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Wienerwald NEU(lich)

Samstag, 18. April 2009

Notiz

Wienerwald NEU(lich)

Wienerwald 2009 © S. Strohschneider-Laue

Vieles wird neu in Österreich.
Noch mehr wird umgefärbt in Österreich.
Und alles ist ganz anders in Wien.

Wenn das Eine allgemein auffällig Mist gebaut hat, bekommt es einfach “NEU” voran gestellt und/oder wird frisch eingefärbt. Das wurde bei Vereinigungen der Politik, Verbänden der Interessen und Verwaltungen des Geldes bereits im Sinne des “Gleich-Anders” praktiziert.

Das Frühjahr ist endlich gekommen und die WienerInnen strömen in ihren Hauswald. Und damit sie dort wieder herauskommen und weiter brav Steuern zahlen, um die TEuro-Finanzierung von Vereinigungen, Verbänden und Verwaltungen zu gewährleisten, wurden die Wanderwege frisch markiert bzw. neu eingefärbt.

Ob es die richtigen Wege zum Ziel sind, wird sich erst in langfristigen Feldversuchen am lebenden Subjekt bzw. toten Objekt zeigen. Verantwortungsbewusste, überlebende BügerInnen verhindern in diesem Wienerwaldachterl schon jetzt die Verschwendung von Steuergeldern für regelmäßige Suchtrupps durch die warnende Zusatzinfo “IRRWEG”. Schade, dass das bei Gleich-Anderem kaum möglich ist.

Ungeklärt ist, ob die alte Einritzung unterhalb der Bemalung und oberhalb des linksgerichteten Pfeils “Vu” oder “Vv” bedeutet. Möglich sind (je nach PISA-Stand):
Voll unterirdisch
Veg unbrauchbar
Viel Unbill
Voll valsch
Veg verfehlt
Viel Vorsicht

© S. Strohschneider-Laue

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Film: Mobiles Caritas Hospiz

Mittwoch, 01. April 2009

Notiz

Die fallenden Blätter geben dem Wind die Gestalt - Film
20 Jahre Mobiles Caritas Hospiz
Ein Film von Herbert Link 2008, Dt., Engl., Gehörlosen Fassung, ca. 40′, Booklet 20 S.

Die Hospizbewegung existiert seit über vierzig Jahren. Vor zwanzig Jahren hat man die Idee des “Leben bis zuletzt” außerhalb von Heil- und Pflegeanstalten auch in Österreich aufgegriffen. Der unheilbare, sterbende Mensch und seine Angehörigen bilden den Mittelpunkt. Ihnen zur Seite steht ein interdisziplinäres Team von Angestellten und Freiwilligen, das sich durch gute Kenntnisse der Symptomkontrolle und kontinuierliche Verfügbarkeit auszeichnet.

Zwanzig Jahre Mobiles Caritas Hospiz sind der Anlass für den Film “Die fallenden Blätter geben dem Wind die Gestalt”. Der Hauptfilm gliedert sich in zwei Kapitel, die sich der “Zeit des Aufbruchs” und der Frage nach dem “Wie es geworden ist” annehmen. Wer einen Betroffenheitsfilm erwartet, irrt. Es geht um eine Bestandaufnahme, um Tatsachen. Es geht nicht um abstrakte Möglichkeiten, sondern konkrete Situationen und Menschen, die sie gemeinsam tragen. Krankheit, Leid und langsames Sterben betreffen Viele und vielleicht gehört man selbst eines Tages dazu. In Zeiten aufbrechender sozialer Netze, sind es nicht “nur” die verwaisten Alten. Und der soziale Tod tritt für die meisten früher ein als der physische, weil man unbequem für die Spaßgesellschaft und uninteressant für die Erwerbswelt wird.

Mit viel Gespür - also auch so mit ausreichend Zeit und Respekt  - für persönliche Belange werden die Statements von Betreuenden, Angehörigen und Patienten von Herbert Link eingeholt. Eingeblendete Fotos, unterstreichen durch ihre Schwarzweiß-Optik die Distanz zwischen Leben und Tod. Rasche Wechsel zwischen den Stellungnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven geben dem Film über das würdevolle Sterben jene lebendige Note, die dem Hospiz-Motto “Ja zum Leben ist kein Nein zum Lebensende” entspricht. Die Goldberg-Variationen von Bach, die von Gerda Zens interpretiert wurden, begleiten den Film. Sie gaben Manfred Dvorak, der seine Frau bis zu ihrem Tod zuhause betreute, Kraft. Ein Zitat aus seinem Tagebuch wurde zum Filmtitel. Das mit dem Mund gemalte Bild eines Baumes Walter Sikula ziert die DVD.

Zu Wort kommen in diesem Pflichtfilm Hildegard Teuschl (Hospiz-Expertin, Krebspatientin, 1937-2009), Walter (ALS-Patient) und Elfriede Sikula, Petra (Krebspatientin, 1970-2005) und Manfred Dworak, Franz Zdrahal (Ärztl. Leiter Caritas Wien), Rudi Babits (Caritas-Hospizarzt), Kurt Alker (Caritas-Hospizarzt), Klaus Schweiggl (Hospiz-Seelsorger), Agnes Glaser-Hekman (Caritas-Hospizschwester), Franz Eder (ehrenamtlicher Hospizbegleiter), Claudia Chizzali-Bonfadin (Ärztin, Mobiles Caritas Hospiz), Tilli Egger (Strahlen- und Psychotherapeutin, Hospiz-Förderin) , Christian Metz (Theologe, Ausbildungsleiter Kardinal-König-Haus).

Der fünfminütige Zusatzfilm ist SR Mag.a Hildegard Teuschl CS (1937-2009) gewidmet. Ihr Name ist untrennbar mit der Hospizbewegung in Österreich verbunden. Die Vorkämpferin wurde 2007 selbst zur unheilbaren Patientin. Ihre Insider-Kenntnis als Hospizinitiatorin ist in Kombination mit ihrem Erfahrungsbericht als betroffene Patientin ein unermessliches Erbe an Offenheit und Ehrlichkeit an Jene, die die Hospizbewegung in Österreich ohne sie weitertragen. Ihre Hoffnung und Stärke, aber auch ihre Angst und Sorge werden durch die Totentanz-Grafiken von Herwig Zens, die das Interview optisch gliedern, zur Passion.

Besser hätte man 20 Jahre Mobiles Caritas Hospiz nicht zeigen können.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe dazu auch:
Ein “…ganz langsamer Walzer”, Film (30′) über das Wirken der Hospiz-Pionierin Sr. Hildegard Teuschl CS. Der Film ist absofort bei avp Link erhältlich.
Würdig leben bis zum letzten Augenblick: Idee und Praxis der Hospiz-Bewegung
Hospizpraxis: Ein Leitfaden für Menschen, die Sterbenden helfen wollen
Leitfaden Palliativmedizin - Palliative Care
Palliative Care: Handbuch für Pflege und Begleitung
Erfülltes Leben - würdiges Sterben
Sterbende begleiten lernen. Mit CD-ROM: Das Celler Modell zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Sterbebegleitung
Sterbebegleitung: Hilfen zur Pflege Sterbender
Sterben, Tod und Trauer: Handbuch für Begleitende

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Wiener Aktion 2009

Montag, 23. März 2009

Notiz

Hundstrümmerlkunst (A)/Hundehaufenkunst (D) in der zweiten Runde

Wiener Aktion 2009 © S. Strohschneider-Laue

Nach dem Aufflammen des Wiener Aktionismus 2008 wurde neulich eine weiteres Statement fotografisch dokumentiert. Nun ist Hundstrümmerlkunst keine Singularität mehr. Die Straßenszene hat die bürgerliche Empörung endgültig aufgespießt. Mit für Wiener Verhältnisse vehementer Eigendynamik (immerhin liegt erst ein Jahr zwischen dieser und der ersten Beobachtung) kam es daher zur bezirksübergreifender Spontansolidarität. Vom 16. auf den 7. übertragen, ist es nur noch eine Frage der Zeit bis die Wiener Innenstadt um eine flexible Attraktion reicher wird.

Eine neuerliche Stellungnahme des künstlerischen Leiters der Halle zu dieser Kunstform fiel nach einem Jahr tiefer Gedankenkrise überraschend aus, denn ”…seine Vorstellung von Kunst hat das virtuell Unfassbare hinter sich gelassen und bedient sich jetzt aus dem reichen Fundus ungeschützter freier Ideen junger Ungenierter…”

Eine Stellungnahme seitens kommunal Engagierter konnte wieder nicht eingeholt werden. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass Bürgernähe in Zeiten der Krise nicht notwendig sei, da wir ohnedies alle im selben Rinnstein lägen. Die Kommission, die bereits die letzte Aktion aufgriff, hat jetzt den undotierten “Rinnstein”-Wettbewerb ausgeschrieben. Die nicht unbeträchtliche Teilnahmegebühr soll - nach Abgeltung der Sitzungstantiemen für Funktionsträger aus Politik und Wirtschaft - an jene KünstlerInnen refundiert werden, die für die Kommission bisher gratis Ideen und Entwürfe geliefert haben.

Übrigens: Die minderjährigen Schaschlikspießschnitzer in Südostasien bleiben von etwaigen Nutzungsrechten ausgeschlossen und das Spießchen ist ab sofort unter Denkmalschutz gestellt.

© S. Strohschneider-Laue

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Galerie Gulliver

Dienstag, 10. März 2009

Notiz

Von der großen Kunst im kleinen Raum

Galerie Gulliver © Inge Link

So manches Großes in der Welt der Kunst ist einfach nur aufgeblasen. Und wenn man genauer schaut, ist ganz schnell die Luft raus.

Andererseits hat so manches Kleine in der Welt der Kunst die Kunst für sich entdeckt wirklich größer zu sein als der umgebende Raum. Und wenn man genauer schaut, ist man immer noch draußen und trotzdem schon mittendrin.

Der Ausstellungsraum (B80 x T34 x H20 cm) der Galerie Gulliver ist hiermit für den RDG-Award “Größte unter den kleinsten Galerien” nominiert. Sponsoren für den soeben geschaffenen RDG-Award werden noch gesucht. Von der RDG (=Relativität der Größe) des Sponsorings hängt die Umbenennung des Awards nach Wünschen des Hauptsponors und unter Rücksichtnahme auf bereits rechtlich geschützte Namen wie BASTA, Pasta oder Oscar ab.

© S. Strohschneider-Laue

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Women’s World Congress

Donnerstag, 05. März 2009

Notiz

Feminismus ist nicht neu


 
Begrüßung und Eröffnung

Der Women’s World Congress (4. bis 5. März ‘09) im Wiener Rathaus muss sich gefallen lassen, schlecht beworben worden zu sein. Er hat nämlich seine Zielgruppe nicht erreicht. Wie von etlichen Frauen, die auch nur durch diverse Zufälle vom Kongress erfahren hatten, bemerkt wurde. Zumindest wurden Frauen nicht am ersten Tag herbeigelockt - und übrigens auch nicht am zweiten. Und da nutzte auch die enorme Zeitverzögerung zu Beginn nichts, die ging nur zu Lasten des ersten Themenblockes. Der Festsaal blieb zu leer und er wurde noch wesentlich leerer als die Journalisten nach der Eröffnung ebenso verschwanden wie die Stadträtin für Frauenfragen und nach der Pause die hinteren Stuhlreihen.


  
Feminismus im Wandel:
Brauchen wir einen “neuen” Feminismus?

Schön ist, dass sich der Feminismus trotzdem nicht umbringen lässt - auch wenn das natürlich nicht Ziel der ansonsten sehr engagierten Veranstaltung ist, sondern das genaue Gegenteil. Feminismus lässt sich auch nicht umbenennen. Auch wenn die Politik es gerne sähe, wenn das Wörtchen “neu” davor stünde. Etwa so wie beim ÖGB “neu” von allerlei ablenken soll. “Neu” macht es zum Beispiel nämlich nicht besser, dass Österreich beim Einkommen der Frauen fast das Letzte ist. Also um genau zu sein: Österreich rangiert an unter den EU-Ländern an 26. Stelle, was zahlenmäßig fast deckungsgleich mit 25,5% weniger Lohn für Frauen ist. Die feurige Eröffnungsrede von Stadträtin Sandra Frauenberger in der “neu” eine tragende Rolle spielte, stieß deshalb nicht auf ungeteilte Zustimmung im Laufe der Veranstaltung. Wie besonders eloquent von Sibylle Hamann zusammengefasst wurde, dass für feministische Anliegen “neu” nicht kennzeichnend sei. Mal ganz abgesehen davon, was war denn am “alten” Feminismus so schlecht, wenn er uns Frauen doch soviel gebracht hat, dass wir “neu”erdings wieder verlieren? Mal abgesehen davon, dass der alte Feminismus noch so viele offene Forderungen hat.


 
Multikulturalität und Feminismus:
Wo bleiben die Migrantinnen?

Der Unterschied zu den “alten” Zeiten, die noch gar nicht lange her sind, ist, dass sich in der Forschung viel getan hat; Gender Mainstreaming macht den Inhalt verwaltbar, ändert aber nichts an der Realität. Und nichts scheint ein erfreuliches Ergebnis zu bieten. “Männer sind noch immer nicht kinderlos” wie Alexandra Weiss treffend zu hierarchischer Heterosexualität und dem konservativem Bild als Rettungsanker bemerkte. Dass es Männer mit Feminismus wirklich schwer haben, legte Erich Lehner dar. Die Privilegierten, haben eine interne Hackordnung, die den Nährboden für die geringe Präsenz in der Familie, geringe Lernintention, Konkurrenzstress und Gewaltneigung bietet. Da kann man ganz schnell vom Alpha zum Omega werden, wenn man bei der Familienarbeit in die Pflicht genommen wird.

Dass der moderne Feminismus nicht mehr auf die Straße geht wurde bei der Vorstellung des Missy Magazine durch Stefanie Lohaus deutlich. Missy dient nicht der Selbstverbesserung, sondern unter anderem Vielfalt sichtbar zu machen. Sehr gut, denn die Anliegen des Feminismus sind ebenso vielfältig, wie die Frauen selbst. Ich werde mir die neue Ausgabe zu legen, denn allein der Spruch “Missy ist gut, nicht ‘obwohl’, sondern ‘weil’ es von Feminismus handelt” so genial. Junges - nicht “neues” - feministisches Engagement findet über Publikationen, im Internet statt und es geht frische, engagierte, selbstbestimmte Wege wie Amanda Ruf aufzeigte, denn kein Mädchen ist wie Barbie.


Barbie weint nicht

Das Motto unter dem die 10 “Barbie”-Kuben der Ausstellung anlässlich der 10 Jahre  ”Amazone” stehen. Die Bemerkung, dass es eine Angela-Merkel-Barbie gäbe, löste allerdings bei mir folgende feministische Assoziation aus: Wird Barbies Ken zu Helmut Kohl?

Eine Forderung des “neuen” Feminismus ist es, die Migrantinnen zu berücksichtigen. Als ob Feminismus Frauen klassifizieren würde. Migrantinnen sind kein monolithischer Block. Es geht nicht um feministische Missionierung. Es geht um pluralistische Betrachtung. Wobei eine Selbstreflexion der weißen Frauenbewegung nie schaden kann, wenn es um Farbe bekennen geht, wie Belinda Kazeem formulierte.


 
Gewalt, Geschlecht, Kultur:
Wege aus der Sackgasse

Menschenhandel und Sklaverei sind ein massives Problem. Kinder, Frauen und Männer sind davon betroffen. Und es fand gestern, findet gerade jetzt und morgen statt, überall, jederzeit, immer wieder und unvorstellbar grausam in seiner Menschenmassen (12 Millionen!)  traumatisierenden Vielfalt. Und wieder sind die meisten Opfer Frauen. Opfer, Überlebende und überraschend häufig Täterinnen. Häufiger als in allen anderen Formen der Gewalt. Joana Adesuwa Reiterer beleuchtete die (Un)Perspektive der Opfer:
Glaubt mir jemand?
Wird mir geholfen?
Wem kann ich trauen?
Schadet es meiner Familie?

Männer sind Konsumenten und dadurch Förderer der sexuellen Ausbeutung. Und Vergewaltigung ist das größte Kriegsverbrechen. Edith Schlaffer weist daher deutlich darauf hin, dass Sicherheit ein abstrakter Begriff ist und dass Angriff die beste Verteidigung ist. Und der stete Angriff hat mit Worten zu erfolgen und nicht mit Waffen oder Schweigen. Deshalb sollten alle Menschen sich die Worte von Betty Williams zu Herzen zu nehmen: Nicht schweigen, aufzeigen, reden, Verständnis für einander erwirken, aufklären und vor allem sofort aktiv werden. Ihr Wunsch ist es, dass Frauen nach diesem Kongress dazu motiviert sind.

Das ist auch mein Wunsch und hoffentlich werden am zweiten Tag mehr Frauen erreicht.

Und um noch einmal die treffsichere Sybille Hamann zu zitieren:
Feminismus macht das Leben schöner.
Feminismus tut nicht nur Frauen gut.
Feminismus bringt handfeste ökonomische Vorteile.
Ohne Feminismus verschwenden wir Ressourcen.

© S. Strohschneider-Laue

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Unbekannter Hundertwasser

Sonntag, 23. November 2008

Notiz

Der unbekannte Hundertwasser
KunstHausWien

20. November ‘08 bis 15. März ‘09

FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, APA 373 Flugzeugdesign für BOEING B 757, CONDOR 1995, Modell 1:25 © 2008 Hundertwasser Archiv, Wien Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) war der Farbenmagier unter den Malern. Als Künstler beschränkte er sich nicht nur auf die Malerei, sondern war allumfassend künstlerisch tätig. Sein steter Kampf gegen die unnatürliche, gerade Linie und für natürliche, geschwungene Formen, kennzeichnet seine Arbeiten. Künstlerische Spuren von Friedensreich Hundertwasser finden sich von der Malerei über die Architektur über Gestaltung von großen Flugzeugen und kleine Briefmarken bis hin zum österreichischen Umweltzeichen. Die Ausstellung im Kunsthaus widmet sich all diesen Aspekten Hundertwassers.
Am 15. Dezember 2008 wäre Hundertwasser 80 Jahre alt geworden. Joram Harel, langjähriger Freund Hundertwassers und Leiter des KunstHausWien, nimmt diesen runden Geburtstag zum Anlass und zeigt nicht nur die Schaffensfülle des Künstlers, sondern auch die Anliegen des Künstlers als Ökologe und Kosmopolit. Dabei gelingt es ihm eine Ausstellung zu präsentieren, die mit einem Augenzwinkern alle BesucherInnen und nicht nur Hundertwasser-Fans in den Bann schlägt. Endlich zahlt es sich wieder einmal aus Bildbeschriftung genau zu lesen, denn in dieser Ausstellung beschränken sie sich nicht nur auf die obligaten Informationen wie Titel, Jahr und Inventarnummer. Abwechslungsreich und oft humorvoll werden Zusatzinformationen geboten, die man normalerweise in Ausstellungen nicht findet.
FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, 238 PEPSI, DER SOHN VON DOKTOR FREUND, St. Kanzian, 1955, Aquarell • 35 x 20 cm, © 2008 Hundertwasser Archiv, Wien Gelungen! Unbedingt anschauen, was auch dann - inklusive Hund - täglich ab 10:00 Uhr möglich ist, wenn andere Museen dem Feiertagsschlaf oder ihrem wöchentlichen Ruhetag frönen.

Non-Fiction

Joram Harel
Der unbekannte Hundertwasser
Prestel 2008, Dt./Engl. 296 S., zahlr. Abb.
ISBN 978 3 7913 4129 0

Der unbekannte Hundertwasser Der unbekannte Hundertwasser 

Wer keine Chance hat, die Ausstellung zu besuchen oder sich von der Ausstellung nicht trennen möchte, kann sich mit dem in allen Bereichen hochqualitativen zweisprachigen Begleitkatalog trösten. Das Vorwort stellt Franz Patay, Leiter des KunstHausWien, bei. Robert Fleck widmet sich in seinem Beitrag der malerischen Aktualität Hundertwassers. Joram Harel greift den 80. Geburtstag des verstorbenen Freundes und Künstlers auf, beleuchtet den Maler als Architekt und schließt seinen Beitragsreigen mit “Hundertwasser lebt”. Ansonsten kommt ausschließlich Hundertwasser selbst zu Wort und vor allem zu Werk. Eine Augenpracht und ein Leseschmaus, zu gleichen Teilen den man nicht nur als Kunstfan nicht verpassen sollte.

© S. Strohschneider-Laue

Siehe zu Friedensreich Hundertwasser:
Der unbekannte Hundertwasser
Träume ernten - Hundertwasser für Kinder

Notiz

Symposium Hundertwasser im NHM 11. bis 13. Dezember ‘08, Eintritt frei, Anmeldung erforderlich!

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Völkerkunde Wien

Montag, 17. November 2008

Notiz

Museum für Völkerkunde, Wien
Neueröffnung einer Abteilung und drei Sonderausstellungen

Das Museum für Völkerkunde in Wien wird seit vier Jahren vor allem in den Arbeits- und Depotbereichen saniert. Jetzt ist wieder ein kleiner Teil der Dauerausstellung für die Öffentlichkeit zugänglich. Ab dem 19. November ‘08 ist unter dem Motto “Götterbilder” die Abteilung “Süd-, Südostasien und Himalayaländer” als neueröffneter Teil der nach wie vor geschlossenen Dauerstellung zu sehen. Begleitet werden die zwei neuen Räume der Dauerausstellung durch die temporäre Präsentationen, die bis 2. März ‘09 Gegenwartskunst aus Sri Lanka, Bandwebereien und Fotografien aus Tibet präsentieren.

Süd-, Südostasien und Himalayaländer widmet sich mit 21 Vitrinen den Religionen. Neben Hinduismus, Buddhismus und Taoismus werden auch regionale Vorstellungen berücksichtigt. Das museale Konzept ist gekennzeichnet durch erhellte Objekte in dunklen Räumen und Texte, die auch den anspruchsvollen Besucher durch Umfang und gebotene Inhalte herausfordern. Weiterführende Informationen und innerer Zusammenhang können sich BesucherInnen vermutlich durch eine gesprächs- und/oder aktionsorientierte personale Vermittlung verschaffen oder den zusätzlichen Erwerb des Sammlungsführers. “…unser Museum ist das Schönste unter den vielen ethnologischen Museen, die ich schon gesehen habe…”, wurde bei der Pressekonferenz formuliert. Nun, ich habe in jeden Fall schon bessere als Wien gesehen. Allerdings bin auch ich von der schönen Architektur, soweit sie noch wahrnehmbar ist, angetan. Die internationalen Ansprüche an einen umfassenden und somit multisensorischen barrierefreien Zugang zur Ausstellung und ihren Inhalten, ganz im Sinne einer inklusiven Kultur für alle Menschen, entspricht diese Schau jedenfalls nicht.

Sri Lanka: KunstVoller Widerstand ist als Wanderausstellung konzipiert. Die zeitgenössischen Arbeiten konzentrieren sich auf das letzte Jahrzehnt. In Anbetracht, dass im Niederösterreichischen Landesmuseum zur Zeit u. a. durchaus sehenswerte Kinderarbeiten von Egon Schiele gezeigt werden, mag es verständlich sein, Werke von Kindern, die es durchaus mit der Kunst ihrer erwachsenen Kollegen aufnehmen können, einzubeziehen.

Straps & Bands. Textilien aus der Sammlung Foitl zeigt Kopfschmuck für Kamele und Pferde, Lastenbänder, Gürtel und viele Bänder mehr. 30 Jahre hat der inzwischen 80jährige Gerhard Foitl, Facharzt für Neurologie und Psychatrie, Webereien gesammelt. Deutlich war er mit Freude am Textil, Spaß am Ausprobieren, systematischen Untersuchen und Katalogisieren bei der Sache und hat gesammelt was ihm gefiel. Über 730 Objekte hat er zusammengetragen. Darunter Altes aus präkolumbische Zeit oder der Safawidenzeit und Junges aus dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Seine Bänder “umspannen” die Kontinente und sparen auch Österreich nicht aus. Natürlich werden nicht alle gezeigt. Sorgsam in Pultvitrinen gebettet, nehmen sie nämlich überraschend viel Platz im ebenso attraktiven wie uninformativen Weißraum ein. Immerhin meldet sich ab und an der Sammler persönlich durch Texte über Vitrinen zu Wort, der Kurator hält sich zurück. Die Sammlung gehört zur offensichtlichen Freude der Wissenschafter nach der Ausstellung dem Museum für Völkerkunde, Foitl bleibt neben der Erinnerung - eventuell den Fotos - zumindest der umfangreiche Katalog als Nachschlagewerk seiner Sammlung.

© Barbara Krobath Frau in traditioneller Alltagskleidung uin Maniganggo, Kham, Osttibet 2001  © Barbara Krobath Mann possiert vor Graflex Plattenkamera. langmusi, Amdo, Osttibet 2001
See Tibet now. Fotografien von Barbara Krobath ist das kleinste aber feinste Highligt des Ausstellungsreigens, das auch im Zeichen des Monats der Fotografie steht. Auf Augenhöhe mit der Abteilung “Süd-, Südostasien und Himalayaländer” präsentiert sie ihre Arbeiten, die in Osttibet von Menschen und Räumen entstanden. Mit einer 4×5 inch Graflex Plattenkamera richtete sie ein altes Objektiv auf eine durch China zum Tode verurteilte Kultur und deren RepräsentantInnen. Die dabei entstandenen Aufnahmen von Tibetern zwischen Neonlicht und Automatikwaffen wirken hypnotisch-historisierend. Dennoch ist die Fotoserie keine Reportage. Es sind Momente der Vergänglichkeit, die nach dem Olympia-Kommerz schon wieder aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit verschwunden sind. Gelungene Bilddokumente auf einen Istzustand der nach acht Jahren längst der Vergangenheit angehört, obwohl er zugleich die zukunftsarme Gegenwart repräsentiert. Das zur Ausstellung bereitgestellte Diskussionsboard bietet die Möglichkeit die Ausstellung zu kommentieren. Die sprechenden Bilder laden jedenfalls dazu ein.
© Barbara Krobath Tibetische Kinder in Labrang, Amdo, Osttibet 2000  © Barbara Krobath Zwei Besucher in Lithang, Kham, Osttibet 2001
© S. Strohschneider-Laue

Siehe zu Barbara Krobath auch:
Das Land der Stille
Die neue Welt des Weines. Österreich auf dem Weg zur Weltklasse
Licht-Jahre: 15 Jahre Christoffel-Blindenmission Österreich

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Lachnudeln

Mittwoch, 05. November 2008

Notiz

Doppeldeutig III

funny fish © S. Strohscheider_Laue

Schreibfehler mit Nachkorrektur?

Wort zu lang und den unwichtigsten Buchstaben ausgelassen?

Vielleicht wird ein Lachsack (”Lach-sack” nicht “Lachs-ack”) mitserviert!

Egal, denn es war ein echter Hingucker!

Dieser “funny-fish” wurde am 31. Oktober ‘08 in Wien serviert.

© S. Strohschneider-Laue

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Endlich 1968

Freitag, 24. Oktober 2008

Notiz

Endlich 1968 - Film
die 68er sind in die Jahre gekommen
Ein Film von Herbert Link 2008, 55′

1968 wurde ich sieben Jahre und kam in die Grundschule. Wenn man mich zu 1968 befragt, fallen mir trotzdem spontan Dinge, wichtige Ereignisse dieser Zeit ein. Wahrscheinlich, weil die Ereignisse in meiner Familie diskutiert wurden oder wir direkt betroffen waren: Studentenunruhen, Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei, Martin Luther King und Robert Kennedy erschossen, Brandanschlag auf Kaufhaus in Frankfurt und Demonstrationen gegen den Springer Verlag. Und es fällt mir ein Urlaub in Österreich ein, bei dem Betrunkene im Wirtshaus in Deutschland verbotenes Liedgut anstimmten und einem jungem Wiener die langen Haare von der grölenden Dorfjugend abgeschnitten wurden. Erinnerungen, die sich mir erst nach und nach inhaltlich erschlossen haben. Erschlossen, weil ich von der 68er Bewegung ausgelösten Bildungsreform des Deutschen Schulsystems profitierte. Den 68ern habe ich zu verdanken, dass ich in einem meinungsbildenden, kritischen Umfeld aufgewachsen bin und auch in der Schule zum kritischen Hinterfragen und freien Meinungsaustausch ausgebildet wurde. Und den 68ern habe ich es zu verdanken, dass ich als heranwachsende Frau am sich neu formierenden Feminismus und dessen Erfolge teil hatte. Mit Österreich verband ich bezogen auf 1968 höchstens den Wiener Aktionismus, Sigi Maron und sonst nichts und niemanden. Und Sigi Maron war mir auch nur bekannt, weil meine Jugendfreundin, die in ihrer Schule in den 70er Jahren in den Pausen noch im Kreis gehen musste, seine Kritik so schätzte.

1968 war doch in dem kleinen und bescheidenen Österreich spürbar. Es gab Empörung, es gab junge Menschen, die das eine oder andere, mehr oder minder laut in Frage stellten. Es gab StudentInnen, die feststellten, das weite Bevölkerungsteile von partieller politischer Amnesie befallen waren, die ihnen ein Leben in selig unbehelligter Verantwortungslosigkeit ermöglichte. Zumindest lässt das der Film von Herbert Link, der im “Endlich 1968. Die 68er sind in die Jahre gekommen” vermuten.
Herbert Link lässt Menschen, die 1968 erwachsen waren, zu Wort kommen. Gibt ihnen Plattform über die Ereignisse und ihr Leben zu dieser Zeit und danach zu sprechen. Nicht alle Interviewten sind Österreicher, nicht alle waren zu dieser Zeit hier und nicht jeder konnte sich mit den rebellischen Zeitgeist junger Menschen im Aufbruch zu neuen geistigen Ufern identifizieren. Sie sind ZeitzeugInnen von Entwicklungen geworden, die auch die “Geschöpfe der Agonie” - wie Thomas Bernhard die Österreicher 1968 bezeichnete - erfasste.
Zu Wort kommen:
Bruno Aigner - Pressesprecher des Bundespräsidenten
Gertrude Fröhlich-Sandner - Vizebürgermeisterin i. R.
Dirk Jarré - Soziologe
Wolfgang Kos - Historiker und Museumsdirektor
Julia Logothetis - Bildende Künstlerin
Said Manafi, Filmemacher
Birgit Meinhard-Schiebel - Vorsitzende der Grünen Senioren Wien
Sigi Maron - Liedermacher
Joop Roeland - Priester
Andreas Unterberger - Chefredakteur
Werner Vogt - Arzt und Publizist
Emmy Werner - Theatermacherin

Vierzig Jahre schaffen Distanz. Manche Aktion wird heute als Abenteuer oder - gescheitertes - Experiment bewertet. Etliches wurde als spannendes Neuland entdeckt, an dem man andere teilhaben lassen wollte. Und es gab jene, die plötzlich mit offenen Augen hässliche Wirklichkeiten erblickten, die sie nie für Wahrheiten gehalten hätten und die es durch sie zu bekämpfen galt. Es kommen in dem Film die ewigen Rebellen genauso zu Wort wie jene, die sich erst nach und nach zu RebellInnen entwickelt haben und solche, die sich konformistisch etabliert haben oder nie einen Grund zum Aufbegehren wahrgenommen haben. Sieben Männer und vier Frauen sprechen sehr persönlich über 1968 und die Folgen.

Eine Dokumentation, die viel Anlass zur Diskussion bietet. Eine angeregte kritische Diskussion von der man nur hoffen kann, dass sie folgen wird; denn 1968 ist vorbei und wir haben stattdessen 1984 in einem untragbaren Ausmaß zugelassen. Junge Wilde werden in Zeiten wirtschaftlicher Katastrophen, totaler Überwachung und in Zeiten in dem sich Armut zum Frauenprivileg entwickelt, systematisch am Denken gehindert.
Brave new world!

© S. Strohschneider-Laue

Siehe und höre Mediathek: 1968 Zeitzeugen

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Licht & Wärme

Freitag, 24. Oktober 2008

Non Fiction

Ingeborg Gaisbauer, Christine Ranseder, Sylvia Sakl-Oberthaler
Licht & Wärme
Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Phoibos 2008, Wien Archäologisch Bd. 4, 86 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 85161 003 1

Licht und Wärme Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit

In Österreich ist diese von Christine Ranseder für die Bundeshauptstadt Wien attraktiv designte Archäologie-Reihe konkurrenzlos. Auch mit Band “Licht & Wärme” gelingt es wie schon bei Michaelerplatz, Wasser und Knochen populärwissenschaftliche Leichtigkeit mit archäologischem Anspruch zu verknüpfen. In gewohnter Ausstattung wird das Thema anhand von Texten, Kartierungen, Grabungsplänen, Rekonstruktionen und Fotos von Ausgrabungen sowie Objekten leicht fassbar gemacht und ein guter Überblick über charakteristische Funde aus Wien geboten.

Menschen versuchen seitdem der erste Funke übersprang die Nacht zum Tag und den Winter zum Sommer zu machen. Auch in Wien lassen sich die Wünsche nach Licht und Wärme nachweisen. Archäologische Funde und historische Schriftquellen belegen u. a. welche soziale Rolle Licht und Wärme über die Grundsicherung hinaus spielten.
Vier Epochen der Menschheitsgeschichte waren nötig, um vom offenen Lagerfeuer, das Wärme- und Lichtspender gleichermaßen war, eine Entwicklung bis zu modernen Lampen und Heizungen zu ermöglichen. So handelt auch dieser Band die Situation in Wien seit der Urgeschichte über Römerzeit und Mittelalter bis in die Neuzeit ab.
Anhand des ältesten Feuersteinbergbaus Österreichs, der in Mauer-Antonshöhe bei Wien nachgewiesen wurde, und Funden wie Backplatten oder Kienspänen wird der Wunsch nach Licht und Wärme in der Urgeschichte anschaulich belegt.
Ausgeklügelte Heizungs- und Dämmsysteme und die Beleuchtung mit Lampen sind typisch für die Römerzeit. Zusätzlich lassen sich die sozialen und kultischen Funktionen in Wien ab der Römerzeit ebenfalls gut nachweisen.
Innen- und Außenbeleuchtung gewinnen ab dem Mittelalter zunehmend an Bedeutung. Auch wenn das in der Publikation gegebene Beispiel für Lichtnischen in einer Mauer aus dem 12. Jahrhundert unglaubhaft scheint. Gluthauben und Kachelöfen sind hingegen gute Beispiele für Feuersicherung bzw. Wärmenutzung.
In dem exzellent aufbereiteten Neuzeit-Kapitel wird nicht nur Materialkunde betrieben, sondern auch der soziologische Aspekt berücksichtigt. Öllampen, Gaslicht und Elektrolampen führten auch zu massiven sozialen Veränderungen, die adelige Machtdemonstrationen ebenso betrafen wie großbürgerliches Ökonomiedenken im Zuge der Industrialisierung. Nicht nur Rom brannte - ganz ohne Neros Befehl - mehrfach. Die stete Brandgefahr war auch im mittelalterlichen und neuzeitlichen Wien allgegenwärtig. Der Brand des Ringtheaters 1881, ausgelöst von Gaslampen, liefert mit 400 Opfern dafür ein schauerliches Beispiel.
Kachelöfen und Sparherd runden die schöne Publikation ab, die sich noch zusätzlich durch einen umfangreichen Literaturteil auszeichnet. 

© S. Strohschneider-Laue

Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit
Michaelerplatz: Die archäologischen Ausgrabungen
Wasser in Wien. Von den Römern bis zur Neuzeit

 

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Geschmacksache

Dienstag, 21. Oktober 2008

Notiz

Geschmacksache ist Geschmacksache
Was Essen zum Genuss macht - Technisches Museum Wien
22. Oktober ‘08 - 21. Juni ‘09

Kaffeemaschine Copyright TMW “Essen hält Leib und Seele zusammen” ist in überfütterten Industrienationen schon lange kein Thema mehr. Hier gehört sowohl Essen als auch essen zum Lifestyle. Kochen ist längst salonfähig geworden. Und das Einkochen - pardon - Bekochen von Konsumenten zieht sich erfolgreich durch alle Medien. Also, wenn es keine Kochshows gäbe, wären einige TV-Sender aufgrund mangelnder Einschaltquoten und daher fehlender Werbeschaltungen vermutlich schon pleite. Mit anderen Worten: E/essen ist weit mehr als die Befriedigung des Grundbedürfnisses nach Sättigung durch Nahrungsaufnahme. Diese Grundidee griff auch das Team des TMW auf und ging der Frage nach, was das Haus zum Thema “Geschmacksache” und Nahrungsmittelproduktion zu bieten hat.

Ausschnitt Molkereimodell Copyright TMW Gleich fünf Rohstoffe - Getreide, Milch, Fleisch, Kaffee, und Kakao - werden aufgegriffen. Anhand von Geräten und Verarbeitungstechniken wird aufgezeigt wie aus diesen Rohstoffen Endprodukte mit typischen Eigenschaften und Geschmacksrichtungen werden. Das TMW konnte hierzu erstaunliche Objekte aus dem Depotschlaf wecken und frisch aufpoliert ausstellen. Darunter erweist sich das Modell der Wiener Molkerei (1906/07), das die ganze Betriebsanlage zeigt, als besonders eindrucksvoll. Natürlich gibt es auch unzählige unbekannte, weniger bekannte oder längst wieder in Vergessenheit geratene Spezialgeräte zu bestaunen. Die mehr oder minder vertrauten Haushaltsobjekte belegen, welche technische Vielfalt bei der Zubereitung von Essen zum Einsatz kam und immer noch kommt.

Kaffeeschale 1837 Copyright TMW Trotzdem täuschen die stimmigen Inszenierungen der einzelnen Themenkreise, die Menge, die Vielfalt und die Qualität der Objekte leider nicht darüber hinweg, dass dem Ausstellungskonzept Grundlegendes zum Haubenmenü fehlt. Und wenn das unglaublich engagierte Vermittlungsprogramm nicht wäre, nicht einmal ein schaler Nachgeschmack von der “Geschmacksache” bliebe. Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen. Ein einziges der fünf Rohprodukt in seiner Gesamtheit zu präsentieren, in seinem naturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Kontext zu betrachten und die technische Aspekte der Auf- und Zubereitung zu zeigen bzw. begreifbar zu machen, hätte einen echten Mehrwert bedeutet. Auch eine Trennung zwischen heimischen Grundnahrungsmitteln und importierten Genussmitteln wäre denkbar gewesen. So zieht der Individualbesucher aus einer Fülle von Objekten nur minimalistische Information.  Und nur jene, die das umfangreiche Veranstaltungsprogramm nutzen werden, werden sehr viel nachhaltigen Geschmack an der “Geschmacksache” finden.

Den gleichnamigen Begleitkatalog (Geschmacksache. Was Essen zum Genuss macht. 200 S. ISBN 978 3 902183 16 3) sollte man sich unbedingt gönnen. Er erweist sich zusätzlich zur und auch unabhängig von der Ausstellung als reichhaltiges Buffet mit großer Auswahl an interessanten und schmackhaft zubereiteten Häppchen. Die Beiträge greifen das Thema auf, vertiefen es breit gefächert. Im Katalogteil werden Kostproben aus der Ausstellung mit Kurzabrissen zu den Nahrungsmitteln und ausgewählten Objekten geboten. Grafisch mit ausreichend Weißraum gestaltet, erweist der Katalog sich auch als optischer Genuss und ist mit € 29,80 - natürlich auch gemessen am gebotenen Inhalt - eine ebenso erschwingliche wie attraktive Anschaffung mit Nachhaltigkeitseffekt.

© S. Strohschneider-Laue

Veranstaltungsprogramm

SCHMECK’S! Ein musikalisch-kulinarischer Abend, 22. Oktober. ‘08, 19:00 Uhr, Eintritt: € 18,- Ermäßigte Karten in jeder Bank Austria, unter www.clubticket.at oder Tel. 01/249 24 und für Ö1 Club, Kurier Club, Euro<26 an der Abendkassa, Kartenreservierungen: Tel. 01/ 416 23 66, weanhean@wvlw.at

Von Kakaokühen und Rülpsbakterien 19. November ‘08, 10:00 bis 12:00 Uhr, Nur für Schulgruppen (8 bis 12 Jahre, max. 30 TeilnehmerInnen). Anmeldung unter www.lesefestwoche.at

Die faszinierende Aromawelt der Schokolade 20. November ‘08; 15. Dezember ‘08; 22. Januar ‘09; 26. März ‘09. Anmeldung erforderlich: www.chocolateloversclub.at  oder office@chocolateloversclub.at

Novelli’s Kochwerkstatt 2. Dezember ‘08; 12. Februar ‘09; 19. März ‘09; 29. April 09; 19. Mai ‘09. Kosten € 140,- pro Person (inkl. Eintritt, Führung, 1 Glas Champagner, Kochkurs, dreigängiges Menü und Novelli-Kochschürze) Mindestteilnehmerzahl 10 Personen, maximal 15 Personen pro Kurs. Anmeldung erforderlich: novelli@haslauer.at

Rosa Fasching Von 11:00 bis 17:00 Uhr finden im Museum süße Aktionen rund um Schokolade und ihre Verarbeitung statt. Der Eintritt ist an diesem Tag für alle, die rosa verkleidet ins Museum kommen, frei! 21. Februar ‘09

Die wunderbare Welt der sinnlichen Wahrnehmung von Lebensmitteln Vortrag von Klaus Dürrschmid, Universität für Bodenkultur, 20. Januar ‘08, 19:00 Uhr

Gute Keime für wohlschmeckende und sichere Produkte Vortrag von Wolfgang Kneifel und Konrad Domig, Universität für Bodenkultur, 24. März ‘08, 19:00 Uhr

Neue Verfahren und Techniken in der Lebensmittelproduktion Vortrag von Emmerich Berghofer, Universität für Bodenkultur, 12. Mai’ 08, 19:00 Uhr

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Gastmahl | Ama/Koch/zon/e

Metzger sieht rot

Dienstag, 27. Mai 2008

Fiction

Thomas Raab
Der Metzger sieht rot
Leykam 2008, 319 S.
ISBN  978 3701 17619 9

Metzger sieht rot Der Metzger sieht rot: Kriminalroman

Nach dem erfolgreichen Roman “Der Metzger muss nachsitzen” sieht der ruhige Willibald Adrian Metzger in seinem zweiten Auftritt plötzlich rot. Wo die Liebe hinfällt macht sie Menschen zu Schattenspringern. Auch der zurückhaltende Restaurator Metzger springt über seinen Schatten und begleitet Danjela Djurkovic auf “eine dieser Massenveranstaltungen” ins Fußballstadion. Als der Tormann während des Spiels stirbt, glaubt Danjela nicht an einen tragischen Zufall. Ihr Misstrauen wird ihr am nächsten Tag vor dem Stadion zum Verhängnis. Sie wird vom aktiven - und zu neugierigen - Fußballfan zum komatösen Opfer geprügelt. Dies ist genau jener Moment in dem jegliche Gelassenheit von Metzger abfällt. Ee mausert sich wieder zum Ermittler und entdeckt viel mehr und abgründigeres als erwartetet.

Auf staatlichen 319 Seiten geben Humor, Gesellschaftkritik und kriminalsitischer Spürsinn einander die Hand. Wien ist offensichtlich ein guter Nährboden für skurrile (Roman)figuren und herzlich-verzweifeltes Lachen, das im Hals steckenbleibt. Abgesehen davon muss man nicht ausgemachter Krimifan sein, um den “Metzger” zu mögen, denn die vielschichtige und ausgereifte Erzählweise von Thomas Raab ist nicht umsonst 2008 zum Friedrich-Glauser-Preis nominiert worden.

© S. Strohschneider-Laue

Der Metzger sieht rot: Kriminalroman

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Kunsthistorisches Museum Wien

Sonntag, 13. April 2008

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Das Kunsthistorische Museum in Wien
Prestel 2007, 239 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 7913 3603 9

Kunsthistorisches Museum Wien Das Kunsthistorische Museum Wien

Wien-Touristen werden kaum auf den Besuch des Kunsthistorischen Museum verzichten; denn der imposante Museumsbau beherbergt die kaiserliche Sammlung. Das 1891 eröffnete Museum präsentiert dem Publikum die Ägyptisch-Orientalische Sammlung, Antikensammlung, Gemäldegalerie und das Münzkabinett. Die Kunstkammer ist seit 2002 leider nicht öffentlich zugänglich, wird aber mit wichtigen Stücken in dieser Publikation berücksichtigt.
Die Vielfalt der Sammlungen sowie die große Fülle an Ausstellungstücken bedarf einer guten Vorbereitung. Und genau dafür ist dieser Museumsführer hervorragend geeignet. Der Band beginnt mit der Baugeschichte des Hauses, die im Zusammenhang mit dem gegenüberliegenden Zwillingsbau des Naturhistorischen Museums zu betrachten ist. So interessant die Exponate sind, der Bau selbst verdient auch einige Aufmerksamkeit; denn er weist etliche Besonderheiten auf. Ein genauer Blick auf Haus und Räumlichkeiten lohnt sich und wird gleich im ersten Kapitel spannend vorgestellt. Das Architekturkonzept reicht von allegorischen Darstellungen auf der Fassade über Fresken von Makart und Klimt bis zum Einbau von antiken ägyptischen Orignalsäulen (in tragender Funktion!) im Bereich der heutigen Ägyptisch-Orientalischen Sammlung.
Nicht immer glücklich formuliert so doch fachlich korrekt, wird jede Sammlung des Hauses mit seinem Aufbau, Bestand und wichtigen Stücken von namhaften WissenschafterInnen des Kunsthistorischen Museums vorgestellt. Ein genial-präziser Überblick in bestechender Optik, der trotz seiner stattlichen Informationsülle ein handliches und strapazfähiges Format bewahrt hat. Ein unverzichtbares Buch für Kulturreisende die Wien ansteuern und Einheimische die bisher dachten, dass sie alles über das Kunsthistorische Museum wüssten.
© S. Strohschneider-Laue

Arcimboldo. 1526-1593
Die Entdeckung der Natur: Naturalien in den Kunstkammern des 16. und 17. Jahrhunderts
Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums Wien: Bd 8/9

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Handleder

Freitag, 11. April 2008

Notiz

Doppeldeutig

Handleder © S. Strohschneider-Laue

Leder aus besten Händen!

Leder aus besten Händen?

Wirklich?

Aus Händen?

Aus besten Händen?

Aus besten Gerberhänden?

Aus besten von Gerbern gegerbten Händen?

Von besten Gerberhänden gegerbte Hände?

Von besten Gerberhänden händisch Gegerbtes?

Von besten Gerberhänden händisch gegerbtes Leder?

Von besten Gerberhänden händisch gegerbtes tierisches Leder?

Echt unheimlich…

Diese Doppeldeutigkeit wurde in Wien entdeckt.

© S. Strohschneider-Laue

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Deutschproblem I

Freitag, 11. April 2008

Notiz

Komm zu mich
ich lern dich Deutsch
im Flüchtli(n)gswerk

Orthographie

Die es geschrieben haben, brauchen die Tafel nicht.
Die es bräuchten, fragen lieber.
Sie war teuer.
Sie bleibt dort.
Dafür hängt sie hoch und der Gang ist finster…

In einem dunklen Winkel im Osten Österreichs gesehen und geblitzt…

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch: Deutschproblem II

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Wiener Aktion

Freitag, 11. April 2008

Notiz

Kommunale Navigationshilfe
oder

Hundstrümmerlkunst (A)/Hundehaufenkunst (D)

Wiener Aktion © Ch. Ranseder Wiener Aktion © Ch. Ranseder

Ein Aufflammen des Wiener Aktionismus wurde neulich nebenan in Wien vermutet und fotografisch dokumentiert. Noch kann die neue Ausprägung der an die singuläre Uni-Ferkelei erinnernde Übermalungsvariante nicht definiert werden. Diskutiert wird von renommierten Experten der Installationscharakter der an die Straßenkunst und Landart angelehnten Vergänglichkeit am animalisch vollendeten Werk. Die öffentliche Sichtbarmachung der canin verrichteten Notdurft kommt innerlich und äußerlich im abstrahierenden aber signalstarken Grün erdnah als neue Wirklichkeit zum Ausdruck. Die partizipatorisch angelegte Aktion einer Minorität blieb - bisher - eine anonyme Singularität.

Die Stellungnahme des künstlerischen Leiters der Halle für die Zukunft der neuen Kunstform blieb kryptisch-pessimistisch, denn “…seine Vorstellung von Kunst definiert sich über virtuelle Raumlayer in einem aufstrebend umhegtem Geviert mit einer abschließenden Einrichtung oben und einem ebenen Konstrukt unten, welches in aktuellen Bezug zum temporären Gestrigen ein imhomogenes Ganzes in extrovertierte Heißluft konvertiert und nasal-fußtaktile Synästheten exkludiert…”

Eine Stellungnahme seitens kommunal Engagierter konnte nicht eingeholt werden. Wohlinformierte Kreise kolportieren, dass eine Übernahme der bürgernahen Kunstform in Planung ist. Die Gründung einer gut dotierten Kommission, die sich aus Kommissionsprofis aus Politik und Wirtschaft zusammensetzen wird, wurde schon in die Wege geleitet. Folder und Plakatwerbung sollen sich bereits in Planung befinden. Am mehrstufigen Eignungsverfahren, das die zukünftigen Hundstrümmerl-Künstler selbst zahlen müssen, wird noch gefeilt. Die schwer unterdotierten Kunstförderungen werden davon unberührt bleiben. Das Entgelt der kommisionär schwer geprüften Künstler wird durch die öffentliche Initialzündung gegeben sein und sich in der Nennung auf der Homepage erschöpfen. Ein Anrecht auf die Künstlersozialversicherung kann davon jedenfalls nicht abgeleitet werden, da die kommissionäre Prüfung nicht die Berufsberechtigung über den akademischen Zugang zur Kunst ersetzen wird.

Übrigens: Die Fußgänger hat die Hundstrümmerl-Navigations-Hilfe jedenfalls gefreut.

© S. Strohschneider-Laue

siehe auch: Wiener Aktion 2009

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Raoul Korty

Freitag, 11. April 2008

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Österreichische Nationalbibliothek
Zur Erinnerung an schönere Zeiten…

29. Februar bis 13. April 2008

Raoul Korty in der Uniform des Husarenregiments Nr.5, 1919 © Österreichische Nationalbibliothek Der Ausstellungstitel greift die Widmung auf, die Raoul Korty unter sein Porträt in Husarenuniform schrieb. Entstanden ist die Aufnahme 1919 als der Krieg vorbei, die Monarchie abgelöst und die kaiserliche Uniform bereits Geschichte war. Er blieb Offizier und Lebemann. Seine Einstellung Ich habe den Rock des Kaisers getragen, da werde ich Hitler nicht fürchten wurde ihm 1944 schließlich zum Verhängnis. Auch Raoul Korty überlebte Auschwitz nicht.

Carte de Visite: Beidseitig betrachtbar 1865 © Österreichische NationalbibliothekCarte de Visite: Beidseitig betrachtbar 1865 © Österreichische Nationalbibliothek Der Stammhalter des wohlhabende Kaufmanns Siegfried Hermann Kohn, der 1896 den Namen Korty(i) annahm, wurde am 4. Februar 1889 in Wien geboren. Die Erziehung des jungen Raoul dürfte wohl der Zeit entsprochen haben, dennoch blieb die vom Vater gewünschte Entwicklung aus. Raoul entpuppte sich bereits in früher Jugend als besessener Fotosammler. Ein Ratenkauf, um an eine bedeutende Fotosammlung zu gelangen, endete beim Anwalt. Briefe der Mutter an den 12jährigen sind wohl nicht umsonst mit Sammler oder Ansichtskartenkrampfinhaber betitelt und mahnen brav und fleißig zu sein. Die 50.000 Damenporträts aus einem Nachlass, den er mit dem väterlichen Geld erwarb, werden ebenfalls nicht zur Bewahrung des häuslichen Friedens - angeblich hat aufgrund des Chaos das Stubenmädchen gekündigt - beigetragen haben.

Schauspielerin Mizzi Palme, um 1900 © Österreichische Nationalbibliothek Der junge Sammler beendete die Realschule und trat in die Wiener Kunstakademie ein, die er aber durch Eintritt in den Präsenzdienst und Ausbruch des Ersten Weltkrieg nicht beendete. Korty kehrte als Oberstleutnant heim, er war während des Krieges mit einer silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klasse ausgezeichnet worden. Ohne Ausbildung aber mit einer begüterten Familie war die Rückkehr ins bürgerliche Leben für Raoul Korty sicher leichter als für viele andere Heimkehrer. Seine Leidenschaft für Fotografie legte die Gründung des Fotoateliers Gorgette nahe. Keine kluge Entscheidung. Exzessive Sammler sind Süchtige. Ein Jahr später stand das Studio bereits vor dem Ruin. Foto(sammel)leidenschaft und organisiertes wirtschaftliches Denken scheinen sich bei Raoul Korty ausgeschlossen zu haben, obwohl das Atelier nicht unproduktiv gewesen war. Um 20.000 Kronen war Vaters Geldbeutel schmaler geworden als die Firma 1929 aufgelöst wurde. Nach seiner Heirat mit einer Nichtjüdin blieb ihm Vaters Geldbeutel verschlossen. Andererseits war die Sammlung auf rund 250.000 Fotos angewachsen. Das erste große Fotoarchiv auf das Printmedien zugreifen konnten, begann Geld einzubringen. Allerdings nicht genug. In den 30er Jahren begannen Korty aus Geldnot Teile seiner Sammlung zu verpfänden und zu verkaufen. Mit dem Anschluss Österreichs brach die Welt um ihn zusammen. Zu spät dachte er an Emigration. Am 28. Oktober 1944 wurde der Sammler und Chronist einer versunkenen Zeit Raoul Korty nach Auschwitz deportiert.

Sammlung Raoul Korty ab 1939 in der ÖNB © Österreichische NationalbibliothekUnter den nahezu 500.000 Objekte, die durch die Beschlagnahmungen während des Nationalsozialismus in die Österreichische Nationalbibliothek gelangten, befanden sich auch die letzten 30.000 Fotos, die Raoul Korty noch geblieben waren. Seit 1939 harrten sie in Transportkisten verpackt ihrer Wiederentdeckung. Es ist gut bekannt und wenig diskutiert, dass Österreich besonders vergesslich mit der Zeit des Nationalsozialismus umgeht. Die Gedächtnislücken sind besonders ausgeprägt, wenn es um die Rückgabe von Raubgut geht. Die Österreichische Nationalbibliothek hat sich auch nicht beeilt. Bereits 1946 nahmen die Hinterbliebenen von Raoul Korty mit den Verantwortlichen für die Rückstellung auf, aber erst 66 Jahre nach der Beschlagnahmung wurde die Fotosammlung der Tochter Kortys rechtmäßig abgekauft. Erfreulich ist, dass die Österreichische Nationalbibliothek sich ihrer unrühmlichen Erwerbsstrategien in aller Offenheit stellt und gemäß des Kunstrückgabegesetzes von 1998 endlich agiert.

Bearbeitung: 30.000 Bilder, 2007 © Österreichische Nationalbibliothek Seit 2007 wird die Sammlung Korty aufgearbeitet. Ein Katalog, auf den zurückgegriffen werden könnte, exitiert nicht; denn Raoul Korty hatte wie jeder besessene Sammler seine Objekte, deren Erwerb und die zugehörigen Hintergründe im Kopf. Der “spärliche” - gemessen an einst 250.000 Fotos - Bestand stellt somit eine große Herausforderung dar. Der Monarchist und Lebemann Korty spiegelt sich deutlich in seiner Sammlung. Der Schwerpunkt liegt auf Porträts von Adeligen und KünstlerInnen.

Non-Fiction

Michaela Pfundner, Margot Werner (Hg.)
Zur Erinnerung an schönere Zeiten
Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty
ÖNB 2008, 103 S. zahlr. Abb.
ISBN 978-3-01-000037-6

Katalog: Raoul Korty Die von 29. Februar bis 13. April 2008 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek gezeigte Ausstellung Zur Erinnerung an schönere Zeiten. Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty wird der komplexen Thematik mehr als nur gerecht. Ausgehend von der Persönlichkeit Kortys spannt sich der Bogen über Adel, Gesellschaft, Bühne und Kurioses bis zum Sammlungsschicksal selbst. Übersichtlich struktruiert und äußerst ansprechend präsentiert, ist es eine Freude von Vitrine zu Vitrine zugehen und sich mit dem gut aufbereiteten Inhalt zu beschäftigen. Flüssige Texte, stimmig gewähltes Fotomaterial sowie einige Schmuck- und Bekleidungsstücke verdeutlichen die Lebenswelt Kortys und zeigen die informative Breite des Bestandes auf.

Die Ausstellungen im Prunksaal sind immer interessant, viele sind gelungen und immer zeigen sie Besonderes. Diese Ausstellung ist außergewöhnlich. Die exzellenten Texte und die frische Grafik stellen die rund 300 Fotos, deren Fülle man kaum bemerkt, nicht nur in einen informativen Zusammenhang, sondern sparen auch die Forschungsgeschichte nicht aus.
Definitiv eine Ausstellung bei der man keinesfalls auf den Katalog verzichten sollte. Die Persönlichkeit Kortys, das Sammlungsschicksal und die Bildauswahl werden so spannend vorgestellt, dass man den auch grafisch attraktiven Band erst aus der Hand legt, wenn man die rund 100 Seiten gelesen hat.

© S. Strohschneider-Laue

Raoul Korty
Franz Joseph I. in 100 Bildern
Kaiserin Elisabeth von Österreich in zweihundert Bildern

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Knochen lesen

Freitag, 11. April 2008

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Sigrid Czeika, Christine Ranseder
Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit

Phoibos 2007, Wien Archäologisch Bd. 3; 72 S., zahlr. Farbabb.
ISBN 978 3 901232 90 9

Knochen lesen Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit

Das Konzept - fachlich korrekt, sprachlich leicht fassbar, ansprechend bebildert und im zeitgemäßen Layout - der Reihe Wien Archäologisch überzeugt auch mit dem dritten Band bis ins Detail.”Knochen lesen” nimmt sich der zu Unrecht wenig vom archäologiebegeisterten Laien beachteten Archäozoologie an. Der Knochenmüll, der sich über die Jahrtausende angesammelt hat, ist für das archäologische Puzzle genauso wichtig wie die unzähligen Überreste von Gebrauchsgegenständen. Von der Ausgrabung über die Restaurierung bis zur wissenschaftlichen Auswertung spannt sich daher der Bogen. In ausgewählten Beispielen, begleitet von zahlreichen Fotos, werden die Erkenntnisse, die aus Knochen gewonnen werden, dargelegt. Aussagen zur Jagd, Haustierhaltung und Schlachtung lassen sich dabei ebenso treffen, wie solche über den Umgang mit Haustieren, die nicht als Braten auf den Tisch gekommen sind. Ganze Skelette und einzelne Knochen gewähren durchaus mehr als nur Einblicke in Essgewohnheiten im Jahreskreis. Knochen waren - und sind auch heute noch - ein wichtiger und zuweilen auch wertvoller Rohstoff. Leim, Knöpfe und Griffe (z. B. Zahnbürsten), Spielzeug oder Zierobjekte wurden aus Knochen hergestellt.

Dem Autorinnenteam gelingt es dem vermeintlich spröden und vielen eventuell unappetitlich erscheinenden Knochen zahlreiche spannende Aspekte abzugewinnen und diese - manchmal auch augenzwinkernd - fesselnd darzulegen. So leichtfüßig kommt die - stets auf ihre konservative Reputation ängstlich bedachte - Archäologie und Archäozoologie viel zu selten einher.

© S. Strohschneider-Laue 23. September 2007

Knochen lesen. Tierknochen als Zeugen der Vergangenheit
Licht & Wärme: Beleuchtung und Heizung im Wandel der Zeit
Michaelerplatz: Die archäologischen Ausgrabungen
Wasser in Wien. Von den Römern bis zur Neuzeit

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