihre künstlerischen Ambitionen frühzeitig auf oder pausierten. Andere stellten sich in den Schatten ihrer berühmteren Männer und verschrieben sich der Pflege deren Nachlasses anstatt jener des eigenen Werkes. Ohne Menschen, die ihre Arbeiten schätzen, ohne Fürsprecher, Förderer und Nachlassverwalter liefen und laufen Künstlerinnen Gefahr, vergessen zu werden. Wer liebender Verwandter entbehrt und von den Torwächtern des Kunstbetriebes, den Kritikern, Wissenschaftlern, Kuratoren und Galeristen, totgeschwiegen wird, der verschwindet in der Versenkung. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist keine Erscheinung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nur wessen Name in aller Munde ist, geradezu gebetsmühlenartig wiederholt wird, findet Aufnahme ins kulturelle Gedächtnis.
“Die Malweiber” leistet einen Beitrag, die Namen von Künstlerinnen in die Welt hinauszutragen und das Interesse für sie zu schüren. 45 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden von Katja Behling und Anke Manigold für ihr Buch ausgewählt: Paula Moderson-Becker, Marie Bock, Clara Rilke-Westhoff, Louise Moderson-Breling, Katharina Bamberg, Elisabeth Büchsel, Antonie Biel, Clara Arnheim, Henni Lehmann, Anna Gerresheim, Elisabeth von Eiken, Anna Natalie Sinnhuber, Margarethe Sinnhuber, Helene Neumann, Alma del Banco, Anita Rée, Käte Lassen, Julie Wolfthorn, Augusta von Zitzewitz, Clara Siewert, Charlotte Berend-Corinth, Dora Hitz, Käthe Kollwitz, Ida Braubach, Mathilde Knoop-Spielhagen, Mathilde Battenberg, Viktoria von Preussen, Anna Klein, Maria Langer-Schöller, Emmi Walther, Paula Wimmer, Johanna Oppenheimer, Marianne Werefkin, Lolo von Hornstein, Waltraut Niepmann, Gabriele Münter, Sophie Taeuber-Arp, Clara von Rappard, Louise Breslau, Aloïse Corbaz, Bronica Koller, Tina Blau, Helene Funke, Marie-Louise von Motesiczky und Else Lasker-Schüler. Ihren knappen Biografien ist eine Einleitung, die sich mit den Ausbildungsbedingungen von Frauen im Kunstbetrieb und der Bedeutung von Künstlerkolonien auseinandersetzt, vorangestellt. Bestimmend für die Gliederung des Buches sind die Arbeitsorte der Künstlerinnen - sei es ländliche Künstlerkolonie oder Großstadt. Jeder wird kurz vorgestellt, doch leider beleben diese Texte nur Zitate von Männern, die sich überschwänglich zur Schönheit der Orte und ihren Besonderheiten äußern. Wäre es in einem Buch über Künstlerinnen nicht interessanter zu erfahren, wie es ihnen dort gefiel? Und so las ich “Die Malweiber” mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend weil jede Publikation über Künstlerinnen zählt, weinend weil hier den einzelnen Persönlichkeiten so wenig Platz eingeräumt wird. Zwischen einer und vier Seiten sind die - Text, Foto der Künstlerin und Werkbeispiele umfassenden - Biografien lang. Oder sollte ich sagen: kurz? Die Möglichkeit zusätzliches Bildmaterial in der Einleitung und auf Schmuckseiten unterzubringen, wurde bedauerlicherweise nicht ausgeschöpft. Stattdessen finden Bilder zweimal Verwendung, Katharina Bambergs “Schafstall auf Hiddensee” ist sogar dreimal abgebildet.
Das Buch “Die Malweiber” ist Zusammenfassung und potentieller Ausgangspunkt zugleich. Paula Moderson-Becker und Käthe Kollwitz haben bereits Aufnahme in den “Kanon” der Kunstgeschichte gefunden. An ihnen kommt man nicht mehr so leicht vorbei. Einige der in dem Buch vorgestellten Malerinnen wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt und mit Ausstellungen gewürdigt. All jenen, die bislang nur in Sammelbänden aufscheinen, wünsche ich eine Monografie, reich an Abbildungen und Originalzitaten. Damit auch ihre Stimme gehört wird.
© Ch. Ranseder
Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
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Dienstag, 24. März 2009

Nils Büttner
Gemalte Gärten
Bilder aus zwei Jahrtausenden
Hirmer 2009, Geb. m. Schutzumschlag im Schuber, 238 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 4245 7
Gemalte Gärten: Bilder aus zwei Jahrtausenden
Der Garten auf Carl Spitzwegs Gemälde “Der Gartenfreund” (1860) hat schon bessere Zeiten gesehen. Die begrenzende Mauer bröckelt, die Einfassungen der Beete sind geflickt und Unkraut wuchert. Dennoch wird das Gärtlein geliebt und gepflegt, davon zeugen schon die vielen blühenden Topfpflanzen. Ein Blick auf den einsamen Gärtner vertreibt jeden Zweifel, dass es anders sein könnte. Fürsorglich neigt sich der Mann, die Giesskanne in der Hand, zu einem Rosenbusch, der ihm in graziösem Bogen einige Ranken entgegenstreckt.
Spitzweg malte seinen Garten mit einem ironischen Augenzwinkern. Andere Maler verfolgten andere Ziele. Mit Pinsel und Farbe festgehaltene Gärten sind eine ergiebige Quelle mit deren Hilfe sich kultur-, kunst- und sozialgeschichtliche Fragen beantworten lassen. Gartenbilder erzählen von kultivierter Lebensart, sozialem Wandel, religiöser Erziehung, geheimen Wünschen, Besitzerstolz und Prestigedenken. Sie spiegeln die sich wandelnden Gartenmoden und Kunstströmungen. Natürlich bildet nicht jeder gemalte Garten einen realen Garten ab. Viele der schönsten Gartenansichten sind reine Fantasieprodukte, deren einzelne Bestandteile als Bedeutungsträger fungieren. Auch der Reiz des als dekoratives Beiwerk gemalten Grüns ist nicht zu unterschätzen. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Gartenbilder, die tatsächlich existierende Gärten in topografischen Ansichten festhalten.
“Gemalte Gärten” entführt auf einen Streifzug durch die glanzvolle Welt des Gartens in der Kunst. In chronologischer Abfolge bietet der Bilderreigen von allen Themen und Malweisen ein bisschen: römische Wandmalereien, Paradies- und Liebesgärten, als Orte mythologischen oder biblischen Geschehens dienende Gärten, topographische Ansichten, barocke Gartenanlagen, Landschaftsparks, bürgerliche Kleingärten, Künstlerrefugien, sogar ein Gemüsegarten und ein Münchner Biergarten sind dabei. Der graduelle Kontrast von der Feinmalerei, die auch noch die zarteste Blüte naturgetreu wiedergibt, zur völligen Abstraktion des Gartens führt die gesamte Bandbreite künstlerischen Ausdrucks vor Augen. Das großformatige, prachtvolle Buch lebt von der Vielzahl der in erstklassiger Qualität wiedergegebenen Gartendarstellungen. Aus den schönsten Abbildungen der gezähmten Natur werden Details herausgegriffen und seitenfüllend vergrößert, sodass Blumen oder einzelne Elemente des Gartens gebührend bewundert werden können. Das Register der vertretenen Künstler liest sich wie das Who´s Who der Kunstgeschichte. Nils Büttner setzt bei der Auswahl der Bilder zum überwiegenden Teil auf bekannte Namen. Jan van Eyck, Botticelli, Mantegna, Altdorfer, Lucas Cranach d. Ä., Tizian, Tintoretto, Pieter Brueghel d. J., Jan Brueghel d. Ä., Rubens, Watteau, Fragonard, Canaletto, Constable, Caspar David Friedrich, Corot, Pissaro, Renoir, Manet, Monet, Cezanne, van Gogh, Klimt, Nolde, Hundertwasser, Hockney - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Wie bereits der Untertitel des herrlichen Buches verkündet, liegt der Schwerpunkt von “Gemalte Gärten” auf den Bildern. Die fulminante Flut der Abbildungen wird von einem Text begleitet, der nach Herzenslust Hintergrundwissen zu den Gemälden und den auf ihnen dargestellten Szenen, Künstlern, Charakteristika der Kunstepochen und Strömungen der Gartenkunst vermittelt. Fraglos alles sehr interessant, aber auch ein wenig beliebig. Bei mehr als einem der ausgewählten Gemälde wäre ein konkreter Bezug zu dem dargestellten Garten (anstatt zu dem in ihm stattfindendem Geschehen) oder eine tiefergehende Analyse einzelner Gartenelemente wünschenswert gewesen.
“Gemalte Gärten” ist in erster Linie ein Fest für die Augen und somit das ideale Geschenkbuch für kunstsinnige Gartenfreunde.
© Ch. Ranseder
Gemalte Gärten: Bilder aus zwei Jahrtausenden
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Sonntag, 15. März 2009

Agnes Husslein-Arco, Jean Louis Gaillemin, Michel Hilaire, Christiane Lange (Hgg.)
Alfons Mucha
Hirmer 2009, 365 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7774 7035 1
Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010
Das Buch “Alfons Mucha” und die gleichnamige Ausstellung kommen zum richtigen Zeitpunkt. Sie spiegeln in Konzept und Werkauswahl zwei seit einigen Jahren vorherrschende, sich zu Trends verdichtende, gegensätzliche Stimmungen. Zum Einen ist die Freude am Dekorativen wieder erlaubt. Diese Sehnsucht nach dem Ornament lässt sich mit dem Erstarken der Illustration auch in der zeitgenössischen Grafik ablesen. Zum Anderen besinnen sich viele Volksgruppen trotz des vielbeschworenen europäischen Gedankens wieder auf ihre Wurzeln. Alfons Muchas Gesamtwerk vermag mit seiner beeindruckenden Bandbreite beide Pole abzudecken. Als Gebrauchsgrafiker wurde er mit Plakaten, Entwürfen für Verpackungen und Buchillustrationen im Stil der Art Nouveau berühmt. Mit der monumentalen Historienmalerei, die in der Bildfolge des “Slawischen Epos” gipfelte, verwirklichte er ein Herzensanliegen.
Alfons Mucha (1860-1939) war ein Multitalent. Den Anforderungen eines Projektes entsprechend, wechselte er mühelos zwischen den Genres, Medien und Formen des emotionalen Ausdrucks. Auch mit dem Verlauf seiner Karriere stand der vielseitig begabte Künstler dem heutigen Bild des Stardesigners näher als den Malerfürsten des 19. Jahrhunderts. Herausragendes Können reicht oft nicht aus, um in der Kunstszene zu bestehen. Mucha verfügt darüber hinaus über die Fähigkeit Netzwerke aufzubauen, die Bereitschaft zur Mobilität und eine gehörige Portion Glück. Im südmährischen Ivančice geboren, zieht es Alfons Mucha nach seiner Ablehnung durch die Prager Akademie der bildenden Künste nach Wien, wo er als Theatermaler tätig ist. Es folgen Abstecher nach Mikulov und Schloss Gandegg in Tirol. Mucha hat das Glück in den Grafen Egon und Eduard Khuen Belassi finanzielle Förderer zu finden. Ihre Unterstützung ermöglicht ihm einen Studienaufenthalt in München und die Fortsetzung seiner Ausbildung in Paris. Prägender als die akademische Schulung sind in diesen Jahren jedoch die Treffen mit Künstlerfreunden, in deren Rahmen nicht nur Geselligkeit gepflegt, sondern - vor allem in München - Seite an Seite selbst gewählte Aufgabenstellungen gelöst werden. Gegen Ende des Jahres 1894 erhält Alfons Mucha durch eine glückliche Fügung die Chance ein Plakat für das Theaterstück “Gismonda” zu entwerfen. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt ist von seiner Schöpfung so begeistert, dass sie mit ihm einen Vertrag auf sechs Jahre abschließt. Von da an geht es mit Muchas Karriere steil bergauf. Es folgen zahlreiche kommerzielle grafische Arbeiten, Schmuckentwürfe sowie die fantastische Ausstattung des Juweliergeschäftes von Georges Fouquet. Seine Beschäftigung mit dem Kunstgegenstand erreicht mit den als Handbuch gedachten “Documents Décoratifs” einen Höhepunkt. Die Gebrauchsgrafik allein befriedigt den begnadeten Zeichner jedoch nicht. Neben seinen dekorativ-heiteren Arbeiten verwirklicht Mucha künstlerische Projekte zu religiösen und patriotischen Themen, darunter die bildliche Umsetzung des Vaterunsers. Ein weiteres Standbein ist seine Lehr- und Vortragstätigkeit. Letztere führt ihn 1904 in die USA, wo er mehrere Jahre lebt und arbeitet. Hier gelingt es ihm auch einen Mäzen für den “Slawischen Epos” zu finden. Doch Amerika kann Mucha nicht halten. Er übersiedelt nach Prag, um sich der Ausschmückung des Primatorensaals im Repräsentationshaus und den Monumentalgemälden des “Slawischen Epos” zu widmen.
Der Prachtband “Alfons Mucha” würdigt die Vielseitigkeit des weitgereisten Künstlers. Großformatige Abbildungen, die ein wahres Fest für die Augen sind, bieten einen Querschnitt durch sein Lebenswerk. Die zahlreichen Essays zeichnen sich durch originelle Zugänge zu Muchas Kunstschaffen und neue Schwerpunktsetzungen aus.
Jean Louis Gaillemin geht in “Linie und Figur - der ‘Mucha-Stil’” Muchas Interesse an spiritistischen Experimenten nach und untersucht, wie der Künstler seine Beobachtungen zu Kompositionsregeln verdichtete, um sie in verschiedenen Ausdrucksstilen zur Anwendung zu bringen.
Roger Diederen rekonstruiert in “‘Hier leuchtete die Flamme der Kunst’. Alfons Muchas Münchner Jahre (1885-1887)” Muchas Weg nach München, wo sich sein Geschick soziale Netzwerke zu knüpfen voll entfaltete.
Arnauld Pierre setzt in “Musikalische Ekstase und Fixierung des Blicks. Mucha und die Kultur der Hypnose” die in Muchas Atelier stattfindenden Experimente in einen historisch-medizinischen Kontext. Im Zuge dessen führt er vor Augen, wie Mucha die Betrachter seiner Plakate manipuliert und welche hypnotische Wirkung seiner Gebrauchsgrafik innewohnt.
Olivier Gabet stellt in “Der Kunstgegenstand bei Mucha” den Perfektionisten als fantasiebegabten Schöpfer kunstgewerblicher Gegenstände vor und spannt dabei den Bogen von der Gebrauchsgrafik über die “Documents Décoratifs” bis zu Schmuckentwürfen und Geschäftsausstattung für den Juwelier Georges Fouquet.
Dominique de Font-Réaulx schildert in “Die fotografische Inszenierung bei Alfons Mucha” die Freude des Künstlers an der Fotografie, mit deren Hilfe er nicht nur seine Freunde und Familie für die Ewigkeit festhielt, sondern auch seine historischen Gemälde vorbereitete.
Alfred Weidinger befasst sich in “Alfons Mucha und der Pavillon für die osmanischen Provinzen Bosnien-Herzegowina auf der Weltausstellung in Paris 1900″ mit Entstehungsgeschichte und Bildprogramm des repräsentativen Projektes.
Lenka Bydźovská und Karel Srp verfolgen in “Das ‘Slawische Epos’: Wort und Licht” die Genese des Monumentalwerkes. Im Zuge dessen analysieren sie Muchas Interpretation der slawischen Geschichte, seine Erzählweise und die gewählten Formen des visuellen Ausdruckes.
Tomoko Sato entdeckt in “Fotografie: Die andere Seite Muchas” Mucha als Fotokünstler.
Den Aufsätzen folgt ein umfassender, nach 11 Themen gegliederter Bildteil mit jeweils einem einleitenden Text zu jedem Abschnitt. Biographie, Werkverzeichnis und Auswahlbibliographie runden das stattliche Buch ab. Anlass für das Erscheinen der Publikation “Alfons Mucha” ist die gleichnamige Ausstellung, die von 12. Februar bis 1. Juni ‘09 im Belvedere, vom 20. Juni bis zum 20. September ‘09 im Musée Fabre und vom 9. Oktober ‘09 bis zum 24. Jänner ‘10 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, gastiert.
© Ch. Ranseder
Alfons Mucha: Katalog zur Ausstellung in Wien, 2.02.2009-01.06.2009, Belvedere und in München, 25.09.2009-10.-01.2010
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Sonntag, 23. November 2008

Hgg. Ingried Brugger, Heike Eipeldauer, Caroline Messensee
Georges Braque
Hatje Cantz 2008, 248 S., 150 Abb.
ISBN 978 3 7757 2202 5
Georges Braque: Lyrik der Geometrie. Eine Retrospektive
Der Kubismus ist untrennbar mit Georges Braque und seinem Freund und Weggefährten Pablo Picasso verbunden. Zur Ausstellung “Gorges Braque” (14. November ‘08 bis 1. März ‘09) im BA-Kunstforum ist ein Katalog erschienen. Er ist die einzige lieferbare Monografie zu Leben und Werk des Franzosen Georges Braque, des Erneuerers der Kunst des 20. Jahrhunderts auf dem deutschen Buchmarkt.
In sieben Beiträgen und einem umfangreichen exzellent bebilderten Katalog setzen sich renommierte WissenschafterInnen mit Braques Werk auseinander.
Neil Cox nimmt sich der verpönten (Nicht-)Farbe Schwarz in seinem Beitrag “Dunkle Materie - Barques Schwarz” an.
Heike Eipeldauer spürt dem Sinnlich-haptischen unter dem Titel “Georges Braque und das Stillleben als Modell taktiler Nähe” nach.
Edith Futscher, deren Beitrag sich mit “Barque baroque: Die Stilleben der 1920er Jahre” beschäftigt, zeigt dessen Abkehr vom Kubismus auf.
Christopher Green beleuchtet in seinem Beitrag “Eine ‘entnationalisierte’ Landschaft?” Braques frühe kubistische Landschaften und die “nationalistische” Geografie
Caroline Messensee unterzieht Georges Braque unter dem Titel “Lyriker der Geometrie oder ein französischer Maler” einer genaueren Betrachtung.
Nicolas Surlapierre setzt unter dem Titel “‘Lyre sans borne des poussières’ oder eine literarische Biografie Georges Braques” verschiedene Texte in Beziehung zum Künstler.
Juliane Vogel geht mit “Zeitungsausschnitte - Wege kubistischer Fakten” dem nicht zufällig gewählten Material auf den Grund.
Ein spannender Abriss, der in einer gut sortierten Kunstbibliothek nicht fehlen sollte und KunstliebhaberInnen neue Facetten im Werk von Georges Braque - und das bei exzellenter Qualität zu moderatem Preis - aufzeigen wird.
© S. Strohschneider-Laue
Georges Braque: Lyrik der Geometrie. Eine Retrospektive
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Donnerstag, 23. Oktober 2008

Corinna Hesse
Deutschland hören
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 02 7
Deutschland hören: Eine musikalisch illustrierte Reise durch die Kulturgeschichte Deutschlands
Nominiert zum Deutschen Hörbuchpreis (2007 beste verlegerische Leistung, 2008 beste Information), war die Länderreihe schon zweimal. Die Ausstellung “Das “Auge hört mit” würdigte die Leistung auf der Leipziger Buchmesse und jetzt folgt brandaktuell der Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Also wer es bis jetzt nicht gemerkt hat, dass diese Ländereihe ein ebsno kurzweiliges wie fundiertes Hörerlebnis ist, sollte spätestens jetzt die Ohren aufsperren und zuhören.
Gelegenheit dazu bietet “Deutschland hören”, das nach Frankreich hören und Türkei hören den diesjährigen Länderreigen schließt. Passend zum Tag der Deutschen Einheit erscheint die moderne Silberscheibe, die grün und golden wie die urzeitliche Bronzescheibe von Nebra gestaltet ist. Ein optischer Geniestreich, denn das bronzezeitliche Objekt aus Deutschland hat weltweite Schlagzeilen gemacht und kulturelle Wellen geschlagen. Sie macht auch den thematischen Auftakt zu den zwanzig Hörkapiteln rund um das kulturelle “Deutschland”. Die “Germania” des Römers Tacitus, die Merseburger Zaubersprüche und Hildebrandslied, mit der passenden musikalische Untermalung von Duivelspack, werfen bezeichnende Schlaglichter römische Wahrnehmung und germanische Selbstsicht. Nach dem geschmiedeten Himmel, im Spiegel des Feindes und Wodans Fährte, wendet sich die CD dem Bildung mit System unter Karl dem Großen zu. Schöner Schein und blutiger Ernst (Walther von der Vogelweide, Nibelungenlied) beschließen das Mittelalter. Mit dem brennenden Gott (Isenheimer Altar), Büchernarren - gefallene Engel und der Kraft des Wortes wird mit Grünewald, Brant, Dürer, Luther die Neuzeit eingeläutet. Meistersinger, Doktor Faust, Dreißigjährigem Krieg und Simplicissimus stehen in Folge für die Suche nach Ordnung und die Kollision von Gegensätze, während im Kapitel “Alles nach Maß und Zahl”, der harmonische Kosmos von Kepler bis Bach im Mittelpunkt steht. Philosophie und Bildung unter Friedrich dem Großen, Menschheitsdramen im Zeichen der Aufklärung von Lessing und Goethe sowie die freiheitliche Ideale am Beispiel von Schiller und Beethoven zeigen einen neuen Wendepunkt auf. Es folgt die staatliche Selbstfindung nach dem Wiener Kongress, eine Neuordnung, die in Folge die Proletarier aller Länder zur Vereinigung aufruft und 1848 für ein Jahr zu einem frei gewählten Parlament führt. Das Deutsche Reich entsteht aus Geld und Gewalt und baut auf Übermenschen und Untertanen. Die inhaltlichen und kulturellen Gegensätze prallten schon vor dem Ersten Weltkrieg aufeinander und werden anschließend zwischen Dada und Bauhaus zum neuen Ausdruck. Und trotzdem zeichneten sich die ”Notzeiten für Blechtrommler” bereits ab auch wenn man das Volk nicht abwählen konnte. Getrennte Entwicklungen unter kommunistischen und kapitalistischen Vorzeichen konnten die Identitätssuche nicht stoppen. Wie das letzte Kapitel “Von Zimmerspringbrunnen und Hobbygärtner” Deutschland treffend nach der Wiedervereinigung beleuchtet.
Ein spannender Abriss, dem man in seiner Leichtigkeit nicht anmerkt wie schwierig es gewesen sein muss in 80 Minuten nur die wesentlichsten Highlights der fast ausschließlich von Männern geprägten Kulturgeschichte herauszupicken. Die identitätstiftenden Höhenflüge sowie unmenschlichen Tiefpunkte wurden im Hörbuch “Deutschland Hören” zu einem kritischen Kulturreigen über und für die Deutsche Bevölkerung. So eingängig-nachhaltig muss Pflichtlektüre für die Ohren sein. Genial geschrieben von Corinna Hesse, genial gelesen von Rolf Becker und grafisch von Roswitha Rösch als echter Blickfang gestaltet. Bitte mehr davon!
Hörprobe
© S. Strohschneider-Laue
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Mittwoch, 11. Juni 2008

Ingrid Pfeiffer, Max Hollein (Hg.)
Impressionistinnen
Hatje Cantz 2008, 320 S. 305 Abb., davon 274 farbig
ISBN 978 3 7757 2078 6
Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond
Eine pausbäckige junge Frau blickt auf ihr Schoßhündchen und krault ihm den Hals. Die Darstellung des Hundes ist beinahe eine Karikatur. Zwei Knopfaugen lugen aus dem zotteligen mit kräftigen, langen Pinselstrichen wiedergegebenen Fell hervor. Die knubbelige Nase ist leicht gerötet und das Maul wird nur mit einem kurzen braunen Strich angedeutet. Der Körper des Hundes bleibt konturlos. Sein Hinterteil verblasst ins Nichts. Und dennoch möchte man lachen, so gut hat die Malerin den Charakter des kleinen Köters eingefangen.
Berthe Morisot gelingt es in dem 1887 entstandenen Gemälde “Mädchen mit Hund” bravourös die Essenz der Dargestellten und den Zauber des Augenblicks mit wenigen dynamischen Pinselstrichen einzufangen. Berthe Morisot (1841-1895) zählt gemeinsam mit ihren Zeitgenossinnen Mary Cassatt (1845-1926), Eva Gonzalés (1847-1883) und Marie Bracquemond (1840-1916) zu jenen Frauen, denen es im 19. Jahrhundert gelang, sich in der von Männern dominierten Kunstszene als Malerinnen einen Namen zu machen. Als angesehene Vertreterinnen des Impressionismus waren sie zu Lebzeiten durchaus erfolgreich. Doch Kunstgeschichte wurde jahrzehntelang von Männern geschrieben, die wenig von den Leistungen der Frauen hielten. Sie marginalisierten Künstlerinnen und gaben ihre Werke dem Vergessen preis. Zum Umschwung kam es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt Dank der feministischen Forschung. Dennoch ist der Prozess Künstlerinnen wieder sichtbar zu machen und ihnen den gebührenden Platz sowohl in der Kunstgeschichtsschreibung als auch in der öffentlichern Wahrnehmung einzuräumen, noch lange nicht abgeschlossen. Ausstellungen wie die kürzlich in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu Ende gegangene Schau “Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalés, Marie Bracquemond” erfreuen daher ganz besonders. Viele wichtige Beiträge zur Kunstgeschichte sind Ausstellungsprojekten zu verdanken. Die aus der Präsentation der vier Künstlerinnen des Impressionismus in der Schirn Kunsthalle hervorgegangene Begleitpublikation “Impressionistinnen” ist einer von ihnen.
Dass Ausstellungskataloge mit reichhaltigem, technisch hervorragend wiedergegebenem Bildmaterial aufwarten und die Exponate möglichst umfassend präsentieren, ist mittlerweile nichts Neues. Was das Buch “Impressionistinnen” in das Spitzenfeld der Kunstbuchproduktion katapultiert, ist die außergewöhnliche Qualität der Textbeiträge. Die Autorinnen und Autoren haben eine ganzheitliche Herangehensweise an Leben und Werk der vier Künstlerinnen gewählt. Sie verweben Biographie, Werkanalyse, Kunst- und Sozialgeschichte zu facettenreichen, wissenschaftlich fundierten Essays, die inhaltliche Tiefe mit exzellenter Lesbarkeit vereinen.
Ingrid Pfeiffer macht in “Der Impressionismus ist weiblich - Zur Rezeptionsgeschichte von Morisot, Cassatt, Gonzalés und Bracquemond” mit den vier Künstlerinnen bekannt. Sie analysiert wie die Arbeiten der vier Frauen im Rahmen des Impressionismus von zeitgenössischen Kritikern wahrgenommen wurden und welche Bewertungen sie durch nachfolgende Generationen von Kunsthistorikern erfuhren.
Linda Nochlin nimmt sich in “Morisots Amme - Arbeit und Freizeit in der impressionistischen Malerei” der Motivwahl der Malerinnen und ihrer männlichen Kollegen an.
Sylvie Patry widmet sich in “‘Etwas festhalten von dem, was vorüberzieht’ - Berthe Morisot und der Impressionismus” Morisots Arbeitsweise, ihrer Themenwahl sowie Kompositions- und Maltechnik.
Hugues Wilhelm leitet mit “Sieben unveröffentlich Briefe von Mary Cassatt an Berthe Morisot und deren Tochter Julie Manet” zu dem Mary Cassatt gewidmeten Themenblock über.
Griselda Pollock analysiert in “Mary Cassatt - Berührung und Blick oder Impressionismus für denkende Menschen” die Bildsprache der amerikanischen Malerin, die eine Meisterin der Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen war.
Pamela A. Ivinsky zeigt in “‘Mit einer festen und kräftigen Hand’ - Mary Cassatts Techniken und Fragen des Geschlechts” wie sich Cassett im Lauf ihrer künstlerischen Entwicklung die unterschiedlichsten Techniken zu Eigen machte und welche Reaktionen sie dabei bei den Betrachtern ihrer Arbeiten erzielte.
Marie-Caroline Sainsaulieu vergleicht in “Eva Gonzalés und Henri Toulouse-Lautrec - Das expressive Rot” wie Gonzalés und Toulouse-Lautrec die Farbe Rot in ihren Bildern einsetzten.
Jean-Paul Bouillon verfolgt in “Marie Bracquemond - Die Dame mit dem Sonnenschirm” den Verlauf der kurzen Karriere der vielseitigen Künstlerin, die im Salon und bei den Impressionistenausstellungen reüssierte und dennoch ihre Tätigkeit auf Drängen ihres Ehemanns aufgab.
Anna Havemann führt in “Vorwärts marsch - Der Kampf der Künstlerinnen um berufliche Anerkennung in der Kunstwelt des 19. Jahrhunderts” vor Augen mit welchen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sich Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts konfrontiert sahen. Von historischen Fotografien begleitete Lebensläufe der Künstlerinnen runden das gelungene Buch ab.
Die Arbeiten von Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalés, Marie Bracquemond können von 21. Juni bis 21. September 2008 noch im Fine Arts Museum of San Francisco bewundert werden.
© Ch. Ranseder
Impressionistinnen - Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès, Marie Bracquemond
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Sonntag, 01. Juni 2008

Martin Greve
Türkei hören
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 79′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 01 0
Türkei hören: Eine musikalisch illustrierte Reise durch die Kulturgeschichte der Türkei
Selbst erfahrene Türkeireisende werden hier in einem geballten Überblick vom mythischen Ursprung bis in die Gegenwart sehr viel bislang Unbeachtetes erfahren. In zwanzig Kapiteln begleitet man das ursprünglich nomadische Volk aus Zentralasien. Der religiöse Schmelztiegel des Islam eint die Kulturen. Die Religion, Politik und Kunst werden untrennbar und die Ausweitung des Reichs aus Zentralanatolien gen Westen unaufhaltbar. 1366 fällt Adrianopel, 1453 schießen die Osmanen ein Loch in die mächtige Stadtmauer von Byzanz. Die letzte Erinnerung an oströmisches Erbe wird damit ausgelöscht. Die Hagia Sophia wird von christlicher Kirche zur Moschee deklariert. In kurzer Zeit wird die Stadt Konstantinopel zur Mega-City mit 400.000 Einwohnern. Erfolgreiche Kriegszüge lassen die Janitscharen, die Infantarie, in Folge zum Schrecken Europas werden. Bereits 1529 stehen sie - allerdings vergeblich - vor den Toren Wiens und 1683 belagern sie die Stadt wieder erfolglos. Das türkische Heer hat für Europa einen Teil seines Schreckens eingebüßt, dafür wird die türkische Kultur zur Mode. Aber auch der Austausch mit den westlichen europäischen Kulturen hat seine Spuren unter anderem in Musiktradition oder den Militärreformen des 19. Jahrhunderts hinterlassen.
Vom frühen Dichter Yunus Emre bis zum Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk der Gegenwart spannt sich der literarische Bogen. Kalligraphie, Buchdruck und Malerei, Musik, Tanz und Islam gehen in der türkischen Kultur eine einzigartige Verbindung ein, die vom großen Vielvölkerstaat geprägt wird. Leichthändig und politsch sensibel, wird die Türkei als vielschichtiger und historisch wechselvoller kultureller Reigen präsentiert. Lebendig, sinnlich und traurig sind die ausgewählten Musikzitate. Sie stehen als harmonischer und dennoch fast gleichwertiger Bestandteil neben der ruhigen Stimme des Sprechers Ercan Durmaz. Mit roten Tulpen und weißen Derwischen auf türkisem Hintergrund hat Roswitha Rösch wieder kluges Gespür für passendes Cover- und Bookletdesign bewiesen.
Man muss die Silberfuchsreisen einfach alle haben. Unglaublich, aber fast besser als eine echte Reise und viel billiger! Ganz abgesehen davon, ist die Türkei Gastland der Frankfurter Buchmesse 2008. Kurzweiliger und stimmiger kann man sich wirklich nicht kulturhistorisch über die Türkei informieren.
Hörprobe
© S. Strohschneider-Laue
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Freitag, 30. Mai 2008

Barbara Barberon-Zimmermann
Frankreich hören
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9810 7258 7
Frankreich hören: Eine musikalisch illustrierte Reise durch die französische Kulturgeschichte bis in die Gegenwart
Die neueste Ohrenreise führt nach Frankreich und nimmt ihren Ausgang nach dem Einsetzen der Schriftgeschichte. Gergovia und die heftigen Auseinandersetzungen zwischen Galliern und Römern machen somit anhand des berühmtesten und französischsten aller Franzosen - Asterix - den Auftakt. Wie bei Asterix ist der Sieg in Erinnerung während die endgültige Okkupation durch der Römer verdrängt wird.
In der gebotenen Fülle ist für die exzellente Audio-CD der knappe Einstieg trotzdem kein Schaden. Die wichtigsten kulturhistorischen Ereignisse folgen in einem attraktiven Reigen. Bestechend ist auch wieder die ausgewogene Mischung aus Musik und Text. Zwanzig geballte Kapitel für über zweitausend Jahre französische Geschichte bieten einen guten Überblick über Krieg und Frieden sowie Kunst und Kultur, die den Nährboden stellen aus denen Staaten entstehen. Von Galliern und Römer, Karl der Große, Troubadoure und durch die Jahrhunderte immer wieder Literatur, Kathedralen, Johanna von Orléans, Bartholomäusnacht, Sonnenkönig, Revolution, Impressionisten und Surrealisten bis zur Kultur der Erinnerung entsteht beim Hören ein eindrucksvolles Porträt vom Werden Frankreichs.
Vielschichtig aufbereitet, mit genialer musikalischer Umrahmung und nicht zu letzt eindringlich von Dietmar Muse gelesen, schafft es die CD neugierig auf Frankreich und mehr zu machen: Vor allem mehr Musik und mehr Literatur. Interessant, was man plötzlich wieder für Bücher aus den Regalen zieht und welche Musik man plötzlich wieder in den CD-Player schiebt.
Es ist zwar schade, dass auf wesenliche Teile der Urgeschichte mit ihren exzeptionellen archäologischen Funden und Orten verzichtet wurde, die trotz mangelnder schriftlicher Zeugnisse dieser frühen Epochen hätten berücksichtigt werden können, aber der geballte 2000jährige “Rest” ist wahrlich genug für eine einzige Audio-CD.
Fest steht, dass man bei dieser Hörbuchserie süchtig wird. Und das geling mit Frankreich hören allemal, zumal auch die optische und haptische Ausstattung von Roswitha Rösch wieder äußerst ansprechend gelungen ist.
Hörprobe
© S. Strohschneider-Laue
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Mittwoch, 23. April 2008

Corinna Hesse
Israel hören. Das heilige Land
Silberfuchs Verlag 2008, Laufzeit 80′, 16 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 00 3
Israel hören - Das heilige Land (Audio-CD)
Am 14. Mai 1948 proklamierte Ben Gurion den Staat Israel. Der 60. Gründungstag Israels im Jahr 2008 ist Anlass für die klingende Reise “Israel hören”. Die Audio-CD erscheint am 13. Mai in der bewährten Länderreihe (s. a. Rezensionen zu China hören, Russland hören, Ungarn hören; Hörproben Silberfuchs Verlag) der beiden Kulturjournalistinnen Corinna Hesse und Antje Hinz.
In 80 fesselnden Minuten wird der zeitliche Bogen von den biblischen Überlieferung bis in die Gegenwart gespannt. Die dramatische Geschichte, die von Vertreibung und Verfolgung ebenso gekennzeichnet ist wie von kultureller Hochblüte und Rückkehr, wird anhand wesentlicher Ereignisse aufgezeigt. Viele davon sind nicht nur archäologisch nachgewiesen, sondern im meist gelesenen Buch der Welt, der Bibel, schriftlich überliefert. Die verbindende Elemente und Ursprünge der drei großen Weltreligionen werden dabei sensibel abseits der religiös-politischen Reibungsflächen in die historischen Betrachtungen einbezogen. Die Bewahrung alter Traditionen als zentrales Element wird leicht verständlich aufbereitet. Die sich aus der wechselvollen Geschichte ergebende kulturelle Brücke aus Orient und Okzident wird zuletzt noch anhand der Sichtweisen zeitgenössischer Künstler aufgezeigt.
Interessierte Menschen jeden Alters zu erreichen, gelingt der Länderreihe spielend. Das Ziel mit “Israel hören” insbesondere jüngere Menschen anzusprechen, geht jedenfalls vollinhaltlich auf. Die akustische Reise durch die wechselvolle Kulturgeschichte macht nicht nur neugierig auf mehr, sondern lädt immer wieder aufs Neue zum Hineinhören ein. Zum inhaltlichen Hörgenuss mischen sich passende musikalische Sequenzen. Die Stimme Rolf Beckers, der sich wieder als genialer Erzähler erweist, hält die Spannung bis zum letzten Wort aufrecht. Das Booklet, das wieder wesentlich mehr als nur Inhaltsverzeichnis ist und daher seinem Namen auch gerecht wird, ist von Roswitha Rösch themenbezogen gestaltet worden. Eine kleine, feine optische Ergänzung zum akustischen Genuss.
Hörprobe
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Donnerstag, 17. April 2008

Kokoschka - Spätwerk
Oskar Kokoschka (1886-1980) steht im Mittelpunkt von drei Ausstellungen in Wien und Linz. Während die Ausstellung “Oskar Kokoschka. Träumender Knabe - Enfant terrible” (24. Januar bis 12. Mai ‘08) im Unteren Belvedere sich des Frühwerks annimmt, widmet sich die Albertina unter dem Titel “Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980” vom 11. April bis 13. Juli ‘08 dem Spätwerk des Künstlers. “Oskar Kokoschka - Ein Vagabund in Linz. Wild, verfemt, gefeiert” wird von 31. Mai bis 5. Oktober ‘08 den Reigen um den Künstler im Lentos abrunden.
Oskar Kokoschka, Helft den baskischen Kindern!, 1937, Farblithografie. Kunstgewerbemuseum, Prag
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008, © Foto: Ondrej Kocourek, Prag
Während das Frühwerk Kokoschkas sich unter anderem durch Selbstbetrachtung auszeichnet, richtet sich Kokoschkas kritischer Blick ab 1934 - auch im Zuge seiner Emigration nach Prag - nach außen und somit auch auf die politischen Entwicklungen seiner Zeit. Deutlich werden daher in der Spätwerk-Ausstellung der Albertina diese inhaltlich essentiellen Unterschiede zu Arbeiten des jungen Künstlers aufgezeigt.
Oskar Kokoschka, Prag, Karlsbrücke, 1934, Öl auf Leinwand. Národní Galerie, Prag
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008
Die bewegte und unstete Lebensweise des Künstlers zieht sich als roter Faden durch die übersichtlich geliederte Präsentation. Prag, (1934-1938), Londoner Exil (1938-1945), der poltische Kokoschka, Reisen von England aus (1945-1953), Kokoschka und Österreich, Salzburg und die “Schule des Sehens”, Villeneuve (1953), Städtebilder (1953-1967), Theater und Literatur: Mythen der Menschheit, die letzten Bilder (1970-1980) geben dem vielschichtigen Spätwerk chronologische und inhaltliche Struktur.
Oskar Kokoschka, Time, Gentlemen please, 1970/1972, Öl auf Leinwand, Tate, London
© Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008
Der perfekt von der Albertina inszenierte Überblick zum zweiten Lebensabschnitt und Alterstil Oskar Kokoschkas endet bezugnehmend auf seine eigene Zukunftsperspektive passend und nachdenklich stimmend mit dem Werk “Time, Gentlemen please”.

Antonia Hörschelmann (Hg.)
Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980
Hatja Cantz 2008, 328 S. 320 Sw- und Farbbb.
ISBN 978 3 7757 2155 4
Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat 1934-1980
Zur Ausstellung erscheint der ebenso umfangreicher wie detailliert ausgarbeiteter Katalog. Das über 300 starke Begeleitwerk zur Ausstellung in der Albertina (11. April bis 13. Juli ‘08) bietet einen detaillierten Überblick über das Spätwerk mit Essays namhafter Kokoschka-SpezialistInnen.
Artur Rosenauer setzt sich mit dem Alterstil auseinander, während Werner Hofman die politische Kunst einer näheren Betrachtung unterzieht. Edwin Lachnit analysiert die Städtebilder ab 1934. Katharina Ehrling nimmt sich der Figurenbilder des letzten Jahrzehnts an. Gunhild Bauer stellt die Skizzenbücher in den Mittelpunkt und legt die Biografie vor. Heinz Spielmann und Antonia Hörschelmann liefern einen minutiös kommentierten Katalogteil begleitet von überragender Bildqualität.
Definitiv bieten Ausstellung und Katalog eine Werkschau und -analyse vom Feinsten.
© S. Strohschneider-Laue
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Freitag, 11. April 2008

BA-CA Kunstforum (Hg.)
Der Kuss der Sphinx. Symbolismus in Belgien
Hatje Cantz 2007, 280 S., 194 meist farbige Abb.
ISBN 978 3 7757 2067 0
Der Kuss der Sphinx
Mit an die Lippen gelegtem Finger, den Blick unfokussiert in die Weite schweifend, gebietet eine junge Frau Schweigen. Ihre bewegungslos verharrende, in starker Untersicht monumental überhöht wiedergegebene Gestalt zwingt den Betrachter, der die Augen zu ihrem Gesicht erheben muss, in die Position des Supplikanten. Fernand Khnopff stellt in seinem 1890 entstandenen Pastell “Stille” die Frau zugleich als Wächterfigur und anbetungswürdiges mystisches Wesen dar. Es ist nicht das einzige Werk des Künstlers, in dem äußere Ruhe und meditative Besinnung eine zentrale Rolle spielen, eine Figur der inneren Stimme zu lauschen scheint. Auch die Besucher seines als Heiligtum inszenierten Ateliers wurden zum Schweigen angehalten. Sowohl in seinem Heim als auch in seinen Bildern erschuf sich Khnopff eine eigene Welt fernab der Realität.
Damit sind bereits einige zentrale Themen des belgischen Symbolismus angesprochen, dessen Vertreter weit mehr durch ihre Geisteshaltung als durch stilistische Ähnlichkeiten geeint werden.
Am Ende des 19. Jahrhunderts werden die wissenschaftlichen und industriellen Errungenschaften, welche tief greifende gesellschaftliche Umwälzungen mit sich bringen, von einer großen Zahl der Künstler als Bedrohung empfunden. Eine spirituelle Krise gepaart mit der Trauer um vergangene Zeiten und deren Wertvorstellungen verstärken das Bedürfnis aus der feindlich empfundenen Umwelt in ein selbst geschaffenes Gedankenreich zu entfliehen. Die Esoterik blüht in der Kunst des Symbolismus, die eine enge Verbindung mit der Literatur eingeht, ebenso wie das Spiel mit Dekadenz und Verfall. In bewährter Tradition werden Frauen - vom reinen Ideal bis zur Femme fatal - zur Projektionsfläche für die Ängste und Sehnsüchte der die Grenzen ihrer Träume und erotischen Fantasien auslotenden männlichen Künstler. Ganzheitlich betrachtet lebt der Symbolismus von der Spannung zwischen dem Reich der Schatten und dem Reich des Lichts, dem Expliziten und dem Angedeuteten.
Brüssel, die Heimstatt von zahlreichen Künstlerzirkeln und Zeitschriften, fungierte für die belgischen Vertreter des Symbolismus zugleich als Zentrum des Diskurses und Schmelztiegel andernorts geborener Ideen beziehungsweise Formen des Ausdrucks.
Mit der Publikation “Der Kuss der Sphinx” ist es gelungen, einen Meilenstein in der Erforschung des belgischen Symbolismus zu setzen. Gleichzeitig bringt das grafisch ansprechend gestaltete Buch diese von Doppeldeutigkeit geprägte Kunstrichtung auch einem breiteren Publikum näher. Dies ist in erster Linie den hervorragenden Texten zu verdanken, deren Autoren es nicht nur verstehen, den belgischen Symbolismus und seine Verbindungen zu den Kunstmetropolen Europas in seiner Essenz zu erfassen, sondern auch ihre Forschungsergebnisse sprachlich leicht verständlich darzulegen.
Michel Draguet macht in seinem Essay “Brüssel - Drehscheibe des Symbolismus in Europa” mit den Grundzügen des belgischen Symbolismus bekannt und verortet ihn im kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Kontext.
Dominique Marechal untersucht in “’Verging nicht diese Stadt?’. Brügge als Treffpunkt europäischer Symbolisten” die Rolle dieser sehr ambivalent wahrgenommenen Stadt im Werk zahlreicher Künstler, wobei sie Fernand Khnopff besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lässt.
Sabine Plakolm-Forsthuber zeigt in “Spiegelbilder der Seele. Der belgische Symbolismus und der Wiener Jugendstil”, welche Impulse die Wiener Kunstszene um 1900 von den belgischen Symbolisten, insbesondere von Fernand Khnopff und dem Bildhauer George Minne, erhielt.
Den Tafelteil des Katalogs gliedernde, ausführliche Kapiteltexte von Michel Draguet bieten vertiefende Informationen zu einzelnen Künstlern und Themen des Symbolismus. Auf detaillierte Beschreibungen der ausgewählten Werke wird zugunsten der Abbildungsgrößen jedoch verzichtet. Abgerundet wird das stattliche Buch “Der Kuss der Sphinx. Symbolismus in Belgien” von Kurzbiografien der Künstler, einer Literaturliste und einem Verzeichnis der in der gleichnamigen Ausstellung präsentierten Werke. Wer die rund 150 Arbeiten von 36 Künstlern im Original sehen möchte, hatte dazu bis 3. Februar 2008 im BA-CA Kunstforum in Wien die Gelegenheit.
© Ch. Ranseder 21.10.2007
Der Kuss der Sphinx
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Tags:CRans, Ebensolch Rez-E-zine 39+40/08, Katalog, Kunst, Moderne
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