Artikel mit ‘Österreich’ getagged

Archäologie im Waldviertel

Mittwoch, 08. Oktober 2014
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 77/14

Franz Pieler (Hg.)
Geschichte aus dem Boden
Archäologie im Waldviertel
Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes 54
Waldviertler Heimatbund, Waidhofen a. d. Thaya 2013, 391 S., zahlr. Farbfotos und Abb.
ISBN 978 3 9007 0828 3

Geschichte aus dem Boden Archäologie im Waldviertel

Archäologie von der Steinzeit bis zur Gegenwart

Der Herausgeber der „Geschichte aus dem Boden. Archäologie im Waldviertel”, der Archäologe Franz Pieler, stellt die nordwestliche Region Niederösterreichs gemeinsam mit zwölf FachkollegInnen von der Altsteinzeit bis zur Frühen Neuzeit vor. Nach dem letzten zusammenfassenden Überblick vor rund 80 Jahren war diese Publikation längst überfällig.

Das Waldviertel, der nordwestliche Teil Niederösterreichs, ist eine von naturräumlichen Gegebenheiten (Donau, Manhartsberg) definierte, durch politischen Grenzen (Tschechien, Oberösterreich) abgesteckte Region. Für den vorliegenden Band „Geschichte aus dem Boden. Archäologie im Waldviertel” wurde über dies künstlichen Grenzen hinausgeblickt. Gut so, denn es waren zunächst naturräumliche Bedingungen, die die Besiedlungsgeschichte des Waldviertels bestimmten, während kulturgeschichtliche und politische Entwicklungen den Bestand in Folge wechselhaft nutzen, ausbauten, verwarfen, formten und sich dabei nicht auf das Waldviertel beschränkten.

Natur, Kultur und viel mehr

Schön das jetzt nicht eine chronologische Abhandlung folgt, sondern eine Gesamtbetrachtung der Wissenschaft und der Region. Das Kapitel „Arbeitsmethoden” (F. Pieler) bietet jenen LeserInnen, die nicht mit der „Spatenwissenschaft” vertraut sind, Basiswissen zu Feldforschung, Datierungsmethoden und Nachbardisziplinen.

In „Forschungsgeschichte und Museumslandschaft” (Sandra Sam und Johannes M. Tuzar, F. Pieler) wird die Entwicklung der archäologischen Forschung von den Anfängen im 19. Jh. bis zu den aktuellen Präsentationen aufgezeigt. Ein wichtiges Kapitel, da es nicht nur um archäologisches, sondern auch zeitgeschichtliches Erbe handelt, das es aufzuarbeiten gilt. Die Steckbriefe von vierzehn Museen und Sehenswürdigkeiten laden zu Ausflügen ein.

In chronologischer Reihenfolge beginnt die Rundreise durch das Waldviertel mit dem Kapitel  „Altsteinzeit” (Thomas Einwögerer). Nach einer Einführung zu „Klima und Umwelt” werden das Mittelpaläolithikum und das Jungpaläolithikum anhand von den Fundstellen aus dem Waldviertel vorgestellt. Ein Exkurs zur unsteten Lebensweise während der Altsteinzeit rundet das Bild, das aus spärlichen und dennoch beeindruckenden Funden und Befunden rekonstruierbar ist, ab.

Die spärliche Funde aus der „Mittelsteinzeit” (F. Pieler), der klimatischen Umbruchsphase, belegen den Wechsel in der Lebensweise. Der Exkurs „Steinwerkzeuge Mesolithikum” stellt die meist winzigen Steingeräte vor, die Belege für veränderte Jagdbeute und -technik sind.

Mit der Sesshaftigkeit beginnt die Zeit der ersten Ackerbauern und Viehzüchter, die eine neue Epoche eingeläutet. Der Zusammenfassung zur „Neolithisierung” und „Ausbreitung” (Daniela Kern und F. Pieler) folgt ein Exkurs „Neolthic Package”, der Häuser und Siedlungen, Ackerbau und Viehzucht sowie Keramik für Bevorratung und Kochen berücksichtigt. Die Zeitabschnitte, Kulturen, Gruppen, die für Früh-, Mittel- und Spätneolithikum typisch sind, werden mit ihren kulturellen Besonderheiten vorgestellt. Zwei weitere Exkurse sind Häusern und Kreisgrabenanlagen gewidmet.

Die Bronzezeit (D. Kern, Michaela Lochner, F. Pieler), die erste metallzeitliche Epoche mit ihren zahlreichen Kulturen und Stufen, steht im Mittelpunkt des nächsten Kapitels. Die gesellschaftlichen Veränderungen, werden in den materiellen Hinterlassenschaften, die aus Siedlungen, Gräbern und Depots stammen, fassbar. Befestigte Höhensiedlungen sind Ausdruck von Schutzbedürfnis und zugleich aufkeimende Machtzentren (Händler, Krieger). Der Exkurs „Bronzeguss in Siedlungen der Urnenfelderkultur” verweist auf die Spezialisierung bei bestimmten Tätigkeiten (Handwerker).

Die letzte urgeschichtliche Epoche „Eisenzeit” (Anna und Fritz Preinfalk), die schon an den Rand der Schriftgeschichte rückt, zeigt mit befestigten Siedlungen und Gräberfeldern, dass die Besiedlung des Waldviertels fortgeführt wird. Während der Hallstattkultur und Latène Kultur bestanden internationale Kontakte, deren Spuren im Waldviertel - auch durch erste Münzprägungen -, nachgewiesen werden können.

Die Spuren der „Römischen Kaiserzeit” und der „Völkerwanderung” (David Ruß) sind im Waldviertel durch archäologische Funde und in Schriftquellen fassbar. Politische Entscheidungen, militärische Maßnahmen und bürokratische Mittel, die ausgehend von Rom südlich der Donau bindend wurden, beeinflussten das germanische Leben nördlich des Limes. Der Exkurs „König? - Das Grab von Mušov” gibt Beispiel, wie weitreichend die politischen und kulturellen Verflechtungen waren.

Das Kapitel „Frühmittelalter” (Wolfgang Breibert, Martin Obenaus und Erik Szameit ) befasst sich übersichtlich mit „Frühe Slawen”, „Waldviertel zwischen Slawen, Franken und Awaren”, „Erneut zwischen den Fronten: das turbulente 9. Jahrhundert” und zuletzt „Neue Nachbarn im Osten - Die Ungarn und der Übergang zum Hochmittelalter”. Der Exkurs „frühmittelalterliche Hügelgräber in Niederösterreich” bietet eine Fundstellenliste mit zugehöriger Literatur. Ein weiterer Exkurs stellt „die geopolitische Lage des Zentralortes Thunau” in den Mittelpunkt.

„Hochmittelalter und Frühe Neuzeit” (Thomas Kühtreiber) beschließt den Band. Dörfer, Städte, Burgen, Kirchen und Klöster prägten im zunehmenden Maße das Siedlungsbild. Im Fokus der archäologischen Forschungen, die das 16. und 17. Jh. betreffen, stehen zurzeit Glashütten. Der Exkurs „Besiedlung des Waldviertels ab dem Hochmittelalter” blickt über den archäologischen Tellerrand bis in die Gegenwart.

Mit einem Ausblick (F. Pieler) auf die Aufgaben der Archäologie und offene Forschungsfelder beschäftigt sich  im Nachwort des Sammelbandes zur „Geschichte aus dem Boden” des Waldviertels. Wobei m. E. ist der letzte mit archäologischen Methoden nachweisbare Eingriff in den Boden ebenso wenig absehbar ist wie die letzte Schicht, die auf dem Boden aufgelagert werden wird. An den unvergänglichen Spuren in unseren Müllhalden werden wir und unsere Nachfolger jedenfalls noch lange zu graben haben. Archäologische Forschungsaufgaben quer durch alle Epochen sowie durch alle Gebiete des Waldviertels bieten sich jedenfalls genug.

Besser geht’s nicht!

Der Band wird interessierte Laien begeistern und aufgrund seines Forschungsstandes das Fachpublikum zufriedenstellen. Die Abstriche, die das Fachpublikums hinsichtlich minutiöser Fundvorlagen und Auswertungen machen muss, kommt den Wünschen der Archäologiefan nach weniger detailorientierten aber nach leicht fassbaren Informationen entgegen. Diese Schere der verschiedenen Ansprüche passabel zu schließen, scheint mir mit diesem Band erstaunlich gut gelungen zu sein. Dazu trägt bei, dass, mit Ausnahme von inhaltlich punktuellen Fachpublikationen, kein vergleichbares Überblickswerk vorgelegt wurde und von den AutorInnen auch dezidiert auf Forschungslücken, z. B. in der noch ausstehenden systematischen Prospektion in Gebieten mit Besiedlungslücken, hingewiesen wird.

Der Band präsentiert sich übersichtlich gegliedert, ansprechend gestaltetet und ist mit einer Flut ausgezeichneter Fotos, Tabellen, Karten und Illustrationen ausgestattet. Auf den letzten Seiten erfreut sich das Laienpublikum am benutzerfreundlichen Abkürzungsverzeichnis und Glossar zur Archäologie sowie dem Ortsregister. Das Fachpublikum sucht hingegen eine aktuelle Literaturliste zum Waldviertel leider vergeblich und muss mit den Fußnoten auskommen.
Zwei Wermutstropfen, die der allgemeinen Tendenz an den falschen Stellen bei Publikationen zu sparen entsprechen: Diese engagierte Publikation, die sich durch einen hoch qualifizierten Inhalt auszeichnet, hätte aufmerksames Korrektorat nötig gehabt. Darüber hinaus hätten die zwischen den Serviceseiten trennend eingestreuten Werbeplatzierungen (Publikationen aus der - durchaus interessanten - Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes) weniger störend auf den letzten Seiten platziert werden können.

Fazit

Und wieder merkt man erst das lange Fehlen einer Publikation, wenn sie endlich erschienen ist. Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich (E. Kästner) wie gut es gelingen kann, die klaffende Schere zwischen verschiedenen Ansprüchen zu schließen.

© S. Strohschneider-Laue

Geschichte aus dem Boden Archäologie im Waldviertel

siehe auch

Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit - Rezension
Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit - Rezension
Michaelerplatz: Die archäologischen Ausgrabungen
Wasser in Wien. Von den Römern bis zur Neuzeit
Schloss Kaiserebersdorf. Vom Adelssitz zur Justizvollzugsanstalt - Rezension
Ötzi 2.0 - Rezension

Ebensolch | Kulturzone
Teeblätter | AmazonStory/e
AugenBlick | Kinozone

Film: So weit ich kann

Mittwoch, 04. Juni 2014
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 78/14

So weit ich kann - Film
Pflegende Angehörige und ihr Weg
Davor, dazwischen und danach - Die Dreharbeiten
Ein Film von Herbert Link
Dt., Gehörlosenfassung (Hauptfilm), 62′30”
Medienbegleitheft (pdf)
PAL 16:9
avp 2014
Bestellungen bei IG-Pflege

So weit ich kann

Leben und Film gehen weiter

In der Politik muss man sehr laut werden, um sich Gehör zu verschaffen. Dass die Mehrheit laut brüllen muss, wenn es um wirklich Wichtiges geht, und dennoch kaum gehört wird, ist hingegen ein Skandal. Soziale - ebenso bildungsrelvante und kulturelle - Angelegenheiten finanziell ausblutet, bedeutet, die besten Ressourcen der Zukunft zu zerstören. Denn das Für- und Miteinander sind die Faktoren, die den größten Nutzen für ALLE Menschen haben. Wenn man Qualität einer Gesellschaft am Umgang mit ihren schwächsten Mitgliedern misst, dann steht Österreich nicht vor, sondern bereits über dem Abgrund.

Die Pflegesituation in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft spitzt sich zu. Daher werden nicht nur die aktuell Betroffenen lauter, sie organisieren sich, bevor es notwendig wird zu einer gemeinsamen Stimme: Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger (IG-Pflege).

Herbert Link hat in Kooperation mit der IG-Pflege ein Nachfolgeprojekt gedreht, das an seinen Film Mehr als ich kann (2011) anknüpft. Der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm “Mehr als ich kann” über den Pflegealltag im Verborgenen zeigt Pflegebedürftige und Pflegende, wie sie ihren 24-Stunden-Job an 365 Tagen im Jahr (gem-)einsam bewältigen. Der Film - zuletzt mit dem Heinrich-Treichl-Preis geehrt - ist unaufgeregt, leise und zugleich erschütternder als die Trompeten vor Jericho.

Der aktuelle Film “So weit ich kann” hatte 2014 seine Premiere. Zwei Pflichtfilme für ALLE, man muss beide gesehen haben.

Pflege fordert ein und gibt zurück

So weit ich kann“So weit ich kann” (2014) zeigt die positiven Aspekte des Pflegealltags. Prägende Momente und Erfahrungen pflegender Angehöriger stehen im Mittelpunkt. Die sehr persönlichen Interviews sind bewegend. Sie belegen, dass der Pflegealltag trotz großer emotionaler und körperlicher Belastung auch beglückende Seiten hat. Die Betroffenen sprechen über ihr Kostbarstes - darunter Zeit, Veränderung, Zuwendung, Leben und Tod.
Der Film, der in Kooperation mit der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger und durch Unterstützung von ÖKSA, BMBF und BMASK entstand, macht Lebensgrenzen unaufgeregt sichtbar.

Ein Film für Junge, Alte, Gesunde, Kranke und für Veränderungen in der Politik

Die filmische Dokumentation ist in fünf ruhige und dennoch fesselnde Kapitel gegliedert. Didaktisches Begleitmaterial mit zahlreichen Diskussions- und Projektvorschlägen sowie weiterführende Informationen machen den Film auch zu einem idealen Unterrichtsmittel. Das detaillierte Medienbegleitheft (pdf) von Philipp Klutz ist für Schulen - auch fächerübergreifend - sowie Aus- und Fortbildungen im Gesundheits- und Sozialwesen geeignet.

Einfach Wandern gehen - Eine Rückschau

Pflegealltag ist belastend. Die Rückschau berichtet über persönliche Rückzugsgebiete, Lebensinseln. Protagonisten des ersten Films (Mehr als ich kann - Ein Film über den Pflegealltag im Verborgenen) berichten wo und wie sie diese für sich gefunden haben.

Einstweilen schaffe ich es noch

Pflegende Angehörige stehen oft völlig überraschend vor einer großen Herausforderung. Die Grenzen der Belastbarkeit sind bald überschritten, wenn eine Person die Last alleine trägt oder sich alleine verantwortlich fühlt.

Eine Sprache dafür finden

Pflege - durchaus ein gesellschaftliches Tabuthema - bedeutet Strategien zu entwickeln. Alleine die emotionale Bewältigung ist vielfältig. Es bedeutet ein großes Maß an Kreativität, um konkrete Hilfe im praktischen Pflegealltag zu erhalten.

Die Dinge ändern sich

Der Fokus wird auf die Veränderungen im Pflegebereich gelegt. Den Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen wird vermehrt Rechnung getragen. Die zunehmende Professionalisierung bringt aber auch einengende Reglementierungen. So geht die u. a. die Zeit für die aufwendige Dokumentation der Pflege dem zwischenmenschlichen Beziehungsdreieck von Pflegefall, Angehörige und Personal verloren.

Etwas deutlich machen

So weit ich kann, Adrienne PötschnerDie politische Dimension des Pflegethemas ist enorm. Es ist notwendig, immer wieder vom Staat das Recht auf ein würdevolles Leben und Sterben einzufordern: Die Menschenwürde als Menschenrecht. Beispiele belegen, welchen Erfolg beharrliches und öffentliches Eintreten für dieses Recht haben kann.

Zum Thema „pflegende Kinder und Jugendliche” steht eine Auskopplung des Gesprächs mit Adrienne Pötschner auf YouTubeAT zur Verfügung.

Das Making-of

So weit ich kann, Herbert und Inge LinkZuletzt noch ein Blick auf die Dreharbeiten. Es ist doch immer wieder spannend zu sehen, wie Filme entstehen. Das auch Pannen und vor allem Lachen für ein gelungenes Endprodukt nötig sind. Hier wird deutlich, warum die Filme von Herbert Link so gelassen wirken. Es ist die ausgestrahlte Ruhe und der positive persönliche Umgang mit den Interviewten, die im Film ebenfalls spürbar wird. Schön, dass auch Inge Link, die den diskreten Hintergrund dem Rampenlicht vorzieht, zu sehen ist. Sie ist für den “guten Ton” und noch viel mehr verantwortlich.

Fazit

Ein Dokumentarfilm, der bewegt und (hoffentlich) viel bewegen wird. Durch die Protagonisten wird Pflege von einem Tabu zu einem Thema, über das es sich zu reden lohnt.

© S. Strohschneider-Laue

So weit ich kann

So weit ich kann
Pflegende Angehörige und ihr Weg

Davor, dazwischen und danach - Die Dreharbeiten
Medienbegleitheft (pdf)
Dt., Gehörlosenfassung (Hauptfilm)
Herbert Link 2014, 62′30”.


Siehe auch

Filme

Mehr als ich kann - Rezension
Über den Pflegealltag im Verborgenen - Trailer
Was es noch dazu zu sagen gibt (Zusatzfilm)
Herbert Link 2011, 45′, Zusatzfilm 13′.

Ein “…ganz langsamer Walzer”
Das Wirken der Hospiz-Pionierin Sr. Hildegard Teuschl CS.
Herbert Link 2009, 30′.

Die fallenden Blätter geben dem Wind die Gestalt
20 Jahre Mobiles Caritas Hospiz
Herbert Link 2008, 40′.

Ich hätte noch so viel zu sagen
Herbert Link 1996, 24′.

Plötzlich und unerwartet
Herbert Link 1989, 45′.

Alle Filme sind bei avp erhältlich

Bücher

Leben mit Grenzen: Texte aus und zu Filmen von Herbert Link

Alter Vogel flieg - Rezension

Eiswege - Rezension

Ebensolch | AmazonStore
Bertha Buch | Amazon(e)Store
AugenBlick | AmaZino

Tortenglück

Donnerstag, 30. Januar 2014
eb_000_011.gifEbensolch Rez-E-zine 77/14

Dietmar Fercher
Tortenglück aus Österreich
Residenz 2013, 108 S. zahlr. Farbfotos
ISBN 978 3 7017 3308 8

Tortenglück aus Österreich Tortenglück aus Österreich

Österreich - das Kaiserreich der Torte

Österreichs Mehlspeisen kann man verfallen - und das nicht nur beim Besuch der berühmten Konditoreien und Kaffeehäuser. Wer einmal gesehen hat, welche Wunderwerke tortenkundige Burgenländerinnen zu den Hochzeiten ihrer Verwandtschaft zaubern, der beginnt zu hoffen, dass exzellente Torten auch in der eigenen Küche entstehen könnten. Dabei den Kaiser seiner Zunft, Dietmar Fercher, zumindest in Buchform zur Seite zu haben, kann dabei nur von Vorteil sein.

Dietmar Ferchers Tortenglück aus Österreich ist für den Tortenlehrling das perfekte Zauberbackbuch. Und wer damit (sicher) nicht genug hat, der muss auch Süße Weihnachtsklassiker: Himmlisches aus Österreich
und Süße Klassiker: Die feinsten Desserts und Mehlspeisen aus Österreich im Rezeptbuchregal stehen haben.

Basis für Punschtorte und Pariser Creme

Man muss das Buch eigentlich von hinten nach vorne lesen. Und das, obwohl die wunderbare Punschtorte gleich als erstes Rezept ganz vorne steht. Denn Tipps und Tricks - darunter Hinweise zu den Werkzeugen - finden sich bei Register und Glossar. Dafür kann man das Inhaltsverzeichnis gleich überspringen. Es macht sowieso nur die Entscheidung schwer zwischen Klassikern, Fruchtigem, Schokoladigem, Nussigem und Schnitten zu entscheiden.

Aber kehren wir zu meiner geliebten Punschtorte zurück. An dem sündpinken Kalorienglück arbeitet man zwei Tage. Es ist also wichtig, die Rezepte erst gründlich zu lesen und dann zu entscheiden, ob man sich die - geschmacklich immer lohnende - Arbeit wirklich antun will.

Fercher gibt präzise Anleitung zu Zutaten, Mengen, Temperaturen und der Abfolge der Arbeitsschritte. Konditorenlatein (ohnedies nur spärlich verwendet) und solche Wörter, die österreichtypisch sind, finden sich im Glossar. Es sollte also klappen und nicht an der Marillen-/Aprikosen- oder Obers-/Sahne-Formulierung scheitern. Falls etwas doch nicht so gut funktioniert, dann liegt es vielleicht an der mangelnden Erfahrung z. B. mit dem Backofen. Leider funktionieren nicht alle Backöfen gleich. Die Temperaturangaben bzw. Backzeiten können also von Gerät zu Gerät schwanken. Eine zuverlässige Waage, deren Zeiger nicht bei 150 g hängen bleibt oder grundsätzlich “low bat” zeigt, ist anzuraten.

Noch ein wichtiger Tipp aus eigener Erfahrung: Ungeduld ist neben Naschsucht - meine speziellen Untugenden - der größte Feind beim Backen. Also nicht hudeln und Finger aus der Rührschüssel lassen.

Schönheit vor Geschmack?

Das Auge isst mit. Aber was nur gut aussieht und nach Gips schmeckt, ist viel schlimmer. Der Abschluss und die Verzierung sind nunmal mehr als nur das “Sahnehäubchen” auf der Torte. Selbst die praktischen Fercher-Tipps, die die Rezepte abschließen, können Übung nicht ersetzen. Eine Punschtorte - ja ich bin diesen Glücklichmachern verfallen - muss einfach quietschrosa sein und aromatisch riechen. Von feinem Schokoladedekor kann man durchaus absehen. Wenn die Torte beim ersten Versuch nicht wie die appetitliche Fototorte im Buch wirkt, nicht traurig sein. Schmecken wird sie bestimmt perfekt.

Fazit

“Tortenglück” ist ein passender Name für die solide Auswahl aus den besten Torten- und Schnittenrezepten Österreichs. Von den tollen Begleitfotos (Konrad Limbeck) sollte man sich inspirieren aber nicht entmutigen lassen. Machbar, backbar, essbar - allerdings ist es, so man in Wien wohnt, einfacher in der Konditorei Fercher einzukaufen. Ein kleines, großes Standardwerk zur österreichischen Konditorenkunst für den Hausgebrauch.

© S. Strohschneider-Laue

Tortenglück aus Österreich Tortenglück aus Österreich

Ebensolch | Kulturzone
Gastmahl | Kochzone
AugenBlick | Kinozone