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Humanbiologie

Montag, 21. Juni 2010

Wolfgang Clauss, Cornelia Clauss 
Humanbiologie kompakt 
Spektrum 2009, 458 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8274 1899 9

 Humanbiologie kompakt (Bachelor)

Für angehende AnthropologInnen, BiowissenschaftlerInnen und MedizinerInnen ein unentbehrliches Handbuch für den Einstieg ins Thema. Die Grundlagen werden in diesem übersichtlichen Werk, didaktisch perfekt aufbereitet, vorgelegt. Siebzehn Kapitel informieren beginnend mit der Stammesgeschichte des Menschen und Paläogenetik über den Bauplan und Funktion des Systems “Mensch” bis zur Humanökologie und -ethologie minutiös über sämtliche Aspekte - inklusive Gesundheit und Krankheit -  der Humanbiologie.

Den Kapiteln sind die jeweiligen Lernziele vorangestellt. Anschließend folgen nach dem logischen Prinzip “Vom Allgemeinen zum Besonderen” gegliedert die Details zu diesem Abschnitt. Strukturiertes und überschaubares Lernen ist für Studierende durch diesen Aufbau in jedem Fall gewährleistet. Deutliche Schwächen zeigt der in humanbiologischer Hinsicht ausgezeichnete Bandes bezüglich aktueller prähistorischer Forschung. Wesentliche Charakteristika der Epochen und ihrer Zeitstufen, die durch ihre Sachkultur ebenso gekennzeichnet sind wie durch Lebensspuren und Überreste des Menschen selbst, sind falsch oder fehlen völlig. Dadurch wird das bisher durch archäologische Methoden gewonnene Bild der Menschheitsentwicklung stark verzerrt. Ein Verzicht auf die bis zur Unkenntlichkeit umgezeichneten Werkzeuge, unter denen die Wichtigsten fehlen, wäre jedenfalls besser gewesen.

Unabhängig vom wissenschaftlichen Inhalt, muss die die herausragende grafische Gestaltung des Bandes erwähnt werden. Die zahlreichen Grafiken, Diagramme, Formeln und Tabellen sind in übersichtliche Form gebracht und ergänzen harmonisch den Fließtext. Mit nur einer Schmuckfarbe, einem kräftigen “Tintenblau” wird Wesentliches sofort optisch hervorgehoben. Blaue mit abfallend gedruckten Linien eingefasste und mit Rufzeichen versehene Einschübe, heben Definitionen, Forschungsmeinungen hervor und kennzeichnen Kernaussagen deutlich.

Fazit: Hier liegt tatsächlich kompakte Humanbiologie vor. Schon vor dem Studium sollte der Band in OberstufenschülerInnen zur Vorbereitung auf ein einschlägiges Studium in Schulbibliotheken zur Verfügung stehen.

© S. Strohschneider-Laue

Humanbiologie kompakt (Bachelor)

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Mazzesinsel Kochbuch

Montag, 21. Juni 2010

Katja Sindemann  
Mazzesinsel Kochbuch 
Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien  

Metroverlag 2009, 160 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 9025 1789 0

 Mazzesinsel Kochbuch: Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien

Die Leopoldstadt in Wien ist die Mazzesinsel. Die Insel zwischen Donau und Donaukanal, der heutige 2. Bezirk, ist seit dem frühen 17. Jahrhundert trotz Verfolgung und Terror bis in die Gegenwart mit jüdischem Leben verbunden. Das Mazzesinsel Kochbuch rund um jüdische Festtage ist mehr als nur ein geschmackiger Wienbezug. Es ist Stadtgeschichte, Lifestyle und Kulinarium zugleich.

Die jüdische Esskultur ist vielfältig und rein gefühlsmäßig scheint der Gefilte Fisch das weltweite Bindeglied zu sein. Die in Wien zubereiteten Speisen zeichnen sich durch Einflüsse aus der gesamten Donaumonarchie aus. Die jüdische Küche ist da keine Ausnahme, dennoch kommen in Wien vor allem osteuropäische Einflüsse zum Tragen. Und zugleich spiegeln die nach rituellen Speisevorschriften zubereiteten Gerichte Religion und Geschichte gleichermaßen wider. 

Ein essenzielles Merkmal ist, dass die Zutaten von der Herstellung über die Aufbewahrung bis zur Verarbeitung koscher, also den Speisevorschriften entsprechend, sein müssen. Dass es dabei oft nicht leicht nachvollziehbare Regeln gibt, hat u.a. verschiedene historische und regionale Gründe. Was für kühlschranklose vergangene Zeiten in heißen Regionen sinnvoll war, mag heute überholt anmuten. Religiöse Traditionen werden von Gläubigen selten hinterfragt, wie man ja auch an der Tatsache erkennen kann, dass Christen den Biber wegen seines schuppigen Schwanzes ohne Zögern zum fastentauglichen Fisch erklärten. Mit einem flotten Text, dessen steter Informationsfluss Gehalt mit etlichen treffenden Witzen angereichert ist, wird das komplexe “koscher” verständlich umrissen.

Im Jahreskreis der jüdischen Feiertage werden die Gerichte vorgestellt und die Parallelen zur allgemeinen Küche sind unverkennbar. Die koscheren Produkte und die koschere Zubereitungsweise sind oft der wesentliche Unterschied von wientypischen Rezepten.

Schabbat, das jüdische Jahr, Rosh Hashana, Jom Kippur, Sukkoth, Chanukka, Purim, Pessach und Schawuoth heißen die Kapitel, unter denen die Kulinaria gelistet sind. Die Kapitel leiten mit einer, oft sehr unterhaltsamen, Beschreibung des betreffenden Festes zu den passenden Speisen über. Viele der Rezepte sind auch für ungeübte KöchInnen zu meistern und nur wenige benötigen umfassende Kocherfahrung. Und im Vertrauen, wer sich nicht an die vielen fantastischen Süßspeisen heranwagt, dem ist sowieso nicht zu helfen. Benutzerfreundliche Rezeptregister, ausgewählte Adressen und Literaturhinweise schließen einen wahren Prachtband im Kochbuchformat.

Die stimmigen Fotos von Christine Wurnig und das gelungene Layout machen das inhaltliche Vergnügen des “Mazzesinsel Kochbuchs” zu einem optischen Genuss.

Gelungen und erfreut nicht nur solche, die gerne in der Küche stehen!

© S. Strohschneider-Laue

Mazzesinsel Kochbuch: Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien 

siehe auch:
Wiener Wirtshauskochbuch 
Koscher & Co: Über Essen und Religion 
Am Anfang war die Ökologie. Naturverständnis im Alten Testament 
Der koschere Knigge: Trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen

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Samtene Nächte

Montag, 21. Juni 2010

Fiction

Aveleen Avide
Samtene Nächte 
rororo 2010, 237 S.
ISBN 978 3 4992 5243 3

 Samtene Nächte: Erotische Geschichten

Aveleen Avide hat es endlich wieder getan: Frau nimmt sich, was Frau möchte. Sinnlich, erotisch, begehrend - Aveleen Avide weiß, was Frauen wünschen. Wieder verführt die Meisterin der Erotik lesend zu allerlei Spielarten der Lust und Leidenschaft und immer sind es Frauen, die im Mittelpunkt stehen. Ihre Heldinnen genießen, entscheiden und werden überrascht und die LeserInnen mit ihnen. Egal ob es Singlefrauen oder Verheiratete sind, sie wissen, was sie von Horst und Hami wollen oder was Dietmar verdient.  

Vom intimen Kuschelsex zur erotisierenden Wohlfühlmassage spannt sie den Bogen. Dazwischen tummeln sich Singlefrauen, alte Paare, frisch Verliebte in Swingerklubs und mehr oder weniger privaten Räumen. Und alle Frauen erhalten, wonach sie sich gesehnt haben, die Luxusstripperin ebenso wie die Theaterbesitzerin. Sex kann dabei alles sein auch voyeuristisch oder ultimativ. Und selbst die Entscheidung den Partner zum Teufel zu schicken, ist erregend.

Zehn erotische Geschichten, gewürzt mit dem gewissen erzählerischen Kick, der über das Lustprinzip hinausgeht, versprechen sinnlich-fesselnde Lesestunden. Natürlich dürfen auch Männer an diesen weiblichen Freuden teilhaben. Eigentlich sollte es Männerpflichtlektüre sein, denn es könnte ihnen und ihren PartnerInnen gut tun.

© S. Strohschneider-Laue

Samtene Nächte: Erotische Geschichten

siehe auch:
Seidene Küsse: Erotische Geschichten
Heiße Bescherung: Erotische Geschichten
Sinnliche Fluchten: Erotische Erzählungen

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Schumann: Kinderszenen

Montag, 21. Juni 2010

ab acht

Marko Simsa, Doris Eisenburger  
Kinderszenen
Eine Geschichte zur Musik von Robert Schumann 
Annette Betz 2010, 27 S., zahlr. farbige Illustr. 1 CD (40′)
ISBN 978 3 2191 1431 7

  Kinderszenen: Eine Geschichte zur Musik von Robert Schumann

Robert Schumann (1810- 1856) wurde vor 200 Jahren geboren. Der Komponist vieler bis heute beliebter Werke wird daher dieses Jahr besonders geehrt.

Unter den zahlreichen Produkten, die anlassbezogen vorgelegt werden, sind auch solche für Kinder zu finden. Ein besonders gelungenes ist die vorliegende  Kombination aus Buch und CD. Aufgegriffen werden Schumanns “Kinderszenen”, ein Zyklus aus 13 kurzen Klavierstücken, die ursprünglich nicht für Kinder, sondern für Erwachsene geschrieben wurden. Das musikalische Bilder- und Geschichtenbuch wird von einer CD begleitet, die eine ideale Kombination aus Musik, Text und Bild darstellt. Liebevoll von Marko Simsa erzählt, entzückend von Doris Eisenburger illustriert und perfekt von Giovanna Farigu am Klavier dargeboten, ist das Buch für die ganze Familie ein Vergnügen.

Musik ist von Beginn an persönlichkeitsbildend und prägend für die weitere Entwicklung von Kindern. Akustische, visuelle und haptische Eindrücke tragen gemeinsam dazu bei, die Umwelt multisensorisch begreifen zu lernen. Ein wichtiger Bestandteil musikalischer Erfahrungen ist es, eine große Vielfalt zu bieten, dazu gehört auch die Musik vergangener Epochen zu spielen. Dass die Begegnung mit der Vergangenheit fröhlich und zwanglos geschieht, dafür sorgt diese gelungene Kombination aus Buch und CD.

© S. Strohschneider-Laue

Kinderszenen: Eine Geschichte zur Musik von Robert Schumann

Und für Erwachsene::
Das Schumann-Hörbuch: Eine klingende Biografie 

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Orientreisen

Sonntag, 20. Juni 2010

Fiction

Annemarie Schwarzenbach
Orientreisen
Herausgegeben von Walter Fähnders
edition ebersbach 2010, 192 S.
ISBN 978 3 8691 5019 2

Orientreisen: Reportagen aus der Fremde 

Annemarie Schwarzenbach war Historikerin. Ihre Zugehörigkeit zu eine reichen, angesehen Schweizer Familie ermöglichte ihr zumindest wirtschaftliche Unabhängigkeit, wenn auch die inhaltliche Unterstützung ausblieb. Die intelligente Beobachterin fährt mit offenen Augen durch Europa, den Orient und Amerika und sie behält ihre dabei gewonnenen Eindrücke sowie bedrückenden Erkenntnisse nicht für sich. Sie ist unverhohlen lesbisch, antifaschistisch und definitiv ihrer Zeit und zuweilen ihrer Familie zu weit voraus. Als Autorin, Fotografin und Reporterin wird sie bekannt. Viel zu jung stirbt sie bereits mit 34 Jahren nicht an den Folgen ihres Drogenmissbrauchs, sondern durch eine Fehldiagnose ihrer Kopfverletzungen nach einem Fahrradunfall.

Zwischen 1933 und 1940 bereiste Annemarie Schwarzenbach währen vier Reisen den Orient. Die Reisereportagen der außergewöhnlichen Schweizerin bestechen durch ihre vielfältige Mischung aus historischen, zeitgeschichtlichen und persönlichen Eindrücken. Sie sind zugleich präzise auf den Punkt gebrachte Sozial- und Befindlichkeitsstudien. Denn Austauschbarkeit scheint nicht nur die logistischen Strukturen römische Legionslager zu betreffen, sondern auch weltweite Hotelketten und ihre NutzerInnen. Annemarie Schwarzenbach hält diese Beliebigkeiten fest und spießt sie auf, wie eine Insektensammlerin ihre Trophäen. Sie beobachtet die Reisenden - die heute genauso sind, aber massenhafter auftreten - wie sie genau das tun, was daheim von ihnen erwartet wird. Sie besuchen die richtigen Länder, sehen dort die richtigen Sehenswürdigkeiten, essen und trinken das Richtige - also das was man von daheim kennt -, schlafen in der richtigen Hotelkette, sprechen mit Ihresgleichen über die Banalitäten ihrer eigenen Wichtigkeit und hätten den Einheimischen einen großen Gefallen getan, wenn sie daheim geblieben wären. Es liest sich, als ob der Kolonialismus nahtlos durch Tourismus ersetzt wurde, getragen von der gleichen Gesinnung.

Wie moderne, inhaltsstarke Videoclips sind die bewusst nicht chronologisch gereihten Texte zu lesen. Schwarzenbachs Stil und Themenwahl hat ihre Aktualität in den letzten über 65 Jahren nicht verloren. Die Lektüre bleibt Seite für Seite ein fesselnder, inhaltsstarker Genuss.

Im Anhang setzt sich der Herausgeber mit dem Werk von Annemarie Schwarzenbach auseinander. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stehen die vorgelegten Reportagen aus der Fremde und leider nur äußerst randlich die Autorin selbst.

© S. Strohschneider-Laue

Orientreisen: Reportagen aus der Fremde

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Fußball in Spanien

Sonntag, 20. Juni 2010

ab acht

Juliane Buschhorn-Walter, Claudia von Holten
fùtbol en España - Fußball in Spanien
Silberfuchs 2009, 52 S., farbig illustriert.
ISBN 978 3 9406 6520 1 

 fútbol en España / Fußball in Spanien 

Spanisch - nicht nur - für Kinder bieten die Kurse von Amiguitos. Für alle, die mehr von einem kindgerechten Sprachkurs erwarten, gibt es Bücher zum Selberlesen und Cds zum Zuhören und Mitsprechen. Die Sprachschule hat nach El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz, der zugehörigen CD El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch sowie Weihnachten mit den Amiguitos / La Navidad con los amiguitos ein brandaktuelles Thema für Kinder aufgegriffen: Fußball / fútbol. In bewährter Zusammenarbeit mit Silberfuchs ist ein hochwertiges Printprodukt entstanden, das Kinderansprüchen gerecht wird. Das vorliegende Fußballbuch macht Spanisch für kleine und große Leute von seiner sportlichen Seite lesens- und lernenswert. 

Von der Bekleidung über das Spielfeld bis hin zur Geschichte des Fußballs und ihrer wichtigsten Vereine und Spieler spannt sich der Bogen. Durchgehend zweispaltig trifft schwarz auf grün. In der linken, schwarz
auf weiß geschriebenen, Spalte springt der spanische Text sofort ins Auge. Der rasengrüne deutsche Text tritt dadurch didaktisch wertvoll leicht in den Hintergrund und lädt auch durch die Kursivschrift weniger zum Lesen ein. Ein herausnehmbares Quiz und die Bastelaufgabe ermöglichen das Erlernte spielerisch und auf witzige Weise einzuüben.

Man kann mit dem Lernen nicht früh genug anfangen und sollte nie damit aufhören. Ganz unabhängig von der Weltmeisterschaft eine gute Gelegenheit diese spaßige und wertvolle Lernlektüre, die außerdem auch einiges aushält und für einen moderaten Preis zu haben ist, für den Urlaub in Spanien einzuplanen.

© S. Strohschneider-Laue

fútbol en España / Fußball in Spanien 

Siehe auch:
Weihnachten mit den Amiguitos / La Navidad con los amiguitos
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
Cantado y contado para los amiguitos. Spanisch für Kinder - Rezension - Hörprobe

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Der kleine Erotiker

Sonntag, 20. Juni 2010

Fiction

Dennis DiClaudio
Der kleine Erotiker
DVA 2010, 208 S., zahlr. Sw-Abb.
ISBN 978 3 4210 4410 5

 Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 
 

Nach Der kleine Hypochonder folgte Der kleine Neurotiker. Mit einer Steigerung war eigentlich nicht mehr zu rechnen, bis der neue Geniestreich auch auf Deutsch vorgelegt wurde. Wer den Neurotiker und den Hypochonder gelesen hat, kommt an diesem lüsternen Brevier nicht vorbei. Die Pflichtlektüre für unbefangene SchmunzlerInnen lässt kein schrilles Verlangen aus und hat der Übersetzerin Anne Uhlmann einiges abverlangt.

Wer die ersten beiden Bände versäumt hat, sei gesagt, dass es sich auch hierbei nicht um ein medizinisches Nachlagewerk handelt, dafür wurden zu viele Fakten ausgelassen. Es ist auch keine Anleitung für Experimentierfreudige, dazu ist es ebenfalls zu unpräzise. Worin es wirklich präzise ist, ist die Absurdität der menschlichen - im größeren Ausmaß männlicher - Neigungen.

Mit den Titeln schöner Schmerz, Körperteile und ihre Funktionen, unbeseelte Gegenstände, im Land der Fantasie(n), Fauna und Flora, Kostüm und Rollenspiel unterteilt er feinsäuberlich den Lustgewinn in Kapitel. Wie oft dabei der sexuelle Mehrweit durch Ein- und - mehr oder weniger erfolgreich - Abgeführtes erreicht wird, davon können wohl nur Chirurgen berichten, die Sammlungen von allerlei kalziniertem Getier, floralen Resten oder unbeseelten Objekten wie - anscheinend aus gutem Grund torpedoförmigen - Marienstatuetten vorweisen können. Wer jemals gehört hat, dass Liebe durch den Magen geht, denkt an gutes Essen und hat nicht unbedingt mit Hüttenkäse gefüllte Badewannen im Sinn. Ja so sind manche Sinnsprüche von mehr Doppelbödigkeit als man annehmen möchte. Sollten Sie jemals den Spruch “wie die Nase des Mannes, so sein Johannes” gehört haben, sind sie eindeutig noch nie einer Nasophilien begegnet. Ihr ist nämlich der Johannes mit seinem Johannes völlig gleichgültig, wenn sie nur sein unwiderstehliches Riechorgan ohne den restlichen Johannes behalten könnte. Was den nasophilen ihn hingegen beflügelt, lesen Sie lieber selbst nach.

DiClaudio behauptet, dass er bestimmte Details ausgelassen habe, wenn man allerdings jene liest, die er zu publizieren willens war, verzichtet man gerne auf den Rest, aber nicht auf “Der kleine Erotiker”.  Dass er in vielen Belangen recht hat, bestätigt folgendes Zitat: “Jahrzehnte hindurch, in denen Fetischisten gezwungen waren, ihre Lebensweise geheim zu halten, galten Leder und Latexbekleidung als Marken- und Erkennungszeichen des Bondage. Heute gehen Zehn- bis Zwölfjährige so in die Schule. Die Zeit hat schon einen schrägen Sinn für Humor.” Und so beweist auch Dennis DiClaudio mit seinen Büchern immer wieder seinen schrägen Sinn für Humor, den seine Fans lieben!

© S. Strohschneider-Laue

Der kleine Erotiker: Lexikon der unzüchtigen Vergnügungen 

siehe auch:
Der kleine Neurotiker 
Der kleine Hypochonder

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Albertina: Heinrich Kühn & Walton Ford

Samstag, 19. Juni 2010

Heinrich Kühn und Walton Ford
Vollkommene Fotografie und Bestiarium
Albertina 
Heinrich Kühn 11. Juni bis 29. August ‘10
Walton Ford 18. Juni bis 10. Oktober ‘10

Zwei großartige Künstler erhalten in der Albertina eine würdige Plattform. Ihre Gemeinsamkeiten sind stilistisch unkonventionell, in ganz eigener Weise retro und zugleich narrativ zu sein. Es ist ein Glück für das kunstinteressierte Publikum, dass beide Ausstellung fast zeitgleich in der Albertina gezeigt werden.

Heinrich Kühn (1866 Dreden - 1944 Innsbruck)
Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie 

Der technisch fortschrittlich orientierte Heinrich Kühn  vervollkommnete stets aufs Neue seine fotografischen Möglichkeiten, um künstlerisch harmonische, impressionistische Bilder zu fertigen. Den Schnappschusscharakter vieler seiner Fotos erzielte er durch minutiöse Planung und oft langwierige Sitzungen.

 

Im Mittelpunkt seiner Fotografie standen zu meist seine vier Kinder. Der festgehaltene Blick des Fotografen auf die eigene Familie und die umgebende Landschaft lässt seine großbürgerlichen im 19. Jahrhundert verhafteten Ansichten deutlicher hervortreten als es die künstlerische Unschärfe im ersten Moment der Betrachtung vermuten lässt. Seine patriarchalische Gesinnung gegenüber Frauen und Kindern ist trotz der idyllischen Sujets unverhohlen. Bedauerlicherweise wird dieser persönliche Aspekt Kühns ungeachtet des großen Blocks privater Fotografien nicht herausgearbeitet. Seine technischen Verdienste sowie seine Stellung innerhalb der internationalen Fotografie werden hingegen gelungen präsentiert. Ein exzellenter Kurzfilm verschafft zuletzt noch jenen Fotos, die nicht für Abzüge gedacht waren, einen passenden Auftritt.

  

Walton Ford (1960)
Walton Ford: Pancha Tantra

 

Altmeisterlich, perfekt und zugleich boshaft-humorig sind Walton Fords gewaltige Werke. Kein Wunder, dass sich ihre Besitzer nur ungern von ihnen für Ausstellungsprojekte wie dieses trennen. Mit Walton Fords Bildern lebt man, den Picasso hat man halt auch. Beliebigkeit kann man den Bildern jedenfalls nicht vorwerfen, stehen sie doch in einen kulturhistorischen Kontext und fordern eine Stellungnahme ein.

 

Zudem ist jedes Einzelne eine Augenweide. Lebensgroß, dramatisch und technisch ausgereift, zeigen sich die an alte Naturstudien erinnernden Bilder. Bei Verharren und Betrachten wird man entweder in das Geschehen hineingesogen oder spürt die bedrohliche Situation auf sich zukommen. Kalt lässt jedenfalls keines der gezeigten Themen. Man gönnt dem Toten, dass der Gorilla sein Gewehr verbiegt, besonders, da der Originalbericht, der dem Bild zugrunde liegt, eine andere Situation schildert. Abgeschlachtete und aufgestapelte Beutelwölfe, ein Monsterstar, der von anderen nach Amerika eingeschleppte “Shakespeare-Vögel” gefüttert wird oder wie das sinnlose Kanonenfutter von Borodino zu sinnvollem Futter für die Wildtiere wird. Es ist erfreulich zu sehen, wie meisterhaft Inhalt und Form qualitätvoll in einer Zeit zueinanderfinden in der seit Jahrzehnten schnell gequirlte Scheiße als aussagekräftige Kunst gilt. Und noch erfreulicher ist, dass dies in der Albertina gewürdigt wird, wo es gewisse Techniken, Materialien und Formate seit geraumer Zeit sehr schwer haben die Absolution zu erhalten.

Fazit: Beide Ausstellungen gemeinsam betrachtet, sind genussvoll wie ein mehrgängiges Haubenmenu. Man benötigt ausreichend Zeit, muss genau beobachten und anschließend zwischen den Zeilen lesen. Ein Genuss für Menschen, die Inhalt zu schätzen wissen.

© S. Strohschneider-Laue

Heinrich Kühn: Die vollkommene Fotografie 
Walton Ford: Pancha Tantra

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Dornröschen - Sleeping Beauty

Dienstag, 15. Juni 2010

Schlafende Schönheit
Meisterwerke viktorianischer Malerei aus dem Museo de Arte de Ponce (MAP)
Belvedere 15. Juni bis 3. Oktober 2010

Es ist ein großes Glück, dass das MAP zur Zeit ausgebaut wird und die Gemälde bis Oktober statt auf Puerto Rico in Wien zu sehen sind. 1959 wurde das durch den Industriellen, Politiker, Musiker und Kunstsammler Don Luis Alberto Ferré Aguayo (1904-2003) gegründete MAP eröffnet. Grundstock der Sammlung bildeten 71 von ihm gestiftete Gemälde. Unter zahlreichen bedeutenden Gemälden europäischen Kunstschaffens befinden sich auch etliche Schlüsselwerke viktorianischer Malerei in der Sammlung. In den 60er Jahren wurden sie weit unter ihrem heutigen Wert verkauft, da sie u. a. dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprachen.

 

Nach Präsentationen in London, Madrid, Den Haag und Stuttgart werden die Werke, darunter auch das Monumentalgemälde von Burne-Jones “The Sleep of King Arthur in Avalon”, im Belvedere ausgestellt, bevor sie zurück nach Puerto Rico reisen. Hinter dem etwas unglücklichen Titel “Schlafende Schönheit”, unter dem man im Englischen ”Dornröschen” verstehen würde, verbirgt sich viel mehr als das Märchenthema. Die Schau im Belvedere hat es sich zur Aufgabe gemacht, die 65 gezeigten Gemälde in einen größeren Kontext im Vergleich zwischen Nazarener und Präraffaeliten zu zeigen sowie einen Querbezug zu den gleichzeitig in Österreich wirkenden Künstlern herzustellen.

Dass hingegen das Märchenthema nicht minder zu schätzen ist, wird durch Burne-Jones’ Gemäldezyklen deutlich. Auf dem ersten Bild ist der Ritter zu sehen, wie er vor der Dornenhecke steht und fünf  - nicht wie behauptet vier - tote Ritter und Reste der Ausrüstung im Gestrüpp vorfindet. Das zweite zeigt den schlafenden König mit seinem Hofstaat und das letzte Bild schließlich das schlafende Dornröschen mit drei Dienerinnen. Betrachtet man diese Bilder in Zusammenhang mit den Walter Crane geschaffenen Buchillustrationen, wird deutlich wie prägend die Bildsprache des 19. Jh. und deren Rezeption für das Märchenverständnis bis in die Gegenwart geblieben ist. Zugleich zeigt das Beispiel “Buch als Gesamtkunstwerk” wie obsolet die Unterscheidung zwischen Kunst und Kunstgewerbe ist.

 

Besonders gut gelingt der Querbezug zu Österreichs Kunstschaffenden jener Zeit in der Gegenüberstellung von Frederic Leightons “Flaming June” mit anderen erotisch positionierten Schläferinnen. Darunter sticht vor allem das “Leda-Motiv” hervor, das seine Krönung in Reiters “Schlummernder Frau” erfährt. Hier reduziert sich der - gerupfte - Schwan auf ein pralles Federbett, dessen bauschige Form an den “entschlafenen” Vogel erinnert.

  

So sehr dies auch die BetrachterInnen heute zum Schmunzeln bringen mag, ist die im 19. Jahrhundert zwar ebenso heiß begehrte wie in dieser moralinsauren Zeit schwer verkäufliche Erotik geschickt und vielfältig in Szene gesetzt. Dem Zeitgeist entsprechend wird religiöses und/oder nationales Gedankengut aufgegriffen. Die Künstler des 19. Jh. bedienten sich wie ihre Vorgänger u. a. mythologischer Themen, um nackte Körper an den “Mann” zu bringen. Denn es sind Männer, die das nötige Kleingeld besaßen, um Gemälde zu erwerben. Und natürlich waren - und sind bis heute - mit dem Erwerb eines Gemäldes persönliche Ziele verbunden. Zum einen kann der öffentliche Eindruck und zum anderen das weit gesteckte Feld des privaten Vergnügens gefördert werden. 

 

Unabhängig vom Sujet, bleibt Schönheit ein erfreulicher Anblick. Auch wenn zerbrechliche Frauen in Leidens- und Opferrollen nicht “jederfraus” Geschmack treffen, sind - unabhängig von den überragenden künstlerischen - die komplex erzählerischen Qualitäten der Werke eine wunderbare Entschädigung. Genugtuung verschafft daher die genaue Betrachtung Millais’ ”The Escape of a Heretic”. Dem mit dem eigenen Rosenkranz geknebelten Priester, der mit auf den Rücken gebundenen Händen noch nach dem Umhang der Flüchtenden greift, gilt die Häme der BetrachterInnen.

Fazit: Definitiv eine Ausstellung, die man mit einem Lächeln verlässt. Unbedingt mit der ganzen Familie mit oder ohne Themenführung ansehen! Anschließend nicht vergessen den exquisiten und trotzdem erschwinglichen Katalog zu kaufen, so dass man sich auch daheim noch an den Bildern erfreuen kann.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Frederic, Lord Leighton (1830-1896): Maler und Bildhauer der viktorianischen Zeit 
Edward Burne-Jones · The Flower Book
William Morris 
Die Nazarener. Religion, Macht, Kunst
Präraffaeliten
Gustav Klimt. Auf der Suche nach dem Gesamtkunstwerk

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Giftmord

Mittwoch, 12. Mai 2010

Helga Schimmer  
Giftmord 
Gerichtschemiker in ihrem Element  

Kremayr&Scheriau 2009, 192 S., Sw.-Abb.
ISBN 978 3 2180 0801 3

 Giftmord: Gerichtschemiker in ihrem Element

Wie die Gerichtsmedizin zur heutigen Wissenschaft wurde, bietet die Grundlage zu den nachfolgenden spektakulären, unheimlichen und nahezu perfekten Todesfällen durch Gift.  Säuberlich in giftige Elemente und anorganische Verbindungen sowie toxische organische Verbindungen getrennt, legt Helga Schimmer die passenden Verbrechen zu den entsprechenden Substanzen vor.  In flotter journalistischer Manier wird erzählt, wie forensischen Toxikologen die jeweiligen Fälle nachweisen konnten. 

Über die Wirkung und den Erfolg von Gift war man vermutlich schon in Urzeiten, aber ganz sicher ab der Antike bestens informiert. Den Nachweis des freiwilligen oder meist eher unfreiwilligen Giftkonsums zu erbringen, war - und ist es teilweise heut noch jedenfalls - nicht so einfach. Mal ganz abgesehen davon, dass bekanntlich “die Dosis das Gift macht”, kann in kleinen Mengen durchaus Verträgliches - wie z. B. Alkohol - in großen Mengen konsumiert zum Tode führen. Die minutiöse wissenschaftliche Spurensuche und ihre Beweise konnten sich vor Gericht außerdem nicht seit jeher behaupten. Auch James Marsh musste 1836 erst einen besseren Arsennachweis als den des Homöopathen Samuel Hahnemann entwickeln - die sog. Marshsche Probe -, um seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit vor Gericht durchsetzen zu können. Wegen der guten Nachweisbarkeit ist Arsen bei Giftmischern aus der Mode gekommen - zumindest solange bis die Gerichtsmedizin begann Arsentests zu vernachlässigen.

Egal ob Arsen, Thallium, Selen, Blausäure dem Essen, Getränken oder Medikamenten beigemischt werden oder ein bisschen Knollenblätterpilzgift heimtückisch unter die Haut gespritzt wird, das Ergebnis ist in jeden Fall verheerend. So locker und flockig auch die Schreibe sein mag, die Autorin weiß, worüber sie berichtet. Helga Schimmer nicht nur Chemikerin, sondern auch bestens mit Giftstoffen und ihren Wirkungen in realen Vergiftungsfällen vertraut. Ihr Buch ist eine fesselnde Lektüre für KrimispezialistInnen, schließlich wollen AutorInnen und LeserInnen wissen, welche Mittelchen probate Opferproduzenten sind. Und wer dann noch nicht genug von Gift hat, wird unter der weiterführenden Literatur sicher fündig werden.

© S. Strohschneider-Laue

Giftmord: Gerichtschemiker in ihrem Element

Siehe auch:
Kriminologie: Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen
Mordmethoden: Ermittlungen der bekanntesten Kriminalbiologen der Welt
CSI-Forensik für Dummies
Von Arsen bis Zielfahndung: Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige

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Die Eiszeit

Mittwoch, 12. Mai 2010

Brian M. Fagan (Hg.) 
Die Eiszeit 
Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel 

Theiss 2009, 240 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8062 2287 6

 Die Eiszeit: Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel

Eiszeiten sind ein wiederkehrendes Klimaphänomen. Der Wechsel zwischen kalt-trockenen und warm-feuchten Perioden zeichnet den Verlauf von Eiszeiten aus. Die Veränderungen des Lebensraum beeinflusste die Entwicklungsgeschichte des Menschen wesentlich. Die letzten zwei Millionen Jahre klimatischen Unbill waren zu bewältigen, ob das bei der derzeitigen Rasanz des Klimawandels auch so sein wird, wird in diesem Band ebenfalls hinterfragt.

Der Anthropologe Brian M. Fagan, der Geograf Mark Maslin, der Spezialist für das Leben in arktischen und alpinen Umweltbedingungen John F. Hoffecker sowie die Archäologin und Paläontologin Hannah O’Regan unterziehen die “Eiszeit” einer genauen Analyse. In acht Kapitel, fantastischen Fotos und gut fassbaren Grafiken führen sie in die Eiszeitforschung und die damit verbundene Problematik ein. Der Bogen spannt sich von der Entdeckung und Erforschung der Eiszeit über die die Tierwelt und die Menschheitsgeschichte bis hin zu einem Ausblick in die klimatische Zukunft.

Die eindeutige Stärke des Buches liegt in der klaren Sprache und der damit verbunden leichten Fassbarkeit des anspruchsvollen Inhalts. Die gute Struktur sowie die überwältigende Fülle von exzellenten Fotos und Grafiken machen das Buch zu einem ansprechenden Reiseführer in die klimatische Situation der letzten zwei Millionen Jahre.

Die ausschließlich englische Literaturliste bietet Möglichkeiten sich vertiefend mit der Materie zu befassen. In Anbetracht, dass hauptsächlich interessierte Laien Zielpublikum des Bandes sind, wäre eine Ergänzung aktueller deutschsprachiger Literatur - auch aus dem Programm des Theiss Verlags - wünschenswert und auch möglich gewesen. Das benutzerfreundliche Register beschließt den empfehlenswerten Band.

© S. Strohschneider-Laue

Die Eiszeit: Leben und Überleben im letzten großen Klimawandel 

siehe auch:
Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung: Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert 
Klimatologie: Klimaforschung im 21. Jahrhundert - Herausforderung für Natur- und Sozialwissenschaften 
Antarktis: Forschung im ewigen Eis 
Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Sonderausgabe: Von der Eiszeit bis zur Gegenwart Kulturgeschichte des Klimas: Von der Eiszeit zur globalen Erwärmung
Die Neandertaler: Auf dem Weg zum modernen Menschen 
Mammut, Mensch & Co.: Steinzeit in der Eiszeit

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Mittelalter: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Freitag, 07. Mai 2010

Andreas Fingrnagel (Hg.) 
Juden, Christen und Muslime 
Interkultureller Dialog in alten Schriften 

Kremayr & Scheriau 2010, 256 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 2180 0809 9 

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der interkulturelle Dialog sollte sich ein Beispiel an dieser Publikation nehmen: strukturiert, sachlich, verständlich und weltoffen. Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek bietet einen erfrischend modernen Rahmen für die Jahrhunderte gekommenen Kostbarkeiten.

Vier große Schriftkulturen - griechisch, lateinisch, arabisch und hebräisch - dominierten das mittelalterliche Europa. Der wissenschaftliche Austausch basierte daher einst wie heute auf Fremdsprachenkenntnisse und Übersetzungen. Dazu kommt, dass Wissenschafter bis heute geniale Überleser des politischen und religiösen Kotau sind. Jene Unterwerfung, die bis heute in Geleit- und Vorworten oder politisch korrekten Formulierungen seinen Ausdruck findet. Damit war der Mindesttribut an die staatliche und kirchliche Förderung und Anerkennung abgeleistet. Übersetzungen sparen ggf. solche Formulierungen aus oder passen sie an den entsprechenden kulturellen Kontext an. Wissenschafter legen eben mehr Wert auf den Inhalt.

Die gleiche wissenschaftliche Sorgfalt zeichnen Struktur und Inhalt der Beiträge diese Katalogs aus. Andreas Fingernagel, Ernst Gamillscheg, Christian Gastgeber, Solveigh Rumpf-Dorner und Friedrich Simader nehmen sich den Grundlagen sowie des interkulturellen Dialogs in Medizin, Astronomie und Astrologie an.

Grundlagen für das Verständnis der schriftlichen Kommunikation bietet das lapidar bezeichnete Kapitel “Einleitung”, das wesentlich mehr bietet als man es bei thematischen Einleitung gewohnt ist. Hier werden die griechischen, arabischen, hebräischen und abendländischen Handschriften nicht nur hinsichtlich der jeweiligen Sprache, sondern auch in Bezug auf die Produktionstechniken minutiösen und überaus spannenden Betrachtungen unterzogen. Rolle oder Codex, Papyrus oder Pergament, Majuskel oder Minuskel waren die Entscheidungen, die sich kaum vom heutigen Herstellungsprozess unterscheiden. Die Alternativen ob und wie illustriert wird oder nicht, waren stets mehr als nur die Entscheidungen über schön und praktisch. Zuletzt musste noch über einen passenden mehr oder minder schönen aber jedenfalls strapazfähigen Einband entschieden werden. Das gesamte Layout der Produkte spiegelt durch diese Entscheidungen den jeweiligen kulturellen Kontext sowie die Ansprüche des Zielpublikums wider. Viel verändert hat sich an diesen Faktoren wenig. Seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern sind Schriften zu Massenmedien geworden, die den Zauber individuell gestaltete Werke im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr eingebüßt haben. Trotzdem muss und soll an dieser Stelle - auch weil es viel zu selten erwähnt wird - eine Lanze für den modernen Herstellungsprozess gebrochen werden. Ein ansprechendes Layout ist fast ebenso wichtig wie ein exzellenter Inhalt. Gestaltung ist deshalb nur “fast” so wichtig, weil die Zielgruppe “Wissenschaftler” weniger  design- und qualitätskritisch und ggf. weniger am unwissenschaftlichen Puls der Zeit interessiert ist. Erfreulich - aber auch logisch -, dass in der Nationalbibliothek hohe Produktqualität nicht nur den Inhalt betrifft. Das perfekte grafische Konzept von “Juden Christen und Muslime” ist Ekke Wolf zu verdanken, der auch Geografische Kostbarkeiten gestaltete. Die an sich schon übersichtliche Textstruktur wird durch das stimmige Layout hervorragend unterstützt. In Kombination mit den ausgezeichneten Abbildungen in hochwertiger Qualität ist es ein bibliophiler Genuss auch unabhängig vom Inhalt in dem Band zu blättern. Bücher sind schließlich mehr als abrufbarer Content.

Den Auftakt des zweiteiligen Wissenschafts- und Publikationsvergleichs macht die Medizin. Medizin im Mittelalter ist ohne Hippokrates und Galen undenkbar. Die Bestseller unter den medizinischen Schriften wurden in alle Sprachen übersetzt und von dort weiter- und wieder rückübersetzt. Von den Veränderungen und Erweiterungen aber auch Übersetzungsverlusten die diesen Prozess begleiteten ganz zu schweigen. Frei nach dem Motto: “Wer nur einen Autor abschreibt ist ein Plagiator, wer viele zitiert ist Wissenschafter”, entstanden zahlreiche aufeinander aufbauende oder spezialisierte medizinische Werke, die sich auch mit Themen wie Schlangenbissen oder chirurgischen Instrumenten befassten. Von den antiken Originalquellen sind nur wenige erhalten. Der spätantike “Wiener Dioskurides” (vor 512), ein pharmakologischer-zoologischer Sammelband, ist so ein faszinierendes Beispiel. Er war Vorlage für zahlreiche ähnlich angelegte Herbarien.

Der Vergleich der Schriften vor dem historischen Hintergrund lässt einen regen wissenschaftlichen Informationsaustausch erkennen, der umso deutlicher bei der Astronomie in Erscheinung tritt. Die wissenschaftliche Entwicklung vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild zeigt wie wichtig für erfolgreiche Foschung internationale Kooperationen sind. Kooperationen, die am Übergang zur Neuzeit die Leistungen von Kopernikus und Keppler erst möglich gemacht haben. Obwohl daran deutlich zu erkennen ist, wie schwierig das wissenschaftliche Streben nach Erkenntnis mit religiöse Positionen - und somit staatspolitischen Interessen - zu vereinbaren ist. Wer weiß wie das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Astronomie und Religion ausgegangen wäre, wenn nicht die Berechnungen des Osterfestes, Gebetszeiten- und -richtungen sowie Fastenzeiten wichtig gewesen wären. Erstaunliche Werke entstanden daher zu Astronomie und Astrologie. Manche davon waren neben ihren exakten Berechnungstabellen zusätzlich kleine technische Wunderwerke, die didaktische Modelle für Astrolabien mit beweglichen Teilen boten.

Ganz unabhängig vom Ausstellungsbesuch ist dieser Katalog eine Pflichtlektüre. Die leicht fassbaren Texte und exzellenten Abbildungen sind mehr als ein historischer Überblick zu wissenschaftlichen Publikationen des Mittelalters. Sie sind ein Plädoyer für den interkulturellen Dialog, der keinesfalls durch Vorurteile, Intoleranz und vor allem durch Gewinnsucht religiöser und politischer Demagogen, die die Dummheit ungebildeter Massen für ihre Zwecke nutzen, ausgebremst werden darf.

© S. Strohschneider-Laue

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Juden, Christen und Muslime

Donnerstag, 06. Mai 2010

Juden, Christen und Muslime
Interkultureller Dialog in alten Schriften

ÖNB Prunksaal
7. Mai bis 7. November ‘10

Juden, Christen und Muslime: Interkultureller Dialog in alten Schriften

Der Titel wird der fantastischen Ausstellung thematisch nicht gerecht. Geht es doch um Naturwissenschaft, die inhaltlich Menschen eint, welche politisch-religiös geschürtes Kalkül deutlich zu trennen sucht.

Das Streben nach Erkenntnis und das Suchen nach Antworten ist das Kennzeichen des Wissenschaft. Dazu wird auf bestehende Grundlagen aufgebaut, werden diese ergänzt oder verworfen. Heute publiziert die Naturwissenschaft überwiegend auf Englisch. In der Antike waren Latein oder Griechisch, später auch Arabisch oder Hebräisch die Sprachen, die die Welt der Wissenschaft regierten. Vor dem maschinellen Druck, der große Auflagen ermöglichte, wurde handschriftlich - oft kunstvoll illustriert - vervielfältigt. Wichtige Schriften wurden von einer Sprache in die nächste, vielleicht sogar in weitere übersetzt. Wenn das Original verloren ging, blieben nur die mehrfach übersetzten, vermutlich gekürzten, ergänzten und jeden Fall veränderten Kopie erhalten. Den Orignalwortlaut in diesem Babel aus Abschriften und Mehrfachübersetzungen zu finden, war bereits damals und ist erst recht heute eine gigantische Herausforderung. Der Reibungsverlust in der Wissensvermittlung entstand aber nicht durch die Sprachvielfalt, sondern durch den immer neu belasteten interkulturellen Dialog, der durch Vorurteile, religiöse Dogmen und politische Differenzen ausgebremst wurde oder zeitweilig völlig zum Erliegen kam.

Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich mit jeder neuen Ausstellungen der Herausforderung die Finger auf die wunden Punkte des interkulturellen Dialogs zu legen. Bei dieser ist es dem Team um Dr. Andreas Fingernagel, Direktor der Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek, besonders gut gelungen diesen Aspekt deutlich werden zu lassen.

Die Herstellung von Schriften und Büchern in griechisch-byzantinisch, lateinisch, arabischen und jüdischen Schriftkulturen, die die Spätantike und das europäische Mittelalter dominieren, sowie die damit verbundenen Traditionen führen in die Ausstellung ein. Zwei Bereiche der Naturwissenschaften greift die Ausstellung anschließend vertiefend auf: Medizin und Pharmakologie auf der einen Seite, auf der anderen Seite Astronomie und Astrologie.

  

Erstaunliche Kostbarkeiten werden dazu für kurze Zeit präsentiert. Darunter auch astronomische Handbücher mit beweglichen Teilen, die als exakte Messgeräte zur Himmelbeobachtung oder zur Erstellung von Horoskopen dienten. Oder solche wie das Losbuch, die mit ihrer Himmelsdarstellung stark an die bronzezeitlichen Fund der Himmelsscheibe von Nebra erinnern. Astronomische Beobachtungen und ihre Resultate sind über zahlreiche Kulturen, weite Räume und lange Zeiten vermittelt und zusammengetragen worden. So gesehen könnte, das Universum als das ewig verbindende Element der Völker und Kulturen bezeichnet werden.

Die empfindlichen Schriften werden nach Ablauf der Ausstellung aus konservatorischen Gründen wieder dunkel und gut klimatisiert aufbewahrt werden müssen, um auch für künftige Generationen erhalten zu bleiben.

 

Besonders empfindlich und einzigartig ist der “Wiener Dioskurides” (vor 512), der zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählt. Das älteste erhaltene wissenschaftliche Werk der Spätantike mit Darstellungen von Ärzten, Tieren und Pflanzen wird nur bis zum 16. Mai im Original zu sehen sein; anschließend wird statt des Originals ein Faksimile zu sehen sein. Die von diesem Buch inspirierten Schriften wie z. B. Herbarien belegen den langfristigen Einfluss, den Grundlagenwerke wie dieses gehabt haben.

 

Beispielgebend für interkulturellen Dialog, für kulturelle Anpassung unwandelbarer Inhalte ist der “Eid des Hippokrates”. In der Ausstellung werden die “Medizinischen Schriften” des Hippokrates in einer der ältesten griechischen - und somit originalsprachigen - Ausgaben gezeigt. Das Standardwerk der Medizin war auch für den Arzt des Mittelalters noch maßgeblich.

   

Kranken zu helfen, wie es die Klöster von der fürsorgenden Seite betrieben, und Krankheiten zu prophylaktischen Zwecken erforschen, sind unterschiedliche medizinische Ansätze, die in den Schriften deutlich werden.

 

Der Bogen spannt sich von Anleitungen zu gesunder Lebensführungen, über Therapien im Erkrankungsfall bis hin zur Verarbeitung von Früchten und Gewinnung von Arzneimitteln.

  

Detailreiche Illustrationen zur Behandlung sowie den benötigten chirurgischen Instrumenten zeichnen die Lehrbücher aus - obwohl etliche dazu beitragen, dass man für den heutigen Forschungsstand dankbar ist, sollte man ärztliche Hilfe benötigen.

Fazit: Der Prunksaal ist immer einen Besuch wert. es erstaunt immer wieder wie es den Abteulungen der Nationalbibliothek gelingt diesen ausstellungstechnisch völlig ungeeigneten so gelungen zu bespielen. Die Der großartige erzählerische Bogen und die stimmige Auswahl der in jeder Hinsicht eindrucksvollen Werke sind mehr als nur einen Besuch wert. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte sind eingängig und machen Lust auf mehr. Das “Mehr” bietet der zugehörige Katalog, der m. E. auch in jeder Schulbibliothek vertreten sein sollte.

© S. Strohschneider-Laue

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Barock: Jakob Prandtauer

Donnerstag, 06. Mai 2010

350 Jahre Jakob Prandtauer
Einem barockem Lebensgefühl auf der Spur
Landemuseum Niederösterreich 9. Mai ‘10 bis 26. April ‘11
Stadmuseum St. Pölten 7. Mai bis 31. Oktober ‘10
Diözesanmuseum St. Pölten  8. Mai bis 30. Oktober ‘10
Stift Melk 9. Mai bis 7. November _10

Das 350. Geburtsjahr des genialen Barockarchitekten Jakob Prandtauer ist Anlass seine Persönlichkeit, seinwerk und seine Zeit einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Vier Museen in St. Pölten und Melk zeigen zu Leben und Werk des Barockarchitekten inhaltlich gut auf einander abgestimmte Ausstellungen. Ausstellungsbegleitend erscheinen drei Kataloge und im Landesarchiv wird vom 23.-25. September ‘10 ein Symposium stattfinden.

Jakob Prandtauer (1660-1726) war einer der bedeutendsten Barockbaumeister. Der aus Tirol stammende Maurerlehrling wurde vor 1692, das Jahr seiner Heirat mit der gräflichen Kammerzofe Maria Elisabeth Rennberger, in St. Pölten (Klostergasse 15) heimisch. Zunächst als Bildhauer beschäftigt, erhielt er bald die ersten Bauaufträge. Im Laufe seines schaffensreichen Lebens war er Architekt von kleinen und gewaltigen Projekten. Obwohl der Baumeister Jakob Prandtauer und Stift Melk untrennbar sind, sind auch seine Brückenentwürfe, Keller, Pfarrhöfe oder Schlösser bedeutende Zeugnisse barocker Architektur. Als Prandtauer 1726 starb, hatte er die Landschaft zwischen St. Pölten und St. Florian durch seine Bauwerke entscheidend und bis heute geprägt.

Leben im Barock
Das Landesmuseum Niederösterreich präsentiert das Leben im Barock aus der Sicht des Baumeisters Jakob Prandtauers und seiner Gattin Maria Elisabeth. Als Einstimmung auf die weiteren Ausstellungen, die sich schwerpunktmäßig Prandtauers Werk widmen, ist sie ideal geeignet. Die Präsentation widmet sich den kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren, die Prandtauers Leben maßgeblich bestimmten.

  

In vielen Bereichen war das Leben um 1700 streng reguliert. Von der Kleiderordnung über das Recht auf Kutschfahrten bis hin zu Gewerbeverordnungen oder zum Bürgerstatus reichten die gesellschaftlichen Bestimmungen. Um angenehm und abgesichert über die Runden zu kommen, bedurfte es nicht nur ein regelmäßiges Einkommen, sondern auch einer bestens organiserten Haushaltsführung. Mit den Einkünften des viel beschäftigen Baumeisters und der hauswirtschaftlichen Fähigkeiten seiner Frau war der fünfköpfigen Familie Prandtauer ein wohlsituiertes, bürgerliches Leben möglich.

  

Mit einer klaren Leitlinie und erzählerischer Kraft gelingt es der Ausstellungskuratorin Dr. Elisabeth Vavra (Direktorin des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit) den Barockalltag im Privatleben und im öffentlichen Raum lebendig werden zu lassen. Die zum Teil stark zurückgenommene Gestaltung der Ausstellung nimmt der frischen Erzählweise und der sprechenden Objektauswahl nicht den Elan.

Der Profanbaumeister
Die weltlichen Aufträge des Baumeisters stehen im Mittelpunkt der Ausstellung des Stadtmuseums. Der erste Stock bietet, Raum für Raum übersichtlich durch die Kuratorin und Barockspezialistin Dr. Huberta Weigl gegliedert, einen Überblick über das Gesamtwerk Prandtauers.

  

Die von Text und Bildern dominierte Ausstellung bindet, wo es denn möglich ist, Originalobjekte, zeitgenössische Ansichten und Modelle ein. Die übersichtliche Struktur sowie der geschickte Einsatz von optischen Reizen macht die Informationsfülle leicht aufnehmbar. Besucherfreundlich formuliert, ist den Begleittexten zu den Bauwerken u.a. vorangestellt, ob es sich um gesicherte oder des Œuvre des Meisters zugeordnete Objekte handelt.

Die Umsetzung des attraktiven Entwurfs hätte etwas sorgfältiger ausfallen können, doch der exzellent aufbereitet Inhalt wird spielend die Aufmerksamkeit bündeln.

Planen und Bauen im Dienste der Kirche
Im Diözesanmuseum wird der Kirchenbaumeister Prandtauer u. a. in den beeindruckenden Räumen der Bibliotheken und im Gartenpavillon, gewürdigt.  Vor allem seine “Großbaustellen” wie Stift Melk, Herzogenburg oder St. Florian werden den meisten BesucherInnen geläufig sein. Überraschen werden hingegen die zahlreichen kirchlichen Wirtschaftsbauten.

   

Die Entstehungsgeschichte dieser Bauten, die Wechselwirkung zwischen Architekt und Auftraggebern sowie die Kooperation des Baumeisters mit den Handwerksbetrieben zeigen die enorme Dimension der Großbaustellen auf. BesucherInnen, die selbst einmal ein Gebäude errichten ließen, umgebaut oder renoviert haben, werden entdecken, dass sich seit der Barockzeit nicht alles - egal ob zum Besseren oder Schlechteren - gewandelt hat. 

   

Die Kuratorin Dr. Weigl setzt die im Stadtmuseum die vorgegebene Struktur - angepasst an die Räumlichkeiten - konsequent fort. BesucherInnen werden auch dadurch beide Ausstellungen inhaltlich gut miteinander verbinden können.

Dem Meister auf der Spur
Stift Melk, das beeindruckende und mächtige Hauptwerk Prandtauers, ist unabhängig vom Gedenkjahr immer einen Besuch wert. Das UNESCO-Weltkulturerbe Stift Melk widmet seinem Architekten im sog. Prandtauerkeller einen Werkschau, die als Überblick und Verweis auf die Sonderausstellungen in St. Pölten zu verstehen ist.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber auch genug Zeit für die vier Standorte einplanen. Mit dem großen oder kleinen Prandtauerticket lässt sich dies übrigens kostengünstig und zeitunabhängig managen. Zu den Ausstellungen in St. Pölten sind drei, einander ergänzende Kataloge erschienen. Einerseits spiegeln sie den aktuellen Forschungsstand, andererseits sind sie spannende sowie publikumsgerechte Lektüre über das Leben im Barock sowie Jakob Prandtauer. Zugleich lädt das übersichtliche Werkverzeichnis ein, dieses als kompetenten Reiseführer für Entdeckungsfahrten in Nieder- und Oberösterreich zu verwenden.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Jakob Prandtauer: Die Klosterbauten
Der Barockbaumeister Jakob Prandtauer

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Ötzi, die Räter und die Römer

Dienstag, 04. Mai 2010

Non-Fiction

Luisi Righi, Stefan Wallisch
Ötzi, die Räter und die Römer
Folio 2009, 175 S., zahlr. Farbfotos und Karten
ISBN 978 3 85265 486 9

 Ötzi, die Räter und die Römer

Wandern ist kurzweilig und lehrreich, wenn es mehr als nur Bewegung im Freien ist. Die vorliegenden archäologischen Ausflüge Südtirols lohnen sich daher sowohl für Bewegungsfreudige wie Bildungshungrige. Südtirol hat in jeder Hinsicht viel zu bieten. Es ist landschaftlich reizvoll, klimatisch überraschend vielfältig und bietet archäologisch ab der Steinzeit ein breites Spektrum an Sehenswürdigkeiten.

Das Autorenteam dieses Bandes schlägt 46 archäologische Wanderungen in Südtirol - mit dem Herzstück des Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen - vor, die es sprichwörtlich “in sich” haben. Zehn Schwerpunkte gliedern die Wanderungen, die auch einen Abstecher nach Osttirol inkludieren. Den Auftakt machen Exkursionen zum Archäologie Museum in Bozen sowie zum berühmten Südtiroler “Ötzi” und in seinen Lebensraum.  Jagd, Wohnen, Handwerk und Waffen, Götter, Steine, Räter, Römer, Antike Straßen und Begegnungen, die Archäologie und Mysterium verbinden, sind die nachfolgend aufgegriffen Themenbereiche.

Der praktische und strapazfähige Begleiter, passt in jedes Wandergepäck. Die gut struktuierten Überblicksinformationen kombiniert mit praktischen Tipps, guten Fotos, übersichtlichen Wegbeschreibungen und kleinen Karten bieten eine solide Basis und machen Lust auf mehr. Die gewünschte “Mehrinfo” bieten die Museen, die in den Wanderrouten eingebunden sind. Streckenangaben, Rastmöglichkeiten und andere wichitige Informationen werden unter “kurz & bündig” zu jedem Routenvorschlag benutzerfreundlich am Ende zusammengefasst. In den ausklappbaren Umschlagseiten verbergen sich Pläne und die numerisch kartierten Sehenswürdigkeiten. Literaturhinweise runden den kompakten Reiseführer zur Archäologie in Südtirol ab.

© S. Strohschneider-Laue

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Anton Romako

Mittwoch, 28. April 2010

Meisterwerke im Fokus
Anton Romako - Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa
Belvedere 29. April bis 25. Juli 2010

In der Ausstellungsreihe “Meisterwerke im Fokus” des Belvedere steht mit dem außergewöhnlichen Werk des Künstlers Anton Romako (1832-1889) zugleich ein wichtiger militärhistorischer Aspekt im Mittelpunkt.

   

Im Zuge des dritten italienischen Unabhängigkeitskriegs 1866, der durch die Verluste an der zweiten Front im Krieg zwischen Österreich und Preußen zu Gunsten Italiens verlief, war die österreichische Seite in einigen Schlachten gegen Italien siegreich. Eine davon ist die Seeschlacht bei Lissa (kroatische Insel Vis) bei der die größere und modern ausgerüstete Flotte Italiens trotz des erstmaligen Einsatzes von Panzerschiffen den in jeder Hinsicht veralteten österreichischen Holzschiffen unterlag. Der österreichische Konteradmiral Wilhelm von Tegetthoff erzielte den Seesieg bei Lissa aufgrund seiner Rammmanöver, die durch die mangelnde Vorbereitung und Desorganisation der italienischen Admiralität zusätzlich begünstigt wurden.

Der Fokus liegt auf Anton Romakos Interpretation der Seeschlacht bei Lissa. Begleitend werden Objekte, Fotografien und Kunstwerke, die in Zusammenhang mit Tegetthoff und der Schlacht bei Lissa stehen - darunter auch ein Modell des k.u.k. Flaggschiffs Erzherzog Ferdinand Max - gezeigt. Die raren Fotografien von Gustav Jägermayer (1834-1901) dokumentieren den industriellen Aspekt, der hinter dem Kriegsgeschehen stand.

Die Interpretation Anton Romakos sticht unter den damals üblichen Darstellungen von Kampfhandlungen aus verschiedenen Gründen heraus. Seine unkonventionelle Sichtweise auf das Geschehen, über die emotionale Dramatik im Ausdruck der Beteiligten wich grundlegend von der herkömmlichen distanziert-heroischen und zugleich emotionslos beobachtenden Dokumentation der Gesamtsituation ab. Nicht die Gewalt der der enormen Materialschlacht, sondern der Einsatz des Einzelnen und deren Emotionalität im Zuge der Kampfhandlungen werden gezeigt. Das Bild wurde in Wien abgelehnt, obwohl durch Kaiser Franz Josef I. eine zweite Fassung privat angekauft wurde.

  

Anton Romako hatte mehrere Talente. Sein größtes Talent war nicht sein künstlerisches Können oder seine stilistischen Eigenheiten, sondern hinter die Fassade zu blicken und die dramatischen und emotionalen Aspekte in seinen Werken zum Ausdruck zu bringen. Seine künstlerische Exzentrizität sowie die Tatsache seiner Zeit stilistisch weit voraus zu sein, verhinderten seine allgemeine Anerkennung. Verbunden damit häuften sich gegen Ende seines Lebens wirtschaftliche Rückschläge, die von privaten Niederlagen und Tragödien gefolgt waren.

Von den über 880 Werken Anton Romakos befinden sich 50 in der Sammlung des Belvedere. Die kleine aber feine für die Ausstellung getroffene Bildauswahl repräsentiert das Oeuvre des Künstlers ohne vom inhaltlichen Schwerpunkt der Ausstellung abzulenken. Darunter beeindruckende Porträts, u. a. Kaiserin Elisabeth bar des verklärenden Sisi-Mythos, und Landschaften.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis des historischen Zusammenhangs sind Führung und Ausstellungskatalog (Hirmer Verlag) sowie für den Überblick zu Leben und Werk Anton Romakos ist das Werkverzeichnis (Verlag Bibliothek der Provinz) nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Anton Romako. 24 Aquarelle
Katalog der Gedächtnisausstellung Anton Romako, Akademie der Bildenden Künste, Wien, 25. März - 14. Mai 1950
Der Maler Anton Romako 1832-1889

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Aliens - Neobiota

Dienstag, 23. März 2010

Aliens - Pflanzen und Tiere auf Wanderschaft
Landesmuseum Niederösterreich 14. März ‘10 bis 13. Februar ‘11

Aliens. Neobiota in Österreich

Das Jahr, als die tief greifenden Veränderungen begannen, war 1492. Kolumbus entdeckte damals statt eines Seewegs nach Indien aus Versehen einen Kontinent: Amerika. Die Wikinger hatten das zwar schon 500 Jahre zuvor geschafft, aber mit so geringen Folgen, dass ihr Siedlungen noch gar nicht so lange bekannt sind. Kolumbus hingegen löste folgenschwere und weltweite Transporte von Pflanzen, Tieren und mehr aus. Mit teilweise verheerenden Folgen haben alle nachfolgenden Generationen diesen Lebendtransport mehr oder weniger absichtlich bis heute fortgeführt.

Die Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich steht ganz unter dem Zeichen der Neobiota, also jener Aliens, die nach 1492 in alle Welt transportiert wurden.

 

Heute werden die biologischen Invasoren nicht mehr mit der Santa Maria transportiert. Sie reisen zeitgemäß auch mit dem Flugzeug ein. Daher präsentiert sich die gesamte Ausstellung ganz passend als Airport. Beginnend von den klaren Wegweisern bis zu den farblich deutlich von einander abgetrennten Themenbereichen besticht die optisch klare Struktur der Ausstellung.

 

Die Ausstellung wird - gemeinsam mit winzigen Süßwasserquallen - durch ein Gate betreten und informiert im ersten, tief schwarz gehaltenen Raum zunächst über Fachbegriffe. Zugeben wird kaum jemand, dass er die meisten Begriffe nicht einmal im Biologieunterricht gehört hat. Aber die Klappen, hinter denen sich die Erklärungen befinden, macht großen und kleinen EntdeckerInnen Spaß und fesseln die Aufmerksamkeit. Der Informationsfluss findet auf diese Weise fast unbemerkt statt.  

 

Im Verbindungsgang begrüßt strahlendes Gelb der “Alien Airlines”. Hier werden die “Formalitäten” der Einreise erledigt: Wer kommt auf welchem Weg und warum,  wer bleibt und findet seinen Platz, wer reist weiter und wer verursacht wodurch Schwierigkeiten. Der Gang widmet sich nicht nur der Situation in Österreich und Europa, sondern betrachtet Neobiota und ihre Wirkungen weltweit. So werden auch Dominoeffekte der biologischer Katastrophen aufgezeigt, die durch absichtlich eingeführte Hasen, Füchse, Katzen oder Kröten ausgelöst werden können, wenn diese Tiere dort nicht ursprünglich beheimatet waren.

 

Folgt man dem Gang bis zu seinem Ende bieten drei Kuben zu Klimawandel, Gesundheit und Naturschutz pointierte Informationen, die das Alien-Thema abrunden. Damit man die Zuwanderer optisch und akustisch erkennen kann, lädt ein Simulator zum Ausprobieren ein.

Der Sonderausstellungsraum ist ganz den Neobiota in Österreich gewidmet. Präparate und lebende Tiere werden BesucherInnen dadurch überraschen, dass sie nicht Einheimische, sondern Zuwanderer sind. Strahlende Farben unterstreichen die Themen der räumlich voneinander abgegrenzten Bereiche.

Umgeben von Grün und Blättern wird man in der Botanik so manchen Gartenfreund sowie hübsches oder lästiges Unkraut erkennen. 

  

Blau und türkis erstrahlt der nächste Abschnitt. Signalkrebs und Rotwangenschildkröte werden hier mit anderen Wasserlebewesen als Zuwanderer vorgestellt. Die Geschichten ihrer Einreisen und ihrer Auswirkungen werden dabei sicherlich überraschen.

  

In Violett machen sich Schwan, Waschbär, Damwild und das lebende Rattenpärchen richtig gut. Die hier gezeigten Wirbeltiere sind u.a. Kulturfolger oder wurden als Nutztiere eingeführt. Pelzträger sind manchmal auch aus Zuchtanlagen entkommen.

 

Und so niedlich ein Waschbär auch ist, wenn er nächtens Mülltonnen ausräumt, macht er sich schnell unbeliebt. Und wer hätte das gedacht, selbst der Schwan ist ein Alien. 

  

Da man bei vielen genau hinschauen muss, um die kleinen Fremdlinge zu entdecken, verleiht ihnen Magenta zusätzliches Flair. Selbst eine wenig einnehmende Made gewinnt bei dieser Farbe an Attraktivität. Nicht minder spannend sind die Wirbellosen, die sich nach und nach in Österreich verbreitet haben. Der Kartoffelkäfer, der mit seiner Lieblingsspeise aus Amerika eingewandert ist, ist hier ebenso zu finden wie asiatische Marienkäferchen, die für den Weinbau keine Glücksbringer sind.

  

Als erschreckend beeindruckend erweist sich das Gespräch dreier WissenschafterInnen. In dunkler Atmosphäre kann man den Ausführungen im letzten Abschnitt sitzend lauschen, während leises Grauen die Haare im Nacken aufstellen lässt; denn manche Neobiota können Ihre Gesundheit gefährden.

 

Übrigens, wenn sie diesem hübschen Kerlchen im Burgenland begegnen, sehen sie keinen Wolf, keinen Hund, keinen Fuchs, sondern einen Goldschakal.

Fazit: Unbedingt ansehen und ein tolles Erlebnis für die ganze Familie. Gönnen Sie Ihren Kindern genug Zeit, um das Museumslabor zu erkunden und winzig Kleines riesig groß zu sehen!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Aliens. Neobiota in Österreich

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Kontroversen

Mittwoch, 03. März 2010

Notiz

Kontroversen
Justiz, Ethik und Fotografie
KunstHausWien
4. März bis 20. Juni ‘10

150 Jahre Fotografie im historischen, gesellschaftspolitischen und vor allem im juristischen Kontext präsentiert das KunstHausWien. Die vom Musée de l’Elysée Lausanne entwickelte Ausstellung ist ein Pflichttermin für alle, nicht nur für jene, die mit Fotografie beruflich befasst sind, ihr ein größeres Interesse entgegenbringen oder selbst gerne auf den Auslöser drücken.

Chronologisch gehängt, werden rd. 90 Fotografien gezeigt, die schon seit den Anfängen der Fotografie polarisierten und Juristen beschäftigten. Bis heute bieten Fotografen und ihre Werke immer wieder Anlass für Kontroversen. Das sogenannte “Caroline-Urteil”, das vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2004 gefällte Urteil, das die Bildberichterstattung über Prominenten einschränkt, ist wohl vielen bekannt. Wie viele sehr differenzierte oder nur oberflächlich ähnliche Streitfragen rund um die Fotografie vor Gericht landen, ist hingegen kaum  bekannt. Es geht dabei weniger häufig um Abgeltung finanzieller Rechte der Urheber, sondern um viele andere, rechtlich abzuklärende Fallbeispiele. 

Fotografie muss nicht gleich Kunst sein, um an ethische, politische oder sonstige zeitgeistige Grenzen zu stoßen. Zu dem sind Zurückhaltung sowie Veröffentlichungen von Fotos ein probates politisches Mittel zur Steuerung der öffentlichen Meinung wie es u. a. für die Atomwaffentests gehandhabt wurde. Dokumentationen, Kriegs- und Katastrophenfotografien können genauso Anlass für Diskussionen, Verbote und rechtlichen Konsequenzen sein. Manipulationen, die die Fotografie selbst betreffen können oder den Kontext in den Fotografien gestellt werden, sind vielfältig und machen zuweilen auch Abgeklärte fassungslos.

Bei 78 eher fragwürdigen als originalen Abzüge von Man-Ray-Fotos ging es um die Rückerstattung von  2,3 Millionen Dollar. Originalfotos und deren retuschierte Varianten oder in einem anderen politischen Kontext interpretierte Fotos belegen politische Zielsetzungen mit Hilfe von Bilddokumenten.

“Alice im Wunderland” oder “Lewis Carrol im Kinderpornoland” war 1858 das Gerücht, das zu kursieren begann, als Carroll die kleine Alice Liddell als Bettelmädchen ablichtete. Die Gerüchte sind auf Grund von ihm selbst vernichteter Fotos und Säuberungsaktionen seiner Familie nach seinem Tod zwar nicht mehr zu bestätigen, können aber auch genauso wenig widerlegt werden. Wo die Kinderpornografie vermeintlich beginnt und wo sie vermeintlich aufhört, ist sowieso ein breites Feld der Interpretation wie auch anhand etlicher Beispiele in der Ausstellung aufgezeigt wird.

Wie gerechtfertigt Fotos sein mögen, die von Sterbenden, Toten und deren Körperteilen gemacht werden, bietet seit dem unautorisierten Foto des Otto von Bismarck im Sterbebett reichlich Konfliktstoff. Egal ob es eine zerfetzte Hand  vom 11. September 2001, das zu Tode erschöpfte und vom Geier beobachtet Kleinkind im Sudan oder die sterbende Omayra Sánchez in Kolumbien ist. Es sind Fotos die polarisieren, sich einprägen, strikte Ablehnung und spontane Hilfsbereitschaft auslösen.

Zwischen freiwilliger Selbstzensur und bedingungsloser Verteidigung der Freiheit der Kunst angesiedelt, sind Entscheidungen, die die Veröffentlichung von Bildern betreffen, die auch nur ansatzweise gegen ein bestehendes Verbot verstoßen könnten. Es ist dennoch subjektiv, ob z. B. die Pose von Angelina Jolie mit Pferd als sodomistisch interpretiert wird oder nicht.

Es hat sich seit jeher für Künstler ausgezahlt die Reichen und Schönen nicht nur wegen ihrer - oft vermeintlichen -Zahlungskraft zu porträtieren. Die Porträts bieten einerseits Einnahmen durch den Verkauf der Abzüge und andererseits das große Potenzial eine Schar zahlungswilliger, weniger berühmter bzw. gänzlich unbedeutender Kunden zu gewinnen. Die Rechtsstellung der Porträtfotografie als Kunstwerk sowie die Sicherung des Urheberrecht am Foto wurde in den USA bereits 1883 durch ein Porträt von Oscar Wilde ausgelöst, das kopiert wurde.

Die großartige Ausstellung mit hohem Mehrwertfaktor benötigt vor allem eines: Zeit. Zeit um die Bilder anzusehen, noch mehr Zeit die erstaunlichen Inhalte der Texte zu erfassen und sehr viel Zeit zum Nachdenken. Während eine Personale nach einem kurzem Rundgang oft das Gefühl der Leere hinterlässt, ist hier der hohe und breitgefächerte Informationsgehalt von bleibenden Wert.

Überraschend ist hingegen die freiwillige Selbstzensur der Ausstellung. Kinder unter 14 Jahren haben keinen Zutritt, sensiblen Personen wird von der Ausstellung abgeraten. Es sollte zumindest Erziehungsberechtigten diese Entscheidung überlassen bleiben, ob sie ihre Kinder mit in die Ausstellung nehmen oder nicht. Unverständlich, denn tagtäglich ist jeder Mensch - unabhängig von Alter und Sensibilität - einer Flut vergleichbarer visueller Eindrücke ausgesetzt, deren kulturhistorischer Kontext und rechtliche Tragweite dabei verschlossen bleiben. Unverständlich, weil auch die unprofessionelle, private Bilderflut, die tagtäglich im Internet veröffentlicht wird, von den gleichen rechtlichen Aspekten und Folgen betroffen ist.

Fazit: Pflichttermin!

© S. Strohschneider-Laue

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Schule schaut Kunst

Montag, 01. März 2010

Österreichweiter Aktionstag
2. März ’10
Albertina, Kunsthaus Bregenz, Kunsthistorisches Museum Wien, Landesmuseum Kärnten, Landesmuseum Niederösterreich, Leopoldmuseum, MAK, Museum Moderner Kunst Kärnten, Oberösterreichisches Landesmuseum, Österreichische Galerie Belvedere, Salzburg Museum, Tiroler Landesmuseen, Volkskundemuseum Wien, Wien Museum.

Am 2. März findet der österreichweite Aktionstag “Schule schaut Kunst” statt. Initiiert wurde der Aktionstag vom Universalmuseum Joanneum. Als Kooperationspartner wurden - mit Ausnahme des Burgenlandes - österreichweit Museen und Vertreter der kreativen Fächer gewonnen. Ziel ist es, Schulen zum Museumsbesuch zu animieren und zugleich allgemein auf den Lernort “Museum” aufmerksam zu machen. Obwohl dabei die kreativen Fächer in den Mittelpunkt gerückt werden, ist offensichtlich, dass Lernen im Museum trotz des Schwerpunkts “Kunst” auch alle anderen Unterrichtsfächer betreffen kann.

Werbung braucht die Veranstaltung nicht mehr, die Vermittlungsangebote sind ausgebucht. Der Aktionstag benötigt hingegen Öffentlichkeit - und nicht nur der Aktionstag. Es ist die Bildung, die über “Ausbildung” hinausreichen muss, um Allgemeinbildung zu sein, die dringend Öffentlichkeit finden muss.

“Bildung ist, was bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist”, zitiert Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, dazu ganz passend den aus einer verarmten Familie stammenden Mark Twain. PolitikerInnen hingegen zitieren gerne die Kreativwirtschaft als den kulturellen Motor des Landes. Wenn die Kreativität ein Wirtschaftsfaktor ist, dann sollte damit nicht gemeint sein, kreative Möglichkeiten der Geldbeschaffung zu entwickeln. Bedauerlich daher, dass alles was dazu nötigt ist, um gehaltvoll kreativ tätig sein können, den Lehrplanveränderungen und der desaströsen Lehrpersonalpolitik zum Opfer fällt. Inhaltlich betrifft das mehr als “nur” die Fächer Musik-, Kunst- und Werkerziehung. Humanistische Grundlagen tragen wesentlich zum historischen sowie kulturellen Verständnis bei. Kulturkompetenz kommt schließlich nicht von ungefähr. Wer nicht das Glück hat aus einem bildungsaffinen und finanziell abgesicherten Umfeld zu stammen, wird es weniger leicht gemacht sich diese Fähigkeiten anzueignen, vor allem wenn der Pflichtunterricht sich ausschließlich auf das Erlangen von Kernkompetenzen und Sport beschränkt.

In den Bundesmuseen zahlen Kinder und Jugendliche - auch außerhalb des Klassenverbandes - keinen Eintritt. Dennoch werden sich bei den derzeitigen Eintrittspreisen viele Eltern schon aus wirtschaftlichen Gründen überlegen müssen, ob sie ihre Sprösslinge in die Museen begleiten können. Der Anreiz für Kinder und Jugendliche alleine ins Museum zu gehen, wird wohl schon aus Schwellenängsten eher gegen Null tendieren - falls unbeaufsichtigten Minderjährigen überhaupt der Zutritt gestattet wird. Was für die Mehrheit bleibt, ist der Museumsbesuch im Klassenverband. Für die meisten Kinder die einzige Gelegenheit ein Museum von innen zu sehen.

Museen haben den Auftrag zu sammeln, zu bewahren, zu forschen und auszustellen. Dass es mit dem Ausstellen nicht getan ist, sondern jede Ausstellung von ihrer publikumsgerechten Aufbereitung und Vermittlung lebt, ist inzwischen hinreichend bekannt. So liegt es zuletzt an den KulturvermittlerInnen, meist das schwächste Glied in der hierarchischen Struktur der Museen, jungen Menschen positive und gehaltvolle Erinnerungen an das Erlebnis “Museumsbesuch” zu verschaffen. Vielleicht sind nach dem Besuch einige unter ihnen, die wieder kommen und der Institution auch als Erwachsene positiv gegenüberstehen. Nicht zuletzt benötigen selbst die großen Museen in Österreich hohe Besucherzahlen, die nicht von zwangsverpflichteten SchülerInnen dominiert werden, sondern auch erwachsene BesucherInnen aufweisen sollten.

Dem ambitionierten Ansatz des Aktionstages “Schule schaut Kunst” ist hoffentlich über den 2. März 2010 hinaus Erfolg beschieden.

© S. Strohschneider-Laue

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Nullerjahre

Donnerstag, 07. Januar 2010

Fiction

Judith-Maria Gillies 
Unsere Nullerjahre  
Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger
Eichborn 2009, 233 S.
ISBN 978 3 8218 6501 0

 Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

Biene Maia, Bircher-Müsli und Bubblegum sind Schnee von vorgestern, Relikte des letzten Jahrhunderts. Die Relikte von morgen sind die noch immer aktuellen modischen und/oder menschlichen Höhen und Tiefen der letzten 10 Jahre. Was haben Alcopops und Botox bzw. Prinzessin Lillifee und Paris Hilton gemeinsam? Ja, da können so manche Parallelen gezogen werden. Vor allem aber polarisierten sie und sie teilen sich daher die Buchseiten der Nuller(!)jahre mit Autofähnchen und Tattoos bzw. Bob dem Baumeister und Dieter Bohlen.

Allein die Stichworte zu lesen genügt, um den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Die Texte dazu sind jedenfalls ein Born des Genusses. Jene, die sich gegen irreversible Modesünden entschieden haben, werden sich über die Entsorgungsproblemen ArschgeweihlerInnen amüsieren. Es ist eben einfacher “Ugly-Boots” und tiefgelegte Beinkleider zu entsorgen als ins Fleisch geprägte Bekenntnisse. Ob man zukünftig anderem importierten Grauen wie Halloween entkommen mag, ist wohl leider zu bezweifeln.

Herrlich böse und wunderbar amüsant ist die lexikalische Abrechnung mit dem zur Schau getragenen Lebensgefühl im neuen Jahrtausend. Für die meisten ist das Buch ein romantisch-nostalgischer Blick retour, viele werden nachdenklich gestimmmt und für die Verweigerer aller Trends ist es ein hämischer Blick auf das zusammengefasste Verkaufsgespräch eines Jahrzehnts. Egal unter welchen Voraussetzungen man zu schmökern beginnt, am Ende wird man mit einem lachenden und weinenden Auge in Erinnerungen kramen. Grenzgeniale Pflichtlektüre für Trendjunkies und Verweigerer ist das Buch in jeden Fall - auch wenn man den Eindruck bekommt, dass Frauen die größten Torheiten begehen und männliche Volltoren allseits bejubelt Karriere machen.

Prosit 2010 und alles was bis Ende 2019 kommen mag!

© S. Strohschneider-Laue

Unsere Nullerjahre: Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger

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