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Dienstag, 08. November 2011

Dann eben nicht!

Manche von Steuergeldern getragenen öffentlichen Institutionen sind sich selbst genug. Finanziert und nicht angewiesen auf BesucherInnen und Verkauf. Der Eintritt ist inzwischen derart exorbitant, dass sich der Normalverdiener mit Familie den regelmäßigen Besuch in Kulturinstitutionen ohnedies gut überlegt, bevor er - abseits der bereits entrichteten Steuer - tief in die Geldbörse greift. Kein Wunder, dass sich die Besucherzahlen zumeist aus zwangsverpflichteten Schulklassen und Touristen ergeben, während der Steuerzahler lieber sein Restgeld für andere Genüsse ausgibt.
Zugleich häufen sich z. B. Ausstellungen, die um Leihgaben herumdrapiert werden, damit diese durch das präsentierende Haus zertifiziert werden, eine Wertsteigerung erfahren. Der Auktionstermin für die betreffenden Leihgaben steht bereits vor Ausstellungseröffnung fest und findet vor Ende der Laufzeit statt. Kein Wunder, dass sich so mancher im Selbstverlag produzierter Katalog wie ein Werbefolder liest. An dieser Stelle wird keinerlei Vermutung nachgegangen, die sich auf Gebahrungen rund um Leihende, Verleihende, Berater etc. beziehen könnten.
Beim Pressetermin wird jedenfalls zeitintensiv geredet und ebenso zeitintensiv gegenseitig belobhudelt. Natürlich findet auch eine abendliche Eröffnung mit der gleichen Belobhudelung statt. Vor allem Politikern wird dabei die Gelegenheit eines Gratisbesuchs - ggf. inkl. Bankett im historischen Ambiente - in Kombination mit Eigenwerbung vor den Adabeiblicken gegeben.
Allerdings wurmt eines schon: Honorarfreie Pressefotos werden nur an Zeitungsvertragspartner weitergereicht - also tagesaktuelle Medien, deren Halbwertszeit sich in etwa auf zwölf Stunden beläuft. Na dann, dann berichten wir hier eben nicht über die aktuelle, chronologisch gehängte Bilderbeschau mit dem moralinsauren Vorhang.
© S. Strohschneider-Laue
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Tags:Ausstellung, Österreich, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Kommentar, Kultur, Kunst, Sistlau, Teeblatt
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Sonntag, 09. Oktober 2011

Michaela Lochner (Hg.)
mit Beiträgen von Alexandrine Eibner, Michaela Lochner, Albin Paulus und Beate M. Pomberger
Sitularia
Klänge aus der Hallstattzeit
ÖAW 2011, 1 CD, Laufzeit 40′31”, 104 S. farbig mit Fotos und Zeichnungen illustriertes Booklet
ISBN 978 3 7001 7002 0
Sitularia: Klänge aus der Hallstattzeit
Das Archäologinnen- und MusikerInnenteam um die Herausgeberin Michaela Lochner lädt zu einer Ohrenreise in die Klangwelt vor mehr als 2.500 Jahren ein. In minutiöser Zusammenarbeit werden die Mittel der Musikarchäologie voll ausgeschöpft, um das Spektrum der Instrumente als auch das damit verbundene Klangerlebnis zu rekonstruieren.
Die Hinweise auf Musikinstrumente aus der Hallstattzeit (ca. 800 -500 v. Chr.) sind spärlich. Obwohl der kulturelle Raum von Ostfrankreich bis in das Karpatenbecken und von Norditalien über Adria bis Balkanhalbinsel reicht. So stehen mehr Bildquellen als tatsächliche Reste von Musikinstrumenten zur Auswertung zur Verfügung. Seiten-, Blas- und Rhythmusinstrumente, die zum Teil eine Tradition bis in die Gegenwart haben, sind in Form und in Spielweise nur bedingt rekonstruierbar.
Das zugehörige Booklet - eigentlich eine ausgewachsene Publikation mit gehaltvollen 104 Seiten - bietet in drei Kapiteln einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Im ersten Kapiteln wird die Quellenlage vorgestellt. Erstaunlich aus wie vielen winzigen Details - meist Abbildungen auf Tongefäßen sowie Metallarbeiten und weniger tatsächliche Überreste von Objekten - Instrumente rekonstruiert werden können, wobei der Gesang, das natürlich gegebene Instrument, am schwersten fassbar wird. Diese Bildquellen werden im zweiten Kapitel einer genaueren Betrachtung unterzogen. Da sie auch Einblicke in Alltag und Feste gewähren und damit deutlich werden lassen, wann, wo, wie und von wem musiziert wurde. Dem Instrumentenbau ist das dritte Kapitel gewidmet. Rekonstruktion von Instrumenten ist eine große Herausforderung, die neben den archäologischen Quellen auch historische, ethnologische Vergleiche zieht und einen großen Part musikalische Erfahrung berücksichtigt. Anmerkungen und ein umfangreiches Literaturverzeichnis beschließen den archäologischen Publikationsteil. Die letzten 20 Seiten sind den Musikstücken, dem Ensemble Cantlon und den Biografien gewidmet.
Das Ensemble Cantlon (Albin Paulus, Nadège Lucet, Niki Fliri, Patrick Feldner) sowie Gastmusikerin Beate Maria Pomberger und Dichter David Stifter haben die ältere Eisenzeit auf der CD anklingen lassen. Rund 40 Minuten hallstattzeitliche Klangsphäre begleiten das Lesevergnügen. Erstklassige Musik mit dem “Gerne-wieder-hören-Faktor”, die sicher häufiger gespielt werden wird.
Die Kombination aus wissenschaftlicher Publikation und Klangsphäre ist jedenfalls einzigartig. Dazu kommt noch der optische Genuss durch exzellente Bebilderung und grafische Gestaltung.
© S. Strohschneider-Laue
Sitularia: Klänge aus der Hallstattzeit
Höre auch:
Knochenklang: Klänge aus der Steinzeit
Ensemble Cantalon: Syrinx, Leier & Co.
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Tags:Archäologie, Österreich, Ebensolch Rez-E-zine 68/11, Eisenzeit, Kultur, Musik
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Dienstag, 06. September 2011

Karina Grömer
Textilkunst in Mitteleuropa
Geschichte des Handwerks und der Kleidung vor den Römern
Mit Beiträgen von Regina Hofmann-de Keijzer (Färben) und Helga Rösel-Mautendorfer (Nähen).
Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung (VPA) 4
Naturhistorisches Museum Wien 2010, 474 S., 474 Seiten mit über 200 Fotos, Grafiken und Illustrationen.
ISBN 978 3 9024 2150 0
ISSN 2077 - 3943
Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa 
Die Leichtigkeit des Textes lässt kaum vermuten, dass die kulturhistorisch spannende Publikation aus einem internationalen Forschungsprojekt resultiert. Das EU-Projekt „DressID ‒ Clothing and Identities. New Perspectives on Textiles in the Roman Empire“, ermöglichte die genaue Untersuchung vorrömischer Textilien am Naturhistorischen Museum Wien.
Fünf gut untergliederte Kapitel führen interessierten Laienkreis und wissenschaftliches Fachpublikum gleichermaßen in den aktuellen Forschungsstand rund um das Textilhandwerk ein. So bietet die Einführung einerseits Basiswissen zum urgeschichtlichen Mitteleuropa und andererseits fundierte Grundlagen rund um prähistorische Textilfunde. Chronologietabelle, Lebensbilder und zahlreiche Fotos ergänzen den Text.
„Handwerkstechniken ‒ von der Faser zum Stoff” präsentiert den gesamten Herstellungsablauf vom Rohmaterial über Aufbereitung, Verarbeitung und Veredelung bis hin zum genähten Endprodukt von Textilien. Bestechend ist das erarbeitete Schema, das zusätzlich zu zahlreichen Grafiken und Fotos die Arbeitsabläufe leicht nachvollziehbar sowie optisch gut fassbar macht.
Das archäologische Fundmaterial besteht selten aus ganz erhaltenen Textilien. Zumeist sind nur winzige “Stofffetzen” erhalten geblieben. Dass sich daraus dennoch Herstellungstechniken, Produktionsabläufe und Vertriebsstrukturen rekonstruieren lassen, ist minutiösen Analysen zu verdanken. Überraschend offenbaren sich dabei Produktionsniveaus, soziologische Aspekte sowie der enorme Stellenwert der Textilproduktion, dessen Arbeitsanteil im Tagespensum hoch war.
Textilien wurden nicht nur für Bekleidungszwecke erzeugt. In prähistorischer Zeit war der Gebrauch in allen Lebensbereichen üblich und schloss somit auch das Totenbrauchtum ein. Textilien waren aufwendig herzustellen und daher wertvoll. Flicken und recyceln von Geweben bis zum endgültigen Verschleiß waren selbstverständlich. Das Schema zur Gewebeverwendung macht die zahlreichen Primär- und Sekundärnutzungen deutlich.
Der Bekleidung wird auch aus trachtgeschichtlichen Gründen Aufmerksamkeit zuteil. Chronologisch gegliedert und über den Textilanteil hinausgehend vermittelt die Autorin, aus wie vielen zeitlich und räumlich verteilten Quellen kostümkundliche Rekonstruktionen schöpfen. Dieses Gewebepuzzel ist zu lückenhaft, um allgemeingültig zu sein. Neben zahlreichen Beispielen werden Bekleidungsreste - ein Ausnahme-Ensemble - der Gletschermumie vom Hauslabjoch „Ötzi” ausführlich vorgelegt.
Eine kurze englische Zusammenfassung rundet den Band ab. Im Anhang sind das benutzerfreundliche Glossar zu textilkundlichen und archäologischen Begriffen, das Abbildungs- und das umfangreiche Literaturverzeichnis sowie Namens-, Orts- und Sachregister zu finden.
Ein großer Verdienst des Werkes ist es, publikumswirksam das Vorurteil einer in grau-braune Wolle gehüllte Urgeschichte zu einer Vorstellung zu wandeln, die designreiche und farbenfrohe Stoffvielfalt vorzieht. Der vorgelegte aktuelle Forschungsstand belegt, dass ausgefeilte Techniken, kreative und organisierte Schaffensprozesse bei einer erstaunlich vielfältigen Produktpalette bereits in prähistorischer Zeit Standard waren. Die großzügige Illustration von Produktions- und Nutzungsprozessen runden den Lesegenuss optisch perfekt ab.
Ein unverzichtbares Standardwerk!
© S. Strohschneider-Laue
Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa
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Tags:Archäologie, Österreich, Bronzezeit, Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Eisenzeit, Europa, Kultur, Mode, Sistlau, Steinzeit
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Donnerstag, 10. März 2011

Lukas Beck (Foto), Renate Pliem (Text)
Leben im Zoo
Vom Ameisenbär bis Zebrastreifen
echomedia 2011, 160 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 9026 7237 7
Das Leben im Zoo
Der älteste, seit 1752 bestehende Zoo ist der Tiergarten Schönbrunn in Wien. Seit seinem Bestehen hat sich die Anlage in Etappen von einer Menagerie für Schaulustige zu einer Bildungsoase für BesucherInnen, Zentrum für ForscherInnen und einem Ressort für vom Aussterben bedrohter Tierarten entwickelt. Nicht von ungefähr wurde daher der Tiergarten Schönbrunn 2011 unter 80 europäischen Zoos in 21 Ländern, die der britische Geschäftsmann und Zooliebhaber Anthony Sheridan akribisch testete, nach 2009 erneut zum besten Zoo gewählt.
Forschung, Ökonomie und Außenkommunikation sind die drei Standbeine, die einem wissenschaftlich geführten Zoo mit dem Ziel der artgerechten Haltung die nötige Stabilität verleihen. Zur Umsetzung dieser Ziele sind geschulte Fachkräfte und eine visionäre Leitung nötig. Die TierpflegerInnen und ihre Pfleglinge stehen deshalb erstmals im Mittelpunkt eines Bildbandes, der inhaltlich vom Originalton der Hauptprotagonisten vor und hinter den Kulissen getragen wird.
Der Fotograf Lukas Beck zollt jedem Motiv, jedem Porträtierten den gleichen Respekt. Er macht deshalb keinen Unterschied, ob er österreichische Prominenz oder tierische Exoten fotografiert. In punktgenauem Licht werden Pfleger und “ihre” Tiere zu solch genialen Einheiten verschmolzen, dass sie zuweilen an Hochzeitsbilder erinnern. Einander herzlich zugetane Paare, die in den gemeinsamen Jahren liebenswert-obskure Ähnlichkeiten entwickelt haben.
Die Radiojournalistin Renate Pliem hat den PflegerInnen zugehört und ihren O-Ton festgehalten. In den so entstandenen Texten offenbaren sich Beruf und Berufung, Sachkenntnis und anekdotenhafter Spaß. Obwohl von den PflegerInnen jeweils ein persönlich erzählter Minieinblick geboten wird, kommt das tief gehende Verständnis für die Schnittpunkte von Pflege, Forschung und Öffentlichkeit im Rahmen der ökonomischen Möglichkeiten des Tiergartens Schönbrunn zwischen den Zeilen nicht zu kurz.
Erwähnt werden muss noch das erfrischende Layout von Elisabeth Waidhofer. Je eine Doppelseite, bestehend aus einer Textseite und einem großformatigen Foto, werden jedem Mensch-Tier-Team gewidmet. Gradlinig strukturiert, kommt der Weißraum nicht zu kurz. Das große und klare Schriftbild in harmonisch abgestimmtem sowie unauffällig wechselndem Farbkonzept steht unterstützend gleichberechtigt an der Seite von Text und Fotografie des Bandes.
Ein erschwinglicher und attraktiver Pflichtkauf für JahreskartenbesitzerInnen, Zoobegeisterte und junge Menschen, die den Beruf des Tierpflegers ernsthaft in Erwägung ziehen. Alle anderen werden das Buch haben wollen, weil sie sich der einzigartigen Beziehungen zwischen Wildtieren und Menschen, die über Text und Fotos transportiert werden, nicht entziehen können.
© S. Strohschneider-Laue
Das Leben im Zoo: Von Ameisenbär bis Zebrastreifen
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Tags:Österreich, Biografie, Biologie, Ebensolch Rez-E-zine 65/11, Fotografie, Sistlau, Wien
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Montag, 21. Februar 2011

Die Fotos der Rosi Z.
Bilder aus der Vergangenheit sind spannend. Sie sind stumme Zeitzeugen. Ich liebe es, sie zu betrachten, zu hinterfragen und zu enträtseln.
Zwei Schuhschachteln, vollgestopft mit Fotos und Postkarten völlig fremder Menschen, kamen heute in meinen Besitz. Stundenlang packte ich aus und sortierte vergnügt vor mich hin. Jahrhundertwendefrauen mit riesigen Hüten und Batistkleidern mit Lochstickereien, Bubiköpfe aus den 20er-Jahren, Gruppenfotos von Wirtshausangestellten und Wohnungsinterieur aus den 30er-Jahren sowie beschriftete und unbeschriftete Postkarten von allen wichtigen Ausflugszielen der damaligen Zeit.
Es war eine Bilderflut unbekannter Momente, Geschichten und Menschen aus der langsam ein wiederkehrendes Gesicht und ein Name an die Oberfläche gespült wurde: Rosi/Rosie/Rosy Z. Ihre Streckenkarte aus dem 3. Wr. Gemeindebezirk von 1933 um 18,00 S., das Hochzeitsbild vor dem Krieg und ein Kindergrab nach dem Krieg. Bis zu 120 Jahre alte Familienbilder hatten plötzlich durch sie einen Namen bekommen.
Ein unbeschwerter Nachmittag, bis mir eine Postkarte auffiel: Die Ausstellung “Der ewige Jude”. Die antisemitische Schau wurde vom 2. August bis 23. Oktober 1938 in der Nordwestbahnhalle in Wien (Eröffnungsrede im Archiv der Österreichischen Mediathek abrufbar) gezeigt. Sie schürte Hass und bereitete die Novemberprogrome mit vor.

Anscheinend war auch Rosi unter den fast 420.000 BesucherInnen der Wanderausstellung. Sie kaufte die Karte und hob sie über 70 Jahre auf.
Und ich frage mich:
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie 1938 die Ausstellung betrat?
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie die Ausstellung wieder verließ?
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie die ersten Bilder aus den befreiten KZs sah?
Was hat Rosi Z. gedacht, wenn ihr die Karte beim Kramen unterkam?
Hat Rosi Z. gedacht?
© S. Strohschneider-Laue
Siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Kriegsbriefe
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Tags:Österreich, Ebensolch Rez-E-zine 65/11, Fotografie, Kommentar, Nationalsozialismus, Sistlau, Teefleck, Wien
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Mittwoch, 16. Februar 2011

Egon Schiele - Selbstporträts und Porträts
Belvedere
17. Februar bis 13. Juni ‘11
Egon Schiele: Selbstporträts und Porträts

In der Orangerie des Belvedere werden 14 Briefe und 95 Werke gezeigt - zehn davon stammen aus dem Besitz des Belvedere und 22 sind erstmals in Österreich ausgestellt. In der Flut der Schiele-Ausstellungen, die in den letzten Jahren - vor allem im Jubiläumsjahr 2010 im Leopold Museum aber auch im Wien Museum oder Landesmuseum Niederösterreich präsentiert wurden - bemüht sich das Belvedere nun mit “Selbstporträts und Porträts” um eine thematische Eingrenzung.
Die chronologische Hängung (Frühe Arbeiten 1906-1909, Expressionistischer Durchbruch 1919-1911, Selbstporträts 1910-1918, Zeit der Reife 1912-1915 und Späte Porträts 1916-1918) der Kuratorin Jane Kallir wird zuweilen aus thematischen und optischen Gründen aufgebrochen. Berühmtes und kaum Bekanntes aus Schieles kurzer Schaffenszeit wird hier Seite an Seite gezeigt. Deutlich tritt dabei das der inhaltlichen Veränderung und seiner künstlerischen Entwicklung unterworfene Menschenbild Egon Schieles zutage. Sicht- und Darstellungsweisen, die bis heute immer wieder aus diversen Gründen polarisieren.

Die exzellente Ausstellungsgestaltung strukturiert räumlich und optisch. Sie vermittelt den Besuchern das Gefühl sich durch einen in breiten Bögen abgerollten, packpapierfarbenen Malgrund von einem Bereich in den nächsten zu bewegen. Ohne harte Kanten wird in wellenförmigen Übergängen harmonisch gegliedert.
Egon Schiele ist ein Marketingphänomen und Arthur Roessler war sein erster Marketingstratege. 1909 stand Schiele vor dem Nichts. Er war aus der Wiener Kunstakademie im Streit ausgetreten und hatte sich Gleichgesinnten in der Neukunstgruppe angeschlossen, die nur eingeschränkte Ausstellungsmöglichkeit hatte. Im Oktober 1910 malte Schiele das Ölporträt von Arthur Roessler, dem Kunstkritiker, Autor, Galerieleiter, Kunstkonsulent und gesellschaftlich Etablierten. Schiele nutzte die soziale und publizistische Unterstützung Roesslers, dieser wiederum die wachsende Popularität des Künstlers. Nach dem frühen Tod Egon Schieles 1918 ließ sich Roessler von dessen Mutter alle Nutzungsrechte übertragen und etablierte die “Marke Schiele” ebenso nachhaltig, wie es bis zuletzt Rudolf Leopold tat.
Fazit: Die Gelegenheit Porträts und Selbstporträts von Egon Schiele zu sehen und sich selbst ein Bild von seiner Sicht auf andere und sich selbst zu machen, sollte man nicht versäumen.
© S. Strohschneider-Laue
Egon Schiele: Selbstporträts und Porträts
Aktuelle Ausstellungskataloge
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Tags:Ausstellung, Österreich, Ebensolch Rez-E-zine 65/11, Kunst, Sistlau
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Sonntag, 19. Dezember 2010

Josef Zotter
Alles Schokolade!
Meine liebsten Rezepte für die süße Küche
Ueberreuter 2009, 224 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8000 7440 2
Alles Schokolade!
Schokolade am Stück ist nicht einmal beim österreichischen Schokoladen-König Josef Zotter die Krönung des süßen Geschmacks. Über 100 von ihm ausgewählte Rezepte, die Schokolade im Mittelpunkt stellen, beweisen, dass es mehr als Schokoladetafeln gibt.
Nach einleitenden Worten in eigener Zotter-Sache werden Kakao und Schokolade im Überblick vorgestellt. Seine Kompetenz entfaltet sich danach in der gut vermittelnden Basis zu Qualitäten, Aufbewahrung und Handhabung des beliebten Naschwerks; denn Temperieren und Garnieren sind mit Wissen und allerlei Tricks verbunden.
Torten, Kuchen, Schnitten und Rouladen, Warme Desserts, Schokolade für Kids, Naschereien und Ausgefallenes werden übersichtlich gegliedert vorgelegt. Hilfreich und optisch ansprechend erweist sich das Layout im Rezeptabschnitt des Buches. Links jeweils das erstklassig fotografierte Profiprodukt, rechts der schriftliche Weg zum kulinarischen Ziel. Numerisch vorgelegte Arbeitsschritte werden von den randlich aufgelisteten Zutaten, die in Produktionsbereiche (z. B. Boden, Füllung, Garnitur) unterteilt sind, begleitet. Selbst der Nährwert (kcal, EW, Fett, KH, BE und Chol) pro Stück fehlt “leider” nicht, er wird darunter - mit einem diskreten Abstand und durch eine kurze Line optisch abgetrennt - angegeben. Aber selbst die erschreckenden Kalorienangaben werden wahre GenießerInnen nicht vom Verzehr der vorgestellten Köstlichkeiten abhalten.
Von gelber Schokoladenmoussetorte über herzige Nougatkuchen und warme Schoko-Zimtaufläufe bis zum Zanderfilet in Schokokruste spannt sich der Genussbogen. Wer hier nicht fündig wird und seiner Liebe zu Schokolade frönen kann, dem ist auch nicht mit dem benutzerfreundlichen Glossar am Ende des Bandes zu helfen.
© S. Strohschneider-Laue
Alles Schokolade!
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
AugenBlick | AmaZino
Tags:Österreich, do-it-yourself, Ebensolch Rez-E-zine 64/10, Genuss, Sistlau
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Sonntag, 05. Dezember 2010

Peter Gössel (Hg.)
Michael Mönninger
Coop Himmelb(l)au
Taschen 2010, Dt./En./Fr., 500 S., zahlr. Sw.- und Farbfotos und Grafiken.
ISBN 978 3 8365 1788 1
Coop Himmelb(l)au
Am 1. Dezember 2010 war es soweit. In der Buchhandlung Walther König im Wiener Museumsquartier wurde der Prachtband des weltweit renommiertesten Architekturbüros aus Wien präsentiert. Wolf D. Prix, Mitbegründer von Coop Himmelb(l)au sprach vor großem Publikum über die Entwicklung ab 1968. Er bot Einblicke und zeigte Fotos. dabei geizte er nicht mit tieferen Einblicken in das Werden von Coop Himmelb(l)au und den von ihrer im Aufbruch befindlichen Zeit geprägten Zielen der Gründer. Ziele, die sich auch in der Namensgebung widerspiegelen. Das von jungen Leuten dominierte Publikum bewies, dass die avantgardistischen Konzepte und der dekonstruktivistische Ansatz des Architekturbüros nach wie vor begeistern. Coop Himmelb(l)au ist seiner Zeit weiterhin voraus.
Die Architektur von Coop Himmelb(l)au passt in kein Taschenbuch, sondern ausschließlich in ein Buchmonster von Taschen. Bei bucharchitektonischen Maßen von 40 cm x 31,5 cm x 5 cm - ohne Verpackung - ist es gut, dass der mindestens 7 kg schwere Band im eigenen tragbaren Karton geliefert wird. Passend gigantisch wie die Architektur von Coop Himmelb(l)au werden darin - inklusive Zukunftsausblicke - fast 45 Jahre prägende Architektur vorgelegt. Von dunklem Blau am oberen Rand, bis zu Grün am unteren verlaufen die Farben des Covers. Zu sehen ist der sich aufdrehende gläserne Doppelkegel, aus dem die Dachwolke der BMW Welt in München entspringt. Die 2001 getroffene Entscheidung des Vorstandes der BMW AG den Entwurf von Coop Himmelb(l)au ausführen zu lassen, wurde beispielgebend für kommende Kommunikationsbauten. Von dem Weg, der schließlich zur BMW Welt und viel mehr führte, berichten Herausgeber Peter Gössel und Autor Michael Mönninger in diesem Band.
Aufgeschlagen entpuppt sich der Band trotz der Größe als ein haptisches Erlebnis. Unterschiedliche Papierqualitäten gliedern den Band ebenso wie Layout. Der deutlich strukturierte Inhalt führt ohne große Umwege über die Einleitung zu charakteristischen Stationen im Gesamtwerk von Coop Himmelb(l)au. Diese kompakte Buchstruktur unterstreicht den luftigen, hellen und kommunikationsorientierten Architekturstil. So bedingen sich Inhalt, Design und Funktion “taschentypisch” harmonisch bis ins kleinste Detail.
Die Einleitung steckt den architektonischen Rahmen und die Ziele seit der Gründung ab. Danach ist jeder - egal ob Architekt, Fachstudent oder interessierter Laie - bereits mitten im Geschehen. Und es wird schnell deutlich, dass Architektur, die ihren Ursprung in Aktionskunst, Installationen und luftgefüllten weichen Räumen hat, immer ihrem ursprünglichen interaktiven, kommunikativen Ansatz treu bleiben wird. Auch deshalb ist Ausstellungsarchitektur weiterhin ein interessanter Planungsbereich für Coop Himmelb(l)au.
Die vorgestellte Projektflut wird begleitet von exzellenten Fotos, Skizzen, Entwürfen und realen und virtuellen Raummodellen. Die dreisprachig vorliegenden Texte gewähren Einblicke in die zugrunde liegenden Konzepte und Planungen.
Abgeschlossen wird der Band durch einen umfangreichen Anhang. Hier werden alle Projekte, Firmenstruktur, Biografien, Teammitglieder bis 2010, Ausstellungen, Preise und Ehrungen sowie die Bibliografie vorgelegt.
Ausgehend von Österreich führte der Weg von Coop Himmelb(l)au über die Schweiz, England und Deutschland schließlich in die USA. In den USA wurde - nach dem internationalen Durchbruch 1988 - ein weiteres Atelier in Los Angeles eröffnet. Coop Himmelb(l)au ist jedenfalls nicht austauschbar und so wird mehr Unerwartetes folgen.
© S. Strohschneider-Laue
Coop Himmelb(l)au
siehe auch
Coop Himmelb(l)au. Beyond the Blue: Between the Light
Coop Himmelb(l)au PreBook 1: Musée des Confluences
Coop Himmelb(l)au: Central Los Angeles Area High School # 9 for the Visual and Performing Arts
Dynamic Forces: Coop Himmelb(l)au. BMW Welt München
Corporate Architecture: Entwicklung, Konzepte, Strategien
Coop Himmelb(l)au. Get off of my cloud. Texte 1968 - 1996
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AugenBlick | AmaZino
Tags:Architektur, Österreich, Design, Ebensolch Rez-E-zine 63/10, Kunst, Sistlau, Wien
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Dienstag, 30. November 2010

Bettina Schümann
Gustav Klimt
Die Lebensgeschichte
Prestel 2010, 112 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7033 0
Gustav Klimt: Die Lebensgeschichte
Mit Selbstbetrachtungen hat sich der Gustav Klimt (14. Juli 1862 - 6. Februar 1918) nicht aufgehalten. Der begabte Junge aus bescheidenen Verhältnissen lernt strebsam an der Kunstgewerbeschule, die auch sein jüngerer Bruder besuchte. Unbeschwert haben sich Gustav und Ernst Klimt sich gemeinsam mit ihrem Freund Franz Matsch in der Wiener Kunstszene etabliert. Große Aufträge und die Gunst des Kaisers gehen lange Hand in Hand. Nachdem Ernst stirbt, gehen Gustav und Franz bald getrennte Wege. Gustav Klimt wird Präsident der Secession, der Vereinigung bildender Künstler Österreichs. Der Jugendstil und Gustav Klimt sind seither untrennbar miteinander verbunden. Er entwickelte einen unverkennbaren Stil, der ihn bis heute zu einem der beliebtesten Künstler macht.
Kindgerecht bereitet Bettina Schümann die Lebensgeschichte von Gustav Klimt auf. Wichtige Stationen greift sie aus seinem Leben auf und verbindet diese mit seinen bekanntesten Werken. Dekorativ sind seine Werke, die viele Frauen zeigen, die kurzfristig sein Leben teilten. Diskret umschifft die Autorin die zugehörigen pikanten Details des männlich dominierten 19. Jahrhunderts. Sie lenkt den Blick auf Klimts durch Aufträge und persönliche Orientierung geprägtes, unpolitisches Künstlerleben.
Das Buch gewährt jungen LeserInnen einen leicht fassbaren Blick in das Lebensatelier von Gustav Klimt.
© S. Strohschneider-Laue
Gustav Klimt: Die Lebensgeschichte
ab acht | Amazon (Wissen)Store
Ebensolch | AmazonStore
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Tags:Österreich, Biografie, Ebensolch Rez-E-zine 63/10, Kunst, Moderne, Sistlau
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Dienstag, 30. November 2010

Dagmar Feghelm
Frida Kahlo
Die Lebensgeschichte
Prestel 2010, 111 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7023 1
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
Am 6. Juli 1907 wurde Frida Kahlo in Mexiko geboren. Bis zu ihrem Tod am 13. Juli 1954 wird sie über 140 Bilder malen. Ein Drittel dieser Bilder sind Selbstbildnisse. Noch mehr als auf ihren anderen Werken lassen sich auf den Selbstporträts ihr Leben, ihre Liebe aber vor allem ihr Leiden ablesen. Farbenprächtig wie Mexiko und seine Geschichte sind ihre Bilder.
Frida Kahlo hatte seit ihrer Geburt gesundheitliche Probleme und hinkte. Durch ein schweres Busunglück war sie ihr ganzes Leben körperlich schwer behindert. Über lange Zeit war sie bettlägerig und musste ein steifes Korsett tragen. Trotzdem war sie voller Lebensfreude und eine starke Persönlichkeit. Sie engagierte sich politisch und war mit einem berühmten mexikanischen Maler verheiratet. Sie begann zu malen und wurde bald über die Grenzen Mexikos hinaus bekannt. Viele Menschen lieben ihre Gemälde, aber die wenigsten kennen die Geschichten, die sie erzählen.
Die Biografie der mexikanischen Ausnahmekünstlerin Frida Kahlo wurde sprachsicher von Dagmar Feghelm für junge Leute aufbereitet. Eindringlich und sensibel berichtet sie von der emanzipierten Frau, deren überbordenden Gefühle weder für sie noch für andere leicht zu bewältigen waren. Bei keinem Künstler ist die persönliche Lebensgeschichte so stark mit dem Werk verknüpft. Vor dem Hintergrund ihrer Gemälde stellt sie die persönliche Tragödie Frida Kahlos dar. Entlang dieses roten Fadens gelingt es der Autorin, die Stärken und Schwächen der Künstlerin deutlich zu machen. Gleichzeitig wird die Emanzipation einer selbstbewussten, politisch aktiven Frau gezeigt, die letztlich nachhaltiger als ihr Künstlergatte wirkt. Frida Kahlo begeistert nicht nur Mexiko, sondern die ganze Welt.
Ein Pflichtbuch für kunstbegeisterte junge Menschen. Ein starkes Buch, das zur Selbstreflexion anregt und besonders junge Frauen (ab 12 Jahren) faszinieren wird.
© S. Strohschneider-Laue
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
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Montag, 22. November 2010

Daniel Krieg
Kreuzworträtselkarte Österreich
Hallwag 2010, Faltplan XXL-Format (138,6×92 cm)
ISBN 978 3 898283 0693 6
Kreuzworträtselkarte Österreich
Sie schaut aus wie eine Straßenkarte und lässt sich tischfüllend auffalten wie eine Straßenkarte. Wie es sich für eine Landkarte gehört, ist ganz Österreich mit allen Bundesländern abgebildet. Ringsherum gesellen sich im fröhlichen Reigen Persönlichkeiten, die mit Österreich verbunden werden, darunter auch solche, die eigentlich Deutsche, Italiener oder Tibeter sind. Auf der Innenseite des Covers befindet sich eine Tasche in dem der Fragenkatalog steckt sowie - zur Verhinderung von Tränenausbrüchen, Herzinfarkten und Selbstmorden - eine Minirätselkarte mit der Auflösung.
Wer jetzt glaubt, Einzel-Rätselnuss-Knacker spielen zu müssen, dem stehen schwere Tage ins Haus und nur der halbe Spaß. Es ist - allein wegen der Schadenfreude - unterhaltsamer aus dem Lösungsversuch eine Spielerunde zu gestalten. Die 1.066 Fragen drehen sich um Kunst und Kultur, Flora und Fauna, Sport und Politik, Geografie und Persönlichkeiten und Vieles mehr. Damit nicht genug, hat sich Daniel Krieg mit spürbarer Wonne und großem Geschick bemüht, die Fragen möglichst doppelbödig zu formulieren.
Natürlich habe ich mich zuerst auf die Burgenlandfragen gestürzt. Ganz in der irrigen Meinung, dass mir diese am leichtesten fallen würden.
“In Bayern ein Synonym für Bier, Dirndl und Gesang. Im Burgenland für ein Jazzfest und gute Bands.”
Und tatsächlich hatte ich ein - rasch vorrübergehendes - Erfolgserlebnis, da mir das burgenländische Jazzfestival in Wiesen schneller eingefallen ist als die bayrische Bezeichnung für das Oktoberfest. Danach brauchte ich Hilfe, viel Hilfe, denn Schummeln gilt nicht. Aufgefaltet wurde erst wieder im Freundeskreis bei mehreren sehr vergnüglichen Rätselabenden.
Diese Karte lässt RätselgroßmeisterInnen vom Schummeln träumen. Neun Bundesländer mit Stift und Köpfchen zu bereisen, treibt den Schweiß in Strömen auf die Stirn. Zugleich ist der intellektuelle Urlaub auf dieser Landkarte abenteuerlich und informativ. Österreich-Fans, Vorzeige-ÖsterreicherInnen und Rätselfreunde wird hiermit eine harte Staatsnuss im XXL-Format zum Knacken präsentiert.
© S. Strohschneider-Laue
Kreuzworträtselkarte Österreich
siehe auch:
Kreuzworträtsel Karte Deutschland
Kreuzworträtsel Karte Schweiz
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Dienstag, 15. Juni 2010

Schlafende Schönheit
Meisterwerke viktorianischer Malerei aus dem Museo de Arte de Ponce (MAP)
Belvedere 15. Juni bis 3. Oktober 2010

Es ist ein großes Glück, dass das MAP zur Zeit ausgebaut wird und die Gemälde bis Oktober statt auf Puerto Rico in Wien zu sehen sind. 1959 wurde das durch den Industriellen, Politiker, Musiker und Kunstsammler Don Luis Alberto Ferré Aguayo (1904-2003) gegründete MAP eröffnet. Grundstock der Sammlung bildeten 71 von ihm gestiftete Gemälde. Unter zahlreichen bedeutenden Gemälden europäischen Kunstschaffens befinden sich auch etliche Schlüsselwerke viktorianischer Malerei in der Sammlung. In den 60er Jahren wurden sie weit unter ihrem heutigen Wert verkauft, da sie u. a. dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprachen.

Nach Präsentationen in London, Madrid, Den Haag und Stuttgart werden die Werke, darunter auch das Monumentalgemälde von Burne-Jones “The Sleep of King Arthur in Avalon”, im Belvedere ausgestellt, bevor sie zurück nach Puerto Rico reisen. Hinter dem etwas unglücklichen Titel “Schlafende Schönheit”, unter dem man im Englischen ”Dornröschen” verstehen würde, verbirgt sich viel mehr als das Märchenthema. Die Schau im Belvedere hat es sich zur Aufgabe gemacht, die 65 gezeigten Gemälde in einen größeren Kontext im Vergleich zwischen Nazarener und Präraffaeliten zu zeigen sowie einen Querbezug zu den gleichzeitig in Österreich wirkenden Künstlern herzustellen.

Dass hingegen das Märchenthema nicht minder zu schätzen ist, wird durch Burne-Jones’ Gemäldezyklen deutlich. Auf dem ersten Bild ist der Ritter zu sehen, wie er vor der Dornenhecke steht und fünf - nicht wie behauptet vier - tote Ritter und Reste der Ausrüstung im Gestrüpp vorfindet. Das zweite zeigt den schlafenden König mit seinem Hofstaat und das letzte Bild schließlich das schlafende Dornröschen mit drei Dienerinnen. Betrachtet man diese Bilder in Zusammenhang mit den Walter Crane geschaffenen Buchillustrationen, wird deutlich wie prägend die Bildsprache des 19. Jh. und deren Rezeption für das Märchenverständnis bis in die Gegenwart geblieben ist. Zugleich zeigt das Beispiel “Buch als Gesamtkunstwerk” wie obsolet die Unterscheidung zwischen Kunst und Kunstgewerbe ist.
Besonders gut gelingt der Querbezug zu Österreichs Kunstschaffenden jener Zeit in der Gegenüberstellung von Frederic Leightons “Flaming June” mit anderen erotisch positionierten Schläferinnen. Darunter sticht vor allem das “Leda-Motiv” hervor, das seine Krönung in Reiters “Schlummernder Frau” erfährt. Hier reduziert sich der - gerupfte - Schwan auf ein pralles Federbett, dessen bauschige Form an den “entschlafenen” Vogel erinnert.
So sehr dies auch die BetrachterInnen heute zum Schmunzeln bringen mag, ist die im 19. Jahrhundert zwar ebenso heiß begehrte wie in dieser moralinsauren Zeit schwer verkäufliche Erotik geschickt und vielfältig in Szene gesetzt. Dem Zeitgeist entsprechend wird religiöses und/oder nationales Gedankengut aufgegriffen. Die Künstler des 19. Jh. bedienten sich wie ihre Vorgänger u. a. mythologischer Themen, um nackte Körper an den “Mann” zu bringen. Denn es sind Männer, die das nötige Kleingeld besaßen, um Gemälde zu erwerben. Und natürlich waren - und sind bis heute - mit dem Erwerb eines Gemäldes persönliche Ziele verbunden. Zum einen kann der öffentliche Eindruck und zum anderen das weit gesteckte Feld des privaten Vergnügens gefördert werden.

Unabhängig vom Sujet, bleibt Schönheit ein erfreulicher Anblick. Auch wenn zerbrechliche Frauen in Leidens- und Opferrollen nicht “jederfraus” Geschmack treffen, sind - unabhängig von den überragenden künstlerischen - die komplex erzählerischen Qualitäten der Werke eine wunderbare Entschädigung. Genugtuung verschafft daher die genaue Betrachtung Millais’ ”The Escape of a Heretic”. Dem mit dem eigenen Rosenkranz geknebelten Priester, der mit auf den Rücken gebundenen Händen noch nach dem Umhang der Flüchtenden greift, gilt die Häme der BetrachterInnen.
Fazit: Definitiv eine Ausstellung, die man mit einem Lächeln verlässt. Unbedingt mit der ganzen Familie mit oder ohne Themenführung ansehen! Anschließend nicht vergessen den exquisiten und trotzdem erschwinglichen Katalog zu kaufen, so dass man sich auch daheim noch an den Bildern erfreuen kann.
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Frederic, Lord Leighton (1830-1896): Maler und Bildhauer der viktorianischen Zeit
Edward Burne-Jones · The Flower Book
William Morris
Die Nazarener. Religion, Macht, Kunst
Präraffaeliten
Gustav Klimt. Auf der Suche nach dem Gesamtkunstwerk
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Mittwoch, 12. Mai 2010

Helga Schimmer
Giftmord
Gerichtschemiker in ihrem Element
Kremayr&Scheriau 2009, 192 S., Sw.-Abb.
ISBN 978 3 2180 0801 3
Giftmord: Gerichtschemiker in ihrem Element
Wie die Gerichtsmedizin zur heutigen Wissenschaft wurde, bietet die Grundlage zu den nachfolgenden spektakulären, unheimlichen und nahezu perfekten Todesfällen durch Gift. Säuberlich in giftige Elemente und anorganische Verbindungen sowie toxische organische Verbindungen getrennt, legt Helga Schimmer die passenden Verbrechen zu den entsprechenden Substanzen vor. In flotter journalistischer Manier wird erzählt, wie forensischen Toxikologen die jeweiligen Fälle nachweisen konnten.
Über die Wirkung und den Erfolg von Gift war man vermutlich schon in Urzeiten, aber ganz sicher ab der Antike bestens informiert. Den Nachweis des freiwilligen oder meist eher unfreiwilligen Giftkonsums zu erbringen, war - und ist es teilweise heut noch jedenfalls - nicht so einfach. Mal ganz abgesehen davon, dass bekanntlich “die Dosis das Gift macht”, kann in kleinen Mengen durchaus Verträgliches - wie z. B. Alkohol - in großen Mengen konsumiert zum Tode führen. Die minutiöse wissenschaftliche Spurensuche und ihre Beweise konnten sich vor Gericht außerdem nicht seit jeher behaupten. Auch James Marsh musste 1836 erst einen besseren Arsennachweis als den des Homöopathen Samuel Hahnemann entwickeln - die sog. Marshsche Probe -, um seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit vor Gericht durchsetzen zu können. Wegen der guten Nachweisbarkeit ist Arsen bei Giftmischern aus der Mode gekommen - zumindest solange bis die Gerichtsmedizin begann Arsentests zu vernachlässigen.
Egal ob Arsen, Thallium, Selen, Blausäure dem Essen, Getränken oder Medikamenten beigemischt werden oder ein bisschen Knollenblätterpilzgift heimtückisch unter die Haut gespritzt wird, das Ergebnis ist in jeden Fall verheerend. So locker und flockig auch die Schreibe sein mag, die Autorin weiß, worüber sie berichtet. Helga Schimmer nicht nur Chemikerin, sondern auch bestens mit Giftstoffen und ihren Wirkungen in realen Vergiftungsfällen vertraut. Ihr Buch ist eine fesselnde Lektüre für KrimispezialistInnen, schließlich wollen AutorInnen und LeserInnen wissen, welche Mittelchen probate Opferproduzenten sind. Und wer dann noch nicht genug von Gift hat, wird unter der weiterführenden Literatur sicher fündig werden.
© S. Strohschneider-Laue
Giftmord: Gerichtschemiker in ihrem Element
Siehe auch:
Kriminologie: Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen
Mordmethoden: Ermittlungen der bekanntesten Kriminalbiologen der Welt
CSI-Forensik für Dummies
Von Arsen bis Zielfahndung: Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige
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Donnerstag, 06. Mai 2010

350 Jahre Jakob Prandtauer
Einem barockem Lebensgefühl auf der Spur
Landemuseum Niederösterreich 9. Mai ‘10 bis 26. April ‘11
Stadmuseum St. Pölten 7. Mai bis 31. Oktober ‘10
Diözesanmuseum St. Pölten 8. Mai bis 30. Oktober ‘10
Stift Melk 9. Mai bis 7. November _10

Das 350. Geburtsjahr des genialen Barockarchitekten Jakob Prandtauer ist Anlass seine Persönlichkeit, seinwerk und seine Zeit einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Vier Museen in St. Pölten und Melk zeigen zu Leben und Werk des Barockarchitekten inhaltlich gut auf einander abgestimmte Ausstellungen. Ausstellungsbegleitend erscheinen drei Kataloge und im Landesarchiv wird vom 23.-25. September ‘10 ein Symposium stattfinden.
Jakob Prandtauer (1660-1726) war einer der bedeutendsten Barockbaumeister. Der aus Tirol stammende Maurerlehrling wurde vor 1692, das Jahr seiner Heirat mit der gräflichen Kammerzofe Maria Elisabeth Rennberger, in St. Pölten (Klostergasse 15) heimisch. Zunächst als Bildhauer beschäftigt, erhielt er bald die ersten Bauaufträge. Im Laufe seines schaffensreichen Lebens war er Architekt von kleinen und gewaltigen Projekten. Obwohl der Baumeister Jakob Prandtauer und Stift Melk untrennbar sind, sind auch seine Brückenentwürfe, Keller, Pfarrhöfe oder Schlösser bedeutende Zeugnisse barocker Architektur. Als Prandtauer 1726 starb, hatte er die Landschaft zwischen St. Pölten und St. Florian durch seine Bauwerke entscheidend und bis heute geprägt.
Leben im Barock
Das Landesmuseum Niederösterreich präsentiert das Leben im Barock aus der Sicht des Baumeisters Jakob Prandtauers und seiner Gattin Maria Elisabeth. Als Einstimmung auf die weiteren Ausstellungen, die sich schwerpunktmäßig Prandtauers Werk widmen, ist sie ideal geeignet. Die Präsentation widmet sich den kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren, die Prandtauers Leben maßgeblich bestimmten.

In vielen Bereichen war das Leben um 1700 streng reguliert. Von der Kleiderordnung über das Recht auf Kutschfahrten bis hin zu Gewerbeverordnungen oder zum Bürgerstatus reichten die gesellschaftlichen Bestimmungen. Um angenehm und abgesichert über die Runden zu kommen, bedurfte es nicht nur ein regelmäßiges Einkommen, sondern auch einer bestens organiserten Haushaltsführung. Mit den Einkünften des viel beschäftigen Baumeisters und der hauswirtschaftlichen Fähigkeiten seiner Frau war der fünfköpfigen Familie Prandtauer ein wohlsituiertes, bürgerliches Leben möglich.

Mit einer klaren Leitlinie und erzählerischer Kraft gelingt es der Ausstellungskuratorin Dr. Elisabeth Vavra (Direktorin des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit) den Barockalltag im Privatleben und im öffentlichen Raum lebendig werden zu lassen. Die zum Teil stark zurückgenommene Gestaltung der Ausstellung nimmt der frischen Erzählweise und der sprechenden Objektauswahl nicht den Elan.
Der Profanbaumeister
Die weltlichen Aufträge des Baumeisters stehen im Mittelpunkt der Ausstellung des Stadtmuseums. Der erste Stock bietet, Raum für Raum übersichtlich durch die Kuratorin und Barockspezialistin Dr. Huberta Weigl gegliedert, einen Überblick über das Gesamtwerk Prandtauers.

Die von Text und Bildern dominierte Ausstellung bindet, wo es denn möglich ist, Originalobjekte, zeitgenössische Ansichten und Modelle ein. Die übersichtliche Struktur sowie der geschickte Einsatz von optischen Reizen macht die Informationsfülle leicht aufnehmbar. Besucherfreundlich formuliert, ist den Begleittexten zu den Bauwerken u.a. vorangestellt, ob es sich um gesicherte oder des Œuvre des Meisters zugeordnete Objekte handelt.

Die Umsetzung des attraktiven Entwurfs hätte etwas sorgfältiger ausfallen können, doch der exzellent aufbereitet Inhalt wird spielend die Aufmerksamkeit bündeln.
Planen und Bauen im Dienste der Kirche
Im Diözesanmuseum wird der Kirchenbaumeister Prandtauer u. a. in den beeindruckenden Räumen der Bibliotheken und im Gartenpavillon, gewürdigt. Vor allem seine “Großbaustellen” wie Stift Melk, Herzogenburg oder St. Florian werden den meisten BesucherInnen geläufig sein. Überraschen werden hingegen die zahlreichen kirchlichen Wirtschaftsbauten.

Die Entstehungsgeschichte dieser Bauten, die Wechselwirkung zwischen Architekt und Auftraggebern sowie die Kooperation des Baumeisters mit den Handwerksbetrieben zeigen die enorme Dimension der Großbaustellen auf. BesucherInnen, die selbst einmal ein Gebäude errichten ließen, umgebaut oder renoviert haben, werden entdecken, dass sich seit der Barockzeit nicht alles - egal ob zum Besseren oder Schlechteren - gewandelt hat.

Die Kuratorin Dr. Weigl setzt die im Stadtmuseum die vorgegebene Struktur - angepasst an die Räumlichkeiten - konsequent fort. BesucherInnen werden auch dadurch beide Ausstellungen inhaltlich gut miteinander verbinden können.
Dem Meister auf der Spur
Stift Melk, das beeindruckende und mächtige Hauptwerk Prandtauers, ist unabhängig vom Gedenkjahr immer einen Besuch wert. Das UNESCO-Weltkulturerbe Stift Melk widmet seinem Architekten im sog. Prandtauerkeller einen Werkschau, die als Überblick und Verweis auf die Sonderausstellungen in St. Pölten zu verstehen ist.
Fazit: Unbedingt ansehen, aber auch genug Zeit für die vier Standorte einplanen. Mit dem großen oder kleinen Prandtauerticket lässt sich dies übrigens kostengünstig und zeitunabhängig managen. Zu den Ausstellungen in St. Pölten sind drei, einander ergänzende Kataloge erschienen. Einerseits spiegeln sie den aktuellen Forschungsstand, andererseits sind sie spannende sowie publikumsgerechte Lektüre über das Leben im Barock sowie Jakob Prandtauer. Zugleich lädt das übersichtliche Werkverzeichnis ein, dieses als kompetenten Reiseführer für Entdeckungsfahrten in Nieder- und Oberösterreich zu verwenden.
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Jakob Prandtauer: Die Klosterbauten
Der Barockbaumeister Jakob Prandtauer
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Mittwoch, 28. April 2010

Meisterwerke im Fokus
Anton Romako - Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa
Belvedere 29. April bis 25. Juli 2010

In der Ausstellungsreihe “Meisterwerke im Fokus” des Belvedere steht mit dem außergewöhnlichen Werk des Künstlers Anton Romako (1832-1889) zugleich ein wichtiger militärhistorischer Aspekt im Mittelpunkt.
Im Zuge des dritten italienischen Unabhängigkeitskriegs 1866, der durch die Verluste an der zweiten Front im Krieg zwischen Österreich und Preußen zu Gunsten Italiens verlief, war die österreichische Seite in einigen Schlachten gegen Italien siegreich. Eine davon ist die Seeschlacht bei Lissa (kroatische Insel Vis) bei der die größere und modern ausgerüstete Flotte Italiens trotz des erstmaligen Einsatzes von Panzerschiffen den in jeder Hinsicht veralteten österreichischen Holzschiffen unterlag. Der österreichische Konteradmiral Wilhelm von Tegetthoff erzielte den Seesieg bei Lissa aufgrund seiner Rammmanöver, die durch die mangelnde Vorbereitung und Desorganisation der italienischen Admiralität zusätzlich begünstigt wurden.
Der Fokus liegt auf Anton Romakos Interpretation der Seeschlacht bei Lissa. Begleitend werden Objekte, Fotografien und Kunstwerke, die in Zusammenhang mit Tegetthoff und der Schlacht bei Lissa stehen - darunter auch ein Modell des k.u.k. Flaggschiffs Erzherzog Ferdinand Max - gezeigt. Die raren Fotografien von Gustav Jägermayer (1834-1901) dokumentieren den industriellen Aspekt, der hinter dem Kriegsgeschehen stand.

Die Interpretation Anton Romakos sticht unter den damals üblichen Darstellungen von Kampfhandlungen aus verschiedenen Gründen heraus. Seine unkonventionelle Sichtweise auf das Geschehen, über die emotionale Dramatik im Ausdruck der Beteiligten wich grundlegend von der herkömmlichen distanziert-heroischen und zugleich emotionslos beobachtenden Dokumentation der Gesamtsituation ab. Nicht die Gewalt der der enormen Materialschlacht, sondern der Einsatz des Einzelnen und deren Emotionalität im Zuge der Kampfhandlungen werden gezeigt. Das Bild wurde in Wien abgelehnt, obwohl durch Kaiser Franz Josef I. eine zweite Fassung privat angekauft wurde.
Anton Romako hatte mehrere Talente. Sein größtes Talent war nicht sein künstlerisches Können oder seine stilistischen Eigenheiten, sondern hinter die Fassade zu blicken und die dramatischen und emotionalen Aspekte in seinen Werken zum Ausdruck zu bringen. Seine künstlerische Exzentrizität sowie die Tatsache seiner Zeit stilistisch weit voraus zu sein, verhinderten seine allgemeine Anerkennung. Verbunden damit häuften sich gegen Ende seines Lebens wirtschaftliche Rückschläge, die von privaten Niederlagen und Tragödien gefolgt waren.

Von den über 880 Werken Anton Romakos befinden sich 50 in der Sammlung des Belvedere. Die kleine aber feine für die Ausstellung getroffene Bildauswahl repräsentiert das Oeuvre des Künstlers ohne vom inhaltlichen Schwerpunkt der Ausstellung abzulenken. Darunter beeindruckende Porträts, u. a. Kaiserin Elisabeth bar des verklärenden Sisi-Mythos, und Landschaften.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis des historischen Zusammenhangs sind Führung und Ausstellungskatalog (Hirmer Verlag) sowie für den Überblick zu Leben und Werk Anton Romakos ist das Werkverzeichnis (Verlag Bibliothek der Provinz) nötig!
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Anton Romako. 24 Aquarelle
Katalog der Gedächtnisausstellung Anton Romako, Akademie der Bildenden Künste, Wien, 25. März - 14. Mai 1950
Der Maler Anton Romako 1832-1889
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Dienstag, 23. März 2010

Aliens - Pflanzen und Tiere auf Wanderschaft
Landesmuseum Niederösterreich 14. März ‘10 bis 13. Februar ‘11
Aliens. Neobiota in Österreich

Das Jahr, als die tief greifenden Veränderungen begannen, war 1492. Kolumbus entdeckte damals statt eines Seewegs nach Indien aus Versehen einen Kontinent: Amerika. Die Wikinger hatten das zwar schon 500 Jahre zuvor geschafft, aber mit so geringen Folgen, dass ihr Siedlungen noch gar nicht so lange bekannt sind. Kolumbus hingegen löste folgenschwere und weltweite Transporte von Pflanzen, Tieren und mehr aus. Mit teilweise verheerenden Folgen haben alle nachfolgenden Generationen diesen Lebendtransport mehr oder weniger absichtlich bis heute fortgeführt.
Die Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich steht ganz unter dem Zeichen der Neobiota, also jener Aliens, die nach 1492 in alle Welt transportiert wurden.
Heute werden die biologischen Invasoren nicht mehr mit der Santa Maria transportiert. Sie reisen zeitgemäß auch mit dem Flugzeug ein. Daher präsentiert sich die gesamte Ausstellung ganz passend als Airport. Beginnend von den klaren Wegweisern bis zu den farblich deutlich von einander abgetrennten Themenbereichen besticht die optisch klare Struktur der Ausstellung.

Die Ausstellung wird - gemeinsam mit winzigen Süßwasserquallen - durch ein Gate betreten und informiert im ersten, tief schwarz gehaltenen Raum zunächst über Fachbegriffe. Zugeben wird kaum jemand, dass er die meisten Begriffe nicht einmal im Biologieunterricht gehört hat. Aber die Klappen, hinter denen sich die Erklärungen befinden, macht großen und kleinen EntdeckerInnen Spaß und fesseln die Aufmerksamkeit. Der Informationsfluss findet auf diese Weise fast unbemerkt statt.

Im Verbindungsgang begrüßt strahlendes Gelb der “Alien Airlines”. Hier werden die “Formalitäten” der Einreise erledigt: Wer kommt auf welchem Weg und warum, wer bleibt und findet seinen Platz, wer reist weiter und wer verursacht wodurch Schwierigkeiten. Der Gang widmet sich nicht nur der Situation in Österreich und Europa, sondern betrachtet Neobiota und ihre Wirkungen weltweit. So werden auch Dominoeffekte der biologischer Katastrophen aufgezeigt, die durch absichtlich eingeführte Hasen, Füchse, Katzen oder Kröten ausgelöst werden können, wenn diese Tiere dort nicht ursprünglich beheimatet waren.

Folgt man dem Gang bis zu seinem Ende bieten drei Kuben zu Klimawandel, Gesundheit und Naturschutz pointierte Informationen, die das Alien-Thema abrunden. Damit man die Zuwanderer optisch und akustisch erkennen kann, lädt ein Simulator zum Ausprobieren ein.
Der Sonderausstellungsraum ist ganz den Neobiota in Österreich gewidmet. Präparate und lebende Tiere werden BesucherInnen dadurch überraschen, dass sie nicht Einheimische, sondern Zuwanderer sind. Strahlende Farben unterstreichen die Themen der räumlich voneinander abgegrenzten Bereiche.

Umgeben von Grün und Blättern wird man in der Botanik so manchen Gartenfreund sowie hübsches oder lästiges Unkraut erkennen.
Blau und türkis erstrahlt der nächste Abschnitt. Signalkrebs und Rotwangenschildkröte werden hier mit anderen Wasserlebewesen als Zuwanderer vorgestellt. Die Geschichten ihrer Einreisen und ihrer Auswirkungen werden dabei sicherlich überraschen.

In Violett machen sich Schwan, Waschbär, Damwild und das lebende Rattenpärchen richtig gut. Die hier gezeigten Wirbeltiere sind u.a. Kulturfolger oder wurden als Nutztiere eingeführt. Pelzträger sind manchmal auch aus Zuchtanlagen entkommen.

Und so niedlich ein Waschbär auch ist, wenn er nächtens Mülltonnen ausräumt, macht er sich schnell unbeliebt. Und wer hätte das gedacht, selbst der Schwan ist ein Alien.
Da man bei vielen genau hinschauen muss, um die kleinen Fremdlinge zu entdecken, verleiht ihnen Magenta zusätzliches Flair. Selbst eine wenig einnehmende Made gewinnt bei dieser Farbe an Attraktivität. Nicht minder spannend sind die Wirbellosen, die sich nach und nach in Österreich verbreitet haben. Der Kartoffelkäfer, der mit seiner Lieblingsspeise aus Amerika eingewandert ist, ist hier ebenso zu finden wie asiatische Marienkäferchen, die für den Weinbau keine Glücksbringer sind.
Als erschreckend beeindruckend erweist sich das Gespräch dreier WissenschafterInnen. In dunkler Atmosphäre kann man den Ausführungen im letzten Abschnitt sitzend lauschen, während leises Grauen die Haare im Nacken aufstellen lässt; denn manche Neobiota können Ihre Gesundheit gefährden.
Übrigens, wenn sie diesem hübschen Kerlchen im Burgenland begegnen, sehen sie keinen Wolf, keinen Hund, keinen Fuchs, sondern einen Goldschakal.
Fazit: Unbedingt ansehen und ein tolles Erlebnis für die ganze Familie. Gönnen Sie Ihren Kindern genug Zeit, um das Museumslabor zu erkunden und winzig Kleines riesig groß zu sehen!
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Aliens. Neobiota in Österreich
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Montag, 01. März 2010

Österreichweiter Aktionstag
2. März ’10
Albertina, Kunsthaus Bregenz, Kunsthistorisches Museum Wien, Landesmuseum Kärnten, Landesmuseum Niederösterreich, Leopoldmuseum, MAK, Museum Moderner Kunst Kärnten, Oberösterreichisches Landesmuseum, Österreichische Galerie Belvedere, Salzburg Museum, Tiroler Landesmuseen, Volkskundemuseum Wien, Wien Museum.

Am 2. März findet der österreichweite Aktionstag “Schule schaut Kunst” statt. Initiiert wurde der Aktionstag vom Universalmuseum Joanneum. Als Kooperationspartner wurden - mit Ausnahme des Burgenlandes - österreichweit Museen und Vertreter der kreativen Fächer gewonnen. Ziel ist es, Schulen zum Museumsbesuch zu animieren und zugleich allgemein auf den Lernort “Museum” aufmerksam zu machen. Obwohl dabei die kreativen Fächer in den Mittelpunkt gerückt werden, ist offensichtlich, dass Lernen im Museum trotz des Schwerpunkts “Kunst” auch alle anderen Unterrichtsfächer betreffen kann.
Werbung braucht die Veranstaltung nicht mehr, die Vermittlungsangebote sind ausgebucht. Der Aktionstag benötigt hingegen Öffentlichkeit - und nicht nur der Aktionstag. Es ist die Bildung, die über “Ausbildung” hinausreichen muss, um Allgemeinbildung zu sein, die dringend Öffentlichkeit finden muss.
“Bildung ist, was bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist”, zitiert Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, dazu ganz passend den aus einer verarmten Familie stammenden Mark Twain. PolitikerInnen hingegen zitieren gerne die Kreativwirtschaft als den kulturellen Motor des Landes. Wenn die Kreativität ein Wirtschaftsfaktor ist, dann sollte damit nicht gemeint sein, kreative Möglichkeiten der Geldbeschaffung zu entwickeln. Bedauerlich daher, dass alles was dazu nötigt ist, um gehaltvoll kreativ tätig sein können, den Lehrplanveränderungen und der desaströsen Lehrpersonalpolitik zum Opfer fällt. Inhaltlich betrifft das mehr als “nur” die Fächer Musik-, Kunst- und Werkerziehung. Humanistische Grundlagen tragen wesentlich zum historischen sowie kulturellen Verständnis bei. Kulturkompetenz kommt schließlich nicht von ungefähr. Wer nicht das Glück hat aus einem bildungsaffinen und finanziell abgesicherten Umfeld zu stammen, wird es weniger leicht gemacht sich diese Fähigkeiten anzueignen, vor allem wenn der Pflichtunterricht sich ausschließlich auf das Erlangen von Kernkompetenzen und Sport beschränkt.
In den Bundesmuseen zahlen Kinder und Jugendliche - auch außerhalb des Klassenverbandes - keinen Eintritt. Dennoch werden sich bei den derzeitigen Eintrittspreisen viele Eltern schon aus wirtschaftlichen Gründen überlegen müssen, ob sie ihre Sprösslinge in die Museen begleiten können. Der Anreiz für Kinder und Jugendliche alleine ins Museum zu gehen, wird wohl schon aus Schwellenängsten eher gegen Null tendieren - falls unbeaufsichtigten Minderjährigen überhaupt der Zutritt gestattet wird. Was für die Mehrheit bleibt, ist der Museumsbesuch im Klassenverband. Für die meisten Kinder die einzige Gelegenheit ein Museum von innen zu sehen.
Museen haben den Auftrag zu sammeln, zu bewahren, zu forschen und auszustellen. Dass es mit dem Ausstellen nicht getan ist, sondern jede Ausstellung von ihrer publikumsgerechten Aufbereitung und Vermittlung lebt, ist inzwischen hinreichend bekannt. So liegt es zuletzt an den KulturvermittlerInnen, meist das schwächste Glied in der hierarchischen Struktur der Museen, jungen Menschen positive und gehaltvolle Erinnerungen an das Erlebnis “Museumsbesuch” zu verschaffen. Vielleicht sind nach dem Besuch einige unter ihnen, die wieder kommen und der Institution auch als Erwachsene positiv gegenüberstehen. Nicht zuletzt benötigen selbst die großen Museen in Österreich hohe Besucherzahlen, die nicht von zwangsverpflichteten SchülerInnen dominiert werden, sondern auch erwachsene BesucherInnen aufweisen sollten.
Dem ambitionierten Ansatz des Aktionstages “Schule schaut Kunst” ist hoffentlich über den 2. März 2010 hinaus Erfolg beschieden.
© S. Strohschneider-Laue
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Dienstag, 23. Februar 2010

Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund
Belvedere 11. Februar bis 6. Juni ‘10
Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros.



Prinz Eugen Franz von Savoyen-Soissons (1663-1736) ist in seiner Sommerresidenz, Belvedere Wien, eine Sonderausstellung gewidmet. In sechs Abschnitten wird der Versuch unternommen, ausgewählte Aspekte seiner Persönlichkeit zu beleuchten und seine Leistungen zu würdigen. Der Franzose mit italienischen Wurzeln machte als Türkenbezwinger in Österreich Militärkarriere. Vor dem Hintergrund einer bewegten Zeit, deren höfische Intrigen die politisch angespannte Lage zusätzlich anheizten, wird das öffentliche Leben von Prinz Eugen vorgestellt.


Vor allem wird dabei Prinz Eugens Bautätigkeit und seine Sammelleidenschaft hinsichtlich Büchern, Gemälden, Pflanzen und Tieren besondere Beachtung gezollt. Das Belvedere steht dabei nicht nur als Präsentationsfläche zur Verfügung, sondern bildet zu gleich den passenden Mittelpunkt. Die Residenz des Prinzen war und ist bis heute eines der schönsten und geschmackvollsten Schlösser Österreichs. In vielen Bereichen noch im Originalzustand, fehlt dennoch Wesentliches, um den Geist des ehemaligen Bewohners spürbar werden zu lassen: Die unermessliche Sammlung.

Für kurze Zeit gelingt es, diese vergangene Pracht - trotz der Fülle exzeptioneller Exponate nur in kleinen Ansätzen - sichtbar zu machen. Selbst im Kriegslager beschäftigte sich Prinz Eugen mit Bauplänen und Ankäufen für seine Sammlung.

Er kaufte niemals unbedacht, auch wenn er hin und wieder überhöhte Preise zahlte, denn es standen ihm ausgezeichnete Berater zur Seite. Und seine Planungen waren niemals oberflächlich. Sie betrafen nicht nur den Ankauf, sondern auch die Verpackung und den geeigneten Transport.

Naturwissenschaftlich interessiert, war es ihm daher auch wichtig exotische Wildtiere artgerecht über Unterbringung bis hin zum geeigneten Futter zu halten.

Ungewöhnlich für eine Zeit in der Tiere zur Hatz und Belustigung dienten. Ein Schicksal, dass den Tieren nach dem Tod des Prinzen nicht erspart blieb. Sie wurden an Schausteller verkauft.
Die Bibliothek des Prinzen Eugen war und ist bis heute legendär. Seine Bücher bilden den Grundstock der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek. Etliche Werke sind so einzigartig, dass sie in dieser Ausstellung aus konservatorischen Gründen nicht im Original gezeigt werden und man mit vielen Faksimiles vorlieb nehmen muss. Unverständlich ist zuweilen für die Schau getroffene Auswahl der Bücher. Etliches lässt sich weder durch Präsentationsform, inhaltlichen Zusammenhang noch durch Beschriftung erschließt. So hätte man u. a. erwarten dürfen, dass man von der berühmten Tabula Peutingeriana (mittelalterliche Abschrift aus dem 13. Jh. einer römischen Straßenkarte des 4. Jh. n. Chr.) jenes Blatt auswählt auf dem Wien zu sehen ist. Dass es sich ehemals um eine Pergamentrolle und nicht um Einzelblätter gehandelt hat, wird dem Laienpublikum in dieser Präsentationsform ebenfalls verborgen bleiben. Was bleibt, ist jedenfalls der Eindruck von vielen, schönen und wertvollen Büchern.

Die Ausstellung spart weitgehend Persönliches aus. Das anscheinend als heikel empfundene Thema “Homosexualität” gehört auch dazu und man versäumt dadurch die Gelegenheit den tatsächlichen Menschen hinter dem Kriegshelden, Kunst- und Büchersammler darzustellen. Dafür beschäftigt sich der letzte Ausstellungsraum um so großzügiger mit dem Verbleib des Erbes. Der politische Entscheid, der sich leicht als juristisch korrekter Entscheid darlegen lässt, zu Gunsten der Nichte Prinz Eugens, führte zu einer massiven Ausverkauf des enormen Erbes. Ankäufe, die das Kaiserhaus nicht hätte tätigen können, wenn statt Prinzessin Anna Maria Viktoria von Savoyen Kardinal Colonna geerbt hätte. Ohne die prekäre Ausgangssituation der Erbin, ein typisches Frauenschicksal dieser Zeit, dem interessierten Publikum hinreichend darzulegen, entsteht ein völlig anderer Eindruck. Was bleibt, ist die Büste einer älteren, übergewichtigen Frau, die in ihrer Lebensechtheit das Bild einer gierigen, hässlichen Banausin in den Köpfen der BesucherInnen verankern hilft.
Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis sind Führung und Katalog nötig!
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros. Katalogbuch zur Ausstellung im Wien, Belvedere, 11.02.2010-06.06.2010
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Samstag, 03. Oktober 2009

Alltagsdrama: Ausstellungsmacherin trifft auf Autohändler

Warum sollte es einer Freundin in Sachen Männerkommunikation besser gehen als mir (siehe dazu Kundinnen I)?
Besagte Freundin ist eine typische Bleifuß-Frau, die sich so fortbewegt wie es Gott für den Menschen offenbar vorgesehen hat: Mit dem Auto. Immer auf großen Strecken zwischen Wien - Linz - Salzburg - Graz sowie dem zugehörigen Umland pendelnd, fährt sie zwischendurch noch einige Touren quer durch Europa. USA, Mali und China hat sie dieses Jahr notgedrungen - Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel - mit dem Flugzeug angesteuert. Diese Megastrecken hält das beste Auto auf Dauer nicht aus und irgendwann verlassen uns auch die robustesten unter ihnen. Nur um es vorweg zu nehmen, sie ist zwar viel unterwegs aber trotzdem keine Drogendealerin, sondern als Austellungsarchitektin eine echte Spezialistin für Kommunikation und Gestaltung. Das bedeutet, dass ihre Brieftasche nicht prall gefüllt ist und sie ein finanzierbares Auto mit großen Transportflächen aber nicht mit Versteckmöglichkeiten braucht. Jedenfalls war sie auf der Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz.
Ihre Odyssee durch die Autohäuser ihrer Heimatprovinz sei in nachfolgendem Dialog zusammengefasst.
Er: Guten Tag. Auf der Suche nach einem roten Frauenauto?
Sie: Eigentlich habe ich an etwas Flottes, Strapazfähiges für lange Autobahnfahrten gedacht. Ein Cello sollte auch noch Platz finden.
Er: Na, Internetanschluss in Kleinwagen gibt’s noch nicht! HAHAHA. Aber wir haben hier einige rote Modelle.
Sie: Ich meine “Cello” nicht “Chello”. Das eine ist ein Musikinstrument, das andere ein Provider.
Er: Der ist auch gut. HAHAHA Wie gefällt Ihnen dieser schicke rote Kleinwagen? Sehr kompakt und wendig, gut geeignet für den Stadtverkehr.
Sie: Langstrecken, schnell und groß sind meine Anforderungen. Stadtverkehr ist das geringste Problem.
Er (unbeirrt): Schaun’s, in den Roten passen gleich drei Bierkisten für den Mann rein und der Kindersitz für den Spross seiner Lenden hat trotzdem genug Platz.
Sie (schon ausgereizt): Ich trink das Bier nicht aus Kisten und der Spross meiner Eierstöcke braucht keinen Kindersitz, sondern Platz für ihr Cello. Na, dieser große Geländewagen da wäre schon passender.
Er: Na, das ist aber kein guter Stadtwagen zum Einkaufen. Sie werden nur Schwierigkeiten beim Einparken haben und in rot gibt es dieses Modell auch nicht. Das ist eher ein richtiges Männerauto.
Sie: Ich habe nie Schwierigkeiten beim Einparken. Mein Problem sind Autoverkäufer, die nicht zuhören.
Er: Na welches Glück, dass ich jetzt für Sie da bin. Ich habe den idealen Wagen für Sie. Sehr klassisches Modell, seit Jahren unverändert und ausschließlich in rot erhältlich. Kein technischer Schnickschnack. Wird fast ausschließlich von Frauen gekauft. Damen legen ja doch mehr Wert auf Sicherheit als auf Geschwindigkeit.
Sie ist sehr friedfertig, sie hat ihn und die vielen andern Autoverkäufer nicht erschlagen, sogar der nette Herr vom Automobilclub, der - zur modellspezifischen Unfallstatistik befragt - meinte “Frauen kaufen sich meist ein rotes Auto” lebt noch. Aber wie meine Freundin schließlich zu ihrem Auto - natürlich ist es nicht rot - gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hat sie irgendwo eine Autoverkäuferin gefunden, die zugehört hat.
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Donnerstag, 24. September 2009

Alltagsdrama: Sprachfrau trifft auf Baumarktmann

Neulich wollten wir unsere Wohnung wieder etwas auffrischen. Eine neue Brausetasse sollte es unter anderem sein. Bei solchen Gelegenheiten möchte man nicht die gleichen Fehler - egal ob geschmäcklerischen oder bautechnischen - wiederholen und nochmals zehn Jahre den Anblick der letzten Fehlentscheidung ertragen müssen. Wir einigten uns auf ein technisch-futuristisch anmutendes Badezimmerdesign. Möglichst viel Chrom und Glas sowie möglichst kein weißes Porzellan oder Plastik sollte es sein.
Dass Männer und Frauen nicht die dieselbe Sprache sprechen - auch wenn sie die gleiche nutzen -, dürfte wohl allgemein bekannt sein. Dass das Zuhören und Verstehen aber auch wesentliche Aspekte sind, wird immer unter den Tisch gekehrt. Wie gravierend sich dies beim Einkaufen auswirken kann, wenn es nicht um Grundnahrungsmittel, Hygieneprodukte und Bekleidung geht, sei hier am ersten Beispiel dargestellt. Es war ein Ding der Unmöglichkeit den diversen Angestellten in den zahlreichen Baumärkten und Heimwerkerzentren diese Wünsche darzulegen. Die Dialoge zwischen den durchwegs männlichen Angestellten und mir - definitiv Frau - entspannten sich zusammenfassend etwa so:
Ich: Guten Tag, ich bräuchte ein Brausetasse - möglichst 90 x 90 - im Nirosta-Design.
Er: So was gibt’s nicht.
Ich: Was gibt’s nicht, die Größe oder das Nirosta?
Er: Die Größe gibt’s schon.
Ich: Haben Sie wirklich keine Metalltassen?
Er: Doch, aber das baut man heute nicht mehr ein. Die Restbestände stehen dahinten in der Ecke.
Ich: Nein, die meine ich nicht. Das sind Emailwannen.
Er: Was? Bei E-Mail haben’s wohl was verwechselt. HAHAHA
Ich: Sehr witzig, selten so gelacht. Das ist Gusseisen mit Emailschicht - was nichts mit E-Mail zu tun hat. Ich will ein Hochglanz-Edelstahl-Produkt. Sehr hygienisch, wenn Sie das verstehen.
Er: So was gibt’s gar nicht. Putzen muss man sowieso alles.
Ich: Es geht nicht ums Putzen, sondern um Material und Oberflächenqualität. Brausetassen aus Nirosta gibt’s sehr wohl. Nirosta wird oft in Fabriken oder auf Raststationen eingebaut.
Er: Wenn’s so schlau san, dann schau’n mir mal in den Katalog, da ist alles drin was’ gibt.
Gelangweiltes Blättern folgt, wobei sämtliche Plastik- und Emailwannen von ihm triumphierend durch Fingerklopfer hergezeigt werden. Da schaun’s her, so schau’n Brausetassen aus.
Ich (bereits ausgereizt): Guter Mann, ich bin sogar mit der Benutzung vertraut. Ich will aber eine aus Metall ohne Email. So ein Ding, das aus schaut wie eine Küchenspüle, bloß die flache und quadratische Variante, zum Reinstellen von Menschen.
Er: Warum sagen’s das nicht gleich? Das haben wir hier gleich hier.
Er stapfte zwei Regalreihen weiter. Zufrieden zeigte er auf ein rechteckiges Metallobjekt, das meinen Wünschen nur mit äußerster Fantasie ähnlich war. In den mediterranen Ländern nennt man so etwas eine Stehtoilette.
“Baumarktberatung” ist ein Oxymoron und ich war einem “Ox-Moron” ausgeliefert.
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch Kundinnen II
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Freitag, 18. September 2009

Tag des Denkmals 2009
Kreativität und Innovation
Bundesdenkmalamt
25. September ‘09 - Denkmaltag für Schulen
27. September ‘09 - Denkmaltag für Alle

Seit elf Jahren wird auch in Österreich der Tag des Denkmals durchgeführt - und das sehr erfolgreich. Am 25. September findet ein eigener Termin für Schulen mit speziellem Programm statt. Der 27. September ist für alle Interessierten organisiert worden.
Das diesjährige Programm steht unter dem Motto “Kreativität und Innovation” und verspricht in allen Bundesländern außergewöhnliche Einblicke. Einblicke, die sowohl die Arbeit des Bundesdenkmalamtes, als auch die Arbeit und Attraktionen hinter den Kulissen betreffen. Das Angebot ist so vielfältig wie die Aufgaben der obersten Denkmalschutzbehörde Österreichs. Da für einige Programmpunkte Anmeldungen erforderlich sind, lohnt es sich rechtzeitig die Folder (siehe unten) der Bundesländer durchzusehen und aus über 200 Veranstaltungsorten zu wählen.

Exemplarisch für die Angebote, die von der Urgeschichte bis in die Gegenwart reichen, soll an dieser Stelle u. a. die revitalisierte Brenner-Wohnung genannt werden. Der Architekt entwarf in den 20er Jahren einen bis zu den Möbeln in den Wohnungen durchgestylten Wiener Gemeindebau. Das überraschend moderne, funktionale Design auf 38 m² wird in seinem Nutzfaktor bestätigt, da der Architekt selbst in dieser Wohnung lebte. In Aschach an der Donau (OÖ) kann man seine Erlebnisse in Schloss und Museum zusätzlich beim Ortsrundgang um den barrierefreien Kulturwanderweg bereichern oder in Feldkirch (Vbg.) den Dachboden der Dompfarrkirche Hl. Nikolaus betreten.

Zusätzliche Würze erhält der Tag des Denkmals durch die erste Ausgabe der Publikumszeitschrift “Denkmal heute”, die an diesem Tag gratis in ganz Österreich an die BesucherInnen “Tag des Denkmals” verteilt wird. Zweimal jährlich soll das neue Magazin in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft der Denkmalfreunde herausgegeben werden. Abonnements können ab sofort per Kontaktformular beim Bundesdenkmalamt bestellt werden.
Fazit: Unbedingt hingehen!
Burgenland
Kärnten
Niederösterreich
Oberösterreich
Salzburg
Steiermark
Tirol
Vorarlberg
Wien
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Aktuelle Ausstellungskataloge
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Sonntag, 13. September 2009

Frohes Fest in Wien

Der Realitätsschock Juli bis August ‘09:
Weihnachtskalender Ende Juli im Papiergeschäft.
Lebkuchen Anfang August im Supermarkt.
Taschen mit Aufdruck “Frohes Fest” im passenden Design beim türkischen Bäcker Ende August.
Die Zukunftsvisionen für September ‘09 bis August ‘10:
Schoko-Weihnachtsmänner im September.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Raketen im Oktober.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Hasenohren im November.
Ostereier unterm Weihnachtsbaum im Dezember.
Ostereier für den Recycling-Ganzjahresbaum im Januar.
Ostereier im Weihnachtsmänner-Faschingsoutfit im Februar.
Weihnachtsmann bringt Ostereier im März.
Weihnachtsmänner mit Zuckereiern oder Ostereier gefüllt mit Weihnachtsmännern am 1. April.
Eierbowle mit Weihnachtsmanngeschmack im Mai.
1000jährige Eiermänner im Juni.
Fondue aus Beständen der unverkäuflichen 1000jährigen Männereiern im Juli.
Schultüten mit Weihnachtseiern und Ostermännern im August.
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Montag, 20. Juli 2009

WunderWeltWald
BöhmerWALDArena
ab 18. Juli 2009

Die BöhmerWaldArena steht auf der österreichischen Seite des Dreiländerecks mit Deutschland und Tschechien. In der zwischen Tradition und Moderne positionierten Architektur wird seit 18. Juli 2009 die komplett barrierefrei eingerichtete Ausstellung “WunderWeltWald” gezeigt.

Tatsächlich ist die Ausstellung über 400 Millionen Jahre Waldgeschichte mit Schwerpunkt Böhmerwald etwas Besonderes. Sie ist nämlich mehr als nur rollstuhlgerecht. Es wird den BesucherInnen gute Mobilität gewährleistet und zusätzlich alle Sinne angesprochen. Optische Eindrücke erwartet man als BesucherIn, aber das ist für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen sowie Personen mit eingeschränktem oder fehlendem Hörvermögen zu wenig.
Die Ausstellung bietet eindeutig mehr als der Titel “WunderWeltWald” verspricht. BesucherInnen werden über den Wald informiert und gleichzeitig für die Bedürfnisse anderer BesucherInnen sensibilisiert; denn diese Ausstellung kann man mit allen Sinnen sehen, hören, riechen und tasten.
Wie differenziert Bedürfnisse sein können, wird deutlich, wenn man Audiodeskriptionen - gesprochene Informationen inklusive Informationen zur Orientierung im Raum - hört oder auf kleinen Monitoren Zuspielungen in Gebärdensprache sieht. Ganz abgesehen davon, dass die Audiodeskriptionen für alle BesucherInnen von Vorteil sind, die lieber zuhören als lesen möchten.
Von Informationen werden BesucherInnen in Ausstellungen oft überflutet. Hier wird sie bedarfsorientiert angeboten. Bei individuell per Knopfdruck abgerufenen Informationen sind BesucherInnen empfänglicher für das “etwas mehr”. Interaktive Stationen sorgen darüber hinaus für abwechslungsreiche Erlebnisse.
Der Böhmerwald, das Original, befindet sich unmittelbar vor der Tür, die abstrahierte Form in der Ausstellung. Die moderne Inszenierung lädt zum Mitdenken ein. Sie bietet zugleich einen zeitgemäßen Kontrast zur traditionsreichen Waldwirtschaft. Auftakt macht ein Säulenwald mit Monitoren. hier werden sowohl Waldbewohner (Fuchs, Kauz, etc.) gezeigt als auch Waldnutzer (Förster, Pilzsucher etc.) mit Interviews vorgestellt. Das Keimen des Samen bis Heranwachsen eines jungen Baumes ist in neun Vitrinen verfolgbar. Gleich daneben zeigt ein 3D-Kino wie ein Baum fällt/fehlt. Vitrinen zu den Waldelementen zeigen die Bedeutung von Licht, Luft, Wasser und Boden im Wald.

Zwei großzügige Raumelemente zeigen auf ihren Außenseiten die Klimakurve und die Bedeutung der Forstwirtschaft. Im Inneren umschließen sie die Themenbereiche Fauna und Flora. Bäume sind Wunderwerke der Natur. Wurzel, Stamm und Blatt eines Baumes haben differenzierte Funktionen. Drei begehbare Elemente verdeutlichen diese Aufgaben.

Besucher dürfen die Exponate zum Teil auch anfassen. Die empfindliche “Waldbibliothek” - ein in Buchform angelegtes Baumherbarium - ist durch eine Vitrine geschützt, aber Eichhörnchen, Fuchs und Hirsch laden zum Streicheln ein. Ein eigens entwickelter Fällsimulator erlaubt es BesucherInnen gefahrlos mit einer Motorsäge zu hantieren und sich im Holzschneiden zu üben.
Egal ob Plantagen, Urwälder oder naturnahe Waldwirtschaft, der Wald ist definitiv mehr als nur die Summe seiner Bäume. Ein tolles Ausstellungserlebnis für ALLE Menschen (Universelles Design von prenn_punkt), dem nur noch gute Begleitpublikationen fehlen.
© S. Strohschneider-Laue
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Samstag, 11. Juli 2009

Petra Unger
Mut zur Freiheit
Faszinierende Frauen - bewegte Leben
Metroverlag 2009, 157 S., Sw-Abb.
ISBN 978 3 9025 1781 4
Mut zur Freiheit: Faszinierende Frauen, bewegte Leben
Vierzehn Österreicherinnen, die trotz gesellschaftlicher Zwänge ihre Lebensziele abseits traditioneller Rollenbilder verwirklichten: Tina Blau 1845-1916, Tilla Durieux 1880-1917, Margarete Schütte-Lihotzky 1897-2000, Mimi Grossberg 1905-1997, Marie Jahoda 1907-2001, Lotte Lenya 1898-1981, Irene Harand 1900-1975, Ida Maly 1894-1941, Helene von Druskowitz 1856-1918, Friedl Dicker-Brandeis 1898-1944, Cilli Wang 1909-2005, Auguste Fickert 1845-1910, Alma Rosé 1906-1944, Berta Pappenheim 1859-1935.
Strahlendes Sonnengold flutet beim Aufschlagen aus dem Buch. So gülden-verlockend muss die Freiheit für die von Petra Unger vorgestellten Frauen ausgesehen haben, endlich selbstbestimmt agieren zu können. Das männliche “Gatekeepertum” macht Frauen bis heute erfinderisch im Umgehen und/oder kämpferisch im Vorgehen. Wie muss sich Tina Blau, die “Waldmüller-Enkelin” - wurde sie doch von dessen Schüler unterrichtet -, immer wieder gefühlt haben, wenn sie trotz ihres Könnens durch männliches Einschreiten nicht zugelassen, abgedrängt oder ausgebootet wurde. Frauen wurden abgewertet und unterbewertet. Sie hatten bis zum Umfallen zu funktionieren und von göttlicher Männlichkeit Vorgegebenes vorbehaltlos zu akzeptieren. Nicht zu vergessen, dass viele - darunter Tilla Durieux - auch die Hüterinnen der Norm gegen sich hatten. Es war ein steter Kampf um jedes noch so kleine Stückchen Freiheit und berufliche Anerkennung. Auch die gut bekannte Architektin Schütte-Lihotzky wurde vor allem als Einrichterin/Innenarchitektin eingesetzt und wird bis heute auf ihre “Frankfurter Küche” reduziert. Bis auf Lotte Lenya, die arm war und aus dem Gegenteil eines “gutbürgerlichen Hause” stammte, haben sie alle Geld und Bildung gemeinsam. Was sie inhaltlich aber eint, war der unbändige Wille ihre Leben nach ihren eigenen Bedingungen und gegen jeden Widerstand zu leben. Bei Ida Maly (ermordet in Hartheim) und Helene von Druskowitz führte es in die geschlossene Anstalt. Für Bertha Pappenheim (Anna O.) war der Beginn ihrer Selbstbestimmtheit zugleich ihr Weg aus Behandlung und Sanatorium.
Die umrissenen Leben werden von Petra Unger auf ihre Essenz reduziert. Wer mehr wissen möchte, findet in der Bibliographie vertiefende Literaturhinweise. Die Lektüre ist bewegend, aufrüttelnd und, angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise, von zunehmender Aktualität. Alle Versammlungen und Repräsentationen von Stadt und Land haben ein entsprechendes Quantum von Frauen aufzuweisen war 1905 eine der zukunftsweisenden Forderungen der Philosophin Helene von Druskowitz. Schade, dass man das Buch nicht zur Pflichtlektüre für Männer machen, sondern nur empfehlen kann, aber “frau” sollte es allen Mädchen auf das Kopfkissen legen.
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Freitag, 19. Juni 2009

Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.)
Ferdinand Georg Waldmüller
Brandstätter 2009, 240 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85033 296 5
Ferdinand Georg Waldmüller
Was würde Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865) malen, wenn man ihn in unsere Zeit versetzen könnte? Porträts von Politikern, Beamten, Unternehmern und der Wiener “Bussi-Bussi” Gesellschaft, Statussymbole inklusive? Tagelöhner des 21. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit (vulgo Arbeiterstrich), einsame MindestrentnerInnen, alleinerziehende Mütter an der Armutsgrenze, kinderreiche Einwandererfamilien, Groß und Klein vor dem Fernseher, Weihnachten in der Notschlafstelle, Wiener in Feierstimmung anlässlich einer der vielen Volksbelustigungen oder wandernde Touristen in den Alpen? Stillleben aus Designer-Stücken? Er hätte sicher jede dieser Gestaltungsaufgaben mit akribischer Pinselführung meisterhaft gelöst.
Waldmüller war ein vielseitiger und produktiver Künstler. Sein malerisches Lebenswerk umfasst Porträts, Genreszenen, Landschaften und Stillleben. Er verfügte über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und verschloss seine Augen weder vor physiognomischen Tatsachen noch vor der harten Realität, der sich die Mehrheit der Bevölkerung täglich stellen musste. Im 19. Jahrhundert beschäftigten sich bildende Künstler zunehmend in belehrenden oder moralisierenden Gemälden mit sozialen Fragen. Waldmüllers Genrebilder, mit denen heute sein Name vor allem assoziiert wird, stellten also keine Ausnahme dar. Doch in seinem Spätwerk löste er sich weitgehend vom Sentiment und wurde zum aufmerksamen Chronisten der unterprivilegierten Schichten. Die Tendenz, schonungslos die Wirklichkeit abzubilden, hatte sich in Waldmüllers Porträts ja bereits zu Beginn seiner Karriere abgezeichnet. Er malte genau, was er sah – auch wenn er gelegentlich in den Auftragsarbeiten die Schärfe seines Blickes milderte und z. B. auf die Wiedergabe von Pockennarben verzichtete. Schließlich muss man gute Kunden bei der Stange halten.
Das reich bebilderte Buch “Ferdinand Georg Waldmüller” lädt dazu ein, sich erneut mit einem Maler auseinanderzusetzen, der heute gerne zum bedeutendsten österreichischen Künstler des 19. Jahrhunderts stilisiert wird. Die Mühe, Waldmüllers Gemälde einer eingehenden Bildbetrachtung zu unterziehen, lohnt sich. Denn was bei der ersten oberflächlichen Begegnung konservativ, fast altbacken und fallweise süßlich-sentimental wirkt, ist alles andere als das. Ferdinand Georg Waldmüller war in vieler Hinsicht ein Vorreiter. Die Natur, deren Studium er vehement vertrat, stellte für ihn das Maß aller Dinge dar. Diese Überzeugung widersprach den Ansichten der akademischen Kollegen, die Waldmüller als “Naturalisten” schmähten. Vor allem mit seinen Versuchen das Sonnenlicht wiederzugeben, traf der Künstler bei einigen Zeitgenossen auf Unverständnis. Den Erfolg als einer der angesehensten Maler Wiens zu gelten, musste sich Waldmüller hart erarbeiten. Sein gegen den Willen von Mutter und Vormund aufgenommenes Studium finanzierte er sich mit dem Bemalen von Bonbonpapieren und Kupferstichen. Auch als Zeichenlehrer und Dekorationsmaler verdingt er sich. Unermüdlich feilte der Künstler an seiner Maltechnik. Er kopierte alte Meister und beobachtete die Menschen, deren Darstellung er über alles andere setzte. 1829 wurde Waldmüller zum Ersten Kustos der Gemäldesammlung der Akademie der bildenden Künste in Wien ernannt, 1835 zum ordentlichen akademischen Rat. Im Jahr darauf begann er Privatunterricht zu erteilen. So weit, so gut. Eine typisch österreichische Karriere, möchte man denken. Doch dann passierte etwas Unerhörtes: die Erfolge der Schüler Waldmüllers sprachen für die Effizienz seiner Lehrmethoden. Darüber hinaus wagte er es, seine Gedanken zur künstlerischen Ausbildung niederzuschreiben und dieses Dokument 1845 der Akademie vorzulegen! Mit seinem hartnäckig vertretenen Ansinnen, den Kunstunterricht an der Akademie zu reformieren, setzte Waldmüller alles aufs Spiel – und verlor. Nach einem Eklat in einer Ratssitzung und mehreren weiteren Streitschriften wurde Waldmüller 1857 vom Dienst suspendiert und sein nun als Pension ausbezahltes Gehalt auf die Hälfte gekürzt. Unterkriegen ließ sich der große Lichtmaler dadurch nicht. In den folgenden Jahren stellte Waldmüller in Paris, London und Köln aus, wo ihm die verdiente Anerkennung zuteil wurde.
“Ferdinand Georg Waldmüller” ist ein stattliches Buch, dessen Autoren sich ganz auf das Werk und seine Rezeption konzentrieren – und zwar ausschließlich aus kunsthistorischer Sicht. Aus der Reihe tanzt lediglich das Kapitel über Waldmüllers Streit mit der Akademie. Danach reihen sich die Analysen, akribisch recherchiert und auf dem neuesten Stand der Forschung, Perlen gleich aneinander: dem “fotografischen Blick” folgen die Porträt- und Landschaftsmalerei, die Lokalisierung der in den Gemälden festgehaltenen Wiener Schauplätze sowie die Genremalerei, nach der es geografisch – England, Deutschland, Frankreich, Österreich auf der Weltausstellung 1855 in Paris – weiter geht. Zweifellos ist das alles sehr interessant. Es ist aber auch furchtbar brav. Schmerzlich vermisste ich den Wagemut der Interdisziplinarität, des wissenschaftlichen Crossover. Welch Bereicherung wäre ein Essay zur Realienkunde gewesen! Auch ein Beitrag über die in den Genreszenen dargestellten Handlungen und Bräuche aus dem Blickwinkel der europäischen Ethnologie hätte eine spannende Lektüre abgegeben! Historiker könnten sicher so Manches über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im 19. Jahrhundert, die Waldmüller so gekonnt wiedergab, erzählen! Doch Schwerpunktsetzungen sind Geschmacksache. Eines ist sicher “Ferdinand Georg Waldmüller” gelingt es trefflich, dem Künstler ein Denkmal zu setzten.
Die Publikation “Ferdinand Georg Waldmüller” erschien anlässlich der gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 11. Oktober ‘09 im Belvedere (siehe Rezension) zu sehen ist.
© Ch. Ranseder
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Dienstag, 09. Juni 2009

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)
Belvedere
9. Juni bis 11. Oktober ’09
Zwischen den beiden Porträts des Malers Ferdinand Georg Waldmüller liegen 36 schöpferische und rebellische Jahre. Rund 1200 Werke werden ihm zugeschrieben, über 70 davon sind im Besitz des Belvederes und 115 werden derzeit in einer von Sabine Grabner kuratierten Ausstellung im Unteren Belvedere gezeigt.
Bescheiden chronologisch und nicht erzählerisch werden die Porträts, Landschaften und Genrebilder präsentiert. Und trotzdem zaubern sie allesamt Licht in die Ausstellungsräume. Viel Licht, für seine Zeit ungewöhnliche und extrem sozialkritische Sichtweisen und fotorealistische Bildqualität zeichnen Waldmüllers Werke aus. Mit dem hartnäckigen Mythos “von der guten alten Zeit” räumt die Ausstellung aber leider nicht auf. Auch dehalb ist eine durch Beliebigkeit glänzende “Opernballdebütantin” für die Werbung besser als die einzigartige Darstellung einer Hufschmiede.
Bereits 1817 malte Waldmüller so fotorealistisch, dass die fehlende Behübschung ins Auge springt, aber eine Interpretation der Dargestellten vermittelt, die zeitgleiche Porträts vermissen lassen. Genaues Betrachten zahlt sich bei Waldmüllers Werken immer aus. Sie sind mehr als Raumbehübscher oder Auftragswerke der abgebildeten reichen Klientel. Auch wenn der Verkaufsschlager “Mutterglück” schon fast als Waldmüller-Massenprodukt zu bezeichnen ist. Es wird immer eine Geschichte erzählt, die leider nicht oder nur in Ausnahmen und dann rudimentär an die BesucherInnen der Ausstellung weitergeben wird. Für die Provenienzforschung wichtige Fakten sind nämlich für eine besuchergerechte Präsentation zweitrangig. Eine Flut adliger, heute völlig belangloser Verwandtschaftsgrade ist nur für Kunsthistoriker und lebende Nachfahren interessant und für BesucherInnen entbehrlich. Die dargestellten Posen und Ausstattungen, Porträtierte im “Hausgewand” oder lümmelnde unreife Debütantinnen haben gesellschaftskritische Qualität. Auch die Fältelung des schimmernden Atlas besitzt Aussagekraft. Lässt er doch auf die sorgsame Behandlung des wertvollen Stoffes schließen und der Umgang mit dem auf dem Boden schleifenden kostbaren Schal sagt viel über das sorgenfreie Eheleben der viel zu jung erscheinenden Besitzerin aus. Es sind Fotografien in Öl. Manchmal hübsche, oft gepflegte, meist reich gekleidete Personen, die oft etwas Rotziges oder Inhaltsleeres an sich haben. Man vermeint zu bemerken, welche Klientel der auf Qualität und Erkenntnis fixierte Waldmüller aus finanziellen Gründen malte oder wie und warum er Personen ungeachtet üblicher Bildkompositionen entsprechend positioniert ins “passende” Licht rückte.
Bei Waldmüller scheint alles aufgesetzte adelige oder bürgerliche Maske zu sein, die konträrer zur arbeitenden Natürlichkeit zu stehen scheint. Selbst die Beteiligten an einer Wohltätigkeitsveranstaltung wirken nicht uneigennützig freigiebig, sondern herablassend gönnerhaft und darauf bedacht Ansehen, Amt und Würde zu bewahren, während im Vordergrund die Kinder ausgelassene Freude zeigen. Es geht nicht um Würde, es geht ums nackte Überleben. Kinderarbeit, dürftig gekleidet, bei jedem Wetter und überall: Vom Lehrling, zum Tagelöhner bis zum Bettelkind. Und so schön das Bild mit den Veilchen pflückenden Kindern wirken mag, wer genau schaut, wird die Reisigbündel sehen. Wird wissen, dass die Kinder nicht zum Vergnügen im luftig frischen Frühlingswald sind. Hänsel und Gretel sind zum Holzklauben geschickt worden und die Veilchen bringen den jungen “Eliza Doolittles” als Knopflochblumen gutes Geld in der Stadt. Holzklauben gehen Frauen bis sie nicht mehr ohne Hilfe vom Wegesrand aufstehen können und nach ihrem Tagwerk am Kinderbett oder bei der Wallfahrt zusammenbrechen. In diesem Milieu ist der Soldatenrock keine für Geld kaufbare Ehre mit Aufstiegschancen. Es bedeutet den Verlust der Arbeitskraft am Hof und im schlimmsten Fall den Verlust eines Ernährers, dem die Delogierung und das Bettelelend bei der Klostersuppe folgen.
Und immer wieder sind es das helle Sonnenlicht und die leuchtenden Farben Waldmüllers, die jede Szenerie zur authentischen Momentaufnahme machten. In Bescheidenheit, Frömmigkeit und im größten Elend sympathisch, ehrlich und uneigennützig. Ehrend für die eine Seite der Gesellschaft und entlarvend für die andere. Man muss(te) es allerdings einst und jetzt sehen wollen.
Stillleben laden immer zum Betrachten der Objekte und zum Analysieren einer tieferen Bedeutung ein. Bei Waldmüller ist es nicht anders, obwohl man immer den Verdacht hat, dass er gerade bei dieser Gattung seine unglaubliche Kunstfertigkeit unterschiedliche Materialien naturecht wiedergeben zu können unter Beweis stellen wollte. Man ist tatsächlich versucht in der Spiegelung des Silbers den abgebildeten Raum zu erkennen und überlegt ob Mattigkeit des Objektes etwas mit der Oberflächenstruktur der Farbe zu tun hat. Allerdings werden wohl viele BesucherInnen an der Beschreibung “Biskuit” scheitern, weil sie statt nach dem Porzellanobjekt nach dem Keks suchen werden. Widererkennen ist etwas, was bei Waldmüller Spaß macht. Wie oft hat er wohl den roten Sessel auf dem auch seine zweite Frau posiert, verwendet? Aber unterhaltsame und damit kunsthistorisch unwürdige Details werden in Ausstellungen nie aufgegriffen. Schade, das ist verschenktes Potential aus der Realienkunde.
Waldmüller besaß die unglaubliche Fähigkeit quer durch die Jahreszeiten im hellsten Licht Landschaften zu malen, die ausschauen als ob man sie jederzeit betreten könnte. Wenn seine Bilder Türen ins 19. Jahrhundert wären, wären diese (fast) menschenfreien Zonen, die einzigen die ich persönlich durchschreiten wollte. Was bleibt, ist die Möglichkeit die Türen des Belvedere zu durchschreiten und eine gut bestückte Waldmüller-Ausstellung zu besuchen.
Ein echter Pflichtbesuch, den man ob der Kargheit der Informationen besser mit einer hoffentlich kritischeren Führung (Sa, So, Fei 15:00 Uhr) oder einem “Frühstück im Grünen” (3. Juni bis 13. September 10:00-11:30 Uhr Sektfrühstück, 11.30-12:30 Führung, Anmeldung erforderlich) verbinden sollte.
© S. Strohschneider-Laue
Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)
Belvedere
9. Juni bis 11. Oktober ’09
Zur Ausstellung ist ein umfassender Katalog (siehe Rezension) erschienen:
Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.) Ferdinand Georg Waldmüller
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Samstag, 18. April 2009

Wienerwald NEU(lich)

Vieles wird neu in Österreich.
Noch mehr wird umgefärbt in Österreich.
Und alles ist ganz anders in Wien.
Wenn das Eine allgemein auffällig Mist gebaut hat, bekommt es einfach “NEU” voran gestellt und/oder wird frisch eingefärbt. Das wurde bei Vereinigungen der Politik, Verbänden der Interessen und Verwaltungen des Geldes bereits im Sinne des “Gleich-Anders” praktiziert.
Das Frühjahr ist endlich gekommen und die WienerInnen strömen in ihren Hauswald. Und damit sie dort wieder herauskommen und weiter brav Steuern zahlen, um die TEuro-Finanzierung von Vereinigungen, Verbänden und Verwaltungen zu gewährleisten, wurden die Wanderwege frisch markiert bzw. neu eingefärbt.
Ob es die richtigen Wege zum Ziel sind, wird sich erst in langfristigen Feldversuchen am lebenden Subjekt bzw. toten Objekt zeigen. Verantwortungsbewusste, überlebende BügerInnen verhindern in diesem Wienerwaldachterl schon jetzt die Verschwendung von Steuergeldern für regelmäßige Suchtrupps durch die warnende Zusatzinfo “IRRWEG”. Schade, dass das bei Gleich-Anderem kaum möglich ist.
Ungeklärt ist, ob die alte Einritzung unterhalb der Bemalung und oberhalb des linksgerichteten Pfeils “Vu” oder “Vv” bedeutet. Möglich sind (je nach PISA-Stand):
Voll unterirdisch
Veg unbrauchbar
Viel Unbill
Voll valsch
Veg verfehlt
Viel Vorsicht
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Donnerstag, 09. April 2009

Katja Behling, Anke Manigold
Die Malweiber
Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Elisabeth Sandmann 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 37 4
Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
Im 19. Jahrhundert gab es zahllose Frauen, die als Künstlerinnen tätig waren. Sie nutzten die wenigen ihnen offen stehenden Ausbildungsmöglichkeiten, stellten aus, gewannen Preise, schlossen sich in Vereinen zusammen und verkauften ihre Werke. Nur in die offizielle Kunstgeschichte haben sie, bis auf wenige Ausnahmen, ihren Weg nicht gefunden. Je radikaler, fortschrittlicher und innovativer die von den Künstlerinnen entwickelte eigene Bildsprache war, desto größer die Ablehnung der zeitgenössischen männlichen Kunstkritiker. Der mutige Bruch mit den bestehenden Geschlechterrollen, die Überwindung äußerer und innerer Barrieren kostete die kunstschaffenden Frauen enorme Kraft. Nicht selten waren Anfeindung und Spott der einzige Lohn. Besser fuhren Künstlerinnen, deren Werke mit Attributen wie charmant, reizend etc. bedacht werden konnten. Solange ihre Lebensführung und ihr künstlerischer Ausdruck einigermaßen den gesellschaftlich zementierten Vorstellungen des Weiblichen entsprachen, wurde ihnen zumindest zu Lebzeiten die Anerkennung nicht verwehrt. Die Zeit überdauert haben auch viele ihrer Werke nicht.
Wahre Wertschätzung zeigt sich im Sammeln, Bewahren und lebendig halten der Erinnerung. Das Ausmaß dessen, was verloren ging oder vernichtet wurde, macht erst die Lektüre eines Buches wie “Die Malweiber” bewusst. So fragwürdig es auch scheinen mag, 45 Künstlerinnen auf mageren 127 Seiten zu präsentieren, ermöglicht es doch einen einzigartigen Vergleich der Biografien und Überlebensstrategien dieser Frauen. Malen konnte jede von ihnen ebenso gut wie ihre männlichen Kollegen. Der Preis, den sie für die Ausübung ihrer Profession zu zahlen hatten, war ungleich höher. Der Balanceakt zwischen ersehnter Freiheit zur künstlerischen Verwirklichung und der Erfüllung weiblicher Pflichten gelang nur wenigen. Ehemänner oder Lebensgefährten, die sich willig zeigten, ihr Ego hintanzustellen und ihre Frauen zu unterstützen waren die Ausnahme. Von jenen Künstlerinnen, die nicht allein oder mit einer anderen Frau zusammenlebten, gaben viele wegen der Familie ihre künstlerischen Ambitionen frühzeitig auf oder pausierten. Andere stellten sich in den Schatten ihrer berühmteren Männer und verschrieben sich der Pflege deren Nachlasses anstatt jener des eigenen Werkes. Ohne Menschen, die ihre Arbeiten schätzen, ohne Fürsprecher, Förderer und Nachlassverwalter liefen und laufen Künstlerinnen Gefahr, vergessen zu werden. Wer liebender Verwandter entbehrt und von den Torwächtern des Kunstbetriebes, den Kritikern, Wissenschaftlern, Kuratoren und Galeristen, totgeschwiegen wird, der verschwindet in der Versenkung. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist keine Erscheinung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Nur wessen Name in aller Munde ist, geradezu gebetsmühlenartig wiederholt wird, findet Aufnahme ins kulturelle Gedächtnis.
“Die Malweiber” leistet einen Beitrag, die Namen von Künstlerinnen in die Welt hinauszutragen und das Interesse für sie zu schüren. 45 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden von Katja Behling und Anke Manigold für ihr Buch ausgewählt: Paula Moderson-Becker, Marie Bock, Clara Rilke-Westhoff, Louise Moderson-Breling, Katharina Bamberg, Elisabeth Büchsel, Antonie Biel, Clara Arnheim, Henni Lehmann, Anna Gerresheim, Elisabeth von Eiken, Anna Natalie Sinnhuber, Margarethe Sinnhuber, Helene Neumann, Alma del Banco, Anita Rée, Käte Lassen, Julie Wolfthorn, Augusta von Zitzewitz, Clara Siewert, Charlotte Berend-Corinth, Dora Hitz, Käthe Kollwitz, Ida Braubach, Mathilde Knoop-Spielhagen, Mathilde Battenberg, Viktoria von Preussen, Anna Klein, Maria Langer-Schöller, Emmi Walther, Paula Wimmer, Johanna Oppenheimer, Marianne Werefkin, Lolo von Hornstein, Waltraut Niepmann, Gabriele Münter, Sophie Taeuber-Arp, Clara von Rappard, Louise Breslau, Aloïse Corbaz, Bronica Koller, Tina Blau, Helene Funke, Marie-Louise von Motesiczky und Else Lasker-Schüler. Ihren knappen Biografien ist eine Einleitung, die sich mit den Ausbildungsbedingungen von Frauen im Kunstbetrieb und der Bedeutung von Künstlerkolonien auseinandersetzt, vorangestellt. Bestimmend für die Gliederung des Buches sind die Arbeitsorte der Künstlerinnen - sei es ländliche Künstlerkolonie oder Großstadt. Jeder wird kurz vorgestellt, doch leider beleben diese Texte nur Zitate von Männern, die sich überschwänglich zur Schönheit der Orte und ihren Besonderheiten äußern. Wäre es in einem Buch über Künstlerinnen nicht interessanter zu erfahren, wie es ihnen dort gefiel? Und so las ich “Die Malweiber” mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend weil jede Publikation über Künstlerinnen zählt, weinend weil hier den einzelnen Persönlichkeiten so wenig Platz eingeräumt wird. Zwischen einer und vier Seiten sind die - Text, Foto der Künstlerin und Werkbeispiele umfassenden - Biografien lang. Oder sollte ich sagen: kurz? Die Möglichkeit zusätzliches Bildmaterial in der Einleitung und auf Schmuckseiten unterzubringen, wurde bedauerlicherweise nicht ausgeschöpft. Stattdessen finden Bilder zweimal Verwendung, Katharina Bambergs “Schafstall auf Hiddensee” ist sogar dreimal abgebildet.
Das Buch “Die Malweiber” ist Zusammenfassung und potentieller Ausgangspunkt zugleich. Paula Moderson-Becker und Käthe Kollwitz haben bereits Aufnahme in den “Kanon” der Kunstgeschichte gefunden. An ihnen kommt man nicht mehr so leicht vorbei. Einige der in dem Buch vorgestellten Malerinnen wurden in den letzten Jahren wiederentdeckt und mit Ausstellungen gewürdigt. All jenen, die bislang nur in Sammelbänden aufscheinen, wünsche ich eine Monografie, reich an Abbildungen und Originalzitaten. Damit auch ihre Stimme gehört wird.
© Ch. Ranseder
Die Malweiber - Unerschrockene Künstlerinnen um 1900
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Mittwoch, 01. April 2009

Die fallenden Blätter geben dem Wind die Gestalt - Film
20 Jahre Mobiles Caritas Hospiz
Ein Film von Herbert Link 2008, Dt., Engl., Gehörlosen Fassung, ca. 40′, Booklet 20 S.
Die Hospizbewegung existiert seit über vierzig Jahren. Vor zwanzig Jahren hat man die Idee des “Leben bis zuletzt” außerhalb von Heil- und Pflegeanstalten auch in Österreich aufgegriffen. Der unheilbare, sterbende Mensch und seine Angehörigen bilden den Mittelpunkt. Ihnen zur Seite steht ein interdisziplinäres Team von Angestellten und Freiwilligen, das sich durch gute Kenntnisse der Symptomkontrolle und kontinuierliche Verfügbarkeit auszeichnet.
Zwanzig Jahre Mobiles Caritas Hospiz sind der Anlass für den Film “Die fallenden Blätter geben dem Wind die Gestalt”. Der Hauptfilm gliedert sich in zwei Kapitel, die sich der “Zeit des Aufbruchs” und der Frage nach dem “Wie es geworden ist” annehmen. Wer einen Betroffenheitsfilm erwartet, irrt. Es geht um eine Bestandaufnahme, um Tatsachen. Es geht nicht um abstrakte Möglichkeiten, sondern konkrete Situationen und Menschen, die sie gemeinsam tragen. Krankheit, Leid und langsames Sterben betreffen Viele und vielleicht gehört man selbst eines Tages dazu. In Zeiten aufbrechender sozialer Netze, sind es nicht “nur” die verwaisten Alten. Und der soziale Tod tritt für die meisten früher ein als der physische, weil man unbequem für die Spaßgesellschaft und uninteressant für die Erwerbswelt wird.
Mit viel Gespür - also auch so mit ausreichend Zeit und Respekt - für persönliche Belange werden die Statements von Betreuenden, Angehörigen und Patienten von Herbert Link eingeholt. Eingeblendete Fotos, unterstreichen durch ihre Schwarzweiß-Optik die Distanz zwischen Leben und Tod. Rasche Wechsel zwischen den Stellungnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven geben dem Film über das würdevolle Sterben jene lebendige Note, die dem Hospiz-Motto “Ja zum Leben ist kein Nein zum Lebensende” entspricht. Die Goldberg-Variationen von Bach, die von Gerda Zens interpretiert wurden, begleiten den Film. Sie gaben Manfred Dvorak, der seine Frau bis zu ihrem Tod zuhause betreute, Kraft. Ein Zitat aus seinem Tagebuch wurde zum Filmtitel. Das mit dem Mund gemalte Bild eines Baumes Walter Sikula ziert die DVD.
Zu Wort kommen in diesem Pflichtfilm Hildegard Teuschl (Hospiz-Expertin, Krebspatientin, 1937-2009), Walter (ALS-Patient) und Elfriede Sikula, Petra (Krebspatientin, 1970-2005) und Manfred Dworak, Franz Zdrahal (Ärztl. Leiter Caritas Wien), Rudi Babits (Caritas-Hospizarzt), Kurt Alker (Caritas-Hospizarzt), Klaus Schweiggl (Hospiz-Seelsorger), Agnes Glaser-Hekman (Caritas-Hospizschwester), Franz Eder (ehrenamtlicher Hospizbegleiter), Claudia Chizzali-Bonfadin (Ärztin, Mobiles Caritas Hospiz), Tilli Egger (Strahlen- und Psychotherapeutin, Hospiz-Förderin) , Christian Metz (Theologe, Ausbildungsleiter Kardinal-König-Haus).
Der fünfminütige Zusatzfilm ist SR Mag.a Hildegard Teuschl CS (1937-2009) gewidmet. Ihr Name ist untrennbar mit der Hospizbewegung in Österreich verbunden. Die Vorkämpferin wurde 2007 selbst zur unheilbaren Patientin. Ihre Insider-Kenntnis als Hospizinitiatorin ist in Kombination mit ihrem Erfahrungsbericht als betroffene Patientin ein unermessliches Erbe an Offenheit und Ehrlichkeit an Jene, die die Hospizbewegung in Österreich ohne sie weitertragen. Ihre Hoffnung und Stärke, aber auch ihre Angst und Sorge werden durch die Totentanz-Grafiken von Herwig Zens, die das Interview optisch gliedern, zur Passion.
Besser hätte man 20 Jahre Mobiles Caritas Hospiz nicht zeigen können.
© S. Strohschneider-Laue
Siehe dazu auch:
Ein “…ganz langsamer Walzer”, Film (30′) über das Wirken der Hospiz-Pionierin Sr. Hildegard Teuschl CS. Der Film ist absofort bei avp Link erhältlich.
Würdig leben bis zum letzten Augenblick: Idee und Praxis der Hospiz-Bewegung
Hospizpraxis: Ein Leitfaden für Menschen, die Sterbenden helfen wollen
Leitfaden Palliativmedizin - Palliative Care
Palliative Care: Handbuch für Pflege und Begleitung
Erfülltes Leben - würdiges Sterben
Sterbende begleiten lernen. Mit CD-ROM: Das Celler Modell zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Sterbebegleitung
Sterbebegleitung: Hilfen zur Pflege Sterbender
Sterben, Tod und Trauer: Handbuch für Begleitende
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Donnerstag, 26. März 2009

Stefan Körner (Hg.)
Fürstliches Halali
Jagd am Hofe Esterházy
Prestel 2008, im Schuber, 345 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4153 8
Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy
Auf Burg Forchtenstein wird vom 10. Mai ‘08 bis 31. Oktober ‘10 die Jagdtradition im Fürstenhaus Esterházy präsentiert. Der Katalog bietet unabhängig von der Ausstellung einen exzellenten Überblick zur Jagdgeschichte zwischen adeligem Privileg, elitärem Zeitvertreib und modernem Waidwerk. Vier Jahrhunderte fürstlicher Jagd werden hier von ihren prächtigsten und selbstbewussten Seiten gezeigt.
Hält man den großformatigen Prachtband in Händen, fällt der Blick sofort auf die moderne Diana mit ihrem Gebirgsschweißhund, die den Schuber zieren. Das leinengebundene Werk hingegen lädt die Augen mit dem Bild eines Jägers aus Meißner Porzellan auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Und der thematisch einstimmende Augenschmaus setzt sich im Inneren ungebrochen mit historischen Stichen, Gemälden, Kunstobjekten, Trophäen, alten und modernen Fotografien - Manfred Horvath, Gerhard Wasserbauer - fort.
Die AutorInnen des Bandes unterziehen die Jagd und die Jagd der Fürsten Esterhazy in ihren Beiträgen genaueren Betrachtungen.
Henrike Hülsbergen widmet sich unter dem Titel “Jagdlust: Von der höfischen Jagd zur Großwildjagd im 21. Jahrhundert” vor allem den gesellschaftlichen Wechselbeziehungen der männerdominierten Jagd. Dennoch spart sie verhaltenspsychologische Aspekte nicht aus und verleiht ihrem spannend geschriebenen Beitrag eine kritische Note, die man sonst nicht findet.
“Den “Formen und Mitteln der Hohen Jagd” widmet sich ausführlich Margit Knopp. Beizjagd, Hetzjagd und Parforcejagd sind nur drei der von ihr ausführlich beschriebenen Methoden Tiere zur Strecke zu bringen. Jagdformen denen auch die Esterházys und ihre Gäste gerne frönten. Die Kosten waren von Methode zu Methode unterschiedlich, aber bei der Umstellten Jagd nur noch als enorm zu bezeichnen. Die gewaltige Anzahl der erlegten Tiere wurden nicht nur an der höfischen Tafel aufgetischt, sondern wurden u. a. verkauft oder zu wohltätigen Zwecken verschenkt.
Identität, Stand, Würde und Zeitvertreib stellt Stefan Körner in “Die Fürsten Esterházy und die ungarische Jagdgeschichte” in den Mittelpunkt. Tiergärten, Jagdhunde und Ausstattung waren wichtige Besitztümer, die in Urkunden und Bildquellen festgehalten wurden. Der umfangreiche Beitrag schöpft zu dem aus einer Fülle von Originalzitaten und stellt auch durch aktuelle Fotos Querbezüge zwischen historischen Dokumenten und der Gegenwart her.
In einem knappen, wenig reflektierenden weiteren Beitrag widmet Körner sich noch “Wilderei als Diebstahl und Auflehnung gegen den Fürsten”.
Endre Balsay trägt mit “Esterházy-Jagden und -Jagdgebiete bei Eszterháza 1871-1945″ zum Verständnis der wirtschaftlichen Faktoren bei.
“Jagd heute - heute jagen? Die Bedeutung der Jagd bei den Esterházy Betrieben” von Hans-Peter Weiss verfolgt die wirtschaftliche Bedeutung anhand der betrieblichen Situation bis in die Gegenwart.
Florian Thaddäus Bayer nimmt sich am Beispiel eines Mitglieds der Fürsten Familie der Großwildjagd an. “In beinahe 80 Tagen um die Welt: Prinz Louis Esterházy und die Großwildjagd” werden seine Leidenschaften für Reisen, Jagd und Militär begleitet von zahlreichen Fotografien und Trophäen aufgegriffen. Kuriositäten, darunter die Reisetoilette, die auf den Fahrten mitgeschleppt wurde, wie seltsame Mitbringsel und Präparate begleiten die Biographie. Janós Hasenbock - ein präparierter Hase, der am 31. Dezember 1898 sein Leben aushauchte - mutet unter all den unzähligen Überresten von toten Tieren auf verdrehte Weise geradezu menschlich an. Auf den Hinterbeinen stehend, stützt er sich auf eine Krücke, um seine verbundene Hinterpfote zu schonen. Um sein Haupt ist ein Tüchlein gebunden und er hat einen geflickten Leinenbeutel umhängen. In der rechten Pfote hält er einen Brief, seinen “Amtlichen Erlaubnisschein” für lebenslange Almosen. Ein überaus spannender Artikel, spiegelt er doch am Beispiel von Prinz Louis Esterházy - oder auch durch Janós Hasenbock - das Selbstverständnis des Adelshauses.
Die richtige Ausrüstung betrifft nicht nur Waffen. “Die Jagdbekleidung am Hofe der Fürsten Esterházy” von Angelika Futschek zeigt deutlich wie Funktionalität mit Standesbewusstsein miteinander verwoben waren. Und dies betraf nicht nur die Fürsten selbst, sondern auch die Ausstattung, die sie ihren jagdlichen Angestellten maßschneidern ließen. Die Schriftquellen informieren genau über die Kosten, sie beschreiben, Stoffqualitäten, Farben und nennen die beauftragten Schneider. Und wenn man von einem Augenzeugen erfährt, dass die Uniform des Fürsten mit Perlen, Brillanten und Smaragden besetzt war, weiß man auch, dass man sich Kleidung für den Angestellten passend zu deren Funktion gut leisten konnte und aus Hofhaltungsgründen auch leisten wollte.
“Josef Haydn, die Jagd und die Musik” greift Gerhard J. Winkler analytisch an ausgewählten Instrumenten und musikalischen Beispielen auf. Josef Haydn war bis 1790 rund 30 Jahre als Musiker und Hofkappellmeister im Dienste der Fürsten Esterházy. Und Musiker dienten seit dem Altertum dazu den Auftraggeber nicht nur zu unterhalten, sondern ihn auch zu preisen und damit seine Hofhaltung zu unterstreichen. Somit widmete sich Haydn musikalisch auch der Jagd, die einen großen Raum der Fürsten einnahm.
Felix Tobler greift unter dem sperrigen Titel “Forstverwaltung und Jagdorganisation des Esterházy-Majorates vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts” ein wirtschaftsgeschichtliches Thema auf. Der Aufbau einer zentralen Jagd- und Forstverwaltung ermöglichte langfristig, zielgerichtet und vor allem wirtschaftlich zu planen. Auch wenn in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts prunkvolle Hofjagden aus finanziellen Gründen eine Seltenheit wurden. Schade, dass man nichts Näheres über die dienstlichen Verfehlungen des Domänendirektionsrates Rampichel erfährt, das hätte das hochinteressante aber dennoch aus überwiegend buchhalterischen Quellen schöpfende Jagd- und Forstgeschichtekapitel um geschmackige menschliche Details abseits der Verwaltung bereichert.
Herbert Zechmeister und Stefan Körner werfen in ”Die Jagdmonturdepots der Fürsten Esterházy: Waffen, Netze und Kutschen für die Jagd” einen ausgiebigen Blick auf den Bestand.1806 enthielt z. B. die Gewehrkammer in Eisenstadt 630 Jagdwaffen. Viele kamen von namhaften Herstellern. Und leider hat sich hier ein Druckfehler eingeschlichen: Der berühmte Joseph Manton wurde fälschlich als Monton bezeichnet. Waffen, Netze, Kutschen und vieles mehr musste gelagert, gepflegt und veraltet werden. Dazu kommen noch die Trophäen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gefrönten Jagdlust angesammelt haben. Eine große Herausforderung an das Personal und an den Geldbeutel - damals wie heute.
Der Katalogteil hebt sich optisch und haptisch vom Textteil ab. Die rauere Papierqualität des Katalogs - der Textteil ist auf Hochglanzpapier gedruckt - unterstreicht historische Dimension der Objekte zusätzlich. Die Objekte aus vier Jahrhunderten fürstlicher Jagdgeschichte werden gelistet, anschaulich beschrieben und abgebildet. Karten zu den Jagdgebieten und Bibliographie runden das gewichtige Werk, dessen grafische Gestaltung ebenfalls besticht, ab. Ein besseres Korrektorat (u. a. alte/neue Rechtschreibung) wäre allerdings wünschenswert gewesen.
© S. Strohschneider-Laue
Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy
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Tags:Ausstellung, Österreich, Biografie, Biologie, Burgenland, Ebensolch Rez-E-zine 49/09, Katalog, Kunst, Musik, Neuzeit, Sistlau, Ungarn
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