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Liebe zwischen den Seiten - sammeln oder beten?

Dienstag, 26. Februar 2013
NotizEbensolch Rez-E-zine 73/13

Mehr als ein Bekenntnis?!

Das kleine Kirchenblatt 1955 Was bisher gefunden wurde

Bücher sind Freunde, gehören zur Familie. In den späten 1970ern kam der kleine spitzartige Hund “Kleist” (Kleist kam zu erst) in unsere Familie. Er schlich sich geschmeidig über Heinrich Kleist’s sämtliche Werke ein und gehört seither dazu. Etwa 2007 zog das ruhige Michael-Baby (Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.) mit The Mummy bei uns ein. Seit dem dritten Advent 2009 wohnen Karl und Josef in Kriegsbriefe gefallener Studenten bei uns und Albert Francis Rosa (Loving Memory) kam mit Luck of Relian Kru im selben Jahr. Zuletzt trafen 2011 die Fotos der Rosi Z. (Hass zwischen den Fotos) ohne Buch aber in einer Schuhschachtel ein.

Sammelwürdig: Nationalsozialismus und röm.-kath. Kirche

Es gab einen Bücherflohmarkt. Fündig zu werden, war leicht und die Tasche anschließend schwer. Drei Bände zur Kunstgeschichte fanden ein neues Heim, darunter:

Wilhelm Lübke, Max Semrau
Die Kunst des Mittelalters
Stuttgart 1909 (14. Auflage)

Sammelkarte Austria TabakSammelkarte Austria TabakKunsthistorische Forschungsgeschichte, mehr nicht? Doch mehr! Die Lesezeichen befanden sich noch im Band über das Mittelalter. Wenn man Rückschlüsse zur Gesinnung des Vorbesitzers ziehen möchte, denkt man sogar an den finstersten Teil des tiefsten Mittelalters. Es scheint auch in diesem österreichischen Haushalt keine Unvereinbarkeit zwischen Glauben und Nationalsozialismus geherrscht zu haben. Nicht jeder war ein Franz Jägerstetter und nicht jeder ein Hasenjäger.

Sammelkarte Austria Tabak

Sammelkarte Austria Tabak

Die Sammelbilderserie “Adolf Hitler und sein Weg zu Großdeutschland” der Austria Tabakwerke erzählt vom Werden des Nationalsozialismus trotz Parteiverbots, den mutigen Kämpfern in Österreich und nicht zuletzt von der Idylle auf dem Berghof Hitlers. Eine Reichsmark kostete das zugehörige Sammelalbum mit ausführlichem Text. Es war in jeder Trafik erhältlich. Die Zigarettenbilder wurden wie Sportlerkarten oder Sticker gesammelt, in Alben eingeklebt und die Doppelten gegen die Fehlenden getauscht. Mit dem Unterschied, dass eine Botschaft darüber vermittelt wurde. Es ging nicht ums Kommerzielle, es ging um Politik, um Indoktrination, um Gleichschaltung.

Sammelkarte Austria Tabak

Wie diese Sammelkarten zum Kinderkirchenblatt passen, gibt tatsächlich zu denken. Und darin liegt das Hauptproblem: Wer denkt tatsächlich und wer von den Denkenden auch kritisch?

Werbemittel, die als Zielgruppe Kinder und junge Erwachsene haben, sind nicht harmlos. Das Jesusprinzip “lasset die Kindlein zu mir kommen” heißt heute Juniortüte und folgt denselben Zielen. Mit Anreizen des Sammeltriebs und unter Ausnutzung des Spaßfaktors werden Begehrlichkeiten geweckt. So kann Minderwertiges aufgewertet, können Inhalte transportiert und manifestiert werden. Aus unkritischen Kindern werden erwachsene Gefolgsleute - lebenslange Abhängigkeit, Distanzlosigkeit und Akzeptanz inbegriffen.

So gesehen, passen die Lesezeichen mittelalterlich-finster zusammen.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch

Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Kriegsbriefe
Die Fotos der Rosi Z.

Teeblätter

Peter Handke - Handkeonline

Freitag, 18. Januar 2013
Notiz Ebensolch Rez-E-zine 73/13

Forschungsplattform der Österreichischen Nationalbibliothek

Peter Handke Polaroid Selbstportrait © ONB

Peter Handke (*6 12. 1942)

Der österreichische Schriftsteller bezieht seit jeher Stellung. Er polarisiert, kritisiert. Kein Wunder also, dass sein Lebensmittelpunkt nicht Österreich ist. Peter Handke ist also unbequem. Gut so, denn einer muss es ja tun, nachdem Thomas Bernhard tot ist. Der Vergleich musste einfach sein, obwohl die beiden nicht miteinander konnten; denn sie haben zumindest zwei wichtige Gemeinsamkeiten. Da wäre zunächst der unrühmliche Schlagzeilen produzierende Suhrkamp Verlag, der die Werke beider Autoren publiziert. Der Rechtsstreit um Suhrkamp wurde von Peter Handke via “Die Zeit” kritisiert. In einem weiteren Artikel bezeichnete er die Streitparteien als Unholde. Bernhard hätte sich vermutlich auch nicht zurückgehalten oder sich gar freundlich geäußert. Aber der wesentlich Wichtigere ist: Sie teilen die Hassliebe Österreichs. Die staatsgerechte beamtliche Hassliebe, die respektlos vereinnahmend genug ist, konsequent inkonsequent gegenüber österreichischen Kreativen und Kritikern zu sein.

Handke gelingt es allerdings, die wesentlich höheren internationale Wellen zu schlagen. Vor allem, wenn man z. B. an Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien und seine folgenden Aktivitäten bzw. öffentlichen Reaktionen darauf, denkt. Die Entlarvung der politischen Steuerung scheinbar unhabhängiger Literaturpreise, ist das Dessert des nur sehr schwer verdaulichen serbischen Menüs à la Handke. Den mit 50.000 Euro dotierten Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf lehnte er 2006 ab, das Angebot der Österreichischen Nationalbibliothek, seinen Vorlass um 500.000 Euro anzukaufen, nahm er 2007 an. Damit ist der Platz für Peter Handke im Kanon der österreichischen Literatur reserviert.

Handkeonline

Die Forschungsplattform, die aus dem Handke Vorlass entstand, ist durch eine Leihgabe von Johann Widrich erweitert worden. Die Sammlung enthält Notizbücher, Werkfassungen, Typoskripte und Bleistiftmanuskripte sowie Bücher, Fotos und Wanderkarten mit eingezeichneten Routen. Handkeonline liegt ein dreijähriges Forschungsprojekt zugrunde, das vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert wird und am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek im Mai 2011 gestartet wurde. Die  Wissenschaft und die interessierte Öffentlichkeit darf via Handkeonline einen spezifischen Zugang zum Werk Peter Handkes erwarten. Die integrierte Open-Access-Datenbank macht die Ergebnisse der internationalen Handke-Forschung frei zugänglich. Die Einreichung geeigneter Beiträge dafür sind ebenso willkommen, wie Anregungen und Kritik zu Handkeonline.
© S. Strohschneider-Laue

siehe auch

Meister der Dämmerung: Peter Handke. Eine Biographie

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Weindegustation und Leseprobe

Montag, 07. Januar 2013
NotizEbensolch Rez-E-zine 73/13

Bücher ab Autor - Weine ab Hof

Buch, Bücher, Neuerscheinungen © http://sistlau.at/blog

Mit Buchladen liest es sich gut

Wie ich zu meinem Lesestoff komme? Über meinen örtlichen Buchdealer - meistens. In Anbetracht dessen, dass im Buchhandel aus diversen Gründen renommierten Verlagen, bewährten Autoren sowie Massentauglichen der überproportionale Vorzug gewährt wird, kann ich den geliebten Regalen leider immer weniger für mich finden. Allerdings lösen Buchregale in Kombination mit dem typischen Geruch von Gedrucktem und Gebundenen bei mir schweren Kaufzwang aus. Einem Zwang begegnet man am besten mit einer Kontrollfunktion. Wie beim Wein bedarf es daher einer Degustation - einer Leseprobe im Buch.

Wer glaubt, dass ich mich vom Abfüller/Verlag, Winzer/Autor, Etikette/Cover oder Name/Titel beeindrucken lasse, irrt. Ein renommierter Verlag ist ebenso wenig Garant wie ein bekannter Autor, meinen Leseanspruch an den Inhalt zu befriedigen. Schließlich schmeckt mir ja nicht jeder Wein nur wegen seines berühmten Etiketts.

Wie beim Winzer oder in einer Vinothek koste ich mich durch die Buchregale, greife wie nach einem bestimmten Rotwein zum Genre, orientiere mich wie bei Jahrgängen an Neuerscheinungen. Dass ich dabei Altbewährtem die gleiche Chance wie Neuzugängen gebe, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich entscheide ich nach jener Qualität, die meinen Vorlieben entspricht, nachhaltig positiv beeindruckt und keine unerwünschten Nebenwirkungen erzielt.

Mit Amazon liest es sich nicht besser …

… aber vielfältiger. Die Auswahl ist enorm, aber den Heckenklescher vom edlen Tropfen zu trennen, ist ungleich schwieriger und vor allem mühsamer. Der Buchhändler meines Vertrauens kennt mich zumindest besser. Es beginnt damit, dass die Urwald-Ordnung der Plattform zuweilen jeden Sinns entbehrt und der Qualitätsanspruch am Detail zu leiden beginnt. Amazon bietet mir allerdings zwei klare Vorteile beim Beschaffen von Lesestoff: Englisches und Nachschub für meinen Kindle. Auf meinem Kindle habe ich immer wieder auch Gratis- und Billigangebote von (bislang) unbekannten Autoren ausprobiert. Es waren nur sehr wenige schlechte Produkte - ich möchte in meiner Freizeit lesen und nicht lektorieren - dabei. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viele saftige Ohrfeigen an Selbstverleger in letzter Zeit verteilt werden. Ich habe für meinen Teil eine lange Liste neuer Autoren, deren nächsten Werke ich - Gratismentalität ist mir fremd - kaufen werde, so die Leseprobe mich anspricht.

Selbstverleger und Jahrgangsweine

Jungwinzer und Selbstverlegern muss man Chancen geben. Dass nicht jede Vinothek und nicht jeder Verlag das Risiko mit Neuem eingehen möchte, ist verständlich. Unverständlich ist mir allerdings als mündiger Leser nicht direkt ab Hof/Verleger - also wie beim Winzer vom Autor - kaufen zu wollen. Als Genießer sollte man Jahrgangsweine vom Tetra-Pak-Alk unterscheiden können, ebenso wie man als Leser die innovations- und stillosen Analphabeten erkennen kann.

Es geht um das geschriebene Wort, damit sollten Leser und Autoren ins Gespräch statt ins Gerede kommen.

© S. Strohschneider-Laue

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