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Halali Esterházy

Donnerstag, 26. März 2009

Non-Fiction

Stefan Körner (Hg.)
Fürstliches Halali
Jagd am Hofe Esterházy
Prestel 2008, im Schuber, 345 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4153 8

Fürstliches Halali Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

Auf Burg Forchtenstein wird vom 10. Mai ‘08 bis 31. Oktober ‘10 die Jagdtradition im Fürstenhaus Esterházy präsentiert. Der Katalog bietet unabhängig von der Ausstellung einen exzellenten Überblick zur Jagdgeschichte zwischen adeligem Privileg, elitärem Zeitvertreib und modernem Waidwerk. Vier Jahrhunderte fürstlicher Jagd werden hier von ihren prächtigsten und selbstbewussten Seiten gezeigt.

Hält man den großformatigen Prachtband in Händen, fällt der Blick sofort auf die moderne Diana mit ihrem Gebirgsschweißhund, die den Schuber zieren. Das leinengebundene Werk hingegen lädt die Augen mit dem Bild eines Jägers aus Meißner Porzellan auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Und der thematisch einstimmende Augenschmaus setzt sich im Inneren ungebrochen mit historischen Stichen, Gemälden, Kunstobjekten, Trophäen, alten und modernen Fotografien - Manfred Horvath, Gerhard Wasserbauer -  fort.

Die AutorInnen des Bandes unterziehen die Jagd und die Jagd der Fürsten Esterhazy in ihren Beiträgen genaueren Betrachtungen.

Henrike Hülsbergen widmet sich unter dem Titel “Jagdlust: Von der höfischen Jagd zur Großwildjagd im 21. Jahrhundert” vor allem den gesellschaftlichen Wechselbeziehungen der männerdominierten Jagd. Dennoch spart sie verhaltenspsychologische Aspekte nicht aus und verleiht ihrem spannend geschriebenen Beitrag eine kritische Note, die man sonst nicht findet.

“Den “Formen und Mitteln der Hohen Jagd” widmet sich ausführlich Margit Knopp. Beizjagd, Hetzjagd und Parforcejagd sind nur drei der von ihr ausführlich beschriebenen Methoden Tiere zur Strecke zu bringen. Jagdformen denen auch die Esterházys und ihre Gäste gerne frönten. Die Kosten waren von Methode zu Methode unterschiedlich, aber bei der Umstellten Jagd nur noch als enorm zu bezeichnen. Die gewaltige Anzahl der erlegten Tiere wurden nicht nur an der höfischen Tafel aufgetischt, sondern wurden u. a. verkauft oder zu wohltätigen Zwecken verschenkt.

Identität, Stand, Würde und Zeitvertreib stellt Stefan Körner in “Die Fürsten Esterházy und die ungarische Jagdgeschichte” in den Mittelpunkt. Tiergärten, Jagdhunde und Ausstattung waren wichtige Besitztümer, die in Urkunden und Bildquellen festgehalten wurden. Der umfangreiche Beitrag schöpft zu dem aus einer Fülle von Originalzitaten und stellt auch durch aktuelle Fotos Querbezüge zwischen historischen Dokumenten und der Gegenwart her.
In einem knappen, wenig reflektierenden weiteren Beitrag widmet Körner sich noch “Wilderei als Diebstahl und Auflehnung gegen den Fürsten”.

Endre Balsay trägt mit “Esterházy-Jagden und -Jagdgebiete bei Eszterháza 1871-1945″ zum Verständnis der wirtschaftlichen Faktoren bei.

“Jagd heute - heute jagen? Die Bedeutung der Jagd bei den Esterházy Betrieben” von  Hans-Peter Weiss verfolgt die wirtschaftliche Bedeutung anhand der betrieblichen Situation bis in die Gegenwart.

Florian Thaddäus Bayer nimmt sich am Beispiel eines Mitglieds der Fürsten Familie der Großwildjagd an. “In beinahe 80 Tagen um die Welt: Prinz Louis Esterházy und die Großwildjagd” werden seine Leidenschaften für Reisen, Jagd und Militär begleitet von zahlreichen Fotografien und Trophäen aufgegriffen. Kuriositäten, darunter die Reisetoilette, die auf den Fahrten mitgeschleppt wurde, wie seltsame Mitbringsel und Präparate begleiten die Biographie. Janós Hasenbock - ein präparierter Hase, der am 31. Dezember 1898 sein Leben aushauchte - mutet unter all den unzähligen Überresten von toten Tieren auf verdrehte Weise geradezu menschlich  an. Auf den Hinterbeinen stehend, stützt er sich auf eine Krücke, um seine verbundene Hinterpfote zu schonen. Um sein Haupt ist ein Tüchlein gebunden und er hat einen geflickten Leinenbeutel umhängen. In der rechten Pfote hält er einen Brief, seinen “Amtlichen Erlaubnisschein” für lebenslange Almosen. Ein überaus spannender Artikel, spiegelt er doch am Beispiel von Prinz Louis Esterházy - oder auch durch Janós Hasenbock - das Selbstverständnis des Adelshauses.

Die richtige Ausrüstung betrifft nicht nur Waffen. “Die Jagdbekleidung am Hofe der Fürsten Esterházy” von Angelika Futschek zeigt deutlich wie Funktionalität mit Standesbewusstsein miteinander verwoben waren. Und dies betraf nicht nur die Fürsten selbst, sondern auch die Ausstattung, die sie ihren jagdlichen Angestellten maßschneidern ließen. Die Schriftquellen informieren genau über die Kosten, sie beschreiben, Stoffqualitäten, Farben und nennen die beauftragten Schneider. Und wenn man von einem Augenzeugen erfährt, dass die Uniform des Fürsten mit Perlen, Brillanten und Smaragden besetzt war, weiß man auch, dass man sich Kleidung für den Angestellten passend zu deren Funktion gut leisten konnte und aus Hofhaltungsgründen auch leisten wollte.

“Josef Haydn, die Jagd und die Musik” greift Gerhard J. Winkler analytisch an ausgewählten Instrumenten und musikalischen Beispielen auf. Josef Haydn war bis 1790 rund 30 Jahre als Musiker und Hofkappellmeister im Dienste der Fürsten Esterházy. Und Musiker dienten seit dem Altertum dazu den Auftraggeber nicht nur zu unterhalten, sondern ihn auch zu preisen und damit seine Hofhaltung zu unterstreichen. Somit widmete sich Haydn musikalisch auch der Jagd, die einen großen Raum der Fürsten einnahm.

Felix Tobler greift unter dem sperrigen Titel “Forstverwaltung und Jagdorganisation des Esterházy-Majorates vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts” ein wirtschaftsgeschichtliches Thema auf. Der Aufbau einer zentralen Jagd- und Forstverwaltung ermöglichte langfristig, zielgerichtet und vor allem wirtschaftlich zu planen.  Auch wenn in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts prunkvolle Hofjagden aus finanziellen Gründen eine Seltenheit wurden. Schade, dass man nichts Näheres über die dienstlichen Verfehlungen des Domänendirektionsrates Rampichel erfährt, das hätte das hochinteressante aber dennoch aus überwiegend buchhalterischen Quellen schöpfende  Jagd- und Forstgeschichtekapitel um geschmackige menschliche Details abseits der Verwaltung bereichert. 

Herbert Zechmeister und Stefan Körner werfen in ”Die Jagdmonturdepots der Fürsten Esterházy: Waffen, Netze und Kutschen für die Jagd” einen ausgiebigen Blick auf den Bestand.1806 enthielt z. B. die Gewehrkammer in Eisenstadt 630 Jagdwaffen. Viele kamen von namhaften Herstellern. Und leider hat sich hier ein Druckfehler eingeschlichen: Der berühmte Joseph Manton wurde fälschlich als Monton bezeichnet. Waffen, Netze, Kutschen und vieles mehr musste gelagert, gepflegt und veraltet werden. Dazu kommen noch die Trophäen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gefrönten Jagdlust angesammelt haben. Eine große Herausforderung an das Personal und an den Geldbeutel - damals wie heute.

Der Katalogteil hebt sich optisch und haptisch vom Textteil ab. Die rauere Papierqualität des Katalogs - der Textteil ist auf Hochglanzpapier gedruckt -  unterstreicht historische Dimension der Objekte zusätzlich. Die Objekte aus vier Jahrhunderten fürstlicher Jagdgeschichte werden gelistet, anschaulich beschrieben und abgebildet. Karten zu den Jagdgebieten und Bibliographie runden das gewichtige Werk, dessen grafische Gestaltung ebenfalls besticht, ab. Ein besseres Korrektorat (u. a. alte/neue Rechtschreibung) wäre allerdings wünschenswert gewesen.

© S. Strohschneider-Laue

Fürstliches Halali: Jagd am Hofe Esterházy

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Wiener Aktion 2009

Montag, 23. März 2009

Notiz

Hundstrümmerlkunst (A)/Hundehaufenkunst (D) in der zweiten Runde

Wiener Aktion 2009 © S. Strohschneider-Laue

Nach dem Aufflammen des Wiener Aktionismus 2008 wurde neulich eine weiteres Statement fotografisch dokumentiert. Nun ist Hundstrümmerlkunst keine Singularität mehr. Die Straßenszene hat die bürgerliche Empörung endgültig aufgespießt. Mit für Wiener Verhältnisse vehementer Eigendynamik (immerhin liegt erst ein Jahr zwischen dieser und der ersten Beobachtung) kam es daher zur bezirksübergreifender Spontansolidarität. Vom 16. auf den 7. übertragen, ist es nur noch eine Frage der Zeit bis die Wiener Innenstadt um eine flexible Attraktion reicher wird.

Eine neuerliche Stellungnahme des künstlerischen Leiters der Halle zu dieser Kunstform fiel nach einem Jahr tiefer Gedankenkrise überraschend aus, denn ”…seine Vorstellung von Kunst hat das virtuell Unfassbare hinter sich gelassen und bedient sich jetzt aus dem reichen Fundus ungeschützter freier Ideen junger Ungenierter…”

Eine Stellungnahme seitens kommunal Engagierter konnte wieder nicht eingeholt werden. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass Bürgernähe in Zeiten der Krise nicht notwendig sei, da wir ohnedies alle im selben Rinnstein lägen. Die Kommission, die bereits die letzte Aktion aufgriff, hat jetzt den undotierten “Rinnstein”-Wettbewerb ausgeschrieben. Die nicht unbeträchtliche Teilnahmegebühr soll - nach Abgeltung der Sitzungstantiemen für Funktionsträger aus Politik und Wirtschaft - an jene KünstlerInnen refundiert werden, die für die Kommission bisher gratis Ideen und Entwürfe geliefert haben.

Übrigens: Die minderjährigen Schaschlikspießschnitzer in Südostasien bleiben von etwaigen Nutzungsrechten ausgeschlossen und das Spießchen ist ab sofort unter Denkmalschutz gestellt.

© S. Strohschneider-Laue

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Art Brut in Österreich

Freitag, 13. März 2009

Non-Fiction

Angelica Bäumer (Hg.)
Kunst von Innen. Art Brut in Austria
Holzhausen 2007, Dt, Engl., 480 S., zahlr. farbige Abb.
ISBN 978 3 85493 126 3

Kunst kommt von Innen Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

Der 480 Seiten mächtige zweisprachige Katalog nimmt sich umfassend der Art Brut / Outsider Art in Österreich an.  Der Katlog steht einer internationalen Wanderausstellung  zur Seite die zur Zeit in Istanbul (26. März bis 27. April ‘09: Marmara Universität, Fakultät für Schöne Künste) zu sehen ist. Beiträge von 26 AutorInnen, Interviews, Porträts der Ateliers und Werkstätten und zahlreiche Abbildungen bieten einen tiefen Einblick in die Szene zwischen Therapie und Kunst, deren KünstlerInnen und ihre Werke einen festen Platz im Kunstschatz der Moderne erobert haben.

In fünf Kapiteln - Geschichte der Art Brut, Dialog zwischen Therapie und Kunst, Art Brut und die Moderne Kunst, Ateliers und Werkstätten | Ziele und Projekte, Museen und Sammler - entwickelt sich anhand der Beiträge ein umfassendes Bild des derzeitigen Forschungsstandes. Die AutorInnen: Daniel Baumann, Angelica Bäumer, Roder Cardinal, Rainer Danzinger, Claudia Dichter, Jean Dubuffet, Gerhard Ederndorfer, Karlheinz Essl, Johann Feilacher, Franzobel, Peter Gorsen, Christine und Irene Hohenbüchler, Alfred Hrdlicka, Max Kläger, Michael Landau, leo Navratil, Peter Pongratz, Arnulf Rainer, Hannah Rieger, Thomas Röske, Gerhard Roth, Elisabeth Telsnig, Michel Thévoz, Günther Weixlbaumer, Margit Zuckriegl.

“Art Brut in Austria” dokumentiert einerseits die Diskussion und Entstehungsgeschichte rund um Art Brut / Outsider Art, andererseits wird ein guter Einblick in die derzeitige Situation in Österreich geboten. Die Stärke des Sammelbandes liegt nicht zuletzt darin, dass unterschiedliche Ansätze gleichberechtigt nebeneinander vorgestellt werden. Die Diskussion, ob Art Brut als eigenständige Kunst - unabhängig von der begeleitenden Krankengeschichte - betrachtet werden soll oder nicht, wird von beiden Seiten minutiös analysiert und ausführlich auch im Rahmen des historischen Kontextes argumentiert. Insbesondere Psychiater und Künstler haben sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Art Brut befasst und sich mit der Intensivität des künstlerischen Schaffens abseits der tradierten und oft auch zeitgeistigen Normen auseinandergesetzt. So war Max Ernst der erste, der seine Werke und die Arbeiten von Geisteskranken gleichberechtigt nebeneinander ausstellte. Das Kunstverständnis der Nationalsozialisten griff hingegen auf die Sammlung Prinzhorn zurück, um genau das Gegenteil im Rahmen der Ausstellung “Entartete Kunst” zu dokumentieren.

Das bekannteste Atelier in Österreich ist das Art/Brut Center Gugging, das von Leo Navratil 1981 als “Zentrum für Kunstpsychotherapie” gegründet wurde. Aber “Gugging” ist nicht allein. Rund 30 weitere Einrichtungen arbeiten in ganz Österreich. Aufnahme in den Katalog fanden allerdings nur jene, die nicht nur temporär und mit Erwachsenen arbeiten.

Angelica Bäumler ist es als Herausgeberin von “Kunst von Innen, Art Brut in Austria” gelungen, renommierte ExpertInnen in diesem Band zu versammeln und trotzdem noch die Zeit zu finden selbst zu recherchieren und ihre Fachkenntnis einzubringen. Eine große Herausforderung, die dazu führte, dass die Bandbreite des Themas wirklich umfassend beleuchtet wurde. Nicht zuletzt tragen die von ihr geführten Gespräche auch  dazu bei, eine Innensicht der Museen und Sammleranliegen zu erhalten. Ein bisschen mühsam ist es allerdings, weiterführende Literatur den Fußnoten der einzelnen Beiträge zu entnehmen. Ein Literaturverzeichnis wäre benutzerfreundlich gewesen, hätte aber den Band vermutlich auf 500 Seiten anschwellen lassen. Mit und ohne Literaturverzeichnis ein unverzichtbares Grundlagenwerk, das seine Bedeutung behalten wird und für diesen Kaufpreis nachgerade ein Schnäppchen ist.

Die Frage, ob Art Brut Kunst ist, hat sich m. E. erübrigt; denn Kunst, wenn sie nicht reines ausführendes Kunsthandwerk ist, sondern entwerfend, rezipierend und erzählend, darstellend, gestaltend den soziokulturellen Kontext aufgreift sowie persönliche Emotionen widerspiegelt, nicht zuletzt immer Art Brut ist. Erst in der persönlichen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt sowie der anschließenden künstlerischen Umsetzung kommt Kunst von Innen und ist Kunst wirklich Kunst. Und sie kommt dann ganz unabhängig von pathologischen Bedingungen von innen, aber nur wenn sie von psychisch schwer gestörten Menschen stammt, wird sie unter Art Brut als eigene Stilrichtung geführt. Eine Gesellschaft, die Art Brut ablehnt, grenzt aus; denn sie lehnt nicht nur allein Kunst, sondern damit die Individualität und die Freiheit des Menschen an sich ab.

© S. Strohschneider-Laue

Kunst von Innen: Art Brut in Österreich

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Hunger auf Kunst und Kultur

Dienstag, 10. Februar 2009

Notiz

Ist Armut (un)sichtbar?

Sieht man reichen Leuten ihr Geld an? Nicht unbedingt! Es hängt von der Lebensphilosophie ab. Nicht alle Menschen erfüllen die an sie gerichteten Erwartungshaltungen hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes. Nicht alle Superstars laufen ständig im Glamourlook herum, nicht alle erfolgreichen Banker gehen in karierten Knickerbockern Golf spielen, nicht alle betuchten Österreicher tragen Steireranzüge und nicht alle Promifrauen tragen Etikettenmuster.

Also ich persönlich kenne einige reiche Leute, darunter mehrfache Euro-Millionäre, die Handstrickpullis von ihrer Mutter bevorzugen, grundsätzlich am Flohmarkt ihre Ledersachen kaufen und niemals Werbung - außer in eigener Sache - auf Bekleidung oder Accessoires herumtragen würden. Diese Gruppe wird ständig falsch eingeschätzt, was unter anderem einen Teil ihres Erfolges ausmacht.

Andererseits kenne ich bedeutend mehr Leute, die überhaupt nicht mit ihrem Geld auskommen. Nicht nur, weil sie wenig Einkommen haben mit dem es wirklich schwer ist ein Auskommen zu finden, sondern weil sie sich mit jedem etikettierten Firlefanz - auch wenn es asiatische Fakeware ist -  ausstaffieren, der nach fünf Minuten auseinanderfällt oder modisch untragbar wird. Diese Gruppe wird ebenfalls falsch eingeschätzt, was wiederum einen Hauptteil ihrer erfolgreichen Überlebensstrategie ausmacht.

Und dann gibt es noch jene unfassbare Masse, von deren Geldbörsel man absolut nichts weiß und die man gar nicht einschätzen kann. Leute aller Schichten, die irgendwann einmal ein mehr oder minder teures Qualitätsprodukt für die Ewigkeit gekauft haben. Genau das Gewand, das man früher als “gutes Sonntagsgewand” bezeichnet hat und nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt wurde. Anlässe wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, Museums-, Konzert- und Theaterbesuche. Auch mein Vater hat so einen Anzug - der nach 50 Jahren bereits zum dritten Mal modern ist - im Schrank. Die Konfirmation meines Bruders machte den Anfang. Bei meiner Hochzeit und Victorias Taufe hat er ihn auch getragen. Das gute Stück macht noch immer etwas her und bietet nicht zuletzt immer erstklassigen Gesprächsstoff. Einerseits weil mein Vater unverschämter Weise noch immer hineinpasst und andererseits, dass er Anzügen immer mit einer Wendigkeit ausweicht, dass es einem Hasen schwindlig würde und er deshalb das Stück tatsächlich als ebenso neuwertig wie historisch wertvoll bezeichnen kann. Das ist eindeutig der Stoff, aus dem Erb- und Museumsstücke gemacht werden. 
Armutskonferenz
Und solche Sonntagskleider gibt es in vielen Schränken. Auch in den Schränken von Menschen mit so einem schmalen Geldbeutel, dass es monatlich nicht einmal zum Essen reicht und die Wiener Tafel aushelfen muss. Nur Gelegenheit das gute Stück anzuziehen gibt es für arme Menschen keine. Es gibt keine Konzertabende, keine Theateraufführungen und keine Museumsbesuche für die sie sich gerne fein anziehen würden - auch um das Besondere, das kulturelle Ereignis durch beste Bekleidung vom Überlebens-Alltag abzuheben. Die Kosten für nur einen einzigen kulturellen Genuss im Monat, der eigentlich  selbstverständlich oder zumindest leistbar sein sollte, sind für erschreckend viele Menschen völlig unerschwinglich.

Armut ist (un)sichtbar
Als ihr Mann noch lebte, sind sie häufig gemeinsam ins Konzert gegangen. Von der Mindestrente ist das für die Witwe nicht mehr möglich. Der edle Persianer, das “Must-Have” der 60er Jahre, hängt seit dem Tod ihres Mannes gut eingemottet im Schrank. Eine tiefschwarze Erinnerung an glücklichere Zeiten. Die Nachbarn halten sie für eine zurückhaltende Person. Immer sauber gekleidet, immer gleich, immer im Stil ihrer besseren Jahre.

Armut ist (un)sichtbar
Der Herr mit den Krücken ist Rentner. Er hat sein rechtes Bein durch Diabetes verloren. Bei schönem Wetter sitzt er im Park und spielt mit den anderen Tarock. Eigentlich würden er und seine Frau gerne ab und an ins Theater gehen, aber finanziell ist bei den vielen Medikamenten, die sie brauchen, und dem wenigen Geld, das sie gemeinsam haben, schon lange nicht mehr möglich. Er würde seinen dunklen Anzug und den Mantel anziehen und sie das blaue Kostüm mit der weißen Bluse. Die Nachbarn halten sie für stilles altmodisches Ehepaar. Er geht einkaufen, sie macht den Haushalt und abends sind sie immer daheim.

Aktionstag 2007 © lucy lynn, www.lynn-art.com

Wie ihnen geht es Vielen. Die AlleinerzieherInnen, die Geschiedenen, die MindestlohnempfängerInnen, die ProjektarbeiterInnen mit den “neuen Sonderverträgen” und die, die verzweifelt auf Arbeitssuche sind, weil sie nie die Voraussetzungen erfüllen und natürlich die Flüchtlinge aus allen Winkeln dieser Welt. Viele davon sind ebenso hungrig auf Kunst und Kultur wie auf das Essen, das sie oft genug nicht selbst bezahlen können. Und nur Wenigen sieht man die Armut wirklich an.
Ich habe die Armut auch nicht gesehen bei der Alleinerzieherin, deren Tochter in dieselbe Schule ging wie meine. Wir saßen im selben Businesskurs des Arbeitsamtes. Beide Uniabsolventinnen, beide auf der Suche nach neuen beruflichen Herausforderungen. “Herausforderung”, auch nur eine blöde Formulierung für: arbeitslos, zu alt (über 35!), überqualifiziert und obendrein auch noch weiblich. Im Gegensatz zu mir begann für sie die wirkliche Herausforderung schon beim täglichen Essen, setzte sich beim Schulmaterial kaufen fort und endete beim verzweifelten Hoffen, dass der Ex irgendwann einen Teil der Alimente zahlen würde. Die Bekleidung von der Caritas, um beim Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck machen zu können, war ein wirtschaftlicher Einbruch für einen ganzen Monat. Ihr hätte eine Auszeit im Theater, bei dem sie ihr schönes, aber ansonsten nutzloses Standesamt-Kleid hätte tragen können, sicher neue Kraft gegeben. Heute arbeitet die studierte Biotechnikerin für eine Versicherung. Sie gönnt sich wieder Kultur und spendet für andere, die es sich nicht leisten können, ab und an eine Eintrittskarte. Wie sie, halte ich es ab sofort auch; denn hungrig auf Kunst und Kultur sollte man nicht bleiben. Denn nicht nur der Magen gefüllt, sondern auch das Kulturbedürfnis muss gestillt werden, um dem Alltag begegnen zu können.

Aktionstag 2007 © lucy lynn, www.lynn-art.com

Und dass der Kulturhunger nicht zu groß wird, ist der Aktion Hunger auf Kunst und Kultur zu verdanken. Armutskonferenz und Schauspielhaus Wien initiierten die Aktion. Seit 2003 gewinnt “Hunger auf Kunst und Kultur” Kulturinstitutionen als Partner, um Menschen, die es sich nicht leisten können, den Zugang zu den Musentempeln zu erleichtern. Die Kulturpartner sind für die Finanzierung der Karten durch Veranstaltungen, Privatspender, die z. B. an der Museumskasse einfach den Wert einer Eintrittskarte spenden, und Großsponsoren selbst verantwortlich. Das Netzwerk der Armutskonferenz, karitative und soziale Hilfsorganisationen und das AMS übernehmen die Ausgabe der Kulturpässe. Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, die Sozialhilfe, Notstandshilfe oder Mindestpension beziehen und Flüchtlinge können auf diese Weise trotz ihrer fundamentalen Existenzsorgen ab und an Kunst und Kultur genießen.
Details wie es funktioniert, wie Sie Eintrittskarten spenden können oder wie Sie falls nötig einen Kulturpass beantragen können, erhalten Sie auf den Seiten von Hunger auf Kunst und Kultur.

Armut beginnt nicht erst in der Gruft.
Armut ist oft unsichtbar.
Armut kann jeden treffen.
Armut wohnt neben an.
Armut ist weiblich.
Armut grenzt aus.
Armut macht krank.
Armut macht hilflos.
Armut macht einsam.
Armut tut weh.
Armut muss nicht sein.

© S. Strohschneider-Laue

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Endlich 1968

Freitag, 24. Oktober 2008

Notiz

Endlich 1968 - Film
die 68er sind in die Jahre gekommen
Ein Film von Herbert Link 2008, 55′

1968 wurde ich sieben Jahre und kam in die Grundschule. Wenn man mich zu 1968 befragt, fallen mir trotzdem spontan Dinge, wichtige Ereignisse dieser Zeit ein. Wahrscheinlich, weil die Ereignisse in meiner Familie diskutiert wurden oder wir direkt betroffen waren: Studentenunruhen, Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei, Martin Luther King und Robert Kennedy erschossen, Brandanschlag auf Kaufhaus in Frankfurt und Demonstrationen gegen den Springer Verlag. Und es fällt mir ein Urlaub in Österreich ein, bei dem Betrunkene im Wirtshaus in Deutschland verbotenes Liedgut anstimmten und einem jungem Wiener die langen Haare von der grölenden Dorfjugend abgeschnitten wurden. Erinnerungen, die sich mir erst nach und nach inhaltlich erschlossen haben. Erschlossen, weil ich von der 68er Bewegung ausgelösten Bildungsreform des Deutschen Schulsystems profitierte. Den 68ern habe ich zu verdanken, dass ich in einem meinungsbildenden, kritischen Umfeld aufgewachsen bin und auch in der Schule zum kritischen Hinterfragen und freien Meinungsaustausch ausgebildet wurde. Und den 68ern habe ich es zu verdanken, dass ich als heranwachsende Frau am sich neu formierenden Feminismus und dessen Erfolge teil hatte. Mit Österreich verband ich bezogen auf 1968 höchstens den Wiener Aktionismus, Sigi Maron und sonst nichts und niemanden. Und Sigi Maron war mir auch nur bekannt, weil meine Jugendfreundin, die in ihrer Schule in den 70er Jahren in den Pausen noch im Kreis gehen musste, seine Kritik so schätzte.

1968 war doch in dem kleinen und bescheidenen Österreich spürbar. Es gab Empörung, es gab junge Menschen, die das eine oder andere, mehr oder minder laut in Frage stellten. Es gab StudentInnen, die feststellten, das weite Bevölkerungsteile von partieller politischer Amnesie befallen waren, die ihnen ein Leben in selig unbehelligter Verantwortungslosigkeit ermöglichte. Zumindest lässt das der Film von Herbert Link, der im “Endlich 1968. Die 68er sind in die Jahre gekommen” vermuten.
Herbert Link lässt Menschen, die 1968 erwachsen waren, zu Wort kommen. Gibt ihnen Plattform über die Ereignisse und ihr Leben zu dieser Zeit und danach zu sprechen. Nicht alle Interviewten sind Österreicher, nicht alle waren zu dieser Zeit hier und nicht jeder konnte sich mit den rebellischen Zeitgeist junger Menschen im Aufbruch zu neuen geistigen Ufern identifizieren. Sie sind ZeitzeugInnen von Entwicklungen geworden, die auch die “Geschöpfe der Agonie” - wie Thomas Bernhard die Österreicher 1968 bezeichnete - erfasste.
Zu Wort kommen:
Bruno Aigner - Pressesprecher des Bundespräsidenten
Gertrude Fröhlich-Sandner - Vizebürgermeisterin i. R.
Dirk Jarré - Soziologe
Wolfgang Kos - Historiker und Museumsdirektor
Julia Logothetis - Bildende Künstlerin
Said Manafi, Filmemacher
Birgit Meinhard-Schiebel - Vorsitzende der Grünen Senioren Wien
Sigi Maron - Liedermacher
Joop Roeland - Priester
Andreas Unterberger - Chefredakteur
Werner Vogt - Arzt und Publizist
Emmy Werner - Theatermacherin

Vierzig Jahre schaffen Distanz. Manche Aktion wird heute als Abenteuer oder - gescheitertes - Experiment bewertet. Etliches wurde als spannendes Neuland entdeckt, an dem man andere teilhaben lassen wollte. Und es gab jene, die plötzlich mit offenen Augen hässliche Wirklichkeiten erblickten, die sie nie für Wahrheiten gehalten hätten und die es durch sie zu bekämpfen galt. Es kommen in dem Film die ewigen Rebellen genauso zu Wort wie jene, die sich erst nach und nach zu RebellInnen entwickelt haben und solche, die sich konformistisch etabliert haben oder nie einen Grund zum Aufbegehren wahrgenommen haben. Sieben Männer und vier Frauen sprechen sehr persönlich über 1968 und die Folgen.

Eine Dokumentation, die viel Anlass zur Diskussion bietet. Eine angeregte kritische Diskussion von der man nur hoffen kann, dass sie folgen wird; denn 1968 ist vorbei und wir haben stattdessen 1984 in einem untragbaren Ausmaß zugelassen. Junge Wilde werden in Zeiten wirtschaftlicher Katastrophen, totaler Überwachung und in Zeiten in dem sich Armut zum Frauenprivileg entwickelt, systematisch am Denken gehindert.
Brave new world!

© S. Strohschneider-Laue

Siehe und höre Mediathek: 1968 Zeitzeugen

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Venus von Willendorf

Sonntag, 13. April 2008

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Walpurga Antl-Weiser
Die Frau von W.
Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung
Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung (VPA) 1
Verlag des Naturhistorischen Museums 2008,  207 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 902421 25 8

Venus von Willendorf 

Erfrischend jung präsentiert die Prähistorikerin Walpurga Antl-Weiser die betagte Frau von W. Mit deutlich erkennbaren Vergnügen wandelt sie auf den vielfältigen Spuren, die viele Männer aber auch Frauen rund um die Willendorferin hinterlassen haben. Und kaum hat man das Buch zur Hand genommen, ist man auch ganz locker immer tiefer in die Materie eingetaucht als man anfänglich vermutet hätte. Eindeutig: Auch 100 Jahre nach ihrer Entdeckung hat die dralle Wachauerin ihren nicht nur medialen Reiz - wie allein derzeit 16.000 Verweise beim “Googeln” belegen - beibehalten.

In neun Kapiteln wird der zeitliche Bogen von der Gegenwart bis zur Altsteinzeit gespannt. Den Auftakt macht ein ebenso amüsanter wie nachdenklich stimmender Blick auf die vielfältig anderen “Aspekte” der Venus von Willendorf, darunter ist der “Willendorf-Award” für medizinische Studien zur Fettleibigkeit m. E. einer der schrägsten.

Obwohl die nachfolgenden Kapitel sich den steinharten Fakten um die Venus von Willendorf zuwenden, bleibt es bei aller Fachlichkeit mehr als nur spannend; denn stets werden - echte und verzerrte - Fakten kritisch in Frage gestellt und auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Relevanz hinterfragt.
Was hat sich im Auffindungsjahr der Venus 1908 abgespielt? Ausgehend vom damaligen Forschungsstand über Tatsächliches und Vermeintliches rund um Fundort und Entdecker, den Tatbestand der Auffindung selbst nähert sich die Autorin in immer engeren Kreisen den Herstellern der Willendorferin und dem modernen Stand der Forschung.

Interpretative Betrachtungen folgen den Fakten zur Frage nach Stellenwert der Venus und ihren beiden weniger attraktiven - vermutlich deshalb auch weniger bekannten - ”Schwestern” aus Willendorf. Mit unglaublich trockenem und deshalb umso vergnüglicheren Augenzwinkern stellt Antl-Weiser die Denkansätze und deren Schwachstellen zu gravettienzeitlichen (Frauen-)Plastiken vor.
Im nachfolgenden Kapitel über die Frauen der Altsteinzeit, in dem ausgiebig männliche und weibliche Blickwinkel kritisch beleuchtet werden, werden deutlich die Grenzen von Interpretationen aufgezeigt.
Die Bedeutung der Fundstelle Willendorf für die Paläolithforschung schließt den bemerkenswerten Band.
Dem in ihrer Vorbemerkung angekündigten Anspruch ein lebendiges Bild von der Willendorf-Forschung, der Zeit und der Figurine selbst zu zeichnen, ist der Autorin jedenfalls beispielgebend gelungen, auch wenn der Generaldirektor des NHM in seinem Vorwort fälschlicherweise schreibt, dass sie zögern würde sich festzulegen. Man kann nur hoffen, dass dieser frische gehaltvolle Stil bei den nachfolgenden Publikationen der prähistorischen Abteilung beibehalten wird.

Das Layout von Brigitte Kimbacher unterstreicht die gute Gliederung optisch durch ein abgestuftes Farbschema. Der großzügige Weißraum ermöglicht ein zusätzliches Hervorheben der Abbildungen sowie der Bildunterschriften. Die zahlreichen und exzellenten Abbildungen machen das Buch darüber hinaus zu einem Augenschmaus. Besonders erfreulich ist auch die lesefreundliche Schriftgröße. Die Lesefreundlichkeit wäre allerdings noch optimaler gewesen, wenn die San Serifen nicht nur in den Überschriften, sondern auch im Fließtext verwendet worden wären. Schade, dass dem für wissenschaftliche Publikationen typische Horror vacui in Vorspann und Anhang wieder vollauf gefrönt wird: Flattersatz und bis zu jedem Rand ausgenutzte Seiten sind bei dieser schönen Publikation allerdings die einzigen echten Wermutstropfen.

© S. Strohschneider-Laue

VENUS
Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit
Mensch, Mammut, Eiszeit. Vom Leben in der Kälte, Großwildjägern und früher Kunst. 1/2006 (Spektrum Spezial)
Die Eiszeiten. Naturgeschichte und Menschheitsgeschichte
Eine feministische Anthropologie: Der aufrechte Gang der Menschenfrau. Eine feministische Anthropologie II

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