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Sonntag, 01. November 2009

Was ist das Nichts?
Helmut Böhm-Raffay
Einer, der zwischen Realität und Illusion mühelos hin- und herspaziert
Ein Film von Herbert Link 2009, ca. 40′.
Helmut Böhm-Raffay lebt seinen Traum. Spontan will er sein und kreativ nach dem Ende seines minutiös geplanten, technisch orientiertem Berufslebens. Unter dem Pseudonym “Heinz Brandtner” ist er schriftstellerisch tätig. Er schreibt für die Bühne und wird sein eigener Darsteller. Er schreibt zu Bildern und wird so ein Teil von ihnen. Kreativ und spontan sucht er nach seinen persönlichen Plattformen und findet sie oft an ungewöhnlichen Orten. Doch für ihn ist nichts davon raumgreifend genug. Böhm-Raffay hatte seine Liebe zum Tanzen als Junge entdeckt und ist ihr bis in die Gegenwart treu geblieben. Dabei hat er den nach und nach den Gesellschaftstanz hinter sich gelassen. Über Masken, Pantomime und Afro Dance entdeckt er schließlich den Ausdruckstanz für sich. Helmut Böhm-Raffay ist einer, der den Sog spürt und einer, der ein ewig Suchender bleiben wird.
Herbert Link gelang es den kreativen Freigeist Helmut Böhm-Raffay mit der Kamera einzufangen. In der biografischen Dokumentation bewies er sich als Formgeber der Spontaneität und Bändiger einer kreativen Lebensflut. Ganz passend dient daher das Ende des Interviews als Einstieg in den Film. Rückwärts tritt Helmut Böhm-Raffay ins Bild, setzt sich, bekommt das Mikrophon angesteckt von dem er am Ende des Films wieder befreit wird, um diese Bühne zu Gunsten einer anderen zu verlassen. Mit dem spannend inszenierten Film und der verdichteten Biografie unterstreicht Herbert Link dezent das zufällig Unzufällige des “Heinz Brandtner”.
© S. Strohschneider-Laue
Siehe auch:
Don Quixote am Michaelerplatz - Film
Der verzauberte Spiegel. Schauspiel in zwei Abteilungen.
- Buch
AugenBlick | AmaZino
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Tags:Biografie, Ebensolch Rez-E-zine 57/09, Film, Kunst, Literatur, Sistlau, Wien
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Donnerstag, 29. Oktober 2009

Pierre und Délia Vignes
Faszinierende Wildpflanzen
Delius Klasing 2009, 564 S., zahlr. Farbfotos
ISBN 978 3 3 7688 2614 3
Faszinierende Wildpflanzen: Ein Herbarium in Fotos
Herbarien anzulegen ist - außerhalb von wissenschaftlichen Sammlungen - eine zum Vorteil des Naturschutzes in Vergessenheit geratene Kunst. Neben dem wissenschaftlichen Anspruch spielt und spielte bei Herbarien der ästhetische Aspekt eine wesentliche Rolle. Allerdings war es immer schon ein fast unlösbares Problem die zerbrechliche Schönheit und Natürlichkeit von Pflanzen haltbar zu machen. Und selbst heute, wenn alle Faktoren für den Erhalt der empfindlichen Pflanzenmumien gewährleistet scheinen, genügen einige gefräßige “Sammlungskäfer”, um ganze Bestände in kürzester Zeit zu vernichten. Künstliche Herbarien als getreue Abbilder der Natur sind naheliegende und naturschonende Alternativen. Bereits früh waren sie in ihren schönsten Varianten begehrte Sammelobjekte. Gezeichnet, gemalt, gedruckt und koloriert wurden sie von reichen Forschern, Kunstmäzenen und stolzen Gartenbesitzern in Auftrag gegeben.
Wie ansprechend Wissenschaft rund um Pflanzen in Verbindung mit Fotokunst sein kann, beweist dieser Prachtband auf 275 Bildtafeln und erklärenden Texten. 400 Arten aus 135 botanischen Familien werden berücksichtigt, davon wurden 275 detailliert beschrieben. Übersichtlich wird der Aufbau des Buches sowie der botanischen Fachbegriffe dem eigentlichen Foto-Herbarium vorangestellt. Die nachfolgende Gestaltung auf Doppelseiten - links der erklärende Text, rechts die Pflanze und ihre sorgfältig sezierten Organe - gibt dem Werk eine eingängige, einheitliche Struktur. Im Anhang machen Glossar, Tabellen der Blütenformeln aller 275 Pflanzenarten, geordnet nach Familien und das Register den ohnedies fachlich beeindruckenden Band zu einem attraktiven Nachschlagewerk mit wissenschaftlichem Mehrwert.
Die vier europäischen Vegetationszonen und die evolutionäre Anpassung bilden das zentrale Thema der Betrachtung, dass dabei auch Neophyten - also eingeschleppte Arten - berücksichtigt werden, ist in Anbetracht ihrer ungehemmten Verbreitung vernünftig. Die sorgfältig ausgewählten Pflanzen wurden im A4-Format aufgenommen. Der etwas kleinere Band präsentiert sie annähernd in Originalgröße, weshalb auf eine Maßleiste verzichtet wurde. Die Fotos sind eine Augenweide, deren Qualität zusätzlich durch hochwertige Druck- und Papierqualität unterstützt wird. Der leicht verständliche Text erhält optische eine historisch anmutende Note durch die Hinterlegung mit einer gelblichen, faserhältigen Papierstruktur mit gerissenen Kanten. Gemeinsam geben Text und die durchwegs vor schwarzem Hintergrund gezeigten Fotos eine harmonische Verbindung ein. Selbst Nicht-Botaniker werden es schwer haben das Buch aus den Händen zu legen.
In Anbetracht des gewichtigen Bandes und der gelieferten inhaltlichen sowie optischen Qualitäten, lädt zusätzlich das überzeugende Preis-Leistungs-Verhältnis zur Anschaffung ein.
© S. Strohschneider-Laue
Faszinierende Wildpflanzen: Ein Herbarium in Fotos
siehe auch:
Garten von Eichstätt. Die vollständigen Tafeln
Thornton, Temple of Flora
Früchte: Faszinierende Kunstwerke der Natur
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Tags:Biologie, Botanik, Ebensolch Rez-E-zine 56/09, Fotografie, Handbuch, Sistlau
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Donnerstag, 22. Oktober 2009

Stefan Selke (Hg.)
Tafeln in Deutschland
Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention
VS Verlag 2009, 300 S.
ISBN 978 3 5311 6139 6
Tafeln in Deutschland: Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention
Der Tisch ist gedeckt und lädt zum Tafeln ein! Wirklich? Nein, es ist kein Kochbuch und es geht nicht um Haubenrestaurants in Deutschland. Es geht um die stetig wachsende Realität, dass immer mehr Menschen immer weniger Geld für den täglichen Nahrungsbedarf haben. Ehrenamtliche decken den Tisch für jene, die sich die Überproduktion nicht (mehr) leisten können.
Die Außensicht und Innensicht auf die deutschen Lebensmitteltafeln wird in drei Kapiteln vollzogen: Einordnung der Tafeln sowie Fallstudien und Positionen zu Tafeln. 14 SpezialistInnen aus Wissenschaft, Forschung und Praxis widmen sich in ihren Analysen Aspekten rund um das Tafelphänomen und ziehen Bilanz: Jens Becker, Kerstin Clausen, Udo Engelhardt, Dieter Hartmann, Hannes Klasen, Petra Krüger, Stephan Lorenz, Luise Molling, Eckhard Rohrmann. Heribert Rhoden, Stefan Selke, Hans Jürgen Teuteberg, Konstantin von Normann und Sabine Werth. In diesem Sammelband werden die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte der Tafelbewegung gebündelt, begleitet von Tabellen und Abbildungen sowie weiterführender Literatur vorgelegt.
Nach dem Vorbild des New Yorker “City Harvest” entstand 1993 unter der Leitung engagierter Frauen in Berlin die erste Deutsche Tafel. Seither ist ihre Zahl in Deutschland auf erschreckende 800 Tafeln mit rund 40.000 ehrenamtlichen HelferInnen angewachsen. Erschreckend, weil der Bedarf so groß ist und erschreckend, weil so viel - trotzdem unbezahlbarer - Überschuss produziert wird, der diese Tafeln decken kann. Zynisch auch der Kosten-Nutzen-Faktor hinter der Wohltätigkeit, denn die Tafel-Selbstabholer können für Betriebe lukrativer als die Entsorgung sein. Wechselwirkungen zwischen Tafelorganisatorinnen und TafelnutzerInnen werden daher bei den Betrachtungen ebenso berücksichtigt wie jene zwischen AbholerInnen und SpenderInnen. Umfassende wertneutrale Betrachtungen dieser sozialen Bewegung kann dieser Band (noch) nicht in allen Bereichen liefern, will aber einen interdisziplinären Anfang setzen und zu weiterführenden Studien anregen.
Eine beispielgebende Pflichtlektüre für alle, die von verschiedenen Ansätzen ausgehend mit gesellschaftlichen Entwicklung (u. a. Armutsforschung) befasst sind oder sein sollten - also insbesondere VerantwortungsträgerInnen aus Politik und Wirtschaft - und jene, die die Tafelbewegung einer minutiösen Betrachtung unterziehen wollen.
Dennoch: Der größte Erfolg für Tafeln wird sein, wenn Tafeln nicht (mehr) nötig sind.
© S. Strohschneider-Laue
Tafeln in Deutschland: Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention
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Tags:Business, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 56/09, Handbuch, Sistlau, Sozial
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Donnerstag, 22. Oktober 2009

Ukrike Schweikert
Das Herz der Nacht
Lyx 2009, 478 S.
ISBN 978 3 8025 8223 3
Das Herz der Nacht
Mystery trifft auf History: Ulrike Schweikert reiht sich mit Herz der Nacht in die Reihe der prominenten Vampirschriftstellerinnen Anne Rice und Barbara Hambly. Sie alle hauchen Untoten jene realistisch anmutende Unsterblichkeit ein, die die LeserInnen wirklich fasziniert.
“Das Herz der Nacht” spielt in der Ära nach Napoleon in Wien und Hamburg. Die historischen Städte - vor allem der Hauptschauplatz Wien - mit den typischen Plätzen dienen Schweikert als Kulissen für ihre realistisch gezeichneten Figuren. Der Realitätseindruck wird zusätzlich durch die berühmten Namen der Protagonistinnen verstärkt. Alle könnten jenen Familien entstammen, die ihre politischen und wirtschaftlichen Wurzeln in der k.u.k. Monarchie hatten und die mehr oder minder zwielichtigen Drahtzieher jener Epoche waren. Der Adel amüsierte sich zu dieser Zeit zwischen teuerem Spiel, opulenten Bällen und geistreicher Salonkultur, während das soziale Elend in den Vorstädten auf dem Vormarsch war. Den anziehenden Mittelpunkt in diesem schillerenden Reigen bildet der Vampir András Petru Báthory, der nicht umsonst den Namen der ebenso historisch verbürgten wie berüchtigten Blutgräfin trägt. Alles scheint perfekt, bis sich seltsame Todesfälle - weit in hocharistokratische Kreise hinein - ereignen, die eine Verbindung mit Báthory vermuten lassen. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich ein perfektes Intrigenszenario in dem sich alles um Macht und Liebe dreht und auch reale historische Persönlichkeiten die Story bereichern dürfen.
Romantischer Horror und spannender Krimi bilden in diesem Roman eine harmonische und vor allem gut recherchierte Einheit. Die bildhafte Sprache von Schweikert sowie die abwechslungsreich gestalteten Szenenfolge machen es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Der Handlungsverlauf ist schlüssig und mit einigen überraschenden Wendungen garniert, so dass die Spannung, die durch den alten Bekannten Peter von Borgo ( Feuer der Rache,
Der Duft des Blutes
) angeheizt wird, konstant aufrecht bleibt.
AnhängerInnen des romantischen Vampirgenres werden beim Lesen ebenso auf ihre Kosten kommen wie Krimifans.
© S. Strohschneider-Laue
Das Herz der Nacht

siehe auch:
Feuer der Rache
Der Duft des Blutes
Die Erben der Nacht - Nosferas
- Rezension
Die Erben der Nacht - Pyras
Lycana: Die Erben der Nacht
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 56/09, Horror, Krimi, Literatur, Sistlau, Wien
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Montag, 12. Oktober 2009

Olivier Grunewald, Jacques-Marie Bardintzeff
Vulkane
Delius Klasing 2009, 192 S., zahlr. Farbfotos
ISBN 978 3 3 7688 2619 8
Vulkane
Graphitschwarz verdunkeln hoch aufquellende Wolken den blauen Himmel. Ein Feuerwerk aus flüssigem Gestein zieht leuchtende Glutfäden in der Nacht. Schneeweiß ist der Bergmund aus dem sich blutrot der Lavastrom talwärts wälzt, schwarze Massen neben sich anhäufend. Nicht umsonst wird seit dem Altertum von der Schmiede der Götter gesprochen.
Aber es gibt auch jene Regionen, in denen der ”rauchende Großvater” nur morgens und abends aktiv wird. Blubbernd, dampfen, aufbrausend und rauchend zeigen sich Geysire den Betrachtern. Giftgelbe Schichten, schneeweiße Schollen und schlammgraue Blasen sind obskur-prächtige Fotomodelle.
Die Schönheit der brennenden Naturgewalt ist für Forscher wie für Künstler gleichermaßen faszinierend. Und das richtige Forscher-Künstler-Team hat für diesen Prachtband zusammengearbeitet. Der Vulkanologe Jacques-Marie Bardintzeff liefert die umfassende wissenschaftliche Basis zu den geologischen Vorgängen und Ausbrüchen, die Olivier Grunwald in exzeptionellen Fotografien direkt am vulkanischen “Brandherd” dokumentierte. Die vernichtende Urgewalt wird in der üppigen Kombination aus farbenprächtigen Bildern und informativen Texten fast spürbar.
Eine Einführung und drei Kapitel widmen sich umfassend dem lebenden Planeten Erde, Eruptionen, Landschaften, Geysire und im Exkurs, wie es ist, mit Vulkanen zu leben. Wutausbrüche der Erde lautet eine der sprechenden Überschriften im Kapitel “Eruptionen”. Es gab in den letzten 10.000 Jahren 1546 aktive Vulkane auf der Erde, die zu gigantischen Wutausbrüchen fähig waren und teilweise noch sind. Noch mehr sind es im Meer. Und sie spucken nicht immer auf gleiche Weise. Manchmal werden Lavabomben herausgeschleudert, ein anderes Mal ist es ein flüssiger Lavastrom. Verheerend sind Ausbrüche immer, weil nicht nur Lava, sondern auch Schlammlawinen, alles unter sich begraben können. Irgendwann kehrt Stille ein, die Wut kühlt ab. Bizarre Landschaften aus erkaltetem Gestein entstehen: Ein See im Krater und an den Hängen raue Massen, glattpolierte Flächen, faltenreiche Decken und Säulenwälder am Bergfuß. Trügerischer Frieden auf unbestimmte Zeit.
Vulkanologie ist ein hochkomplexes Forschungsgebiet und trotzdem gelingt es Bardintzeff fachliche Korrektheit interessierten Laien schmackhaft zu machen. Der großformatige Prachtband verbindet einen soliden Überblick mit schier unglaublichen Fotografien in exzellenter Druckqualitär. Weltkarte, Glossar und Register runden dieses Ausnahmesachbuch ab. Die Herausforderung der Übersetzung aus dem Französischen wurde von Elisabeth Szilagyi-Westphal angenommen.
Überwältigend!
© S. Strohschneider-Laue
Vulkane
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 56/09, Fotografie, Geologie, Sistlau
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Freitag, 09. Oktober 2009

Anna Lindner, Thomas Gasser
Wiener Kriminalschauplätze
50 Orte des Verbrechens
Metroverlag 2009, 126 S.
ISBN 978 3 902517 23 4
Wiener Kriminalschauplätze: 50 Orte des Verbrechens
50 Orte des Verbrechens von Anna Lindner und Thomas Gasser für den neuesten Band aus der Reihe “wienfacetten” ausgewählt. Quer durch Wien und von Kaiser Joseph II bis Kottan zieht sich die Spur des Verbrechens. Von Diebstahl über Entführung bis zum Mord reichen die Untaten. Die zuckerlbunte Walzerstadt hat einen deutlichen Beigeschmack von Bittermandeln.
Eine fiktive Tat und 49 wahre Minikrimis führen quer durch die Wiener Bezirke. Der Tatort ist jeweils dem Verbrechen vorangestellt. Das Ende jeder Untat wird durch Zitate, Linktipps oder spannende Querverweise abgerundet. Gemeinsam ist den unterschiedlichen Verbrechen der letzten 2. Jahrhunderte, dass sie in aller Kürze tiefe Einblicke in der Heimatstadt der Psychoanalyse gewähren.
Die Gerichtsurteile beschließen zwar die Fälle, stehen aber nicht thematisch im Vordergrund. Kritischen LeserInnen wird dennoch auffallen, dass zu oft nicht das eigentliche Verbrechen den Schweiß auf die Stirn treibt, sondern die nachfolgenden Gerichtsurteile. Raub, Unzucht, Körperverletzung und Mord ist keine Männerdomäne, die Rechtsprechung hingegen sehr wohl. Frauen werden strenger bestraft, und schneller - auch bei unsicherer Beweislage - verurteilt. Reichtum und soziale Netzwerke, Mitwisser und Mittäter in einflussreichen Schichten sind durch alle Zeiten gute Garanten für Freisprüche oder milde Urteile. Und es sind bis heute fast ausschließlich Männer, die über Einfluss, Macht und Reichtum verfügen und sich dadurch der (Mit-)Verantwortung entziehen können.
So unterhaltsam und spannend die “Wiener Kriminalschauplätze” sind, sollte man nicht vergessen, dass es 49mal reale Opfer und Täter gab und die Wiener-Realität die beschriebene Kottan-Fiktion weit übertrifft. Es ist kein Zufall, dass schräge Krimifiguren wie Kottan oder Lemming nur Wiener sein können.
© S. Strohschneider-Laue
Wiener Kriminalschauplätze: 50 Orte des Verbrechens
Auswahl weiterer “wienfacetten”
Jüdisches Wien: Eine Entdeckungsreise von Herzl bis Hakoah
Wiener Literaturschauplätze: Auf den Spuren großer Namen
Wiener Frauenspaziergänge
Böhmisches Wien
Das zuckerlsüße Wien: Vom Betthupferl bis zum Wäschermädel
Wien und der Tod: Irdische Orte zwischen Himmel und Hölle
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 56/09, Krimi, Sistlau, Wien
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Montag, 05. Oktober 2009

Susanne Fengler, Sonja Kretzschmar (Hgg.)
Innovationen für den Journalismus
VS Verlag 2009, 165 S.
ISBN 978 3 5311 5450 3
Innovationen für den Journalismus
Die Spirale von Fortschritt und Veränderung dreht sich immer rasanter. Auch die Medienwelt ist davon erfasst. Der Journalismus hat im letzten Jahrzehnt eine massiven Wandel in Verarbeitung von Input und Erstellen von Output sowie in den dazwischen befindlichen redaktionellen Belangen erfahren.
Die Reihe Kompaktwissen Journalismus hat zum Ziel die Ergebnisse aus Wissenschaft und Praxis in Lehrbüchern zu vereinen. Die Herausgeberinnen arbeiteten für diesen Band mit den Medienprofis Soheil Dastyari, Gabriele Fischer, Kai Gniffke, Christoph Keese - im Autorenverzeichnis fehlend -, Marcus Lindemann, Christoph Moss, John V. Pavlik und Jens Radü zusammen. In zwölf Kapiteln und einem Exkurs werden Aspekte des Redaktionsmanagements, Leserkommunikation, Darstellungsformen, Themenfindung, Recherche, aber auch weiterführende Aspekte, die oft vergessen werden, wie Bedürfnisperspektive, Technik und Ethik, werden einer näheren Betrachtung unterzogen. Zugleich wird der Inhalt - bis auf ein schmerzlich vermisstes Register im Anhang - benutzerfreundlich gegliedert. Praxisbeispiele, Lernziele sowie Zusammenfassungen am Schluss der Kapitel werden zusätzlich optisch hervorgehoben.
An der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis angesiedelt, ist der Band guter Ausgangspunkt für Diskussionen. Diese Schnittstelle bietet ausreichend Reibungsflächen, die letztlich wiederum die Stärke von “Innovationen für den Journalismus” ausmachen. Erfahrungen mit und Sichtweisen auf Recherchen oder Arbeitsabläufe zeigen, dass bei aller aufgezeigten Effizienz letztlich die redaktionelle Zielsetzung prägend für den Umgang mit und die Verarbeitung von In- und Output ist.
Journalistisches Transportieren von Inhalten trifft somit auch auf wissenschaftliches Publizieren. Gemeinsam ist beiden Seiten, Qualitätskriterien zu finden, die für Journalismus im größeren Rahmen des schnelllebigen digitalen Zeitalters maßgeblich sein sollen. Und das, obwohl sich gar nicht so viel geändert hat. Es geht in einer - zugegebenermaßen - vielfältigeren Publikationspalette immer noch um inhaltliche Qualität und zielgruppenorientierte Vermittlung bei größtmöglicher Effektivität. Geändert hat sich die Konkurrenz hinsichtlich Struktur und Umfang. Niemals zuvor war es für “Otto Normalverbraucher” so einfach und so billig selbst auf Sendung zu gehen, zu veröffentlichen, einen öffentlichen Stammtisch zu betreiben. So vielfältig die Laienanbieter sind, so unterschiedlich sind auch der gebotene Inhalt und die Qualität. Deshalb gilt es wie bisher für LeserInnen jede Nachricht hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit einer genauen Personal- und Contentkritik zu unterziehen. Daher ist es ebenso fragwürdig Blogs pauschal als Graswurzeljournalismus von wenig vertrauenswürdigen Laien zu bezeichnen, wie es unkritisch ist kommerzielle und öffentlich-rechtliche Nachrichtenlieferanten automatisch für vertrauenswürdig zu halten. Im Ethikkapitel wird dies nochmals deutlich, wenn die verhängnisvolle Verquickung des Journalismus mit Kommerz und Politik angesprochen wird. Der Profijournalismus ist dabei sein Claim neu zu definieren und deutlich gegenüber der Laien-Grauzone abzustecken, dass viele Journalisten auch Blogger sind, wird nicht weiter diskutiert.
Die Berichterstattung aus Politik und Wirtschaft stehen bei den vorgelegten Insider-Betrachtungen im Vordergrund. Dass in einem Journalismus-Buch unglückliche Formulierungen Platz finden, ist teilweise ebenso unterhaltsam wie befremdlich. Opernkritiker, die in die Ecke der Verhaltensaufälligen gerückt werden, locken noch ein Schmunzeln hervor. Befremdlich ist hingegen, wenn schnelle Berichterstattung als wenig konzentrationsintensiv dargestellt wird - es erklärt aber so manche Ente. Wichtig ist hingegen, dass auf die wachsende Problematik der Urheberrechtsverletzungen eingegangen wird, die digital schneller machbar, aber auch leichter strafrechtlich verfolgbarer ist. Naiv, wer glaubt, dass Journalisten nur Opfer wären.
“Innovationen für den Journalismus” bietet sehr spannende Einblicke in Redaktionsstrukturen. Darüber hinaus werden wichtige Bereiche von der Qualitätssicherung bis zu ethischen Fragen angesprochen. Das Spannungsfeld von Profis und Laien wird angesprochen. Es würde aber eine umfassende und sachliche Betrachtung, nicht nur hinsichtlich des Journalismus, verdienen - vielleicht sogar einen eigenen Band in dieser neuen Reihe “Kompaktwissen Journalismus”.
© S. Strohschneider-Laue
Innovationen für den Journalismus
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Tags:Business, Ebensolch Rez-E-zine 56/09, Handbuch, Kommunikation, Sistlau
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Samstag, 03. Oktober 2009

Alltagsdrama: Ausstellungsmacherin trifft auf Autohändler

Warum sollte es einer Freundin in Sachen Männerkommunikation besser gehen als mir (siehe dazu Kundinnen I)?
Besagte Freundin ist eine typische Bleifuß-Frau, die sich so fortbewegt wie es Gott für den Menschen offenbar vorgesehen hat: Mit dem Auto. Immer auf großen Strecken zwischen Wien - Linz - Salzburg - Graz sowie dem zugehörigen Umland pendelnd, fährt sie zwischendurch noch einige Touren quer durch Europa. USA, Mali und China hat sie dieses Jahr notgedrungen - Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel - mit dem Flugzeug angesteuert. Diese Megastrecken hält das beste Auto auf Dauer nicht aus und irgendwann verlassen uns auch die robustesten unter ihnen. Nur um es vorweg zu nehmen, sie ist zwar viel unterwegs aber trotzdem keine Drogendealerin, sondern als Austellungsarchitektin eine echte Spezialistin für Kommunikation und Gestaltung. Das bedeutet, dass ihre Brieftasche nicht prall gefüllt ist und sie ein finanzierbares Auto mit großen Transportflächen aber nicht mit Versteckmöglichkeiten braucht. Jedenfalls war sie auf der Suche nach einem neuen fahrbaren Untersatz.
Ihre Odyssee durch die Autohäuser ihrer Heimatprovinz sei in nachfolgendem Dialog zusammengefasst.
Er: Guten Tag. Auf der Suche nach einem roten Frauenauto?
Sie: Eigentlich habe ich an etwas Flottes, Strapazfähiges für lange Autobahnfahrten gedacht. Ein Cello sollte auch noch Platz finden.
Er: Na, Internetanschluss in Kleinwagen gibt’s noch nicht! HAHAHA. Aber wir haben hier einige rote Modelle.
Sie: Ich meine “Cello” nicht “Chello”. Das eine ist ein Musikinstrument, das andere ein Provider.
Er: Der ist auch gut. HAHAHA Wie gefällt Ihnen dieser schicke rote Kleinwagen? Sehr kompakt und wendig, gut geeignet für den Stadtverkehr.
Sie: Langstrecken, schnell und groß sind meine Anforderungen. Stadtverkehr ist das geringste Problem.
Er (unbeirrt): Schaun’s, in den Roten passen gleich drei Bierkisten für den Mann rein und der Kindersitz für den Spross seiner Lenden hat trotzdem genug Platz.
Sie (schon ausgereizt): Ich trink das Bier nicht aus Kisten und der Spross meiner Eierstöcke braucht keinen Kindersitz, sondern Platz für ihr Cello. Na, dieser große Geländewagen da wäre schon passender.
Er: Na, das ist aber kein guter Stadtwagen zum Einkaufen. Sie werden nur Schwierigkeiten beim Einparken haben und in rot gibt es dieses Modell auch nicht. Das ist eher ein richtiges Männerauto.
Sie: Ich habe nie Schwierigkeiten beim Einparken. Mein Problem sind Autoverkäufer, die nicht zuhören.
Er: Na welches Glück, dass ich jetzt für Sie da bin. Ich habe den idealen Wagen für Sie. Sehr klassisches Modell, seit Jahren unverändert und ausschließlich in rot erhältlich. Kein technischer Schnickschnack. Wird fast ausschließlich von Frauen gekauft. Damen legen ja doch mehr Wert auf Sicherheit als auf Geschwindigkeit.
Sie ist sehr friedfertig, sie hat ihn und die vielen andern Autoverkäufer nicht erschlagen, sogar der nette Herr vom Automobilclub, der - zur modellspezifischen Unfallstatistik befragt - meinte “Frauen kaufen sich meist ein rotes Auto” lebt noch. Aber wie meine Freundin schließlich zu ihrem Auto - natürlich ist es nicht rot - gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hat sie irgendwo eine Autoverkäuferin gefunden, die zugehört hat.
© S. Strohschneider-Laue
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Tags:Österreich, Ebensolch Rez-E-zine 56/09, Kommentar, Kommunikation, Sistlau, Teeblatt
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Freitag, 25. September 2009

Ingrid Schindler, Bärbel Schermer (Texte)
Matthias Hoffmann, Frauke Koops (Fotos)
Das kleine Buch vom Salz
Teubner 2009, 192 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 8338 1655 0
Das kleine Buch vom Salz
Ohne Salz läuft gar nichts. Verstreut bringt es Unglück, es wird manchmal mit Gold aufgewogen, es kann die Liebe einer Prinzessin bedeuten und ein bisschen Salz entscheidet unter Umständen über Leben oder Tod.
In der Genussreihe ist nun “Das kleine Buch vom Salz” erschienen und mein erster - eigentlich ganz unprofessioneller - Gedanke war: “Ist das aber schön!” Der Umschlag ist altrosa-silbrig wie manches Steinsalz. Die Schnittkantenkanten aus dem das silberne Seidenbändchen vorlugt, sind spiegelndes Silber. Geöffnet, beglückt sofort ein doppelseitiges Foto - exemplarisch für weitere exzellente Fotos - von in Streifen aufgestreuten vielfarbigen Salzvarianten. Wenn das Buch nicht so nützlich wäre, würde man es am liebsten nur bewundern. Ein richtiger Prachtband im handlichen Kleinformat
Schönheit ist nichts als eine vergängliche Hülle, wenn sie nicht mit Inhalt verbunden ist. Wunderbar, dass neben der Schönheit auch der Inhalt überzeugt. Die saubere Gliederung in Warenkunde, Küchenpraxis und Rezepte lässt sofort die praxisorientierten Stärken des Bandes erkennen. Da den Mythen, Fakten und Geheimnissen rund ums Salz ebenfalls nachgespürt wird, kommt neben der Praxis auch das Lesevergnügen nicht zu kurz. Der Anhang bietet einen zusammenfassende Überblick über Salzqualitäten und seine Bezugsquellen, Register und erfreulicher Weise auch die Spitzenköche, die für die Rezepte im Band verantwortlich zeichnen.
Und keine Sorge, auch wenn Salz im Mittelpunkt steht, geht es nicht nur um pikante kalte oder warme Gerichte, sondern auch um Desserts, Süßspeisen und Gebäck. Die Rezepte versprechen Kulinaria vom Feinsten. Perfekt sind dafür die Angaben vom Zeitrahmen über benötigte Zutaten und Ablauf der Zubereitung bis zum Serviertipp gegliedert. Für erfahrene KochkünstlerInnen wird in diesem Band viel Neues, Überraschendes und Verführerisches geboten. Für Neulinge ist es ein wunderbar gehaltvoller Appetizer, um mit dem Kochen anzufangen und sich für Warenkunde zu begeistern.
© S. Strohschneider-Laue
Das kleine Buch vom Salz
Das kleine Buch der Schokolade
Das große Buch der Saucen
Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Tags:do-it-yourself, Ebensolch Rez-E-zine 55/09, Genuss, Sistlau
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Donnerstag, 24. September 2009

Alltagsdrama: Sprachfrau trifft auf Baumarktmann

Neulich wollten wir unsere Wohnung wieder etwas auffrischen. Eine neue Brausetasse sollte es unter anderem sein. Bei solchen Gelegenheiten möchte man nicht die gleichen Fehler - egal ob geschmäcklerischen oder bautechnischen - wiederholen und nochmals zehn Jahre den Anblick der letzten Fehlentscheidung ertragen müssen. Wir einigten uns auf ein technisch-futuristisch anmutendes Badezimmerdesign. Möglichst viel Chrom und Glas sowie möglichst kein weißes Porzellan oder Plastik sollte es sein.
Dass Männer und Frauen nicht die dieselbe Sprache sprechen - auch wenn sie die gleiche nutzen -, dürfte wohl allgemein bekannt sein. Dass das Zuhören und Verstehen aber auch wesentliche Aspekte sind, wird immer unter den Tisch gekehrt. Wie gravierend sich dies beim Einkaufen auswirken kann, wenn es nicht um Grundnahrungsmittel, Hygieneprodukte und Bekleidung geht, sei hier am ersten Beispiel dargestellt. Es war ein Ding der Unmöglichkeit den diversen Angestellten in den zahlreichen Baumärkten und Heimwerkerzentren diese Wünsche darzulegen. Die Dialoge zwischen den durchwegs männlichen Angestellten und mir - definitiv Frau - entspannten sich zusammenfassend etwa so:
Ich: Guten Tag, ich bräuchte ein Brausetasse - möglichst 90 x 90 - im Nirosta-Design.
Er: So was gibt’s nicht.
Ich: Was gibt’s nicht, die Größe oder das Nirosta?
Er: Die Größe gibt’s schon.
Ich: Haben Sie wirklich keine Metalltassen?
Er: Doch, aber das baut man heute nicht mehr ein. Die Restbestände stehen dahinten in der Ecke.
Ich: Nein, die meine ich nicht. Das sind Emailwannen.
Er: Was? Bei E-Mail haben’s wohl was verwechselt. HAHAHA
Ich: Sehr witzig, selten so gelacht. Das ist Gusseisen mit Emailschicht - was nichts mit E-Mail zu tun hat. Ich will ein Hochglanz-Edelstahl-Produkt. Sehr hygienisch, wenn Sie das verstehen.
Er: So was gibt’s gar nicht. Putzen muss man sowieso alles.
Ich: Es geht nicht ums Putzen, sondern um Material und Oberflächenqualität. Brausetassen aus Nirosta gibt’s sehr wohl. Nirosta wird oft in Fabriken oder auf Raststationen eingebaut.
Er: Wenn’s so schlau san, dann schau’n mir mal in den Katalog, da ist alles drin was’ gibt.
Gelangweiltes Blättern folgt, wobei sämtliche Plastik- und Emailwannen von ihm triumphierend durch Fingerklopfer hergezeigt werden. Da schaun’s her, so schau’n Brausetassen aus.
Ich (bereits ausgereizt): Guter Mann, ich bin sogar mit der Benutzung vertraut. Ich will aber eine aus Metall ohne Email. So ein Ding, das aus schaut wie eine Küchenspüle, bloß die flache und quadratische Variante, zum Reinstellen von Menschen.
Er: Warum sagen’s das nicht gleich? Das haben wir hier gleich hier.
Er stapfte zwei Regalreihen weiter. Zufrieden zeigte er auf ein rechteckiges Metallobjekt, das meinen Wünschen nur mit äußerster Fantasie ähnlich war. In den mediterranen Ländern nennt man so etwas eine Stehtoilette.
“Baumarktberatung” ist ein Oxymoron und ich war einem “Ox-Moron” ausgeliefert.
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch Kundinnen II
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Tags:Österreich, Ebensolch Rez-E-zine 55/09, Kommentar, Kommunikation, Sistlau, Teeblatt
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Montag, 21. September 2009

Almut Adler
Das weibliche Auge
Anders sehen, anders fotografieren
Addison-Wesley 2008, 287 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 8273 2632 4
Das weibliche Auge: anders sehen, anders fotografieren - Fotokurs für Frauen
Almut Adler ist Fotografin, Grafikdesignerin und Weltenbummlerin mit offenem Blick für den richtigen Moment große Details und kleine Großartigkeiten einzufangen. Mit vorliegendem Buch entschädigt sie all jene, die keinen Kurs bei ihr besuchen können. Zugleich bietet sie jenen eine Gedächtnisstütze, die einen Kurs in München oder Spanien besuchten.
Was unterscheidet Almut Adlers vorliegendes Fotobuch von den oft austauschbaren Fotobüchern ihrer männlichen Kollegen?
Es ist die fotografische Improvisationskunst, die im Mittelpunkt steht, und das wohltuende Fehlen von angeberischen Firlefanz. Hier werden Festbrennweiten vorgestellt und nicht Objektivgrößen verglichen. Außerdem wird nichts vorausgesetzt, alles wird knapp und präzise erklärt und das ohne eine Fachbezeichnung durch eine andere zu ersetzen.
Und was dürfen EinsteigerInnen erwarten?
Zwölf Kapitel die vom geschichtlichen Überblick, Aufnahmetechnik, Bildaufbau, Perspektive, Licht, Actionfotografie, Fotomotiv, Filterkunde, Nachtaufnahmen, Spezialthemen, Aufnahmefehler bis zu Activseiten reichen. Im Anhang des strapazfähigen Buches befinden sich ein benutzerfreundliches Glossar sowie ein Stichwortverzeichnis.
Und was hat mir besonders gefallen?
Adler stellt im Überblick die technische Seite und die Funktion einer Spiegelreflexkamera vor ohne Spitzenreiter oder Marken in das Rampenlicht zu rücken. Damit gewährt sie finanziellen Spielraum, den Frauen häufiger beachten (müssen) als Männer. Das ein Foto ein komplexes Produkte ist, das aus dem Zusammenspiel von FotografIn, Spielgelreflex, Motiv und zahlreichen Faktoren wie Licht und Blickwinkel entsteht, wird von ihr von ihr aufgezeigt ohne angehende Fotokünstlerinnen zu entmutigen. Der Fotokurs lebt daher auch von seinen zahlreichen Beispielen. Jede Aussage, jedes Beispiel wird mit passenden Fotos anschaulich belegt. Die Autorin geizt nicht mit Tipps und Tricks, die häufig ganz nebenbei einfließen und dadurch niemals den Charakter eines belehrend geschwungenen Zeigefingers haben. Diese Tipps betreffen ebenso die Körperhaltung der Person hinter der Kamera als auch ganz selbstverständlich scheinende Hinweise auf die behagliche Raumtemperatur für Aktmodelle zu achten. Und besonders schön ist, dass für Almut Adler misslungene Aufnahmen nur dann ein Drama sind, wenn man nicht daraus lernt oder nicht weiß, wie man das Foto retten kann. Bei ihr steht eindeutig der Spaß am Fotografieren im Mittelpunkt ohne die professionellen, technischen Aspekt zu vernachlässigen.
Das großartige Fotobuch für Frauen, muss auch Männer ans Herz gelegt werden; und ganz unabhängig vom Geschlecht gibt es zu viele Menschen, die nur “draufhalten und abdrücken”. Sie haben ihr Gespür für Farben, Formen, Blickwinkel und vieles mehr verloren. Das muss nicht sein. Fotografieren kann man lernen und Kreativität kann man schulen, wie die Fotos von zwei Personen, denen ich das “Das weibliche Auge” bereits geschenkt habe, beweisen.
© S. Strohschneider-Laue
Das weibliche Auge: anders sehen, anders fotografieren - Fotokurs für Frauen
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Tags:Design, Ebensolch Rez-E-zine 55/09, Fotografie, Gender, Handbuch, Kunst, Sistlau, Technik
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Freitag, 18. September 2009

Tag des Denkmals 2009
Kreativität und Innovation
Bundesdenkmalamt
25. September ‘09 - Denkmaltag für Schulen
27. September ‘09 - Denkmaltag für Alle

Seit elf Jahren wird auch in Österreich der Tag des Denkmals durchgeführt - und das sehr erfolgreich. Am 25. September findet ein eigener Termin für Schulen mit speziellem Programm statt. Der 27. September ist für alle Interessierten organisiert worden.
Das diesjährige Programm steht unter dem Motto “Kreativität und Innovation” und verspricht in allen Bundesländern außergewöhnliche Einblicke. Einblicke, die sowohl die Arbeit des Bundesdenkmalamtes, als auch die Arbeit und Attraktionen hinter den Kulissen betreffen. Das Angebot ist so vielfältig wie die Aufgaben der obersten Denkmalschutzbehörde Österreichs. Da für einige Programmpunkte Anmeldungen erforderlich sind, lohnt es sich rechtzeitig die Folder (siehe unten) der Bundesländer durchzusehen und aus über 200 Veranstaltungsorten zu wählen.

Exemplarisch für die Angebote, die von der Urgeschichte bis in die Gegenwart reichen, soll an dieser Stelle u. a. die revitalisierte Brenner-Wohnung genannt werden. Der Architekt entwarf in den 20er Jahren einen bis zu den Möbeln in den Wohnungen durchgestylten Wiener Gemeindebau. Das überraschend moderne, funktionale Design auf 38 m² wird in seinem Nutzfaktor bestätigt, da der Architekt selbst in dieser Wohnung lebte. In Aschach an der Donau (OÖ) kann man seine Erlebnisse in Schloss und Museum zusätzlich beim Ortsrundgang um den barrierefreien Kulturwanderweg bereichern oder in Feldkirch (Vbg.) den Dachboden der Dompfarrkirche Hl. Nikolaus betreten.

Zusätzliche Würze erhält der Tag des Denkmals durch die erste Ausgabe der Publikumszeitschrift “Denkmal heute”, die an diesem Tag gratis in ganz Österreich an die BesucherInnen “Tag des Denkmals” verteilt wird. Zweimal jährlich soll das neue Magazin in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft der Denkmalfreunde herausgegeben werden. Abonnements können ab sofort per Kontaktformular beim Bundesdenkmalamt bestellt werden.
Fazit: Unbedingt hingehen!
Burgenland
Kärnten
Niederösterreich
Oberösterreich
Salzburg
Steiermark
Tirol
Vorarlberg
Wien
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Mittwoch, 16. September 2009

Thomas Szabó (Hg.)
Die Welt der europäischen Straßen
Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit
Boehlau 2009, Dt., Eng., Fr., Ital., Span., 378 S., sw. Abb.
ISBN 978 3 4122 0336 8
Die Welt der europäischen Straßen: Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit
Eine urgeschichtliche, antike oder mittelalterliche Straße ist mehr als eine interessante und oft schwer nachweisbare Baustruktur. Wege und Straßen stellten - oft über weite Strecken - vielfältige Verbindungen her. Dabei darf nicht vergessen werden, dass großräumige Straßennetze bis in die Gegenwart hinein nur vordergründig zum Transport von Handelsgütern und dem Personenverkehr dienen. Straßen ermöglichten in Zeiten vor der Entdeckung moderner Kommunikationsmittel wie der Telegraphie raschen Austausch von Informationen und Befehlen sowie dem Militär effiziente Truppenverschiebungen. Genau aus diesen Gründen war - und wird - die staatliche Finanzierung von Hauptverbindungen gewährleistet, während das Nebenstraßensystem mehr oder minder ein Anrainerproblem blieb. Nicht überschätzt werden darf der Personenverkehr, der selbst in Knotenpunkte wie der Großstadt Byzanz, in der Fernhandelswege und Heerstraßen eine Rolle spielten, gering war. Ein bedeutender Faktor ist der mit guten Straßen einhergehende wirtschaftliche und kulturelle Austausch, wobei der “Ideentransport”, der ebenfalls von den Straßen profitierte, am schwersten wissenschaftlich fassbar ist.
Die Beiträge belegen ab den frühen Bohlenwegen aus der Mitte des 4. Jahrtausends, dass bestehende naturräumliche Gegebenheiten im Zusammenspiel mit historischen, politischen, religiösen und wirtschaftlichen Faktoren den Aufbau eines Straßennetzes in vieler Hinsicht zugleich förderlich wie abträglich sein konnten. Das baulich und rechtlich systematisierte antike Straßensystem, das sich seinerseits an bestehenden Wegenetzen orientierte, ist auf Grund der schriftlichen und archäologischen Quellenlage oft besser fassbar als Straßenstrukturen früherer oder sogar nachfolgender Epochen. Es bildet zudem vielerorts die Basis nachfolgender Straßen.
Straßenforschung ist ohne interdisziplinäre Kooperationen nicht denkbar. Die Sichtung von Schriftquellen sowie die Gewinnung und die Aufarbeitung archäologischer Funde und Befunde sind erforderlich, um solide wissenschaftliche Ergebnisse zu erzielen. Sicher ist, Altstraßen beeinflussten historische Entwicklungen maßgeblich und die Gegenwart wäre ohne sie undenkbar.
Der Sammelband des gleichnamigen Kolloquiums in Göttingen (2006) bietet trotz seiner sprachlichen Hürden einen exzellenten Überblick zur Forschungsgeschichte und zum aktuellen Stand der Straßenforschung. Die Abhandlungen von 19 WissenschafterInnen beziehen Stellung zu “Antike”, “Das europäische Mittelalter”, “Die Zeugnisse der Archäologie”, “Die Straßen in der mittelalterlichen Literatur und Kunst”, “Von der Kartographie zu den Poststraßen” und “Das Straßenwesen in der Neuzeit”. Eine wesentliche Schwachstelle des fünfsprachigen Bandes zeigt sich in fehlenden mehrsprachigen Zusammenfassungen der Artikel. Es wäre Pflicht der Wissenschaftsredaktion gewesen für Resümees in Deutsch und Englisch Sorge zu tragen. Das gute zusammenfassende Nachwort zu “Ergebnissen und Problemen” von Thomas Szabó entschädigt für das Fehlen jedenfalls nicht.
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Die Welt der europäischen Straßen: Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit
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Dienstag, 15. September 2009

Harry Rowohlt
Gottes Segen und Rot Front
Nicht weggeschmissene Briefe II
Kein & Aber 2009, 272 S.
ISBN 978 3 0369 5536 0
Gottes Segen und Rot Front: Nicht weggeschmissene Briefe zweiter Teil
Sich darauf einlassen und sich dann darüber auslassen, kann keiner wie Harry Rowohlt. Der zweite Teil der wortgewandten Briefsammlung der andersartigen Art beweist dies mit jeder Zeile.
Jedes Mal frisst mich beim Lesen von Rowohlt-Texten der Neid über flockig-lockere Eloquenz, sprachliche Treffsicherheit und unverblümte Kernaussagen. Umso mehr hat es mich gefreut diese Briefsammlung zu lesen und Harry Rowohlt in schriftlicher Höchstform zu erleben. Bei ihm gibt es keinen sprachlichen oder inhaltlichen Unfall, es sei denn, er will ihn verursachen. Rowohlt schreibt wie er redet und er redet wie er ist. Das kann gut oder schlimm für die Adressaten sein und ist oft genug überraschend. Überraschend, weil die meisten gar nicht mehr wissen wie es ist Ehrlichkeit zu begegnen. Höfliches Salbadern und diplomatisches Formulieren darf man nicht von Rowohlt erwarten. Erwarten muss man hingegen geschliffene Aussagen, deutliche oder verspielte Worte oder ein stilistisch passendes Echo in dem alles von ätzender Kritik bis zum warmherzigen Glückwunsch enthalten sein kann.
“Gottes Segen und Rotfront” ist Pflichtlektüre für Rowohlt-Fans, Sprachfanatiker und Hirnbesitzer. Also kein Gelabere über ein tolles Buch, wer es jetzt noch nicht liest, dem ist sowieso nicht zu helfen.
“WARUM KÖNNEN DIESE MAKAKEN NICHT ALLES SO LASSEN, WIE ICH ES HINGESCHRIEBEN HABE?! ICH SCHREIB DAS JA NICHT ZUM SPASS SO HIN.” (Harry Rowohlt, Brief an Nikolaus Heidelbach)
© S. Strohschneider-Laue
Gottes Segen und Rot Front: Nicht weggeschmissene Briefe zweiter Teil
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Montag, 14. September 2009

Karl der Kühne
Kunsthistorisches Museum
15. September ‘09 bis 20. Januar ‘10

Karl der Kühne (1433-1477), der letzte Herzog von Burgund, war einer der reichsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit. Die kurze Lebensspanne Karl des Kühnen ist geprägt von prunkvoller Hofhaltung und zahlreichen Kriegszügen. Verwandtschaftliche Bindungen und wirtschaftliche Macht festigten zunächst seine politische Position. Zuletzt teilte es das Schicksal vieler seiner Soldaten. 44jährig fiel er am Schlachtfeld. Nackt und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, konnte er nur mit Mühe identifiziert werden. Die Ehe seiner einzigen Tochter Maria mit Maximilian I. wurde im selben Jahr geschlossen. Sie ermöglichte den Habsburgern durch das burgundische Erbe den Aufstieg zur Weltmacht.

Wer war Karl der Kühne? Dieser Frage geht die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum anhand exquisiter Objekte auf den Grund. Die bereits in Bern und Brügge gezeigte Ausstellung wird bis Januar 2010 in Wien - um zusätzliche Objekte aus österreichischen Sammlungsbeständen erweitert - präsentiert. Inhaltlich werden in acht Räumen Familienbande, Kunst und Frömmigkeit, Diplomatie und Kriege, Tod und Erbe, Orden vom Goldenen Vlies, Prachtentfaltung, Haus Habsburg sowie Burgundisches Erbe in der Wiener Schatzkammer dem Publikum näher gebracht.

Unter vielen anderen Beispielen höfischem Auftretens ist die Ledertasche aus den Beständen der Hofjagd- und Rüstkammer zu sehen. Die Tragweise am Gürtel eines Mannes ist auf dem Cäsarenteppich (Historisches Museum Bern) dargestellt. Und schön ist es, dass dieser Vergleich den BesucherInnen leicht gemacht wird, da der Teppich direkt hinter der Vitrine hängt. Neben all den Kunstschätzen sind gerade diese Tapisserien, die Gewänder und Stoffe echte Highlights, da es nur wenige erhaltene weltliche Gewänder gibt. Die Darstellung höfischer Bekleidung auf dem Cäsarenteppich sowie die ausgestellten Stoffe und Tapisserien belegen einen unglaublichen Prunk bis ins letzte Detail.

Der letzte Herzog von Burgund hat dieser Pracht in allen Belangen gefrönt. Seine beeindruckenden Auftritte bei öffentlichen Anlässen, die auch das Gefolge einschloss, ist mehrfach beschrieben worden. Die in der Ausstellung gezeigten Rechnungen von Ausstattern belegen sein Prestigebedürfnis sowie seine Ausgaben dafür in zierlicher Schrift und großen Zahlen. Wie es mit seiner Zahlungsmoral bestellt war, wird allerdings verschwiegen. Immerhin ist für Maximilian I. belegt, dass er zu Verpfändungen gezwungen war, aber auch bestrebt war “Versilbertes” wieder auszulösen.
Die Ausstellung ist sichtlich bemüht die konservativen Ausstellungsgepflogenheiten des Hauses aufzubrechen. Raum- und Objekttexte bieten ausreichende Basisinformationen. Videozuspielungen ermöglichen zusätzliche inhaltliche Vertiefung. Querbezüge zwischen Objekten und Bildquellen regen die Schau- und Entdeckerlust des Publikums an.
Dem gewichtigen Gesamtkatalog “Karl der Kühne” für die drei Ausstellungsorte wird zusätzlich die Begleitpublikation “Schätze burgundischer Hofkunst in Wien” zur Seite gestellt. Sogar an ein Kinderheft wurde gedacht, dem allerdings eine sprachliche Überarbeitung - auch hinsichtlich der Sinnzusammenhänge - gut getan hätte. Auch scheinen zwei Euro im Vergleich strapazfähigen, farbigen Kinderkatalogen (z. B. aktuell in Braunschweig zum Kaiserjahr 2009: Otto IV.- vom Pagen zum Kaiser: Ein Kurzführer für Kinder ab 9 Jahren zur Ausstellung Otto IV. Traum vom welfischen Kaisertum
) in Kunstdruckqualität um den selben Preis doch ein wenig überzogen. Zumindest ist es löblich, dass - im Gegensatz zu anderen österreichischen Museen und Großausstellungen - überhaupt an eine Kinderbroschüre gedacht wurde.
Zuletzt noch ein Hinweis auf das attraktive Begleitprogramm, das den Informationsgehalt der Ausstellung mit interessanten Themen bereichert.
Fazit: Unbedingt ansehen!
© S. Strohschneider-Laue
siehe auch:
Kleidung und Mode im Mittelalter
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Sonntag, 13. September 2009

Frohes Fest in Wien

Der Realitätsschock Juli bis August ‘09:
Weihnachtskalender Ende Juli im Papiergeschäft.
Lebkuchen Anfang August im Supermarkt.
Taschen mit Aufdruck “Frohes Fest” im passenden Design beim türkischen Bäcker Ende August.
Die Zukunftsvisionen für September ‘09 bis August ‘10:
Schoko-Weihnachtsmänner im September.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Raketen im Oktober.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Hasenohren im November.
Ostereier unterm Weihnachtsbaum im Dezember.
Ostereier für den Recycling-Ganzjahresbaum im Januar.
Ostereier im Weihnachtsmänner-Faschingsoutfit im Februar.
Weihnachtsmann bringt Ostereier im März.
Weihnachtsmänner mit Zuckereiern oder Ostereier gefüllt mit Weihnachtsmännern am 1. April.
Eierbowle mit Weihnachtsmanngeschmack im Mai.
1000jährige Eiermänner im Juni.
Fondue aus Beständen der unverkäuflichen 1000jährigen Männereiern im Juli.
Schultüten mit Weihnachtseiern und Ostermännern im August.
© S. Strohschneider-Laue
Teetipp Amazon
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Donnerstag, 10. September 2009

Impressionismus - Wie das Licht auf die Leinwand kam
Albertina
11. September ‘09 bis 10. Januar ‘10

“Nicht schon wieder Impressionisten”, mögen manche beim Ausstellungstitel denken. Keine Sorge, es ist keine Déjà-vu verursachende Personale eines Impressionisten, Seerosenschau oder Sonnenblumenpräsentation. Diese Ausstellung bringt dem Publikum den frischen Wind der Freiluftmalerei und den flüchtigen Augenblick in großen Inszenierungen und mikroskopisch kleinen Details näher. So viel und so genial strukturierte Information bekommt man in österreichischen Museen selten geboten. Kein Wunder, ist die Ausstellung doch vom Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corbud konzipiert worden und dort scheint man sich nicht auf rein chronologische Hängungen spezialisiert zu haben. Und noch schöner ist es, dass sich die Albertina dazu entschloss die Ausstellung, die bereits in Köln erfolgreich war, zu präsentieren.

Was unterscheidet diese Ausstellung von den zahlreichen anderen Impressionisten-Präsentationen?
Es ist der gelenkte Blick auf Details, die sonst nicht herausgestrichen werden. Minutiöse Untersuchungen brachten es an den Tag: Selbst so große Werke wie die “Trocknende Wäsche an der Seine” entstanden im Freien und nicht im Atelier. Eine Pappelknospe blieb in der feuchten Farbe haften. Gustave Caillebotte hatte sie beim Malen in der Allee wohl übersehen. Das Forscherteam um die Restauratorin Iris Schaefer vom Wallraf-Richartz-Museum hat die Knospe nach rund 100 Jahren entdeckt und kann dadurch ein weiteres Puzzelstück zur Entstehungsgeschichte des Bildes gefunden. Und das ist längst noch nicht alles, was mit detektivischer Akribie, Mikroskop, Röntgen und dem Einsatz anderer Technologien entdeckt wurde. Farbflächen verraten den Handlungsablauf beim Werden eines Bildes. Randliche Farbfehlstellen belegen die Befestigung des Bildes im Malkoffer oder auf der Feldstaffelei. Löcher und Druckstellen rühren von Abstandhalter zwischen den frischen Bildern her. Vorzeichnungen, Ergänzungen, Übermalungen relativieren sowohl die Spontaneität der Künstler als auch die Wertschätzung der späteren Besitzer. Die Bilder wurden nicht nur künstlerisch “verbessert”, sondern auch gefirnist, ihrer schlichten Rahmen beraubt und mit Prunkrahmen versehen. Und all diese erstaunlichen Erkenntnisse werden in vergrößerten Bildausschnitten deutlich gemacht, so dass es ist eine Freude ist, selbst nach dem winzigen Indiz auf dem Original zu fanden. Es lohnt sich zusätzlich zum Ausstellungsbesuch die Online-Publikation zum Forschungsprojekt anzusehen. Sie wartet mit vielen weiteren überraschenden Entdeckungen und das in guter optischer Qualität sowie perfekten Texten auf.
Inszenierungen, Vitrinen mit Malmaterialien und Künstlerutensilien, darunter die dunkle Brille von Edgar Degas, Farbtuben von Vincent van Gogh und die Palette von Georges Seurat sowie wandfüllende Porträtfotos, würdigen die Künstler und ihre Malweise über die 125 ausgestellten Gemälde hinaus.
Erfrischend informativ und kein begehbares Buch; definitiv ein Pflichttermin, an den man sich gerne und vor allem mit inhaltlichen Mehrwert erinnern wird.
© S. Strohschneider-Laue
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Sonntag, 30. August 2009

Juliane Buschhorn-Walter, Claudia von Holten (Hgg.)
El tesoro de cuentos
Der Märchenschatz
Silberfuchs 2009, 110 S., farbig illustriert.
Zwei CDs (Deutsch/Spanisch), 122′
ISBN 978 3 940665 05 8 (Print)
ISBN 978 3 940665 11 9 (Audio)
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
Es ist nie zu spät Sprachen zu lernen, aber man kann nicht früh genug damit beginnen. Kinder mehrsprachig aufwachsen zu lassen, ist eine wertvolle Grundlage für das ganze Leben. Die Sprachschule Amiguitos hat sich auf Spanisch und Italienisch für Kinder spezialisiert. In Zusammenarbeit mit Silberfuchs erscheinen zu den Sprachprogrammen begleitende und hochwertige Print- und Audioprodukte, die auch unabhängig vom Kursbesuch eine Bereicherung darstellen.
Der “Märchenschatz” liegt als Buch und Audio-CD vor und sollten m. E. auch solche zum Einsatz kommen. Die 15 Stories aus Spanien und Lateinamerika werden zweisprachig geboten. Sie fördern neben dem sprachlichen auch das kulturelle Verständnis. Die sprachlichen Gemeinsamkeiten, aber auch die durch die Kulturkreise bedingten Unterschiede werden durch die getroffene Auswahl deutlich. Das hohe inhaltliche Niveau wird Kinder nicht überfordern, sondern sie in ihrem Sprachverständnis fördern. Ungebräuchliches wie Fachbegriffe oder historische Fakten werden ausführlich erklärt. Die in verschiedenen Farben sowie kursiv gesetzten zweisprachigen Textteile erleichtern den Lesefluss. Zugleich werden die Texte dadurch in übersichtlichen Häppchen aufgeteilt, so dass nicht der Eindruck einer riesigen und vielleicht abschreckenden Textflut entsteht.
Das exzellent gegliederte und ansprechend illustrierte Buch eignet sich zum Vorlesen und eigenständigem Lesen sowie Mitlesen in Verbindung mit dem Hörbuch (José Paniagua - Text, Ulli Simon - Musik, Peter Lohmeyer - Sprecher). Einen Sprachkurs können Buch und Audio-CD nicht ersetzen, sie werden aber bestehende Kenntnisse fördern und/oder zum Besuch eines Kurses anregen.
© S. Strohschneider-Laue
El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Cuentos y fábulas de España y Latinoamérica / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika

El tesoro de cuentos / Der Märchenschatz: Hörbuch zum Buch CUENTOS Y FÁBULAS DE ESPAÑA Y LATINOAMÉRICA / Geschichten und Fabeln aus Spanien und Lateinamerika
Siehe auch:
Cantado y contado para los amiguitos. Spanisch für Kinder
- Rezension - Hörprobe
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Tags:ab acht, Ebensolch Rez-E-zine 54/09, Hören, Kommunikation, Literatur, Reise, Sistlau, Spanien, Völkerkunde
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Sonntag, 30. August 2009

Henning Ahrens
Provinzlexikon
Knaus 2009, 304 S., sw. illustriert.
ISBN 978 3 8135 0324 1
Provinzlexikon
Frisches Grün lädt in die Provinz und frisches Grün lädt ein, das Provinzlexikon aufzuschlagen. Was mit einem harmlosen Blättern im Buch beginnt, erinnert an einen geplanten kurzen Spaziergang, der in eine großartige Wanderung ausartet.
Was ist eigentlich Provinz? Sicherlich auch das, was man selbst im Kopf hat. Was man aus seiner persönlichen Provinz macht, ist ein individuelles Problem - zumindest solange Provinzgedanken nicht anderen Menschen und schlimmer noch einer ganzen Nation aufgezwungen werden. Dem geistigen Provinzialismus so viele Breitseiten zu verpassen wie möglich, ist - hoffentlich nicht nur - ein Anliegen des Autors. Es ist daher die Individualität der geografischen Provinz, die das Provinzlexikon so herrlich abwechslungsreich vollkommen unvollkommen macht. Genauso wie es Henning Ahrens ankündigt, wird das Provinzlexikon nicht - und soll es auch nicht - der Vielfalt gerecht werden, sondern sich auf die Provinz Norddeutschlands beziehen.
In 274 scharfsichtig dacht gewählten Stichworte klärt Ahrens über die mehr oder weniger wahnsinnigen Provinztatsachen auf. Das frische Design und die minimalistischen Illustrationen von Jana Cerno unterstreichen den pointierten Inhalt zusätzlich. Lexikalisch, humorig, doppelbödig und noch viel mehr ist das provinzdurchtränkte Buch. Dem Ackerrain nähert man sich durch den Tagebucheintrag von Karl. Der Leserbrief des Studienrates Horst an die Allgemeine Provinzzeitung bezieht (eine) Stellung zu Fettleibigkeit. Heuboden wird durch den Brief von Lieselotte an ihre Jugendliebe Karl erschlossen und Trecker (Traktor) bekommt eine eigene und völlig ungeahnte Dimension im Radio-Interview mit Udo. Übrigens derselbe Udo, der nicht nur von 280 PS fasziniert ist, sondern auch über Viagra einiges im selben Medium verlautbart. Das Provinzlexikon ist nicht so norddeutsch wie Ahrens selbst glaubt, kenne ich doch Niedersachsen (Deutschland) seit meiner Kindheit ebenso gut wie das Burgenland (Österreich). Manches, Menschen und Gedanken, sind zuweilen bis zur Austauschbarkeit gleich.
Danke Henning Ahrens, jetzt gewinne ich der Provinz andere Aspekte ab, obwohl ich mich weiterhin einer abgewandelten Form des Woddy-Allan-Zitats auf der Buchrückseite anschließe: “Das Land macht mich nervös. Da sind Spinnen und in der Früh ist es laut, und man kann - vor allem montags - nirgendwo zum Essen hingehen.” Immerhin kann ich jetzt kann lachen, wo ich vorher schreien wollte. Kann die verdrehten Vorzeichen sehen, die die Stadt nur zu einer anderen Form der Provinz macht. Dem Menschelnden, das Wilhelm Busch einst bei seinen Familienbesuchen in Wolfenbüttel zeichnerisch festhielt, setzt Henning Ahrens in seinem Provinzlexikon ein literarisches Denkmal.
© S. Strohschneider-Laue
Provinzlexikon
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Tags:Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 54/09, Humor, Kommentar, Literatur, Sistlau
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Dienstag, 11. August 2009

Kirsten John
Tobi in den Gärten
Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten
Nicolai 2009, 65 S., zahlr. Farbfotos und Illustration
ISBN 978 3 8947 9484 2
Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten
Großer Garten, Berggarten, Georgengarten und Welfengarten bilden zusammen die Herrenhäuser Gärten. Die ehemalige Sommerresidenz der Herzöge, Kurfürsten und Könige von Hannover und England ist voller Überraschungen und mehr als nur einen Besuch wert. Verschiedene historische Gartenstile, Bau- und Kunstwerke locken vor allem Erwachsene in die Anlage. Es gibt aber für Kinder viel mehr zu entdecken als nur das Sealife im Berggarten, man muss nur wissen wo und genau hinschauen.
Natürlich bedarf es ein wenig Hintergrundinformation, um die offensichtlichen und versteckten Besonderheiten zu erkennen. Genau hier setzt “Tobi in den Gärten” an. Kirsten John verbindet geschickt die Geschichte eines Gärtnerjungen aus der Barockzeit mit dem modernen Erscheinungsbild des großen Gartenareals. Einerseits stellt die Autorin das historische dem modernen Erscheinungsbild der Anlage vor und andererseits zeigt sie die sozialen Bedingungen sowie die Situation eines arbeitenden Kindes auf.
Auf den Umschlaginnenseiten sind die Gartenpläne zu finden. Vorne ist der Große Garten, hinten ist der der Berggarten abgebildet. Schwarze, rote und blaue Passagen gliedern den Text in übersichtliche Lesehäppchen. Der schwarze Text, erzählt Tobis Geschichte und folgt seinen Weg durch den Park. Blau hervorgehoben sind in Tobis Story jene Gebäude und Objekte, die auf den Plänen eingezeichnet sind. Rote Textteile bieten Hintergrundinformationen zu Persönlichkeiten und Sehenswürdigkeiten. Auf diese Weise können Kinder nach Lust und Laune leicht die - ohnedies informative - Geschichte verfolgen oder auch nur die Zusatzinformationen lesen. Schade, dass diese geschickte Textgliederung den jungen LeserInnen vorab nicht erklärt wird. Optisch ergänzt wird der Text von ausgezeichneten Fotos, historischen Stichen und zeitgenössischen Illustrationen von Henriette von Bodecker.
Flockig-locker geschrieben und auf das Wesentlichste reduziert, wird das Buch GrundschülerInnen vor als auch nach dem Besuch in den Herrenhäuser Gärten fesseln. Ein Pflichtkauf, wenn man die historische Gartenanlage mit Kindern nicht nur besuchen, sondern kennenlernen möchte.
© S. Strohschneider-Laue
Tobi in den Gärten: Ein Kinderführer durch die Herrenhäuser Gärten
Und für Erwachsene::
Die Herrenhäuser Gärten
Hannover: Die Stadt an der Leine entdecken und erleben. Ein illustriertes Reisehandbuch
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Tags:ab acht, Architektur, Biologie, Botanik, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 54/09, Katalog, Kulturvermittlung, Kunst, Sistlau
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Samstag, 01. August 2009

Albert Francis Rosa hat diese Welt verlassen

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 70ern des letzten Jahrhunderts kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtlicher Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein.
Langsam aber sicher wird unsere Wohnung immer kleiner. Egal, es gibt keine schöneren Tapeten und Wandisolationen als überquellende Bücherregale. Nicht immer kommen neue Bücher dazu. Manchmal sind die Titel schon vorhanden: Allerdings übersetzt und das ist nicht genug. Nein, sie müssen auch im Original zur Wohnraumverkleinerung beitragen. 2008 wurde unsere Tochter auf dem Neubaugassen-Flohmarkt fündig. Englische Taschenbücher, gebraucht, billig, in Mengen und das am Taschengeldtag! Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammengefasst, ist nichts dagegen. Im Stapel befand sich schließlich wieder eines dieser mit Überraschung gefüllten Pralinenschachtel-Bücher:
Paula Volsky
The Luck of Relian Kru
Ace Fantasy 1987
Gleich beim ersten Durchblättern fiel ein Sterbebildchen heraus. Eines jener mit Heiligen bedruckten Zettelchen, die bei Begräbnissen an die Trauergemeinde verteilt werden. Es ist eine Darstellung der Vogelpredigt des Franz von Assisi. Auf der Rückseite wird an Albert Francis Rosa (June 25, 1915 - August 23, 2006) begleitet von einem Zitat aus “The Littel Prince” von Antoine de Saint-Exupéry gedacht.
Ich weiß nicht, wer der 91jährige Herr war. Die liebevolle Auswahl des Gedenkbildes spricht aber für einen Menschen, der gemocht wurde. Es ist eine schöne Vorstellung, dass er nicht alleine seine letzte Reise angetreten hat, sondern begleitet wurde. Und es gab zu mindest einen Menschen, der das “Loving Memory” Zettelchen nicht gleich entsorgt hat. Es nicht nur behalten hat, sondern auch mit dem Buch immer wieder zur Hand nahm und erinnert werden wollte. Es war wohl ein Versehen, dass Albert Francis Rosa schließlich in dem Buch blieb. Dass er nach seinem Tod zum Mysterium werden würde, hätte ihn vielleicht sogar amüsiert. In einem kanadischen Buch in Wien in Begleitung eines italienischen Gedenkbildchen und eines ins Englische übersetzten Zitats eines französischen Autors angetroffen zu werden, wäre selbst für Sherlock Holmes eine Herausforderung und für James Bond verdächtig gewesen.
Für seine Freunde und Verwandten lebt Albert Francis Rosa im Herzen und in den Sternen, wenn sie in klaren Nächten aufblicken. Bei uns ruht die Erinnerung an ihn in The Luck of Relian Kru.
© S. Strohschneider-Laue
Siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Kriegsbriefe
Die Fotos der Rosi Z.
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 54/09, Kommentar, Literatur, Sistlau, Teeblatt
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Montag, 20. Juli 2009

WunderWeltWald
BöhmerWALDArena
ab 18. Juli 2009

Die BöhmerWaldArena steht auf der österreichischen Seite des Dreiländerecks mit Deutschland und Tschechien. In der zwischen Tradition und Moderne positionierten Architektur wird seit 18. Juli 2009 die komplett barrierefrei eingerichtete Ausstellung “WunderWeltWald” gezeigt.

Tatsächlich ist die Ausstellung über 400 Millionen Jahre Waldgeschichte mit Schwerpunkt Böhmerwald etwas Besonderes. Sie ist nämlich mehr als nur rollstuhlgerecht. Es wird den BesucherInnen gute Mobilität gewährleistet und zusätzlich alle Sinne angesprochen. Optische Eindrücke erwartet man als BesucherIn, aber das ist für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen sowie Personen mit eingeschränktem oder fehlendem Hörvermögen zu wenig.
Die Ausstellung bietet eindeutig mehr als der Titel “WunderWeltWald” verspricht. BesucherInnen werden über den Wald informiert und gleichzeitig für die Bedürfnisse anderer BesucherInnen sensibilisiert; denn diese Ausstellung kann man mit allen Sinnen sehen, hören, riechen und tasten.
Wie differenziert Bedürfnisse sein können, wird deutlich, wenn man Audiodeskriptionen - gesprochene Informationen inklusive Informationen zur Orientierung im Raum - hört oder auf kleinen Monitoren Zuspielungen in Gebärdensprache sieht. Ganz abgesehen davon, dass die Audiodeskriptionen für alle BesucherInnen von Vorteil sind, die lieber zuhören als lesen möchten.
Von Informationen werden BesucherInnen in Ausstellungen oft überflutet. Hier wird sie bedarfsorientiert angeboten. Bei individuell per Knopfdruck abgerufenen Informationen sind BesucherInnen empfänglicher für das “etwas mehr”. Interaktive Stationen sorgen darüber hinaus für abwechslungsreiche Erlebnisse.
Der Böhmerwald, das Original, befindet sich unmittelbar vor der Tür, die abstrahierte Form in der Ausstellung. Die moderne Inszenierung lädt zum Mitdenken ein. Sie bietet zugleich einen zeitgemäßen Kontrast zur traditionsreichen Waldwirtschaft. Auftakt macht ein Säulenwald mit Monitoren. hier werden sowohl Waldbewohner (Fuchs, Kauz, etc.) gezeigt als auch Waldnutzer (Förster, Pilzsucher etc.) mit Interviews vorgestellt. Das Keimen des Samen bis Heranwachsen eines jungen Baumes ist in neun Vitrinen verfolgbar. Gleich daneben zeigt ein 3D-Kino wie ein Baum fällt/fehlt. Vitrinen zu den Waldelementen zeigen die Bedeutung von Licht, Luft, Wasser und Boden im Wald.

Zwei großzügige Raumelemente zeigen auf ihren Außenseiten die Klimakurve und die Bedeutung der Forstwirtschaft. Im Inneren umschließen sie die Themenbereiche Fauna und Flora. Bäume sind Wunderwerke der Natur. Wurzel, Stamm und Blatt eines Baumes haben differenzierte Funktionen. Drei begehbare Elemente verdeutlichen diese Aufgaben.

Besucher dürfen die Exponate zum Teil auch anfassen. Die empfindliche “Waldbibliothek” - ein in Buchform angelegtes Baumherbarium - ist durch eine Vitrine geschützt, aber Eichhörnchen, Fuchs und Hirsch laden zum Streicheln ein. Ein eigens entwickelter Fällsimulator erlaubt es BesucherInnen gefahrlos mit einer Motorsäge zu hantieren und sich im Holzschneiden zu üben.
Egal ob Plantagen, Urwälder oder naturnahe Waldwirtschaft, der Wald ist definitiv mehr als nur die Summe seiner Bäume. Ein tolles Ausstellungserlebnis für ALLE Menschen (Universelles Design von prenn_punkt), dem nur noch gute Begleitpublikationen fehlen.
© S. Strohschneider-Laue
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Tags:Ausstellung, Österreich, Barrierefreiheit, Biologie, Botanik, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 53/09, Sistlau, Tschechien
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Montag, 20. Juli 2009

Philipp Meuser, Ansgar Oswald (Hgg.)
Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein
DOM publishers 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 9386 6673 9
Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein
(inkl. CD-ROM)
Zwischen Bingen und Koblenz zwängt sich der Rhein durch das Rheinische Schiefergebirge. Es ist eine enge und schroffe Landschaft, die eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. In römischer Zeit war der Rhein Grenzgebiet. Im Laufe des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit entwickelte sich der obere Mittelrhein zur wirtschaftlichen und kulturellen Lebensader, die unter wechselnden politischen Einflüssen stand. Insbesondere der 30jährige Krieg, der Pfälzische Erbfolgekrieg und die französischen Besetzung ab 1792 der linksrheinischen Seite hinterließen dauerhafte Spuren. Zahlreiche Festungsbauten bzw. ihre Ruinen legen für die wechselvolle Geschichte und das Bestreben überall und jederzeit - auch um den Preis des Kirchenbanns - Zoll, Maut und Steuern zu fordern Zeugnis ab. Die zerstörerischen Kräfte der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts verschonten das Rheintal hingegen weitgehend. Daran konnten auch die anwachsende Rheinschifffahrt und der Ausbau des Eisenbahnnetzes nichts ändern. Die ungünstigen topografischen Bedingungen waren für Neugründungen und Ausbau abträglich. Dafür entdeckten die Künstler ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert das vom Weinbau und Ruinen geprägte Rheintal für sich. Sie verewigten den unwegsamen Naturraum und die Vergangenheit in ihren Werken. Die politische Bedeutung behält die Region aber stets bei, wie auch der Wiederaufbau der Burgen beweist. Vor allem König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) investierte in Restaurierungen und moderne Festungsarchitektur. Und wo der Adel sich hervortat, drängten sich aufstiegswillige Bürger mit vergleichbaren Tätigkeiten hinzu. Dieser herrschaftlichen Aktivitäten und Ansiedlungen waren Anlass für den beginnenden Tourismus. In den Gründerjahren nach 1871 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs begaben sich die Gutsituierten auf die Suche nach der Rheinromantik. Bis heute ist diese Landschaft Anziehungspunkt für Touristen und aufgrund seiner historischen Bedeutung wird die Forschung mit der Aufarbeitung noch lange beschäftigt sein. Die Kulturlandschaft des Oberen Mittelrheintals wurde 2002 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen.
Die Burgen und Ruinen drängen sich in dieser Natur- und Kulturlandschaft zwischen Bingen und Koblenz regelrecht aneinander. Mit Steckbriefen von Ansgar Oswald, Grundrissen und in außergewöhnlichen, seitenfüllenden Luftbildern von Philipp Meuser werden 28 Burgen vorgestellt. Von Burg Klopp bis Burg Kobern führt die Reise. Die zum Buch gehörige CD bietet - honorarfrei für den privaten Gebrauch - das Bildmaterial zusätzlich hochaufgelöst als JPEG (RGB).
Touristen und Burgenromantiker werden an dieser Publikation naturgemäß Freude haben. Wissenschaftler werden an dem raschen Überblick Gefallen finden. Dringend ans Herz gelegt werden muss der “Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein” KunsthistorikerInnen. Zuletzt zeigte die Ausstellung “Rembrandt und seine Zeit” (Albertina, Wien) anhand der Bauwerken - u a. Pfalzgrafenstein - leicht identifizierbare Rheinlandschaften, die unerkannt als Fantasielandschaften angesprochen wurden. Hier kann die attraktive Publikation spielend peinliche Wissenslücken schließen.
Ein Pflichtbuch und es gibt - bis jetzt - noch zwei weitere Luftbildatlanten aus dieser Reihe.
Luftbildatlas Weltkulturerbe Oberer Mittelrhein
(inkl. CD-ROM)
Luftbildatlas Entlang der Berliner Mauer: 1961 bis heute (inkl. CD-ROM)
Luftbildatlas Berliner Innenstadt (inkl. CD-ROM)
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Tags:Architektur, Deutschland, Ebensolch Rez-E-zine 53/09, Fotografie, Handbuch, Mittelalter, Neuzeit, Sistlau
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Samstag, 11. Juli 2009

Petra Unger
Mut zur Freiheit
Faszinierende Frauen - bewegte Leben
Metroverlag 2009, 157 S., Sw-Abb.
ISBN 978 3 9025 1781 4
Mut zur Freiheit: Faszinierende Frauen, bewegte Leben
Vierzehn Österreicherinnen, die trotz gesellschaftlicher Zwänge ihre Lebensziele abseits traditioneller Rollenbilder verwirklichten: Tina Blau 1845-1916, Tilla Durieux 1880-1917, Margarete Schütte-Lihotzky 1897-2000, Mimi Grossberg 1905-1997, Marie Jahoda 1907-2001, Lotte Lenya 1898-1981, Irene Harand 1900-1975, Ida Maly 1894-1941, Helene von Druskowitz 1856-1918, Friedl Dicker-Brandeis 1898-1944, Cilli Wang 1909-2005, Auguste Fickert 1845-1910, Alma Rosé 1906-1944, Berta Pappenheim 1859-1935.
Strahlendes Sonnengold flutet beim Aufschlagen aus dem Buch. So gülden-verlockend muss die Freiheit für die von Petra Unger vorgestellten Frauen ausgesehen haben, endlich selbstbestimmt agieren zu können. Das männliche “Gatekeepertum” macht Frauen bis heute erfinderisch im Umgehen und/oder kämpferisch im Vorgehen. Wie muss sich Tina Blau, die “Waldmüller-Enkelin” - wurde sie doch von dessen Schüler unterrichtet -, immer wieder gefühlt haben, wenn sie trotz ihres Könnens durch männliches Einschreiten nicht zugelassen, abgedrängt oder ausgebootet wurde. Frauen wurden abgewertet und unterbewertet. Sie hatten bis zum Umfallen zu funktionieren und von göttlicher Männlichkeit Vorgegebenes vorbehaltlos zu akzeptieren. Nicht zu vergessen, dass viele - darunter Tilla Durieux - auch die Hüterinnen der Norm gegen sich hatten. Es war ein steter Kampf um jedes noch so kleine Stückchen Freiheit und berufliche Anerkennung. Auch die gut bekannte Architektin Schütte-Lihotzky wurde vor allem als Einrichterin/Innenarchitektin eingesetzt und wird bis heute auf ihre “Frankfurter Küche” reduziert. Bis auf Lotte Lenya, die arm war und aus dem Gegenteil eines “gutbürgerlichen Hause” stammte, haben sie alle Geld und Bildung gemeinsam. Was sie inhaltlich aber eint, war der unbändige Wille ihre Leben nach ihren eigenen Bedingungen und gegen jeden Widerstand zu leben. Bei Ida Maly (ermordet in Hartheim) und Helene von Druskowitz führte es in die geschlossene Anstalt. Für Bertha Pappenheim (Anna O.) war der Beginn ihrer Selbstbestimmtheit zugleich ihr Weg aus Behandlung und Sanatorium.
Die umrissenen Leben werden von Petra Unger auf ihre Essenz reduziert. Wer mehr wissen möchte, findet in der Bibliographie vertiefende Literaturhinweise. Die Lektüre ist bewegend, aufrüttelnd und, angesichts der sich verschärfenden Wirtschaftskrise, von zunehmender Aktualität. Alle Versammlungen und Repräsentationen von Stadt und Land haben ein entsprechendes Quantum von Frauen aufzuweisen war 1905 eine der zukunftsweisenden Forderungen der Philosophin Helene von Druskowitz. Schade, dass man das Buch nicht zur Pflichtlektüre für Männer machen, sondern nur empfehlen kann, aber “frau” sollte es allen Mädchen auf das Kopfkissen legen.
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Tags:Österreich, Biografie, Ebensolch Rez-E-zine 53/09, Gender, Sistlau, Sozial
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Samstag, 11. Juli 2009

Tânia Maria Rodrigues-Peters
Mozart in der Zukunft
BoD 2009, 96 S. sw. Illus.
ISBN 978 3 8370 8398 9
Mozart in der Zukunft
Natürliche Begabung ist eine Seite des Erfolgs junger Talente und elterlicher Ehrgeiz die andere. Wenn die Mischung stimmt, dann stellt sich der Erfolg mit Spaß ein. Wenn der Erfolgsdruck hingegen zu groß wird, kann aus Sehnsucht Sucht werden. Die richtige Balance zwischen Freiräumen, Verpflichtungen und freiwilligen Training zu halten, ist für alle Beteiligten nicht einfach, aber dringend erforderlich. Der Schritt von Förderung zur Überforderung ist schnell getan.
Tânia Maria Rodrigues-Peters erzählt sensibel eine kindgerechte Geschichte über dieses Thema. Obwohl zum Selberlesen geeignet, sollte die Geschichte dennoch vorgelesen werden. Eröffnet sie doch auch Eltern einen Blick auf sich selbst. Zu dem lädt sie ein mit Kindern über Lernerfolg und über Mozart zu reden.
Musik, Fantasie, Freiräume und zwei Buben treffen in der Story auf einander. Der moderne Max trifft den altbackenen Amadeus. Sie haben sehr viel gemeinsam und genauso viel unterscheidet sie auch. Geschickt verwebt die Autorin die Lebenslinien von Max und Amadeus. Sie lässt die Wünsche der beiden Kinder nach Zuneigung und Bewunderung erkennbar werden. Max reflektiert über seine eigenen Grenzen und Möglichkeiten, während der kleine Mozart neugierig die unbekannte Vielfalt erkundet und schließlich doch das Klavier bevorzugt.
Die erstklassigen Illustrationen von Pedro Caraça unterstreichen den Text optisch. Ungewöhnlich aber in diesem Zusammenhang passend ist, dass direkte Reden “mozartmäßig” mit einer Note eingeleitet werden. Man darf gespannt sein, was Tânia Maria Rodrigues-Peters noch einfallen wird.
© S. Strohschneider-Laue
Mozart in der Zukunft
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Donnerstag, 09. Juli 2009

Gerald Matt, Peter Weiermair (Hgg.)
Das Porträt Fotografie als Bühne
Verlag für moderene Kunst Nürnberg 2009, 232 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 941185 60 9
Das Porträt: Fotografie als Bühne
Katalog und Ausstellung in der Kunsthalle Wien widmet sich den Porträtfotografie ab 1980 mit Werken von Roger Ballen, Tina Barney, Valérie Belin, Dirk Braeckman, Clegg & Guttmann, Andrea Cometta, Anton Corbijn, Rineke Dijkstra, Amy Elkins, JH Engström, Bernhard Fuchs, Albert García-Alix, Luigi Gariglio, Anthony Gayton, Nan Goldin, Greg Gorman, Kathy Grannan, Jitka Hanzlová, Peter Hujar, Jean-Baptiste Huynh, Leo Kandl, Barbara Klemm, Gerhard Klocker, Andreas Mader, Sally Mann, Robert Mapplethorpe, Hellen van Meene, Judith Joy Ross, Thomas Ruff, Stefano Scheda, Beat Streuli und Wolfgang Tillmans.
Der zweisprachige Katalog gliedert sich in das Vorwort von Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, die kuratorischen Leitgedanken von Peter Weiermair und einen Exkurs zu Porträts in Zeiten der digitalen Wirklichkeit von Ulrich Pohlmann. Rund 180 Seiten sind der Werkschau der FotokünstlerInnen gewidmet. Biografien und Werk in der Ausstellung/Abbildungsverzeichnis schließen den von Dieter Auracher grafisch nicht nur benutzerfreundlich, sondern auch ansprechend aufbereiteten Katalog. Ein unverzichtbarer Katalog zur Ausstellung und ganz besonders für die Porträtfotografie.
Die für diesen Katalog und die Ausstellung eingeladenen FotografInnen und deren Werke sind der Versuch einen möglichst breiten Querschnitt durch die Entwicklung der Porträtfotografie ab den 1980ern zu legen. In den ausgewählten Porträts ist die Spannung, die sich zwischen Voyeur und Exhibitionist während des fotografischen Akts aufgebaut hat spürbar. Egal ob formalistische Studiofotografie, fotografische Dokumentation oder unverfälschte, schnappschussartige Tagebücher, sie haben den gelenkten Blick gemeinsam. Gemeinsam ist Ihnen auch, dass sie nicht alle Menschen gleichsam faszinieren können. Es wird gezeigt, was die Porträtfotografie zu bieten vermag. Das nicht jedes Porträt gefällt, hat unterschiedliche Gründe, aber das ist die Essenz der Blickwinkel die Vielfalt von Einfalt unterscheidet.
Meine FavoritInnen sind jedenfalls jene - Roger Ballen, Barbara Klemm und Wolfgang Tillmans (Kulturpreis 2009) gehören dazu -, die nicht oder unsichtbar arrangieren. Porträts deren erzählerisches Moment im Vordergrund steht. Tapetenfreie Sujets, die mein Interesse wecken und gleichzeitig zum Nachdenken anregen. Und ich kann mich der Spannung hingeben, die die Lichtmaler unter den Fotografen wie Anton Corbijn oder Robert Mapplethorpe in menschlichen Stillleben erzeugen.
Dokumentationen des Lebensumfeldes, die in ihrer fotografischen Beliebigkeit austauschbar sind oder Menschen vor oder in ihrem Biotop darstellen, sind zugleich Porträts des Zeitgeistes als auch der FotografInnen selbst. Geschminkt oder ungeschminkt, das ausdruckslose, nackte Schulterstück in Passfoto- oder Kalenderbildoptik, entkleidet von Attribut und Aussage erschließt sich nur durch Zusammenspiel von Foto und künstlerischem Gesamtkonzept der FotografInnen. Auf diese Konzepte muss sich man sich im Vorfeld einlassen oder auf einen Großteil des Zusammenhangs verzichten.
Porträtfotografie ist nicht nur das festgehaltene äußere Abbild - selten der persönlichen, charakterlichen Befindlichkeit - der abgebildeten Person, es ist zugleich Selbstreflexion der Fotografinnen. Entstanden sind sie alle in dem Spannungsfeld der Exhibitionistinnen und VoyeurInnen. Und auch deshalb steht nicht der Abgebildete als komplette Persönlichkeit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern nur Aspekte seiner oder ihrer Sexualität. Selten sind es die im Vorbeigehen eingefangenen Abbilder von Menschen, die erst durch das Fotografieren aus der Menge herausgehoben und wieder zu massenfernen Individuen werden, wie es in der Fotografie von Beat Streuli der Fall vermögen.
Spannend von Porträt zu Porträt, von Fotografin zu Fotografen und keinesfalls nur als zeitgenössischer Kunstband zu betrachten. Obwohl mich inhaltlich wenig anspricht und vieles technisch nicht gefällt, möchte ich auf diesen Katalog nicht verzichten. Er ist eine Bereicherung für jede Bibliothek in dem Fotografie und/oder Porträts einen Schwerpunkt einnehmen. Zugleich ist der Katalog eine wundervolle Möglichkeit für Fotobegeisterte eine Begegnung mit der Fotokunst herbeizuführen.
Die Porträtauswahl ist noch bis zum 18. Oktober 2009 im Großformat in der gleichnamigen Ausstellung der Kunsthalle Wien zu bewundern.
© S. Strohschneider-Laue
Das Porträt: Fotografie als Bühne
siehe auch Ausstellungsrezension
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 53/09, Fotografie, Katalog, Kunst, Sistlau
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Samstag, 04. Juli 2009

Tradition: Wiener Prater

Manchmal sind Traditionen gar nicht so schlecht; denn nicht alle sind vorgestrig und/oder moralinsauer. Eine schöne Wiener Tradition ist es, während der Kindheit zu bestimmten Anlässen (Einschulung, Erstkommunion) in den Prater gehen zu dürfen. Es ist quasi ein vorgezogener Tapferkeitsbonus, ein Haftaufschub, ein Freigang bevor es so richtig ernst mit der realen (Schule) und der spirituellen Hölle (Kirche) wird.
Ich kam in den Genuss dieser Tradition, weil ich zur richtigen Zeit statt in Frankfurt in Wien war. Als Minitouristin mit den Eltern genau rechtzeitig vor meiner Einschulung. Natürlich wurden Fotos gemacht: Kind am Pferd, Kind im Karussell, Kind im Miniauto. Meist ist das Kind - also meine Person - kaum erkennbar und oft lugte nicht einmal mein Kopf über die Lenkstange hinaus. Diese Fotos sind vermutlich familienunabhängig austauschbar. Es gibt sie sicher zu Millionen in den Schubladen von Eltern, Großeltern, Paten und unzähligen anderen mehr oder minder Anverwandten.
Rund dreißig Jahre nach meinem Praterspaß, ereilte unsere Tochter - eine typische Wienerin mit Wurzeln in ganz Europa - der Praterbesuch zum Schuleinstieg. Es war wie erwartet. Bei den meisten Fahrbetrieben musste man den Besuch aufgrund elterlicher Verantwortung ablehnen. Teuer war es auch, aber an einem solchen Tag haben Eltern und vor allem Großeltern Spendierhosen an. Schön ist es trotzdem, wenn man feststellt, dass sich das eigene Kind trotz des Überangebotes als bescheiden erweist. Riesenrad, Achterbahn, Autoscooter, Geisterbahn und sämtliche supermodernen Speed- und Höhenvarianten auf “Kotz mehr” und “Schneller Hirntod”, wurden bestaunt aber nicht gewünscht. Am Ende waren es eine Zuckerwatte, einige Lose bei der blonden Plastikpuppen- und rose Plüschtier-Tombola, eine Runde Ponyreiten und unbedingt die Autorennbahn. Das Rennbahnrelikt aus den 1960ern oder noch früher, existierte tatsächlich noch. Mindestalter war schon damals “12 Jahre” als ich Schulanfängerin war und unbedingt Rennen fahren wollte. Und ganz genau wie damals klettere mein Vater - nun mit der Enkeltochter - in das Vehikel. Und er sagte ganz genau dieselben Dinge zu ihr wie dreißig Jahre vorher zu mir: “Den schnappen wir, den kriegen wir, mehr Gas und schnell vorbei”. Natürlich blieb es nicht bei einer Runde.
Und ganz genau wie damals stand meine Mutter am Rand der Bahn und war zutiefst besorgt, dass der scheppernde Höllenritt - wie man dem Foto entnehmen kann - Opas kriegsversehrten Rücken schaden würde. Nun war auch ich Mutter, aber ich war nicht besorgt. Ich war eifersüchtig und noch dazu auf das eigene Töchterchen. Pech, dass es “meinen” blauen Wagen von damals nicht mehr gab. Ich hätte es den beiden gezeigt, schließlich hatte ich den gleichen Fahrlehrer.
Bei diversen Gelegenheiten waren wir in nachfolgenden Jahren mit Freunden und ihren Kindern im Prater. Die Bahn war geschlossen. Es war als ob ich ein Stück Kindheit verloren hätte. In Wirklichkeit gehen doch alle mit den Kindern in den Prater, um noch einmal das zu tun, was sie selbst als Kind so genossen haben - ich bin keine Ausnahme. Quasi ein glückliches Ausleben des verborgenen Peter-Pan-Komplexes. Was passiert aber, wenn es diese Kindheitserinnerungen plötzlich nicht mehr gibt? Nein, man muss trotzdem nicht erwachsen werden. Nein, denn wir haben doch alle die unzähligen Fotos. Wenn unsere alten Fotos nicht die Farbe verloren hätten, könnten wir unsere Fotos glatt verwechseln. Bis auf eines: Es ist einzigartig, zumindest für mich und sicher für unsere Tochter.
© S. Strohschneider-Laue
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 53/09, Fotografie, Kommentar, Sistlau, Teeblatt, Teefleck, Wien
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Freitag, 03. Juli 2009

Das Porträt - Fotografie als Bühne
Kunsthalle Wien
3. Juli bis 18. Oktober ‘09

Seit dem 19. Jahrhundert hat die Porträtfotografie kontinuierlich an breitenwirksamen und preisgünstigen Stellenwert gegenüber der Malerei oder Bildhauerei gewonnen. Und selbst die Motivation zu porträtieren hat sich durch die Fotografie weiterentwickelt. Das Porträt kann Abbild oder Charakterstudie, Pose oder Momentaufnahme sein. Die Aufnahme kann Anonymität oder Intimität vermitteln. Aber eines ist das Porträt in jedem Fall: Zeitzeichen.
Die Schau in der Kunsthalle Wien widmet sich den Porträtfotografie ab 1980 mit Werken von Roger Ballen, Tina Barney, Valérie Belin, Dirk Braeckman, Clegg & Guttmann, Andrea Cometta, Anton Corbijn, Rineke Dijkstra, Amy Elkins, JH Engström, Bernhard Fuchs, Albert García-Alix, Luigi Gariglio, Anthony Gayton, Nan Goldin, Greg Gorman, Kathy Grannan, Jitka Hanzlová, Peter Hujar, Jean-Baptiste Huynh, Leo Kandl, Barbara Klemm, Gerhard Klocker, Andreas Mader, Sally Mann, Robert Mapplethorpe, Hellen van Meene, Judith Joy Ross, Thomas Ruff, Stefano Scheda, Beat Streuli und Wolfgang Tillmans (Kulturpreis 2009).
Zwischen Porträts liegen Welten und die Spannung, die sich zwischen Voyeur und Exhibitionist während des fotografischen Akts aufgebaut hat. Egal ob formalistische Studiofotografie, fotografische Dokumentation oder unverfälschte, schnappschussartige Tagebücher, sie haben den gelenkten Blick gemeinsam. Geschminkt oder ungeschminkt, das ausdruckslose, nackte “Passfoto”, entkleidet von Attribut und Aussage erschließt sich nur durch Zusammenspiel von Foto und künstlerischem Gesamtkonzept der FotografInnen.

Die Inszenierung des Porträts liegt zwischen Verletzlichkeit und Herausforderung und spiegelt die Beziehung zwischen den ProtagionistInnen vor und hinter der Kamera.

Berührend, beklemmend, verstörend sind die absoluten Blicke gegenüber dem inszenierten Blicke. Politische und soziale Realitäten, ganz abseits von Gefühl oder Urteil. Beobachtend, festhaltend, aufzeigend, dokumentarisch haben sie bereits erzählerische Qualitäten bevor sich noch das Gesamtkonzept der Serie erschließt.

Semidokumentarisches, tagebuchartiges und fotojournalistisches abseits der Studioinszenierungen fangen das Tagesgeschehen, Lebensfacetten von anonym bis privat - über das Porträt - hinaus ein. Ob die privaten Fotoalben außerhalb der jeweiligen Familie inhaltlich und fotografisch von Interesse sind, mag offen bleiben.
Ausstellen bedeutet mehr als Stellen und Hängen von Objekten, mehr als Kleingedrucktes im Post-it-Format mit Objektdaten, mehr als minimalistische Künstlerinformationen. Dem Publikum muss “die Geschichte” der Objekte und der Gesamtschau erzählt werden. Das macht unter anderem den Unterschied zu einem begehbaren Bilderbuch aus dem der Inhalt abhanden gekommen ist.
Schlicht und interessant, denn wer sehen will, sieht mehr als nur Porträts.
© S. Strohschneider-Laue
Das Porträt - Fotografie als Bühne
Kunsthalle Wien
3. Juli bis 18. Oktober ‘09
Das Porträt: Fotografie als Bühne
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Dienstag, 23. Juni 2009

Mark Rowlands
Der Philosoph und der Wolf
Was ein wildes Tier und lehrt
Rogner&Bernhard 2009, 152 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 938045 36 7
Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt
Brenin begleitete seinen Philosophen überall hin - sogar in die Vorlesungen. Am Beispiel dieses ungewöhnlichen Zusammenlebens mit einem Wolf voller Marotten offenbart sich für den Philosophen eine neue Weltsicht. Mark Rowlands gelingt es Philosophie am tierischen Beispiel so fesselnd zu schildern, dass man das Buch erst zur Seite legt, wenn die letzte Seite erreicht ist. Und selbst dann legt man das autobiografische Werk nur ungern aus der Hand.
Wolfswelpen 500 $ + Reparatur der Wohnung 500 $ = 0 $ Kontostand. Diese ganze Minusrechnung entstand innerhalb einer Stunde, aber Geld bedeutet nichts und ein dagegen Rudelmitglied alles. Diese Erkenntnis ist die erste, der sich Rowlands stellen muss als der Wolfswelpe Brenin das Zusammenleben mit ihm begann. Der Unterschied zeigt sich schon dadurch, dass man nicht “Wolfsbesitzer” - abgesehen vom rechtlichen Status den man hat, wenn man den Schaden zahlen muss - ist, sondern mit einem Wolf zusammenlebt.
Wölfe sind nicht gerne von ihrem Rudel getrennt. Sie langweilen sich überaus schnell und ihre Selbstbeschäftigungstherapie kostet rasch viel Geld. Die marginale Grundregel “lass’ mich nicht allein” führte dazu, dass Brenin Rowlands ständiger Begleiter wurde. Egal ob Vorlesungen, Reisen oder Übersiedelungen von Amerika nach Europa, Brenin war immer dabei. Die StudentInnen wird es gefreut haben, wenn Brenin im Hörsaal zu heulen begann. Vermutlich hätten sie gerne ab und an eingestimmt. Die Nachbarin in Irland verdankte Brenin, dass ihr Exmann durch Brenins Rudelmenschen in die Schranken gewiesen wurde. Ein guter Anlass für Rowlands sein Verhalten, wie des Öfteren in Zusammenhang mit Brenin, bei dieser “Nachbarschaftshilfe” einem Zivilisations-TÜV zu unterziehen. Das Zusammenleben mit Brenin prägte sicherlich auch den Wolf, aber in erster Linie beeinflusste es die Sichtweisen des Philosophen. Fundamentale Erkenntnisse rund um menschliche Wertesysteme, Zivilisation, Freundschaft, Liebe, Hoffnung und Tod werden anhand dieser Erfahrungen hinterfragt und neu bewertet. Elf anstrengende aber unvergleichliche Jahre enden mit dem Tod Brenins in Frankreich.
Schreiben ist mehr oder weniger für AutorInnen Therapie. Bei Rowlands war es nicht anders und er musste den Verlust seines Rudelmitglieds verarbeiten. Deshalb bleibt von Brenin mehr als dieses Buch, denn Rowlands teilt den gewonnenen Lebenssinn, Verantwortung und nicht zuletzt Liebe mit den LeserInnen. Nicht nur die Studenten hat es gefreut Brenin kennenzulernen, sondern auch mich - auf jeder einzelnen Seite des Buches.
© S. Strohschneider-Laue
Der Philosoph und der Wolf: Was ein wildes Tier uns lehrt
The Philosopher and the Wolf
The Philosopher and the Wolf: Lessons from the Wild on Love, Death, and Happiness
siehe auch
Oxford Center for Animal Ethics
Tags:Biologie, Ebensolch Rez-E-zine 52/09, Humor, Kommunikation, Literatur, Sistlau
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Montag, 22. Juni 2009

Stefan Slupetzky
Lemmings Zorn
Lemmings vierter Fall
Rowohlt 2009, 303 S.
ISBN 978 3 499 24889 4
Stefan Slupetzky Lemmings Zorn: Lemmings vierter Fall
Wien ist anders und bei Slupetzky mal wieder ganz typisch Wien, schlimmer geht es einfach nicht. Die Bücher rund um den Lemming sind viel mehr als nur Regionalkrimis. Sie sind in ein kriminelles Geschehen eingebettete, literarisch pointierte Sozialkritik. Die viel zitierte “Wiener Seele” wird außerhalb der Sissi-Stadt gründlich falsch als zuckerlsüße Romantik interpretiert. Alle, die des Wienerischen nicht mächtig sind, halten ja auch die übelsten Aussagen für den charmantesten Wiener Schmäh. Genau deshalb werden die skurrilen Figuren der Lemming-Reihe als überzogen skurril empfunden, obwohl jede einzelne davon bitter-real ist und unbehelligt mit ihrem angeborenen Devot-Buckel in Wien herumläuft.
Es ist Weihnachten, die beste Zeit des Jahres, um in Wien keine Stille zu finden. Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr: Der Lemming kommt nicht zur Ruhe. Nachwuchs Ben stellt sich äußerst übereilig und mit tatkräftiger Hilfe von Angela ein. Jene Angela, die am Heiligen Abend auf den Juniorlemming aufpasst - zumindest bis sie tot neben dem Kleinen liegt. In dieser unaufhörlich lärmenden, lebensfeindlichen Welt sind Klara, die starke Frau an Lemmings schwacher Seite, und der schutzbedürftige Benjamin die treibenden Kräfte. Für sie läuft der Lemming zur Höchstform auf. Wieder steht er nahezu allein gegen Ignoranz, Fremdenhass, Korruption, gedruckten und personifizierten Kleinformaten. Was ein echter Lemming (eigentlich Leopold Walisch und Ex-Krimineser) ist, lässt keinen Fettnapf aus. So trifft allgegenwärtige Faulheit und Inkompetenz gepaart mit Überheblichkeit, die nur noch von Unterwürfigkeit übertroffen wird, auf die Beharrlichkeit des lärmgestressten Lemmings. Und wenn dem Lemming schließlich das zielgerichtete Kotzen kommt, möchte man nur noch applaudieren.
Zuletzt bleibt nur noch eine Frage offen: Wann erscheint bitte das Nächste? Und ich fürchte die Antwort wird lauten: Erst, wenn Wien den Lemming wieder viel zu weit getrieben hat!
Nominiert für Friedrich-Glauser-Preis 2010 in der Sparte “Roman”!
© S. Strohschneider-Laue
Lemmings Zorn: Lemmings vierter Fall
Siehe auch die ersten drei:
Der Fall des Lemming
Lemmings Himmelfahrt: Lemmings zweiter Fall
Das Schweigen des Lemming: Lemmings dritter Fall
Lemmings Himmelfahrt. 8 CDs + 1 MP3-CD . Lemmings zweiter Fall
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Tags:Ebensolch Rez-E-zine 52/09, Humor, Krimi, Literatur, Sistlau, Wien
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