Ebensolch Rez-E-zine 71/12
Sascha Roesler (Hg.)
Glatt.
Manifest für eine Stadt im Werden
Scheidegger & Spiess 2012, 168 S. zahlr. Abb. und Faltplan
ISBN 978 3 9060 2705 0
Glatt! Manifest für eine Stadt im Werden
Schweiz: Architektur und Alternativen
Landschaft braucht Schutz
Die Schweiz leidet unter der fortschreitenden Zersiedlung. Die Kulturlandschaft wird von Agglomerationen aufgefressen. Die Architektengruppe Krokodil, ein Zusammenschluss Zürcher Architekturbüros, hat sich mehrere Jahre - ganz ohne Auftrag - mit dem Problem dieses unkoordinierten Siedlungswachstums beschäftigt. Das Ergebnis des Projektes zum Wohl der Landschaft ist soeben als Buch erschienen. „Glatt! Manifest für eine Stadt im Werden” verrät den Lösungsansatz bereits im Titel.
Als Ausgangspunkt für die überzeugende Vision einer Stadt dient das Glatttal im Kanton Zürich. Das mehrere Gemeinden umfassende Gebiet ist bereits suburban geprägt und böte somit die Möglichkeit, den Wandel zur Stadt durch die Ergänzung bestehender Strukturen zu vollziehen.
Die Dringlichkeit eines Richtungswechsels in der Schweizer Raumplanung führt das einleitende Kapitel anhand demografischer Prognosen und des damit einhergehenden Nutzflächenbedarfs vor Augen. Die Feststellung, dass Zersiedlung durch politisches Handeln entsteht, ist nachvollziehbar. Als ihre Treiber werden eine zum Pendeln einladende subventionierte Mobilität, der Steuerwettbewerb der Kantone und die Planungsautonomie der Gemeinden identifiziert. Das mag in der Schweiz so sein. In vielen anderen europäischen Ländern wird die Bevölkerung wohl eher durch die horrenden Lebenserhaltungskosten in den Städten - nicht zuletzt verursacht von einer ungehemmten Immobilienspekulation, die hohe Leerstände zur Folge hat, gierigen Vermietern/Stadtverwaltungen sowie sinkenden Realeinkommen - ins Umland getrieben. Dass das der Landschaft nicht gut tut, liegt auf der Hand.
Das Zauberwort Verdichtung
In „Glatt! Manifest für eine Stadt im Werden” entsteht basierend auf der Analyse der Potenziale des Glatttals die Grundstruktur einer Stadt vom Feinsten. Als Schlüsselgebiete für die Siedlungsentwicklung dienen die Grenzflächen zwischen den Gemeinden. Eine massive Verdichtung gebietet der Zerstörung der Landschaft Einhalt. Das Ineinandergreifen diverser Netze - vom öffentlichen Verkehr, über die Energieversorgung bis zum Grünraum - optimiert die Erschließung, schöpft Möglichkeiten für Synergien aus und sichert den nachhaltigen Einsatz von Ressourcen. Die Vision der Stadt Glatt sieht eine durchmischte Nutzung vor und träumt von Identität stiftenden Orten.
Damit sich das Konzept auch auf andere Stadtgründungen übertragen lässt, hat die Architektengruppe Krokodil, die wichtigsten Leitsätze in zehn städtebaulichen Geboten, dem Krokodil-Code, zusammengefasst.
Ein ausgedehnter Rundgang führt mithilfe von Detailfotos des gebauten Modells, 3D-Renderings und Plänen durch die imaginierte Metropole. Die vier neuen Stadtteile wirken modern, großzügig, funktional und in ihrer Linearität ein wenig nüchtern. Massive Baublöcke erinnern in ihrer Wuchtigkeit an Wolkenkratzer, ohne jedoch deren Höhe zu erreichen. Breite Alleen und riesige Parks durchziehen die Stadt und schaffen so einen Kontrapunkt zur dichten, den Blick einengenden Verbauung.
Im Stil eines Reiseführers aufbereitete Planausschnitte der Stadt im Werden geben einen Vorgeschmack auf die gemischte Nutzung und verzeichnen Einkaufsmöglichkeiten, Hotels, Restaurants, Bildungs- und Kulturinstitutionen, Sportstätten, medizinische Einrichtungen, Bahnhöfe, Haltestellen der Straßenbahn und was der Stadtmensch sonst noch braucht. Polizei- und Feuerwachen habe ich allerdings vergeblich gesucht. Dafür sorgte die Krokodil-Zuchtanstalt für einen herzlichen Lacher. Überhaupt lohnt sich das Lesen der vier Stadtpläne. Vor allem jener des Stadtteils Mitte zeigt sowohl feinsinnigen Humor als auch grenzenlosen Optimismus.
Eine ausführliche, durch Übersichtskarten unterstützte Vorstellung der einzelnen Netze sowie ein Exkurs zum Flächentransfer runden das Buch ab.
Fazit
„Glatt! Manifest für eine Stadt im Werden” präsentiert einen hervorragenden, in mancher Hinsicht innovativen Entwurf für eine lebensfähige Stadt des 21. Jahrhunderts im Glatttal. Die ihm zugrunde liegenden zehn städtebaulichen Gebote des “Krokodil-Codes” können nahezu universell auf Stadtgründungen und -erweiterungen angewendet werden. Damit eignet sich das reich illustrierte Buch nicht nur als Denkanstoß für Entscheidungsträger vor Ort, sondern auch als Lehrmittel und Grundlage für eine Diskussion zum Thema “Wie wir leben wollen und wie wir leben sollen”.
© Ch. Ranseder
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