
Feminismus ist nicht neu

Begrüßung und Eröffnung
Der Women’s World Congress (4. bis 5. März ‘09) im Wiener Rathaus muss sich gefallen lassen, schlecht beworben worden zu sein. Er hat nämlich seine Zielgruppe nicht erreicht. Wie von etlichen Frauen, die auch nur durch diverse Zufälle vom Kongress erfahren hatten, bemerkt wurde. Zumindest wurden Frauen nicht am ersten Tag herbeigelockt - und übrigens auch nicht am zweiten. Und da nutzte auch die enorme Zeitverzögerung zu Beginn nichts, die ging nur zu Lasten des ersten Themenblockes. Der Festsaal blieb zu leer und er wurde noch wesentlich leerer als die Journalisten nach der Eröffnung ebenso verschwanden wie die Stadträtin für Frauenfragen und nach der Pause die hinteren Stuhlreihen.

Feminismus im Wandel:
Brauchen wir einen “neuen” Feminismus?
Schön ist, dass sich der Feminismus trotzdem nicht umbringen lässt - auch wenn das natürlich nicht Ziel der ansonsten sehr engagierten Veranstaltung ist, sondern das genaue Gegenteil. Feminismus lässt sich auch nicht umbenennen. Auch wenn die Politik es gerne sähe, wenn das Wörtchen “neu” davor stünde. Etwa so wie beim ÖGB “neu” von allerlei ablenken soll. “Neu” macht es zum Beispiel nämlich nicht besser, dass Österreich beim Einkommen der Frauen fast das Letzte ist. Also um genau zu sein: Österreich rangiert an unter den EU-Ländern an 26. Stelle, was zahlenmäßig fast deckungsgleich mit 25,5% weniger Lohn für Frauen ist. Die feurige Eröffnungsrede von Stadträtin Sandra Frauenberger in der “neu” eine tragende Rolle spielte, stieß deshalb nicht auf ungeteilte Zustimmung im Laufe der Veranstaltung. Wie besonders eloquent von Sibylle Hamann zusammengefasst wurde, dass für feministische Anliegen “neu” nicht kennzeichnend sei. Mal ganz abgesehen davon, was war denn am “alten” Feminismus so schlecht, wenn er uns Frauen doch soviel gebracht hat, dass wir “neu”erdings wieder verlieren? Mal abgesehen davon, dass der alte Feminismus noch so viele offene Forderungen hat.

Multikulturalität und Feminismus:
Wo bleiben die Migrantinnen?
Der Unterschied zu den “alten” Zeiten, die noch gar nicht lange her sind, ist, dass sich in der Forschung viel getan hat; Gender Mainstreaming macht den Inhalt verwaltbar, ändert aber nichts an der Realität. Und nichts scheint ein erfreuliches Ergebnis zu bieten. “Männer sind noch immer nicht kinderlos” wie Alexandra Weiss treffend zu hierarchischer Heterosexualität und dem konservativem Bild als Rettungsanker bemerkte. Dass es Männer mit Feminismus wirklich schwer haben, legte Erich Lehner dar. Die Privilegierten, haben eine interne Hackordnung, die den Nährboden für die geringe Präsenz in der Familie, geringe Lernintention, Konkurrenzstress und Gewaltneigung bietet. Da kann man ganz schnell vom Alpha zum Omega werden, wenn man bei der Familienarbeit in die Pflicht genommen wird.
Dass der moderne Feminismus nicht mehr auf die Straße geht wurde bei der Vorstellung des Missy Magazine durch Stefanie Lohaus deutlich. Missy dient nicht der Selbstverbesserung, sondern unter anderem Vielfalt sichtbar zu machen. Sehr gut, denn die Anliegen des Feminismus sind ebenso vielfältig, wie die Frauen selbst. Ich werde mir die neue Ausgabe zu legen, denn allein der Spruch “Missy ist gut, nicht ‘obwohl’, sondern ‘weil’ es von Feminismus handelt” so genial. Junges - nicht “neues” - feministisches Engagement findet über Publikationen, im Internet statt und es geht frische, engagierte, selbstbestimmte Wege wie Amanda Ruf aufzeigte, denn kein Mädchen ist wie Barbie.

Barbie weint nicht
Das Motto unter dem die 10 “Barbie”-Kuben der Ausstellung anlässlich der 10 Jahre ”Amazone” stehen. Die Bemerkung, dass es eine Angela-Merkel-Barbie gäbe, löste allerdings bei mir folgende feministische Assoziation aus: Wird Barbies Ken zu Helmut Kohl?
Eine Forderung des “neuen” Feminismus ist es, die Migrantinnen zu berücksichtigen. Als ob Feminismus Frauen klassifizieren würde. Migrantinnen sind kein monolithischer Block. Es geht nicht um feministische Missionierung. Es geht um pluralistische Betrachtung. Wobei eine Selbstreflexion der weißen Frauenbewegung nie schaden kann, wenn es um Farbe bekennen geht, wie Belinda Kazeem formulierte.

Gewalt, Geschlecht, Kultur:
Wege aus der Sackgasse
Menschenhandel und Sklaverei sind ein massives Problem. Kinder, Frauen und Männer sind davon betroffen. Und es fand gestern, findet gerade jetzt und morgen statt, überall, jederzeit, immer wieder und unvorstellbar grausam in seiner Menschenmassen (12 Millionen!) traumatisierenden Vielfalt. Und wieder sind die meisten Opfer Frauen. Opfer, Überlebende und überraschend häufig Täterinnen. Häufiger als in allen anderen Formen der Gewalt. Joana Adesuwa Reiterer beleuchtete die (Un)Perspektive der Opfer:
Glaubt mir jemand?
Wird mir geholfen?
Wem kann ich trauen?
Schadet es meiner Familie?
Männer sind Konsumenten und dadurch Förderer der sexuellen Ausbeutung. Und Vergewaltigung ist das größte Kriegsverbrechen. Edith Schlaffer weist daher deutlich darauf hin, dass Sicherheit ein abstrakter Begriff ist und dass Angriff die beste Verteidigung ist. Und der stete Angriff hat mit Worten zu erfolgen und nicht mit Waffen oder Schweigen. Deshalb sollten alle Menschen sich die Worte von Betty Williams zu Herzen zu nehmen: Nicht schweigen, aufzeigen, reden, Verständnis für einander erwirken, aufklären und vor allem sofort aktiv werden. Ihr Wunsch ist es, dass Frauen nach diesem Kongress dazu motiviert sind.
Das ist auch mein Wunsch und hoffentlich werden am zweiten Tag mehr Frauen erreicht.
Und um noch einmal die treffsichere Sybille Hamann zu zitieren:
Feminismus macht das Leben schöner.
Feminismus tut nicht nur Frauen gut.
Feminismus bringt handfeste ökonomische Vorteile.
Ohne Feminismus verschwenden wir Ressourcen.
© S. Strohschneider-Laue
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