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Abstraktion: Hilma af Klint

Sonntag, 15. September 2013
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 75/13

Iris Müller-Westermann, Jo Widoff (Hgg.)
Hilma af Klint
Eine Pionierin der Abstraktion
Hatje Cantz 2013, 296 S., 272 Abb.
ISBN 978 3 7757 3488 2

Hilma af Klint Hilma af Klint - Eine Pionierin der Abstraktion

Eine Frau mit zwei Gesichtern

Die Schwedin Hilma af Klint (1862-1944) leistete Bahnbrechendes in der bildenden Kunst. Sie entwickelte bereits ab 1896 schrittweise eine abstrakte Bildsprache, die von 1906 an ihr Werk bestimmte. Ihren männlichen Kollegen Kandinsky, Mondrian und Malewitsch, die als Begründer der abstrakten Kunst gelten, war sie mit ihren Arbeiten um einige Jahre voraus. Doch wie so vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen lag ihr nichts an einer Selbstdarstellung als Wegbereiterin des radikal Neuen. Sie stellte ihr abstraktes Werk zu Lebzeiten nicht öffentlich aus. Ihren Lebensunterhalt verdiente sich die aus einer wohlhabenden Familie stammende und an der Königlichen Akademie der bildenden Künste in Stockholm ausgebildete Hilma af Klint mit konventioneller Landschafts- und Porträtmalerei. Um 1900 arbeitete sie sogar als Zeichnerin am Veterinärinstitut. Die Malerin bediente sich also zweier gänzlich verschiedener Ausdrucksweisen. Mit der einen agierte sie kundenorientiert und gesellschaftlich konform. Mit der anderen verlieh sie, einer inneren Stimme folgend, ihrem Bedürfnis nach dem Geistigen in der Kunst bildhafte Gestalt. Bedauerlicherweise schenkt das Buch “Hilma af Klint - Eine Pionierin der Abstraktion” dieser Dualität wenig Beachtung. Lediglich ein Landschaftsbild und einige Naturstudien von Pflanzen lassen das große Können der Künstlerin und die Qualität ihrer dem damaligen Zeitgeschmack entsprechenden Arbeiten erahnen. Diese Beschränkung auf das sensationelle abstrakte Werk der Malerin, das Untrennbar mit ihrem großen Interesse für Spiritismus und Okkultismus verbunden ist, lässt die Persönlichkeit Hilma af Klimts seltsam eindimensional erscheinen.

Die Künstlerin als Medium

Bereits vor ihrem Studium nahm Hilma af Klint an spiritistischen Sitzungen teil. Nach dem Tod ihrer Schwester vertiefte sich diese Hinwendung zum Übersinnlichen. Sie setzte sich mit der Theosophie auseinander und gründete schließlich 1896 mit vier Freundinnen “Die Fünf”. Die Frauen veranstalten Séancen, übten sich in automatischem Zeichnen und führten Protokolle über ihre Kontakte mit Wesenheiten höherer Bewusstseinsebenen. In den Jahren zwischen 1906 und 1908 malte Hilma af Klint die ersten 111 Bilder des Zyklus “Die Gemälde zum Tempel” als Medium, dessen Hand geführt wurde. In der Folge emanzipierte sich ihre Arbeitsweise, das Bestreben verborgene Zusammenhänge sichtbar zu machen bestand jedoch weiterhin. Den visuellen Manifestationen des Übersinnlichen lagen komplexe, vielschichtige Konzepte zugrunde. Hilma af Klint entwickelte eine schwer zu entschlüsselnde Buchstaben- und Farbsymbolik und verknüpfte diese mit archetypischen Zeichen wie der Spirale. Die Beschäftigung mit der Anthroposophie und die Begegnung mit Rudolph Steiner bereicherte das pantheistische methaphorische Repertoire der Künstlerin mit eine stärker christlich geprägten Dimension.

Malen für die “Schublade”

Die im Privaten blühende Künstlerin schuf eine für ihre Zeit radikale Bildsprache, die sich geradezu als visionär erwies. Hilma af Klint gelang das Kunststück vor 100 Jahren den Geschmack des 21. Jahrhunderts zu treffen. Ihre Gemälde wirken so frisch, selbstbewusst und unverbraucht als wären sie für den heutigen Kunstbetrieb geschaffen. Der Zyklus “Die zehn Größten”, aus dem die Abbildung für das Cover des Buches gewählt wurde, kann als Beispiel für den gelungen Balanceakt von intelektuellem Anspruch und dekorativer Qualität dienen, der das Werk der Künstlerin auszeichnet. Dennoch malte Hilma af Klint ihre abstrakten Werke nur für sich. Es scheint fast als wollte sie die Konfrontation mit einer Gesellschaft, die Frauen jede Fähigkeit Neues zu schaffen absprach, vermeiden. Ihren über 1.000 Werke umfassenden Nachlass ließ sie per Testament für 20 Jahre nach ihrem Tod sperren. Die Gemälde, Skizzenbücher und Aufzeichnungen verschwanden in Kisten und Schachteln.

Die Entdeckung

Die Macher der Ausstellung zu der das vorliegende Buch “Hilma af Klint - Eine Pionierin der Abstraktion” erschienen ist, durften diese Kisten öffnen und ihren Inhalt wissenschaftlich bearbeiten. Das Resultat kann sich sehen lassen. Die opulente Publikation ermöglicht einem großen Publikum einen dauerhaften Zugang zu den bedeutendsten abstrakten Werken der außergewöhnlichen Künstlerin. Darüber hinaus machen vier Essays mit Hilma af Klint und ihrem Kosmos bekannt.

Iris Müller-Westermann stellt in “Bilder für die Zukunft: Hilma af Klint. Eine Pionierin der Abstraktion im Verborgenen” die Künstlerin, ihr Werk und ihre Arbeitsweise vor.

Helmut Zander und Iris Müller-Westermann unterhalten sich in “Keine Religion ist höher als die Wahrheit” über Spiritismus, Theosopie und Anthroposophie und deren Einfluss auf Hilma af Klint.

Pascal Rousseau verfolgt in “Vorboten der Abstraktion: Mediumismus, automatisches Schreiben und Antizipation im Werk Hilma af Klints” die Strategien der Künstlerin zur Legitimation ihres innovativen Kunstschaffens und enthüllt Bedeutungsebenen ihrer Bildschöpfungen im geistesgeschichtlichen Kontext.

David Lomas analysiert in “Die botanischen Wurzeln der Abstraktion im Werk Hilma af Klints” die Symbolik von Ranke und Spirale, Blüten- und Pflanzenteilen und wandelt dabei auf den Spuren von Alois Riegl, des Vitalismus und des Konzepts der Einfühlung.

Fazit

“Hilma af Klint - Eine Pionierin der Abstraktion” ist ein reich bebildertes Buch über eine Künstlerin, die ihrer Zeit weit voraus war. Es bleibt zu hoffen, dass es mit Ausstellung und Buch gelingt die Geschicht der abstrakten Kunst neu zu schreiben und Hilma af Klint posthum den ihr gebührenden Platz im kunsthistorischen Kanon zu sichern.

Für alle, die sich selbst überzeugen möchten, ist die gleichnamige Ausstellung noch an folgenden Orten zu sehen:
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin: 15. Juni bis 6. Oktober ‘13
Museo Picasso Málage, Málaga: 21. Oktober ‘13 bis 9. Februar ‘14

© Ch. Ranseder

Hilma af Klint Hilma af Klint - Eine Pionierin der Abstraktion

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Kaufrausch: Wunderwelt Warenhaus

Mittwoch, 28. August 2013
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 75/13

Jan Whitaker
Wunderwelt Warenhaus
Eine internationale Geschichte
Gerstenberg 2013, 192 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8369 2745 1

Wunderwelt Warenhaus Wunderwelt Warenhaus: Eine internationale Geschichte

Gründung der ersten Kaufhäuser …

Die Geburtsstunde der modernen Konsumkultur schlug um die Mitte des 19. Jahrhunderts. In vielen Ländern hatte die Massenproduktion von Konsumgütern einen ersten Höhepunkt erreicht. Nun galt es, die Dinge zu vermarkten und mit Profit unter das Volk zu bringen. Die Idee der Weltausstellung erwies sich als zukunftsweisender Geistesblitz. Als 1851 der Kristallpalast in London seine Pforten öffnete und Scharen von Schaulustigen aus aller Welt anlockte, ahnte noch niemand, dass diese Leistungsschau der Industrie zum Katalysator für die Gründung der ersten großen Warenhäuser werden würde. Fürs Erste machten sich die Besucher mit der neuen Produktvielfalt vertraut. Doch geschäftstüchtige Kaufleute hatten erkannt, dass die Zeit reif für eine Neuorganisation des Einzelhandels war. Sie begannen ihr Sortiment zu erweiterten und schufen etwas revolutionär Neues: das Warenhaus. Als erstes Kaufhaus der Welt eröffnete kurz nach der Weltausstellung das Bon Marchè in Paris.

Sowohl die Weltausstellungen als auch die ersten Warenhäuser brauchten Standorte, die bestimmte infrastrukturelle und gesellschaftspolitische Voraussetzungen erfüllten. Diese gab es nicht überall. Es genügte nicht ein urbanes Ballungszentrum zu sein, um die Entstehung von Warenhäusern zu begünstigen. Ohne die Erschließung des Einzugsgebietes eines Warenhauses durch ein funktionierendes Netz aus Massentransportmitteln ging gar nichts. Ebenso wichtig war die Entstehung eines Mittelstandes, dem nach der Deckung der Lebenshaltungskosten noch etwas Geld für die Schönen Dinge im Leben übrig blieb. Schließlich kann die Wirtschaft nur florieren, wenn es den Menschen gut geht.

Spektakuläre Architektur für die Wunschmaschine

Der prächtige Bildband “Wunderwelt Warenhaus” ruft die Pionierleistungen der Warenhausgründer ins Gedächtnis. Sie und ihre Architekten scheuten weder Kosten noch Mühen, um dem gewagten neuen Verkaufskonzept zum Erfolg zu verhelfen. Wer jemals die Galeries Lafayette in Paris besucht und die wunderbare Jugendstil-Glaskuppel als Original gesehen hat, wird die zahlreichen historischen Fotografien mit Wehmut betrachten. So viele sensationell schöne Kaufhausbauten sind durch Kriege oder Pleiten für immer verschwunden. Andere wurden bis zur Unkenntlichkeit umgebaut. Was bleibt, sind Erinnerungen und alte Fotos. Es sind gerade diese historischen Aufnahmen, die beim Blättern in dem opulenten Buch in Bann ziehen. Der auf vielen von ihnen festgehaltene Kundenansturm beweist, dass sich eine Investition in
einzigartige Architektur bereits im 19. Jahrhundert lohnte. Die ersten Warenhäuser erwiesen sich als Publikumsmagneten und avancierten zu Sehenswürdigkeiten.

Dank ihrer beeindruckenden Größe waren die mit prächtigem Fassadenschmuck und großen Schaufenstern ausgestatteten Monumentalbauten in Stadtbild nicht zu übersehen. Wer das Warenhaus betrat, wurde von einer Welt des Luxus umfangen. Die prachtvolle Innenausstattung der meist in Eisenskelettbauweise errichteten Konsumtempel reichte von kühler Eleganz bis zu märchenhafter Verspieltheit. Spektakulär gestaltete Lichthöfe und Treppen suggerierten Weite und gewährten einen unverstellten Blick auf die Fülle der Waren. Einkaufen wurde zum Erlebnis. Man kam, um zu flanieren, um zu sehen und gesehen zu werden. Das Ambiente der gigantischen Gemischtwarenläden traf beim Zielpublikum einen Nerv: Warenhäuser wurden zum Schauplatz für das Repräsentationsbedürfnis des aufstrebenden Mittelstandes.

Architekten nutzten die ersten Kaufhäuser als Experimentierfeld. Hier konnten sie neue Konzepte für öffentliche Bauten erproben. Einerseits galt es in großem Maßstab für Beheizung und Beleuchtung zu sorgen. Andererseits musste eine beträchtliche Anzahl von Menschen bequem und sicher von einem Stockwerk ins andere gebracht werden. Es verwundert daher wenig, dass der erste Personenfahrstuhl 1857 in einem New Yorker Warenhaus installiert wurde. Später übernahmen die Kaufhäuser bei der Einführung von Rolltreppen eine Vorreiterrolle.

Eine neue Verkaufskultur entsteht

Warenhäuser leisteten jedoch auch in anderer Hinsicht Bemerkenswertes. Sie boten nicht nur eine Alternative zu engen, düsternen Läden, sondern erfreuten ihre Kunden erstmals mit Fixpreisen. Vorbei waren die Zeiten des frustrierenden Handelns mit missmutigen Verkäufern. Frei von jeglichem Kaufzwang konnten Kunden die Ware in Augenschein nehmen. Dabei stand ihnen freundliches Personal hilfreich zur Seite. Service war ein wichtiger Baustein der neuen Verkaufskultur. Kunden konnten Änderungs- und Reparaturservice, Einrichtungs- und Ausstattungsservice, Lieferservice und sogar Dolmetscherdienste und Leihbüchereien (!) in Anspruch nehmen. Allerlei Annehmlichkeiten luden zum Verweilen ein. Das Angebot reichte von Gratisdrinks über Tearoom und Restaurant bis zur Kinderbetreuung.

Ein kostenloses Unterhaltungsprogramm und saisonale Spektakel lockten potentielle Käufer an und sorgten für Mundpropaganda. Konzerte, Modeschauen und Ausstellungen machten die Warenhäuser zu Kulturstätten, die allen offen standen. Wenn dabei Begehrlichkeiten geweckt wurden und die Besucher das Haus mit prallen Einkaufstüten verließen umso besser.

Die Kunst der Verführung

Von Beginn an zogen virtuos gestaltete Schaufenster Passanten in ihren Bann. Sie protzten mit Warenfülle oder verzauberten mit charmanten, eleganten oder theatralischen Inszenierungen. Dabei standen sie heutigen Meisterwerken der Schaufensterdekoration um nichts nach. LeserInnen von “Wunderwelt Warenhaus” können sich davon selbst überzeugen. Mehr als 30 Fotografien aus der Zeit vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis 2010 laden zu einem virtuellem Schaufensterbummel ein. Waren um 1900 noch mechanische Spezialeffekte in Mode, gewann zwischen den beiden Weltkriegen die Kunst an Einfluss. Seit den 1970er-Jahren punkten die Schaufenster mit ihrem Unterhaltungswert sowie der Inszenierung fantastischer Märchenwelten. Der Erfindungsreichtum der Dekorateure kennt keine Grenzen.
Auch auf den Verkaufsflächen beschritten die Kathedralen des Konsums neue Wege der Warenpräsentation und schufen damit die Grundlage fur die uns heute bestens vertraute Sprache des “visual merchandizing”.
Dass Werbung anfänglich als würdelos galt, hielt die Warenhäuser nicht davon ab sie für ihre Zwecke einzusetzen. Ganz im Gegenteil - Warenhäuser wurden durch ihren Erfindungsreichtum zu Pionieren der Selbstvermarktung. Zur Erhöhung ihres Bekanntheitsgrades war jedes Mittel recht. Sie setzten Plakate und Banner ein, inserierten in Zeitungen und Magazinen, verschickten Postwurfsendungen, gestalteten aufwändige Kataloge, verewigten sich auf Postkarten und gaben Sammelkarten heraus. Um die Gunst der Kunden zu gewinnen, wurden kleine mit dem Namen der Kaufhäuser bedruckte Geschenke verteilt - darunter bezaubernde Fächer, Rezeptbücher und Terminkalender. Bloomingdale’s machte ab 1954 seine Einkaufstaschen zu begehrten Sammelstücken. Heute sind diese Praktiken eine erprobte Selbstverständlichkeit geworden. Den langsamen Niedergang vieler Warenhäuser konnten sie trotzdem nicht verhindern.

Über Kaufhaus hinaus: Der Versandhandel

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts erwirtschafteten die Warenhäuser einen beträchtlichen Teil ihres Umsatzes durch den Versandhandel. Für die Bewohner entlegener Gegenden, vor allem in den USA und Kanada, war er ein Segen. Eaton’s in Toronto, der das Kataloggeschäft 1884 einführte, steigerte die Auflage seiner Kataloge kontinuierlich: waren es 1904 noch 1,3 Millionen Kataloge, druckte er in den 1950er-Jahren bereits elf Millionen. Die Europäer lernten die Bequemlichkeit des Einkaufs per Post und Telefon ebenfalls zu schätzen. Bon Marché in Paris verschickte schon 1894 rund 1,5 Millionen Kataloge. Heute bieten sich dem Versandhandel durch das Internet sowie Teleshoppingkanäle zusätzliche Geschäftsfelder und neue Möglichkeiten.

Fazit

“Wunderwelt Warenhaus” ist ein opulentes Buch, dessen faszinierendes Bildmaterial von den Anfängen der Warenhäuser bis ins 21. Jahrhundert reicht. Autorin und Verlag haben in den Archiven berühmter großer Warenhäuser, Museen und Privatsammlung so manchen Schatz ausfindig gemacht. Den Löwenanteil des Bildbandes bestreiten historische und zeitgenössische Fotos von Gebäuden, Schaufenstern und Menschen, welche die Maschine Warenhaus am laufen hielten. Darüber hinaus gibt es Werbemittel aller Art zu bewundern.

Der fundierte, spannend zu lesende Text von Jan Whitaker vermittelt die Geschichte der Warenhäuser als straffen Überblick. Kuriose Details zu den Gründern und der Verkaufspraxis sorgen für die nötige Würze. Die hervorragende Gliederung bändigt die Fülle wissenswerter Fakten und sorgt für eine angenehme Ballance von Text und Bild. Kurzum: “Wunderwelt Warenwelt” ist ein vergnügliches Buch, das den Wunsch nach ein bisschen Luxus bein Einkaufen weckt.

© Ch. Ranseder

Wunderwelt Warenhaus Wunderwelt Warenhaus: Eine internationale Geschichte

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Schönheit und Tod: Tierstillleben

Montag, 02. Januar 2012
Non-FictionEbensolch Rez-E-zine 70/11

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Hg.)
Von Schönheit und Tod

Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne
Kehrer 2011, 416 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978-3-86828-275-1

Tierstillleben Tierstillleben: Von Schönheit und Tod

Willem van Aelst treibt in seinem Stillleben mit Jagdgeräten und toten Vögeln (1668) die Ästhetisierung eines blutigen Sports auf die Spitze. Nichts weist auf den gewaltsamen Tod des anmutig mit ausgebreiteten Flügeln an einer Schnur hängendem Rebhuhns hin, dessen Kopf auf dem blauen Samt einer Jagdtasche ruht, als würde es sich in einem Nickerchen von den Strapazen des Gejagtwerdens erholen. Gefieder, Samt und die materielle Beschaffenheit der kostbaren Geräte, die auf die Ausübung von Fang-, Hetz- und Beizjagd verweisen, sind mit atemberaubender Kunstfertigkeit wiedergegeben. Es ist ein Gemälde, das den Blick einfängt und einen geradezu sinnlichen visuellen Genuss beschert. Allzu leicht lässt sich darüber vergessen, dass diese elegante Zusammenstellung von Statussymbolen eigentlich der standesgemäßen Selbstdarstellung des Adels diente, der subtil auf sein Jagdprivileg hinwies.

Jagdstillleben können als Paradebeispiel für Bilder, deren Hauptmotiv tote Tiere sind, herangezogen werden. Ein Monopol auf die Darstellung des Lebens beraubter Fauna haben sie jedoch nicht. Das führt der Prachtband “Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” eindrucksvoll vor Augen.

Im Tierstillleben verwischen die Grenzen zur Landschafts-, Porträt-, Genre- und Historienmalerei. Das macht es spannend und abwechslungsreich. Erlegtes Wild, geschlachtete Haustiere, Fische und Schalentiere türmen sich im Vordergrund zahlreicher Markt- und Küchendarstellungen, während im Hintergrund Episoden aus mythologischen oder christlichen Geschichten erzählt werden. Auf anderen Bildern verweisen Fisch- und Geflügelverkäufer mit beredtem Blick und anzüglicher Geste nicht nur auf die Vorzüge ihrer Ware, sondern auch auf sexuelle Handlungen, wenn nicht gar Dienstleistungen. Imposante Landschaften oder protzige Gartenanlagen dienen als Kulisse für unter freiem Himmel platzierte Arrangements aus den Leibern toter Tiere, Früchten und Blumen. Fein gekleidete Herren posieren mit Jagdbeute und -hund am Waldesrand, um ihre soziale Stellung zu kommunizieren. Graf Carl Gustaf Tessin fand sogar seinen geliebten Dackel Pehr eines eigenen Bildnisses würdig und ließ den treuen Begleiter - wenig heroisch, doch dafür umso lebensnaher - 1740 von Jean-Baptiste Oudry auf Leinwand verewigen.

Bei aller Ambivalenz zur Darstellung des Todes, lässt sich an den Gemälden aus Beginn und Blütezeit des Tierstilllebens noch heute die Freude der Künstler an der Pracht von Gefieder und Fell, Schuppen und Panzern ablesen. Anders als ihre Kollegen, die sich der wissenschaftlichen Illustrationen zur Bestandsaufnahme der Welt verschrieben hatten, konnten sich die Maler von Tierstillleben künstlerische Freiheiten - ja sogar Scherze - erlauben. So setzte Abraham Mignon in seinem Stillleben mit totem Geflügel (1663/64) einen gewöhnlichen Hahn in Szene als wäre er kostbare Jagdbeute. Das prachtvolle Gefieder des kopfüber hängenden Vogels explodiert gleichsam in alle Richtungen, sodass jede einzelne Feder - selbst die sonst verborgenen - bewundert werden können. Indem er die Dynamik des Augenblicks mit malerischen Mitteln festhielt, nahm Abraham Mignon die fotografische Momentaufnahme vorweg.

Nicht minder virtuos, doch voller schalkhafter Vorfreude auf kulinarische Genüsse, ist François Desportes Stillleben mit bratfertigem Wild (1716) in dem ein lebender Papagei über gespicktes oder in Speck gewickeltes Geflügel, einen Hasen, mächtige Fleischstücke und eine Schüssel mit Zitrusfrüchten wacht. Das für Herzog Philippe II. d´Orleans, der gelegentlich selbst den Kochlöffel schwang, geschaffene Gemälde repräsentiert eine weitere Form des Tierstilllebens.

Von solchem Augenschmaus sind die Arbeiten des 19. und 20. Jahrhunderts weit entfernt. Im Mittelpunkt des Interesses der Künstler dieser Zeit standen die malerischen Ausdrucksmittel, nicht die Schönheit und Opulenz der Natur. Das Medium und die eigene Befindlichkeit wurden wichtiger als das Motiv. Das Tier mutierte zum Ding. Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten und in einem breit angelegten Überblickswerk darf die moderne Kunst natürlich nicht fehlen.

“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” ist die erste Monografie zum Thema Tierstillleben und als solche unverzichtbar. Die für das Buch getroffene Auswahl der Bilder ist brillant. Der Katalog allein umfasst 124 ganzseitig abgebildete, mit ausführlichen Kommentaren versehene Werke. Er beginnt mit dem Aquarell “Tote Ente” von Albrecht Dürer, dem Wegbereiter der realistischen Wiedergabe der Natur und endet mit der auf die Tierstillleben des 17. Jahrhunderts Bezug nehmenden Fotografie “Fasan” von Robert Mapplethorpe. Zwischen diesen beiden Polen gibt es so viel zu bestaunen, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Auf dem Streifzug durch die 500-jährige Geschichte des Tierstilllebens begegnen nicht nur Abbilder toter, sondern auch lebender Tiere - vom treuen Jagdhund, der mit ins Bild musste, über Papagei und Äffchen bis zum gerade noch dem Jäger entkommenen Eichhörnchen.

Zusätzliches Bildmaterial begleitet die sieben fundierten Essays des Buches. Sie bieten neben einem Abriss zu Geschichte und Besonderheiten des Tierstilllebens eine hervorragende Übersicht über die bedeutendsten Maler dieses Genres, darunter Stars wie Jean Siméon Chardin, Jan Weenix und Jean-Baptiste Oudry. Exkurse zu den gegenseitigen Beeinflussungen und Arbeitsweisen der Künstler sowie dem kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund, dessen Kenntnis ein tieferes Verständnis der Gemälde ermöglicht, vervollständigen das vermittelte Grundlagenwissen. Das perfekte Zusammenspiel von Bildauswahl und leicht lesbaren Texten macht das Buch zum Lesevergnügen, seine inhaltliche Tiefe prädestiniert es als Nachschlagwerk.

“Von Schönheit und Tod. Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne” schließt eine Lücke in der Auseinandersetzung mit der Gattung Stillleben. Die Ausstellung, aus derem Anlass die stattliche Publikation erschien, ist in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe vom 19. November ‘11 bis 19. Februar ‘12 zu sehen.

© Ch. Ranseder

Tierstillleben Tierstillleben: Von Schönheit und Tod

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