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Samstag, 10. Dezember 2011

Waschbären
Kleine Banditen mit Maske
Neumann-Neudamm 2011, 96 S., durchgehend Farbfotos.
ISBN 978 3 7888 1381 9
Waschbären: Kleine Banditen mit Maske
Waschbären (indian. Aracun, engl. Raccoon) sind in Nordamerika beheimatete Kleinbären. Die ersten “europäischen” Waschbären waren allerdings keine Zuwanderer, sondern Flüchtlinge aus Pelztierfarmen der 20er-Jahre. Dazu gesellten sich - u. a. ab 1934 am hessischen Edersee - offiziell ausgesetzte Waschbären. Egal wie man nicht einheimische Tiere, sog. Neozoen, beurteilt, Waschbären gehören zu den Niedlichen. Ihre auffällige Fellzeichnung, ihre Art und Weise mit den Händchen zu scharren, tasten, drehen und wenden, macht sie liebenswert. In den nahezu 100 Jahren haben sie sich an die hiesigen Naturräume gut angepasst - leider auch an die Zivilisation mit ihren Mülltonnen. Viele Städte haben deshalb schon ihre eigenen Waschbärpopulationen und das nicht etwa innerhalb von Zoos.
Niedlich hin oder her, Waschbären sind Wildtiere zum Beobachten und keine Haustiere zum Halten. Eine Tatsache, die auch durch die vielen erstklassigen, großformatigen Fotos und einen eigenen Abschnitt in diesem Band deutlich gezeigt wird. Die durchgehende Fotostrecke wird von Steckbriefen der kleinen Banditen begleitet. Herkunft, Verbreitung und Biologisches werden dabei ebenso berücksichtigt wie die Jagd auf die Pelzträger. Launig werden auch ihre Eigenschaften als ebenso ungebetene wie ungebührliche Untermieter in Haus und Hof vorgestellt. Denn wer glaubt, dass ein Waschbär ein reinlicher, ruhiger Gast ist, der irrt sich.
Dieses Buch lebt von den unglaublich vielen Fotos und den darauf eingefangenen - oft absurden - Situationen. Darunter viele Schnappschüsse in erstklassiger Qualität, deren Entstehung - vor allem das Fotomodell - man gerne selbst erlebt hätte. Tierliebe Kinder und naturverbundene Erwachsene werden bereits beim Durchblättern ihre Freude haben. Ein Buch zum gemeinsamen Anschauen, zum Lesen und Informieren sowie zum gefahrlosen Genießen des waschbärigen Knuddelfaktors. Wer dieses Buch hat, braucht keinen Waschbären mehr.
© S. Strohschneider-Laue
Waschbären: Kleine Banditen mit Maske
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Tags:ab acht, Biologie, Ebensolch Rez-E-zine 70/11, Europa, Sistlau, USA
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Donnerstag, 08. Dezember 2011

Antje Hinz
Spanien hören
Silberfuchs Verlag 2011, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6514 9
Spanien hören
Die kulturelle Vielfalt Spaniens wird in 80 Minuten und in 21 Häppchen als geniales Menü serviert. Die Länderreihe hat sich eindeutig zu einer stattliche Sammleredition mit steter Wiederhörqualität entwickelt. Historische, literarische und musikalische Clips lassen auf dieser CD ein ganz besonderes Bild von Spanien entstehen.
Beginnend mit den, zu den ältesten Kunstwerken der Welt zählenden, Höhlenmalereien von Altamira spannt sich ein kultureller Bogen über die Iberische Halbinsel. Phönizier, Griechen, Vasconen, Iberer, Kelten, Römer, Westgoten, Mauren bildeten die vielfältige Basis. In Spanien ist untrennbar mit dem kulturellen Aufstieg während des Mittelalters auch politisch-religiöse Macht verbunden: Islam und Christentum. Das kulturelle Zentrum in islamischer Zeit war Córdoba. Hier entwickelte sich zugleich ein multikulturelles “Mekka der Wissenschaften”. Wie oft wechseln Toleranz und Verfolgung einander ab. Toledo profitiert vom Zuwachs Intellektueller als sie die Stadt verfolgte Juden und Christen aufnimmt. Schließlich wird vom Norden ausgehend die Rückgewinnung Spaniens unter dem fadenscheinigen Deckmäntelchen der (Re-)Christianisierung vorgenommen. Dies mündet letztlich in der Inquisition. Systematische Verfolgung wird in Folge zum religiös untermauerten Staatsgeschäft, das die blühende Multikultur mit ihren Wissenschaftlern und Künstlern vernichtete. In Folge ging für Katholizismus, Kolonialismus und das Reich die Sonne nicht mehr unter. Marienverehrung, Askese auf der einen Seite sowie Don Quijote und das pralle spanische Volkstheater auf der anderen Seite sind nicht nur Gegensätze, sondern logische Folgen der Repressalien. Unter den Bourbonen sank der Stern des Katholizismus, Wissenschaft und Bildung wird zum Staatsanliegen. Dann kam Napoleon. Den Widerstand und den Kriegsgräuel zeigt niemand besser auf als Goya, der modernste, provozierendste, politisch und sozial kritischste Künstler - nicht nur zu seiner Zeit. Der Weg zur Verfassung und Republik war steinig, war aber auch der Weg zur nationalen Musik. Multikulturell, darunter die Musik und Sprache der Galizier, Basken, Katalanen und Roma, wird salonfähig. Ein fruchtbarer Nährboden auf denen einerseits Gaudi, Miró, Dalí, Picasso sich entfalten und andererseits im Zuge von Bürgerkrieg, Diktatur und neuer Nation Lorca, Celaya, Semprún, Marsé ihre Eindrücke in eindringliche, unvergängliche Worte fassen.
Dietmar Mues (†) präsentiert die Vielfalt außergewöhnlich abwechslungsreich vor dem Hintergrund vieler Musikzitate. Den optischen Genuss steuert Roswitha Röschs Grafik bei.
© S. Strohschneider-Laue
Spanien hören
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Mittwoch, 23. November 2011

Von Fischen, Vögeln und Reptilien
Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen
ÖNB Prunksaal
24. November ‘11 bis 29. Januar ‘12
Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

1492 vergrößerte sich die Welt ins Unermessliche. Nach der Entdeckung Amerikas gab es kein Halten mehr. Jeder, der etwas auf sich hielt und es sich verschaffen konnte, wollte ein Stück von der Welt haben. In der Renaissance ging daher in einigen Reichen die Sonne nicht mehr unter, während so manchem Reichen endlich ein Licht aufging. Es begann die Blüte der Kuriositätenkabinette, der Wunderkammern und ersten wissenschaftlichen Sammlungen.
Unter diesen Sammlern war auch Kaiser Rudolf II. (1552-1612). Politisch unfähig und psychisch labil betätigte er sich bevorzugt als Kunst- und Wissenschaftsmäzen. Gut so, denn das Licht der Monarchie verlosch, während sein künstlerisches und wissenschaftliches Erbe bis heute Bestand hat. Bestand u. a. dadurch, dass die Österreichische Nationalbibliothek die Restaurierung des “Bestiaire” von Rudolf II. durchführte. Das zweibändige Werk mit 181 Ölbildern, das zwischen 1570 und 1611 von mehreren Künstlern - darunter Daniel Fröschel (1563-1613), Hans Hans Hoffmann (1530-1591/92) und Guiseppe Arcimboldo (1526-1593) - mitgestaltet wurde, ist eine in jeder wissenschaftlichen und künstlerischen Hinsicht reiche Fundgrube.
Einzigartige Bilder belegen einerseits die Kunstfertigkeit der Ausführenden, andererseits das Bestreben nach wissenschaftlicher - unter den gegebenen Umständen - und exakter Dokumentation. Zugleich spiegeln die Abbildungen ebenso das persönliche Interesse Rudolfs als auch sein Repräsentationsbedürfnis sowie die damals lebend gehaltenen Tiere bzw. das gesammelte tote Material wider.
Manche dieser Tiere fristeten offensichtlich mehr schlecht als recht ein Dasein inmitten der staunenden Gesellschaft. So zeigt die atemberaubend schöne und zugleich minutiöse Darstellung eines Molukkenkakadus, ein überfüttertes Tier. Der Schnabel schreit förmlich nach einer Korrektur bei einem Tierarzt, der zusätzlich einen artgerechten, reduzierten Diätplan - harte Sämereien statt weichen Gebäcks - verordnet hätte. Spannend, was aus den Bilddokumenten - zusätzlich zur genussvollen Betrachtung der Kunstwerke - abzulesen ist.
Das Album von Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) wurde ebenfalls restauriert. Selbstverständlich sieht man auch den Fischen an, ob sie fangfrisch oder konserviert bis mumifiziert den Künstlern als Zeichenvorlage dienten. So zeigen sie sich farbenprächtig oder trist gebräunt je nach dem jeweiligen Erhaltungszustand. Frische Fische hatte jedenfalls Giorgio Liberale (1527-vor 1580) zur Verfügung. Über 1100 Bilder der adriatischen Meeresfauna - oft in Originalgröße - verbinden ästhetischen Anspruch mit wissenschaftlicher Dokumentationsqualität. Ein besonderes Highlight seine deckungsgleichen Darstellungen der Ober- und Unterseite z. B. eines Krebses auf Pergamentvorder- und -rückseite. Wendet man das Blatt, wendet man quasi den Krebs.
Zuweilen wurden große Herausforderungen an die ausführenden Künstler gestellt. Vage und bruchstückhafte Informationen, die wie beim Spiel “Stille Post” durch mehrere Münder und Ohren weitererzählt waren, sollten in einer überzeugenden Visualisierung münden. Das dreifarbige Zebra, heute von hohem Unterhaltungswert, sorgte sicher auch damals, obwohl aus anderen Gründen, für Erstaunen.
Fazit: Im beeindruckenden Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ist eine ebenso tierische wie gute Auswahl der frisch restaurierten Blätter aus zwei Bilderzyklen - Bestiaire von Rudolfs II. und Fauna der Adria von Ferdinand II. - zu bestaunen. Abgerundet wird die Ausstellung mit Illustrationen von Carolus Clusius (1526-1609), Ulisse Aldrovandi (1522-1605) sowie Jacopo Ligozzi (1547-1627). Ein Besuch der sich für Groß und Klein, Laien und Fachpublikum - durchaus mehrmals - lohnt. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte bieten einen ersten Überblick. Wer mehr wissen möchte, als eine einschlägige Themenführung bieten kann, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen.
Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen
Die Kuratorin der Ausstellung Christina Weiler ist auch Herausgeberin des Katalogs. Beiträge von Christa Hofmann, Ksenija Tschetschik und Daniel Siderits sowie zahlreiche Abbildungen machen den stattlichen 255-seitigen Band zu einer angenehmen (!) Pflichtlektüre.
Die Kapitel gliedern sich in “die Tierwelt der Adria”, “das Reich der Tiere”, “die Konservierung von Tierbildern auf Pergament”, “Kunstwerk und Naturobjekt” sowie “Tierillustration der frühen Neuzeit”. Der benutzerfreundliche Anhang mit Literatur, Abbildungsverzeichnis und Tierregister rundet den qualitätvollen Band ab.
Dass der Katalog eine Augenweide ist, ist nicht nur den herrlichen Bildquellen und der Druckqualität zu verdanken, sondern auch dem übersichtlichen sowie attraktiven Layout von Ekke Wolf.
Übrigens: Der Preis ist bestechend moderat!
© S. Strohschneider-Laue
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Tags:Ausstellung, Barock, Biologie, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Grafik, Katalog, Kunst, Neuzeit, Renaissance, Sistlau, Wien
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Mittwoch, 16. November 2011

Henri Cartier-Bresson
Der Kompass im Auge: Amerika - Indien - Sowjetunion
Kunst Haus Wien
17. November ‘11 bis 26. Februar ‘12
Sein 20. Jahrhundert 1908-2004
Der Klang der Seele. Portraits
Meisterwerke: Photographien
Du814 - das Kulturmagazin. Doppelter Blick: Sieben Magnum-Fotografen unterwegs mit sieben Autoren. Truman Capote & Henri Cartier-Bresson, John Steinbeck & Robert Capa, Arthur Miller & Inge Morath u. a
Hier könnte das erste Foto von zwei Fotos gezeigt werden, wenn es denn über die Laufzeit der Ausstellung hinaus für Internetmedien gestattet wäre.
Das Kunst Haus Wien zeigt eine exzeptionelle Ausstellung zu drei Reisezielen von Henri Cartier-Bresson: USA - Indien - UdSSR. Reiseziele, denen er mehr als einen fotografischen Trip gegönnt hat. Cartier-Bresson unternahm weitere Reisen in zeitlichen Abständen, um die Lebenswirklichkeiten erneut abzulichten. Er aktualisierte seinen Blick ebenso wie den der ganzen Welt auf Länder und Menschen.
Erzählerische Kraft und Einfangen des besonderen Moments sind hervorstechende Charakteristika der Fotografien von Cartier-Bresson. Fantastische Fotos, die in einer Zeit entstanden, als Fotografieren und Fotoverwendung noch nicht von einer Gesetzesflut beschnitten wurden. Fotos bei deren Entstehung inhaltliche und künstlerische Qualitäten über Equipment und Gewerbeschein gestellt wurden.
Hier könnte das zweite Foto von zwei Fotos gezeigt werden, wenn es denn über die Laufzeit der Ausstellung hinaus für Internetmedien gestattet wäre.
Fazit: Gehen Sie in die Ausstellung und machen Sie sich selbst ein Bild. Abgesehen von der gelungenen Ausstellung “Henri Cartier-Bresson. Der Kompass im Auge: Amerika-Indien-Sowjetunion” ist das Kunst Haus Wien sowieso immer einen Besuch wert!
© S. Strohschneider-Laue
Henri Cartier-Bresson
Sein 20. Jahrhundert 1908-2004
Der Klang der Seele. Portraits
Meisterwerke: Photographien
Du814 - das Kulturmagazin. Doppelter Blick: Sieben Magnum-Fotografen unterwegs mit sieben Autoren. Truman Capote & Henri Cartier-Bresson, John Steinbeck & Robert Capa, Arthur Miller & Inge Morath u. a
Aktuelle Ausstellungskataloge
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Tags:Asien, Ausstellung, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Europa, Fotografie, Reise, Russland, Sistlau, USA
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Donnerstag, 10. November 2011

Leseprobe gefällig?

Wie den Lesehunger befriedigen, wenn man (noch) keinen eigenen Lesegeschmack entwickelt hat und (noch) nicht weiß, wie - sprichwörtlich - vielseitig die Literatur tatsächlich ist?
Wer buchmäßige Fremdbestimmung ohne Probleme akzeptiert, dem blüht vielleicht folgendes Schicksal:
- Themenkaufwütiger werden, sobald (z. B.) “Sex” im Titel versprochen wird.
- Passend zur Selbstdarstellung (z. B.) Markenfüllfeder, Maßanzug und Nobelschlitten die Lektüre auf den goldgeprägten Schweinsledereinband zum Laufmeterpreis reduzieren.
- Mainstreambuchkonsum anheimfallen, um mitreden zu können.
- Mitleser im Freundeskreis werden, dabei kann sich überaus Erstaunliches auftun.
- Als Nervtöter BuchhändelerInnen zur Verzweiflung treiben, wäre ebenfalls eine Option der Unselbstständigkeit und Fremdbestimmungssucht.
Um diesen Einseitigkeiten zu entgehen, einige Tipps für die Annäherung an das Fremdobjekt “Buch”.
ErstleserInnen und LeseeinsteigerInnen
Seien Sie abenteuerlich, betreten Sie eine Bibliothek oder Buchhandlung. Seien Sie offen für Alles und kaprizieren Sie sich nicht gleich auf ein einziges Genre. Öffnen Sie viele Bücher, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Greifen Sie nicht nach der schulischen Pflichtlektüre, es gibt mehr als eine Galaxie im Universum.
Äußere Äußerlichkeiten
Beurteilen Sie Menschen nach Äußerlichkeiten? Nein? Dann tun Sie es auch nicht bei Büchern.
Bild, Autor, Titel, Empfehlungen und Awards sind nur die halbe Miete. Ein hässlicher Bucheinband ist sowieso Geschmackssache, ein in Riesenlettern gesetzter Autorenname ist kein Qualitätsgarant, ein kruder Titel ist meist nicht mehr oder weniger als eben “krude” und eine Bestsellerliste ist letztlich nur ein Verkaufsliste. Entscheiden Sie auch nicht nach männlichen und weiblichen Autorennamen. Vielleicht ist es ein Pseudonym und hinter diesem kann jede/r stecken. James Tiptree Jr. schrieb erstklassige SF-Kurzgeschichten und hieß eigentlich Alice B. Sheldon.
Frisch aufgeschlagen
Beurteilen Sie Menschen nach deren Lebenslauf? Nein? Dann tun Sie es auch nicht bei Büchern.
Klappentexte sind Werbetexte, die (zu) oft von Externen geschrieben werden. Die Ärmsten hatten u. U. keine Ahnung vom tatsächlichen Inhalt. Sie fassten in aller Eile und in wohlgesetzten Worten zusammen, was per “Stille Post”, ggf. aus ebenso diversen wie widersprüchlichen Quellen, bei ihnen inhaltlich angekommen ist.
Der Autorensteckbrief kann, aber muss nicht hilfreich sein. Er ist eine Miniimagekampagne für den Autor und nicht notwendigerweise für das betreffende Buch. Ein Medizinstudium ist jedenfalls keine Entschuldigung für den 13th Warrior.
Reingeblättert
Seien Sie forsch, seien Sie neugierig. Lesen Sie hinein: am Anfang, in der Mitte und niemals auf den letzten Seiten. Eine Leseprobe ist wichtig. Autos, Weine, Käse und andere Luxuswaren kauft man ja auch nicht ohne vorher überzeugt worden zu sein. Interessiert Sie der Inhalt und fesselt er Sie? Passt Ihnen auch noch die Schriftgröße? Der Umfang ist auch akzeptabel? Na, dann seien Sie doch Individualist und kaufen Sie das Buch aus freier Entscheidung.
Zuletzt
Lesen Sie ihren Kindern vor und akzeptieren sie ein “noch mehr” ebenso wie ein “das ist langweilig”. Kinder müssen nicht die gleichen Bücher wie Sie großartig finden. Der Lehrplan wird Ihrem Kind außerdem noch genug Pflichtbuch zumuten. Geben Sie Ihren Kindern die Chance zu blättern, zu schmökern und Bücher auszuwählen. Bücher und Hunde sind nämlich die einzigen wahren Freunde, die man kaufen kann.
© S. Strohschneider-Laue
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Kommentar, Literatur, Sistlau
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Mittwoch, 09. November 2011

Alfried Wieczorek, Wilfried Rosendahl (Hgg.)
Schädelkult
Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen 41
Schnell + Steiner 2011, 388 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 7954 2454 1
Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
Der gewichtige Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum ist beispielgebend. Die herausragende inhaltliche Qualität ist optisch und haptisch in einer attraktiven Publikation umgesetzt worden. Über 50 AutorInnen aus verschiedenen Forschungsbereichen unterziehen menschliche Schädel minutiösen Betrachtungen und interpretieren deren kulturgeschichtliche Bedeutung.
Das Thema wird in fünf Kapiteln gegliedert, die Sinnvoll und Geistreich - der Schädel, Vom Neandertaler bis zur Völkerwanderung - Ein Gang durch die Vor- und Frühgeschichte, Von Schrumpfköpfen, Schädelbechern und Schillerschädeln - Ein Gang durch die Weltkulturen, Schädelfaszination heute und Schädelgalerie betitelt sind. Den einzelnen Beiträgen sind umfassende Literaturzitate angeschlossen.
Im ersten Kapitel stehen Seele-Herz-Hirn - damit Sinn und Verstand - in antiker Vorstellung (Elisabeth Ahner), Schädel als Knochenstruktur (Helmut Wicht) sowie operative Eingriffe am Schädel (Kurt W. Alt) quer durch die Zeiten im Mittelpunkt. Wahrlich spannend, was aus dem Unikat des Schädels “herausgeholt” werden kann. Einerseits wurden schon früh medizinische und philosophische Betrachtungen mit dem Kopf verbunden, andererseits wurden bereits in prähistorischer Zeit mehr (!) oder minder erfolgreiche Eingriffe im Schädelbereich vorgenommen.
Eine spannende Zeitreise durch die Vor- und Frühgeschichte wird im zweiten Kapitel unternommen. Beiträge führen von der Alt- und Mittelsteinzeit (Joachim Wahl) über das Neolithikum (Jörg Orschiedt, Andrea Zeeb-Lanz), Bronzezeit (Christiane Ana Buhl) und Eisenzeit (Axel von Berg, Béatrice Vigié) mit einem Abstecher ins Alte Ägypten (Tanja Pommering und Stan Hendricx) und zu den Skythen (Claudia Braun). Betrachtungen zur Antike (C.B.) und Spätantike (Gerhard Hotz) schließen den genialen Überblick. Schädelkult, Kannibalismus, der Ritualplatz von Herxheim, Masken und Schädeldeformationen sind nur einige Aspekte, die berücksichtigt werden.
Der Blick auf die Weltkulturen im dritten Kapitel wirft Schlaglichter aus Afrika (Andrea Schlothauer), Asien (Katja Müller, Paolo Maiullari, Richard Kunz, A.S.), Ozeanien (Bernd Leicht, Alexandra Wessel, Antje Kelm, Wilfried Rosendahl, Christian Fink, Heaether Gill-Frerking, Thomas Henzler, Markus Monreal, Stefan Schlager, Ursula Wittwer-Backofen), Nord und Mesoamerika (Martin Schultz, Nikolaus Stolle, Ursula Thiemer Sachse, W.R., Sinas Steglich) Südamerika (A.S., Anna-Maria Begerock, Virgina und Michael Tellenbach, Sabine Bernschneider-Reif, Timo Gruber, Reiner Sörries, Dario Piombino-Mascali, Alber Zink, Ulrike Neurath-Sippel, Eva-Maria Günther, Elisabeth Ahner, Rudolf Maurer, U.W.-B., Daniel Möller, Uwe Hoßfeld, W.R., Gisela Gruppe, Marina Vohberger). Kopfjagd, Schädelschmuck, Skalps, Kristallschädel und Schrumpfköpfe zeigen u. a. vielfältige Rituale rund um Triumph und Trauer in außereuropäischen Kulturen auf. Während Heilmittel, religiöse und weltliche Reliquien sowie Rassenkunde Beispiele für europäischen Schädelkult sind.
Der ungebrochenen Schädelfaszination in der Gegenwart wird im vorletzten Kapitel Rechnung getragen. Die schwarze Szene (C.A.B.), das Totengedenken in Mexiko (Ulrike Umstätter), Kriminalistik (U.W.-B.), Hirnforschung (Hans Günter Gassen) und Totenkopfsymbolik (Magdalena Pfeifenroth) sind hier die zentralen Themen. Tristesse und Zuckerwerk, Kriminalistik und Forschung sowie Symbolkraft stehen für die breitgefächerte, moderne Schädelfaszination.
Mit der Schädelgalerie schließt das fünfte Kapitel. Als Highlights zur Ausstellung (Doris Döppes, A.-M.B., D.M., W.R., A.S., A.W.) werden herausragende Beispiele wie z. B. Trophäenköpfe und künstlich deformierte Schädel aus Peru oder für die Aufbewahrung im Beinhaus bemalte Schädel aus Hallstatt in Österreich in hochwertiger Fotoqualität inklusive Kurzinformationen gezeigt.
Autorenregister und Bildnachweis beschließen den - auch durch seine übersichtliche und attraktive Gestaltung - hochwertigen Band. Ein Pflichtkauf in Fachkreisen und für kulturgeschichtlich Interessierte ebenso.
© S. Strohschneider-Laue
Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen
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Tags:Antike, Archäologie, Ausstellung, Biologie, Bronzezeit, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Eisenzeit, Katalog, Kultur, Sistlau, Steinzeit, Völkerkunde
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Dienstag, 08. November 2011

Dann eben nicht!

Manche von Steuergeldern getragenen öffentlichen Institutionen sind sich selbst genug. Finanziert und nicht angewiesen auf BesucherInnen und Verkauf. Der Eintritt ist inzwischen derart exorbitant, dass sich der Normalverdiener mit Familie den regelmäßigen Besuch in Kulturinstitutionen ohnedies gut überlegt, bevor er - abseits der bereits entrichteten Steuer - tief in die Geldbörse greift. Kein Wunder, dass sich die Besucherzahlen zumeist aus zwangsverpflichteten Schulklassen und Touristen ergeben, während der Steuerzahler lieber sein Restgeld für andere Genüsse ausgibt.
Zugleich häufen sich z. B. Ausstellungen, die um Leihgaben herumdrapiert werden, damit diese durch das präsentierende Haus zertifiziert werden, eine Wertsteigerung erfahren. Der Auktionstermin für die betreffenden Leihgaben steht bereits vor Ausstellungseröffnung fest und findet vor Ende der Laufzeit statt. Kein Wunder, dass sich so mancher im Selbstverlag produzierter Katalog wie ein Werbefolder liest. An dieser Stelle wird keinerlei Vermutung nachgegangen, die sich auf Gebahrungen rund um Leihende, Verleihende, Berater etc. beziehen könnten.
Beim Pressetermin wird jedenfalls zeitintensiv geredet und ebenso zeitintensiv gegenseitig belobhudelt. Natürlich findet auch eine abendliche Eröffnung mit der gleichen Belobhudelung statt. Vor allem Politikern wird dabei die Gelegenheit eines Gratisbesuchs - ggf. inkl. Bankett im historischen Ambiente - in Kombination mit Eigenwerbung vor den Adabeiblicken gegeben.
Allerdings wurmt eines schon: Honorarfreie Pressefotos werden nur an Zeitungsvertragspartner weitergereicht - also tagesaktuelle Medien, deren Halbwertszeit sich in etwa auf zwölf Stunden beläuft. Na dann, dann berichten wir hier eben nicht über die aktuelle, chronologisch gehängte Bilderbeschau mit dem moralinsauren Vorhang.
© S. Strohschneider-Laue
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Donnerstag, 03. November 2011

“O, schaurig ist’s übers Moor zu gehn …”
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 79
Philipp von Zabern 2011, 260 S, zahlr. Fotografien und Grafiken.
ISBN 978 3 8053 4361 9
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie
175 Jahre Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch ist Anlass die Bedeutung der Moorarchäologie seit 220 Jahren aufzuzeigen. Die Begleitschrift zur Ausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg 2011 widmet sich dem Thema Moorarchäologie.
In acht gut strukturierten Kapiteln mit jeweils beigefügtem Literaturverzeichnis werden archäologische Forschungen rund ums Moor vorgelegt. Die spektakulärsten - aber nicht unbedingt immer aufschlussreichsten - Funde sind Moorleichen, sie werden in diesem Band ausgespart. Der Faszination Moorleichen ist nämlich ein eigener Band gewidmet worden.
Carsten Ritzau und Lena Strauch setzen sich einleitend mir dem Hochmoor als einmaligen Lebensraum und “nassen Geschichtsbuch” auseinander. Von der Moorentstehung über den Lebensraum bis hin zur Bedeutung von Mooren als einzigartige archäologische Tresore spannt sich der inhaltliche Bogen. Ein komprimierter Überblick über die einzigartige (Fund-)Landschaft.
Mystische Moorlandschaften stehen zusätzlich noch bei Lena Strauch im Mittelpunkt. Zwischen wirtschaftlicher Nutzung und künstlerischer Inspiration bieten Moore eine weite Spanne für Realität und Fantasie.
Frank Both und Mamoun Fansa, die auch für den Band “Faszination Moorleichen” verantwortlich zeichnen, bieten in zwei Kapitel Überblicke über Moorwege und ihre Forschungsgeschichte im Weser-Ems-Kreis. Moore sicher und schnell zu durchqueren, war zu allen Zeiten ein Anliegen. Die dazu angelegten Bohlenwege sind der Forschung schon lange bekannt. Ihre Bauweise und ihr feuchtbodenbedingter exzellenter Erhaltungszustand bieten der Forschung mehr Erkenntnisse als so manch anderer zur Sensation aufgeblasener Einzelfund.
Vier hölzerne Übungsschwerter stellt Philipp Roskoschinski vor. Die durch sie gewonnen Einblicke in die militärische Ausbildung im Babaricum der älteren Römischen Kaiserzeit, spricht für ein regelmäßiges Waffentraining.
Frank Both unterzieht Rad und Wagenentwicklung einer genaueren Betrachtung. Aus Wagenresten, die quer durch die Urgeschichte bis in das Mittelalter nachgewiesen wurden, sind Rückschlüsse auf Transport und Verkehr möglich. Eine Reihung dieses Beitrags im Anschluss an die Ausführungen über Bohlenwege wäre m. E. thematisch sinnvoller gewesen.
Erhard Cosack stellt Überlegungen zu einem Brotopfer beim Bohlenweg XII (Ip) im Ipweger Moor an. Vom am Schreibtisch interpretiertem Brotopfer bis zum im Experiment verwendeten Achsfett”brot” reichen die interessanten Ausführungen.
Zuletzt wird noch das “Erfolgsmodell Einbaum” von Christina Wawrzinek näher beleuchtet. Denn auch diese sind aus Feuchtgebieten des Oldenburgerraumes bekannt und werden hier katalogsystematisch vorgestellt.
Der Band bietet einen guten Überblick über die Feuchtbodenfunde und den Forschungsstand in Nordwestdeutschland. Deutlich wird dabei, wie wesentlich organische Reste zum Klären offener chronologischer, wirtschaftlicher und ganz allgemein lebenspraktischer Fragen beitragen. Spannend aufbereitet und somit für Fach- und Laienpublikum gleichermaßen wertvoll.
© S. Strohschneider-Laue
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie
Siehe auch:
Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie
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Tags:Archäologie, Biologie, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Eisenzeit, Katalog, Mittelalter, Römer, Sistlau
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Donnerstag, 03. November 2011

Frank Both und Mamoun Fansa
Faszination Moorleichen
220 Jahre Moorarchäologie
Schriftenreihe des Landesmuseum Natur und Mensch 80.
Philipp von Zabern 2011, 119 S, zahlr. Sw- und Farbfotografien.
ISBN 978 3 8053 4360 2
Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie
Im Rahmen der Ausstellung 220 Jahre Moorarchäologie im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg sind zwei Begleitschriften erschienen. Vorliegende stellt die Moorleichen aus dem Weser-Ems-Raum in den Mittelpunkt.
Moorleichen sind ein steter Quell überraschender Erkenntnisse, die weit über das Erscheinungsbild des Menschen zwischen Eisenzeit und Mittelalter hinausgehen. Zugleich werfen sie leider oft mehr Fragen auf, als sie Antworten liefern. Was auch daran liegt, dass sie zumeist Zufallsfunde ohne ideale wissenschaftliche Bergungsbedingungen sind. Für die Ausstellung konnten jedenfalls neue Untersuchungen vorgenommen werden, deren Ergebnisse in diesem Band - inklusive einer Überschau aller bisherigen Funde - vorgelegt werden.
Komplette Moorleichen, ein Zopf, ein Hautstück sowie ein Knochen in einem Schuh bieten ganz unterschiedliche Aspekte zum Tod der einzelnen Individuen. Auch die Beifunde, der Beitrag von Julia Gräf widmet sich minutiös dem Fellumhang der Kayhauser Moorleiche, lassen nicht automatisch durch ihre exzellente Erhaltung einen allgemeingültigen “modischen” Rückschluss auf den gesamten Zeithorizont zu. Fundumstände, Erhaltungsbedingungen und Interpretationen, die sich im Laufe der Zeit - nicht nur aufgrund labortechnischer Möglichkeiten - verändern, zeigen, wie schwierig es ist, mit diesen spektakulären Funden zu verfahren. Andererseits ist der im Moor beerdigte 1828 verstorbene Hausierer Jan Spieker für die Archäologie ein wunderbares Beispiel dafür, wie Erhaltungs- und Verfallsprozesse im Moor in einem exakt überschaubaren Zeitrahmen ablaufen. Dennoch sorgen von der Analyse über Interpretation bis hin zur Präsentation im musealen Rahmen Leichen(teile) aus Mooren immer wieder für neuen Diskussionsstoff.
Der Verdienst des Bandes ist es, die historischen Fakten von Fund und Befund inklusive reichen Bildmaterials, durch ein Literaturverzeichnis abgerundet, vorzulegen und diese durch aktuelle Untersuchungen zu ergänzen. Der wichtige Beitrag zur Moorarchäologie ist zugleich auch breitenwirksam vorgelegt und kann daher dem interessierten Laienkreis ebenfalls empfohlen werden.
© S. Strohschneider-Laue
Faszination Moorleichen. 220 Jahre Moorarchäologie
Siehe auch:
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn. 220 Jahre Moorarchäologie
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AugenBlick | AmaZino
Tags:Archäologie, Biologie, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Eisenzeit, Katalog, Mittelalter, Römer, Sistlau
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Donnerstag, 03. November 2011

Neil Leifer
Guts and Glory
The Golden Age of American Football 1958-1978
Taschen 2011, Dt, Engl., Fr., 296 S, zahlr. Fotografien.
ISBN 978 3 8365 2786 6
Guts & Glory
“Amerikanischer Fußball” hat seine Wurzeln im Rugby und Fußball und seine Tradition reicht bis ins 19. Jh. zurück. Seit 1912 existiert die National Football League (NFL), über die immer wieder - vor allem ab den späten 80er-Jahren und als 1991 die World League of American Football veranstaltet wurde - in deutschsprachigen Sportkanälen berichtet wird. Raumgewinn lautet das Motto des American Football. Raumgewinn nach sehr vielen ausgefeilten Regeln, denn die Verletzungsgefahr ist trotz der schützenden Ausrüstung hoch.
Wie bei den meisten Sportarten ist es ein enormer Unterschied ein Spiel im Stadion oder bei einer Übertragung zu verfolgen. Taktik, Schnelligkeit und Körpereinsatz machen American Football im Stadion zu einem unvergesslichen Erlebnis. Dieses Erlebnis auf Fotos zu bannen, ist 1958-1978 - in den aufgehenden Sternstunden des American Football - keinem besser gelungen als Neil Leifer.
Der bei Taschen erschienene hochqualitative Fotoband zeigt American Football von seinen spektakulärsten Seiten. Dreisprachig stellen der Fotograf Neil Leifer und der Journalist Jim Murray den Sport und seine Bedeutung für diese Zeit vor. Den Hauptpart nehmen dennoch die Fotografien ein, die großartige Spielszenen, aber auch Spieler, Trainer, Security, Cheer Leader und Publikum in ganz persönlichen Momenten einfangen. In Regen und Sonnenschein, Eis und Schnee, Matsch und Staub wird um jedes Yard hart gekämpft.
Der Band wird ein umso größerer Bedeutungsträger je mehr sich die Betrachter für den Sport begeistern. Hardcorefans werden ihn für unverzichtbar erachten, sind doch bedeutende Mannschaften, Spieler und ihre wichtigsten Spiele dokumentiert. Fotografen werden sich für die eingefangenen Situationen, Perspektiven und Ausschnitte wie auch für Qualität der Bilder über den Rahmen von Dokumentation und Berichterstattung hinaus begeistern. Antisportler wie ich, die sich am American-Football-Fieber bei den Vienna Vikings angesteckt haben, werden Band nicht ins Regal schieben können, ohne ernsthaft über die Anschaffung einer neuen Kamera vor dem nächsten Spiel nachzudenken.
© S. Strohschneider-Laue
Guts & Glory
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Dienstag, 25. Oktober 2011

Gustav Klimt | Josef Hoffmann
Pioniere der Moderne
Belvedere
25. Oktober ‘11 bis 4. März ‘12
Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne

Mit dieser Ausstellung wird bereits jetzt das Klimt-Jahr 2012 im Unteren Belvedere eingeläutet. Im Mittelpunkt der Schau steht die Kooperation von Gustav Klimt (1862-1918) und Josef Hoffmann (1870-1956) im Sinne eines ganzheitlichen Kunstschaffens, das in alle Lebensbereiche hineinwirkt.
Tatsächlich gelingt es der Ausstellung den Themenkreis rund um die beiden Künstler und ihrer Weggefährten anschaulich und äußerst lebendig zu präsentieren. Den gegenseitigen - auch internationalen - Impulsen unter den Künstlern Raum zu geben und u. a. Werke von George Minne, Ferdinand Khnopff oder Jan Toorops zu zeigen, trägt zusätzlich zu einer inhaltlich ausgewogenen Präsentation bei.
Dem dekorativ-geschwungenen Jugendstil und den geometrischen Gestaltungsprinzipien der Wiener Moderne werden zahlreiche neue Facetten abgewonnen. Was auch darin begründet liegt, sich nicht auf die Malerei zu beschränken, sondern den künstlerisch-gestalterischen Gesamteindruck zu vermitteln. Diese Gestaltungsprinzipien können sich BesucherInnen quasi als “Katalog zum Abreißen” direkt von der Wand mitnehmen.
Nicht minder berücksichtigt wird daher auch der Aspekt des Kunsthandwerks, das nicht nur als Impulsgeber eine wesentlichen Anteil an der Stilrichtung und somit an der Umsetzung in der Malerei hatte. BesucherInnen können sich davon überzeugen, wie viele Objekte ihre Attraktivität bis in die Gegenwart beihalten haben. Allein die Bibliotheksleiter von Josef Hoffmann setzt ein bis heute gültigen Maßstab für funktionales Design.
Vor 100 Jahren entstand das als Gesamtkunstwerk zu betrachtende Palais Stoclet in Brüssel. Das bis ins kleinste Detail minutiös durchgestaltete Gebäude, zu dessen Ausstattung zahlreiche Künstler beigetragen haben, ist ein Meisterwerk und zugleich architektonisches Hauptwerk von Josef Hoffmann. Das noch immer in Familienbesitz befindliche Anwesen ist nicht öffentlich zugänglich. Immerhin kann man nun im Rahmen dieser Ausstellung nicht nur ein maßstäbliches Modell des Palais, sondern gleich einen annähernd originalgroßen Nachbau der Eingangshalle bewundern.
Beethoven-Ausstellung 1902, kuvolinearer Stil, geometrischer Stil, Wien-Brüssel Beziehungen, Moderne Raumkunst, Gustav Klimt und Emilie Flöge - Kostbarkeiten, Hermine Gallia - Klimt im Boudoir sowie Barbara Flöge und die Sonnenblume - der Mensch und die Natur sind zentrale Ausstellungsthemen. Die wichtigsten Basisinformationen können publikumswirksam per “Katalogseiten-Abriss” - man muss allerdings genau hinschauen, damit man die sich harmonisch in die Wandgestaltung einfügenden Seiten bemerkt - mitgenommen werden.
Der bei Prestel erschiene Katalog Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne
erweist sich als ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter. Darüber hinaus ist der gewichtige, aber erschwingliche Band eine Bibliotheksbereicherung für alle, die sich dem Zauber der Wiener Moderne nicht entziehen können.
Fazit: Der Mehrwert des Ausstellungsbesuchs liegt auch darin begründet, viel mehr zu sehen als “nur” Bilder von Gustav Klimt. Die Erlebnistour durch die Räume lässt in exzellent gewählten Ausschnitten das Raumgefühl der Zeit anklingen.
© S. Strohschneider-Laue
Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne
Aktuelle Ausstellungskataloge
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Tags:Ausstellung, Ebensolch Rez-E-zine 69/11, Jugendstil, Katalog, Kunst, Moderne, Sistlau, Wien
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Mittwoch, 19. Oktober 2011

Die Höhle der vergessenen Träume - Film
Film von Werner Herzog Frankreich/USA/Großbritannien/Deutschland 2010, 90′, 3D, Kinostart 4. November ‘11.
Trailer
Die Sondervorführung des Films “Höhle der vergessenen Träume” fand im Haydnkino statt. Zu dieser Preview, die zusätzlich zum Pressetermin abgehalten wurde, waren insbesondere ArchäologInnen eingeladen.
Im Mittelpunkt des Films steht die Grotte Chauvet in Südfrankreich. Die Höhle, die den Namen des Höhlenforschers und Entdeckers Jean-Marie Chauvet trägt, wurde erst Ende 1994 entdeckt. Sie offenbarte eine erstaunliche Menge und Vielfalt an erstklassig erhaltener, altsteinzeitlicher Höhlenkunst, deren Alter die bisher bekannten Malereien wie z. B. in Lascaux übertrifft. Die ältesten Bilder entstanden in der Zeit vor 35.000-32.000 Jahren, die jüngsten vor rund 25.000 Jahren. Ein Felssturz vor 22.000 Jahren, der die Höhle verschloss, verhinderte seither das Betreten des Gangsystems durch Menschen, trug aber zugleich zum guten Erhaltungszustand der Kunstwerke bei. Der restriktive Zugang, nur einem ausgewählten Wissenschaftsteam ist es vorbehalten die Höhle zu Forschungszwecken zu betreten, soll dazu beitragen, dass der Höhle nicht der derselbe Verfall droht, wie jener von Lascaux. Dort waren die Bilder von 1948 bis 1963 zu viel Licht, Wärme, Besuchsströmen und damit der Schimmelbildung ausgesetzt und konnten nur durch aufwendige Restaurierungsarbeiten vor dem vollständigen Verlust bewahrt werden. In der über 8.000 m² großen Chauvet-Höhle befinden sich vier Säle, an deren Wänden zahlreiche Tiere (u. a. Mammuts, Wollnashörner, Rentiere, Großkatzen, Bären, Hyänen) sowie Symbole und Handabdrücke zu sehen sind. Auf dem Höhlenboden hat sich eine menschliche Fußspur erhalten. Knochenfunde - vor allem von Höhlenbären - komplettieren das Fundspektrum aus der Höhle.
Interessierten war es bisher nur möglich wissenschaftliche Publikationen und Berichte zu verfolgen, um den Stand der Dinge rund um die Chauvet-Höhle zu erfahren. Der große Verdienst des Filmes ist es daher, einen 3D-Eindruck des reichen Bildschatzes zu vermitteln, der aus Denkmalschutzgründen nur wenigen Menschen zugänglich gemacht wird. Mit dem Film “Die Höhle der vergessenen Träume” werden 3D-Eindrücke der Höhle nach außen gebracht, die kein Printmedium in diesem Ausmaß bieten kann. Dafür erträgt man im Kino gerne eine zusätzliche Brille. Erfreut sich das Fachpublikum auch an dem ausführlich gebotenen Überblick im Inneren der Höhle, so schränkt sich die Freude bei der Interpretation, die weit über den wissenschaftlichen Rahmen hinausgeht, deutlich ein. Woran es auch liegen mag - seien es sprachliche Missverständnisse, Interviewmethoden oder mediale Ungeschicklichkeit der WissenschaftlerInnen - es gibt wissenschaftlich Unbelegbares, erzählerisch Unnötiges und zukunftsorientiert Spekulatives, das in einer an sich seriösen Dokumentation nichts verloren hat. Andererseits ist es ein Film von Werner Herzog. Er lebt seinen Hang zu poetischen Bildern, mystischen Zusammenhängen und zu spirituell angehauchter Musik aus und bringt andere dazu, es ihm gleichzutun - zumindest solange bis er sie bei seiner Vision von sprechenden Atom-Krokodilen im Epilog endgültig verliert.
© S. Strohschneider-Laue
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Mittwoch, 19. Oktober 2011

Mehr als ich kann - Film
Ein Film über den Pflegealltag im Verborgenen
Was es noch dazu zu sagen gibt (Zusatzfilm)
Ein Film von Herbert Link 2011, Dt., Gehörlosen Fassung, 45′, Zusatzfilm 13′.
Trailer

Die Filmpremiere im Votiv Kino war ein besonderer Abend, deshalb war bereits 14 Tage zuvor die letzte Karte vergeben. Der Saal war restlos ausgebucht, 200 InteressentInnen mussten abgewiesen und auf den 26. November ‘11 im Cine Magic vertröstet werden. Das Publikum war überraschend jung, wesentlich jünger als erwartet. In einer immer langlebigeren Gesellschaft sind es tatsächlich die Jungen, die - auch am Beispiel ihrer Großeltern und Eltern - erkennen oder erkennen sollten, dass auch sie länger alt sein werden, als sie je jung waren. Die Premiere leitete Birgit Meinhard-Schiebel (Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger) ein.
Nach dem Film über die Hospizbewegung und SR Mag.a Hildegard Teuschl CS (*1937-†2009), widmet sich der Filmemacher Herbert Link dem Pflegealltag. Die drei Kapitel des Hauptfilms “Mehr als ich kann” zeigen Aspekt zu “Warum wir?”, “Was darf ich noch leben?”, “Du bist die Starke!”. Bewegende, fesselnde und aufrüttelnde 45 Minuten, die alle Menschen betreffen. Der Zusatzfilm bietet noch weitere 15 Minuten über das “Was es noch zu sagen gibt …”.
Unverkennbar die Handschrift des Regisseurs: Unaufgeregtheit und Ruhe sind seine magischen Schlüssel, die die InterviewpartnerInnen öffnen. Zu Wort kommen Pflegende und Pflegebedürftige. Es sind sehr junge und alte Menschen - auf beiden Seiten des Pflegealltags. Kinder, die über das alterstypische Fürsorgemaß hinaus versorgt werden müssen und Schulkinder, die ihre hilfsbedürftigen Eltern versorgen. Vor allem Kinder agieren völlig unerkannt. Die Dunkelziffer soll laut Birgit Meinhard-Schiebel bei 20.000 Kindern in Österreich liegen, die als PflegerInnen von Angehörigen aktiv sind. Es sind sehr viele kranke und/oder alte Menschen, die in der Familie gepflegt werden und das ohne jene Unterstützungen, die für einen weniger aufreibenden Ablauf notwendig wären. Im Pflegealltag eingebundene Personen schildern in diesem Film ungedrängt ihre persönliche Situation. Oft verlieren sich die Pflegenden während der Pflege selbst, reiben sich unaufhörlich auf. Es ist ein 24-Stunden-Job ohne finanzielles Entgelt und Urlaubsanspruch oder Anerkennung. Ein gewaltiges Burnoutrisiko geprägt von Angst, Schuldgefühlen und Überforderung - selbst bei jenen, die aus der Branche kommen, den Umgang mit Patienten gelernt haben. Schuldgefühle, die von gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, die am Land stärker sind als in der Stadt, noch verstärkt werden.
Herbert Link verschafft den Betroffenen genau jene private Zeit in der Öffentlichkeit, die sie benötigen, um über das Kostbarste zu sprechen: Veränderung, Gesundheit, Zeit und (fehlende) Zuwendung. In Zeiten der budgetären Kürzungen in unwirtschaftlich geltenden Bereichen - somit alle soziale, bildungsrelvante und kulturelle Angelegenheiten - muss der alle Menschen betreffende Pflegealltag besonders laut und deutlich in die Öffentlichkeit getragen werden.
Die Botschaft des Films lautet daher: Werden Sie laut! Sprechen Sie über Pflege - besonders bevor sie notwendig wird. Der Pflegealltag findet (noch) im Verborgenen statt, das darf nicht so sein, das muss anders werden.
Filmvorführungen in Verbindung mit einer Lesung von Bärbel Danneberg aus Alter Vogel flieg können über die Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger gebucht werden.
© S. Strohschneider-Laue
Mehr als ich kann ist zu beziehen bei avp
Siehe dazu auch:
Ein “…ganz langsamer Walzer”, Film (30′) über das Wirken der Hospiz-Pionierin Sr. Hildegard Teuschl CS. Der Film ist bei avp erhältlich.
Alter Vogel flieg - Rezension
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Freitag, 14. Oktober 2011

Britta Jürgs - Bücherfrau 2011
Aviva Verlag 
Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse (12. bis 16. Oktober ‘11) luden die Bücherfrauen zur Ehrung der Bücherfrau des Jahres 2011. Gastgeberin war Karina Schmidt, Vorsitzende der Bücherfrauen - das Netzwerk von Frauen für Frauen aus allen Bereichen der Buchbranch. Sie konnte ein erfreulich großes Publikum begrüßen, unter das sich tatsächlich auch unfällig einige wenige Männer verirrt hatten. Die Buchbranche ist weiblich und kaum wird es deutlicher als bei diesem Ereignis. Dennoch sind eindeutig zu wenige Frauen in Führungspositionen und selbst dann sind sie zu wenig sichtbar, zu wenig laut und zu wenig gefeiert. Umso wichtiger sind Auszeichnungen wie diese, die 2011 an Britta Jürgs für ihre verlegerische Tätigkeit und ihr frauenspezifisches Engagement verliehen wurde.
Die Laudatio hielt Esther Dischereit. Eloquent spannte sie den Bogen von Autorinnenwunsch über Verlergerinnennotwendigkeit zum frauenspezifischen Stand der Dinge, der im besonderen Maße mehr als nur wirtschaftlichen Zwängen unterworfen ist.
Der Avia Verlag in Ebensolch Rez-E-zine: Schwarze Hunde. Bunte Hunde: Künstlerinnen und Schriftstellerinnen und ihre Hunde
- Rezension
© S. Strohschneider-Laue
Siehe auch die Studie zu Frauen in der Buchbranche:
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
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Tags:Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 68/11, Gender, Sistlau, Sozial
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Sonntag, 18. September 2011

Kritik oder Nichtkritik, ist hier die Frage …

Es ist wie beim Essen: Wenn Masse für gut gehalten wird, liegt es zumeist daran, dass Beliebigkeit vergleichbar ist.
Wenn Klasse nicht erkannt wird, liegt es an der fehlenden Bewertungsfähigkeit.
Wer nur Würsteln kennt, kann nur Würsteln vergleichen. Eine solide Grundlage für einen objektiven Vergleich.
Wer Klasse hat, urteilt nicht über Würsteln, wenn er Würsteln hasst. Mit subjektiver Ablehnung wird ein objektiver Vergleich nur sehr schwer möglich sein.
So scheint es mir auch mit der Rezensionskultur zu stehen, zu der Henrike Heiland einen verreißend guten Beitrag geschrieben hat.
Personalkritik - hier Rezensentenbeurteilung - bedeutet, sich zu überlegen, warum jemand einen Verriss schreibt. Es macht Mühe, es kostet Zeit und man kann sich gewaltig in die Nesseln setzen.
Wenn ein Buch tatsächlich so grottenschlecht ist, liest man es nicht (zu Ende) und schickt das Rezensionsexemplar zum Wohle des Verlages, der haushalten muss, und des Autors, der zufrieden bleibt, retour. Man isst ja schließlich weder ein faules Ei auf noch müllt man seine Bibliothek zu.
Was bleiben also für Gründe übrig? Selbstdarstellung, Groupie(un)wesen, Wichtigtuerei und Auch-mitreden-wollen sind sicher einige davon - wenn (so oder so) lancierte Besprechungen ausgeschlossen werden dürfen.
Schlechte Kritiken können Bücher zum Bestseller machen oder einstampfen, bevor die Druckerschwärze trocken ist. Und manchmal kann man nicht einmal mehr ausmachen, wie das Eine zum Anderen führte. Es stellt sich wohl eher die Frage: Kann man die Wirkung einzelner Kritiken abschätzen- abgesehen von der verheerenden Wirkung auf die AutorInnen?
Textlich diskreditieren sich ja manche “schreibende LeserInnen” ins Unermessliche und relativieren inhaltlich auf: Eigentlich wollte ich von meinem spannenden Leben, das viel interessanter ist, erzählen, aber dann habe ich über den Tellerrand des grauen Buchs geschaut und mein Mann ist deswegen verhungert, obwohl die Pornografie unerträglich war, habe ich es trotz seiner langweiligen 594 Seiten schnell zu Ende gelesen und bin jetzt noch mehr gegen Drogen.
Halten solche Meinungsäußerungen tatsächlich alle/viele potenzielle KäuferInnen ab oder nur den niveaugleichen Freundeskreis der Schreibenden?
Sicher ist, dass der im Wildwuchs gepflückte Rezensionsstilblütenstrauß aus … hilfreiche Kritik der Endverbraucher gerne vergrößert werden darf.
© S. Strohschneider-Laue
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Samstag, 17. September 2011

Axel Brennicke
Wollen sie wirklich Wissenschaftler werden?
… dann los!
Spektrum 2011, 214 S.
ISBN 978 3 8274 2755 7
Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden? …dann los!
Wissenschaft ist eine Berufung und von der Berufung lässt sich selten die Miete zahlen. Neugier statt Rampenlicht, systematisches Entschlüsseln statt Geld zählen, lautet die Warnung, die von diesem Buch an Studierende ausgeht. Das Buch ist dazu da, Anstoß zu geben und zu nehmen sowie darauf anzustoßen, wenn sich wieder jemand trotz aller Warnungen für die Wissenschaft entschieden hat. Amüsant ist es obendrein - besonders bei der bitteren Wahrheit, denn Mäßigung ist nicht der zweite Vorname des Autors.
Vorwörter und Vorgeplänkel leiten das Buch ein. Ein kurzes Anlesen genügt, um süchtig zu werden und zu vergessen, dass man nach 50 flotten Seiten nicht einmal einen Blick ins Inhaltsverzeichnis geworfen hat. Ja, es gibt ein Inhaltsverzeichnis. Am Ende des Buches kann man durchaus auch feststellen, dass es sieben systematisch aufgebaute Kapitel gibt, die mit Entscheidung, Auf dem Weg, Wissenschaftler - heimatlos in der Welt, Freischwimmer, Später, Typologie des Profs und Danach betitelt sind.
Ungeschminkt erzählt Axel Brennicke, der es als Wissenschaftler am besten wissen muss, über die gestellten Fragen, die beantwortet werden, damit man vor dem Ergebnis warnen kann. Eine Tatsache, die jeder Forscher tief ins Auge sehen muss, ist, dass seine Antworten zwar überall gehört werden, seine Warnungen aber ungehört verhallen. Eine weitere Tatsache ist: Grundlagenforschung wird nicht das Einzige sein, das man Laien kaum verständlich machen kann.
Obwohl aus der Erfahrungsecke des Professors für Molekulare Botanik geschrieben, kann sich das ganze Spektrum der Wissenschaftler wiederfinden - vielleicht mit Ausnahme der Juristen. Das unvermeidliche Frauenkapitel glänzt durch brillante Formulierungen aus der Kategorie Eiertanz. Nach einer Umfrage unter meinen Wissenschaftskolleginnen hat sich in diesem Buchabschnitt außer Amüsement bei der Stellenbesetzungspolitik, keine Identifikation breitgemacht. Hofieren scheint eine männliche Formulierung für normales Interagieren zu sein, wenn es darum geht, dass ein Mann der Frau den Kaffee eingießt und nicht umgekehrt. Das brillante Buch schmälert das keinesfalls.
Was es noch darüber gesagt werden muss:
Es sollte Pflichtlektüre im Abitur-/Maturajahr sein - auch für die Eltern.
Es sollte Pflichtlektüre für jene politisch Verantwortlichen sein, die Studenten, Institute, Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und das zugehörige Personal aushungern.
Ich habe es bereits dreimal verschenkt und ich verschenke nur, was ich erstklassig finde.
© S. Strohschneider-Laue
Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden? …dann los!
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Dienstag, 06. September 2011

Karina Grömer
Textilkunst in Mitteleuropa
Geschichte des Handwerks und der Kleidung vor den Römern
Mit Beiträgen von Regina Hofmann-de Keijzer (Färben) und Helga Rösel-Mautendorfer (Nähen).
Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung (VPA) 4
Naturhistorisches Museum Wien 2010, 474 S., 474 Seiten mit über 200 Fotos, Grafiken und Illustrationen.
ISBN 978 3 9024 2150 0
ISSN 2077 - 3943
Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa 
Die Leichtigkeit des Textes lässt kaum vermuten, dass die kulturhistorisch spannende Publikation aus einem internationalen Forschungsprojekt resultiert. Das EU-Projekt „DressID ‒ Clothing and Identities. New Perspectives on Textiles in the Roman Empire“, ermöglichte die genaue Untersuchung vorrömischer Textilien am Naturhistorischen Museum Wien.
Fünf gut untergliederte Kapitel führen interessierten Laienkreis und wissenschaftliches Fachpublikum gleichermaßen in den aktuellen Forschungsstand rund um das Textilhandwerk ein. So bietet die Einführung einerseits Basiswissen zum urgeschichtlichen Mitteleuropa und andererseits fundierte Grundlagen rund um prähistorische Textilfunde. Chronologietabelle, Lebensbilder und zahlreiche Fotos ergänzen den Text.
„Handwerkstechniken ‒ von der Faser zum Stoff” präsentiert den gesamten Herstellungsablauf vom Rohmaterial über Aufbereitung, Verarbeitung und Veredelung bis hin zum genähten Endprodukt von Textilien. Bestechend ist das erarbeitete Schema, das zusätzlich zu zahlreichen Grafiken und Fotos die Arbeitsabläufe leicht nachvollziehbar sowie optisch gut fassbar macht.
Das archäologische Fundmaterial besteht selten aus ganz erhaltenen Textilien. Zumeist sind nur winzige “Stofffetzen” erhalten geblieben. Dass sich daraus dennoch Herstellungstechniken, Produktionsabläufe und Vertriebsstrukturen rekonstruieren lassen, ist minutiösen Analysen zu verdanken. Überraschend offenbaren sich dabei Produktionsniveaus, soziologische Aspekte sowie der enorme Stellenwert der Textilproduktion, dessen Arbeitsanteil im Tagespensum hoch war.
Textilien wurden nicht nur für Bekleidungszwecke erzeugt. In prähistorischer Zeit war der Gebrauch in allen Lebensbereichen üblich und schloss somit auch das Totenbrauchtum ein. Textilien waren aufwendig herzustellen und daher wertvoll. Flicken und recyceln von Geweben bis zum endgültigen Verschleiß waren selbstverständlich. Das Schema zur Gewebeverwendung macht die zahlreichen Primär- und Sekundärnutzungen deutlich.
Der Bekleidung wird auch aus trachtgeschichtlichen Gründen Aufmerksamkeit zuteil. Chronologisch gegliedert und über den Textilanteil hinausgehend vermittelt die Autorin, aus wie vielen zeitlich und räumlich verteilten Quellen kostümkundliche Rekonstruktionen schöpfen. Dieses Gewebepuzzel ist zu lückenhaft, um allgemeingültig zu sein. Neben zahlreichen Beispielen werden Bekleidungsreste - ein Ausnahme-Ensemble - der Gletschermumie vom Hauslabjoch „Ötzi” ausführlich vorgelegt.
Eine kurze englische Zusammenfassung rundet den Band ab. Im Anhang sind das benutzerfreundliche Glossar zu textilkundlichen und archäologischen Begriffen, das Abbildungs- und das umfangreiche Literaturverzeichnis sowie Namens-, Orts- und Sachregister zu finden.
Ein großer Verdienst des Werkes ist es, publikumswirksam das Vorurteil einer in grau-braune Wolle gehüllte Urgeschichte zu einer Vorstellung zu wandeln, die designreiche und farbenfrohe Stoffvielfalt vorzieht. Der vorgelegte aktuelle Forschungsstand belegt, dass ausgefeilte Techniken, kreative und organisierte Schaffensprozesse bei einer erstaunlich vielfältigen Produktpalette bereits in prähistorischer Zeit Standard waren. Die großzügige Illustration von Produktions- und Nutzungsprozessen runden den Lesegenuss optisch perfekt ab.
Ein unverzichtbares Standardwerk!
© S. Strohschneider-Laue
Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa
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Tags:Archäologie, Österreich, Bronzezeit, Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Eisenzeit, Europa, Kultur, Mode, Sistlau, Steinzeit
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Dienstag, 16. August 2011

Annette Philp
Sehstern
Wie Kinder von der Kunst lernen
Kerber 2011, 95 S., zahlr. Fotos
ISBN 978 3 8667 8508 3
Sehstern
Kunstvermittlung wird nicht nur in den Münchner Pinakotheken gerne angenommen. Begegnungen von Kindern mit Kunst an der Schnittstelle von Kreativität und Ökonomie werden hingegen viel zu selten einer genaueren Analyse unterzogen. Umso wichtiger, dass die Ergebnisse des Projekts “Sehstern”, das zwischen 2007 und 2010 an den Münchner Pinakotheken angeboten wurde, mit dieser Publikation vorgestellt werden.
Ausgehend von einer historischen Übersicht zu Kreativität und Begabtenförderung wird an die während des Projektes gewonnen Erkenntnisse herangeführt. Im Zuge dessen werden elf Grundsätze, die sich auf die Arbeit im Museum beziehen, aufgestellt. Systematische Präsentation der Praxis - Kindergarten, Kinderworkshop, Exkursionen, Jugendprojekt - lassen die Herangehensweisen deutlich werden. Textbeiträge von Ingmar Ahl, Kristine Oßwald und Martina Scherf runden die Analyse ab.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse sollte allen zu denken geben: Unkonventionelles Vermitteln öffnet der kindlichen Neugier und Kreativität jenen Spielraum, den Heranwachsende benötigen, um die Kunstobjekte selbst - im Sinne eines Lehrers - anzunehmen. Neugier und Kreativität bieten daher die Basis, um den Weg zur Erkenntnis beschreiten zu können, um dadurch Wissen tatsächlich auch lebenslang zu erwerben.
Fotos aus dem Projektverlauf begleiten den Inhalt anschaulich. Schade ist, dass die Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis nicht immer stimmig sind, was dem Inhalt selbst natürlich keinen Abbruch tut.
Eine Basispublikation für alle mit Kulturvermittlung innerhalb und außerhalb von Museen Befasste.
© S. Strohschneider-Laue
Sehstern: Mit begabten Kindern die Pinakotheken durchforschen
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Freitag, 22. Juli 2011

Corinna Hesse
Italien hören
Silberfuchs Verlag 2011, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6523 2
Italien Hören
Feste, Tradition und ohne Gegensatz dazu steter Wandel zeichnen Italien aus. Vom klassischen Erbe, das aus griechischer Tradition schöpfte und sich anschließend mit der gesamten damaligen Welt verband bis zur Gegenwart führt der kulturelle Streifzug.
In 19 kulturellen Häppchen wird das italienische Werden als perfektes Dinner für die Ohren serviert. Von göttlichen Wurzeln, den Etruskern und deren Städtebündnis ausgehend, entstand die antike Weltmacht Rom. Das römische Imperium verfällt, das Christentum setzt seinen Siegeszug fort und prägt Literatur, Kunst und Kultur. Mit Beginn der Neuzeit rücken der Mensch und sein Schaffen wieder in den Mittelpunkt. Architektur, Kunst, Literatur und Musik schwingen sich zu ungeahnten Höhen. Der Drang zur Einheit und Unabhängigkeit führt schließlich im 19. Jh. zum Königreich über ein wirtschaftlich duales Land. Der Blick nach vorn mündet schließlich nach dem Ersten Weltkrieg im Faschismus. Hier offenbart sich die Schwäche der CD, denn zwischen der Machtergreifung Mussolinis und dem Einmarsch der Alliierten klafft eine schmerzliche Lücke, die auch die anschließende gute Dokumentation der Nachkriegszeit nicht wettmacht.
Die sonore Stimme von Rolf Becker leitet wohl moduliert durch 80 kurzweilige Minuten. Passende Musik- und Literaturzitate lassen die Geschichte vor dem inneren Auge auferstehen. Roswitha Röschs Grafik unterstreicht von Cover über Booklet passend das Werden Italiens von seinen antiken Wurzeln bis in die Gegenwart.
Ein weiteres Qualitätsprodukt aus der mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Länderreihe. Gemeinsam ist allen bereits produzierten Hörreisen der “Gerne-wieder-hören-Faktor”, der auch auf “Italien hören” zutrifft.
© S. Strohschneider-Laue
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Freitag, 22. Juli 2011

Christopher Howgego
Geld in der Antiken Welt
Eine Einführung
Philipp von Zabern 2011², 229 S., zahlr. Sw-Fotos
ISBN 978 3 5342 3940 5
Geld in der Antiken Welt: Eine Einführung
Numismatiker und Studierende Alter Geschichte und archäologischer Disziplinen kommen an diesem Buch nicht vorbei. Zum einen, da Geld als “drittes Gut” historischen Abläufen eine eigene Dynamik verleiht und zum anderen dieses auch alle anderen nichtmonetären Gemeinschaften nachhaltig beeinflusst. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass Münzen nicht nur eine Datierungshilfe sind, sondern auch sonst schwer fassbare politische Geschehnisse dokumentieren und ökonomische Verhältnisse und Netzwerke offenbaren.
Die Stärken des Buches offenbaren sich bereits in seiner zielgerichteten Gliederung und seinem Hauptaugenmerk auf geldhistorischen Fakten, die letztlich auch in modernen nationalökonomischen Strukturen nachvollziehbar werden.
Die sechs Kapitel widmen sich
•Geld (Geschichte des Münzgeldes, gesellschaftliche Veränderungen, Gebrauch in Athen und Rom),
•Münzprägung (Metallvorkommen, Münzstätte, Emissionen, Prägegründe, Prägung und Staatshaushalt),
•Großreiche (Münzprägung und Imperialismus, Athen, Persien, Philipp II und Alexander, Seleukiden, Ptolomäer, Attaliden, Rom),
•Politik (Münztypen und Politik, Repräsentation in Griechenland und Rom, Typenwahl und Intention, Publikum und Rezeption, Bildrepertoire und Sprache), Themen der Macht (Göttlichkeit, Legitimation und Nachfolge, kaiserliches Bildrepertoire, Ideologie der Wohltätigkeit),
•Geldumlauf (Überlieferung und Grenzen, Gründe des Umlaufs, archaische Zeit, spätklassische und hellenistische Zeit, römische Zeit - städtisch und regional, Ausfuhr, Chronologie, Analyse, Dezentralisierung),
•Krise (Athen und Rom, Währungen unter Druck, römische Geldmanipulation, Inflation - Geldmenge, Münzverschlechterung, Geldreform-, Krise des 3. Jh.).
Das ebenso fundierte wie exzellent strukturierte Werk wird durch einen umfangreichen und benutzerfreundlichen Anhang inkl. Register komplettiert. Das ohnedies schon komplexe Literaturverzeichnis wird zusätzlich mit der nach 1996 erschienen Publikationen in den Literaturnachträgen ergänzt und kapitelbezogen auf den aktuellen Forschungsstand gebracht. Der Tafelteil belegt die Kapitel in perfekter Auswahl und Bildqualität.
Eine unersetzliche Pflichtpublikation, die in der aktualisierten Neuauflage nochmals gewonnen hat.
© S. Strohschneider-Laue
Geld in der Antiken Welt: Eine Einführung
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Tags:Antike, Archäologie, Ebensolch Rez-E-zine 67/11, Handbuch, Römer, Sistlau
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Donnerstag, 21. Juli 2011

Bernd Hüppauf
Vom Frosch
Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie
transcript 2011, 417 S., Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 8376 1642 2
Vom Frosch: Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie 
Das Mensch-Tier-Verhältnis wird in dem Werk am Beispiel des Frosches einer näheren Betrachtung unterzogen. Erstaunlich, wie nahe sich Menschen und ausgerechnet eine Amphibie stehen können. Wer allerdings einen kurzweiligen Einstieg in die Mensch-Frosch-Beziehung erwartet, wird enttäuscht sein. Wer Grundlagenforschung vermutet, wird eine persönlich geprägte, kulturgeschichtliche Materialsammlung vorfinden. Diese Sammlung offenbart allerdings immer wieder massive Schwächen durch ihre breite Fächerung. Den wissenschaftlichen Diskurs am aktuellen Stand zu verfolgen und Interpretationen nicht aus dem Zusammenhang zu reißen, ist eben schwierig. So geraten dem Autor in Folge nicht nur die “steinzeitlichen Figurinen”, “linearkeramischen Figuren von Frauen” mit der sog. “Frauenkröte aus Maissau” in einen nicht nachvollziehbaren mind. 30.000 Jahre umfassenden chronologischen und zum Frosch völlig belanglosen Zusammenhang.
Das ausdrückliche Ziel von Bernd Hüppauf ist es allerdings, “den Frosch im kulturell Imaginären” zu suchen. Die Einleitung widmet sich daher dem Mensch-Tier-Verhältnis, wirft einige Schlaglichter auf Frösche an sich und ihren kulturellen Stellenwert. Die nachfolgenden Kapitel sind der Theologie und Magie, Frosch und Wissenschaft sowie zuletzt dem Ökofrosch gewidmet. Da es sich hier nicht primär um eine naturwissenschaftliche Analyse rund um den Frosch handelt - obwohl Spiegelneuronen mehrfach thematisiert werden, sollte man keinen zoologischen Fokus inklusive Storch oder Ringelnatter als natürliche Feinde erwarten. Aber mit der Feststellung, dass Frosch und Mensch zu einem gemeinsamen Ökosytem gehören, das es zu erhalten gilt, befindet sich Hüppauf auf Augenhöhe mit den zeitgeistigen tierphilosophischen Betrachtungen und ökologischen Forderungen.
Nahezu 50 Seiten im Anhang betreffen den Kapiteln zugeordnete Endnoten. Sie stellen beim Lesen eine Herausforderung an die Handhabung dar. Die Literaturliste ist ebenso umfangreich, wie das Register, das sich auf die zitierten Persönlichkeiten beschränkt, enttäuschend.
© S. Strohschneider-Laue
Vom Frosch: Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie
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Dienstag, 05. Juli 2011

Glücksmomente

Viele gute Wünsche werden zu Geburtstagen ausgesprochen. Täglich einen kleinen Glücksmoment am Wegesrand zu finden, ist unter diesen lieben Wünschen ganz besonders wertvoll.
Glücksmomente sind unaufdringlich und werden daher gerne übersehen oder als selbstverständlich erachtet. Das ist Verschwendung purer Lebensenergie. Das Leben ist wie ein großes leeres Album, das man mit Highlights - fantastischen und schmerzhaften Erinnerungen - füllt. Bei manchen dominieren Gefühle und Bilder, aber Klänge und auch Geschmack sowie Geruch sollten im Album gesammelt werden.
Der Schwimmbadklang der Kindheit.
Der Duft des Tees, den man mit den Eltern trinkt.
Das selbstgefertigte Geschenk des bitterarmen Freundes.
Der tiefe Atemzug des sterbenskranken Kindes.
Nach einer Ewigkeit wieder einmal Meersalz auf den Lippen.
Die extra von der Freundin gebackenen Buchteln.
Weiche, warme und wunderhübsche selbstgestrickte Wollsocken.
Das absolute Nichts, wenn Schmerzen endlich weg sind.
Vertrauen, das bestätigt wird.
Das Album hat bisher bunte und düstere Seiten. Mal sehen, was die kommenden weißen Seiten für Glücksmomente einfangen.
© S. Strohschneider-Laue
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Montag, 27. Juni 2011

Saeta Godetide, Carolin Küllmer
Wikinger Kochbuch
J. Neumann-Neudamm, FEL!X 2011, 161 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 7995 0859 9
Das Wikinger-Kochbuch
Aus wenigen Epochen liegen Küchenrezepte vor, auf die man bei seinen Recherchen aufbauen kann. Kochbücher, wie das des römischen Starkochs Apicius, haben quer durch die Geschichte Seltenheitswert. Hinter historischen Kochbüchern steckt daher sehr viel Arbeit. Es gilt in Originalquellen zu recherchieren, Funde und Befunde von Ausgrabungen zu analysieren und mit viel Sachkenntnis rund um die zeitgenössische Flora und Fauna sowie mit Geduld zu experimentiert. Nicht zuletzt gilt es persönliche Opfer zu bringen, wenn es um das Verkosten der Erstversuche geht. Dass sich alle diese Mühen lohnen, zeigt das vorliegende Buch.
Dass die beiden Autorinnen nicht im luftleeren Raum ihren Brei rührten, belegen die Einführungskapitel. Zuerst werden Zeitrahmen, Umfeld und Bewohner vorgestellt; denn über die Wikinger kursieren zwar unausrottbare Gerüchte, aber um so weniger bekannte Gerichte. Göttermythen, Ausgrabungsfakten und vor allem eine riesige Portion Reenactment-Erfahrung liefern eine nachvollziehbare Basis, die es auch ermöglicht, selbst eine Lagerküche auszustatten.
Der übersichtlich gestaltete Rezeptteil folgt der heutigen Tradition, das Essen mit der Suppe beginnen zu lassen und es nach der Hauptspeise mit dem Dessert zu beenden. 50 Rezepte mit Angaben wie viele (oft sehr viele!) Personen man damit verköstigen kann und wie viel Aufwand es bedeutet, diese Speisen über einem offenen Feuer zu kochen, lesen sich wie ein appetitlicher Erfahrungsbericht. Lebenspraktisch und nachvollziehbar sind die Beschreibungen, die selbstverständlich auch in einer modernen Küche zubereitet werden können. Zahlreiche Fotos begleiten die Rezepte, sodass an einem appetitlichen Ergebnis kein Zweifel aufkommen kann.
Wildkräuter- und Brotsuppe, Sauerteigbrot mit Kräuterquark, Gemüsespieße, Dinkelsalat oder vegetarische Buletten erfreuen auch Vegetarier. Fleisch in Unmengen kam nämlich auch bei den Wikingern nicht auf den Tisch. Aber Fisch ist ja auch nicht zu verachten. Allein die Heilbuttsuppe und die Fischbällchen sind es wert, das Fleisch stehen zu lassen. Andererseits mag auch ein Fleischtopf mit Rotkohl, ein Methuhn oder Hammel mit Kohl viele Anhänger gewinnen. Hirsebrei, Eierkuchen und Holundersuppe mit Grießklößchen ist hingegen der Traum für alle Leckermäulchen. Andere Spezialitäten polarisieren wahrscheinlich. Gesengter Lammkopf und der berüchtigte fermentierte Hai sind eher etwas für unverdrossene und mutige Esser.
Nützliche Tipps abseits der Rezepte schließen sich zuletzt an. Wann man am besten zu Wildfrüchten und Kräutern kommt, verrät der Sammelkalender und Saetas Einkaufsliste sollte man wie eine Gabe der guten Küchenfee beherzigen. Literaturliste und Internetverweise beschließen das ebenso lebensfroh wie reich bebilderte Wikingerkochbuch inhaltlich.
© S. Strohschneider-Laue
Das Wikinger-Kochbuch
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Sonntag, 26. Juni 2011

Essen oder speisen?

Beliebigkeit dominiert die Speisekarten:
Würfelbouillion mit exakt einem grünen Fettauge als Vorspeise.
Frisch zubereitetes Tiefkühlschnitzel - formgleich - als Hauptgang.
Zur Auswahl plastikpinke oder fugengipsbraune Maschinentorte als Nachspeise.
Wenn die Fabriksnorm dominiert, wird sie zur Masse. Wenn Masse für gut gehalten wird, liegt es zumeist daran, dass Beliebigkeit vergleichbar ist. Alles, was nicht vergleichbar ist, wird unbeliebt, weil unbeliebig. Wer also zur Mehrheit gehören und von dieser akzeptiert werden will, bevorzugt Fabriksprodukte, die massengesellschaftskonform sind.
Fertiggerichte werden möglichst billig erzeugt. Durch Fooddesign (Form, Farbe, Konsistenz, Bissgeräusch, Aromen etc.), Verpackung und Namensgebung werden sie aufgewertet. Werbung und Massentouristenhaltung sorgen für den Gewöhnungsvorgang. So kann auch daheim die Illusion vom “Speisen wie im Urlaub” vermittelt werden.
Uniformes Essen ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein gelungenes Verkaufsgespräch.
Kein Vergleich also zur Rindfleischsuppe mit Gartengemüse, dem Zwiebelfleisch mit Zucchini und den Nussecken, die meine Mutter zubereitet. Solch unglaublicher Genuss bleibt jenen vorbehalten, die Individualität bevorzugen. Andererseits fahren wir nicht nach Kenia, um Spaghetti Bolognese zu essen.
© S. Strohschneider-Laue
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Samstag, 25. Juni 2011

Marcel Robischon
Planet der Insekten
Haupt 2011, 224 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 2580 7655 3
Planet der Insekten
Insekten sind die wahren Herrscher der Erde. Wer es nicht glaubt, sollte sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass Insekten mit 1,5 Milliarden pro Mensch allein mengenmäßig enorm im Vorteil sind. Die Dunkelziffer liegt viel höher. Die Methode, die Insekten verwenden, um ans Ziel ihrer Wünsche - die Eroberung der Weltmeere gehört nicht dazu - zu gelangen, degradieren jede menschliche Intrige, jede menschliche Strategie und jede menschliche Erfindung zu Kinderkram. Wer es insektenfrei will, muss sich daher Kiemen wachsen lassen und in (!) die Ozeane übersiedeln.
Genau an diesen Extremen und den Erfolgskonzepten des Insektenreichs setzt dieses faszinierende Buch des Forstwissenschaftlers Robischon an. Was in solchen Massen vorkommt und zum Teil noch unentdeckt kreucht und fleucht, mag zwar vielgestaltig sein, ist aber trotzdem meist namenlos - bis die Wissenschaft es mühsam versucht zu klassifizieren, zu benennen und seines Geheimnisses zu entkleiden.
In 19 Kapiteln stellt Marcel Robischon den mühseligen aber ungemein spannenden Weg der Forschung durch die Jahrtausende vor. Gleichzeitig zeigt er auch den täglichen Siegeszug der Insekten - darunter manche, die bereits als ausgestorben galten. Pointiert und an außergewöhnlichen Beispielen belegt er die Vielgestaltigkeit, Zähigkeit und enorme Leistungsfähigkeit von Insekten. Insekten benutzen z. B. ihr eigenes kaltes Licht oder laden ihre “Flugbatterien” mit Sonnenlicht auf und sie lassen sich von Tieren und Pflanzen durch gute Taten sowie mit bösen Tricks durchfüttern. Erstaunlich sind ihre Flugfähigkeiten, Kommunikationsmittel und Sinnesleistungen. Sie sind vermehrungsfreudig und zu enormen “sportlichen” Hochleistungen u. a. hinsichtlich Ausdauer, Tempo oder Sprungkraft fähig. Zugleich sind sie für den Menschen Fluch und Segen - u. a. als Seidenraupen, Honigbienen oder Zirkusflöhe. Sie sind Nützlinge, Schädlinge und wichtige Indikatoren für Umweltbelastungen und Anzeiger des Klimawandels.
Ein großartiges Buch, das gleichzeitig als spannende fachwissenschaftliche Lektüre, historische Anekdote sowie fotografische Augenweide - ohne ein oberflächlich-hübscher Bildband zu sein - besticht. Ob man Insekten liebt oder hasst, mehr über sie zu wissen, ist ein Gewinn und mit dieser Lektüre ist dieser Gewinn auch noch überaus fesselnd.
Literatur und Quellen werden im Anhang umfangreich angeboten, sodass ein vertiefender thematischer Einstieg leicht möglich ist. Ein benutzerfreundliches Register beschließt den außergewöhnlichen Band.
© S. Strohschneider-Laue
Planet der Insekten: Von duftenden Ameisen, betrügerischen Leuchtkäfern und gespenstischen Faltern
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Montag, 20. Juni 2011

Amazonen
Das Brustkrebs-Projekt von Uta Melle
Kehrer 2011, 128 S., zahlr. Fotos.
ISBN 978 3 8682 8209 2
Amazonen - Das Brustkrebsprojekt von Uta Melle
Brustkrebs ist weiblich - das Risiko für Männer liegt “nur” bei 1:100. Brustkrebs ist mit fast 30% die häufigste Krebserkrankung. Brustkrebs tötet mehr Frauen als jede andere Krebsart und bei Brustkrebs kommt mehr als der Kampf ums nackte Überleben hinzu.
Die Diagnose Brustkrebs ist niederschmetternd und sie war viel zu lange ein Tabu. Ein Tabu, das erst in den letzen Jahren durch Gesundheitskampagnen an Bedeutung verliert. Es ist für betroffene Frauen wichtig zu sagen: Wir kämpfen, wir leben, wir sind schön, wir sind verletzlich - obwohl wir stark sind - und wir sehen dem Tod ins Gesicht. Es darf nicht sein, dass das Umfeld erst am Fehlen der Haare merkt, dass Frauen um ihre Würde ringen und ihr Leben kämpfen.
Als Uta Melle an Brustkrebs erkrankte, nahm sie 2009 mit einem aufsehenerregenden Fotoshooting von Jackie Hardt Abschied von ihren Brüsten. Mit weiteren Frauen, die ebenfalls durch die Brustkrebshölle gingen, tritt sie im Frühjahr 2010 auch vor die Kamera von Esther Haase. Vorliegender Band versammelt die einzigartigen Fotos dieser Shootings. Die Texte von Sophie Albers und Beate Wedekind fangen dazu den O-Ton der Protagonistinnen und persönliche Eindrücke ein. Nadine Barth (Herausgeberin) und Julia Wagner (Art Direktorin) schufen aus der harten Realität einen ebenso harmonischen wie fantastischen Band.
Die Fotos von Jackie Hardt und Esther Haase zeigen starke, schöne, fröhliche, verletzliche und beispielgebende Frauen: facettenreiche Amazonen in Farbe und kontraststarke Aktivistinnen in Schwarz-Weiß.
Eine der Amazonen ist Mareike. Sie bringt es auf den Punkt: “Bilder sagen mehr als 1.000 Worte.”
Insbesondere das Foto von Ursula, jene Amazone, die den Kampf gegen den Krebs im Dezember 2010 mit ihrem Leben bezahlte.
© S. Strohschneider-Laue
Amazonen - Das Brustkrebsprojekt von Uta Melle
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Donnerstag, 09. Juni 2011

Anton Holzer, Frauke Kreutler (Hgg.)
Trude Fleischmann
Der selbstbewusste Blick | A Self-Assured Eye
Hatje Cantz 2011, Dt./Engl., 199 S., zahlr. Sw-Fotos.
ISBN 978 3 7757 2780 8
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick
Trude Fleischmann (1895-1990) hatte ein Atelier in Wien, das von 1920 bis zu Ihrer Flucht 1938 ein kultureller Treffpunkt war. Porträts, Tanz, Mode und Werbung, aber auch Reisemotive standen im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Die rasche Umwegrentabilität von Promifotos und Skandalbildern, die Bekanntheitsgrad steigern und Business ankurbeln, ist heute hinlänglich bekannt. Damals wurde ähnlich gearbeitet, aber zumeist nicht mit ganz so schnellem Effekt. Die Aktfotografien der Tänzerin Claire Bauroff, die erst durch die polizeiliche Beschlagnahmung in Berlin sprunghaft an Bekanntheitsgrad gewannen, verhalfen jedenfalls beiden Frauen zu nachhaltigem Erfolg. Das Wien Museum kaufte bereits 1936 Fotografien aus ihrer Atelier für die Sammlung an.
Nach dem Anschluss Österreichs beantragte Trude Fleischmann ein Ausreisevisum. Sie wurde enteignet und verließ mit nur wenig persönlicher Habe 1938 Wien. Sie emigrierte in die USA, wo es Ihr gelang eine neue Existenz in New York aufzubauen. Trude Fleischmann hatte Glück im Unglück - nicht allen Wiener Fotografinnen jüdischer Herkunft war dasselbe Schicksal beschieden.
Die Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum hat über diese hinaus Bestand. Zweisprachig abgefasst, zeigt es überwiegend im Bestand des Museums befindliche Fotografien. Es gab sie auch schon zu dieser Zeit: Frauen hinter der Kamera und mit eigenem Studio. Schön, dass einer dieser - überraschend zahlreichen - Atelierfotografin eine Ausstellung und ein Katalog gewidmet wurde. Fotografinnen aus der Zwischenkriegszeit, deren Werke im Katalog abgebildet sind - Edith Barakovich, Marianne Bergler, Stephanie Brandl, Papa Feldscharek, Trude Geiringer, Edith Glogau, Kitty Hoffmann, Dora Horowitz, Dora Philippine Kallmus, Hella Katz und Grete Kolliner -, werden ebenfalls mit biografischen Notizen gewürdigt. Beiträge von Astrid Mahler, Frauke Kreutler, Anton Holzer, Marion Krammer, Heike Herrberg informieren über Leben und Werk von Trude Fleischmann sowie fotografisches und kulturelles Umfeld jener Zeit.
Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet den exzellenten Katalog ab. Eine gelungene, da ebenso gut gegliederte wie flüssig abgefasste, Pflichtlektüre zur Fotografie, Zeitgeschichte und Frauenforschung. Dass das Gesamtlayout die Fotografien stimmig begleitet und ein harmonischen Gesamteindruck erzeugt, ist ein zusätzlicher Bonus.
© S. Strohschneider-Laue
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick
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Montag, 16. Mai 2011

Weltreisende
Ida Pfeiffer

Auf dem Wiener Zentralfriedhof befindet sich das Ehrengrab von Ida Pfeiffer. Sie wurde 1797 in Wien geboren und durch ihren Vater mehr intellektuell gefördert, als es der Mutter lieb war. Nach dem Tod des Vaters bereitete die realistisch denkende Mutter die kleine Ida auf das typische Frauenschicksal jener Zeit vor: ordentliche Hausfrau, treue Gattin, fürsorgliche Mutter. Aber Idas Ehe scheiterte, die zwei Söhne zog sie alleine auf. Mit 45 Jahren war sie endlich frei, frei ihre erste lang ersehnte Reise anzutreten. Es folgten 16 ebenso entbehrungsreiche wie abenteuerliche - aber sicher auch geistig erfüllte - Jahre für Ida Pfeiffer. Sie reiste, forschte, sammelte, schrieb Bücher und pflegte Kontakte zu führenden Wissenschaftern. 1858 starb sie völlig geschwächt, nachdem sie von Madagaskar zurück nach Wien gekommen war.
Ida Pfeiffer vollbrachte zu einer Zeit als Frauen gar nichts zugebilligt wurde mehr als ihre Zeitgenossen. Sie reiste und sammelte ethnografische und naturkundliche Objekte ohne jene generösen Förderungen - selbst Konservierungsmaterialien wurden abgelehnt -, die Männern mit geringeren Potenzial und großem Eigenkapital oft unbeantragt zuteil wurden. Viele Museen, darunter das Naturhistorische Museum und das Museum für Völkerkunde in Wien, verdanken ihr tausende Objekte.

Und ich frage mich:
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten genutzt, dass es heute veschiedene Arten - Palaemon idae (Garnele), Myronides pfeifferae (Stabheuschrecke), Vaginula idae (Schnecke), Rana idae (Frosch) - nach ihr benannt sind?
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten gebracht, dass ihr Leichnam auf massives Drängen des “Vereins für erweiterte Frauenbildung” vom Friedhof St. Marx in eines der Ehrengräber, die nur dazu dienten Wienern den entlegenen Friedhof schmackhaft zu machen, umgebettet wurde?
Gibt es Hoffnung, dass jemals angemessen nach tatsächlicher Leistung, aber nicht nach politischen und persönlichen Kriterien gefördert wird?
© S. Strohschneider-Laue
siehe dazu auch:
Eine Wiener Biedermeierdame erobert die Welt: Die Lebensgeschichte der Ida Pfeiffer (1797 - 1858)
Eine Frau fährt um die Welt: Die Reise 1846 nach Südamerika, China, Ostindien, Persien und Kleinasien
Verschwörung im Regenwald: Die Reise nach Madagaskar
Abenteuer Inselwelt - Die Reise 1851 durch Borneo, Sumatra und Java
Nordlandfahrt: Eine Reise nach Skandinavien und Island im Jahre 1845
Ida Pfeiffer: “Wir leben nach Matrosenweise”: Briefe einer Weltreisenden des 19. Jahrhunderts
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Montag, 16. Mai 2011

Stefanie Knorr
Süßes im Glas
Thorbecke 2011, 187 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 7995 0859 9
Süßes im Glas
Stefanie Knorr weiß, was wichtig ist, daher sind die Basics die Overtüre dieser süßen Oper. Vom Aprikotieren bis zur Rührmasse und von “Bl” wie Blatt und “Tl” wie Teelöffel hält sie unmissverständlich fest, was gemeint ist. Und da nicht nur das Produkt selbst wichtig ist, sondern auch das Ambiente, in dem es genossen wird, informiert sie in einem Kurzüberblick über historische bäuerliche und bürgerliche Essgewohnheiten sowie über die stilvolle Kaffeetafel.
Obwohl natürlich ein einheitlich aufgedeckter Tisch als klassisch und in der Gastronomie als üblich zu betrachten ist, unterschreibe ich persönlich nicht, dass von ihr geforderte Muss nach einheitlichem Geschirr. Selbst das den Text illustrierende Foto beweist, wie nett individuell gemischtes Geschirr - zu sehen sind zwei verschiedene Sammelgedecke, die ab den 50er-Jahren in Mode kamen - für jeden Gast sein können. Harmonisch abgestimmte Vielfalt gegen konforme Einfalt ist m. E. bei einigen Gelegenheiten die bessere Variante. Grundsätzlich gilt aber, dass jedes der Rezepte als krönender Abschluss für ein perfektes Dinner oder als denkwürdige Köstlichkeit zum Kaffeeplausch geeignet ist.
Aufgeteilt in die beiden Kapitel Desserts und Kuchen, überwiegen bei den Desserts eindeutig Zubereitungen mit Früchten, die allerdings auch bei den Kuchen nicht zu kurz kommen. Die alphabetische Reihenfolge ist praktisch. Bestechend hingegen sind die übersichtlich und wohlstrukturiert aufgebauten Rezepte, die oft von Tipps oder mit Variationsvorschlägen abgerundet werden, ohne den Kreativenfreiraum zu beschneiden. Schließlich wäre ja die Angabe jedes einzelnen Handgriffs beim Anrichten in Gläsern und Tassen der Tod der Kreativität, die letztlich einen Großteil des Dessertzaubers ausmacht. Wer es mit diesen Rezepten und fotografischen Serviervorschlägen nicht schafft ein geschichtetes Granatapfeldessert oder Espresso-Panna-Cotta zu zaubern, dem ist nicht zu helfen.
Selbst bei den Kuchen wurde auf leichte Zubereitungen gesetzt. Was exzellenten Geschmack und Konsistenz der Produkte, die alle miteinander nur edelste Zutaten enthalten, nicht mindert. Wer allerdings Nährwerttabellen etc. zum Leben braucht, sollte sowieso auf diese Desserts verzichten. Hier wird nicht zum Hinterfragen, sondern zum ultimativen Genießen aufgefordert.
Appetitlich wie die Desserts ist das praktische Buch. Das zart apricot bis rosa abgestimmte Farbkonzept unterlegt die Rezepte zurückhaltend. Die herrlichen Fotografien von Martin Schröder laden zusätzlich zum Ausprobieren ein.
© S. Strohschneider-Laue
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Mittwoch, 06. April 2011

Annette Kretzschmar
Die Wildfrüchteküche
Thorbecke 2011, 112 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 7995 3568 7
Die Wildfrüchteküche
Erdbeertorte ist angeblich der Deutschen liebste Torte. Beliebt vielleicht, aber vielleicht doch nicht das beste Dessert, denn sie kann locker durch einige Rezepte aus diesem Buch getoppt werden. Überraschend, was man z. B. aus Felsenbirne, Maulbeere oder Weißdorn zaubern kann. Zwischen Berberitze und Zwetschge pflückt die Autorin 18 wunderbare und nicht immer ganz geläufige Früchte.
Jeder Frucht wird ein gut strukturierter Überblick mit exzellenten Fotos gewidmet, der u. a. Wuchshöhe, Blüte, Erntezeit und Standort berücksichtigt. Viele der vorgestellten Pflanzen haben mehr als einen Namen, die, um Verwirrung vorzubeugen, gelistet werden. So wird Quitte z. B. auch Baumwollapfel, Köttenbaum oder Schmeckbirne genannt und Hagebutten sind auch Vielen als Hägen, Hiffen, Rosenäpfel oder Hetscherln geläufig. Erfreulicherweise wird auch Aussehen und Anbau, Verwendung in der Küche, Heilwirkung und Wissenswertem ausreichend Platz eingeräumt.
Die Früchte inhaltlich abrundend findet man zuletzt das Beste, was aus ihnen gemacht werden kann. Dazu gehören u. a. Persischer Berberitzenreis mit Geflügel, Brombeersenf, Hagebuttenlikör, Holunderbeersirup und kandierte Kornelkirschen. Die Rezepte überzeugen durch appetitanregende Kombinationen, ”Kochbarkeit” - was nicht alle Koch- und Backbücher von sich behaupten können - und ihre starke Verführung zum weiteren Experimentieren mit Wildfrüchten.
So exzellent der Inhalt, so gut der Aufbau und so ansprechend das allgemeine Layout, so wenig gelungen erweist sich optisch die grafische Gestaltung der dreispaltig angeordneten Rezepte. Dieser Abschnitt ist eine Herausforderung an Seh- und Lesefähigkeiten. Großbuchstaben, die bekanntermaßen schlecht lesbar sind, mit geringer Spationierung für die Zutatenliste und zu wenig Durchschuss im Rezeptteil bei allgemein viel zu kleiner Schriftgröße, dürfen im Layout einfach nicht passieren. Dies wird der anregenden Lektüre und ihrem hohem Nutzfaktor nicht gerecht.
Benutzerfreundliches findet sich noch im Anhang. Sammel- und Küchentipps, eine Erntetabelle, das obligate Register der Rezepte und besonders erfreulich auch die Webadressen und Bezugsquellen sowie Literaturtipps. Dazu auch noch ein Ausflugstipp für Österreich: Arche Noah hat sich der Erhaltung der Naturpflanzenvielfalt verschrieben. Hier erhält man wertvolle Tipps und vor allem Samen und alte Nutzpflanzensorten für den eigenen Garten.
Das Buch bedient nicht nur Feinschmecker und Gartenkundige, sondern spricht den inneren “Jäger und Sammler” an. Die “Jagd” nach und das “Sammeln” von wild wachsenden Früchten kann zur Leidenschaft werden und wie bei der Autorin zu neuen Freundschaften führen. So gesehen ist die Lektüre auch ein wunderbarer Anstoß mit offenen Augen in die Natur zu gehen und heimischen Früchten eine Chance - ggf. im eigenen Garten - zu geben. Früchte, die nicht um den halben Globus transportiert wurden, in echter Erde und natürlichem Sonnenschein gereift sind, sind purer Luxus, der vor der Haustür zu finden ist.
© S. Strohschneider-Laue
Die Wildfrüchteküche

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