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Mittwoch, 16. März 2011

Aiwasowski - Maler des Meeres
Bank Austria Kunstforum
17. März bis 10. Juli ‘11
Aiwasowski: Maler des Meeres

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817-1900) wurde in Feodossija auf der Krim geboren. Ein Stipendium ermöglicht es ihm ab 1833 an der Akademie in St. Petersburg zu studieren und erste Fernreisen zu unternehmen. Zahlreiche Stadt- und Landschaftsbilder geben eindrucksvolles Zeugnis seiner Reistätigkeit. Der viel beschäftigte Künstler blieb er seiner Heimatstadt verbunden. Atelier und Wohnhaus des Malers des Meeres in Feodossija ist heute ein ihm gewidmetes Museum und Leihgeber für diese außergewöhnliche Ausstellung.
Bereits 1844 wurde der aufstrebende und bereits ausgezeichnete Künstler zum offiziellen Maler des Marinestabs ernannt. Durch seine somit gesicherten Auftragsarbeiten war er finanziell gut situiert. Aus einer armenischen Kaufmannsfamilie stammend, war ihm durchaus bewusst, dass man Geld anlegen und sich gesellschaftlich integrieren muss. Sein Engagement für Wirtschaft und Kultur - er setzte sich für die Eisenbahnlinie und die Gründung eines archäologischen Museums in Feodossija ein - waren somit auch privates Kalkül.

Marinemalerei ist ein Genre, das nicht unbedingt jeden auf Anhieb anspricht. Ein Vorurteil, das durch Monumentalbilder von Seeschlachten, die für Repräsentationsräume, Hafenszenen für Amtsstuben und Schiffsbilder, die für Veteranen gemalt wurden durchaus gerechtfertigt erscheint.
Unter den sprichwörtlichen grauen Wellenfluten der ungezählten - vor allem holländischer Seestücke -, die sich einmal links, einmal in der Bildmitte und zur Abwechslung rechts des voll aufgetakelten oder bereits halb gesunkenen Schiffes zeigen, sticht die außergewöhnliche Sichtweise und Darstellung von Aiwasowski hervor. Man muss sich nicht der Marine verbunden fühlen, um die erzählerische Qualität der Szenen zu erfassen. Man muss nicht dem Ertrinken nahe gewesen sein, um die Angst der Schiffsbrüchigen zu spüren. Aiwasowskis Bilder sind Berichterstattung und Kunst zu gleichen Teilen und das macht ihre zeitlose Qualität aus.
Wer das Wasser nur vom Strandurlaub kennt, aber dessen Gewalt nur aus Katastrophenberichten, wird nach dem Besuch der Ausstellung einen geschulten Blick haben. Wellenkämme und Gischt betrachten, das Farbspiel, das Licht und die Transparenz bewundern. Spürbarer und beeindruckender als Aiwasowski Gemälde ist nur das Meer selbst.

Der bei Hatje Cantz erschiene Katalog Aiwasowski: Maler des Meeres
zeichnet sich durch vielschichtige Beiträge aus. Die gewohnt ausgezeichnete Druckqualität erfreut, kann aber trotzdem - auch aufgrund der monumentalen Originale -, die optische Wucht und Farbpracht nicht völlig gerecht werden. Dennoch ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter, der es Normalsterblichen möglich macht, Aiwasowski mitzunehmen.
Fazit: Ein beeindruckender Bilderreigen, der in dieser Fülle und vor allem nach Aiwasowskis Tod außerhalb Russlands nicht zu sehen war. Die Präsentation erhebt sich erfrischend, faszinierend und gewaltig wie das Meer vom Ausstellungseintopf Österreichs mit seinen Impressionisten-Schiele-Picasso-Mainstream ab.
© S. Strohschneider-Laue
Aiwasowski: Maler des Meeres
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Tags:Ausstellung, Ebensolch Rez-E-zine 65/11, Katalog, Kunst, Russland, Sistlau
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Donnerstag, 10. März 2011

Lukas Beck (Foto), Renate Pliem (Text)
Leben im Zoo
Vom Ameisenbär bis Zebrastreifen
echomedia 2011, 160 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 9026 7237 7
Das Leben im Zoo
Der älteste, seit 1752 bestehende Zoo ist der Tiergarten Schönbrunn in Wien. Seit seinem Bestehen hat sich die Anlage in Etappen von einer Menagerie für Schaulustige zu einer Bildungsoase für BesucherInnen, Zentrum für ForscherInnen und einem Ressort für vom Aussterben bedrohter Tierarten entwickelt. Nicht von ungefähr wurde daher der Tiergarten Schönbrunn 2011 unter 80 europäischen Zoos in 21 Ländern, die der britische Geschäftsmann und Zooliebhaber Anthony Sheridan akribisch testete, nach 2009 erneut zum besten Zoo gewählt.
Forschung, Ökonomie und Außenkommunikation sind die drei Standbeine, die einem wissenschaftlich geführten Zoo mit dem Ziel der artgerechten Haltung die nötige Stabilität verleihen. Zur Umsetzung dieser Ziele sind geschulte Fachkräfte und eine visionäre Leitung nötig. Die TierpflegerInnen und ihre Pfleglinge stehen deshalb erstmals im Mittelpunkt eines Bildbandes, der inhaltlich vom Originalton der Hauptprotagonisten vor und hinter den Kulissen getragen wird.
Der Fotograf Lukas Beck zollt jedem Motiv, jedem Porträtierten den gleichen Respekt. Er macht deshalb keinen Unterschied, ob er österreichische Prominenz oder tierische Exoten fotografiert. In punktgenauem Licht werden Pfleger und “ihre” Tiere zu solch genialen Einheiten verschmolzen, dass sie zuweilen an Hochzeitsbilder erinnern. Einander herzlich zugetane Paare, die in den gemeinsamen Jahren liebenswert-obskure Ähnlichkeiten entwickelt haben.
Die Radiojournalistin Renate Pliem hat den PflegerInnen zugehört und ihren O-Ton festgehalten. In den so entstandenen Texten offenbaren sich Beruf und Berufung, Sachkenntnis und anekdotenhafter Spaß. Obwohl von den PflegerInnen jeweils ein persönlich erzählter Minieinblick geboten wird, kommt das tief gehende Verständnis für die Schnittpunkte von Pflege, Forschung und Öffentlichkeit im Rahmen der ökonomischen Möglichkeiten des Tiergartens Schönbrunn zwischen den Zeilen nicht zu kurz.
Erwähnt werden muss noch das erfrischende Layout von Elisabeth Waidhofer. Je eine Doppelseite, bestehend aus einer Textseite und einem großformatigen Foto, werden jedem Mensch-Tier-Team gewidmet. Gradlinig strukturiert, kommt der Weißraum nicht zu kurz. Das große und klare Schriftbild in harmonisch abgestimmtem sowie unauffällig wechselndem Farbkonzept steht unterstützend gleichberechtigt an der Seite von Text und Fotografie des Bandes.
Ein erschwinglicher und attraktiver Pflichtkauf für JahreskartenbesitzerInnen, Zoobegeisterte und junge Menschen, die den Beruf des Tierpflegers ernsthaft in Erwägung ziehen. Alle anderen werden das Buch haben wollen, weil sie sich der einzigartigen Beziehungen zwischen Wildtieren und Menschen, die über Text und Fotos transportiert werden, nicht entziehen können.
© S. Strohschneider-Laue
Das Leben im Zoo: Von Ameisenbär bis Zebrastreifen
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Donnerstag, 03. März 2011

Helmut Gruber, Birgit Huemer, Markus Rheindorf
Wissenschaftliches Schreiben
Ein Praxisbuch für Studierende
Böhlau /utb 2009, 240 S.
ISBN 978 3 8252 3286 3 (utb)
ISBN 978 3 2057 8432 4 (Böhlau)
Wissenschaftliches Schreiben
Das Handbuch wendet sich vor allem an angehende Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen. Vom Großen ins Kleine aufgebaut, finden sich im Buch mit Symbolen gekennzeichnete sowie typografisch hervorgehobene oder unterlegte Denkanstöße, Arbeitsaufgaben, Tipps und weiterführende Literatur. Der fachspezifische Aufbau einer Arbeit sowie die formale Manuskriptgestaltung sind nicht Thema dieser Publikation und finden daher nur im geringen Maß Berücksichtigung. Zu verschieden sind die Anforderungen in den Fachbereichen und die Fachmedien. Diese Fragen muss der Studierende mit dem Betreuer der Arbeit und der Redaktion des Publikationsmediums, in dem die Arbeit erscheinen soll, in einem möglichst frühen Stadium der Arbeit klären, um später mühsame Anpassungen zu vermeiden.
Themenfindung, Strukturen schaffen, Einbinden der Literaturrecherchen und Formulierung des Forschungsergebnisses sind Hauptkomponenten einer wissenschaftlichen Arbeit und thematisches Ziel dieser Publikation. Den wenigsten Studierenden sind diese Faktoren von Beginn an geläufig. Für Studierende ist es wichtig, gleich am Anfang ihrer Recherchen ohne unnötigen Arbeitsaufwand oder Umwege das inhaltliche Ziel abzustecken, umzusetzen und keine “copy & paste” Sünden zu begehen. Daher ist es umso wichtiger, auf eine Arbeitshilfe wie diese zurückgreifen zu können, die solche Fehler vorab aufzeigt und zu vermeiden hilft.
Neun Kapitel geben Einblick in das wissenschaftliche Arbeiten. Etliche Bereiche können dabei nur allgemein umrissen werden, da von Fach zu Fach große Variationsbreiten bestehen. Die Anregung im Kapitel zwei sich selbst zunächst über das eigene Fach näher zu informieren und sich der eigenen Motivation dieses zu studieren, bewusst zu werden, sollte deshalb ernst genommen werden.
Mit Kapitel drei beginnt die Einführung in das wissenschaftliche Schreiben. Für Organisation der Recherche und die Aufarbeitung des Materials wird ein guter, allgemein gültiger Strukturplan vorgeschlagen, der vor allem Studienbeginnern, wenn nicht schon von Oberstufenschülern, beherzigt werden sollte. Sich mit dem Zielpublikum der Arbeit auseinanderzusetzen mag ein gut gemeinter, zukunftsweisender und von der Grundidee lobenswerter Vorschlag sein, dennoch hat sich m. E. noch immer bewährt für die Zielperson zu schreiben, die letztlich die Noten und Scheine verteilt - auch wenn darunter die Qualität der Arbeit u. U. leidet. Praxisnahe Beschreibungen und Beispiele helfen, Struktur in die zunächst unauffindbar scheinende Information und anschließend unübersichtliche Flut zu bekommen. Da niemand blinder für den Text ist als der Autor selbst, sind Tipps wie den Text einige Tage vor dem Korrekturlesen “abliegen zu lassen” ebenso wertvoll wie die Hinweise zur guten, ggf. aufgelockerten Präsentationsform.
Kapitel vier ist der Wissenschaftssprache gewidmet, der im deutschsprachigen Raum eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Mit den sprachlichen Konventionen des Faches muss sich der Studierende ebenso vertraut machen, wie mit den allgemeinen Gepflogenheiten eines sachlichen, fundierten und exakten sowie nachvollziehbaren Austauschs wissenschaftlicher Inhalte. Das im deutschsprachigen Raum übliche Phänomen des Passiven und Unpersönlichen wird - leider zu Recht - besonders betont. Nicht berücksichtigt wird dabei allerdings, dass dies grade im internationalen Bereich - aber auch an der Schnittstelle zur breiten Öffentlichkeit - häufig zu massiven Verständigungsproblemen führt. Das deutschsprachige Relikt des Zurücknehmens der eigenen Person, übermäßige Nutzung von Nominal- und Passivkonstruktionen führt außerhalb des wissenschaftlichen Elfenbeinturms sowie bei Kommunikation- und Publikationsversuchen im englischsprachigen Raum zu massiven Problemen, die meist erst dann deutlich werden, wenn ein fremdsprachiges Abstract geschrieben werden muss oder eine internationale Jury durchaus fundierte Texte ablehnt. Wer glaubt, dass überdurchschnittliche Satzlänge, seltene Verwendung des Pronomens “ich”, häufige Verwendung von Nomina, Nominalkomposita sowie Passivkonstruktionen den wissenschaftlichen Anspruch eines Textes unterstreichen, beurteilt auch die inhaltliche Qualität eines Menschen nach dem Markenaufdruck seiner Bekleidung. Diese Schlussfolgerung ist richtiger als sie angenehm ist.
Mit einer guten Gliederung steht und fällt der Arbeitsprozess und damit die Arbeit selbst. Kapitel fünf setzt sich daher minutiös - auch mit formalen Aspekten - mit Struktur vom Großen ins Kleine auseinander. In Anbetracht der jüngsten Ereignisse in Deutschland erhält Kapitel sechs eine noch größere Bedeutung. Wie man mit der Leistung anderer umgeht, d. h., wie man Literatur auswertet, verwendet und nicht zuletzt korrekt zitiert, wird hier deutlich vorgelegt. Beschreiben, Erklären und Argumentieren sowie das Verfolgen des roten Fadens in der eigenen Arbeit beschließen ein überaus nützliches Buch, das den gelungenen Spagat “fachspezifischer Allgemeingültigkeit” bewältigt.
© S. Strohschneider-Laue
Wissenschaftliches Schreiben
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Montag, 21. Februar 2011

Die Fotos der Rosi Z.
Bilder aus der Vergangenheit sind spannend. Sie sind stumme Zeitzeugen. Ich liebe es, sie zu betrachten, zu hinterfragen und zu enträtseln.
Zwei Schuhschachteln, vollgestopft mit Fotos und Postkarten völlig fremder Menschen, kamen heute in meinen Besitz. Stundenlang packte ich aus und sortierte vergnügt vor mich hin. Jahrhundertwendefrauen mit riesigen Hüten und Batistkleidern mit Lochstickereien, Bubiköpfe aus den 20er-Jahren, Gruppenfotos von Wirtshausangestellten und Wohnungsinterieur aus den 30er-Jahren sowie beschriftete und unbeschriftete Postkarten von allen wichtigen Ausflugszielen der damaligen Zeit.
Es war eine Bilderflut unbekannter Momente, Geschichten und Menschen aus der langsam ein wiederkehrendes Gesicht und ein Name an die Oberfläche gespült wurde: Rosi/Rosie/Rosy Z. Ihre Streckenkarte aus dem 3. Wr. Gemeindebezirk von 1933 um 18,00 S., das Hochzeitsbild vor dem Krieg und ein Kindergrab nach dem Krieg. Bis zu 120 Jahre alte Familienbilder hatten plötzlich durch sie einen Namen bekommen.
Ein unbeschwerter Nachmittag, bis mir eine Postkarte auffiel: Die Ausstellung “Der ewige Jude”. Die antisemitische Schau wurde vom 2. August bis 23. Oktober 1938 in der Nordwestbahnhalle in Wien (Eröffnungsrede im Archiv der Österreichischen Mediathek abrufbar) gezeigt. Sie schürte Hass und bereitete die Novemberprogrome mit vor.

Anscheinend war auch Rosi unter den fast 420.000 BesucherInnen der Wanderausstellung. Sie kaufte die Karte und hob sie über 70 Jahre auf.
Und ich frage mich:
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie 1938 die Ausstellung betrat?
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie die Ausstellung wieder verließ?
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie die ersten Bilder aus den befreiten KZs sah?
Was hat Rosi Z. gedacht, wenn ihr die Karte beim Kramen unterkam?
Hat Rosi Z. gedacht?
© S. Strohschneider-Laue
Siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Kriegsbriefe
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Mittwoch, 16. Februar 2011

Egon Schiele - Selbstporträts und Porträts
Belvedere
17. Februar bis 13. Juni ‘11
Egon Schiele: Selbstporträts und Porträts

In der Orangerie des Belvedere werden 14 Briefe und 95 Werke gezeigt - zehn davon stammen aus dem Besitz des Belvedere und 22 sind erstmals in Österreich ausgestellt. In der Flut der Schiele-Ausstellungen, die in den letzten Jahren - vor allem im Jubiläumsjahr 2010 im Leopold Museum aber auch im Wien Museum oder Landesmuseum Niederösterreich präsentiert wurden - bemüht sich das Belvedere nun mit “Selbstporträts und Porträts” um eine thematische Eingrenzung.
Die chronologische Hängung (Frühe Arbeiten 1906-1909, Expressionistischer Durchbruch 1919-1911, Selbstporträts 1910-1918, Zeit der Reife 1912-1915 und Späte Porträts 1916-1918) der Kuratorin Jane Kallir wird zuweilen aus thematischen und optischen Gründen aufgebrochen. Berühmtes und kaum Bekanntes aus Schieles kurzer Schaffenszeit wird hier Seite an Seite gezeigt. Deutlich tritt dabei das der inhaltlichen Veränderung und seiner künstlerischen Entwicklung unterworfene Menschenbild Egon Schieles zutage. Sicht- und Darstellungsweisen, die bis heute immer wieder aus diversen Gründen polarisieren.

Die exzellente Ausstellungsgestaltung strukturiert räumlich und optisch. Sie vermittelt den Besuchern das Gefühl sich durch einen in breiten Bögen abgerollten, packpapierfarbenen Malgrund von einem Bereich in den nächsten zu bewegen. Ohne harte Kanten wird in wellenförmigen Übergängen harmonisch gegliedert.
Egon Schiele ist ein Marketingphänomen und Arthur Roessler war sein erster Marketingstratege. 1909 stand Schiele vor dem Nichts. Er war aus der Wiener Kunstakademie im Streit ausgetreten und hatte sich Gleichgesinnten in der Neukunstgruppe angeschlossen, die nur eingeschränkte Ausstellungsmöglichkeit hatte. Im Oktober 1910 malte Schiele das Ölporträt von Arthur Roessler, dem Kunstkritiker, Autor, Galerieleiter, Kunstkonsulent und gesellschaftlich Etablierten. Schiele nutzte die soziale und publizistische Unterstützung Roesslers, dieser wiederum die wachsende Popularität des Künstlers. Nach dem frühen Tod Egon Schieles 1918 ließ sich Roessler von dessen Mutter alle Nutzungsrechte übertragen und etablierte die “Marke Schiele” ebenso nachhaltig, wie es bis zuletzt Rudolf Leopold tat.
Fazit: Die Gelegenheit Porträts und Selbstporträts von Egon Schiele zu sehen und sich selbst ein Bild von seiner Sicht auf andere und sich selbst zu machen, sollte man nicht versäumen.
© S. Strohschneider-Laue
Egon Schiele: Selbstporträts und Porträts
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Mittwoch, 16. Februar 2011

Yusuke Yonezu
Was baust du?
minedition 2011, 24 S., gestanzt, farbig Illustriert.
ISBN 978 3 8656 6105 0
Was baust Du?
Ein Pappbilderbuch mit Stanzungen für die Kleinsten unter den Nachwuchskünstlern.
Die bunte Welt der Bauklötzchen und ihre Grundfarben wurden hier eingefangen. Wenn es Zeit wird, die Klötzchen wegzuräumen und zur Ruhe zu kommen, kann das Buch als Ausklang genutzt werden. Reizvoll ist es, aus dem Betrachten ein Ratespiel zu machen. Die Stanzungen lassen ahnen, was die nächste Seite zeigen könnte. Egal ob die Kleinen hindurchgreifen, die Spannung durch Abdecken der nächsten Seite erhöht wird oder durch die Stanzung ein Plüschtier schaut, der Spaß kommt für Groß und Klein nicht zu kurz.
Die kurzen Sätze auf jeder Seite sind Spielanregungen für die Vorlesenden. Für etwas ältere Kinder bedeuten sie die ersten Begegnungen mit Buchstaben und Wörtern. Das polyglotte Zeitzeichen Lautmalerisches in Englisch zu schreiben - “choo choo” wurde nicht mit “tschu-tschu” übersetzt - wird dabei nicht stören.
Gelungen: Ein wunderbuntes Spielbilderbuch zum Bauklötzchen staunen!
© S. Strohschneider-Laue
Was baust Du?
Mehr von Yusuke Yonezu
Chamäleon
Fünf kleine Äpfel
Fang mich NORI, wenn du kannst
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Montag, 14. Februar 2011

Barbara Berberon-Zimmermann
Polen hören
Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6518 8
Polen hören
Ein weiteres Qualitätsprodukt aus der mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Länderreihe. Gemeinsam ist allen bereits erschienen Hörreisen der “Gerne-wieder-hören-Faktor”, der auch auf “Polen hören” zutrifft.
Barbara Baberon-Zimmermann verfasste aus der wechselvollen Kulturgeschichte Polens einen repräsentativen Hörreigen. Vom Adler im Wappen, wie die Holzbauten durch Steinbauten ersetzt wurden, von der ersten Akademie, aber auch von der Vielfalt der Menschen im Mittelpunkt von Glauben, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst berichtet sie. Passend eingestreute Text- und Musikzitate komplettieren die gut aufbereitete Information rund um das Land, das zwischen mächtigen Nachbarn aufgeteilt, einst völlig von der Landkarte verschwunden war.
Rolf Becker bringt seine angenehme Stimme so wohl moduliert zum Einsatz, dass die 80 Minuten geballter Information wie im Fluge vergehen. Roswitha Rösch designte in bewährter Weise. Sie schuf mit dem Cover einen ebenso passenden wie würdigen Eyecatcher aus Pferd, Reiter und Polen.
© S. Strohschneider-Laue
Polen hören
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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 65/11, Europa, Hören, Kultur, Literatur, Musik, Polen, Reise, Sistlau, Völkerkunde
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Sonntag, 19. Dezember 2010

Emmanuel Berthier (Foto), Laurianne Grandon (Text)
Wildnisse Europas
Haupt 2010, 139 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 2580 7543 3
Wildnisse Europas
Im klein gewordenen Europa unberührte Natur zu finden, ist fast unmöglich geworden. Dennoch gibt es noch letzte Reste echter Wildnisse, die zugleich zu winzigen Refugien für vom Aussterben bedrohte Tiere wurden. Viele sind es nicht mehr: Lappland (Finnland), Highlands (Schottland), Wattenmeer (Niederlande, Deutschland, Dänemark), Extremadura (Spanien), Sardinien (Italien), Cevennen (Frankreich), Tatra (Slowakei), Karpaten (Rumänien) und Białowieźa (Polen).
Im Jahreskreis vom Winter bis zum Herbst bewegt sich die fotografische Rundreise von Berthier vom arktischen Winter in Finnland über die heiße Wüste in Spanien bis in die herbstlich-bunten Wälder der Cevennen. Wie ein Reisetagebuch begleiten die Texte von Laurianne Grandon stimmig die Fotografien. In fantastischen Fotografien, die stimmungsvoll Licht und Natur miteinander verbinden und zugleich einzigartige Momente einfangen, werden diese Paradiese festgehalten. Optische Eindrücke, die dazu einladen, diese Gebiete selbst mit allen Sinnen zu erleben.
Damit dies tatsächlich möglich wäre, wird jede textlich und fotografisch vorgestellte Region mit einem Steckbrief abgeschlossen. Der Steckbrief bietet eine maßstabgerechte Karte, inhaltliche und praktische Tipps sowie Hinweise zu Unterkünften. Das großzügige Layout mit viel Weißraum bringt die Fotografien perfekt zu Geltung, während die farbliche Unterlegung der Steckbriefe auf die Jahreszeiten abgestimmt wurde.
Ein Band für reisefreudige NaturfreundInnen, die sich durch erstklassige Fotos inspirieren lassen möchten.
Wildnisse Europas: Entdeckungsreisen für Naturliebhaber
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Tags:Biologie, Ebensolch Rez-E-zine 64/10, Europa, Fotografie, Sistlau
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Sonntag, 19. Dezember 2010

Andrea Rohrberg, Alexander Schug
Die Ideenmacher
Lustvolles Gründen in der Kultur- und Kreativwirtschaft.
Ein Praxis-Guide
transcript 2010, 253 S., zahlr. S-W.-Abb.
ISBN 978 3 8376 1390 2
Die Ideenmacher
Der Kopf ist voller Ideen, das Herz voller Tatendrang, aber dennoch zögern viele Kreative, ihre Ideen in eine Geschäftsgründung münden zu lassen. Kein Wunder, denn bürokratisches Schubladendenken und Kreativität sind so gut wie unvereinbar. Außerdem sind die mit einer Gründung und dem weiteren Geschäftsgebaren zu überwindenden Hürden vielfältig und leicht zu übersehen. Einen Masterplan hat kaum jemand von Anfang an in der Tasche. Die meisten “stümpern” sich unbedacht durch und nicht alle haben dabei das Glück zu überleben, sondern viele bleiben auf der Strecke. Daher ist es die gute Planung, die das Gründen enorm erleichtert und später dazu führt, beruhigt seiner Kreativität freien Lauf lassen zu können.
Die Publikation “Die Ideenmacher” will bei dieser Planung vor allem Kreativen aus insgesamt zwölf Bereichen (Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfundwirtschaft, Darstellende/r Kunst/Markt, Designwirtschaft, Architekturmarkt, Werbemarkt, Software-/Games-Industrie, Pressemarkt sowie Sonstige im Kunst- und Bildungsbereich angesiedelte Unternehmen) unterstützen. Wobei der Begriff “Kreative” über den schöpferischen Part hinaus auch jene - wie z. B. Buchhändler - erfasst, die die Produkte der Kreativen vermarkten oder wie Bibliotheken und Archive im Bildungsbereich angesiedelt sind.
In neun übersichtlich gegliederten Kapiteln wird der Weg in die Selbstständigkeit von Andrea Rohrberg und Alexander Schug beschrieben. Jedem Kapitel werden die wichtigsten darin besprochenen Punkte vorangestellt.
Auftakt macht im Kapitel eins die Aufforderung zur Selbstreflexion mit zentralen Fragen rund um das eigene inhaltliche und menschliche Potenzial. Das Kapitel wird am Beispiel einer Gründungswilligen, die sich mit ihrer kreativen Idee künftig als Schlussstein jedes Kapitels erweisen wird, beispielgebend zusammengefasst.
Dem Markt und der Stellung des zukünftigen Gründers innerhalb des Marktes ist das Kapitel zwei gewidmet. Die konkrete Aufforderung die Nase vor die Tür und in die Szene zu stecken, in der man selbst einmal mitmischen oder noch besser den Ton angeben will, ist ein zentraler Themenpunkt.
Anhand der eigenen Recherchen ergeben sich im dritten Kapitel Geschäftsmodell und Businessplan fast schon “von selbst”. Denn nun sollte klar werden, ob man markttauglich ist und was man braucht, um finanziell über die Runden zu kommen.
Da es mit den Finanzen immer so eine Sache ist, ist diesem essenziellen Faktor das Kapitel vier gewidmet. Darin wird das Geld angesprochen, das man haben sollte, solches, das man sich noch sichern muss und letztlich, wie man jenes Geld vernünftig einsetzt, um das beste daraus zu machen. Wer sich bis hierher durch das wohlstrukturierte Handbuch gearbeitet hat, ist auf einem guten Weg.
Die Rechtsform bestimmt im Kapitel fünf, wie es weitergeht. Alleine oder mit Partnern ist eine Frage, die sich schon zuvor abgezeichnet hat. Wie man das nun rechtlich für alle Beteiligten absichert und welche Risiken bedacht werden müssen, wird so anschaulich erklärt, dass man keinen BWL-Abschluss dafür benötigt.
Was den Kreativen eher Freude bereiten wird, ist der Werbepart im Kapitel sechs. Irgendwann ist es schließlich nötig, für den zukünftigen Kundenkreis sichtbar zu werden. Natürlich muss das Preis-Leistungs-Verhältnis bedacht werden, aber das ist gemessen an den vorherigen Überlegungen ein Klacks.
Arbeitsorganisation ist auch für den chaotischsten unter den Kreativen eine Überlebensstrategie. Die Inhalte des Kapitels sieben sind deshalb besonders zu beherzigen. Projektabläufe und Zeitmanagement sind sowieso einer steten und meist unvorhergesehenen sowie unerwünschten Veränderung unterworfen. Daher erweist es sich als günstig wenigstens selbst gut organisiert zu sein und ggf. delegieren zu können, wie es im Kapitel acht (Führen und Kooperationen) angesprochen wird.
Buchhaltung und Controlling ist mehr als nur die Steuererklärung, wie Kapitel neun verrät. Schließlich kann man nicht alles ausgeben, was man eingenommen hat und selbst, wenn alle Abgaben gezahlt sind, muss ein Polster für Notfälle geschaffen werden. Und ein guter Überblick öffnet die Augen für günstigere Verträge und Einsparungen.
Wer nach dieser umfassenden Lektüre noch immer meint, nicht genug gelesen zu haben, dem seien die weiterführenden Literaturhinweise und Links ans Herz gelegt, die das - auch hinsichtlich seiner Überschaubarkeit - exzellente Buch beschließen.
© S. Strohschneider-Laue
Die Ideenmacher
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Tags:Business, Ebensolch Rez-E-zine 64/10, Handbuch, Kommunikation, Sistlau
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Sonntag, 19. Dezember 2010

Sabine Hueck, Margit Knapp
Höllisch scharf und himmlisch süß
Eine kulinarische Verführung
Heyne 2009, 224 S., farbig illust. und S-w.-Fotos.
ISBN 978 3 4531 6552 6
Höllisch scharf und himmlisch süß
In neun Gängen wird hier kulinarisch-literarisch zum Kochen verführt. Im ersten Gang trifft Nicht-Köchin Margit auf Köchin Sabine aus São Paulo. “Kochen, nein Danke!” und “leidenschaftliche Köchin” machen durch ihre Annäherung aneinander die LeserInnen neugierig aufs Hantieren mit Esswaren und nicht alltäglichen Zutaten sowie das aktive Verstehen internationaler Küchen.
Anfangs scheinen peruanische Hähnchenspieße, Ceviche im Limetten-Koriander-Dressing und Pisco Sour eine echte Herausforderung zu sein. Doch in der gemeinsamen Annäherung wird nicht nur Filmemacherin und Lektorin Margit mutiger, es beginnt auch den LeserInnen in den Fingern zu prickeln.
Von Gang zu Gang enthüllt sich die Welt der internationalen Kochkunst ein bisschen mehr. Wo man Zutat erhält, woran man sich gleich kochend versuchen kann und wofür man ein wenig mehr Erfahrung braucht, wird hier beschwingt formuliert. Ebenso luftig leicht dienen die Illustrationen und zurückhaltend eingestreuten Schwarz-Weiß-Fotos als optische Erklärung. Im Register des strapazfähigen und handlichen Buchs finden sich sämtliche Rezepte noch mal säuberlich gelistet wieder, die zuvor charmant dem Text untergeschmuggelt wurden. Erstaunlich, wie viel sich mit ein bisschen Mut und Unterstützung auf den Tisch zaubern lässt.
Fremde Kochwelten machen neugierig und die flotte Schreibe nimmt Kochmuffel mehr und mehr für die Küche und das Kochen ein. Zum immer wieder Lesen und Nachkochen.
© S. Strohschneider-Laue
Höllisch scharf und himmlisch süß
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
AugenBlick | AmaZino
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Sonntag, 19. Dezember 2010

Josef Zotter
Alles Schokolade!
Meine liebsten Rezepte für die süße Küche
Ueberreuter 2009, 224 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8000 7440 2
Alles Schokolade!
Schokolade am Stück ist nicht einmal beim österreichischen Schokoladen-König Josef Zotter die Krönung des süßen Geschmacks. Über 100 von ihm ausgewählte Rezepte, die Schokolade im Mittelpunkt stellen, beweisen, dass es mehr als Schokoladetafeln gibt.
Nach einleitenden Worten in eigener Zotter-Sache werden Kakao und Schokolade im Überblick vorgestellt. Seine Kompetenz entfaltet sich danach in der gut vermittelnden Basis zu Qualitäten, Aufbewahrung und Handhabung des beliebten Naschwerks; denn Temperieren und Garnieren sind mit Wissen und allerlei Tricks verbunden.
Torten, Kuchen, Schnitten und Rouladen, Warme Desserts, Schokolade für Kids, Naschereien und Ausgefallenes werden übersichtlich gegliedert vorgelegt. Hilfreich und optisch ansprechend erweist sich das Layout im Rezeptabschnitt des Buches. Links jeweils das erstklassig fotografierte Profiprodukt, rechts der schriftliche Weg zum kulinarischen Ziel. Numerisch vorgelegte Arbeitsschritte werden von den randlich aufgelisteten Zutaten, die in Produktionsbereiche (z. B. Boden, Füllung, Garnitur) unterteilt sind, begleitet. Selbst der Nährwert (kcal, EW, Fett, KH, BE und Chol) pro Stück fehlt “leider” nicht, er wird darunter - mit einem diskreten Abstand und durch eine kurze Line optisch abgetrennt - angegeben. Aber selbst die erschreckenden Kalorienangaben werden wahre GenießerInnen nicht vom Verzehr der vorgestellten Köstlichkeiten abhalten.
Von gelber Schokoladenmoussetorte über herzige Nougatkuchen und warme Schoko-Zimtaufläufe bis zum Zanderfilet in Schokokruste spannt sich der Genussbogen. Wer hier nicht fündig wird und seiner Liebe zu Schokolade frönen kann, dem ist auch nicht mit dem benutzerfreundlichen Glossar am Ende des Bandes zu helfen.
© S. Strohschneider-Laue
Alles Schokolade!
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
AugenBlick | AmaZino
Tags:Österreich, do-it-yourself, Ebensolch Rez-E-zine 64/10, Genuss, Sistlau
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Sonntag, 05. Dezember 2010

Hilke Maunder
Australien hören
Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 9406 6522 5
Australien hören
Von der Regenbogenschlange der Schöpfung bis zur multikulturellen Gegenwart führt die Reise. In 20 Kapiteln für die Ohren wird dieser extreme und noch nicht so lange bekannte Kontinent vorgestellt. Der heilige Berg Uluru ist die Heimat der Regenbogenschlange aus dem Schöpfungsmythos der Aborigines. Für die Ureinwohner sind Mensch, belebte Natur, Geschichte und Landschaft untrennbar. Ebenso untrennbar sind die physische und geistige Wirklichkeit. Die Verschmelzung von Erzählungen, Gesängen, Klängen und Felsbildern erschließt den Kontinent und die spirituelle Landschaft. Diese Verschmelzung kommt bei den über 300 Völkern mit ihren verschiedenen Sprachen und Dialekten variantenreich zum Ausdruck.
Eigentlich müsste man sich wünschen, dass Australien nie von Willem Jansz und James Cook entdeckt worden wäre. Denn für in Europa hochgelobte Entdeckungen zahlten seit jeher die indigenen Bevölkerungen den höchsten Preis. Wenn heute an Australien gedacht wird, stehen die schönsten Seiten der Natur im Vordergrund, aber weder Völkermord noch Ökokatastrophen. So erhielten die ursprünglichen Australier, die Aborigins erst 1957 australische Bürgerrechte. Ab 1962 durften Aborigines wählen. Bis 1970 wurden Kinder aus ihren Familien gerissen und zur Umerziehung geschickt. Rechte auf ihr eigenes Land wurden ihnen erst 1976 zuerkannt. Unfassbar ist, dass der Premierminister von Australien erst im Jahr 2008 Worte der Entschuldigung für die an den Aborigines begangenen Verbrechen - Vertreibungen, Massaker und Kindsraub - fand. Kein Wunder, dass der am 26. Januar begangene ”Australia Day” der Weißen zum “Invasion Day” für die Aborigines wurde.
Die Kolonisation Australiens war in jeder Hinsicht unrühmlich. Die englische Öffentlichkeit stellte sich nicht ihren sozialen Problemen. Stattdessen sorgten ein restriktives Rechtssystem und eine ebensolche Deportationspolitik für Nachschub an Sträflingen - darunter auch Kinder - in Australien. Traurige Berühmtheit erlangte dabei die ausbruchsichere Strafanstalt Port Arthur, die in ihrer Unmenschlichkeit durchaus Vergleiche mit Auschwitz und Guantanamo zulässt.
Alle Aspekte von Kunst und Kultur sind durch die australische Geschichte und ihrer Siedler durchdrungen. Die Erforschung des Landesinneren des 5. Kontinents ist untrennbar mit Ludwig Leichhardt verbunden. 1973 erhielt der Australier Patrick White den Literaturnobelpeeis. Für seinen Roman “Voss” diente die schillernd Persönlichkeit Leichhardt als Vorlage. Später entstand aus dem Stoff noch eine Oper. Sogar der Impressionismus hat mit der ”Heidelberg School” eine eigene australische Variante entwickelt. Der erste abendfüllende Film (1906) entstand in Melbourne und behandelte die Geschichte des Volkshelden Ned Kellys, dem Sidney Nolan (1946/47) in einem Bilderzyklus ein weiteres Denkmal setzte. Musikzitate, die den gesprochenen Text begleiten und stellenweise unterlegen, sind von einer außergewöhnlichen Vielfalt.
Hilke Mauner weiß, worüber sie schreibt. Die Journalistin hat die zahlreichen Facetten Australiens in vielen Berichten und Reiseführern verarbeitet. Spannend und aus erster Hand vermittelt sie einen vielfältigen und kritischen Überblick zur australischen Kultur. Selten ist ein Kontinent, ein Land und seine kulturelle Vielfalt einladender geschildert worden.
Andreas Fröhlich spricht, was Hilke Maunder über den 5. Kontinent berichtet. Wer bei dem Klang seiner Stimme an John Cusack, Ethan Hawke und Edward Norton erinnert wird, hat richtig gehört. Er ist der deutsche Synchronsprecher, der hier seiner stimmlichen Bandbreite zum großen Ergötzen der Hörer frönen darf.
Roswitha Rösch gestaltet das Booklet in den erdigen Farben Australiens, die die Präsenz der Regenbogenschlange erahnen lassen.
Der Hörgenuss “Australien” aus der vielfach prämierten Länderreihe des Silberfuchs Verlags überflügelt den hohen Standard, der mit den Vorgängern geschaffen wurde.
Hörproben
© S. Strohschneider-Laue
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Sonntag, 05. Dezember 2010

Eva Lirot
Seelenbruch
Ein Thriller aus Frankfurt
Schardt 2010, 204 S.
ISBN 978 3 8984 1504 0
Seelenbruch: Ein Thriller aus Frankfurt
Dieser Krimi ist ein blutiges Lesevergnügen. Starke Nerven sind somit Voraussetzung für prickelnden Schauder.
Und wie es sich für einen packenden Thriller gehört, muss man nicht lange auf die - vermeintlich - erste Leiche warten. Die Behauptung, dass öffentliche Orte und Menschenmengen sichere Plätze seien, relativiert sich durch diesen Mord schnell; denn die junge Frau wird im vollen Frankfurter Kaiserdom ermordet. Pikanterweise hatten Opfer und Täter während der Bischofsweihe Sex in einem Beichtstuhl. Sex, dessen Höhepunkt mit einer durchschnittenen Kehle beendet wurde. Es war nicht die erste Leiche und wird nicht die letzte Leiche dieses Falles sein. Der Mörder ist ein Getriebener und was ihn antreibt, ist in jeder Hinsicht der blanke Wahnsinn.
Eine Leiche im Kaiserdom ist also Eva Lirot nicht genug. Nach und nach zieht sie ihre Leser genussvoll tiefer in die verstörenden Hintergründe der Morde. Die wendungsreiche Suche nach dem Serienmörder halten den Ermittler Jim Devcon und sein Team ständig auf Trab. Spuren, die auch in die Welt der sozialen Netzwerke zu finden sind, führen schließlich zu einer Studentengruppe um Laura Münchenberg.
Die kniffelige Mischung aus Philosophie, Psychologie und Wahnsinn ist es, die den Leser kalte Schauer über den Rücken jagt. Die exzellent beschriebene Arbeit des Ermittlungsteams sowie der Lokalkolorit von Mainhatten verschaffen “Seelenbruch!” genau jene Prise bildhafte Realität, die einen guten Krimi auszeichnet.
Eindeutig auch filmtauglich. Es verwundert, dass Eva Lirot ihren Thriller auch noch nicht zu einem Drehbuch umgearbeitet hat und sich die Studios um die Rechte reißen.
© S. Strohschneider-Laue
Seelenbruch: Ein Thriller aus Frankfurt
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Tags:Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 63/10, Krimi, Literatur, Sistlau
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Sonntag, 05. Dezember 2010

Peter Gössel (Hg.)
Michael Mönninger
Coop Himmelb(l)au
Taschen 2010, Dt./En./Fr., 500 S., zahlr. Sw.- und Farbfotos und Grafiken.
ISBN 978 3 8365 1788 1
Coop Himmelb(l)au
Am 1. Dezember 2010 war es soweit. In der Buchhandlung Walther König im Wiener Museumsquartier wurde der Prachtband des weltweit renommiertesten Architekturbüros aus Wien präsentiert. Wolf D. Prix, Mitbegründer von Coop Himmelb(l)au sprach vor großem Publikum über die Entwicklung ab 1968. Er bot Einblicke und zeigte Fotos. dabei geizte er nicht mit tieferen Einblicken in das Werden von Coop Himmelb(l)au und den von ihrer im Aufbruch befindlichen Zeit geprägten Zielen der Gründer. Ziele, die sich auch in der Namensgebung widerspiegelen. Das von jungen Leuten dominierte Publikum bewies, dass die avantgardistischen Konzepte und der dekonstruktivistische Ansatz des Architekturbüros nach wie vor begeistern. Coop Himmelb(l)au ist seiner Zeit weiterhin voraus.
Die Architektur von Coop Himmelb(l)au passt in kein Taschenbuch, sondern ausschließlich in ein Buchmonster von Taschen. Bei bucharchitektonischen Maßen von 40 cm x 31,5 cm x 5 cm - ohne Verpackung - ist es gut, dass der mindestens 7 kg schwere Band im eigenen tragbaren Karton geliefert wird. Passend gigantisch wie die Architektur von Coop Himmelb(l)au werden darin - inklusive Zukunftsausblicke - fast 45 Jahre prägende Architektur vorgelegt. Von dunklem Blau am oberen Rand, bis zu Grün am unteren verlaufen die Farben des Covers. Zu sehen ist der sich aufdrehende gläserne Doppelkegel, aus dem die Dachwolke der BMW Welt in München entspringt. Die 2001 getroffene Entscheidung des Vorstandes der BMW AG den Entwurf von Coop Himmelb(l)au ausführen zu lassen, wurde beispielgebend für kommende Kommunikationsbauten. Von dem Weg, der schließlich zur BMW Welt und viel mehr führte, berichten Herausgeber Peter Gössel und Autor Michael Mönninger in diesem Band.
Aufgeschlagen entpuppt sich der Band trotz der Größe als ein haptisches Erlebnis. Unterschiedliche Papierqualitäten gliedern den Band ebenso wie Layout. Der deutlich strukturierte Inhalt führt ohne große Umwege über die Einleitung zu charakteristischen Stationen im Gesamtwerk von Coop Himmelb(l)au. Diese kompakte Buchstruktur unterstreicht den luftigen, hellen und kommunikationsorientierten Architekturstil. So bedingen sich Inhalt, Design und Funktion “taschentypisch” harmonisch bis ins kleinste Detail.
Die Einleitung steckt den architektonischen Rahmen und die Ziele seit der Gründung ab. Danach ist jeder - egal ob Architekt, Fachstudent oder interessierter Laie - bereits mitten im Geschehen. Und es wird schnell deutlich, dass Architektur, die ihren Ursprung in Aktionskunst, Installationen und luftgefüllten weichen Räumen hat, immer ihrem ursprünglichen interaktiven, kommunikativen Ansatz treu bleiben wird. Auch deshalb ist Ausstellungsarchitektur weiterhin ein interessanter Planungsbereich für Coop Himmelb(l)au.
Die vorgestellte Projektflut wird begleitet von exzellenten Fotos, Skizzen, Entwürfen und realen und virtuellen Raummodellen. Die dreisprachig vorliegenden Texte gewähren Einblicke in die zugrunde liegenden Konzepte und Planungen.
Abgeschlossen wird der Band durch einen umfangreichen Anhang. Hier werden alle Projekte, Firmenstruktur, Biografien, Teammitglieder bis 2010, Ausstellungen, Preise und Ehrungen sowie die Bibliografie vorgelegt.
Ausgehend von Österreich führte der Weg von Coop Himmelb(l)au über die Schweiz, England und Deutschland schließlich in die USA. In den USA wurde - nach dem internationalen Durchbruch 1988 - ein weiteres Atelier in Los Angeles eröffnet. Coop Himmelb(l)au ist jedenfalls nicht austauschbar und so wird mehr Unerwartetes folgen.
© S. Strohschneider-Laue
Coop Himmelb(l)au
siehe auch
Coop Himmelb(l)au. Beyond the Blue: Between the Light
Coop Himmelb(l)au PreBook 1: Musée des Confluences
Coop Himmelb(l)au: Central Los Angeles Area High School # 9 for the Visual and Performing Arts
Dynamic Forces: Coop Himmelb(l)au. BMW Welt München
Corporate Architecture: Entwicklung, Konzepte, Strategien
Coop Himmelb(l)au. Get off of my cloud. Texte 1968 - 1996
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Tags:Architektur, Österreich, Design, Ebensolch Rez-E-zine 63/10, Kunst, Sistlau, Wien
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Dienstag, 30. November 2010

Ralph Erdenberger
Vincent van Gogh
Geheimakte
Prestel 2010, 112 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7016 3
Geheimakte Vincent van Gogh
Dieses Buch über den Maler Vincent van Gogh (30. März 1853 bis 19. Juli 1890) und sein Werk soll mit Spaß gelesen werden. Eine Herausforderung, wenn man bedenkt, wie kompliziert das zerrissene Leben von Vincent van Gogh verlief und wie es endete. Etwa 2000 Gemälde und Zeichnungen fertigte van Gogh in seinen letzten zehn Lebensjahren. Verkauft wurden zu seinen Lebzeiten allerdings nur wenige Bilder. Heute erzielen seine Bilder Rekordpreise: 82, 5 Millionen Dollar zahlte ein japanischer Sammler für das Porträt Dr. Gachet.
Am Anfang des Buches steht die Aufgabe, mehr über den Künstler herauszufinden. Stück für Stück, Hinweis für Hinweis und Bild für Bild erschließt sich der Lebensweg des Künstlers. Kindheit, Ausbildung, Beruf, Malerei, Krankheit und Tod werden aus Bruchstücken fassbar. Begleitend dazu gilt es ein Code-Wort zu knacken, das die Seite für noch mehr Informationen im Internet öffnet. Abwechslungsreich werden die Informationen wie in einem Quellenstudium vorgelegt. Kindgerecht aufbereitet, wird Spielraum für Interpretation ohne moralisches Fingerwedeln geboten. In diesem Buch können Informationen wie Ermittlungsakten gelesen und Rätsel gelöst werden. Die deutlich weniger als Mädchen lesenden Buben werden das Buch lieben.
© S. Strohschneider-Laue
Geheimakte Vincent van Gogh
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Tags:Biografie, Ebensolch Rez-E-zine 63/10, Kunst, Moderne, Sistlau
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Dienstag, 30. November 2010

Bettina Schümann
Gustav Klimt
Die Lebensgeschichte
Prestel 2010, 112 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7033 0
Gustav Klimt: Die Lebensgeschichte
Mit Selbstbetrachtungen hat sich der Gustav Klimt (14. Juli 1862 - 6. Februar 1918) nicht aufgehalten. Der begabte Junge aus bescheidenen Verhältnissen lernt strebsam an der Kunstgewerbeschule, die auch sein jüngerer Bruder besuchte. Unbeschwert haben sich Gustav und Ernst Klimt sich gemeinsam mit ihrem Freund Franz Matsch in der Wiener Kunstszene etabliert. Große Aufträge und die Gunst des Kaisers gehen lange Hand in Hand. Nachdem Ernst stirbt, gehen Gustav und Franz bald getrennte Wege. Gustav Klimt wird Präsident der Secession, der Vereinigung bildender Künstler Österreichs. Der Jugendstil und Gustav Klimt sind seither untrennbar miteinander verbunden. Er entwickelte einen unverkennbaren Stil, der ihn bis heute zu einem der beliebtesten Künstler macht.
Kindgerecht bereitet Bettina Schümann die Lebensgeschichte von Gustav Klimt auf. Wichtige Stationen greift sie aus seinem Leben auf und verbindet diese mit seinen bekanntesten Werken. Dekorativ sind seine Werke, die viele Frauen zeigen, die kurzfristig sein Leben teilten. Diskret umschifft die Autorin die zugehörigen pikanten Details des männlich dominierten 19. Jahrhunderts. Sie lenkt den Blick auf Klimts durch Aufträge und persönliche Orientierung geprägtes, unpolitisches Künstlerleben.
Das Buch gewährt jungen LeserInnen einen leicht fassbaren Blick in das Lebensatelier von Gustav Klimt.
© S. Strohschneider-Laue
Gustav Klimt: Die Lebensgeschichte
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Tags:Österreich, Biografie, Ebensolch Rez-E-zine 63/10, Kunst, Moderne, Sistlau
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Dienstag, 30. November 2010

Dagmar Feghelm
Frida Kahlo
Die Lebensgeschichte
Prestel 2010, 111 S., zahlr. Farb-und Sw-Abb.
ISBN 978 3 7913 7023 1
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
Am 6. Juli 1907 wurde Frida Kahlo in Mexiko geboren. Bis zu ihrem Tod am 13. Juli 1954 wird sie über 140 Bilder malen. Ein Drittel dieser Bilder sind Selbstbildnisse. Noch mehr als auf ihren anderen Werken lassen sich auf den Selbstporträts ihr Leben, ihre Liebe aber vor allem ihr Leiden ablesen. Farbenprächtig wie Mexiko und seine Geschichte sind ihre Bilder.
Frida Kahlo hatte seit ihrer Geburt gesundheitliche Probleme und hinkte. Durch ein schweres Busunglück war sie ihr ganzes Leben körperlich schwer behindert. Über lange Zeit war sie bettlägerig und musste ein steifes Korsett tragen. Trotzdem war sie voller Lebensfreude und eine starke Persönlichkeit. Sie engagierte sich politisch und war mit einem berühmten mexikanischen Maler verheiratet. Sie begann zu malen und wurde bald über die Grenzen Mexikos hinaus bekannt. Viele Menschen lieben ihre Gemälde, aber die wenigsten kennen die Geschichten, die sie erzählen.
Die Biografie der mexikanischen Ausnahmekünstlerin Frida Kahlo wurde sprachsicher von Dagmar Feghelm für junge Leute aufbereitet. Eindringlich und sensibel berichtet sie von der emanzipierten Frau, deren überbordenden Gefühle weder für sie noch für andere leicht zu bewältigen waren. Bei keinem Künstler ist die persönliche Lebensgeschichte so stark mit dem Werk verknüpft. Vor dem Hintergrund ihrer Gemälde stellt sie die persönliche Tragödie Frida Kahlos dar. Entlang dieses roten Fadens gelingt es der Autorin, die Stärken und Schwächen der Künstlerin deutlich zu machen. Gleichzeitig wird die Emanzipation einer selbstbewussten, politisch aktiven Frau gezeigt, die letztlich nachhaltiger als ihr Künstlergatte wirkt. Frida Kahlo begeistert nicht nur Mexiko, sondern die ganze Welt.
Ein Pflichtbuch für kunstbegeisterte junge Menschen. Ein starkes Buch, das zur Selbstreflexion anregt und besonders junge Frauen (ab 12 Jahren) faszinieren wird.
© S. Strohschneider-Laue
Frida Kahlo: Die Lebensgeschichte
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Dienstag, 23. November 2010

Corinna Hesse
Das Schumann Hörbuch
Eine klingende Biografie
Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 15 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 17 1
Das Schumann-Hörbuch: Eine klingende Biografie
Die klingende Biografie zum Paraderomantiker Robert Schumann (*8. Juni 1810) erschien rechtzeitig zum 200. Geburtstag des Komponisten und Pianisten. Die chronologische Struktur des Erzählflusses verbindet den permanenten seelischen Ausnahmezustand Schumanns mit wesentlichen Ereignissen, die sein Leben prägten. Zitate aus Briefen, Literatur sowie aus Schumanns zahlreichen Selbstbetrachtungen werden mit über 50 Musikbeispielen aus seinem Werk unterlegt.
Schöpferische Fluten entfalteten sich in seinen größten Tiefs. Eines davon wurde ausgelöst durch seinen Kampf um die Hand Clara Wiecks, deren dominanter Vater - durchaus nachvollziehbar - alles gegen diese unerwünschte Verbindung unternahm. Robert und Clara schlossen gegen allen Widerstand 1840 den Bund der Ehe. Clara tauschte damit den dominanten Vater, der ihr Tagebuch führte, für einen weitaus komplizierteren Ehemann ein, der ein gemeinsames Ehetagebuch verlangte. Die gefeierte Pianistin Clara gebar acht Kinder, begann zu komponieren und trug mit ihren Konzerten das Gros zur Haushaltskasse bei. Unterstützung bei diesen Tourneen konnte Clara von Robert nicht erwarten. Im Schatten seiner erfolgreichen Frau zu stehen, behagte ihm offenbar nicht. Er brach die gewinnträchtigen Reisen vorzeitig ab oder er erkrankte. Sein Gemütszustand wird dramatisch. Zwischen seiner bipolaren Störung und Auswirkungen der Syphilis aufgerieben, endet Schumann zwei Jahre nach seinem Selbstmordversuch am 29. Juli 1856 im Irrenhaus.
Schumanns zeitlos schöne Kompositionen sind die Sprache seiner Seele, zu einer Zeit als man den Zusammenhang zwischen beiden noch nicht erkannt hatte. Corinna Hesse bereitet Schumann und seine Musik mit fesselndem Tiefgang auf. Zeitlos schöne Musik und lebendige Präsentation durch Dietmar Mues und Anne Moll lassen Schumann auferstehen. Das von Roswitha Rösch gestaltete Booklet ist perfekter optischer Begleiter des akustischen Genusses. Auf 15 Seiten werden in hoffnungsfrohen Grüntönen, die passend zum Seelenzustand Schumanns mit psychedelischen Mustern unterlegt sind, wichtige Stationen und Bilder aus Schumanns Leben vorgelegt.
Hörproben
© S. Strohschneider-Laue
Das Schumann-Hörbuch
höre auch:
Mozart Leben in der Musik - Mozart-Hörbuch
Das Händel-Hörbuch - Im Festivalschuber der Internationalen Händelfestspiele Göttingen
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Montag, 22. November 2010

Daniel Krieg
Kreuzworträtselkarte Österreich
Hallwag 2010, Faltplan XXL-Format (138,6×92 cm)
ISBN 978 3 898283 0693 6
Kreuzworträtselkarte Österreich
Sie schaut aus wie eine Straßenkarte und lässt sich tischfüllend auffalten wie eine Straßenkarte. Wie es sich für eine Landkarte gehört, ist ganz Österreich mit allen Bundesländern abgebildet. Ringsherum gesellen sich im fröhlichen Reigen Persönlichkeiten, die mit Österreich verbunden werden, darunter auch solche, die eigentlich Deutsche, Italiener oder Tibeter sind. Auf der Innenseite des Covers befindet sich eine Tasche in dem der Fragenkatalog steckt sowie - zur Verhinderung von Tränenausbrüchen, Herzinfarkten und Selbstmorden - eine Minirätselkarte mit der Auflösung.
Wer jetzt glaubt, Einzel-Rätselnuss-Knacker spielen zu müssen, dem stehen schwere Tage ins Haus und nur der halbe Spaß. Es ist - allein wegen der Schadenfreude - unterhaltsamer aus dem Lösungsversuch eine Spielerunde zu gestalten. Die 1.066 Fragen drehen sich um Kunst und Kultur, Flora und Fauna, Sport und Politik, Geografie und Persönlichkeiten und Vieles mehr. Damit nicht genug, hat sich Daniel Krieg mit spürbarer Wonne und großem Geschick bemüht, die Fragen möglichst doppelbödig zu formulieren.
Natürlich habe ich mich zuerst auf die Burgenlandfragen gestürzt. Ganz in der irrigen Meinung, dass mir diese am leichtesten fallen würden.
“In Bayern ein Synonym für Bier, Dirndl und Gesang. Im Burgenland für ein Jazzfest und gute Bands.”
Und tatsächlich hatte ich ein - rasch vorrübergehendes - Erfolgserlebnis, da mir das burgenländische Jazzfestival in Wiesen schneller eingefallen ist als die bayrische Bezeichnung für das Oktoberfest. Danach brauchte ich Hilfe, viel Hilfe, denn Schummeln gilt nicht. Aufgefaltet wurde erst wieder im Freundeskreis bei mehreren sehr vergnüglichen Rätselabenden.
Diese Karte lässt RätselgroßmeisterInnen vom Schummeln träumen. Neun Bundesländer mit Stift und Köpfchen zu bereisen, treibt den Schweiß in Strömen auf die Stirn. Zugleich ist der intellektuelle Urlaub auf dieser Landkarte abenteuerlich und informativ. Österreich-Fans, Vorzeige-ÖsterreicherInnen und Rätselfreunde wird hiermit eine harte Staatsnuss im XXL-Format zum Knacken präsentiert.
© S. Strohschneider-Laue
Kreuzworträtselkarte Österreich
siehe auch:
Kreuzworträtsel Karte Deutschland
Kreuzworträtsel Karte Schweiz
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Donnerstag, 18. November 2010

Ich schreibe, wie ich schreibe

Psychotests sind nichts für mich. Mich interessiert nicht, was meine Handtasche über mich verrät - solange sie nicht selbstständig mit meinem Handy telefoniert. Ob ich ein Kugelschreibertyp bin oder nicht, kann ich entscheiden, wenn ich wieder einen Kuli mit einem Bettelbrief zugeschickt bekomme. Zu meinem Selbstwertgefühl und meiner Persönlichkeit tragen jedenfalls Tests nicht bei - ganz abgesehen davon, dass ich das Ausfüllen langweilig finde.
Grade bekam ich von mindestens 150 Seiten einen Eitelkeitstest für AutorInnen - vor allem für solche, die es noch werden wollen - aufgedrängt. Ich erlag dem Druck der Menge. Aber nicht um mich mit durch Namen anderer Autoren quasi selbst “fremd zu beweihräuchern”, sondern um einen Tauglichkeitstest anhand meiner Publikationen durchzuführen. Das Ergebnis wird wohl nicht so schnell an Unterhaltungswert zu überbieten sein.
Wissenschaftsartikel habe ich natürlich in Unmengen verfasst. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich jetzt einen Komplex bekommen soll oder nicht, wenn diese durchwegs mit Sigmund Freud verglichen werden.
Bei meiner Fabel musste aus unerfindlichen Gründen Josef Roth herhalten.
Ausgerechnet meine feministischen und sozialkritischen Berichte, bei denen ich mich so richtig in Saft geschrieben habe, werden Franziska zu Reventlow untergeschoben.
Sobald ich mehr als ein “ich” mit einigen “Austriazismen” textlich verpaare, wird meine Schreibe zu der Peter Handkes.
Dass Günter Grass für meine einfachsten Kleinkindergeschichten herhalten musste, zaubert permanent ein höhnisches Lächeln in meinen linken Mundwinkel.
Für Ironisches muss Uwe Johnson und für Nachdenkliches darf Ingo Schulze Vorbild sein.
Wenn ich im Text eine im Antiquariat erworbene Kleistausgabe in einem vollständigen Zitat vorstelle, wird Heinrich Kleist höchst persönlich zum Patenonkel.
Ich bleibe von den Ergebnissen bis auf den Spaß unberührt. Aber für Werbung könnte es wirksam sein: Ghostwriterin Sistlau schreibt - laut des unbestechlichen Tests in der FAZ - verschroben wie Freud, schlicht wie Grass, österreichisch wie Handke, ironisch wie Johnson, altbacken wie Kleist, feministisch wie Reventlow, nachdenklich wie Schulze und exakt wie Strohschneider-Laue.
© S. Strohschneider-Laue
Eitelkeitstest für AutorInnen
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Mittwoch, 10. November 2010

Zürcher Hochschule der Künste e. a. (Hgg.)
Form Fächer - Form Guide
Design, Begriffe, Begreifen - Understand, Design, Terms
avedition 2010, Dt./Engl., Fächer, zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8998 6121 1
Formfächer: Design Begriffe Begreifen
Vier Institutionen zeichnen für das fächerförmige Bildlexikon verantwortlich: Zürcher Hochschule der Künste, Museum für Gestaltung Zürich, Burg Giebichenstein - Hochschule für Kunst und Design Halle und Institute of interior design, environment and architecture (idea…).
Der bilinguale in Deutsch und Englisch abgefasste Formfächer, bietet eine offene Sammlung von rund 450 Designobjekten. Die wesentlichen Formen sowie die funktionalen Teile der Objekte werden in beiden Sprachen fachgrecht angesprochen. Exakte Ansprache und fixierte Fachtermini sind Basis für die Verständigung zwischen Personen aus Wissenschaft, Design und Produktion.
Auf den Punkt gebrachte Formulierungen dienen der unmissverständlichen Kommunikation im Studium und Beruf. Eine wichtige Voraussetzung, um Zeit, Kosten und Ärger zu minimieren. Der Aufbau des Bildlexikons ist genial systematisiert und übersichtlich dargeboten. Objektbeschreibung/Titel, Datierung, Gestaltung, Herstellung/Produktion, Material und Maße werden dabei selbstverständlich berücksichtigt. Ein übersichtlicher Index ermöglicht die schnelle Auffindung der gesuchten Objekte, obwohl man vermutlich lieber genussvoll und Inspiration suchend blättern möchte.
Die in der unteren linken Ecke angebrachte Lochung der einzelnen Seiten ist Ansatzpunkt der stabilen Schraubbindung, die es ermöglicht, die Seiten - wie bei Farbkarten üblich - aufzufächern. Dicker Karton auf Vorder- und Rückseite verleihen dem Bildlexikon funktionale und strapazfähige Designqualitäten: Stabil, praktisch, gut - Formfächer.
Der zweisprachige Fächer ist der ideale Begleiter für unterwegs. Ein Muss ist er für Jene, die mit Design und Übersetzungen in der Branche zu tun haben sowie in internationalen Kooperationen unmissverständlich sein müssen.
© S. Strohschneider-Laue
Formfächer: Design Begriffe Begreifen
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Montag, 25. Oktober 2010

BücherFrauen e.V. (Hg.)
MehrWert.
Arbeiten in der Buchbranche heute
Ulrike Helmer 2010, 125 S., Sw-Fotos, zahlr. Tab.
ISBN 978 3 8974 1310 8
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
Frauen halten die Buchbranche am Leben. Gingen alle Frauen, die mit der Buchproduktion und dem -vertrieb zu tun haben, in unbefristeten Streik, wären vorerst das letzte Buch produziert und Buchhandlungen geschlossen.
Das große deutsche Netzwerk Bücherfrauen hat anlässlich ihres 20jährigen Bestehens eine Studie bei Romy Fröhlich (Universität München) in Auftrag geben. Der Anteil der Frauen rundum das Produkt “Buch” und deren Arbeitssituation standen bei dieser Studie im Mittelpunkt. Die Präsentation der Studie und der Publikation erfolgten mit ausgewählten Beispielen und daraus gezogenen, beklemmenden Erkenntnissen während der Frankfurter Buchmesse 2010.
Neun Autorinnen zeichnen inhaltlich verantwortlich: Irmela Erckenbrecht, Romy Fröhlich, Judith Grubel, Doris Hermanns, Hannelore Jouly, Karen Nölle, Tamara Weise, Silke Weniger und Edda Ziegler. Wenn man sich anschließend die Namen der Projektgruppe, Schlusskorrektur und Herstellung durchliest, weiß man, dass, wenn es die Fotografen nicht gegeben hätte, Männer für vorliegende Publikation vermutlich nur in den “mechanischen Bereichen thätig” waren.
Den Auftakt des Bandes bietet einen historischen Rückblick auf die Buchbranche und ihr Verhältnis zu Frauen. Die unglaubliche Verachtung, denen Frauen abseits ihrer Gebärfunktionen ausgesetzt waren, wird auch im Buchwesen deutlich. Über Jahrhunderte wurde Frauen der Zutritt zur Bildung verwehrt. Lesende, gebildete Frauen könnten zu einer Bedrohung der Männer und ihrer Domänen werden. Im Nachhinein betrachtet stimmt es. Denn auch im Buchwesen überflügelten Frauen ihre männlichen Zeitgenossen, wenn man(n) sie ungehindert ließe. Um das Ver- und Behindern von selbstständigen Frauen ist es seit jeher und mit allen Mitteln gegangen.
Wie es um die Geschlechterverteilung der Büchermenschen und deren Situation in Deutschland bestellt ist, zeigt die aktuelle Studie. Nicht einmal die bis heute klaffenden Lohn- und Karrierescheren zwischen männlichen und weiblichen Angestellten, hindert Frauen daran den Medienbereich als Traumberuf zu erobern. Mit bis zu 83% ist die Buchbranche heutzutage hoch feminisiert. Dass es dabei trotz akademischer Ausbildung und Kinderlosigkeit - Doppelbelastung und Karrierebrüche sind widerlegte Argumente - für Frauen schlechter als für ihre oft geringer ausgebildeten männlichen Kollegen aussieht, ist eine heftige Erkenntnis. Frauen müssen unabhängig von allen Faktoren mit einem Minus von bis zu 36% am Gehaltszettel rechnen. Das verstört ebenso nachhaltig wie die Erkenntnis, dass höherwertige Ausbildungen und Elternschaft nur Männern einen finanziellen Vorteil bringen können. Frauen schneiden dafür bei Gehaltsverhandlungen besser ab als Männer. Meines Erachtens ist das kein Wunder. Der große Spielraum den Arbeitgeber haben, einer Arbeitnehmerin nach ihrer erfolgreichen Gehaltsverhandlung noch immer weniger zu zahlen als einem männlichen Arbeitnehmer, entlarvt jede Verhandlung als Posse.
Die Situationsanlysen zu Urheberinnen, Übersetzerinnen und Illustratorinnen zeigen, dass diese oft ein gemeinsames Schicksal teilen: Sie können von einem Gehalt - nämlich ihrem - nicht leben. Entweder springt der Partner ein oder sie arbeiten mehrgleisig. Auch Literaturagentinnen müssen sich durch enorme Leistungen auf dem männlichen Markt behaupten. Antiquarinnen sind “am Ende” des Buchmarktes tätig. Die allgemeine Situation ist hier für beide Geschlechter nicht rosig. Dennoch ist auffällig, dass Sammlen - was vielleicht auch auf das höhere Einkommen von Männern zurückzuführen ist - ein männliches Phänomen ist, während Frauen eher an aktuellen Inhalten, denn an einer Raritätensammlung interessiert sind. Bibliothekarinnen übernehmen stetig auch diese einstige Männerdomäne. Durch die Gleichstellung im öffentlichen Dienst werden zumindest in den öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken Frauen und Männer gleich entlohnt.
Der Reibungsverlust, der in nicht nur in der Buchbranche durch die Rahmenbedingungen für die Mehrheit, nämlich die weiblichen Angestellten, entsteht, ist enorm. Warum nach wie vor im gesamten öffentlichen Leben Einfalt über Vielfalt gestellt wird und durch geschlechtsspezifische Sozialisation grenzenlose Möglichkeiten verhindert werden, bleibt mir persönlich ein Rätsel. Zumal Einfalt auch den politischen Rechtsruck fördert, der Frauen ausschließlich mit Mutterschaft, Heim und Herd verbindet. Die Ellenbogen auszupacken und ebenfalls den hohlen Marktschreier zu mimen, darf und kann für Frauen nicht die einzige Möglichkeit sein, Karriere zu machen.
Die seit Jahrzehnten andauernde Stagnation der Gleichberechtigung tritt in dieser Studie in ganz besonders erschreckender Weise zu Tage und bietet perfekten Anlass, die Diskussion neu zu eröffnen, statt den Feminismus permanent totzusagen.
© S. Strohschneider-Laue
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
siehe auch:
Die Freundinnen der Bücher, Bd. 1. Buchhändlerinnen
Die Freundinnen der Bücher, Bd. 2. Buchhändlerinnen - Antiquarinnen - Bibliothekarinnen
Frauen machen Bücher
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Sonntag, 24. Oktober 2010

Martina Fiess, Silvija Hinzmann (Hgg.)
Bis zum letzten Tropfen
Mörderische Weinkrimis
emons: 2010, 240 S.
ISBN 978 3 8970 5765 4
Bis zum letzten Tropfen
Kriminelle Schreibenergie rund um den Wein zu entfalten, ist besonders leserInnenfreundlich. So manche gedruckte Schandtat wird auch von mir zur späten Stunde, begleitet von einem guten Tropfen, gelesen. Im Vertrauen und ganz “in vino veritas”, begleitet von Blaufränkisch Reserve 2007 las ich die letzte Nacht Bis zum letzten Tropfen durch. Manche Bücher kann man nicht aus der Hand legen und bestimmte Flaschen muss man bis zum letzten Tropfen genießen. Kein Wunder, dass ich die Anthologie nicht aus der Hand legte, bevor nicht der beste Wein zu Champagner veredelt seinen Korken zielgerichtet knallen ließ.
Von 19 AutorInnen wendungsreiche, hinterfotzige, zuweilen augenzwinkernde und allesamt fesselnde Kurzkrimis zu lesen, ist wie die besten Appetithäppchen zu genießen. So kommt es, dass ein leichter Abgang hier ganz gewaltig unter die Haut gehen kann oder - ganz im Sinne von ”Weinverkostertum verpflichtet” - es zu allerlei vergnüglich zu lesenden Schandtaten kommt. Auf 240 Seiten wird gestorben, betrogen, gestohlen und noch viel mehr, ohne dass Schuld und Sühne im Vordergrund stehen. Es ist der Wein, der sein zart-herbes Bouquet verströmt und den Geruch von Schweiß und Saumagen lieblich werden lässt; denn so manche Tat wird erst durch den Wein richtig schmackhaft.
Ulf Annel, Matthias Biskupel, Wolfgang Burger, Horst Eckert, Martina Fiess, Monika Geier, Brigitte Glaser, Carsten Sebastian Henn, Elisabeth Herrmann, Silvija Hinzmann, Thomas Hoeth, Regine Kölpin, Tatjana Kruse, Christine Lehmann, Ulla Lessmann, Hannes Nygaard, Heidi Rehn, Britt Reißmann und Nina Schindler sind die genialen PlotterInnen. Sie präsentieren die Deutsche Anbaugebiete von ihren tätlichen Seiten und werden selbst in kurzen Steckbriefen am Ende des Bandes umrissen.
“Bis zum letzten Tropfen” ist die perfekte Lektüre für Krimifans unter den WeinkennerInnen und für solche, die eines von beiden noch werden wollen! Begleitet mit der richtigen Flasche - ich empfehle nach meiner mit einem fantastischem, aber schweren ostösterreichischen Barrique verbrachten Nacht einen lieblichen Moselwein als idealen Lesebegleiter - ein geschmackvoll verbrecherisches Vergnügen.
© S. Strohschneider-Laue
Bis zum letzten Tropfen
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Donnerstag, 07. Oktober 2010

Toilettendesaster

Die Buchbranche ist feine und sinnige Frauensache.
Die Architektur ist großk(l)otzige Männersache.
Paritätisch geht es hingegen bei der Toilettenfrage zu. Männer planen sie und Frauen benutzen (putzen) sie am häufigsten. Mit anderen Worten: Es gibt immer und überall zu wenige Damentoiletten. Außerdem sind die Etablissements immer zu klein. Dass sie jetzt auch ungebetene Einblicke gewähren, ist neu. Hingegen ist eine altbekannte Tatsache, dass Frauen sich zu helfen wissen. Dass Frauen sich in einer der raren und winzigen Zelle zuerst mit einer Klopapier-Verstopfungsaktion beschäftigen müssen, bleibt hoffentlich einmalig!
Erlebt, mitverstopft und fotografiert auf einem großen Messegelände in Deutschland.
© S. Strohschneider-Laue
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Donnerstag, 07. Oktober 2010

Vom MehrWert der Bücherfrauen
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
Frankfurter Buchmesse 6. bis 10. Oktober ‘10

Auf der Frankfurter Buchmesse luden die Bücherfrauen zur Präsentation der aktuellen Studie “MehrWert. Arbeiten in der Buchbranche heute”. Am Podium (v.l.n.r.) saßen Bücherfrau Karina Schmidt, Ausführende der Studie Prof. Dr. Romy Fröhlich sowie die Verlegerin und “BücherFrau des Jahres 2009″ Ulrike Helmer. Im Publikum 50 interessierte Frauen sowie zwei von meiner Sitzposition in der letzten Reihe sichtbare Männer.

Die Bücherfrauen sind ein Netzwerk von Frauen für Frauen aus allen Bereichen der Buchbranche. Umso verständlicher, dass das engagierte Netzwerk wissen wollte, wie es tatsächlich um die Arbeitssituation für Frauen in der Bücherwelt bestellt ist.
Die vermeintlich gute Nachricht lautete: Die Buchbranche ist weiblich.
Bei einer erstaunlich hohen Beteiligung konnten umso fundiertere, wenn auch umso tristere, Ergebnisse erzielt werden. Egal wie es Frauen anstellen, ob sie Karrierebrüche - z. B. durch Kinder - haben oder nicht, und egal wie hoch ihre Qualifikationen sind, am Ende werden sie um 25% schlechter bezahlt als ihre männlichen Arbeitskollegen. Ein Gustostück am Rande: Männer schaffen es im Gegensatz zu Frauen, Familienzuwachs mit einer Lohnerhöhung zu verbinden, während werdende und frischgebackene Mütter ggf. mit einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen - inkl. Lohnkürzungen - rechnen müssen.
Aller Schönrederei zum Trotz tritt die Gleichberechtigung und Gleichbezahlung auf der Stelle, wie auch mit dieser Studie deutlich aufgezeigt wird. Nachdem es noch keine vergleichbare Untersuchung für die Buchbranche gab, kann man nur vermuten, dass es sich um einen Abwärtstrend handelt, der mit dem Rückzug der Männer aus dem Berufsfeld begann. Wie schlimm es wirklich war, ist und sein wird, wird erst die nächste Studie in einigen Jahren zeigen. Buchmesseaktuell lässt sich bereits ein Vergleich herstellen. Die Buchbranche mag zwar weiblich sein, aber die breitenwirksame Plattform des Blauen Sofa gehört in diesem Jahr eindeutig den Männern.
© S. Strohschneider-Laue
MehrWert: Arbeiten in der Buchbranche heute
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Freitag, 01. Oktober 2010

Verträglichkeiten

Vertragen muss der Mensch in seinem Leben vieles. Manches ist der Verträglichkeit abkömmlich. Wie unverträglich müssen erst Sessel sein, die man nicht vertragen darf?
Eine schwer verträgliche Beschriftung - besonders unverträglich in einer LehrerInnenausbildungsanstalt.
© S. Strohschneider-Laue
Siehe auch: Deutschproblem I
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Donnerstag, 30. September 2010

Rodin und Wien
Belvedere 1. Oktober ‘10 bis 6. Februar ‘11

Auguste Rodin - dem Schweiger, der den Denker schuf - widmet das Belvedere eine Ausstellung in der Orangerie sowie den Katalog Rodin & Wien
.
Bereits zur fünften Weltausstellung, die 1873 stattfand, waren einige Terrakotten von Auguste Rodin in Wien zu sehen. Seither blieb Rodin Wien verbunden. Neun Jahre später beteiligte er sich an der Künstlerhausausstellung. 1898 nahm er an der ersten Ausstellung der Secessionisten teil, deren Ausstellungen er immer wieder beschickte. Aber auch im Kunstsalon Heller, im Wiener Hagenbund und sogar in einer Volkshochschule, heute von den Meinungsmachern der etablierten Kunstszene belächelter Ausstellungsort, wurden Rodins Werke gezeigt.

Rodins Porträtbüste Henri Rocheforts gelangte 1899 als ein Geschenk der Secessionisten in Staatsbesitz. Sie war ein Beitrag zur Gründung der “Modernen Galerie”, die den Grundstock der heutigen Sammlung des Belvedere bildet.
Die Schau präsentiert sich übersichtlich gegliedert in der lang gestreckten Halle. Die thematisch-chronologische Anordnung ermöglicht, sowohl Rodins Beitrag zu Ausstellungen der Secessionisten zu verdeutlichen, als auch die Beeinflussung und Rezeption der österreichischen Kunstszene durch Rodins Schöpfungen aufzuzeigen. Dafür wird auch Grafiken Raum geboten, deren formale Anregungen unverkennbar sind. Die zentral an der Längsseite angebrachte Bildreproduktion des “Höllentors” in Originalgröße, ermöglicht es den BesucherInnen die Figuren “Eva” und “Der Denker” im Kontext zu erfassen.

Interessante Aspekte eröffnen sich durch die ausgestellten Fotografien. Rodins geschickter Einsatz von Fotografien als Werbemittel, brachte den Durchbruch von Fotografien als Ausstellungs- und Katalogbestandteil
Fazit: Die Gelegenheit Werke von Auguste Rodin zu sehen, sollte man nicht versäumen. Der zusätzliche Wienbezug macht die Schau umso reizvoller.
© S. Strohschneider-Laue
Rodin & Wien
Aktuelle Ausstellungskataloge
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Dienstag, 28. September 2010

Antje Hinz, Josef Tratnik
Argentinien hören
Silberfuchs Verlag 2010, 1 CD, Laufzeit 80′, 16 S. farbig illustriertes Booklet
ISBN 978 3 940665 19 5
Argentinien hören
Argentinien, dem Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, ist die musikalische Reise nach von Antje Hinz gewidmet. Dramatische Musikzitate verbunden mit der fesselnden Erzählstimme von Josef Tratnik lassen die gehaltvollen 80 Minuten viel zu kurz erscheinen.
Das Konzept der Hörreisen ist ebenso innovativ wie zeitlos. Exzellent recherchierte Inhalte und für einen flüssigen Vortrag geschriebene Texte garantieren, dass aufmerksames Zuhören selbstverständlich wird. Musikzitate begleiten, akustisch gleichberechtigt, den chronologisch aufgebauten Text. Stimmungsvoll erzählt und perfekt produziert, kann man sicher sein, in jeder Hinsicht ein Qualitätsprodukt zu erwerben. Das eingespielte Team und die konsequente Linie des Silberfuchsverlags spiegeln sich auch im Cover und im attraktiv-übersichtlichen Booklet wider, das von Roswitha Rösch gestaltet wurde.
Zu Argentinien hat wohl jeder eine bestimmte Vorstellung und erfasst damit meist nur einen schmalen Aspekt dieses riesigen Landes. So vielfältig wie Geografie und Klima ist auch die Kultur und die schmerzhafte Geschichte des Argentiniens. Das Silberland (lat. argentum = Silber) mit seinem Silberfluss (Rio de la Plata) war Lebensraum von 30 Ethnien bevor im 16. Jahrhundert Spanier und Katholizismus über das Land hereinbrachen. Einwanderungswellen bildeten seither einen kulturellen Schmelztiegel. Reiche und Arme, Wirtschaftsflüchtlinge, politisch Verfolgte und verfolgte Politiker begegnen sich in Argentinien. Alles ist hier möglich: Jesuiten und Gauchos, Perón und Borges, Königreich, Diktatur und Republik, Terror, Theater und Tango. Jorge Luis Borges sagte treffend über seine Landsleute: “Sie sind Italiener, die Spanisch sprechen und gerne Engländer wären, die glauben, in Paris zu leben”.
Argentinien in 80 Minuten gelungen zu präsentieren, kann nur den Silberfüchsinnen gelingen. Von den Mythen der Ureinwohner in Feuerland, über indigene Völker und Zuwanderungswellen wird der Bogen über Kultur und Politik unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Traumata bis in die Gegenwart gespannt. “Argentinien hören” ist ein Hauch Tango in den Ohren.
Hörproben
© S. Strohschneider-Laue
Argentinien hören
höre auch:
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Türkei hören 
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Dienstag, 21. September 2010

Picasso
Frieden und Freiheit
Albertina
22. September ‘10 bis 16. Januar ‘11

In langjähriger Zusammenarbeit zwischen Albertina und Tate Liverpool entstand eine exzellente Ausstellung zum politischen Aspekt im Kunstschaffen Picassos. Der gleichnamige Katalog Picasso. Frieden und Freiheit kann zwar nicht die gelungene Ausstellungsgestaltung vermitteln, ist aber inhaltlich und qualitativ ebenso hochwertig.

Auch wenn man es bereits überdrüssig ist, schon wieder eine Personale von Picasso zu sehen, sollte man den Besuch nicht versäumen. In dieser Ausstellung geht es um mehr als nackte Tatsachen oder zeitgeistige Wandbehübschungen aus dem unerschöpflichen Atelier des spanischen Playboys. In dieser Ausstellung geht es um eines Menschen Zeit. Um das, was Menschen einander zufügen, Kriege verursachen, wie sich ihre kalten Varianten auswirken und wie ein einzelner Mensch sichtbar Stellung bezieht. So leistete der Kommunist Picasso mit seinen Arbeiten einen inhaltlichen und durch seine parteipolitischen Spenden einen allgemeinen Beitrag sowie auch persönliche, finanzielle Hilfe.

Betrachtet vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, des Spanischen Bürgerkriegs, des Algerienkriegs und des Kalten Kriegs erlangen viele seiner Arbeiten eine völlig neue Bedeutung, die sich beim unbefangenen ersten Betrachten sicher vielen entzogen haben. Die Ausstellungsobjekte repräsentieren daher einerseits Picassos Aufarbeitung gesellschaftlicher Katastrophen bzw. sind bildgewordener Kommentar des Künstlers auf politische Ereignisse seiner Zeit.

Getragen wird die Ausstellung sowohl von den ausgewählten rund 200 Werken als auch von der Inszenierung in der sie gezeigt werden. Zeitgenössische Fotografien, die großflächig auf die Ausstellungswände aufgebracht wurden, schlagen optische Brücken zum zeitgeschichtlichen Kontext. Sie präsentieren das Raumthema, in dem sie die BesucherInnen zur schweigenden anonymen Mehrheit inmitten des Geschehens werden lassen.

Fazit: Die beste Picasso-Ausstellung darf man einfach nicht versäumen. Erwähnt werden muss noch das engagierte Programm für Kinder und Jugendliche, das den Fokus vor allem auf den Frieden richtet. Die aktiv ausgerichteten Familientage finden an jedem ersten Sonntag im Monat statt. Wer allerdings immer unter den ersten Besuchern sein oder mehr sehen möchte als andere, sollte Mitglied der “Freunde der Albertina” werden.
© S. Strohschneider-Laue
Picasso. Frieden und Freiheit
Aktuelle Ausstellungskataloge
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Montag, 20. September 2010

Gehaltvoll: Mediencamp Wien
18. September ‘10

Wer am Mediencamp war, wird auf das nächste warten. Wer nicht dort war, kann zumindest einige Sessions im Video nacherleben ohne das Nachsehen zu haben und via Twitter den #mcvie TeilnehmerInnen folgen. Was man nicht instant geliefert bekommt, sind die Pausengespräche und die gelungene Organisation von Susanne Liechtenecker, Veronika Mauerhofer und ihrem Team.
Für viele war es das erste aber sicher nicht das letzte Mediencamp - auch nicht für mich. Wer so wie ich häufig das zweifelhafte Vergnügen hat Tagungen zu organisieren, daran als Vortragende oder Zuhörerin teilzunehmen, weiß, dass Pausengespräche oft mehr bringen als alle Sessions zusammengenommen. Erfrischend zu erleben, dass es gleichwertig sein kann. Das mag u. a. daran liegen, dass die TeilnehmerInnen sich nicht durch gruppentypische Konventionen genötigt fühlen mehr Wert auf äußere Form, denn treffsicheren Inhalt zu legen und aus karrierespezifischen Erwägungen zwanghaft den Mund halten. Zugleich war es den Anwesenden klar, dass ohne Sponsoren es kein derartiges Mediencamp gäbe. Es war daher gar nicht nötig von jedem Sponsor Grußworte zu hören. Grußworte, die bei anderen Veranstaltungen den halben Vormittag mit Firmen- und Wahlwerbung verbrauchen und dazu führen, dass der Zeitplan zusammenbricht. Hier kamen alle mit allen Beteiligten mit ihren zwar vorbereiteten aber dennoch ad hoc angebotenen Sessions und durch sie zur Sache. Erfrischend auch, dass der Wechsel zwischen den Sessions, die parallel in drei Räumen abgehalten wurden, ohne Zickenkrieg der RednerInnen und Timetable-Terror der OrganisitorInnen funktionierte.
Es überrascht daher nicht, dass es keine Konfrontation zwischen Bloggern und Journalisten gab. Sind doch die Grenzen schon längst fließend. Die etablierten Medien haben ihre Blogs, die Journalisten sind Blogger und die Blogger müssen sich immer häufiger fragen, ob sie sich statt der früheren Anfeindung plötzlich einer Vereinnahmung stellen müssen. Schließlich geht es immer auch ums leidige Geld. Die einen fürchten den Verlust zahlender LeserInnen und Anzeigenkunden, die anderen fragen sich, wie finanziere ich meine Serverkosten, ohne meine inhaltlichen Ziele aus den Augen sowie meine LeserInnen zu verlieren. Ein Thema, das - u. a. in “Monetarisierung meines Blogs” oder “Eigenverlag” - ebenso vielseitig diskutiert wurde wie der Nutzen der Social Media. Selbst die skurrile Session zu einem bereits bestehenden Portal war aufschlussreich. Aufschlussreich, weil jetzt jeder weiß, dass es “trollisch” ist, wenn man Kreditkarten- und Tourismuswerbung im Namen eines Medienmolochs macht, statt tatsächlich “Work in progress” oder “Best practice” zur Diskussion zu stellen.
Ich habe mich kaum so wohl auf einer Tagung gefühlt und am Ende ganz enspannt so viel inhaltlich mitgenommen. Andereseits habe ich mich zuvor nie gefragt, ob ich denn genug für andere TeilnehmerInnen beigesteuert habe.
© S. Strohschneider-Laue
Mehr Reviews sind zurzeit auf Nur ein Blog, Wirtschaftsblatt und Der Standard.
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Tags:Business, Ebensolch Rez-E-zine 62/10, Kommentar, Kommunikation, Sistlau, Wien
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