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Von Fischen, Vögeln und Reptilien

Mittwoch, 23. November 2011

Von Fischen, Vögeln und Reptilien
Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

ÖNB Prunksaal
24. November ‘11 bis 29. Januar ‘12

Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

Nilkrokodil

1492 vergrößerte sich die Welt ins Unermessliche. Nach der Entdeckung Amerikas gab es kein Halten mehr. Jeder, der etwas auf sich hielt und es sich verschaffen konnte, wollte ein Stück von der Welt haben. In der Renaissance ging daher in einigen Reichen die Sonne nicht mehr unter, während so manchem Reichen endlich ein Licht aufging. Es begann die Blüte der Kuriositätenkabinette, der Wunderkammern und ersten wissenschaftlichen Sammlungen.

Gelbhaubenkakadu Unter diesen Sammlern war auch Kaiser Rudolf II. (1552-1612). Politisch unfähig und psychisch labil betätigte er sich bevorzugt als Kunst- und Wissenschaftsmäzen. Gut so, denn das Licht der Monarchie verlosch, während sein künstlerisches und wissenschaftliches Erbe bis heute Bestand hat. Bestand u. a. dadurch, dass die Österreichische Nationalbibliothek die Restaurierung des “Bestiaire” von Rudolf II. durchführte. Das zweibändige Werk mit 181 Ölbildern, das zwischen 1570 und 1611 von mehreren Künstlern - darunter Daniel Fröschel (1563-1613), Hans Hans Hoffmann (1530-1591/92) und Guiseppe Arcimboldo (1526-1593) - mitgestaltet wurde, ist eine in jeder wissenschaftlichen und künstlerischen Hinsicht reiche Fundgrube.

Drachenskelett Einzigartige Bilder belegen einerseits die Kunstfertigkeit der Ausführenden, andererseits das Bestreben nach wissenschaftlicher - unter den gegebenen Umständen - und exakter Dokumentation. Zugleich spiegeln die Abbildungen ebenso das persönliche Interesse Rudolfs als auch sein Repräsentationsbedürfnis sowie die damals lebend gehaltenen Tiere bzw. das gesammelte tote Material wider.

Gepard und Leopard Manche dieser Tiere fristeten offensichtlich mehr schlecht als recht ein Dasein inmitten der staunenden Gesellschaft. So zeigt die atemberaubend schöne und zugleich minutiöse Darstellung eines Molukkenkakadus, ein überfüttertes Tier. Der Schnabel schreit förmlich nach einer Korrektur bei einem Tierarzt, der zusätzlich einen artgerechten, reduzierten Diätplan - harte Sämereien statt weichen Gebäcks - verordnet hätte. Spannend, was aus den Bilddokumenten - zusätzlich zur genussvollen Betrachtung der Kunstwerke - abzulesen ist.

Flughahn und andere Fische Das Album von Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) wurde ebenfalls restauriert. Selbstverständlich sieht man auch den Fischen an, ob sie fangfrisch oder konserviert bis mumifiziert den Künstlern als Zeichenvorlage dienten. So zeigen sie sich farbenprächtig oder trist gebräunt je nach dem jeweiligen Erhaltungszustand. Frische Fische hatte jedenfalls Giorgio Liberale (1527-vor 1580) zur Verfügung. Über 1100 Bilder der adriatischen Meeresfauna - oft in Originalgröße - verbinden ästhetischen Anspruch mit wissenschaftlicher Dokumentationsqualität. Ein besonderes Highlight seine deckungsgleichen Darstellungen der Ober- und Unterseite z. B. eines Krebses auf Pergamentvorder- und -rückseite. Wendet man das Blatt, wendet man quasi den Krebs.

Gepard und Leopard Zuweilen wurden große Herausforderungen an die ausführenden Künstler gestellt. Vage und bruchstückhafte Informationen, die wie beim Spiel “Stille Post” durch mehrere Münder und Ohren weitererzählt waren, sollten in einer überzeugenden Visualisierung münden. Das dreifarbige Zebra, heute von hohem Unterhaltungswert, sorgte sicher auch damals, obwohl aus anderen Gründen, für Erstaunen.

Fazit: Im beeindruckenden Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek ist eine ebenso tierische wie gute Auswahl der frisch restaurierten Blätter aus zwei Bilderzyklen - Bestiaire von Rudolfs II. und Fauna der Adria von Ferdinand II. - zu bestaunen. Abgerundet wird die Ausstellung mit Illustrationen von Carolus Clusius (1526-1609), Ulisse Aldrovandi (1522-1605) sowie Jacopo Ligozzi (1547-1627). Ein Besuch der sich für Groß und Klein, Laien und Fachpublikum - durchaus mehrmals - lohnt. Die zweisprachig (dt./engl.) abgefassten Ausstellungstexte bieten einen ersten Überblick. Wer mehr wissen möchte, als eine einschlägige Themenführung bieten kann, dem sei der umfangreiche Katalog empfohlen.

on Fischen, Vögeln und Reptilien Von Fischen, Vögeln und Reptilien: Meisterwerke aus den kaiserlichen Sammlungen

Die Kuratorin der Ausstellung Christina Weiler ist auch Herausgeberin des Katalogs. Beiträge von Christa Hofmann, Ksenija Tschetschik und Daniel Siderits sowie zahlreiche Abbildungen machen den stattlichen 255-seitigen Band zu einer angenehmen (!) Pflichtlektüre.

Die Kapitel gliedern sich in “die Tierwelt der Adria”, “das Reich der Tiere”, “die Konservierung von Tierbildern auf Pergament”, “Kunstwerk und Naturobjekt” sowie “Tierillustration der frühen Neuzeit”. Der benutzerfreundliche Anhang mit Literatur, Abbildungsverzeichnis und Tierregister rundet den qualitätvollen Band ab.

Dass der Katalog eine Augenweide ist, ist nicht nur den herrlichen Bildquellen und der Druckqualität zu verdanken, sondern auch dem übersichtlichen sowie attraktiven Layout von Ekke Wolf.

Übrigens: Der Preis ist bestechend moderat!

© S. Strohschneider-Laue

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Gustav Klimt | Josef Hoffmann

Dienstag, 25. Oktober 2011

Gustav Klimt | Josef Hoffmann
Pioniere der Moderne
Belvedere
25. Oktober ‘11 bis 4. März ‘12

Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne

Mit dieser Ausstellung wird bereits jetzt das Klimt-Jahr 2012 im Unteren Belvedere eingeläutet. Im Mittelpunkt der Schau steht die Kooperation von Gustav Klimt (1862-1918) und Josef Hoffmann (1870-1956) im Sinne eines ganzheitlichen Kunstschaffens, das in alle Lebensbereiche hineinwirkt.

Tatsächlich gelingt es der Ausstellung den Themenkreis rund um die beiden Künstler und ihrer Weggefährten anschaulich und äußerst lebendig zu präsentieren. Den  gegenseitigen - auch internationalen - Impulsen unter den Künstlern Raum zu geben und u. a. Werke von George Minne, Ferdinand Khnopff oder Jan Toorops zu zeigen, trägt zusätzlich zu einer inhaltlich ausgewogenen Präsentation bei.

Dem dekorativ-geschwungenen Jugendstil und den geometrischen Gestaltungsprinzipien der Wiener Moderne werden zahlreiche neue Facetten abgewonnen. Was auch darin begründet liegt, sich nicht auf die Malerei zu beschränken, sondern den künstlerisch-gestalterischen Gesamteindruck zu vermitteln. Diese Gestaltungsprinzipien können sich BesucherInnen quasi als “Katalog zum Abreißen” direkt von der Wand mitnehmen.

Nicht minder berücksichtigt wird daher auch der Aspekt des Kunsthandwerks, das nicht nur als Impulsgeber eine wesentlichen Anteil an der Stilrichtung und somit an der Umsetzung in der Malerei hatte. BesucherInnen können sich davon überzeugen, wie viele Objekte ihre Attraktivität bis in die Gegenwart beihalten haben. Allein die Bibliotheksleiter von Josef Hoffmann setzt ein bis heute gültigen Maßstab für funktionales Design.

Vor 100 Jahren entstand das als Gesamtkunstwerk zu betrachtende Palais Stoclet in Brüssel. Das bis ins kleinste Detail minutiös durchgestaltete Gebäude, zu dessen Ausstattung zahlreiche Künstler beigetragen haben, ist ein Meisterwerk und zugleich architektonisches Hauptwerk von Josef Hoffmann. Das noch immer in Familienbesitz befindliche Anwesen ist nicht öffentlich zugänglich. Immerhin kann man nun im Rahmen dieser Ausstellung nicht nur ein maßstäbliches Modell des Palais, sondern gleich einen annähernd originalgroßen Nachbau der Eingangshalle bewundern.

Beethoven-Ausstellung 1902, kuvolinearer Stil, geometrischer Stil, Wien-Brüssel Beziehungen, Moderne Raumkunst, Gustav Klimt und Emilie Flöge - Kostbarkeiten, Hermine Gallia - Klimt im Boudoir sowie Barbara Flöge und die Sonnenblume - der Mensch und die Natur sind zentrale Ausstellungsthemen. Die wichtigsten Basisinformationen können publikumswirksam per “Katalogseiten-Abriss” - man muss allerdings genau hinschauen, damit man die sich harmonisch in die Wandgestaltung einfügenden Seiten bemerkt - mitgenommen werden.

Der bei Prestel erschiene Katalog Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne erweist sich als ein unverzichtbarer Ausstellungsbegleiter. Darüber hinaus ist der gewichtige, aber erschwingliche Band eine Bibliotheksbereicherung für alle, die sich dem Zauber der Wiener Moderne nicht entziehen können.

Fazit: Der Mehrwert des Ausstellungsbesuchs liegt auch darin begründet, viel mehr zu sehen als “nur” Bilder von Gustav Klimt. Die Erlebnistour durch die Räume lässt in exzellent gewählten Ausschnitten das Raumgefühl der Zeit anklingen.

© S. Strohschneider-Laue

Gustav Klimt / Josef Hoffmann: Pioniere der Moderne

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Fotografie: Trude Fleischmann

Donnerstag, 09. Juni 2011

Non-Fiction

Anton Holzer, Frauke Kreutler (Hgg.) 
Trude Fleischmann
Der selbstbewusste Blick | A Self-Assured Eye   

Hatje Cantz 2011, Dt./Engl., 199 S., zahlr. Sw-Fotos.
ISBN 978 3 7757 2780 8

Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick

Trude Fleischmann (1895-1990) hatte ein Atelier in Wien, das von 1920 bis zu Ihrer Flucht 1938 ein kultureller Treffpunkt war. Porträts, Tanz, Mode und Werbung, aber auch Reisemotive standen im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Die rasche Umwegrentabilität von Promifotos und Skandalbildern, die Bekanntheitsgrad steigern und Business ankurbeln, ist heute hinlänglich bekannt. Damals wurde ähnlich gearbeitet, aber zumeist nicht mit ganz so schnellem Effekt. Die Aktfotografien der Tänzerin Claire Bauroff, die erst durch die polizeiliche Beschlagnahmung in Berlin sprunghaft an Bekanntheitsgrad gewannen, verhalfen jedenfalls beiden Frauen zu nachhaltigem Erfolg. Das Wien Museum kaufte bereits 1936 Fotografien aus ihrer Atelier für die Sammlung an.

Nach dem Anschluss Österreichs beantragte Trude Fleischmann ein Ausreisevisum. Sie wurde enteignet und verließ mit nur wenig persönlicher Habe 1938 Wien. Sie emigrierte in die USA, wo es Ihr gelang eine neue Existenz in New York aufzubauen. Trude Fleischmann hatte Glück im Unglück - nicht allen Wiener Fotografinnen jüdischer Herkunft war dasselbe Schicksal beschieden.

Die Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum hat über diese hinaus Bestand. Zweisprachig abgefasst, zeigt es überwiegend im Bestand des Museums befindliche Fotografien. Es gab sie auch schon zu dieser Zeit: Frauen hinter der Kamera und mit eigenem Studio. Schön, dass einer dieser - überraschend zahlreichen - Atelierfotografin eine Ausstellung und ein Katalog gewidmet wurde. Fotografinnen aus der Zwischenkriegszeit, deren Werke im Katalog abgebildet sind - Edith Barakovich, Marianne Bergler, Stephanie Brandl, Papa Feldscharek, Trude Geiringer, Edith Glogau, Kitty Hoffmann, Dora Horowitz, Dora Philippine Kallmus, Hella Katz und Grete Kolliner -, werden ebenfalls mit biografischen Notizen gewürdigt. Beiträge von Astrid Mahler, Frauke Kreutler, Anton Holzer, Marion Krammer, Heike Herrberg informieren über Leben und Werk von Trude Fleischmann sowie fotografisches und kulturelles Umfeld jener Zeit.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet den exzellenten Katalog ab. Eine gelungene, da ebenso gut gegliederte wie flüssig abgefasste, Pflichtlektüre zur Fotografie, Zeitgeschichte und Frauenforschung. Dass das Gesamtlayout die Fotografien stimmig begleitet und ein harmonischen Gesamteindruck erzeugt, ist ein zusätzlicher Bonus.

© S. Strohschneider-Laue

Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick

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Ehrengrab: Ida Pfeiffer

Montag, 16. Mai 2011

Notiz

Weltreisende
Ida Pfeiffer

Ida Pfeiffer © Sistlau 2007

Auf dem Wiener Zentralfriedhof befindet sich das Ehrengrab von Ida Pfeiffer. Sie wurde 1797 in Wien geboren und durch ihren Vater mehr intellektuell gefördert, als es der Mutter lieb war. Nach dem Tod des Vaters bereitete die realistisch denkende Mutter die kleine Ida auf das typische Frauenschicksal jener Zeit vor: ordentliche Hausfrau, treue Gattin, fürsorgliche Mutter. Aber Idas Ehe scheiterte, die  zwei Söhne zog sie alleine auf. Mit 45 Jahren war sie endlich frei, frei ihre erste lang ersehnte Reise anzutreten. Es folgten 16 ebenso entbehrungsreiche wie abenteuerliche - aber sicher auch geistig erfüllte - Jahre für Ida Pfeiffer. Sie reiste, forschte, sammelte, schrieb Bücher und pflegte Kontakte zu führenden Wissenschaftern. 1858 starb sie völlig geschwächt, nachdem sie von Madagaskar zurück nach Wien gekommen war.

Ida Pfeiffer vollbrachte zu einer Zeit als Frauen gar nichts zugebilligt wurde mehr als ihre Zeitgenossen. Sie reiste und sammelte ethnografische und naturkundliche Objekte ohne jene generösen Förderungen - selbst Konservierungsmaterialien wurden abgelehnt -, die Männern mit geringeren Potenzial und großem Eigenkapital oft unbeantragt zuteil wurden. Viele Museen, darunter das Naturhistorische Museum und das Museum für Völkerkunde in Wien, verdanken ihr tausende Objekte.

Ida Pfeiffer Ehrengrab Zentralfriedhof wien, Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 12 © Sistlau 2007

Und ich frage mich:
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten genutzt, dass es heute veschiedene Arten -  Palaemon idae (Garnele), Myronides pfeifferae (Stabheuschrecke), Vaginula idae (Schnecke), Rana idae (Frosch) - nach ihr benannt sind?
Was hat es Ida Pfeiffer zu Lebzeiten gebracht, dass ihr Leichnam auf massives Drängen des “Vereins für erweiterte Frauenbildung” vom Friedhof St. Marx in eines der Ehrengräber, die nur dazu dienten Wienern den entlegenen Friedhof schmackhaft zu machen, umgebettet wurde?
Gibt es Hoffnung, dass jemals angemessen nach tatsächlicher Leistung, aber nicht nach politischen und persönlichen Kriterien gefördert wird?

© S. Strohschneider-Laue

siehe dazu auch:
Eine Wiener Biedermeierdame erobert die Welt: Die Lebensgeschichte der Ida Pfeiffer (1797 - 1858)
Eine Frau fährt um die Welt: Die Reise 1846 nach Südamerika, China, Ostindien, Persien und Kleinasien
Verschwörung im Regenwald: Die Reise nach Madagaskar
Abenteuer Inselwelt - Die Reise 1851 durch Borneo, Sumatra und Java
Nordlandfahrt: Eine Reise nach Skandinavien und Island im Jahre 1845
Ida Pfeiffer: “Wir leben nach Matrosenweise”: Briefe einer Weltreisenden des 19. Jahrhunderts

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Leben im Zoo

Donnerstag, 10. März 2011

Non-Fiction

Lukas Beck (Foto), Renate Pliem (Text)
Leben im Zoo
Vom Ameisenbär bis Zebrastreifen

echomedia 2011, 160 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 9026 7237 7

Leben im Zoo Das Leben im Zoo 

Der älteste, seit 1752 bestehende Zoo ist der Tiergarten Schönbrunn in Wien. Seit seinem Bestehen hat sich die Anlage in Etappen von einer Menagerie für Schaulustige zu einer Bildungsoase für BesucherInnen, Zentrum für ForscherInnen und einem Ressort für vom Aussterben bedrohter Tierarten entwickelt. Nicht von ungefähr wurde daher der Tiergarten Schönbrunn 2011 unter 80 europäischen Zoos in 21 Ländern, die der britische Geschäftsmann und Zooliebhaber Anthony Sheridan akribisch testete, nach 2009 erneut zum besten Zoo gewählt.

Forschung, Ökonomie und Außenkommunikation sind die drei Standbeine, die einem wissenschaftlich geführten Zoo mit dem Ziel der artgerechten Haltung die nötige Stabilität verleihen. Zur Umsetzung dieser Ziele sind geschulte Fachkräfte und eine visionäre Leitung nötig. Die TierpflegerInnen und ihre Pfleglinge stehen deshalb erstmals im Mittelpunkt eines Bildbandes, der inhaltlich vom Originalton der Hauptprotagonisten vor und hinter den Kulissen getragen wird.

Der Fotograf Lukas Beck zollt jedem Motiv, jedem Porträtierten den gleichen Respekt. Er macht deshalb keinen Unterschied, ob er österreichische Prominenz oder tierische Exoten fotografiert. In punktgenauem Licht werden Pfleger und “ihre” Tiere zu solch genialen Einheiten verschmolzen, dass sie zuweilen an Hochzeitsbilder erinnern. Einander herzlich zugetane Paare, die in den gemeinsamen Jahren liebenswert-obskure Ähnlichkeiten entwickelt haben.

Die Radiojournalistin Renate Pliem hat den PflegerInnen zugehört und ihren O-Ton festgehalten. In den so entstandenen Texten offenbaren sich Beruf und Berufung, Sachkenntnis und anekdotenhafter Spaß. Obwohl von den PflegerInnen jeweils ein persönlich erzählter Minieinblick geboten wird, kommt das tief gehende Verständnis für die Schnittpunkte von Pflege, Forschung und Öffentlichkeit im Rahmen der ökonomischen Möglichkeiten des Tiergartens Schönbrunn zwischen den Zeilen nicht zu kurz.

Erwähnt werden muss noch das erfrischende Layout von Elisabeth Waidhofer. Je eine Doppelseite, bestehend aus einer Textseite und einem großformatigen Foto, werden jedem Mensch-Tier-Team gewidmet. Gradlinig strukturiert, kommt der Weißraum nicht zu kurz. Das große und klare Schriftbild in harmonisch abgestimmtem sowie unauffällig wechselndem Farbkonzept steht unterstützend gleichberechtigt an der Seite von Text und Fotografie des Bandes.

Ein erschwinglicher und attraktiver Pflichtkauf für JahreskartenbesitzerInnen, Zoobegeisterte und junge Menschen, die den Beruf des Tierpflegers ernsthaft in Erwägung ziehen. Alle anderen werden das Buch haben wollen, weil sie sich der einzigartigen Beziehungen zwischen Wildtieren und Menschen, die über Text und Fotos transportiert werden, nicht entziehen können.

© S. Strohschneider-Laue

Das Leben im Zoo: Von Ameisenbär bis Zebrastreifen

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Hass zwischen Fotos

Montag, 21. Februar 2011

Notiz

Die Fotos der Rosi Z.

Bilder aus der Vergangenheit sind spannend. Sie sind stumme Zeitzeugen. Ich liebe es, sie zu betrachten, zu hinterfragen und zu enträtseln. 

Zwei Schuhschachteln, vollgestopft mit Fotos und Postkarten völlig fremder Menschen, kamen heute in meinen Besitz. Stundenlang packte ich aus und sortierte vergnügt vor mich hin. Jahrhundertwendefrauen mit riesigen Hüten und Batistkleidern mit Lochstickereien, Bubiköpfe aus den 20er-Jahren, Gruppenfotos von Wirtshausangestellten und Wohnungsinterieur aus den 30er-Jahren sowie beschriftete und unbeschriftete Postkarten von allen wichtigen Ausflugszielen der damaligen Zeit. 

Es war eine Bilderflut unbekannter Momente, Geschichten und Menschen aus der langsam ein wiederkehrendes Gesicht und ein Name an die Oberfläche gespült wurde: Rosi/Rosie/Rosy Z. Ihre Streckenkarte aus dem 3. Wr. Gemeindebezirk von 1933 um 18,00 S., das Hochzeitsbild vor dem Krieg und ein Kindergrab nach dem Krieg. Bis zu 120 Jahre alte Familienbilder hatten plötzlich durch sie einen Namen bekommen.

Ein unbeschwerter Nachmittag, bis mir eine Postkarte auffiel: Die Ausstellung “Der ewige Jude”. Die antisemitische Schau wurde vom 2. August bis 23. Oktober 1938 in der Nordwestbahnhalle in Wien (Eröffnungsrede im Archiv der Österreichischen Mediathek abrufbar) gezeigt. Sie schürte Hass und bereitete die Novemberprogrome mit vor.

Der ewige Jude, Wien 1938

Anscheinend war auch Rosi unter den fast 420.000 BesucherInnen der Wanderausstellung. Sie kaufte die Karte und hob sie über 70 Jahre auf.

Und ich frage mich:
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie 1938 die Ausstellung betrat?
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie die Ausstellung wieder verließ?
Was hat Rosi Z. gedacht, als sie die ersten Bilder aus den befreiten KZs sah?
Was hat Rosi Z. gedacht, wenn ihr die Karte beim Kramen unterkam?
Hat Rosi Z. gedacht?

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch
Kleist kam zu erst
Michael Yerry/Terry Ramirez Jr.
Loving Memory
Kriegsbriefe

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Coop Himme(l)bau

Sonntag, 05. Dezember 2010

Non-Fiction

Peter Gössel (Hg.)
Michael Mönninger  

Coop Himmelb(l)au
Taschen 2010, Dt./En./Fr., 500 S., zahlr. Sw.- und Farbfotos und Grafiken.
ISBN 978 3 8365 1788 1

Coop Himmelb(l)au

Am 1. Dezember 2010 war es soweit. In der Buchhandlung Walther König im Wiener Museumsquartier wurde der Prachtband des weltweit renommiertesten Architekturbüros aus Wien präsentiert. Wolf D. Prix, Mitbegründer von Coop Himmelb(l)au sprach vor großem Publikum über die Entwicklung ab 1968. Er bot Einblicke und zeigte Fotos. dabei geizte er nicht mit tieferen Einblicken in das Werden von Coop Himmelb(l)au und den von ihrer im Aufbruch befindlichen Zeit geprägten Zielen der Gründer. Ziele, die sich auch in der Namensgebung widerspiegelen. Das von jungen Leuten dominierte Publikum bewies, dass die avantgardistischen Konzepte und der dekonstruktivistische Ansatz des Architekturbüros nach wie vor begeistern. Coop Himmelb(l)au ist seiner Zeit weiterhin voraus. 

Die Architektur von Coop Himmelb(l)au passt in kein Taschenbuch, sondern ausschließlich in ein Buchmonster von Taschen. Bei bucharchitektonischen Maßen von 40 cm x 31,5 cm x 5 cm - ohne Verpackung - ist es gut, dass der mindestens 7 kg schwere Band im eigenen tragbaren Karton geliefert wird. Passend gigantisch wie die Architektur von Coop Himmelb(l)au werden darin - inklusive Zukunftsausblicke - fast 45 Jahre prägende Architektur vorgelegt. Von dunklem Blau am oberen Rand, bis zu Grün am unteren verlaufen die Farben des Covers. Zu sehen ist der sich aufdrehende gläserne Doppelkegel, aus dem die Dachwolke der BMW Welt in München entspringt. Die 2001 getroffene Entscheidung des Vorstandes der BMW AG den Entwurf von Coop Himmelb(l)au ausführen zu lassen, wurde beispielgebend für kommende Kommunikationsbauten. Von dem Weg, der schließlich zur BMW Welt und viel mehr führte, berichten Herausgeber Peter Gössel und Autor Michael Mönninger in diesem Band.

Aufgeschlagen entpuppt sich der Band trotz der Größe als ein haptisches Erlebnis. Unterschiedliche Papierqualitäten gliedern den Band ebenso wie Layout. Der deutlich strukturierte Inhalt führt ohne große Umwege über die Einleitung zu charakteristischen Stationen im Gesamtwerk von Coop Himmelb(l)au. Diese kompakte Buchstruktur unterstreicht den luftigen, hellen und kommunikationsorientierten Architekturstil. So bedingen sich Inhalt, Design und Funktion “taschentypisch” harmonisch bis ins kleinste Detail.

Die Einleitung steckt den architektonischen Rahmen und die Ziele seit der Gründung ab. Danach ist jeder - egal ob Architekt, Fachstudent oder interessierter Laie - bereits mitten im Geschehen. Und es wird schnell deutlich, dass Architektur, die ihren Ursprung in Aktionskunst, Installationen und luftgefüllten weichen Räumen hat, immer ihrem ursprünglichen interaktiven, kommunikativen Ansatz treu bleiben wird. Auch deshalb ist Ausstellungsarchitektur weiterhin ein interessanter Planungsbereich für Coop Himmelb(l)au. 

Die vorgestellte Projektflut wird begleitet von exzellenten Fotos, Skizzen, Entwürfen und realen und virtuellen Raummodellen.  Die dreisprachig vorliegenden Texte gewähren Einblicke in die zugrunde liegenden Konzepte und Planungen.

Abgeschlossen wird der Band durch einen umfangreichen Anhang. Hier werden alle Projekte, Firmenstruktur, Biografien, Teammitglieder bis 2010, Ausstellungen, Preise und Ehrungen sowie die Bibliografie vorgelegt.

Ausgehend von Österreich führte der Weg von Coop Himmelb(l)au über die Schweiz, England und Deutschland schließlich in die USA. In den USA wurde - nach dem internationalen Durchbruch 1988 - ein weiteres Atelier in Los Angeles eröffnet. Coop Himmelb(l)au ist jedenfalls nicht austauschbar und so wird mehr Unerwartetes folgen.

© S. Strohschneider-Laue

Coop Himmelb(l)au 

siehe auch
Coop Himmelb(l)au. Beyond the Blue: Between the Light
Coop Himmelb(l)au PreBook 1: Musée des Confluences
Coop Himmelb(l)au: Central Los Angeles Area High School # 9 for the Visual and Performing Arts
Dynamic Forces: Coop Himmelb(l)au. BMW Welt München
Corporate Architecture: Entwicklung, Konzepte, Strategien
Coop Himmelb(l)au. Get off of my cloud. Texte 1968 - 1996

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Deutschproblem II

Freitag, 01. Oktober 2010

Notiz

Verträglichkeiten

Vertragen muss der Mensch in seinem Leben vieles. Manches ist der Verträglichkeit abkömmlich. Wie unverträglich müssen erst Sessel sein, die man nicht vertragen darf?

Eine schwer verträgliche Beschriftung - besonders unverträglich in einer LehrerInnenausbildungsanstalt.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch: Deutschproblem I

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Rodin und Wien

Donnerstag, 30. September 2010

Rodin und Wien
Belvedere 1. Oktober ‘10 bis 6. Februar ‘11

Auguste Rodin - dem Schweiger, der den Denker schuf - widmet das Belvedere eine Ausstellung in der Orangerie sowie den Katalog Rodin & Wien.

  

Bereits zur fünften Weltausstellung, die 1873 stattfand, waren einige Terrakotten von Auguste Rodin in Wien zu sehen. Seither blieb Rodin Wien verbunden. Neun Jahre später beteiligte er sich an der Künstlerhausausstellung. 1898 nahm er an der ersten Ausstellung der Secessionisten teil, deren Ausstellungen er immer wieder beschickte. Aber auch im Kunstsalon Heller, im Wiener Hagenbund und sogar in einer Volkshochschule, heute von den Meinungsmachern der etablierten Kunstszene belächelter Ausstellungsort, wurden Rodins Werke gezeigt.

 

Rodins Porträtbüste Henri Rocheforts gelangte 1899 als ein Geschenk der Secessionisten in Staatsbesitz. Sie war ein Beitrag zur Gründung der “Modernen Galerie”, die den Grundstock der heutigen Sammlung des Belvedere bildet.

Die Schau präsentiert sich übersichtlich gegliedert in der lang gestreckten Halle. Die thematisch-chronologische Anordnung ermöglicht, sowohl Rodins Beitrag zu Ausstellungen der Secessionisten zu verdeutlichen, als auch die Beeinflussung und Rezeption der österreichischen Kunstszene durch Rodins Schöpfungen aufzuzeigen. Dafür wird auch Grafiken Raum geboten, deren formale Anregungen unverkennbar sind. Die zentral an der Längsseite angebrachte Bildreproduktion des “Höllentors” in Originalgröße, ermöglicht es den BesucherInnen die Figuren “Eva” und “Der Denker” im Kontext zu erfassen.

Interessante Aspekte eröffnen sich durch die ausgestellten Fotografien. Rodins geschickter Einsatz von Fotografien als Werbemittel, brachte den Durchbruch von Fotografien als Ausstellungs- und Katalogbestandteil

Fazit: Die Gelegenheit Werke von Auguste Rodin zu sehen, sollte man nicht versäumen. Der zusätzliche Wienbezug macht die Schau umso reizvoller.

© S. Strohschneider-Laue

Rodin & Wien

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Picasso - Frieden und Freiheit

Dienstag, 21. September 2010

Picasso
Frieden und Freiheit
Albertina
22. September ‘10 bis 16. Januar ‘11 

In langjähriger Zusammenarbeit zwischen Albertina und Tate Liverpool entstand eine exzellente Ausstellung zum politischen Aspekt im Kunstschaffen Picassos. Der gleichnamige Katalog Picasso. Frieden und Freiheit kann zwar nicht die gelungene Ausstellungsgestaltung vermitteln, ist aber inhaltlich und qualitativ ebenso hochwertig.

 

Auch wenn man es bereits überdrüssig ist, schon wieder eine Personale von Picasso zu sehen, sollte man den Besuch nicht versäumen. In dieser Ausstellung geht es um mehr als nackte Tatsachen oder zeitgeistige Wandbehübschungen aus dem unerschöpflichen Atelier des spanischen Playboys. In dieser Ausstellung geht es um eines Menschen Zeit. Um das, was Menschen einander zufügen, Kriege verursachen, wie sich ihre kalten Varianten auswirken und wie ein einzelner Mensch sichtbar Stellung bezieht. So leistete der Kommunist Picasso mit seinen Arbeiten einen inhaltlichen und durch seine parteipolitischen Spenden einen allgemeinen Beitrag sowie auch persönliche, finanzielle Hilfe.

 

Betrachtet vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, des Spanischen Bürgerkriegs, des Algerienkriegs und des Kalten Kriegs erlangen viele seiner Arbeiten eine völlig neue Bedeutung, die sich beim unbefangenen ersten Betrachten sicher vielen entzogen haben. Die Ausstellungsobjekte repräsentieren daher einerseits Picassos Aufarbeitung gesellschaftlicher Katastrophen bzw. sind bildgewordener Kommentar des Künstlers auf politische Ereignisse seiner Zeit.

Getragen wird die Ausstellung sowohl von den ausgewählten rund 200 Werken als auch von der Inszenierung in der sie gezeigt werden. Zeitgenössische Fotografien, die großflächig auf die Ausstellungswände aufgebracht wurden, schlagen optische Brücken zum zeitgeschichtlichen Kontext. Sie präsentieren das Raumthema, in dem sie die BesucherInnen zur schweigenden anonymen Mehrheit inmitten des Geschehens werden lassen.

Fazit: Die beste Picasso-Ausstellung darf man einfach nicht versäumen. Erwähnt werden muss noch das engagierte Programm für Kinder und Jugendliche, das den Fokus vor allem auf den Frieden richtet. Die aktiv ausgerichteten Familientage finden an jedem ersten Sonntag im Monat statt. Wer allerdings immer unter den ersten Besuchern sein oder mehr sehen möchte als andere, sollte Mitglied der “Freunde der Albertina” werden.

© S. Strohschneider-Laue

Picasso. Frieden und Freiheit

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Mediencamp Wien

Montag, 20. September 2010

Notiz

Gehaltvoll: Mediencamp Wien
18. September ‘10

Wer am Mediencamp war, wird auf das nächste warten. Wer nicht dort war, kann zumindest einige Sessions im Video nacherleben ohne das Nachsehen zu haben und via Twitter den #mcvie TeilnehmerInnen folgen. Was man nicht instant geliefert bekommt, sind die Pausengespräche und die gelungene Organisation von Susanne Liechtenecker, Veronika Mauerhofer und ihrem Team.

Für viele war es das erste aber sicher nicht das letzte Mediencamp - auch nicht für mich. Wer so wie ich häufig das zweifelhafte Vergnügen hat Tagungen zu organisieren, daran als Vortragende oder Zuhörerin teilzunehmen, weiß, dass Pausengespräche oft mehr bringen als alle Sessions zusammengenommen. Erfrischend zu erleben, dass es gleichwertig sein kann. Das mag u. a. daran liegen, dass die TeilnehmerInnen sich nicht durch gruppentypische Konventionen genötigt fühlen mehr Wert auf äußere Form, denn treffsicheren Inhalt zu legen und aus karrierespezifischen Erwägungen zwanghaft den Mund halten. Zugleich war es den Anwesenden klar, dass ohne Sponsoren es kein derartiges Mediencamp gäbe. Es war daher gar nicht nötig von jedem Sponsor Grußworte zu hören. Grußworte, die bei anderen Veranstaltungen den halben Vormittag mit Firmen- und Wahlwerbung verbrauchen und dazu führen, dass der Zeitplan zusammenbricht. Hier kamen alle mit allen Beteiligten mit ihren zwar vorbereiteten aber dennoch ad hoc angebotenen Sessions und durch sie zur Sache. Erfrischend auch, dass der Wechsel zwischen den Sessions, die parallel in drei Räumen abgehalten wurden, ohne Zickenkrieg der RednerInnen und Timetable-Terror der OrganisitorInnen funktionierte.

Es überrascht daher nicht, dass es keine Konfrontation zwischen Bloggern und Journalisten gab. Sind doch die Grenzen schon längst fließend. Die etablierten Medien haben ihre Blogs, die Journalisten sind Blogger und die Blogger müssen sich immer häufiger fragen, ob sie sich statt der früheren Anfeindung plötzlich einer Vereinnahmung stellen müssen. Schließlich geht es immer auch ums leidige Geld. Die einen fürchten den Verlust zahlender LeserInnen und Anzeigenkunden, die anderen fragen sich, wie finanziere ich meine Serverkosten, ohne meine inhaltlichen Ziele aus den Augen sowie meine LeserInnen zu verlieren. Ein Thema, das - u. a. in “Monetarisierung meines Blogs” oder “Eigenverlag” - ebenso vielseitig diskutiert wurde wie der Nutzen der Social Media. Selbst die skurrile Session zu einem bereits bestehenden Portal war aufschlussreich. Aufschlussreich, weil jetzt jeder weiß, dass es “trollisch” ist, wenn man Kreditkarten- und Tourismuswerbung im Namen eines Medienmolochs macht, statt tatsächlich “Work in progress” oder “Best practice” zur Diskussion zu stellen.

Ich habe mich kaum so wohl auf einer Tagung gefühlt und am Ende ganz enspannt so viel inhaltlich mitgenommen. Andereseits habe ich mich zuvor nie gefragt, ob ich denn genug für andere TeilnehmerInnen beigesteuert habe.

© S. Strohschneider-Laue

Mehr Reviews sind zurzeit auf Nur ein Blog, Wirtschaftsblatt und Der Standard.

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Mazzesinsel Kochbuch

Montag, 21. Juni 2010

Katja Sindemann  
Mazzesinsel Kochbuch 
Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien  

Metroverlag 2009, 160 S., zahlr. Farbfotos.
ISBN 978 3 9025 1789 0

 Mazzesinsel Kochbuch: Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien

Die Leopoldstadt in Wien ist die Mazzesinsel. Die Insel zwischen Donau und Donaukanal, der heutige 2. Bezirk, ist seit dem frühen 17. Jahrhundert trotz Verfolgung und Terror bis in die Gegenwart mit jüdischem Leben verbunden. Das Mazzesinsel Kochbuch rund um jüdische Festtage ist mehr als nur ein geschmackiger Wienbezug. Es ist Stadtgeschichte, Lifestyle und Kulinarium zugleich.

Die jüdische Esskultur ist vielfältig und rein gefühlsmäßig scheint der Gefilte Fisch das weltweite Bindeglied zu sein. Die in Wien zubereiteten Speisen zeichnen sich durch Einflüsse aus der gesamten Donaumonarchie aus. Die jüdische Küche ist da keine Ausnahme, dennoch kommen in Wien vor allem osteuropäische Einflüsse zum Tragen. Und zugleich spiegeln die nach rituellen Speisevorschriften zubereiteten Gerichte Religion und Geschichte gleichermaßen wider. 

Ein essenzielles Merkmal ist, dass die Zutaten von der Herstellung über die Aufbewahrung bis zur Verarbeitung koscher, also den Speisevorschriften entsprechend, sein müssen. Dass es dabei oft nicht leicht nachvollziehbare Regeln gibt, hat u.a. verschiedene historische und regionale Gründe. Was für kühlschranklose vergangene Zeiten in heißen Regionen sinnvoll war, mag heute überholt anmuten. Religiöse Traditionen werden von Gläubigen selten hinterfragt, wie man ja auch an der Tatsache erkennen kann, dass Christen den Biber wegen seines schuppigen Schwanzes ohne Zögern zum fastentauglichen Fisch erklärten. Mit einem flotten Text, dessen steter Informationsfluss Gehalt mit etlichen treffenden Witzen angereichert ist, wird das komplexe “koscher” verständlich umrissen.

Im Jahreskreis der jüdischen Feiertage werden die Gerichte vorgestellt und die Parallelen zur allgemeinen Küche sind unverkennbar. Die koscheren Produkte und die koschere Zubereitungsweise sind oft der wesentliche Unterschied von wientypischen Rezepten.

Schabbat, das jüdische Jahr, Rosh Hashana, Jom Kippur, Sukkoth, Chanukka, Purim, Pessach und Schawuoth heißen die Kapitel, unter denen die Kulinaria gelistet sind. Die Kapitel leiten mit einer, oft sehr unterhaltsamen, Beschreibung des betreffenden Festes zu den passenden Speisen über. Viele der Rezepte sind auch für ungeübte KöchInnen zu meistern und nur wenige benötigen umfassende Kocherfahrung. Und im Vertrauen, wer sich nicht an die vielen fantastischen Süßspeisen heranwagt, dem ist sowieso nicht zu helfen. Benutzerfreundliche Rezeptregister, ausgewählte Adressen und Literaturhinweise schließen einen wahren Prachtband im Kochbuchformat.

Die stimmigen Fotos von Christine Wurnig und das gelungene Layout machen das inhaltliche Vergnügen des “Mazzesinsel Kochbuchs” zu einem optischen Genuss.

Gelungen und erfreut nicht nur solche, die gerne in der Küche stehen!

© S. Strohschneider-Laue

Mazzesinsel Kochbuch: Kulinarische Streifzüge durch das jüdische Wien 

siehe auch:
Wiener Wirtshauskochbuch 
Koscher & Co: Über Essen und Religion 
Am Anfang war die Ökologie. Naturverständnis im Alten Testament 
Der koschere Knigge: Trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen

Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Anton Romako

Mittwoch, 28. April 2010

Meisterwerke im Fokus
Anton Romako - Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa
Belvedere 29. April bis 25. Juli 2010

In der Ausstellungsreihe “Meisterwerke im Fokus” des Belvedere steht mit dem außergewöhnlichen Werk des Künstlers Anton Romako (1832-1889) zugleich ein wichtiger militärhistorischer Aspekt im Mittelpunkt.

   

Im Zuge des dritten italienischen Unabhängigkeitskriegs 1866, der durch die Verluste an der zweiten Front im Krieg zwischen Österreich und Preußen zu Gunsten Italiens verlief, war die österreichische Seite in einigen Schlachten gegen Italien siegreich. Eine davon ist die Seeschlacht bei Lissa (kroatische Insel Vis) bei der die größere und modern ausgerüstete Flotte Italiens trotz des erstmaligen Einsatzes von Panzerschiffen den in jeder Hinsicht veralteten österreichischen Holzschiffen unterlag. Der österreichische Konteradmiral Wilhelm von Tegetthoff erzielte den Seesieg bei Lissa aufgrund seiner Rammmanöver, die durch die mangelnde Vorbereitung und Desorganisation der italienischen Admiralität zusätzlich begünstigt wurden.

Der Fokus liegt auf Anton Romakos Interpretation der Seeschlacht bei Lissa. Begleitend werden Objekte, Fotografien und Kunstwerke, die in Zusammenhang mit Tegetthoff und der Schlacht bei Lissa stehen - darunter auch ein Modell des k.u.k. Flaggschiffs Erzherzog Ferdinand Max - gezeigt. Die raren Fotografien von Gustav Jägermayer (1834-1901) dokumentieren den industriellen Aspekt, der hinter dem Kriegsgeschehen stand.

Die Interpretation Anton Romakos sticht unter den damals üblichen Darstellungen von Kampfhandlungen aus verschiedenen Gründen heraus. Seine unkonventionelle Sichtweise auf das Geschehen, über die emotionale Dramatik im Ausdruck der Beteiligten wich grundlegend von der herkömmlichen distanziert-heroischen und zugleich emotionslos beobachtenden Dokumentation der Gesamtsituation ab. Nicht die Gewalt der der enormen Materialschlacht, sondern der Einsatz des Einzelnen und deren Emotionalität im Zuge der Kampfhandlungen werden gezeigt. Das Bild wurde in Wien abgelehnt, obwohl durch Kaiser Franz Josef I. eine zweite Fassung privat angekauft wurde.

  

Anton Romako hatte mehrere Talente. Sein größtes Talent war nicht sein künstlerisches Können oder seine stilistischen Eigenheiten, sondern hinter die Fassade zu blicken und die dramatischen und emotionalen Aspekte in seinen Werken zum Ausdruck zu bringen. Seine künstlerische Exzentrizität sowie die Tatsache seiner Zeit stilistisch weit voraus zu sein, verhinderten seine allgemeine Anerkennung. Verbunden damit häuften sich gegen Ende seines Lebens wirtschaftliche Rückschläge, die von privaten Niederlagen und Tragödien gefolgt waren.

Von den über 880 Werken Anton Romakos befinden sich 50 in der Sammlung des Belvedere. Die kleine aber feine für die Ausstellung getroffene Bildauswahl repräsentiert das Oeuvre des Künstlers ohne vom inhaltlichen Schwerpunkt der Ausstellung abzulenken. Darunter beeindruckende Porträts, u. a. Kaiserin Elisabeth bar des verklärenden Sisi-Mythos, und Landschaften.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis des historischen Zusammenhangs sind Führung und Ausstellungskatalog (Hirmer Verlag) sowie für den Überblick zu Leben und Werk Anton Romakos ist das Werkverzeichnis (Verlag Bibliothek der Provinz) nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Anton Romako. 24 Aquarelle
Katalog der Gedächtnisausstellung Anton Romako, Akademie der Bildenden Künste, Wien, 25. März - 14. Mai 1950
Der Maler Anton Romako 1832-1889

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Kontroversen

Mittwoch, 03. März 2010

Notiz

Kontroversen
Justiz, Ethik und Fotografie
KunstHausWien
4. März bis 20. Juni ‘10

150 Jahre Fotografie im historischen, gesellschaftspolitischen und vor allem im juristischen Kontext präsentiert das KunstHausWien. Die vom Musée de l’Elysée Lausanne entwickelte Ausstellung ist ein Pflichttermin für alle, nicht nur für jene, die mit Fotografie beruflich befasst sind, ihr ein größeres Interesse entgegenbringen oder selbst gerne auf den Auslöser drücken.

Chronologisch gehängt, werden rd. 90 Fotografien gezeigt, die schon seit den Anfängen der Fotografie polarisierten und Juristen beschäftigten. Bis heute bieten Fotografen und ihre Werke immer wieder Anlass für Kontroversen. Das sogenannte “Caroline-Urteil”, das vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2004 gefällte Urteil, das die Bildberichterstattung über Prominenten einschränkt, ist wohl vielen bekannt. Wie viele sehr differenzierte oder nur oberflächlich ähnliche Streitfragen rund um die Fotografie vor Gericht landen, ist hingegen kaum  bekannt. Es geht dabei weniger häufig um Abgeltung finanzieller Rechte der Urheber, sondern um viele andere, rechtlich abzuklärende Fallbeispiele. 

Fotografie muss nicht gleich Kunst sein, um an ethische, politische oder sonstige zeitgeistige Grenzen zu stoßen. Zu dem sind Zurückhaltung sowie Veröffentlichungen von Fotos ein probates politisches Mittel zur Steuerung der öffentlichen Meinung wie es u. a. für die Atomwaffentests gehandhabt wurde. Dokumentationen, Kriegs- und Katastrophenfotografien können genauso Anlass für Diskussionen, Verbote und rechtlichen Konsequenzen sein. Manipulationen, die die Fotografie selbst betreffen können oder den Kontext in den Fotografien gestellt werden, sind vielfältig und machen zuweilen auch Abgeklärte fassungslos.

Bei 78 eher fragwürdigen als originalen Abzüge von Man-Ray-Fotos ging es um die Rückerstattung von  2,3 Millionen Dollar. Originalfotos und deren retuschierte Varianten oder in einem anderen politischen Kontext interpretierte Fotos belegen politische Zielsetzungen mit Hilfe von Bilddokumenten.

“Alice im Wunderland” oder “Lewis Carrol im Kinderpornoland” war 1858 das Gerücht, das zu kursieren begann, als Carroll die kleine Alice Liddell als Bettelmädchen ablichtete. Die Gerüchte sind auf Grund von ihm selbst vernichteter Fotos und Säuberungsaktionen seiner Familie nach seinem Tod zwar nicht mehr zu bestätigen, können aber auch genauso wenig widerlegt werden. Wo die Kinderpornografie vermeintlich beginnt und wo sie vermeintlich aufhört, ist sowieso ein breites Feld der Interpretation wie auch anhand etlicher Beispiele in der Ausstellung aufgezeigt wird.

Wie gerechtfertigt Fotos sein mögen, die von Sterbenden, Toten und deren Körperteilen gemacht werden, bietet seit dem unautorisierten Foto des Otto von Bismarck im Sterbebett reichlich Konfliktstoff. Egal ob es eine zerfetzte Hand  vom 11. September 2001, das zu Tode erschöpfte und vom Geier beobachtet Kleinkind im Sudan oder die sterbende Omayra Sánchez in Kolumbien ist. Es sind Fotos die polarisieren, sich einprägen, strikte Ablehnung und spontane Hilfsbereitschaft auslösen.

Zwischen freiwilliger Selbstzensur und bedingungsloser Verteidigung der Freiheit der Kunst angesiedelt, sind Entscheidungen, die die Veröffentlichung von Bildern betreffen, die auch nur ansatzweise gegen ein bestehendes Verbot verstoßen könnten. Es ist dennoch subjektiv, ob z. B. die Pose von Angelina Jolie mit Pferd als sodomistisch interpretiert wird oder nicht.

Es hat sich seit jeher für Künstler ausgezahlt die Reichen und Schönen nicht nur wegen ihrer - oft vermeintlichen -Zahlungskraft zu porträtieren. Die Porträts bieten einerseits Einnahmen durch den Verkauf der Abzüge und andererseits das große Potenzial eine Schar zahlungswilliger, weniger berühmter bzw. gänzlich unbedeutender Kunden zu gewinnen. Die Rechtsstellung der Porträtfotografie als Kunstwerk sowie die Sicherung des Urheberrecht am Foto wurde in den USA bereits 1883 durch ein Porträt von Oscar Wilde ausgelöst, das kopiert wurde.

Die großartige Ausstellung mit hohem Mehrwertfaktor benötigt vor allem eines: Zeit. Zeit um die Bilder anzusehen, noch mehr Zeit die erstaunlichen Inhalte der Texte zu erfassen und sehr viel Zeit zum Nachdenken. Während eine Personale nach einem kurzem Rundgang oft das Gefühl der Leere hinterlässt, ist hier der hohe und breitgefächerte Informationsgehalt von bleibenden Wert.

Überraschend ist hingegen die freiwillige Selbstzensur der Ausstellung. Kinder unter 14 Jahren haben keinen Zutritt, sensiblen Personen wird von der Ausstellung abgeraten. Es sollte zumindest Erziehungsberechtigten diese Entscheidung überlassen bleiben, ob sie ihre Kinder mit in die Ausstellung nehmen oder nicht. Unverständlich, denn tagtäglich ist jeder Mensch - unabhängig von Alter und Sensibilität - einer Flut vergleichbarer visueller Eindrücke ausgesetzt, deren kulturhistorischer Kontext und rechtliche Tragweite dabei verschlossen bleiben. Unverständlich, weil auch die unprofessionelle, private Bilderflut, die tagtäglich im Internet veröffentlicht wird, von den gleichen rechtlichen Aspekten und Folgen betroffen ist.

Fazit: Pflichttermin!

© S. Strohschneider-Laue

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Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund

Dienstag, 23. Februar 2010

Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund
Belvedere 11. Februar bis 6. Juni ‘10

Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros.

Prinz Eugen Franz von Savoyen-Soissons (1663-1736) ist in seiner Sommerresidenz, Belvedere Wien, eine Sonderausstellung gewidmet. In sechs Abschnitten wird der Versuch unternommen, ausgewählte Aspekte seiner Persönlichkeit zu beleuchten und seine Leistungen zu würdigen. Der Franzose mit italienischen Wurzeln machte als Türkenbezwinger in Österreich Militärkarriere. Vor dem Hintergrund einer bewegten Zeit, deren höfische Intrigen die politisch angespannte Lage zusätzlich anheizten, wird das öffentliche Leben von Prinz Eugen vorgestellt.

Vor allem wird dabei Prinz Eugens Bautätigkeit und seine Sammelleidenschaft hinsichtlich Büchern, Gemälden, Pflanzen und Tieren besondere Beachtung gezollt. Das Belvedere steht dabei nicht nur als Präsentationsfläche zur Verfügung, sondern bildet zu gleich den passenden Mittelpunkt. Die Residenz des Prinzen war und ist bis heute eines der schönsten und geschmackvollsten Schlösser Österreichs. In vielen Bereichen noch im Originalzustand, fehlt dennoch Wesentliches, um den Geist des ehemaligen Bewohners spürbar werden zu lassen: Die unermessliche Sammlung.

Für kurze Zeit gelingt es, diese vergangene Pracht - trotz der Fülle exzeptioneller Exponate nur in kleinen Ansätzen - sichtbar zu machen. Selbst im Kriegslager beschäftigte sich Prinz Eugen mit Bauplänen und Ankäufen für seine Sammlung.

Er kaufte niemals unbedacht, auch wenn er hin und wieder überhöhte Preise zahlte, denn es standen ihm ausgezeichnete Berater zur Seite. Und seine Planungen waren niemals oberflächlich. Sie betrafen nicht nur den Ankauf, sondern auch die Verpackung und den geeigneten Transport.

Naturwissenschaftlich interessiert, war es ihm daher auch wichtig exotische Wildtiere artgerecht über Unterbringung bis hin zum geeigneten Futter zu halten.

Ungewöhnlich für eine Zeit in der Tiere zur Hatz und Belustigung dienten. Ein Schicksal, dass den Tieren nach dem Tod des Prinzen nicht erspart blieb. Sie wurden an Schausteller verkauft.

Die Bibliothek des Prinzen Eugen war und ist bis heute legendär. Seine Bücher bilden den Grundstock der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek. Etliche Werke sind so einzigartig, dass sie in dieser Ausstellung aus konservatorischen Gründen nicht im Original gezeigt werden und man mit vielen Faksimiles vorlieb nehmen muss. Unverständlich ist zuweilen für die Schau getroffene Auswahl der Bücher. Etliches lässt sich weder durch Präsentationsform, inhaltlichen Zusammenhang noch durch Beschriftung erschließt. So hätte man u. a. erwarten dürfen, dass man von der berühmten Tabula Peutingeriana (mittelalterliche Abschrift aus dem 13. Jh. einer römischen Straßenkarte des 4. Jh. n. Chr.) jenes Blatt auswählt auf dem Wien zu sehen ist. Dass es sich ehemals um eine Pergamentrolle und nicht um Einzelblätter gehandelt hat, wird dem Laienpublikum in dieser Präsentationsform ebenfalls verborgen bleiben. Was bleibt, ist jedenfalls der Eindruck von vielen, schönen und wertvollen Büchern.

Die Ausstellung spart weitgehend Persönliches aus. Das anscheinend als heikel empfundene Thema “Homosexualität” gehört auch dazu und man versäumt dadurch die Gelegenheit den tatsächlichen Menschen hinter dem Kriegshelden, Kunst- und Büchersammler darzustellen. Dafür beschäftigt sich der letzte Ausstellungsraum um so großzügiger mit dem Verbleib des Erbes. Der politische Entscheid, der sich leicht als juristisch korrekter Entscheid darlegen lässt, zu Gunsten der Nichte Prinz Eugens, führte zu einer massiven Ausverkauf des enormen Erbes. Ankäufe, die das Kaiserhaus nicht hätte tätigen können, wenn statt Prinzessin Anna Maria Viktoria von Savoyen Kardinal Colonna geerbt hätte. Ohne die prekäre Ausgangssituation der Erbin, ein typisches Frauenschicksal dieser Zeit, dem interessierten Publikum hinreichend darzulegen, entsteht ein völlig anderer Eindruck. Was bleibt, ist die Büste einer älteren, übergewichtigen Frau, die in ihrer Lebensechtheit das Bild einer gierigen, hässlichen Banausin in den Köpfen der BesucherInnen verankern hilft.

Fazit: Unbedingt ansehen, aber zum tieferen Verständnis sind Führung und Katalog nötig!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Prinz Eugen Feldherr Philosoph: Der edle Ritter als europäischer Kulturheros. Katalogbuch zur Ausstellung im Wien, Belvedere, 11.02.2010-06.06.2010

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Geografische Kostbarkeiten

Dienstag, 17. November 2009

Non-Fiction

Jan Mokre (Hg.)
Annäherungen an die Ferne
Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Kremayr&Scheriau 2009, 224 S., zahlr. Farb- und Sw-Abb.
ISBN 978 3 218 00795 5

  Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Habgier kennt keine Grenzen. Weltumspannendes Agieren auf der Suche nach Profit ist keinesfalls eine Erscheinung des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Globalisierung mag auf einem vorläufigen Höhepunkt angekommen sein, ihre Wurzeln hingegen reichen tief in die Vergangenheit zurück.

Als die Europäer sich aufmachten die Welt zu entdecken, taten sie dies nicht weil ihnen Fragen der Wissenschaft oder Erkenntnisgewinn um seiner selbst willen am Herzen lagen. Es ging, wie immer, um Geld und Macht. Expeditionen wurden ausgesandt, um Land in Besitz zu nehmen, wertvolle Rohstoffe auszubeuten und Luxusgüter zu finden. Die zu Beginn des 17. Jahrhunderts gegründeten Handelsgesellschaften genossen Privilegien und konnten in vieler Hinsicht wie ein Staat auftreten. Das Sammeln von Informationen erfolgte als zweckgebundene Begleiterscheinung, die gewonnenen Kenntnisse wurden oft geheim gehalten. Wer sich die Erde untertan machen möchte, muss erst einmal wissen, wie sie aussieht und beschaffen ist, wer beziehungsweise was auf ihr lebt und wie man am schnellsten von Punkt A nach Punkt B kommt. Die Vermessung der Welt ging Hand in Hand mit einer Bestandsanalyse. Fleißig wurde gezeichnet, beschrieben und gesammelt. Reisen erweitert - nolens volens - den Horizont. Kartenwerke, Reiseberichte, ethnografische und geografische Schilderungen, botanische und zoologische Schriften sowie Sammlungen von Objekten aller Art vermittelten den europäischen Eliten Kenntnisse über ferne Länder und ihre Bewohner. Dreh- und Angelpunkt der Verbreitung des neuen geografischen Wissens waren die Verlagshäuser, die aufwändig gestaltete Atlanten und Bücher über die Menschen, Flora und Fauna fremder Erdteile herausbrachten. Heute gehören diese historischen Zeugnisse der Erkundung der Welt zu den Beständen großer Universalbibliotheken, zu denen auch die Österreichische Nationalbibliothek zählt.

In dem reich bebilderten Buch “Annäherungen an die Ferne” präsentiert die Österreichische Nationalbibliothek Kostproben aus ihrer Sammlung geografischer Aufzeichnungen. Im Mittelpunkt der Betrachtung des europäischen Wissensstandes über Afrika, Asien und Amerika steht das 17. Jahrhundert, in dem nicht nur der Fernhandel erblühte, sondern auch das Verlagswesen Glanzleistungen hervorbrachte. Zu den schönsten, umfangreichsten und zu seiner Zeit teuersten Atlanten zählt der, 1662 im Amsterdamer Verlag Blaeu erschienene, “Atlas Maior sive Cosmographia Blaviana”. Mit seinen über 600 Karten stellt er - gleichsam als Spiegel der zu dieser Zeit bestehenden Kenntnisse über das Aussehen der Erde - eine einzigartig reichhaltige Bildquelle dar.

Jede der für das Buch “Annäherungen an die Ferne” ausgesuchten Bildquellen hat ihren eigenen visuellen Reiz. Im 17. Jahrhundert gab es auf den Landkarten noch viele weiße Flecken. Der Fernhandel erfolgte weitgehend auf dem Seeweg, folglich waren die Küsten und ihr Hinterland bis ins 19. Jahrhundert besser bekannt und erforscht als das Innere der Länder und Kontinente. Zeichner griffen oft auf fragwürdige Berichte zurück und ließen ihrer Fantasie freien Lauf. Sie bevölkerten die Meere mit Ungeheuern und das Festland mit seltsamen Kreaturen, darunter die Acephalen (Kopflosen) und das einäugige Monoculi. Mit der Zeit wurde der Glaube an Mythen wie Eldorado und Fantasiewesen, die in fernen Ländern angeblich anzutreffen seien, durch Beobachtungen und verlässliche Augenzeugenberichte entkräftet. Die Europäer lernten schnell. Ihre von Illustratoren, Kartografen und Kupferstechern festgehaltenen Irrungen machen aus den Bildquellen charmante Zeitzeugnisse.

Was die attraktiven Land- und Seekarten, Kupferstiche mit Szenen des Alltags der fremden Völker, botanischen Illustrationen und anderen Bildquellen nicht selbst Preis geben, ist den hervorragenden Texten zu entnehmen. Nach Kontinenten gegliedert, erzählen die Autoren des Buches “Annäherungen an die Ferne” von den Fahrten und Taten der Eroberer und Kaufleute, die durch ihr Handeln in wenigen Jahrhunderten nicht nur das Anlitz der Erde, sondern auch das Leben fremder Völker gründlich veränderten. Die Europäer waren im Umgang mit der Natur und der indigenen Bevölkerung nicht zimperlich. Selbst kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Kolonialmächten waren keine Seltenheit, wenn es um den Schutz eines Monopols oder anderer wirtschaftlicher Vorteile ging. Diplomatische Missionen, die vor allem in den Beziehungen zu China und Japan eine bedeutende Rolle spielten, folgten wiederum anderen Regeln. Virtuos verbinden Jan Mokre, Elisabeth Zeilinger und Helga Hühnel in ihren Essays kartografische, politische, völkerkundliche, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der Begegnung Europas mit dem Rest der Welt.

Eine gut bestückte Bibliothek, wie es die Österreichische Nationalbibliothek zweifelsohne ist, kann durch die Präsentation ihrer Schätze zur Zeitmaschine werden. Das Buch “Annäherungen an die Ferne” lädt ein zu einer Reise zurück zu den Anfängen der Globalisierung.

© Ch. Ranseder

Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

siehe auch:
Ausstellungsrezension

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Helmut Böhm-Raffay

Sonntag, 01. November 2009

Notiz

Was ist das Nichts?  
Helmut Böhm-Raffay
Einer, der zwischen Realität und Illusion mühelos hin- und herspaziert 
Ein Film von Herbert Link 2009, ca. 40′.

Helmut Böhm-Raffay lebt seinen Traum. Spontan will er sein und kreativ nach dem Ende seines minutiös geplanten, technisch orientiertem Berufslebens. Unter dem Pseudonym “Heinz Brandtner” ist er schriftstellerisch tätig. Er schreibt für die Bühne und wird sein eigener Darsteller. Er schreibt zu Bildern und wird so ein Teil von ihnen. Kreativ und spontan sucht er nach seinen persönlichen Plattformen und findet sie oft an ungewöhnlichen Orten. Doch für ihn ist nichts davon raumgreifend genug. Böhm-Raffay hatte seine Liebe zum Tanzen als Junge entdeckt und ist ihr bis in die Gegenwart treu geblieben. Dabei hat er den nach und nach den Gesellschaftstanz hinter sich gelassen. Über Masken, Pantomime und Afro Dance entdeckt er schließlich den Ausdruckstanz für sich. Helmut Böhm-Raffay ist einer, der den Sog spürt und einer, der ein ewig Suchender bleiben wird.

Herbert Link gelang es den kreativen Freigeist Helmut Böhm-Raffay mit der Kamera einzufangen. In der biografischen Dokumentation bewies er sich als Formgeber der Spontaneität und Bändiger einer kreativen Lebensflut. Ganz passend dient daher das Ende des Interviews als Einstieg in den Film. Rückwärts tritt Helmut Böhm-Raffay ins Bild, setzt sich, bekommt das Mikrophon angesteckt von dem er am Ende des Films wieder befreit wird, um diese Bühne zu Gunsten einer anderen zu verlassen. Mit dem spannend inszenierten Film und der verdichteten Biografie unterstreicht Herbert Link dezent das zufällig Unzufällige des “Heinz Brandtner”.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe auch:
Don Quixote am Michaelerplatz - Film
Der verzauberte Spiegel. Schauspiel in zwei Abteilungen. - Buch

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Herz der Nacht

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Fiction

Ukrike Schweikert
Das Herz der Nacht
Lyx 2009, 478 S.
ISBN 978 3 8025 8223 3

Das Herz der Nacht

Mystery trifft auf History: Ulrike Schweikert reiht sich mit Herz der Nacht in die Reihe der prominenten Vampirschriftstellerinnen Anne Rice und Barbara Hambly. Sie alle hauchen Untoten jene realistisch anmutende Unsterblichkeit ein, die die LeserInnen wirklich fasziniert.

“Das Herz der Nacht” spielt in der Ära nach Napoleon in Wien und Hamburg. Die historischen Städte - vor allem der Hauptschauplatz Wien - mit den typischen Plätzen dienen Schweikert als Kulissen für ihre realistisch gezeichneten Figuren. Der Realitätseindruck wird zusätzlich durch die berühmten Namen der  Protagonistinnen verstärkt. Alle könnten jenen Familien entstammen, die ihre politischen und wirtschaftlichen Wurzeln in der k.u.k. Monarchie hatten und die mehr oder minder zwielichtigen Drahtzieher jener Epoche waren. Der Adel amüsierte sich zu dieser Zeit zwischen teuerem Spiel, opulenten Bällen und geistreicher Salonkultur, während das soziale Elend in den Vorstädten auf dem Vormarsch war. Den anziehenden Mittelpunkt in diesem schillerenden Reigen bildet der Vampir András Petru Báthory, der nicht umsonst den Namen der ebenso historisch verbürgten wie berüchtigten Blutgräfin trägt. Alles scheint perfekt, bis sich seltsame Todesfälle - weit in hocharistokratische Kreise hinein - ereignen, die eine Verbindung mit Báthory vermuten lassen. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich ein perfektes Intrigenszenario in dem sich alles um Macht und Liebe dreht und auch reale historische Persönlichkeiten die Story bereichern dürfen. 

Romantischer Horror und spannender Krimi bilden in diesem Roman eine harmonische und vor allem gut recherchierte Einheit. Die bildhafte Sprache von Schweikert sowie die abwechslungsreich gestalteten Szenenfolge machen es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Der Handlungsverlauf ist schlüssig und mit einigen überraschenden Wendungen garniert, so dass die Spannung, die durch den alten Bekannten Peter von Borgo ( Feuer der Rache, Der Duft des Blutes) angeheizt wird, konstant aufrecht bleibt.

AnhängerInnen des romantischen Vampirgenres werden beim Lesen ebenso auf ihre Kosten kommen wie Krimifans.

© S. Strohschneider-Laue

Das Herz der Nacht

siehe auch:
Feuer der Rache
Der Duft des Blutes

Die Erben der Nacht - Nosferas  -  Rezension
Die Erben der Nacht - Pyras
Lycana: Die Erben der Nacht

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Tatort Wien

Freitag, 09. Oktober 2009

Non-Fiction

Anna Lindner, Thomas Gasser
Wiener Kriminalschauplätze 
50 Orte des Verbrechens

Metroverlag 2009, 126 S.
ISBN 978 3 902517 23 4

 Wiener Kriminalschauplätze: 50 Orte des Verbrechens

50 Orte des Verbrechens von Anna Lindner und Thomas Gasser für den neuesten Band aus der Reihe “wienfacetten” ausgewählt. Quer durch Wien und von Kaiser Joseph II bis Kottan zieht sich die Spur des Verbrechens. Von Diebstahl über Entführung bis zum Mord reichen die Untaten. Die zuckerlbunte Walzerstadt hat einen deutlichen Beigeschmack von Bittermandeln.

Eine fiktive Tat und 49 wahre Minikrimis führen quer durch die Wiener Bezirke. Der Tatort ist jeweils dem Verbrechen vorangestellt. Das Ende jeder Untat wird durch Zitate, Linktipps oder spannende Querverweise abgerundet. Gemeinsam ist den unterschiedlichen Verbrechen der letzten 2. Jahrhunderte, dass sie in aller Kürze tiefe Einblicke in der Heimatstadt der Psychoanalyse gewähren.

Die Gerichtsurteile beschließen zwar die Fälle, stehen aber nicht thematisch im Vordergrund. Kritischen LeserInnen wird dennoch auffallen, dass zu oft nicht das eigentliche Verbrechen den Schweiß auf die Stirn treibt, sondern die nachfolgenden Gerichtsurteile. Raub, Unzucht, Körperverletzung und Mord ist keine Männerdomäne, die Rechtsprechung hingegen sehr wohl. Frauen werden strenger bestraft, und schneller - auch bei unsicherer Beweislage - verurteilt. Reichtum und soziale Netzwerke, Mitwisser und Mittäter in einflussreichen Schichten sind durch alle Zeiten gute Garanten für Freisprüche oder milde Urteile. Und es sind bis heute fast ausschließlich Männer, die über Einfluss, Macht und Reichtum verfügen und sich dadurch der (Mit-)Verantwortung entziehen können.

So unterhaltsam und spannend die “Wiener Kriminalschauplätze” sind, sollte man nicht vergessen, dass es 49mal reale Opfer und Täter gab und die Wiener-Realität die beschriebene Kottan-Fiktion weit übertrifft. Es ist kein Zufall, dass schräge Krimifiguren wie Kottan oder Lemming nur Wiener sein können.

© S. Strohschneider-Laue

Wiener Kriminalschauplätze: 50 Orte des Verbrechens 

Auswahl weiterer “wienfacetten”
Jüdisches Wien: Eine Entdeckungsreise von Herzl bis Hakoah 
Wiener Literaturschauplätze: Auf den Spuren großer Namen 
Wiener Frauenspaziergänge
Böhmisches Wien 
Das zuckerlsüße Wien: Vom Betthupferl bis zum Wäschermädel 
Wien und der Tod: Irdische Orte zwischen Himmel und Hölle 

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Karl der Kühne

Montag, 14. September 2009

Notiz

Karl der Kühne
Kunsthistorisches Museum
15. September ‘09 bis 20. Januar ‘10

Karl der Kühne (1433-1477), der letzte Herzog von Burgund, war einer der reichsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit. Die kurze Lebensspanne Karl des Kühnen ist geprägt von prunkvoller Hofhaltung und zahlreichen Kriegszügen. Verwandtschaftliche Bindungen und wirtschaftliche Macht festigten zunächst seine politische Position. Zuletzt teilte es das Schicksal vieler seiner Soldaten. 44jährig fiel er am Schlachtfeld. Nackt und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, konnte er nur mit Mühe identifiziert werden. Die Ehe seiner einzigen Tochter Maria mit Maximilian I. wurde im selben Jahr geschlossen. Sie ermöglichte den Habsburgern durch das burgundische Erbe den Aufstieg zur Weltmacht.

Wer war Karl der Kühne? Dieser Frage geht die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum anhand exquisiter Objekte auf den Grund. Die bereits in Bern und Brügge gezeigte Ausstellung wird bis Januar 2010 in Wien - um zusätzliche Objekte aus österreichischen Sammlungsbeständen erweitert - präsentiert. Inhaltlich werden in acht Räumen Familienbande, Kunst und Frömmigkeit, Diplomatie und Kriege, Tod und Erbe, Orden vom Goldenen Vlies, Prachtentfaltung, Haus Habsburg sowie Burgundisches Erbe in der Wiener Schatzkammer dem Publikum näher gebracht.

 

Unter vielen anderen Beispielen höfischem Auftretens ist die Ledertasche aus den Beständen der Hofjagd- und Rüstkammer zu sehen. Die Tragweise am Gürtel eines Mannes ist auf dem Cäsarenteppich (Historisches Museum Bern) dargestellt. Und schön ist es, dass dieser Vergleich den BesucherInnen leicht gemacht wird, da der Teppich direkt hinter der Vitrine hängt. Neben all den Kunstschätzen sind gerade diese Tapisserien, die Gewänder und Stoffe echte Highlights, da es nur wenige erhaltene weltliche Gewänder gibt. Die Darstellung höfischer Bekleidung auf dem Cäsarenteppich sowie die ausgestellten Stoffe und Tapisserien belegen einen unglaublichen Prunk bis ins letzte Detail.

 

Der letzte Herzog von Burgund hat dieser Pracht in allen Belangen gefrönt. Seine beeindruckenden Auftritte bei öffentlichen Anlässen, die auch das Gefolge einschloss, ist mehrfach beschrieben worden. Die in der Ausstellung gezeigten Rechnungen von Ausstattern belegen sein Prestigebedürfnis sowie seine Ausgaben dafür in zierlicher Schrift und großen Zahlen. Wie es mit seiner Zahlungsmoral bestellt war, wird allerdings verschwiegen. Immerhin ist für Maximilian I. belegt, dass er zu Verpfändungen gezwungen war, aber auch bestrebt war “Versilbertes” wieder auszulösen.

Die Ausstellung ist sichtlich bemüht die konservativen Ausstellungsgepflogenheiten des Hauses aufzubrechen. Raum- und Objekttexte bieten ausreichende Basisinformationen. Videozuspielungen ermöglichen zusätzliche inhaltliche Vertiefung. Querbezüge zwischen Objekten und Bildquellen regen die Schau- und Entdeckerlust des Publikums an. 
Dem gewichtigen Gesamtkatalog “Karl der Kühne” für die drei Ausstellungsorte wird zusätzlich die Begleitpublikation “Schätze burgundischer Hofkunst in Wien” zur Seite gestellt. Sogar an ein Kinderheft wurde gedacht, dem allerdings eine sprachliche Überarbeitung - auch hinsichtlich der Sinnzusammenhänge - gut getan hätte. Auch scheinen zwei Euro im Vergleich strapazfähigen, farbigen Kinderkatalogen (z. B. aktuell in Braunschweig zum Kaiserjahr 2009: Otto IV.- vom Pagen zum Kaiser: Ein Kurzführer für Kinder ab 9 Jahren zur Ausstellung Otto IV. Traum vom welfischen Kaisertum) in Kunstdruckqualität um den selben Preis doch ein wenig überzogen. Zumindest ist es löblich, dass - im Gegensatz zu anderen österreichischen Museen und Großausstellungen - überhaupt an eine Kinderbroschüre gedacht wurde.
Zuletzt noch ein Hinweis auf das attraktive Begleitprogramm, das den Informationsgehalt der Ausstellung mit interessanten Themen bereichert.

Fazit: Unbedingt ansehen!

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch:
Kleidung und Mode im Mittelalter

Aktuelle Ausstellungskataloge
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Eierbowle mit Weihnachtsmann

Sonntag, 13. September 2009

Notiz

Frohes Fest in Wien

Der Realitätsschock Juli bis August ‘09:

Weihnachtskalender Ende Juli im Papiergeschäft.
Lebkuchen Anfang August im Supermarkt.
Taschen mit Aufdruck “Frohes Fest” im passenden Design beim türkischen Bäcker Ende August.

Die Zukunftsvisionen für September ‘09 bis August ‘10:

Schoko-Weihnachtsmänner im September.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Raketen im Oktober.
Schoko-Weihnachtsmänner mit Hasenohren im November.
Ostereier unterm Weihnachtsbaum im Dezember.
Ostereier für den Recycling-Ganzjahresbaum im Januar.
Ostereier im Weihnachtsmänner-Faschingsoutfit im Februar.
Weihnachtsmann bringt Ostereier im März.
Weihnachtsmänner mit Zuckereiern oder Ostereier gefüllt mit Weihnachtsmännern am 1. April.
Eierbowle mit Weihnachtsmanngeschmack im Mai.
1000jährige Eiermänner im Juni.
Fondue aus Beständen der unverkäuflichen 1000jährigen Männereiern im Juli.
Schultüten mit Weihnachtseiern und Ostermännern im August.

© S. Strohschneider-Laue

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Tiergarten Schönbrunn: Artenschutztage

Donnerstag, 06. August 2009

Notiz

Artenschutztage

Artenschutztage, Große Nussjagd © Sistlau 2009

Vom 6. bis 9. August steht im Tiergarten Schönbrunn der Artenschutz mit interessanten Informationen und Angeboten im Mittelpunkt. Schwerpunktthemen sind Projekte der Österreichischen Zoo Organisation (OZO) am 6. August, Artenschutz vor der Haustür am 7. August, Tierische Wahrzeichen des Naturschutzes am 8. August und die ‘Großen’ unter den Tieren am 9. August.

 Artenschutztage © Sistlau 2009 Zahlreiche Infostände säumen die Löwenallee. Große und Kleine Tierfreunde erfahren hier Neues rund um Biotop- und Artenschutz und werden herzlich zum Mitmachen und Miterleben eingeladen.

Artenschutztage © Sistlau 2009 Österreichischen Bundesforste, Lebensministerium (Projekt Vielfalt Leben), Wiener Veterinäramt, Biosphärenpark Wienerwald, Vier Pfoten, WWF, BirdLIfe, Verein Auring, Amphibienschutz Wienerwald, Koordinationsstelle Fledermausschutz und -forschung, Tierschutz macht Schule, Waldrappteam, Jane Goodall Institue, Sharkproject, Arbeitsgruppe Bioakustik der Universität Wien, Nationalpark Donau-Auen, Verband der Naturparke Österreichs, Naturschutzbund, Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie sowie Nikon unterstützen die Artenschutztage und sind mit Infoständen vertreten.

Große Nussjagd © Sistlau 2009 Dass es nicht immer die Riesen oder Prominenten die interessantesten Tiere sein müssen, beweist die “Große Nussjagd“. Hier sind NachwuchsforscherInnen herzlich willkommen. Gesucht wird im Wienerwald die winzige, verschlafene Haselmaus. Welcher Kern der aufgenagten Nüsse im Magen einer Haselmaus gelandet ist, erfährt man bei den Artenschutztagen im Tiergarten Schönbrunn und beim “Langen Fest der falschen Mäuse” am 29. August zwischen 14:00 und 22:00 Uhr in Mauerbach, Kasgraben (gegenüber Gasthaus “Zum grünen Jäger”).

Artenschutztage Welche Tier man in freier Wildbahn antreffen kann. Welchen Nutzen einheimische “Schädlinge” in der Natur haben und welchen Schaden zu Jagdzwecken aus fernen Ländern eingeführte Tiere verursachen, mag Viele überraschen.

Artenschutztage Erschreckend sind die Zahlen: 44.838 Arten sind gefährdet, 869 Arten sind ausgestorben und 16.928 Arten sind akut vom Aussterben bedroht. Dies gilt es bei jeder Gelegenheit zu vermitteln. Zoos leisten einen wesentlichen Erhaltungsbeitrag, aber sie können und dürfen nicht die letzten Refugien sein ebensowenig wie sie die freie Wildbahn ersetzen können. 

Artenschutztage Die Vielfalt des Lebens zu erhalten und zu fördern muss das Anliegen aller sein. Um Verständnis für vom Aussterben bedrohte Tiere zu erzielen, bedarf es umfassender Informationen sowie dem Ausmerzen von Irtrtümern und Vorurteilen. Bartgeier schlagen keine Lämmer, allerdings ist es richtig, dass Frösche nur in einer intakten Umwelt leben. Eine intakte Umwelt, ist eine vielfältige Umwelt und benötigt der Mensch selbst zum Überleben.

Netzwerk Natur © Sistlau 2009

Der Tiergarten Schönbrunn leistet wichtige Beiträge zum Artenschutz und ist an zahlreichen Forschungsprojekten beteiligt. Das bei den Artenschutztagen lukrierte Geld wird in ein Schutzprojekt für den Roten Panda in der Indischen Provinz Sikkim fließen. Aber auch vor der eigenen Haustür ist der Tiergarten Schönbrunn aktiv. Tiergarten und Schlosspark von Schönbrunn sind eine der verborgenen Naturoasen Wiens. In Zusammenarbeit mit der Wiener Umweltschutzabteilung wurden im Zoo Informationstafeln aufgestellt. BesucherInnen dürfen jetzt überrascht feststellen, dass Wechselkröten in den Tigerteich eingezogen sind, Feldgrillen vor dem Kaiserpavillon leben und Dohlen sich als Nahrungsgast bei den Pelikanen eingeladen haben.

Karin Büchl-Krammerstätter, Dagmar Schratter, Anton Weissenbacher © Sistlau 2009

Die Wiesenotter wird das nicht allein schaffen. Sie braucht als seit den frühen 1970er Jahren verschwundene Art Unterstützung bei der Wiederansiedlung. Die giftige Wiesenotter lebt von Insekten. Sie ist scheu und durch ihr kleines Maul für den Menschen - solange man sie nicht reizt - nicht gefährlich. Ab heute leben im Tiergarten Schönbrunn vier in Ungarn nachgezüchtete kleine Wiesenottern. Das Terrarien-Suchspiel lohnt sich. Mit etwas Geduld und einem systematischen Blick entdeckt man die hübsch gezeichneten Tiere sicher. Hoffen wir, dass es bald auch wieder insektenreiche Wiesen mit diesen Tieren geben wird. 

© V. Strohschneider

siehe auch:
Atlas der bedrohten Arten
Von Kaiser bis Känguru

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Wiener Prater

Samstag, 04. Juli 2009

Notiz

Tradition: Wiener Prater

Prater 1996 © S. Strohschneider-Laue

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Manchmal sind Traditionen gar nicht so schlecht; denn nicht alle sind vorgestrig und/oder moralinsauer. Eine schöne Wiener Tradition ist es, während der Kindheit zu bestimmten Anlässen (Einschulung, Erstkommunion) in den Prater gehen zu dürfen. Es ist quasi ein vorgezogener Tapferkeitsbonus, ein Haftaufschub, ein Freigang bevor es so richtig ernst mit der realen (Schule) und der spirituellen Hölle (Kirche) wird.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Ich kam in den Genuss dieser Tradition, weil ich zur richtigen Zeit statt in Frankfurt in Wien war. Als Minitouristin mit den Eltern genau rechtzeitig vor meiner Einschulung. Natürlich wurden Fotos gemacht: Kind am Pferd, Kind im Karussell, Kind im Miniauto. Meist ist das Kind - also meine Person - kaum erkennbar und oft lugte nicht einmal mein Kopf über die Lenkstange hinaus. Diese Fotos sind vermutlich familienunabhängig austauschbar. Es gibt sie sicher zu Millionen in den Schubladen von Eltern, Großeltern, Paten und unzähligen anderen mehr oder minder Anverwandten.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Rund dreißig Jahre nach meinem Praterspaß, ereilte unsere Tochter - eine typische Wienerin mit Wurzeln in ganz Europa - der Praterbesuch zum Schuleinstieg. Es war wie erwartet. Bei den meisten Fahrbetrieben musste man den Besuch aufgrund elterlicher Verantwortung ablehnen. Teuer war es auch, aber an einem solchen Tag haben Eltern und vor allem Großeltern Spendierhosen an. Schön ist es trotzdem, wenn man feststellt, dass sich das eigene Kind trotz des Überangebotes als bescheiden erweist. Riesenrad, Achterbahn, Autoscooter, Geisterbahn und sämtliche supermodernen Speed- und Höhenvarianten auf “Kotz mehr” und “Schneller Hirntod”, wurden bestaunt aber nicht gewünscht. Am Ende waren es eine Zuckerwatte, einige Lose bei der blonden Plastikpuppen- und rose Plüschtier-Tombola, eine Runde Ponyreiten und unbedingt die Autorennbahn. Das Rennbahnrelikt aus den 1960ern oder noch früher, existierte tatsächlich noch. Mindestalter war schon damals “12 Jahre” als ich Schulanfängerin war und unbedingt Rennen fahren wollte. Und ganz genau wie damals klettere mein Vater - nun mit der Enkeltochter - in das Vehikel. Und er sagte ganz genau dieselben Dinge zu ihr wie dreißig Jahre vorher zu mir: “Den schnappen wir, den kriegen wir, mehr Gas und schnell vorbei”. Natürlich blieb es nicht bei einer Runde.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Und ganz genau wie damals stand meine Mutter am Rand der Bahn und war zutiefst besorgt, dass der scheppernde Höllenritt - wie man dem Foto entnehmen kann - Opas kriegsversehrten Rücken schaden würde. Nun war auch ich Mutter, aber ich war nicht besorgt. Ich war eifersüchtig und noch dazu auf das eigene Töchterchen. Pech, dass es “meinen” blauen Wagen von damals nicht mehr gab. Ich hätte es den beiden gezeigt, schließlich hatte ich den gleichen Fahrlehrer.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Bei diversen Gelegenheiten waren wir in nachfolgenden Jahren mit Freunden und ihren Kindern im Prater. Die Bahn war geschlossen. Es war als ob ich ein Stück Kindheit verloren hätte. In Wirklichkeit gehen doch alle mit den Kindern in den Prater, um noch einmal das zu tun, was sie selbst als Kind so genossen haben - ich bin keine Ausnahme. Quasi ein glückliches Ausleben des verborgenen Peter-Pan-Komplexes. Was passiert aber, wenn es diese Kindheitserinnerungen plötzlich nicht mehr gibt? Nein, man muss trotzdem nicht erwachsen werden. Nein, denn wir haben doch alle die unzähligen Fotos. Wenn unsere alten Fotos nicht die Farbe verloren hätten, könnten wir unsere Fotos glatt verwechseln. Bis auf eines: Es ist einzigartig, zumindest für mich und sicher für unsere Tochter.

© S. Strohschneider-Laue

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Lemmings Zorn

Montag, 22. Juni 2009

Fiction

Stefan Slupetzky
Lemmings Zorn
Lemmings vierter Fall
Rowohlt 2009, 303 S.
ISBN 978 3 499 24889 4

Lemmings Zorn Stefan Slupetzky Lemmings Zorn: Lemmings vierter Fall

Wien ist anders und bei Slupetzky mal wieder ganz typisch Wien, schlimmer geht es einfach nicht.  Die Bücher rund um den Lemming sind viel mehr als nur Regionalkrimis. Sie sind in ein kriminelles Geschehen eingebettete, literarisch pointierte Sozialkritik. Die viel zitierte “Wiener Seele” wird außerhalb der Sissi-Stadt gründlich falsch als zuckerlsüße Romantik interpretiert. Alle, die des Wienerischen nicht mächtig sind, halten ja auch die übelsten Aussagen für den charmantesten Wiener Schmäh. Genau deshalb werden die skurrilen Figuren der Lemming-Reihe als überzogen skurril empfunden, obwohl jede einzelne davon bitter-real ist und unbehelligt mit ihrem angeborenen Devot-Buckel in Wien herumläuft.

Es ist Weihnachten, die beste Zeit des Jahres, um in Wien keine Stille zu finden. Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr: Der Lemming kommt nicht zur Ruhe. Nachwuchs Ben stellt sich äußerst übereilig und mit tatkräftiger Hilfe von Angela ein. Jene Angela, die am Heiligen Abend auf den Juniorlemming aufpasst - zumindest bis sie tot neben dem Kleinen liegt. In dieser unaufhörlich lärmenden, lebensfeindlichen Welt sind Klara, die starke Frau an Lemmings schwacher Seite, und der schutzbedürftige Benjamin die treibenden Kräfte. Für sie läuft der Lemming zur Höchstform auf. Wieder steht er nahezu allein gegen Ignoranz, Fremdenhass, Korruption, gedruckten und personifizierten Kleinformaten. Was ein echter Lemming (eigentlich Leopold Walisch und Ex-Krimineser) ist, lässt keinen Fettnapf aus. So trifft allgegenwärtige Faulheit und Inkompetenz gepaart mit Überheblichkeit, die nur noch von Unterwürfigkeit übertroffen wird, auf die Beharrlichkeit des lärmgestressten Lemmings. Und wenn dem Lemming schließlich das zielgerichtete Kotzen kommt, möchte man nur noch applaudieren.

Zuletzt bleibt nur noch eine Frage offen: Wann erscheint bitte das Nächste? Und ich fürchte die Antwort wird lauten: Erst, wenn Wien den Lemming wieder viel zu weit getrieben hat!

Nominiert für Friedrich-Glauser-Preis 2010 in der Sparte “Roman”!

© S. Strohschneider-Laue

Lemmings Zorn: Lemmings vierter Fall

Siehe auch die ersten drei:
Der Fall des Lemming
Lemmings Himmelfahrt: Lemmings zweiter Fall
Das Schweigen des Lemming: Lemmings dritter Fall
Lemmings Himmelfahrt. 8 CDs + 1 MP3-CD . Lemmings zweiter Fall

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Katalog: Ferdinand Georg Waldmüller

Freitag, 19. Juni 2009

Non-Fiction

Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.)
Ferdinand Georg Waldmüller
Brandstätter 2009, 240 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 85033 296 5

Ferdinand Georg Waldmüller Ferdinand Georg Waldmüller

Was würde Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865) malen, wenn man ihn in unsere Zeit versetzen könnte? Porträts von Politikern, Beamten, Unternehmern und der Wiener “Bussi-Bussi” Gesellschaft, Statussymbole inklusive? Tagelöhner des 21. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit (vulgo Arbeiterstrich), einsame MindestrentnerInnen, alleinerziehende Mütter an der Armutsgrenze, kinderreiche Einwandererfamilien, Groß und Klein vor dem Fernseher, Weihnachten in der Notschlafstelle, Wiener in Feierstimmung anlässlich einer der vielen Volksbelustigungen oder wandernde Touristen in den Alpen? Stillleben aus Designer-Stücken? Er hätte sicher jede dieser Gestaltungsaufgaben mit akribischer Pinselführung meisterhaft gelöst.

Waldmüller war ein vielseitiger und produktiver Künstler. Sein malerisches Lebenswerk umfasst Porträts, Genreszenen, Landschaften und Stillleben. Er verfügte über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und verschloss seine Augen weder vor physiognomischen Tatsachen noch vor der harten Realität, der sich die Mehrheit der Bevölkerung täglich stellen musste. Im 19. Jahrhundert beschäftigten sich bildende Künstler zunehmend in belehrenden oder moralisierenden Gemälden mit sozialen Fragen. Waldmüllers Genrebilder, mit denen heute sein Name vor allem assoziiert wird, stellten also keine Ausnahme dar. Doch in seinem Spätwerk löste er sich weitgehend vom Sentiment und wurde zum aufmerksamen Chronisten der unterprivilegierten Schichten. Die Tendenz, schonungslos die Wirklichkeit abzubilden, hatte sich in Waldmüllers Porträts ja bereits zu Beginn seiner Karriere abgezeichnet. Er malte genau, was er sah – auch wenn er gelegentlich in den Auftragsarbeiten die Schärfe seines Blickes milderte und z. B. auf die Wiedergabe von Pockennarben verzichtete. Schließlich muss man gute Kunden bei der Stange halten.

Das reich bebilderte Buch “Ferdinand Georg Waldmüller” lädt dazu ein, sich erneut mit einem Maler auseinanderzusetzen, der heute gerne zum bedeutendsten österreichischen Künstler des 19. Jahrhunderts stilisiert wird. Die Mühe, Waldmüllers Gemälde einer eingehenden Bildbetrachtung zu unterziehen, lohnt sich. Denn was bei der ersten oberflächlichen Begegnung konservativ, fast altbacken und fallweise süßlich-sentimental wirkt, ist alles andere als das. Ferdinand Georg Waldmüller war in vieler Hinsicht ein Vorreiter. Die Natur, deren Studium er vehement vertrat, stellte für ihn das Maß aller Dinge dar. Diese Überzeugung widersprach den Ansichten der akademischen Kollegen, die Waldmüller als “Naturalisten” schmähten. Vor allem mit seinen Versuchen das Sonnenlicht wiederzugeben, traf der Künstler bei einigen Zeitgenossen auf Unverständnis. Den Erfolg als einer der angesehensten Maler Wiens zu gelten, musste sich Waldmüller hart erarbeiten. Sein gegen den Willen von Mutter und Vormund aufgenommenes Studium finanzierte er sich mit dem Bemalen von Bonbonpapieren und Kupferstichen. Auch als Zeichenlehrer und Dekorationsmaler verdingt er sich. Unermüdlich feilte der Künstler an seiner Maltechnik. Er kopierte alte Meister und beobachtete die Menschen, deren Darstellung er über alles andere setzte. 1829 wurde Waldmüller zum Ersten Kustos der Gemäldesammlung der Akademie der bildenden Künste in Wien ernannt, 1835 zum ordentlichen akademischen Rat. Im Jahr darauf begann er Privatunterricht zu erteilen. So weit, so gut. Eine typisch österreichische Karriere, möchte man denken. Doch dann passierte etwas Unerhörtes: die Erfolge der Schüler Waldmüllers sprachen für die Effizienz seiner Lehrmethoden. Darüber hinaus wagte er es, seine Gedanken zur künstlerischen Ausbildung niederzuschreiben und dieses Dokument 1845 der Akademie vorzulegen! Mit seinem hartnäckig vertretenen Ansinnen, den Kunstunterricht an der Akademie zu reformieren, setzte Waldmüller alles aufs Spiel – und verlor. Nach einem Eklat in einer Ratssitzung und mehreren weiteren Streitschriften wurde Waldmüller 1857 vom Dienst suspendiert und sein nun als Pension ausbezahltes Gehalt auf die Hälfte gekürzt. Unterkriegen ließ sich der große Lichtmaler dadurch nicht. In den folgenden Jahren stellte Waldmüller in Paris, London und Köln aus, wo ihm die verdiente Anerkennung zuteil wurde.

“Ferdinand Georg Waldmüller” ist ein stattliches Buch, dessen Autoren sich ganz auf das Werk und seine Rezeption konzentrieren – und zwar ausschließlich aus kunsthistorischer Sicht. Aus der Reihe tanzt lediglich das Kapitel über Waldmüllers Streit mit der Akademie. Danach reihen sich die Analysen, akribisch recherchiert und auf dem neuesten Stand der Forschung, Perlen gleich aneinander: dem “fotografischen Blick” folgen die Porträt- und Landschaftsmalerei, die Lokalisierung der in den Gemälden festgehaltenen Wiener Schauplätze sowie die Genremalerei, nach der es geografisch – England, Deutschland, Frankreich, Österreich auf der Weltausstellung 1855 in Paris – weiter geht. Zweifellos ist das alles sehr interessant. Es ist aber auch furchtbar brav. Schmerzlich vermisste ich den Wagemut der Interdisziplinarität, des wissenschaftlichen Crossover. Welch Bereicherung wäre ein Essay zur Realienkunde gewesen! Auch ein Beitrag über die in den Genreszenen dargestellten Handlungen und Bräuche aus dem Blickwinkel der europäischen Ethnologie hätte eine spannende Lektüre abgegeben! Historiker könnten sicher so Manches über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im 19. Jahrhundert, die Waldmüller so gekonnt wiedergab, erzählen! Doch Schwerpunktsetzungen sind Geschmacksache. Eines ist sicher “Ferdinand Georg Waldmüller” gelingt es trefflich, dem Künstler ein Denkmal zu setzten.

Die Publikation “Ferdinand Georg Waldmüller” erschien anlässlich der gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 11. Oktober ‘09 im Belvedere (siehe Rezension) zu sehen ist.

© Ch. Ranseder

Ferdinand Georg Waldmüller

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Prioritäten setzen

Freitag, 19. Juni 2009

Notiz

Ausstellungsmacher

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Dozent G., der alteingesessene Chef des Museums, blickte wohlwollend auf seine Untergebenen. Nach einer gut berechneten Pause räusperte er sich und hob mahnend den Zeigefinger: “Liebe Mitarbeiter und -innen. Demnächst müssen wir einen neuen Publikumsmagneten in unsere Ausstellungshallen bringen. Die leider noch lebende Künstlerin war nicht etabliert genug, so dass nur 6.000 Besucher bei uns verzeichnet wurden. Das ist halt das Problem mit Frauen in der Kunst. Gut, dass wir vom Frauenministerium, dem Genderverein und den Gewerkschafterinnen ausfinanziert wurden. Aber jetzt, jetzt brauchen wieder einen richtigen Erfolg, also einen Mann. Gute Kritiken in den Zeitungen sind nicht genug. Meine Damen und mein Herr, ich erwarte ihre Vorschläge.”

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er über den Brillenrand erwartungsvoll in die betroffenen Gesichter der drei Anwesenden. Eine Weile hörte man nur das eifrige Kratzen des Bleistifts der Sekretärin, die immer minutiös jedes Wort protokollierte. Es herrschte tiefes Schweigen, das durch das nervöse Herumwetzen und Fußscharren der Angesprochenen abgelöst wurde.

Magister W. ergriff beflissen das Wort: “Nun da drängt sich doch Picasso gerade zu auf, obwohl Monet auch immer gut geht. Wobei von Picasso gibt’s mehr Bilder und Chagall zeigt leider gerade die Konkurrenz.”

Nun mischte sich auch Doktorin R. ein: “Sie vergessen, dass Monet und Picasso in den letzten Jahren bereits zweimal in der Stadt - ebenfalls von der Konkurrenz - präsentiert wurden. Wir sollten doch ein wenig innovativer vorgehen. Wie wäre es mit einer Themenausstellung ohne sich auf einen einzigen Künstler zu kaprizieren? Ich denke dabei an das beliebte Thema ‘Impressionismus’. Die Bilder will doch jeder auf der Wand hängen haben.”

Dozent G. schnitt den gerade zur Rede ansetzenden Magister W. das Wort ab und meinte begeistert: “Ja, so machen wir das. Perfekt! Ich finde doch immer wieder unsere Teamsitzungen mit dem regen Brainstorming meinerseits erfrischend. Sie haben ein halbes Jahr Zeit, um die Ausstellung vorzubereiten. Ich möchte am Montag ihre Vorschläge zur Bildauswahl vorgelegt bekommen! Ich bitte Sie mich jetzt zu entschuldigen, ich habe jetzt noch einen wichtigen Termin im Kaffeehaus.”

Seine Mitarbeiter erhoben sich und verließen gemeinsam den Raum. “Prima, hat das geklappt”, meinte Magister W. grinsend, “damit sollten wir überhaupt keine Arbeit haben!”

 ”Na, na”, beschwichtigte Doktorin R., die Köpfe müssen wir schon noch zusammenstecken, aber aus dem Vollen schöpfen können wir noch immer.”

 TeeTextTasse © Ch. Ranseder Am nächsten Montag legten sie den Konzeptentwurf vor:

  • Die bedeutendsten Künstler des Impressionismus sollten an Hand ihrer wichtigsten Werke präsentiert werden.
  • Statt die Bilder wie üblich zeitlich geordnet auf den Wänden zu verteilen, sollte thematisch vorgegangen werden, um den Besuchern Vergleiche zu erleichtern.
  • Zudem sollten alle Künstler durch ein Portrait vertreten sein, um auch die Maler persönlich und nicht nur ihre Werke vorzustellen.
  • Wenn möglich, sollte ein passendes Bild die Wohnsituation und das Atelier des Künstlers dokumentieren. Ein aktuelles Foto sollte den heutigen Zustand des Hauses oder der Umgebung zeigen.
  • Der Katalog sollte den Umfang eines Taschenbuches nicht überschreiten. Klein, übersichtlich erschwinglich und vor allem sprachlich zugeschnitten auf ein interessiertes Laienpublikum.
  • Die Kunstvermittler sollten während der gesamten Vorbereitung eingebunden werden, um das Publikum später optimal an die Ausstellung heranführen zu können.

TeeTextTasse © Ch. Ranseder ”Also”, begann Dozent G.”, das ist ja mal wieder typisch für Sie beide. Sie sind doch betriebsblinde Ignoranten. Selbstverständlich kommen die wichtigsten französischen Impressionisten nicht in Frage. Wir haben mit den entsprechenden Häusern keine Leihverträge. Das ist außerdem viel zu kompliziert, zumal die dort nur auf französisch verhandeln, seitdem wir das eine ausgeliehene Bild aus dem Rahmen genommen haben und es zu Transportzwecken aufrollten wie eine Tapete. Wie hätten wir es denn sonst durch unsere Museumstür bringen sollen, wenn es doch glatt um fünf Zentimeter zu groß ist? Wer rechnet denn schon m solchen Dimensionen? Aber die müssen sich ja immer gleich so haben. Na, wie auch immer!”

Er schüttelte wieder den Kopf und schaute strafend über den Brillenrand: “Kommen Sie mir nicht mit diesem didaktischen Quatsch. Wozu soll es denn gut sein die Bilder thematisch zu hängen. Bilder hängt man ausschließlich nach ästhetischen Aspekten und ästhetisch heißt, nach Größe sortiert!”

Wieder kehrt kurzes Schweigen ein, während Dozent G. weiter las: “Die Portraits sind völlig sinnlos. Kein Mensch interessiert sich für den ungepflegten Monet oder den versoffenen van Gogh, nur ihre Werke zählen. Genauso egal sind mir deren Absteigen. Wir sollten auf jeden Fall den Platz darauf nicht vergeuden, sondern ein einziges - besonders großes - Bild als zentralen Blickfang auswählen. Damit halten wir die Leihgebühren und Versicherungsbeiträge niedrig und mit zwei weiteren haben wir die erste Halle voll.”

Mit gerunzelter Stirn blätterte Dozent G. weiter und schlug plötzlich heftig mit Hand auf den Tisch. Empört riss er sich die Brille von der Nase. “Also, dass ist doch der Gipfel der Borniertheit! Taschenbuch? Erschwinglich? Leicht verständlich? Was glauben Sie eigentlich, wo Sie sitzen? In der Schulbuchkommission? Ich weiß ja nicht, was Sie von sich halten, aber ich bin renommierter Wissenschafter. Meine Publikationsliste als Herausgeber ist lang. Kein Vorwort der letzten Jahre, das nicht von mir wäre! Die Kollegen, von denen wir die Bilder leihen, sehen das sicher genauso. Sie müssen mit ihren Beiträgen im Katalog als Autoren vertreten sein. Und wenn nicht jeder Hinz und Kunz mit meinem wissenschaftlichen Anspruch etwas anfangen kann, ist das mir nur recht. Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder glaubt schreiben zu können? Es kann ja schließlich auch nicht jeder malen! Nur mit einem tiefsinnigen Verständnis des kulturhistorischen Gesamtkontextes und einem metaphysischen Zugang, bezogen auf das psychologische Substrat ist man befähigt den Weg des Künstlers vom Gegenständlichen zum schwarzen Quadrat auf weißer Leinwand - aufgehängt im Herrgottswinkel - verfolgen zu können. Das heißt aber noch lange nicht, dass jedes hingepinselte schwarze Quadrat auf weißer Leinwand von irgendwem gleich bedeutend ist. Nein, denn nur aus dem fundamentalakademischen Zusammenhang und der unverrückbaren Philosophie des Kanons erwächst die Kunst!”

Eine Ader begann an der Stirn von Dozent G. zu pochen. “Und ich gehe sicher richtig in der Annahme, dass Sie in ihren Kalkulationen nicht die entsprechenden Autorenhonorare für die jeweiligen Institutionsleiter berücksichtigt haben”, dabei strich er sich unbewusst über die Brieftasche. “Mit 80.000 Euro für den Katalog - ohne Druckkosten versteht sich - ist mindestens zu rechnen. Die Qualität sind wir unserem Publikum schuldig. Ich will ihnen beiden keine Bereicherung vorwerfen, obwohl ich annehme, dass wohl irgendwer aus Ihrem Freundeskreis schnell etwas um die 5.000 Euro, die Sie da veranschlagt haben, zusammengeschreibselt hätte. Es muss sogar Ihnen klar sein, dass etwas derartig Billiges auch nur billig sein kann.”

Es folgte Kopfschütteln. “Und was wollen Sie eigentlich dauernd mit ihrer Vermittlung? Diese Bilder sprechen für sich selbst. Ich wünsche keine Platzverschwendung an auffällig groß geschriebene Raumtexte. Für die dezente Beschriftung der Werke genügt der Name des Künstlers, das Entstehungsjahr und selbstverständlich gut lesbar der Name des Leihgebers. Audioguides reichen völlig. Der unerträgliche Lärm, der durch Führungen entsteht, wird vermieden und jeder Besucher kann in erhabener Andacht die Stimmungen der Bilder aufnehmen.”

Langsam lehnte Dozent G. sich zurück und blickte eine Weile strafend auf seine zusammenschrumpfenden und inzwischen um ihre Jobs bangenden Mitarbeiter. “Da ich schon geahnt habe, was ich von ihnen erwarten kann, erkläre ich ihnen wie wir das machen werden. Die Ausstellung wird heißen: 
Das unbekannte Werk der Impressionisten - Gemälde aus Privatsammlungen
Der Hochglanz-Katalog wird mindestens A4-formatig und auf jeden Fall 800 Seiten umfassen. Ich denke dabei an einen Verkaufspreis von rund 95,00 Euro bei einer Auflage von 1000 Exemplaren zum freien Verkauf und weiteren 500 zu Geschenkzwecken an Autoren, Sammler und meine wichtigsten politischen Kontakte.”

Selbstgefällig blickte er in die Runde: “Was die Zusammenstellung der Werke betrifft, rufe ich einige meiner Freunde an, die Impressionisten sammeln. Sie geben uns ihre Bilder ohne hohe Leihgebühren. Schließlich haben sie ihre Sammlungen nur meiner finanzgünstigen Beratung zu verdanken und jetzt können sie durch die Präsentation in unserem Haus zusätzlich eine Wertsteigerung ihrer Stücke erzielen. Leider zählen keine amerikanischen und japanischen Sammler zu meinen Kontakten. Ich werde wohl wieder in den sauren Apfel beißen müssen und die Beziehungen vor Ort knüpfen. Das bedeutet, dass ich die nächsten Monate kaum im Haus sein werde.”

Er begann seine Ausführungen mit seinem rechten Zeigefinger zu unterstreichen: “Frau Doktor, Sie übernehmen während meiner Absenzen die Verhandlungen mit der Druckerei.
Das Lektorat der Texte wird meine Frau als externe Fachberaterin zu entsprechenden Konditionen übernehmen.
Selbstverständlich fungiere ich wieder selbst als Herausgeber. Schließlich sollte man so etwas Essentielles wie das Vorwort keinesfalls delegieren.
Herr Magister, Sie kümmern sich um den Transport der Exponate, für die Ausstellungsgestaltung stelle ich Ihnen meine Tochter zur Seite. Sie ist versiert im Umgang mit dem Computer. Mit ihren verschiedenen Sim-Programmen hat sie schon als Teenager ganze Häuser dekoriert.”

Er wedelte enthusiastisch mit seinen Notizen vor der Nase der Sekretärin, die durch ihr stetiges Nicken oder von den vielen fremden Worten bereits etwas desorientiert wirkte. “Besorgen Sie mir zunächst ein Flugticket nach Tokio für März, im April sollte ich die Verhandlungen in New York aufnehmen und ab Mai werde ich dann Sydney angehen, dann bleibt noch genug Zeit für Paris im Juni. Buchen Sie bitte adäquate Hotels in den Stadtzentren. Juli und August reserviere ich für meinen wohl verdienten Urlaub mit meiner Familie. Im September habe ich dann sicher wieder genug Kraft für die letzten Gespräche in Toronto. Achja, stellen Sie mir die wichtigsten Fakten für das Vorwort zusammen. Nicht mehr als zehn Seiten, damit ich das ganze auf etwa eine Seite komprimieren kann. Wenn ich nicht so ein Arbeitstier wäre, würde hier alles stagnieren. Ja, von mir können Sie alle hier noch jede Menge lernen.”

TeeTextTasse © Ch. Ranseder Vergeuden Sie nicht Ihre Energie an Inhalte, arbeiten Sie endlich für Ihre Karrieren!

© S. Strohschneider-Laue

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Sozialkritiker: Ferdinand Georg Waldmüller

Dienstag, 09. Juni 2009

Notiz

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)
Belvedere
9. Juni bis 11. Oktober ’09

Ferdinand Georg Waldmüller, Selbstporträt in jungen Jahren, 1828, Öl auf Leinwand, 95 x 75 cm, Belvedere, Wien © Belvedere Wien C. Herberth, Ferdinand Georg Waldmüller, um 1864, Fotografie, Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, Wien, © Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv, Wien 
Zwischen den beiden Porträts des Malers Ferdinand Georg Waldmüller liegen 36 schöpferische und rebellische Jahre. Rund 1200 Werke werden ihm zugeschrieben, über 70 davon sind im Besitz des Belvederes und 115 werden derzeit in einer von Sabine Grabner kuratierten Ausstellung im Unteren Belvedere gezeigt.

Ferdinand Georg Waldmüller, Beim Hufschmied, 1854, Öl auf Holz, 58 x 45,5 cm Privatbesitz 
Bescheiden chronologisch und nicht erzählerisch werden die Porträts, Landschaften und Genrebilder präsentiert. Und trotzdem zaubern sie allesamt Licht in die Ausstellungsräume. Viel Licht, für seine Zeit ungewöhnliche und extrem sozialkritische Sichtweisen und fotorealistische Bildqualität zeichnen Waldmüllers Werke aus. Mit dem hartnäckigen Mythos “von der guten alten Zeit” räumt die Ausstellung aber leider nicht auf. Auch dehalb ist eine durch Beliebigkeit glänzende “Opernballdebütantin” für die Werbung besser als die einzigartige Darstellung einer Hufschmiede.

Ferdinand Georg Waldmüller Maria Henrietta von Stierle-Holzmeister, Edle von Forstheim, geb. Mierck, die Mutter des Hauptmannes Joseph G. von Stierle-Holzmeister, um 1817 Öl auf Leinwand 54 x 41 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Berlin © bpk / Nationalgalerie, SMB, Foto: Jörg P. Anders Ferdinand Georg Waldmüller, Sitzendes Mädchen in weißem Atlaskleid, 1839, Öl auf Holz, 32 x 26,5 cm, Wien Museum, © Wien Museum Ferdinand Georg Waldmüller<br /> Die fürstlich Esterházysche Rat Mathias Kerzmann mit seiner zweiten Gattin, geb. Gräfin Majlath, und seiner Tochter Maria, 1835, Öl auf Leinwand 207 x 158 cm, Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Bereits 1817 malte Waldmüller so fotorealistisch, dass die fehlende Behübschung ins Auge springt, aber eine Interpretation der Dargestellten vermittelt, die zeitgleiche Porträts vermissen lassen. Genaues Betrachten zahlt sich bei Waldmüllers Werken immer aus. Sie sind mehr als Raumbehübscher oder Auftragswerke der abgebildeten reichen Klientel. Auch wenn der Verkaufsschlager “Mutterglück” schon fast als Waldmüller-Massenprodukt zu bezeichnen ist. Es wird immer eine Geschichte erzählt, die leider nicht oder nur in Ausnahmen und dann rudimentär an die BesucherInnen der Ausstellung weitergeben wird. Für die Provenienzforschung wichtige Fakten sind nämlich für eine besuchergerechte Präsentation zweitrangig. Eine Flut adliger, heute völlig belangloser Verwandtschaftsgrade ist nur für Kunsthistoriker und lebende Nachfahren interessant und für BesucherInnen entbehrlich. Die dargestellten Posen und Ausstattungen, Porträtierte im “Hausgewand” oder lümmelnde unreife Debütantinnen haben gesellschaftskritische Qualität. Auch die Fältelung des schimmernden Atlas besitzt Aussagekraft. Lässt er doch auf die sorgsame Behandlung des wertvollen Stoffes schließen und der Umgang mit dem auf dem Boden schleifenden kostbaren Schal sagt viel über das sorgenfreie Eheleben der viel zu jung erscheinenden Besitzerin aus. Es sind Fotografien in Öl. Manchmal hübsche, oft gepflegte, meist reich gekleidete Personen, die oft etwas Rotziges oder Inhaltsleeres an sich haben. Man vermeint zu bemerken, welche Klientel der auf Qualität und Erkenntnis fixierte Waldmüller aus finanziellen Gründen malte oder wie und warum er Personen ungeachtet üblicher Bildkompositionen entsprechend positioniert ins “passende” Licht rückte.

Ferdinand Georg Waldmüller, Lachender Bauernbursche, 1840, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm, Privatbesitz © Galerie Suppan, Wien Ferdinand Georg Waldmüller, Bautagelöhner erhalten ihr Frühstück, 1859/60, Öl auf Holz, 53 x 44 cm, Wien Museum © Wien Museum Ferdinand Georg Waldmüller Vorfrühling im Wienerwald, 1861 Öl auf Holz 52 × 66 cm Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Bei Waldmüller scheint alles aufgesetzte adelige oder bürgerliche Maske zu sein, die konträrer zur arbeitenden Natürlichkeit zu stehen scheint. Selbst die Beteiligten an einer Wohltätigkeitsveranstaltung wirken nicht uneigennützig freigiebig, sondern herablassend gönnerhaft und darauf bedacht Ansehen, Amt und Würde zu bewahren, während im Vordergrund die Kinder ausgelassene Freude zeigen. Es geht nicht um Würde, es geht ums nackte Überleben. Kinderarbeit, dürftig gekleidet, bei jedem Wetter und überall: Vom Lehrling, zum Tagelöhner bis zum Bettelkind. Und so schön das Bild mit den Veilchen pflückenden Kindern wirken mag, wer genau schaut, wird die Reisigbündel sehen. Wird wissen, dass die Kinder nicht zum Vergnügen im luftig frischen Frühlingswald sind. Hänsel und Gretel sind zum Holzklauben geschickt worden und die Veilchen bringen den jungen “Eliza Doolittles” als Knopflochblumen gutes Geld in der Stadt. Holzklauben gehen Frauen bis sie nicht mehr ohne Hilfe vom Wegesrand aufstehen können und nach ihrem Tagwerk am Kinderbett oder bei der Wallfahrt zusammenbrechen. In diesem Milieu ist der Soldatenrock keine für Geld kaufbare Ehre mit Aufstiegschancen. Es bedeutet den Verlust der Arbeitskraft am Hof und im schlimmsten Fall den Verlust eines Ernährers, dem die Delogierung und das Bettelelend bei der Klostersuppe folgen.

Ferdinand Georg Waldmüller, Die Erwartete, um 1860, Öl auf Holz, 81,1 x 63,2 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München Neue Pinakothek © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München Neue Pinakothek Ferdinand Georg Waldmüller Am Fronleichnamsmorgen, 1857 Öl auf Holz 65 × 82 cm Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Und immer wieder sind es das helle Sonnenlicht und die leuchtenden Farben Waldmüllers, die jede Szenerie zur authentischen Momentaufnahme machten. In Bescheidenheit, Frömmigkeit und im größten Elend sympathisch, ehrlich und uneigennützig. Ehrend für die eine Seite der Gesellschaft und entlarvend für die andere. Man muss(te) es allerdings einst und jetzt sehen wollen.

Ferdinand Georg Waldmüller Rosen, 1843 Öl auf Holz 48 x 39 cm Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz-Wien © Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz-Wien 
Stillleben laden immer zum Betrachten der Objekte und zum Analysieren einer tieferen Bedeutung ein. Bei Waldmüller ist es nicht anders, obwohl man immer den Verdacht hat, dass er gerade bei dieser Gattung seine unglaubliche Kunstfertigkeit unterschiedliche Materialien naturecht wiedergeben zu können unter Beweis stellen wollte. Man ist tatsächlich versucht in der Spiegelung des Silbers den abgebildeten Raum zu erkennen und überlegt ob Mattigkeit des Objektes etwas mit der Oberflächenstruktur der Farbe zu tun hat. Allerdings werden wohl viele BesucherInnen an der Beschreibung “Biskuit” scheitern, weil sie statt nach dem Porzellanobjekt nach dem Keks suchen werden. Widererkennen ist etwas, was bei Waldmüller Spaß macht. Wie oft hat er wohl den roten Sessel auf dem auch seine zweite Frau posiert, verwendet? Aber unterhaltsame und damit kunsthistorisch unwürdige Details werden in Ausstellungen nie aufgegriffen. Schade, das ist verschenktes Potential aus der Realienkunde.

Ferdinand Georg Waldmüller Große Praterlandschaft, 1849 Öl auf Holz 64,5 x 91,5 cm Belvedere, Wien © Belvedere Wien 
Waldmüller besaß die unglaubliche Fähigkeit quer durch die Jahreszeiten im hellsten Licht Landschaften zu malen, die ausschauen als ob man sie jederzeit betreten könnte. Wenn seine Bilder Türen ins 19. Jahrhundert wären, wären diese (fast) menschenfreien Zonen, die einzigen die ich persönlich durchschreiten wollte. Was bleibt, ist die Möglichkeit die Türen des Belvedere zu durchschreiten und eine gut bestückte Waldmüller-Ausstellung zu besuchen.
Ein echter Pflichtbesuch, den man ob der Kargheit der Informationen besser mit einer hoffentlich kritischeren Führung (Sa, So, Fei 15:00 Uhr) oder einem “Frühstück im Grünen” (3. Juni bis 13. September 10:00-11:30 Uhr Sektfrühstück, 11.30-12:30 Führung, Anmeldung erforderlich) verbinden sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)
Belvedere
9. Juni bis 11. Oktober ’09

Zur Ausstellung ist ein umfassender Katalog (siehe Rezension) erschienen:

Fedrinand Georg Waldmüller Agnes Husslein-Arco, Sabine Grabner (Hgg.) Ferdinand Georg Waldmüller

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Geografische Kostbarkeiten

Mittwoch, 29. April 2009

Notiz

Annäherung an die Ferne
Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

ÖNB Prunksaal
24. April bis 8. November ‘09

Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

Weltkarte, Joan Blaeu, Nova Et Accuratissima Totius Terrarum Orbis Tabula …, Amsterdam 1662 © OeNB

Es ist doch immer wieder erstaunlich, was aus dem Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek für kurze Zeit ans Licht gezaubert wird. Jenes Licht, das für die kostbaren Objekte auf Dauer so schädlich ist, dass sie dem staunenden Publikum nur selten präsentiert werden können, um ihre Brillanz auch für die nächsten Generationen zu erhalten.

Titelblatt mit Afrika-Karte Antonio Fracanzano da Montalboddo (Hrsg.), Mailand 1508 © OeNB Afrika, Asien und Amerika sind die Stationen der Ausstellung, die der Gliederung des berühmten 11-bändigen Atlas Major (1662) von Joan Blaeu folgt.

Tulpe La Grande Sultane, Nicolas Robert, [1650 - 1655]  (Ausschnitt) © OeNBUnd von frühen Berichten bis zum begehrten Sammelobjekten aus fernen Ländern reicht.

Asiatische Kostbarkeiten Frederick de Wit, Indiae Orientalis, Amsterdam um 1680 (Ausschnitt aus Indiae Orientalis) © OeNB Sie sind einzigartig. Sie sind selten oder nie zu sehen. Alles gute Gründe die Ausstellung zu besuchen. Aber der beste Grund ist, dass die Ausstellung exzellent kuratiert wurde. Es werden fantastische Geschichten über Sichtweisen und ihre Veränderungen offenbart. Es wird deutlich herausgearbeitet wie die Welt langsam immer größer wurde und wie das Unbekannte dieser Welt immer schneller weniger wurde.

Insel Makian Joannes Vingboons, In: Altlas Blaeu-Van der Hem, Band 40, Amsterdam um 1670 © OeNB Und nicht zuletzt wird deutlich, wie nahe sich Wissenschaft, Kunst, Sammelleidenschaft und Geheimhaltung kommen können. Nur kurze Zeit ist eine Seite aus dem 50-bändigen ”Atlas Blaeu-Van der Hem” zu sehen, der alles dies in sich vereint. Seit 2003 steht das Monumentalwerk einer Sammlerleidenschaft - die auch geheimes Material einschloss - auf der UNESCO-Liste Memory of the World als Weltdokumentenerbe.

Titelblatt David Fabricius, Korte Beschryvinge van West Indien, Hamburg 1612 © OeNB Geografie, Topografie, kulturelle, wirtschaftliche, politische und naturwissenschaftliche Betrachtungen wurden in Karten und Tagebüchern aufgezeichnet. Einige vermischten Fundiertes und Fiktion, andere hielten sich strikt an das Beobachtete.

Insel Gungong Api Amsterdam um 1670 (Ausschnitt aus der Karte der Banda Inseln) © OeNB Und auch funktionale Land- und Seekarten überschreiten oft die Grenze zur fiktionalen Kunst. Und genau das ist es, was das ausführliche Betrachten selbst für Laien so spannend macht. Jedes Objekt lädt zum intensiven Hinschauen ein. Unendliche Details können entdeckt werden. Details, die nicht nur Verzierung waren, sondern Bezüge zum damaligen Geschehen, den Auftraggebern und Benutzern herstellen.

Karte der Banda Inseln Amsterdam um 167 (Ausschnitt aus der Karte der Banda Inseln) © OeNB Schiffe, die beflaggt und unter vollen Segeln Kanonen abfeuern.

Afrika Willem Janszoon Blaeu, Africae nova descriptio, Amsterdam 1617 (Ausschnitt) © OeNB Schiffe, die mit vollen Segeln Fahrt aufnehmen.

Afrika Willem Janszoon Blaeu, Africae nova descriptio, Amsterdam 1617 (Ausschnitt) © OeNB Seeungeheuer, die den Längengrad durchschwimmen.

Kanada Novae Franciae Accurata Delineatio, Francesco Giuseppe Bressani, Paris 1657 © OeNB Einheimische in ihren Booten , die sich auf die offene See wagen.

Sergipe (Brasilien) Georg Marggraf In: Joan Blaeu, Atlas Maior, Amsterdam 1662 (Ausschnitt) © OeNB Tiere, die faszinierten oder als landestypisch angesehen wurden.

Pirat in der Karibik Alexandre Olivier Exquemelin, Histoire Des Avanturiers, Paris 1686 © OeNB Natürlich auch die unvermeidlichen Piraten, die bis heute ein Problem der Seefahrt sind, in zeitgenössischen Bildern.

Männer aus Cochin India Maior, Hand Burgkmaier d. Ä., Oppenheim 1509 (Ausschnitt) © OeNB Und besonders spannend sind Berichte und Bilder über ferne Kulturen und fremde Völker. Erstaunlich ist, dass zunächst noch wertfrei abgebildet wird. Weniger überraschend wie schnell sich der Wandel vollzieht und Verachtung, Sklaverei und Völkermord dominieren.

Unglaublich faszinierend, eindrucksvoll und ewig schade, wenn man den Besuch verpasst.

© S. Strohschneider-Laue

Annäherungen an die Ferne: Geografische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek

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Wiener Wirtshauskochbuch

Dienstag, 28. April 2009

Non-Fiction

Christian Hauenstein, Klaus Kamolz, Ingo Pertramer
Wiener Wirtshaus Kochbuch
Metroverlag 2009, 160 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 9025 1782 1

Wiener Wirtshaus Kochbuch  Wiener Wirtshauskochbuch

Ein Wiener, ein Kärntner und Salzburger gehen in Wien zum Wirten… Und herauskommt kein Witz, sondern ein Buchschmankerl! Stammtisch, Menutafel und Speisen in feinsten Nahaufnahmen, Storys zum Einlesen und Rezepte zum Nachschmecken. Ein geniales viergängiges Menu plus Lesevergnügen nach Wiener Art für daheim - wo immer das auch sein mag.

Noch bevor ganz wienerisch aufgekocht wird, gibt es einen guten historischen Überblick zum Wiener Wirtshaus. Und vieles ist bis heute gleich geblieben, vor allem wenn es um die Wandlungsfähigkeit geht. Oder die Tatsache, dass im 19. Jahrhundert in 83 von 155 Neulerchenfelder-Häusern ein Ausschank zu finden war. Viel Unterschied ist das meines Erachtens nicht, wenn man bedenkt, dass heute rund 800 Wirtshäuser in Wien um Gäste buhlen. Und trotz der Veränderungen in den Lebensgewohnheiten und der wachsenden Vielfalt internationaler Restaurants, ist das Wiener Wirtshaus mit seiner Speisekarte und Ausstattung sich selbst und damit die Kundschaft ihm treu geblieben.

Holzverkleidung an den Wänden, Schiffboden, Holztische mit Menagerie (Zahnstocher, Salz, Pfeffer und Maggiflasche), Extrazimmer mit Tischdecken und die Budel (Tresen) mit Vitrine in der sich Pez, Mannerschnitten und Bensdorp Schokoladeriegel stapeln, sind nicht nur Erinnerungen an vergangene Kindheitstage. Erinnerungen, die geprägt sind von fetten Suppen, riesigen Fleischportionen - bei denen knackiges Gemüse Nebensache aber gut Verkochtes mit Einbrenn Hauptsache war - und dem süßen Salat, der die Vitamine beisteuerte. Und unvergessen sind die Süßspeisen, die das von mir ungeliebte Beuschl perfekt ersetzten. Auch wenn sich die Portionen in Größe und Fettanteil an den heutigen Kundenwunsch angepasst haben, sind die Optik und die Angebote doch die alten geblieben und sie erfreuen sich einer erstaunlichen Renaissance in der jungen Wiener Szene.

150 Rezepte zum problemlosen Nachkochen typischer Suppen, Vorspeisen, Hauptspeisen und den unverzichtbaren Nachspeisen enthält die Sammlung. Alle wohl gegliedert und in typisch österreichischem Sprachgebrauch (Erdäpfel, Paradeiser, Semmelbrösel, Schwammerl) vorgestellt. Wientouristen schon deshalb dringend zu empfehlen; denn internationale Stadtkultur unterscheidet sich inzwischen fast nur noch durch Essen und Sprachgebrauch von den allweltlichen touristischen Beliebigkeiten. Aber keine Sorge, das Glossar hilft weiter, wo das Wörterbuch Deutsch-Österreichisch versagt. Und was haben die Einheimischen - gemeint sind alle ÖsterreicherInnen und nicht nur die WienerInnen - davon? Ganz ehrlich, wer weiß noch, wie man Kalbsbries, Fiakergulasch, Linsen mit Knödel, Polsterzipfe oder gefüllte Dalken zubereitet? Schließlich geht man für den Genuss dieser Speisen ins Wirtshaus. Nein nicht nur, man hat das Buch zum Nachschlagen im Kochbuchregal stehen, fährt mit dem Finger die Zeilen im Register hinunter und überrascht seine Gäste mit einem unüblichen Essen, das nicht wie üblichen aus dem Wok oder vom Raclettegrill stammt.

Erfrischend zeitgeistig und unverschnörkelt präsentieren sich Buch und Inhalt. Zum übersichtlich gegliederten und großzügigen Layout gesellen sich die etwas anderen Porträts von Ingo Pertramer. Er hat mit seinen Fotos auf das Wirtshausdetail geschaut. Es gibt zwar zur Kapiteleinleitung auch das eine oder andere Supperl, Fleischstück oder Knöderl zu sehen, aber eigentlich steht das Ambiente mit seiner unverkennbaren Ausprägungen im Mittelpunkt. Es geht nicht um plastifizierte Food-Fotografie essensähnlicher Pappendeckel, sondern um das Brotkörberl, die Kleiderhaken, die Emailschilder und die handbeschriebene Menuetafel.

Köstlich, ich habe mich schon lange nicht mehr an einem Kochbuch mit einem solchen Appetit voll-gelesen, genuss-gesehen und satt-gegessen. Ich werde wohl meinem kochenden Freundeskreis und meine deutsche Verwandtschaft mit einem Karton Wiener Wirtshauskochbücher beglücken. Bei diesem günstigen Buchpreis bleibt mir sogar noch genug übrig, um mir ein Seiderl, Erdäpfelgulasch und Palatschinken servieren zu lassen.

Mahlzeit!

© S. Strohschneider-Laue

Wiener Wirtshauskochbuch

Gastmahl | Ama/Koch/zon/e
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Wienerwald NEU(lich)

Samstag, 18. April 2009

Notiz

Wienerwald NEU(lich)

Wienerwald 2009 © S. Strohschneider-Laue

Vieles wird neu in Österreich.
Noch mehr wird umgefärbt in Österreich.
Und alles ist ganz anders in Wien.

Wenn das Eine allgemein auffällig Mist gebaut hat, bekommt es einfach “NEU” voran gestellt und/oder wird frisch eingefärbt. Das wurde bei Vereinigungen der Politik, Verbänden der Interessen und Verwaltungen des Geldes bereits im Sinne des “Gleich-Anders” praktiziert.

Das Frühjahr ist endlich gekommen und die WienerInnen strömen in ihren Hauswald. Und damit sie dort wieder herauskommen und weiter brav Steuern zahlen, um die TEuro-Finanzierung von Vereinigungen, Verbänden und Verwaltungen zu gewährleisten, wurden die Wanderwege frisch markiert bzw. neu eingefärbt.

Ob es die richtigen Wege zum Ziel sind, wird sich erst in langfristigen Feldversuchen am lebenden Subjekt bzw. toten Objekt zeigen. Verantwortungsbewusste, überlebende BügerInnen verhindern in diesem Wienerwaldachterl schon jetzt die Verschwendung von Steuergeldern für regelmäßige Suchtrupps durch die warnende Zusatzinfo “IRRWEG”. Schade, dass das bei Gleich-Anderem kaum möglich ist.

Ungeklärt ist, ob die alte Einritzung unterhalb der Bemalung und oberhalb des linksgerichteten Pfeils “Vu” oder “Vv” bedeutet. Möglich sind (je nach PISA-Stand):
Voll unterirdisch
Veg unbrauchbar
Viel Unbill
Voll valsch
Veg verfehlt
Viel Vorsicht

© S. Strohschneider-Laue

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