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Frankfurter Buchmesse 2013

Donnerstag, 10. Oktober 2013
NotizEbensolch Rez-E-zine 76/13

Eindruck vom Druck auf Druckwerke

Gastland Brasilien © Sistlau 2013Vom 9. bis 13. Oktober geht es wieder um Bücher und ihre Menschen in Frankfurt. Drei Tage treffen sich  Buchmenschen, die zwei letzten Tage dürfen sogar die  Lesemenschen die Verlage, AutorInnen und - nicht nur - Neuerscheinungen bestaunen.

Erster Eindruck

Der riesige Marktplatz für Schreibende, Verlegende, Verkaufende und Lesende wirkt 2013 seltsam leer. Trotzdem ist das Engagement aller Beteiligten ungebrochen. Es geht schließlich darum, den Marktplatz erfolgreich zu nutzen.
Das Produkt “Buch” wird präsentiert. Die schönsten, innovativsten und wertvollsten Bücher werden prämiert. Die AutorInnen und Verlage erhalten Ehrungen und Auszeichnungen. Jene, die noch keine Chance auf die altehrwürdigen Belobpreisungen haben, haben eigene Kategorien mit Sektempfang etabliert. Das gegenseitige Schulterklopfen verläuft also wie bisher nach Plan.

Zweiter Eindruck

Unmengen neuer Bücher erscheinen jedes Jahr weltweit. Schön, dass etliche davon auch weltweite Anklänge finden. Es ist also kein Wunder, dass man bei den unzähligen Lizenzausgaben von einem Déjà-vu in das nächste taumelt. Fans muss verlagsseitig schon aus wirtschaftlichen Gründen mit den neuesten Bestsellern ihrer Lieblinge - egal ob es das Werk eines beliebten TV-Kochs ist oder der wohl demnächst  verfilmte Thriller ist - beglücken. Umso schöner ist es daher, festzustellen, dass es durchaus Verlage gibt, die ihre Lizenzen mit besonderen Bedacht auf außergewöhnliche, ggf. sogar anspruchsvollere Inhalt auswählen. Es geht also doch, Bestsellerqualität auch abseits des Mainstreams aus den Flüssen der Beliebigkeit zu fischen.

In wirtschaftlich schweren Zeiten, die Branche kämpft eindeutig, kein Risiko einzugehen, ist ein schwerer Fehler. Wer jetzt nicht auf Innovation u. a. hinsichtlich der Inhalte und der Gestaltung setzt, mehrgleisig in der Produktion agiert - kein E-Book zu produzieren, ist auch keine Lösung -, den werden Produktion und Vertrieb der zugekauften Massenware auch nicht retten. Die wachsende Scheu vor Eigenproduktionen mit einer gewissen Bereitschaft zu riskieren, wird sich langfristig rächen.

Wirtschafts-, bildungs- und gesellschaftspolitisch betrachtet, bricht seit Jahren der sog. Mittelstand weg. Dieser Eindruck entsteht auch rund um das Buch(geschäft). Wo ist die bezahlbare Mitte, die dennoch den gewissen Anspruch auf Novität erheben kann? Beliebigkeit - ein Phänomen, das sich durch die gesamte Kulturbranche zieht, wird schnell langweilig. Wenn ein Buchkonzept dem anderen gleicht, genügt es Lesenden, ein solches Buch zu erwerben. Mir persönlich ist es ein Rätsel, warum eine Picasso-Ausstellung inklusive Katalog die nächste jagen, ein Vampir den nächsten Werwolf auf das Buchregal verfolgen und ein Katzen-Impressionisten-Vintage-Kalender nach dem anderen erscheinen muss. Wer immer den Blick auf die selben bekannten Namen, das ausgelutschte Genre und abgedroschene Sujet richtet und Altmaterial nur wie Kartenstapel neu zusammenmischt, wird das Potenzial von bislang Unbeachtetem verpassen. Kulturschaffende, also auch AutorInnen werden nicht erst durch ihren Tod interessant.

Jeder will billig produzieren und teuer verkaufen, um Ende einen großen Gewinn zu verbuchen. Dass im Laufe dieser Bestrebungen jeder Beteiligte - kurz- und langfristig - nur verlieren kann, scheint sogar jenen unklar zu sein, die Karl Marx verlegen.

Dritter Eindruck

Arbeiten in der Buchbranche ist Frauensache, wie die Studie der Bücherfrauen bewies. Warum das nicht ebenso deutlich auf dem blauen Sofa sichtbar wird, zeigt die geschlechtsspezifischen Entscheidungen, wenn es um das Bespielen der diversen Plattformen geht. Es springt auf der ganzen Messe ins Auge: Frauen fahren das Vehikel. Aber sie scheinen nicht oder nur selten zu bestimmen, wohin sie fahren. Und wenn sie bestimmen, sind sie garantiert in der Ecke zu finden, die am wenigsten Ansehen und Geld einbringt.

Auf den Punkt gebracht: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Es ist wie in allen anderen Bereichen: Nicht jammern, dass die Anderen (wer immer das sein soll) etwas tun sollen, sondern selbst bewusst anders agieren.

Verlage
Die AutorInnen nicht aushungern, den Buchhandel gegenüber Versandriesen begünstigen, macht sich langfristig bezahlt. Kunden neugierig machen, verwöhnen, etwas Neues, Unerwartetes, Einzigartiges bieten, lohnt schon kurzfristig.

Buchhandlungen
Wenn die Kundschaft ausbleibt, die Kundschaft mit innovativen Konzepten abholen. Speziell,  informiert und mutig sein, zahlt sich immer aus: Es gibt mehr als einen Verlag, eine/n AutorIn. Buchhandlungsfreie Gebiete - die Provinz kann sehr trist sein - ist entweder verwaist oder war nie erschlossen?

LeserInnen
Neues ausprobieren und dort einkaufen, wo das Buch sein natürlichen Lebensraum hat - in der Buchhandlung -, garantiert Vergnügen und Verfügbarkeit für alle Beteiligten.

© S. Strohschneider-Laue

Ebensolch | AmazonStore
Bertha Buch | Amazon(e)Store
AugenBlick | AmaZino

Liebe zwischen den Seiten - sammeln oder beten?

Dienstag, 26. Februar 2013
NotizEbensolch Rez-E-zine 73/13

Mehr als ein Bekenntnis?!

Das kleine Kirchenblatt 1955 Was bisher gefunden wurde

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 1970ern kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtliche Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein. Seit dem dritten Advent 2009 wohnen Karl und Josef in Kriegsbriefe gefallener Studenten bei uns und Albert Francis Rosa (Loving Memory) kam mit Luck of Relian Kru im selben Jahr. Zuletzt trafen 2011 die Fotos der Rosi Z. (Hass zwischen den Fotos) ohne Buch aber in einer Schuhschachtel ein.

Sammelwürdig: Nationalsozialismus und röm.-kath. Kirche

Es gab einen Bücherflohmarkt. Fündig zu werden, war leicht und die Tasche anschließend schwer. Drei Bände zur Kunstgeschichte fanden ein neues Heim, darunter:

Wilhelm Lübke, Max Semrau
Die Kunst des Mittelalters
Stuttgart 1909 (14. Auflage)

Sammelkarte Austria TabakSammelkarte Austria TabakKunsthistorische Forschungsgeschichte, mehr nicht? Doch mehr! Die Lesezeichen befanden sich noch im Band über das Mittelalter. Wenn man Rückschlüsse zur Gesinnung des Vorbesitzers ziehen möchte, denkt man sogar an den finstersten Teil des tiefsten Mittelalters. Es scheint auch in diesem österreichischen Haushalt keine Unvereinbarkeit zwischen Glauben und Nationalsozialismus geherrscht zu haben. Nicht jeder war ein Franz Jägerstetter und nicht jeder ein Hasenjäger.

Sammelkarte Austria Tabak

Sammelkarte Austria Tabak

Die Sammelbilderserie “Adolf Hitler und sein Weg zu Großdeutschland” der Austria Tabakwerke erzählt vom Werden des Nationalsozialismus trotz Parteiverbots, den mutigen Kämpfern in Österreich und nicht zuletzt von der Idylle auf dem Berghof Hitlers. Eine Reichsmark kostete das zugehörige Sammelalbum mit ausführlichem Text. Es war in jeder Trafik erhältlich. Die Zigarettenbilder wurden wie Sportlerkarten oder Sticker gesammelt, in Alben eingeklebt und die Doppelten gegen die Fehlenden getauscht. Mit dem Unterschied, dass eine Botschaft darüber vermittelt wurde. Es ging nicht ums Kommerzielle, es ging um Politik, um Indoktrination, um Gleichschaltung.

Sammelkarte Austria Tabak

Wie diese Sammelkarten zum Kinderkirchenblatt passen, gibt tatsächlich zu denken. Und darin liegt das Hauptproblem: Wer denkt tatsächlich und wer von den Denkenden auch kritisch?

Werbemittel, die als Zielgruppe Kinder und junge Erwachsene haben, sind nicht harmlos. Das Jesusprinzip “lasset die Kindlein zu mir kommen” heißt heute Juniortüte und folgt denselben Zielen. Mit Anreizen des Sammeltriebs und unter Ausnutzung des Spaßfaktors werden Begehrlichkeiten geweckt. So kann Minderwertiges aufgewertet, können Inhalte transportiert und manifestiert werden. Aus unkritischen Kindern werden erwachsene Gefolgsleute - lebenslange Abhängigkeit, Distanzlosigkeit und Akzeptanz inbegriffen.

So gesehen, passen die Lesezeichen mittelalterlich-finster zusammen.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch

Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Kriegsbriefe
Die Fotos der Rosi Z.

Teeblätter

Peter Handke - Handkeonline

Freitag, 18. Januar 2013
Notiz Ebensolch Rez-E-zine 73/13

Forschungsplattform der Österreichischen Nationalbibliothek

Peter Handke Polaroid Selbstportrait © ONB

Peter Handke (*6 12. 1942)

Der österreichische Schriftsteller bezieht seit jeher Stellung. Er polarisiert, kritisiert. Kein Wunder also, dass sein Lebensmittelpunkt nicht Österreich ist. Peter Handke ist also unbequem. Gut so, denn einer muss es ja tun, nachdem Thomas Bernhard tot ist. Der Vergleich musste einfach sein, obwohl die beiden nicht miteinander konnten; denn sie haben zumindest zwei wichtige Gemeinsamkeiten. Da wäre zunächst der unrühmliche Schlagzeilen produzierende Suhrkamp Verlag, der die Werke beider Autoren publiziert. Der Rechtsstreit um Suhrkamp wurde von Peter Handke via “Die Zeit” kritisiert. In einem weiteren Artikel bezeichnete er die Streitparteien als Unholde. Bernhard hätte sich vermutlich auch nicht zurückgehalten oder sich gar freundlich geäußert. Aber der wesentlich Wichtigere ist: Sie teilen die Hassliebe Österreichs. Die staatsgerechte beamtliche Hassliebe, die respektlos vereinnahmend genug ist, konsequent inkonsequent gegenüber österreichischen Kreativen und Kritikern zu sein.

Handke gelingt es allerdings, die wesentlich höheren internationale Wellen zu schlagen. Vor allem, wenn man z. B. an Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien und seine folgenden Aktivitäten bzw. öffentlichen Reaktionen darauf, denkt. Die Entlarvung der politischen Steuerung scheinbar unhabhängiger Literaturpreise, ist das Dessert des nur sehr schwer verdaulichen serbischen Menüs à la Handke. Den mit 50.000 Euro dotierten Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf lehnte er 2006 ab, das Angebot der Österreichischen Nationalbibliothek, seinen Vorlass um 500.000 Euro anzukaufen, nahm er 2007 an. Damit ist der Platz für Peter Handke im Kanon der österreichischen Literatur reserviert.

Handkeonline

Die Forschungsplattform, die aus dem Handke Vorlass entstand, ist durch eine Leihgabe von Johann Widrich erweitert worden. Die Sammlung enthält Notizbücher, Werkfassungen, Typoskripte und Bleistiftmanuskripte sowie Bücher, Fotos und Wanderkarten mit eingezeichneten Routen. Handkeonline liegt ein dreijähriges Forschungsprojekt zugrunde, das vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert wird und am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek im Mai 2011 gestartet wurde. Die  Wissenschaft und die interessierte Öffentlichkeit darf via Handkeonline einen spezifischen Zugang zum Werk Peter Handkes erwarten. Die integrierte Open-Access-Datenbank macht die Ergebnisse der internationalen Handke-Forschung frei zugänglich. Die Einreichung geeigneter Beiträge dafür sind ebenso willkommen, wie Anregungen und Kritik zu Handkeonline.
© S. Strohschneider-Laue

siehe auch

Meister der Dämmerung: Peter Handke. Eine Biographie

Teeblätter | Lesetipp
Textzone | Schreibtipp

AugenBlick | TVtipp